Descargar Libro "ANFLUG AUF CHACABUCO"

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Descargar Libro "ANFLUG AUF CHACABUCO"
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Pablo Neruda
Wenn es so ist. daB
der Tag in die Nacht fállt,
muB es einen Brunnen geben,
der die Helle birgt.
Es bleibt, sich an den Rand
des dunklen Lochs zu hocken
und gefallenes Licht zu fischen
mit Geduld.
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Mit Kamera und Mikrofon
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Ich behaupte nicht,
wir hátten nun schon vtillig
über den Marxismus gesiegt.
Der Marxismus, er ist wie ein. . .
ein Gespensú. Es ist schwer, .
ihn zu bándigen. Besser gesagt,
er ist nicht zu bándigen.
Dieses denkwürdige Eingestándnis sprach uns der prásident der
"Ehienhaften Militárischen Regierungsjunta,,, General don
Augusto Pinochet, in Kamera und Mikrofon. In seinem Dienstzimmer in Santiago, im chilenischen Sommer 1974. . .
Hatte der General auf die berühmten Anfangssátze des Kommunistischen Manifests anspielen wollen? oder ha'ndelte es sich
einfach um das Bekenntnis jenes Dilemmas, vor das sich die
Bourgeoisie gestellt sieht, wo und wie immer sie versucht. die
Arbeiterklasse, ihre organisationen, ihre parteien, ihre revolutionáre Theorie zu unterdrücken?
war nicht die Zeit für
- Esuns
exegetische Übungen. Immerhin hatte
der General eine Art
Motto geliefert, das fortan über unseren Bemühungen stand. und
diese zielten darauf, in den Norden des Landes zu gelangen, was
nur mit der Genehmigung der Militárs, wenn nicht gar nur mit ihrer
Unterstützung móglich war.
Das Interview mit Pinochet war eigens zu dem zweekarrangiert
worden, den obersten Henker der chilenischen Demokratie
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vertrauensselig zu stimmen. Betrachte den General in seiner
blütenweiBen uniform durch den sucher der Kameia! Murmele
ein Zeichen der Anerkennung, wie trefflieh er sich hinter seinem
schreibtisch ausnehme! Bedauere gleichzeitíg, da8 die uniformjacke am Kragen Falten werfe
schon wird sich der General
leicht von seinem Sessel lüften, um die Rückenpartie glattzustreichen und herunterzuziehen. Hilf ihm dabei! Mache ihm vor, wie
er auch noch die Quetschfalten in den Ellenbogenbeugen seiner
Ármel glattbekommt! Der General wird gehorsam seine Ármelenden zwischen Daumen und Zeigefinger nehmgn und dann die Arme
ausbreiten, um das Tuch glattzuziehen (so ist es gut!). und wird
dabei denken: diese Herren da aus Europa wollen sicherlich nur
mein Bestes. . .
So besaBen wir denn beim Verlassen des Amtssitzes der Junta
nicht nur eine belichtete Filmrolle und ein moduliertes Tonband,
sondern vor allem zwei Dokumente, die uns den Weg in den
Norden Chiles óffnen sollten.
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Betr.: Mitteilung über Flug in den Norden
Santiago, 28. Januar 1974
Vom Militáradjutanten des Herrn Prásidenten der Junta an die
Luf tf ahrtdirektion
lch setze Sie davon in Kenntnis, daB der Herr.Prásident der
Ehrenhaften Regierungsjunta dem Flugzeug PIPER CHEROQUI
SIX, Kennzeichen KSO, mit dem Piloten LUIS PERALTA,
Lizenznummer 256 (für kommerzielle Flüge), erlaubt, die
! Strecke zwischen Santiago, Arica, Iquique, Antofagasta, Calama
(Chuquicamata) und La Serena zu fliegen.
ln dem Flugzeug befinden sich deutsche Journalisten.
Es grüBt Sie auf Befehl des Prásidenten der Junta
Auf Anordnung des Herrn Prásidenten der iunta
Sergio Badiola Broberg
Oberstleutnant
Militáradjutant
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Santiago, 28. Januar 1974
Vom Militáradjutanten des Herrn Prásidenten der Junta an die
Herren Garnisonskommandanten von:
Im Namen des Herrn hásidenten der Ehrenhaften Regierungsjunta wáre man Ihnen dankbar für die jeweils notwendigen
Arbeitserleichterungen für die Journalisten
Damit sie im Norden des Landes eine Reportage durchführen
kónnen. Ohne Besuch der Háftlinge.
Mit oben Gesagtem wird der normale Verlauf ihrer journalistischen Tátigkeit gewáhrleisrer, ohne daB damit eine Ausnahmeregelung zu den bestehenden Anordnungen geschaffen wird.
Es grüBt Sie auf Befehl des Prásidenten der Junta
Auf Anordnung des Herrn Prásidenten der Junta
Sergio Badiola Brober.r'
Oberstleutnant
Militáradjutant
Verteiler:
L Kommandant der Garnison Arica. 2. Kommandant der Garni
son lquique. 3. Kommandant der Garnison Antofagasta. 4. Kómmandant der Garnison Calama (Chuquicamata). 5. Kommandant
der Garnison La Serena. 6 Archiv
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Die Flugerlaubnis galt für ern m santiago gemretetes Sportflugzeug
vom Typ PIPER CHEROQUI mit dem Kennzeichen KSO: Diese
Maschine war áuf allen Flugháfen
militárischen wie zivilen
zwischen La Serena und Arica als start- und landeberechtigt
avisiert. Noch wichtiger das zweite Schreibón, ausgefertigt und
mit Unterschrift und Siegel versehen vom Militáradjutanten des
Generals Pinochet: Darin wurden die Kommandanten der Militárbezirke verpflichtet, unserer Kameragruppe bei" ihren Dreharbeitén im Norden behilflich zu sein. Wir waren gehalten, dieses
Empfehlungsschreiben den jeweiligen Kommandanten vorzulegen: in Arica, Calama (Chuquicamata), Antofagasta, Iquique
und so weiter.
Das waren für uns sehr vertraute Namen; denn den Norden chiles
hatten wir bereits vor Jahresfrist bereist, im chilenischen sommer
1973, im dritten Jahr der Unidad Popular. Wir kannten die
trostlosen Wüsten unter der sengenden Sonne, die von der
salpeterausbeute zerschundene Erde, auf die das ganze Jahr kein
Regentropfen fállt. wir hatten verlassene Salpeterminen gesehen,
die stalláhnlichen unterkünfte derer, die hier einmal gearbeitet
hatten
eine o KZ-Wirklichkeit, basierend auf der gnadenlosen
Ausbeutung von Erde und Mensch >)
- so bereits notiert am
27.3.1973 in Iquique. Spáter versorgten wir uns mit zeitgenóssischen Dokumenten: vergilbte Fotos, die das trostlose Leben in.den
Wohnlagern der Salpeterminen zeigen, Menschen in der Einóde,
Damalige... Und nun wuBten wir, da8 die Militárjunta in
verschiedenen stillgelegten Salpeterminen des Nordens
Konzentrationslager eingerichtet hatte, um dort die Freunde und
Genossen der Parteien der unidad Popular massenhaft einzu-.
schlieBen: z. B. in Chacabuco, Region Antofagasta. . .
Sie aufzufinden, die Freunde und Genossen, sie der Weltóffentlichkeit vorzuweisen
das war der Kampfauftrag für unsere
Kamera und unser Mikrofon im chilenischen Sommer 1974.lJnd
es hatte sich, über die Audienz bei General Pinochet, eigentlich
recht erfolgversprechend angelassen. Immerhin stand unter
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Dokumenten die gewichtige Formel: ,, Es grüBt Sie
auf
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Befehl des Prásidenten der Junta . . . ,, Aber da stand in
dem bereits
erwáhnten .Empfehlungsschreiben noch ein anderer
satz:
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ta de detcnl,dos.
Und das hei8t: .Ohne Besuch der Háftlinge.,
Damit hatten wir es amtlich und schwarz auf wei8, daB die
Junta
den Nachweis der von ihr geschaffenen KZ-wirklichkeit
nicht
wünscht. Für einen Dokumentarfilm allerdings ist das nichtgenug.
diesen Satz lassen siÁ
" Sin visita de detenidos,
- über
literarische Reflexioneh anstellen,
sind Gedichte móglich. Für
einen Film aber reicht er nicht: Die Kamera muB < vor
ort >,, sie
kann nicht erwágen, sie muB zeigen.
schweren Herzens und nur in der Hoffnung, es móchte
sich
vielleicht in den Militárbezirken des Nordens eine Lücke
finden,
traten wir die Reise an. unsere Flugerlaubnis und das Empfeh_
lungsschreiben hatten wir R.ücken an Rücken in eine
Klarsicht_
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mappe gegeben, der schonung und schnellen Handhabung wegen.
Dieses Arrangement sollte sich als sehr nützlich erweisen.
Die Móglichkeit, einen General vom anderen grüBen zu lassen,
war schnell herausgefunden; auf dieser Ebene kennt beim Militár
jeder jeden. So gelang es dann, dem Kommandanten der provinz
Antofagasta ein Bein zu stellen: wáhrend er, interessiert an
seinem Besuch aus Europa, leutselig palaverte, Iag vor ihm auf
dem schreibtisch unsere Klarsichtmappe
seite mit der
- die
Flugerlaubnis nach oben, dem General sichtbar.
Die hohe Abkunft
des Dokuments muBte ihn beeindruckt haben, die unterschrift,
das Dienstsiegel; dazu die ihm überbrachten GrüBe, die
verbunden mit der schilderung bereits geleisteter Dreharbeiten beinahe wie Empfehlungen klingen muBten. Kurz: der General
wendete unsere Klarsichtmappe nicht, fragte auch nicht nach
einer schriftlichen Referenz, sondern stellte sich zur verfügung.
Als er wenig spáter vor Kamera und Mikrofon sal3, hatte er den
Satz
Sf
n vlsit,e de deten5,dos "
nicht gelesen.
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Ich bin General Joaquin Lagos, Oberkommandierender der Truppen, die in diesem
Abschnitt, dieser Gegend, operieren, und
Chef des Ausnahmezustandes in der provinz Antofagasta.
Frage: Herr General, wir hórten davon, da8
sich hier im Wüstengebiet, námlich in
Chacabuco, ein Háftlingslager. befinden
soll. Warum gerade dort?
Antwort: Das Háftlingslager wurde deswe_
gen in Chacabuco angelegt . . . weil mandort
auf Einrichtungen und auf eine Siedlung
zurückgreifen konnte, die ehemals einern
Salpeterwerk gehórten, das stillgelegt war
und verlassen. So konnten die dort
bestehenden Einrichtungen genutzt werden.
Die vielen noch existierenden Háuser und
andre Bequemlichkeiten, die sich dort uns
eben anboten.
Bequemlichkeiten? General Lagos zeigte verstándnis
für den
wunsch, chacabuco mit der Kamera besuchen zu wollen. und so
ergab sich schlieBlich die einigermaBen groteske situation,
da8
unsere operateure im Hubschrauber des Generals in Richtung
chacabuco flogen. GewiB, das geschah im Ergebnis einer
Übertólpelei. Mit General Lagos war nicht eben,, fair,, verfahren
worden. Aber Klassenkampf ist kein FuBballspiel. und:
die
chilenischen Militárs, die verfassungs- und eidbrüchig den
rechtmáBigen Prásidenten chiles, Genossen salvador
Allende,
ermordet und die Macht okkupiert hatten
sie haben sich damit
selbst auBerhalb jeglichen Rechts und jeglicher
Regeln eines
norrnalen zwischenmenschlichen verkehrs gestellt; sie müssen
es
sich gefallen lassen, mit ihren eigenen MaBstáben gemessen
zu
werden.
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Im Hubschrauber des Generals, im Anflug auf chacabuco, blieb
freilich für solche Überlegungen wenig Zeit. Tief unten die
Atacama-Wüste, die trockenste 'der Welt: eine gleiBende,
flimmernde Fláche. Dann in der Ferne erste matte Umrisse von
Gebáuden, die grofie Mehrzahl flach an den Boden gedrückt.
Landeanflug in weitem Bogen, die Kamera arbeitet. Geringere
Hóhe: auf den geraden Lagerstrafien sind einzelne Menschen
erkennbar. Es wird eine komplizierte Begegnung werden, die an
Bedingungen geknüpft ist. Bild- und Tonaufnahmen dürfen nur
mit Zustimmung eines Begleitoffiziers stattfinden" Es wirdkeinen
unbewachten Augenblick geben. Es wird nicht móglich sein, sich
den Gefangenen zu erkennen zu geben.
Aber es war notwendig, auf diese Bedingungen einzugehen, um
móglichst viele Freunde und Genossen als lebend identifizieren
zu kónnen, im chilenischen Sommer 1974.
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die Zeit, die man hier ist,
ertráglicher pu machen
und die Moral der Genossen
zu festigen.
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Der Lárm des Helikopters ist verstummt. Bedrückend nun die
Stille. Die Wüste ist leblos, ohne Laut. Die Wache am Lagertor
vermeidet jede unnótige Bewegung. Ein Soldat hált einen
Sicherheitsschlüssel in der Hand; als die Kamera auf ihn zugeht,
wippt er das kleine blinkende Stück Metall nachlássig at¡f und ab.
Schlüssel und SchloB? StacheldrahtundWachtürme? Die sind hier
nur von symbolischer Bedeutung.
der Atacama-Wüste
wechseln glutheiBe Ivlittage und eiskalte Náchte, ein Temperatursturz, der an den Kráften zehrt. Mancher, der hier früher
seinen Broterwerb suchte, gewóhnte sich an das Klirna nie,
obwohl er es gerne gewollt hátte. Háftlinge nun gar, unfreiwillig
hier, sind in Chacabuco auf besonders teuflische Art eingeschlossen von der gleichgültigen Umarmung der endlosen Pampa, durch
die kein Fluchtweg führt. Ein überlegt ausgewáhlter Platz, der
ohne jedes Dazutun, allein durch seine Lage, die physische und
psychische Tortour vollstreckt.
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General Lagos:
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Aus diesem Grund wurden in dieses Lager
Háftlinge gebracht, die, um die Wahrheit zu
sagen, vorübergehend dort sind, bis ihnen
die entsprechenden Verfahren gemacht
werden. Eine andre Gruppe ist wegen'ihrer
Gefáhrlichkeit, obwohl gegen sie keine
Anklage erhoben wurde, dort ebenfalls in
Haft für gewisse Zeít. Bis sie endlich
begreifen, daB ihr Weg der falsche ist.
Das symbolische Lagertor wird hinter uns verschlossen. Wir sind
im Inneren des Konzentrationslagers Chacabuco. So viel wissen
wir inzwischen: Hier gibt es Háftlinge, die auf"Verfahren warten,
und andere, die ohne Verfahren festgehaltenwerden. WessenLos
ist schlimmer, wessen besser? Es sind Nachrichten über
Terrorurteile aus Chile nach drau8en gedrungen über zehn,
zwanzig, drei8ig und mehr Jahre; bei.manchen Jugendlichen
wurde auf lebenslánglich <erkannt>. Die anderen Háftlinge:
gefangengesetzt auf unbestimmte Zeit
ohne Anklage, ohne
Verfahren, ohne Urteil. Das ist orientiert an der sogenannten
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" Schutzhaft oder " Beugehaft der hitlerfaschistischen KZ. Das
ist der Verzicht selbst auf Scheinlegalitát, ist vóllige Rechtlosigkeit.
Wessen Los ist schlimmer, wessen besser?
Wir sehen die ersten gefangenen Genossen, und sie sehen unsere
Kamera, unser Tonbandgerát, das Mikrofon. Da steht das
MiBtrauen auf alle Gesichter geschrieben. Wer wird das schon
sein, d'er da vom Lagerkommandanten hergeführt wird? Der überhaupt in dieses Lager eingelassen wird? Wie sich jetzt verhalten?
Was sagen, was verschweigen?
Wir überlegen: Wie sollten sie sich verhalten, selbst wenn sie
wüBten, für wen sie sprechen sollen? Unter den Augen und Ohren
der Bewachung? Was ist hier besser: Wissen oder Unkenntnis
über die wirklichen Zusammenhánge?
27
Die früheren Unterkünfte der Salpeterkumpel, jetzt die Kerker
der Genossen. Vor leeren Tür- und Fensterhóhlen hángen Lappen
und anderes verschlissenes Zeug, Schutz gegen die Sonne, die steil
vom Himmel brennt. Wenn ein Gefangener aus seiner Hóhle tritt,
hebt er rasch die Hand vor die Augen, blinzelt uns entgegen. Da
ist nun keine Umarmung móglich, wie sie uns früher selbstver-
stándlich war, wenn wir sie mit unserer Kamera aufsuchten: in den
Betrieben des sozialen sektors, in landwirtschaftlichen Genossenschaften, auf Baustellen, in Parteibüros.
wertet die routinierten technischen Handgriffe nicht als Gleichgültigkeit, liebe Genossen. Sagt, wer ihr seid, damit die Welt
erfáhrt, wo ihr seid!
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F.: Wie ist bitte Ihr
Name?
A.: Eduardo Palomino Rojas.
F.: Gehórten Sie irgendeiner politischen Partei an?
A.: Sympathisant der Linken.
F.: Und seit wann sind Sie hier?
A.: Kam hierher in dieses Lager am 10. Dezember, ins Nationalstadion schon am 13. September.
30
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-
F.: Kónnen Sie uns bitte Ihren Namen sagen?
A.: Mario Molina heifje ich.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner politischen partei?
A.: Nein.
F.: Seit wann sind Sie hier?
A.: Seit dem 19. September.
F.: Was machen Sie beruflich?
A.: Ingenieur für Mechanik.
3r
F.: Würden Sie uns bitte Ihren Namen sagen?
A.: Mario Ursua.
F.: Woher kommen Sie?
A.: Aus Santiago komm ich. Und ich hab dort studiert an der
Staatlichen Technischen Universitát.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner politischen Partei?
A.: Nein.
F.: Und warum sind Sie hier?
A.: Es ist noch nicht klar, wessen man mich konkret beschuldigt.
Das muB man erst mal kláren.
32
F.: Wie ist bitte Ihr Name?
A.: Fernando Fajardo Gonzalez.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner politischen partei?
A.: Sympathisant
der Sozialistischen Partei.
F.: Und seit wann sind Sie hier?
A.: Seit dem 9. November.
F.: Warten Sie jetzt auf. den Proze8?
A.: Wir warten, daB der ProzeB gegen uns nun anfángt. Denn wir
alle sind inhaftiert worden ohne ein Gerichtsverfahren.
33
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F.: Würden Sie uns bitte Ihren Namen sagen?
A.: Orlando Valdes Barrientos
F.: Gehórten Sie irgendeiner Partei an?
A.: Der Arbeiter-und-Bauern-Bewegung für die Volkseinheit.
F.: Und seit wann sind Sie in Haft?
A.: Ich bin seit dem 22. September in Haft'
F.: Warten Sie auf Ihren ProzeB?
A.: Ich habe keine Anklage. Ich weiB nicht, wessen man mich
beschuldigt. Also ich. . . ich weifj nicht, ob ich auf einen ProzeB
warte. . . oder was man meinetwegen entscheiden wird'
34
É=r:rlixr..iii:#ffi
F.: Wie ist bitte Ihr Name?
A.: Luis Henriquez Alvarez.
F.: Gehórten Sie zu irgendeiner politischen partei?
A.: Zur Kommunistischen.
F.: Und warum sind Sie hier?
A.: Ich bin Journalist. Als solcher tátig in der Staatlichen
Technischen Universitát. Und dort war's, wo man mich auch
geholt hat, eines Morgens. Am 12. September.
F.: Und seitdem sind Sie hier?
A.: Bin ich immer im Lager. Zuerst im Nationalstadion und dann
hier.
F.: Warten
Sie auf einen ProzeF.?
A.: WeiB nicht, was für'n Proze8. Ich hab gearbeitet,
nichts
weiter. Und da hat man mich einfach weggeschafft zum Stadion
und dann eben nach hier.
35
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F.: Wie ist bitte Ihr Name?
A.: Doktor Danielo Bartolin Fovich.
F.: Woher kommen Sie?
A.: Ich war in der Moneda.
F.: Sie sind Arzt?
A.: Ein Arzt, ja.
F.: Gehórten Sie irgendeiner politischen partei an?
A.: Nein.
F.: Und warum sind Sie hier?
A.: Ich bekam den Befehl dazu. Am 12. September.
F.: Und dann hat man Sie hierher gebracht?
A.: Stadion Chile, Nationalstadion, Chacabuco.
F.: Wie lange, glauben Sie, werden Sie noch hierbleiben?
A.: WeiB nicht.
F.: Und was rnachen Sie augenblicklich hier im Lager?
3V
A.: Verantwortlich für árztliche Betreuung hier im Lager. Damit
für die hiesige Poliklinik.
F.: Gibt es viele Kranke?
A.: Es ist so, daB wir eine Bevdlkerung von 850 Einwohnern
betreuen. Wir haben hier schátzungsweise pro Tag30bis40 Fálle.
F.: Schwere Krankheiten?
F
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A.: In der Hauptsache Fálle von Neurose, psychische Stórungen.
F.: Wie machen sie sich bemerkbar?
A.: Der Patient leidet an Schlaflosigkeit oder zittert. Ist nervós.
F.: Und was ruft diese Krankheit hervor?
A.: Unsere Lage als Gefangene an sich. Und das Unbestimmte
der Prozesse.
Der Genosse Doktor nahm sich die Freiheit zu ausführlicherer
Rede. Er, der sich in der Moneda auch um die Gesundheit von
Salvador Allende sorgte, steht jetzt in einer Barackentür, über der
ein hólzernes Schild mit handgemaltem rotem Kreuz den Eingang
zu einer n Poliklinik , verspricht. Wie er da drinnen hilft oder heilt,
konnten wir nicht feststellen. Jedoch konnten wir sehen, da8 er
oft von hilfsbedürftigen Gefangenen umringt steht, mit denen er
,. Sprechstunde
spricht
' in Chacabuco. Wie würden Árzte des
Internationalen Roten Kreuzes die psychische und physische Lage
der Háftlinge bewerten? Wir wissen e¡nicht. Die Junta verweigert
solche Besuche. So haben wir nur dieses Zeugnis eines Arztes
vorliegen, der selbst Háftling ist und sich deshalb genau überlegen
muB, wie er den Zustand seiner Mitgefangenen diagnostiziert: in
Form einer Chiffre.
In Antofagasta, der Hafenstadt mit der pazifischen Brise, hatte
Generai Lagos selbstverstándlich alles Wortgeprassel abrufbereit,
was faschistische Kerkermeister seit eh und je über den Zustand
ihrer Háftlinge anzubieten wissen.
Ceneral l-agos:
Mir
gingen Erklárungen von den náchsten
Verwandten zu, die dort zu Besuch weilten
und denen spáter von der Propaganda
ganz... denen ganz wirr wurde von den
Entstellungen im Ausland. Sie wáren
beruhigt heimgekommen, da sie sich überzeugt hátten von den perfekten Bedingungen
alle sind ruhig hier
und daB sie von
Gesundheit fórmlich strotzen; das sowohl
kórperlich als auch geistig, das ist wohl das
wichtigste. Ja. Dort in dem l.¿gsr Chacabuco ist von uns versucht worden, ein
Maximum an Bequemlichkeiten für. . . die
vorübergehend dort inhaftierten Personen
zü schaffen. Wir haben dort ja auch
Werkstátten errichtet, in denen sich die
Leute betátigen. Und zwar zu eigenem Nutz
und Frommen, und zum Wohl der Allgemeinhpit.
Chacabuco: in Vierergruppen werden Fláftlinge zur Arbeit
geführt. Da gibt es die verlassenen Werkstátten, deren Demontage
nicht lohnte, und da stehen einige Dreh- und Drechselmaschinen
herum.
So verrichten sie denn ihre vertrauten Handgriffe, die Dreher,
Schlosser oder Schreiner. Die einen frásen aus Onyx-Rohlingen
Ascher*becher, andere drechseln und hobeln Gegenstánde des
táglichen Bedarfs. Wenn die Kamera die Einstellung verengt,
findet eine merkwürdige Verfremdung statt: So kónnten auch
Bilder aussehen selbst in einem sozialistischen Produktionsbetrieb
erfahrene Hánde, die das Werkzeug führen, Funken-flug,ruhige,
abgehobene Spáne, und die Augen der Arbeitenden, die das
Ergebnis kontrollieren
es ist, áuBerlich betrachtet, Arbeit o an
sich',, die da stattfindet. Erst mit kürzerer Brennweite der
Kamera. also erweitertem Blickfeld,. wird das Absurde dieser
Arbeit in Chacabuco offenbar: Die eingesperrte Arbeiterklasse
wird
streng bewacht!
zu ihrer ureigensten Bescháftigung
befohlen: sie arbeitet. Unlósbares Dilemma der Bourgeoisie: ohne
die Arbeiterklasse kann sie nicht existieren. Sie kann, was Chile
beweist, die Arbeiterklasse dezimieren, sie kann groBe Teile der
Arbeiterklasse einschlieBen
aber sie kann auf die Kópfe und
Hánde der Arbeiter nicht verzichten.
Die Gefangenen arbeiten schweigsam und scheren sich nicht um
die Kamera. Sie sind Angehórige oder Sympathisanten der
Parteien der Unidad Popular. Ihr Verbrechen lautet, in Chile
"
',
den Nachweis begonnen zu haben, daB
wenn schon die
Bourgeoisie nicht ohne die Arbeiterklasse auskommt
die
- Das
Arbeiterklasse umgekehrt ohne die Bourgeoisie leben kann.
ist seit dem Oktober 1917 klargestellt, daran ándert sich nichts,
trotz des 11. September 1973, trotz Chacabuco. . .
41
und
sie gehen wohl auch nicht nur gezwungenermaBen an diese
werkbánke und Maschinen. vor die Alternative gestellt, tatenlos
über ihr vages schicksal nachzugrübeln oder den Kopf und die
Hánde zu gebrauchen, entscheiden sie sich für das letztere:
Bescháftigung als physische und psychische Therapie, aus
Selbsterhaltungswillen.
Was wird, eines Tages, der Onyx-Aschenbecher
u
made in
chacabuco
von der Junta in Santiago als souvenir verschenkt,
über das Chile der Militárdiktatur aussagen? Nicht mehr und nicht
weniger als die Lampenschirme, die sich die KZ-Kommandeuse
Ilse Koch in Buchenwald anfertigen lieB. . .
>>,
45
Da nicht alle Háftlinge in chacabuco an die Maschinen kónnen,
greifen viele zur Selbsthilfe. Im Lager aufgefundene Bretter - das
Material. Nágel, an der Spitze plattgeklopftund scharf geschliffen
Schnitzwerkzeug. Da gibt es eine ganze Ausstellung von
-künstlerischen Handarbeiten. Háufiges Motiv: die Rose die
wohl fremdeste Vorstellung in der Atacama-Wüste. Madonnenbilder, nicht schwer zu deuten als die Sehnsucht nach Frau und
Mutter, Ausdrucksform für familiáres Glück seit Cranach und
Dürer.
F.: Wie verbringen Sie Ihre freie Zeit?
A.: Mit Schnitzereien. . . und zwar Holz. Und ich helfe den
Kumpeln dadurch.
F.: Wie macht man diese Schnitzereien?
A.: Die Reliefs, die macht man mit Nágeln, spitzenNágeln. Noóh
besser mit Metallstücken, die man im Lager findet. und daraus
macht man sich werkzeug mit verschiedenen. . . mit verschiedenen Kanten und Spitzen. Und das, was Sie sehen, sind produkte
daraus.
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General Lagos in Antofagasta wird nachgerade weich, wenn erauf
diese Seite des Gefangenenlebens zu sprechen kommt. Da stilisiert
er sich zum gütigen Onkel Joaquin,i, zur Vaterfigurgar, die stolz
"
und dennoch ein wenig verwundert isto im werktátigen Volk Chiles
so viele Talente aufgefunden, verhaftet und eingesperrt zu haben.
General Lagos:
Wissen Sie, es gibt hier groBe Ensembles,
vielseitige Künstler. Heiligabend zum Beispiel fand eine Weihnachtsfeier statt.
' Sowohl für Gláubige als Nichtgláubige. Und
alle waren daran beteiligt. Es war'n
religijises Fest für alle Glaubensrichtungen
eingerichtet. Sie finden dort einen Chor
für. . . für Messen und für Gesánge, für
Lieder eben, die... die eben... zum
Weihnachtsfest. Villancicos nennt man sib
bei uns. Ganz etwas Wunderbares! Die
Ensembles, die man dort erlebt, und die
künstlerischen Leistungen, die man zeigt,
sind etwas so Bewegendes, und sie erfüllen
die Seele mit Freude.
Jahrelang hatte die chilenische Reaktion sich bemüht, die
Vértreter und Anhánger der Unidad Popular als ., kommunistische
Teufel " zu denunzieren. Móglicherweise hat General Lagos erst
durch das Eigenleben u seiner KZ-Háftlinge mitbekommen, daB
"
zur Unidad Popular auBer Sozialisten, Kommunisten und
Radikalen auch Christen gehóren; so in der MAPU (Movimiento
de Acción Popular Unitaria
Bewegung für die Volkseinheit),
die 1969 die Christdemokratische Partei des Sozialreformers
Eduardo Frei enttáuscht verlassen und sich der UP angeschlossen
hatte, und in der zum Bündnis der Volkseinheit gehórenden IC
(Izquierda Cristiana
Christliche Linke).
-
5t
Es
zeugt
für .dis tlnertráglichkeit der ]ateinamerikanischen
Zustdnde, daft sich imnrer mehr GIáubigF den Bewegungen für
soziale und politische Befreiung angliedern. Die katholische
Ki¡che in Chile, iahrhundertelang eine S¿iitze der Ausbeuterherrschaft, standder ünidad Popular nicht nur loyal, sondernbeifállig
52
zur Seite: Fs ist daher nicht verwundgrlich, im militárfaschistisch
beherrschten Chile gláubige Christen in Konzentraüonslagern
'anzutreffen, an der Seite von Atheisten, mit denen sie einig sind
im auf das Diesseits gerichteten Denken und Handeln.
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-DiE Messe ist zelebrfert. Neben dern notdürftig hergerichteten
Altar formiert sich eine Gruppe. Ein Gitarrespieler greift
.rhythmische Akkorde, die voneinern Triangel akzentuiert werden:
Das Instrument, ein gebogenes Stück Rundeisen, an einem Faden
hángend, wird mit einem Nagel angeschlagen.
Gesang he-bt ¿n. Chor, Solo und Rezitativ wee:hseln einander ab
und erzáhlen die álteste Leidensgeschichte der weltliteratur.
Wir erfahren: Der Liedermacher Angel Parra, der zunáchst selbst
Háftling in Chacabuco war, dann aber frühzeitig
- als námlich
die Junta begreifen mu8te, wie schrecklich der ruchlose Mord an
dem Volkssánger Victor Jara auf sie zurückgefallen war
- auf
freien FuB gesetzt wurde, hat hier im Lager eine Kantate
geschrieben und seinen Genossen hinterlassen.
Die Leidensgeschichte Christi wird nicht nur von gláubigen
Háftlingen g€sungen. Die Stationen der Passion
- Verrat,
Gefangennahme, Folter und Tod, die Trauer der Maria- werden
von allen, die da singen, und vonallen,dieOhrenhabeR,euhóren,
als überkonfessionelle Botschaft verstanden:
Ein Gleichnis auf die eigene Passion
Die Passion des Volkes von Chile.
57
. . . para
eso he venido yo,
para esto.he venido al mundo. . .
58
.
ffi
..
.
darum bin ich gekommen,
darum bin ich in die Welt gekommen. . .
59
'i3'
1l
,. "a dar etr testirnonio
de
60
1a
verdad Y ei amcr . . .
.
..Zeugnis abzulegen
von der Wahrheit und der Liebe.
.
.
6r
. .'.
todo aquel que lo comporta
Siente y escucha mi voz. . .
..
.
jeder, der dies teilt,
hórt und lauscht seiner Stimme. ..
63
..
.y la condena
entonces:
vayafi a azotar
que lo
y con corona de espinas...
64
. . . und
dann die Strafe:
man solle ihn gei8eln
und mit éiner Dornenkrone krónen. . .
65
la cruz a los hombros
a Golgota caminaba
en el empedrado. . .
. . . con
66
%
$
. . . mit dern
Kreuz auf der Schulter
ging er nach Golgatha
auf dem steinigen Weg"
".
61
..
68
.los soldados se reparten
la tunica y los vestidos.
.
.
. . . die Soldaten
verteilten unter sich
die Tunika und die Kleider. . .
69
. . . junto
a la cruz encontraron
a su madre que lloraba.
70
dem Kreuz fanden sie
die weinende Mutter.
. . . neben
7l
Als wir zusammen mit Sergio Ortega, dem wohl bekanntesten
jüngeren Komponisten Chiles (er schrieb nicht nur sinfonische
Werke und Kammermusik, sondern auch die inzwischen weltberühmte " Venceremos r-Hymne der Unidad Popular), in unserem
Studio in Berlin am Schneidetisch safJen, erlebten wir einen der
groBen Augenblicke, die unser Beruf gelegentlich bereithált. Wir
hatten Genossen Sergio eingeladen, die Musik für unseren Filrn
ICH WAR,ICH BIN,ICH WERDE SEIN zuschreiben;
wir kannten uns von Santiago her und hatten dort bereits im
Frühjahr 1973 eine Zusammenarbeit verabredet. DaB Sergio nun,
er arbeitet dort im Parteiauftrag mit
al.ls der Pariser Emigration
reisen muBte, hatten wir
der Gruppe " Quillapayun >
- zlt uns
72
damals freilich nicht vorausgesehn. Nun arso war
es nótig, den
Rohschnitt cies Films mehrmals zu besichtigen, um über
den
móglichen Musikeins atz zu beraten. Als die szenen
vom chor der
Gefangenen zu sehen und zu hóren sind, gerát sergio prótz;rich
in
groBe Erregung. Er bittet, den Film zu stoppen.
Rückrauf. Noch
mal abfahren!
Nein
ein Zweifel ist ausgeschlossen. Genosse ortega hat
in dem
solisten der Kantate einen Freund wiedererkannt, .in.n Genossen, dessen Name im chile der unidad popular einen liebenswürdigen Klang hatte: Dr. sergio Ipunza, ein Arzt mit besonderer
gesellschaftlicher Funktion, námlich der des vizeprásidenten
der
organisation für die Betreuung der von der Regierung der
up
geschaffenen Kinderkrippen und -gárten. prásident
der or_
ganisation war Salvador Allende.
Dr. Sergio Ipunza, Arzt und Kinderfreund! Deine Stimme klingt
voll und ungebrochen. Du singst, daB die Kriegsknechte den
würfel um die Kleider des Gekreuzigten warfen, und duu.i hóren
wir: Dein menschenfreundliches werk im Dienste der Kinder
chiles wurde vom stiefel der Junta zertreten. Geschlossen die
volksschulen, umgestofjen der tágliche Becher Milch. . . Da
kann
man nicht einfach .. weitermachen ,, am Schneidetisch. Da
wird die
Erinnerung máchtig. Die Bilder steigen auf. Da würgt es im
Hals
und werden die Augen feucht. Und wird das Versprechen
erneuert: nicht eher zu ruhen, hier in Berlin, in paris, iiberall
in
der welt, bis chile wieder befreit ist
alle Mittel, auch und gerade
die Mittel der Kunst, dafür einzusetzen.
Dr. sergio Ipunza, Arzt und sánger ! Heute Háftling in chacabuco.
Wie viele solcher Schicksale gibt es in diesem Lager?
Welche Geschichten gehóren zu wem?
73
Um einen Tisch herum sitzen neun Mánner, jüngere und áltere.
Vor ihnen ausgebreitet liegen Papiere: handgeschriebene Blátter.
einige Skizzen, Versalien auf Papierstreifen. Unsere Kamera triff :
hier auf eine Art Redaktionskonferenz, aber der Begleitoffizie¡
móchte zunáchst jede Aufnahme verbieten: Es handele sich hier
um besonders gefáhrliche Háftlinge, ehemalige Journalisten der
Unidad Popular, und was sie hier herstellen, sei die Lagerwandzeitung. Wir protestieren scheinheilig gegen die Drehbeschránkung:
Warum sollte die Weltóffentlichkeit nicht erfahren, daB es in
j
74
Chacabuco so etwas wie eine Selbstverwaltung der Háftlinge
gebe, ausgedrückt auch durch die Selbstbetátigung an einer
Wandzeitung?
Wir dürfen schlieBlich drehen, und unsere gefangenen Kollegen,
selbst erfahren im Umgang mit Kamera und Mikrofon, erfassen
die Situation augenblicklich, benutzen das vertraute Medium zu
verschlüsselter Nachrichtengebung.
1
A.: Redakteur
der Zeitung Ultima Hora und von Puro Chile. Und
verantworlich für clie Óffentlichkeitsarbeit des Erziehungsministeriums.
Ich wurci-é am 11. September verhaftet im Erziehungsministerium
in meiner normalen Arbeitszeit, gegen zehn, morgens. Auch in
meinem Fall ist es so, daB ich bis heute, obwohl ich schon fünf
Monate hier inhaftiert bin, nicht wei8, welchen Delikts man mich
beschuldigen soll, und verfüge selbstverstándlich auch wie alle
hier über keinen Anwalt, der mich, falls man mich vielleicht bóser
Taten beschuldigt, verteidigt.
76
A.:
Ich war der Direktor des Senders Luis Emilio Recabarren, aus
Santiago.
Ich wurde verhaftet am ll.September, als ich gerade den
Rundfunk verlassen wollte, der ab morgens neun Uhr aufhóren
muBie zu senden, weil die gesamte Sendeanlage zerstiirt war,
bombardiert. Auch ich weiB bis jetzt überhaupt nichts. Wie alle
wurde ich über nichts informiert, was meine Verhaftung betrifft.
77
A.: Ich war Reporter von El Siglo.
verhaftet wurde ich am 12. September. In der Technischen
universitát. Ich wollte meine Frau an dem Tag abholen, sie ist
ebenfalls Journalistin und arbeitet dort. Am Tage davor, da konnte
ich nicht mehr raui, und am náchsten Tag war die Durchsuchung.
Eben dort in der uni. Bis jetzt gibt's auch keine Anklageschrift.
wie, wie bei allen Háftlingen, die hier sind. wir sind zwar schon
fünf Monate inhaftiert, aber allesamt ohne Verfahren.
78
A.: Ich war Reporter der Ultimas
Noticias. Und als ich verhaftet
wurde, war ich auf dem Gelánde der Staatlichen Technischen
Universitát.
Ich bin schon in Haft seit 12. September, und sie nahmen mich wie
viele meiner Kollegen in der Technischen Universitát fest, und ich
kenn ebenfalls nicht die Gründe, warum ich seit fastfünf Monaten
hier rn diesem Lager bin.
7e
A.: Ich war zuletzt Reporter beim Sender der Technischen
Universi{át.
Ich wurde auch am 12. verhaftet, gleich am Morgen in
der
Technischen Universitát. Ich war als Reporter in der Universitát. . . Und natürlich berichtete ich über alles, was in dgn Tagen
dort passierte. . . Als man uns plótzlich am Morgen dieses 12.
zusammen mit andren, ungefáhr 400 bis 500 Personen, die sich
gerade dort befanden, abholte.
80
A.: Ich arbeitete für die Zeitung La Nacion. Das war
unsre
offizielle Regierungszeitung. Und spáter arbeitete ich beim Sender
der Staatlichen Technischen Universitát. Da war ich auch, als man
mich festnahm.'
"auch
Ich wurde
direkt am 12. verhaftet, und ebenfalls ohne
Anklage. Und wie man allgemein hier hórt, geht's mir da nicht
besser als jedem Háftling. . . Ich vermute, man nahm mich fest
wegen meiner Funktion an der Technischen Universitát.
8r
A.: Ich war verantwortlich für die Nachrichten in der Zeitung
Clarin, als man mich festnahm.
Ich wurde einen Tag spáter verhaftet. . . am 13. September, und
zwar zo Haus, in der Nacht. Aus welchem Grund, das ist mir nicht
bekannt. Und es ist auch bisher keine Anklage erhoben gegen
mich. Ich meine und ich glaube, nur weil ich Journalistbin an einer
unabhángigen Zeitung der Linken, hat man mich gleich verhaftet,
nur darum.
82
lir#
i
rf
A.: Ich arbeitete
an der Zeitung Cronica in Concepcion und am
Institut für Journalistik der Uni von Concepcion.
Ja, verhaftet wurde ich am 13. November. Etwa zehn Tage,
nachdem ich an einer Versammlung teilgenommen hatte,
veranstaltet vom Nationalrat des Presseverbandes. Man hat mich
bis jetzt noch nicht verhórt.
83
A.: Ich absolvierte
das Institut
für Journalistik und'ging von da
zur Einheitsgewerkschaft und arbeitete als Journalist.
Ich bin seit 150 Tagen in Haft. Ich kenne nicht die Anklage, die
es gegen mich gibt. Als ich verhaftet wurde, fand das
Bombardement auf die Moneda statt, um halb zwólf Uhr
vormittags. Und ich wurde dann zusammen mit vielen andren in
das Arbeitsministerium gebracht, um. . . weil unser Leben sonst
in Gefahr wár. Die Version stammt von dem, vom Militár. Wir
haben dann spáter niemals erfahren, wessen man unsbeschuldigt.
Konkret, und . .. wie lang wir noch bleiben müssen in diesem
Lager.
84
A.: Ich war Direktor der ZeitungClarin, aus Sa{rtiago. GemáB der
Version von den Militárbehórden haben wir noch keine Anklage,
keine spezifische. Also wir warten auf eine Lósung.
85
$.:h
w$
K-$"
ffis;:".ilq!,
6$1
F"':".,**^Sg)""
ffiiti6
-{ls im oktober 1973 die internationale presse erstmalig in das
KZ-Stadion von santiago eingelassen wurde, hatten wir den
Direktor des .. Clarin, schon einmal gesehen. Alberto Gamboa
leitete die auflagenstárkste Zeitung in den letzten Jahren der
I
i
chilenischen Demokratie: Táglich 250 000mal parteilichkeit für die
Sache des volkes, vorgetragen mit jenem pfiff , der eine zeitung
zum Massenblatt macht.
wáhrend der vorbereitung der Prásidentenwahl im Jahre 1970
ersannen die Redakteure des o clarin
" - dieser Name bedeutet
übrigens soviel wie Signal, Horn oder freier auch: Weckruf
- für
die Reaktiondes Landes jenen Namen, der sich wie ein Lauffeuer
von Arica bis Feuerland verbreitete: Los Momios
Mumien.
-Die
Ein Begriff, der im volk zum Kürzel für alles verachtenswerte
wurde, ein Synonym, das fortan von allen demokratischen
Zeitungen des Landes verwendet wurde.
,,Raus mit dem Geld, Mumien>>
so lautete zum Beispiel die
Schlagzeile des Organs unserer Bruderpartei < El Siglo (Das
"
Jahrhundert) am 23.2.1973, mit der sie eine Forderung der
Einheitsgewerkschaft CUT unterstützte.
Es ist erklárlich, daB die wut der militárfaschistischen Reaktion
die Medien der unidad Popular besonders hart traf : Verboten die
Zeitungen, geschlossen die Rundfunk- und Fernsehstationen. Die
Journalisten: ermordet oder eingesperrt.
Jedes KZ-Regime
das ist seit Dachau und Buchenwald bekannt
mu8 dárauf bedacht sein, gewisse Formen der Selbstbetátigung
-zuzulassen.
Die KZ-Kommandanten und -Aufseher wollen
erreichen, daB aus dem Lager so etwas wie ein sich selbst
regulierender sozialer Organismus wird; das erleichtert den
Schergen die Kontrolle und Führung. Die Gefangenen ihrerseits
wissen die Grenzen ihres Spielraums auszuschreiten. Und so sind
die in Chacabuco eingesperrten Journalisten der UP von Anbeginn
tátig: als Parteijournalisten, als kollektive Agitatoren und
Organisatoren. Ihr Medium ist eine Wandzeitung.
87
heiBt. die sie hier
F.: Kónnen Sie uns sagen, wie die wandzeitung
herausgeben?
A.: Ja, ganz einfach:
o
unsrer
Chacabuco 73 o' Weil 73 das Jahr
Verhaftungist.Siewirdverteiltunderscheintzweimaljede
Und
dann noch am Sonntag'
Woche, und zwar am Mittwoch und
zu vermitteln an all
zweckund Absicit sin¿. . . Informationen
das' was hier so passiert'
unsre Kameraden im Lager' Über
kulturellundimsportut"h'Undganzbesondersüberdasgeistige
sich bei vielen in der Haft
Schópfertu*, d.ri Schópfergeist' der
Begabungen' Sehr ausführlich
offenbarte, darunter viále echte
berichtenwirauchüberdieArbeitunsrerKünstler,der
die groBe verdienste sich
verschiedenen Künstlergruppen,
ganzen Zeit unsrer Haft' Und
erwarben, schon wáhrend der
um zu mahnen' die Zeit im
generell als aktivierendes Moment'
Um die Moral der
Lager nicht mit Jamm etn ganz allgemein ' ' '
es uns etwas leichter wird' den
Genossen . . . zrr festigen' damit
Aufenthaltzuertragen.WirkónnenvielleichtvieleProblemeund
Haft mit sich bringt für jeden
Leiden dadurch rniid.rn, die diese
sehr oft' Artikel über
von uns. nug.'d"* U'i"gtn wir' und
Zum Beispiel interviewel Y:t
Menschen, die sich hier hervortun'
Oft Árzte zum Beispiel' die
regelmáBig auch einige Genossen ' ' '
hierKan-leradenoperierthaben,direktimLaget,weilihre
Krankheitdasebenverlangte'undsiewarenerfolgreich'Beiuns
Ruf . Das gebietet fast,
gibt,s manchen irr, uo' ilternationalem
daBallevonihnenerfahrenundwissen,wasfürFáhigkeitensie
besitzen,wassiebisherschonallesvollbracht'wassieeben
wir
in ihrem Leben insgesamt' Unser Blatt'
geleistet haben,
veróffentlichenauchüberunsrePoliklinikunddieArbeitdort
Interviews.EbenfallsüberdiekünstlerischenWettbewerbe,die
SonntagfürSonntagstattfinden.WieebenüberalleVeranstaltungenaufkulturellemGebiet,dieesunserlauben'dieLagehierzu
ja gefangen. wir sitzen im Lager,
mildern für uns alle. wir sind
Angehórigen hier zu sehen'
uncl es ist keinem móglich, seine
Erwáhnenswert ist
Keiner von uns hat mit ihnen verbindung.
noch,dasistsowichtigundbedeutsam,da8sie',swissenmüssen:
88
r
Wir haben ein paar Genossen, die erst im Lager lesen und
schreiben lernten. Und sie sind heute, sie arbeiten mit hier an
unsrer Zeitung. Wir betrachten sie als Kollegen, als ob sie schon
immer bei der Presse gewesen wáren. Ich weiB noch, als wir einen
von ihnen gebetenhaben, fürunsre Zeitungwas zu schreiben. Und
wir druckten die Artikel, von einem dieser Genossen, die hier erst
lesen und schreiben lernten. Und sein erstes Geschrieb'nes, das
erste, was er verfaBte, das war ein Brief an seine Frau.
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Beflissen zeigt der Lagerkommandant auf ein Schild über einer
Barackentür: ., Correo >
Postamt. Ein Briefkasten, dessen
einer
Kategorie
von Háftlingen offensteht für
schwarzer Schlitz
Lebenszeichen aus der Atacama-Wüste an die Familien in den fernen Stádten. DaB einer von denen, die da schreiben dürfen, die
ersten Buchstaben hier im Lager gelernt hat, ist ein Zeugnis kráftigender Solidaritát von Genosse zu Genosse.
Für eine andere Kategorie von Háftlingen, zu der
Journalisten gehóren, ist das ., Correo
Chacabuco ein Schweigelager.
"
unsere
verschlossen. Für sie ist
Aufschlüsse dieser Art sind aus dem zu gewinnen, was die
Genossen in unser Mikrofon sprachen;Mitteilungen, die mitunter
zwei- und mehrfach gelesen werden müssen, um ganz verstanden
zu werden. Denn alles, was gesprochen wurde, ist mitgehórt
worden und wurde vor dem Verlassen des Lagers nochmals
kontrolliert. Wenn es móglich war, unsere Tonbánder aus
Chacabuco herauszubekommen, so ñicht zuletzt deshalb, weil
Gefangene und Wáchter nicht über den gleichen Zeichenvorrat
verfügen: Was uns an den Aussagen der Háftlinge wichtig ist,
mochte dem Kommandanten des Lagers als belanglos erschienen
sein.
90
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92
F.: Sie sind der Kommandant
dieses
Lagers?
A.: Im Augenblick bin ich oder vertret'ich
den. . . Ich bin der zweite Kommandant,
und ich vertrete so unsren Kommandantén.
Er ist noch mit andrem beauftragt, in
Antofagasta.
F.: Welches ist Ihr militárischer Grad, und
wie heiBen Sie?
A.: Hauptmann der Landstreitkráfte
Alejandro Avila- Arensen.
F,: Wie viele Háftlinge gibt es in diesem
Lager?
A.: 866 sind hier zur Zeit inhaftiert.
F.: Wann wurde es eingerichtet?
A.: Im Oktober war das. Im Oktober 73.
F.': Was war das hier früher?
A.: Dies war vor Jahren 'ne Salpetermine.
Die Besitzer, die sie ausbeuteten, waren aus
England, und das war vom Jahre 26 an und
ging bis ins Jahr 38.
Chacabuco, im chilenischen Sommer 1974- das ist die Nachtdes
Faschismus bei heller Sonne, ist ein dunkles Kapitel in der
leuchtenden Geschichte des GroBen Nordens von Chile. In den
Salpeterwüsten haben chilenische Arbeiter im Dienst fremder
Herren bitterste Ausbeutung erfahren
aber hier, im Grofien
Norden, formierten sich diese Arbeiter auch zur Arbeiterklasse,
hier, in den Weiten der trockenen Pampa, entspringt die wichtigste
Quelle des heutigen Chile: die Geschichte der chilenischen
Arbeiterbewegung.
93
Ein Gefangener zeigt uns etwas, was hier aus dem Boden wáchst
wie die Steine aus dem Acker: den Rest eines Spatenstiels und eine
Blechmarke: Vargas Espinoza Justo, Nr. 16608, Tagelóhner,
ledig. Beides montiert auf ein hólzernes Brett, in das ein
Schnitzwerkzeug die Mitteilung eingrub: Chacabuco 1974.
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F.: Kónnen Sie uns sagen, was das ist?
A.:
So was wie ein Denkmal. Es ist von hier aus chacabuco. Der
stiel einer schaufel, die man hier im Lager benutzt hat. vor vielen
Jahren, wir wissen nicht, wann. Mit dem schild eines Kumpels.
Der hier arbeitete. Mit dem Namen eines Kumpels, der hier
arbeitete. Als salpeterarbeiter. Das hier wurde gefunden. und ich
meine,' das spricht
interpretieren. . .
für sich selbst. Es láBt sich vielfáltig
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'96
Luis Advís
Die Sonñe in Ódnis und Leere,
das Salz, das uns verbrannt,
in der Einsamkeit die Kálte,
der Dreck und die endlose Nacht.
Der Hunger wie trockene Steine,
im Ohr der Klagegesang'
das Leben ein langsames Sterben,
die Tráne verloren und bang.
Das Haus, dem Besitzer genommen'
und der Arbeiter, der den Schlaf
erwartet, obwohl er Vergessen,
verdrángte Hoffnung nur war.
Der Wind in der weiten StePPe
wird ewig ruhelos wehn,
nie wird aus dem Land die schwere,
die trockene Hárte gehn.
Salpeter, freundlicher Regen,
kehrte sich um zum Fluch'
die Pampa, Brot und Segen,
ein bitteres Leichentuch.
Die Zeit trieb dahin, die Geschichte
des Leidens blieb bestehn,
nie wird aus dem Land die schwere,
die trockene Hárte gehn.
Die Sonne in Ódnis und Leere,
das Salz, das uns verbrannt,
in der Einsamkeit die Kálte,
der Dreck und die endlose Nacht.
Der Hunger wie trockene Steine,
im Ohr der Klagegesang'
das Leben ein endloses Sterben,
die Tiáne verloren und bang.
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Teilansicht der ehemarigen salpetermine chacabuco,
von einem
Háftling des heutigen Konzentrationslagers in Holzgeschnitzt.
In
der linken unteren Ecke die Inschrift: chacabuco zz.r.r974
F. CH. R.
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Die Riickseite des Brettes trágt einen schwarzen Isolieranstrich,
.der spuren von verwitterung zeigt. Das Holz, mit dem der
schnitzer arbeitete, war selbst Teil der ehemaligen salpetermine.
Die Darstellung wurde yom wachpersonal des Konzentrationslagers zum Kauf angeboten und befindet sich heute in der DDR.
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ich spürte damals
eine Zuneígung zu den Russen,
dazu,'wie síe ihre Revolution
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gemacht hatten.
Ich fühlte Sympathie für sie,
für die Arbeiterbewegung,
dle es dort gab.
Als die europáischen Industriestaaten
- in erster Linie GroBbritannien
die strategisch interessanten Minerale und
-darangingen,
Erze Chiles zu plündern (bereits 1849 gab es im Lande fünzig
britische Firmen), konnten die überseeischen Ausbeuter nicht
umhin, sich chilenischer Proletarier zu bedienen; unabXássig zogen
aus dem landwirtschaftlichen Süden verarmte campesinos nach
dem Norden, um dort ihr Glück zu suchen. Was sie vorfanden,
war
verglichen mit den grünen Auen des Südens
eine karstige
Landschaft ohne Baum und Strauch, majestátisch wohl in ihrer
GróBe, doch auBerirdisch-fremd; was sie erwartete, war
gemessen an der Ausbeutung durch die Latifundisten
bitterste
Qual, die seinerzeit wohl unmenschlichste auf dem Kontinent. Im
GroBen Norden wurde sich das chilenische Proletariat seiner Lage
bewuBt. Am Anfang war auch da die naive Frómmigkeit, die
glaubte, durch demütig vorgetragene Petitionen eine Besserung
der Lage zu erwirken. Iquique 1907: Tausende Salpeterarbeiter
ziehen aus der Pampá in die Hafenstadt, um gehorsam ihre Bitten
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vorzutragen; mehr als zweitausend bleiben tot auf dem Hof der
Schule Santa Maria zurück, zusammengeschossen von chilenischem Militár, dem Instrument der Kornpradoren-Bourgeoisie.
Als wir im chilenischen sommer 1973 die Regierung Allende
steht in ihrem dritten Jahr
erstmalig den Platz des Martyriums
- Schule ein Wandbild der Brigade
'besuchen, leuchtet an der
..Ramona Parra" der künstlerischen Agitatoren des Kommunistischen Jugendverbandes: ,.Schau auf zum Himmel: Aus der
durchschossenen Pampabrust wird das Licht des neuen Tages ge-
boren!"
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Nicht weit von Iquique liegt in der Pampa eine verlassene
Salpetermine. Ein Schild an der nahe vorüberführenden PanAmericana-StraBe erklárt:
Es-Oficina Santa Laura
- Reliquia
Nacional". Ein Nationalheiligtuni also, dieses stillgelegte
und
menschenleere Werk. Ein Schrotthaufen auf den ersten Blick.
Ausgetretene hólzerne Stufen, die zu riesigen Kesseln hochführen. Auf den sie haltenden Gerüsten dicke graubraune Krusten:
Ablagerungen von Salpeterdámpfen. Ein eiserner Schornstein
über allem, von rostigen ,Drahtseilen festgezurrt
schwarzer
Finger, der ein ,A.chtung-Zeichen in den flimmernden Himmel
sticht. Schwere Holzkarren mit Doppeldeichsel, auf denen aus der
Pampa die Caliche, das salpeterhaltige Wüstengestein, ins Werk
transportiert wurde, gezogen vom Muli rr, dem Maultier. Und das
Wissen darum, daBdie
"Chefsu - die chilenischen Sachwalter
der auslándischen Herren
bei der Nachricht von einem Unfall
zuerst besorgt fragten: o Ist dem Muli 'was passiert? r, Immer
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wieder im Gelánde kleine Gedenkstátten in Form winziger Háuser
zu ebener Erde, das Kreuz darüber: Hier brannten die
überlebenden Leidensgenossen Kerzen für tódlich verunglückte
Kameraden ab. Zeugnisse eines landesüblichen Totenkults, aber
auch der Solidaritát
Am Haus der Chefs spendete ein üppiger Palmenhain Schatten,
solange die Mine fündig war. In dieser verbotenenZonedes Werks
gab es selbst so etwas wie einen Swimming-pool, neben einem
Platz für Ballspiele. Ietzt sind die Palmen verdorrt, die
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Fensterscheiben des Herrenhauses zerschlagen. Als der Boden
ausgepowert war, zog die Salpetergesellschaft weiter, zum
náchsten fündigen Platz.
Selten verirrt sich ein Vogel hierher. Fállt aber einer in die
verdorrten Palmwedel ein, dann verursacht er ein so heftig
brechendes Geráuseh, daB er verschreckt weiterfliegt. Kein Káfer
kriecht über die Treppen und Dielen, kein Insekt tanzt in den
Sonnenstrahlen. ..,,d schrág durch schadhafte Dácher in das
Dunkel der leere* Ráume fallen. Totenstille. Nur wenn ein Wind
vom Pazifik her über die Pampa streicht, kann es geschehen, da8
ein loses Blech sich bewegt und gegen seine Halterung schlágt, als
Tempelgong für die Besucher der " Reliquia Nacional
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Wir sind durch das Gelánde des gaízenWerkes hindurch, haben
staunend unsere Kamera auf die Relikte des Salpeterbooms
gerichtet. Aber diese alte Produktionsstátte, die noch erkennbaren
sie sind nur das ÁuBere. Dieeigentlich
Produktionsinstrumente
fündige Schicht liegt tiefer. Sie soll uns von Zeugen freigelegt
werden, die wir um die Mittagsstunde hier erwarten. Zwei
ehemalige Salpeterarbeiter, beide über siebzig Jahre alt, werden
aus einer entfernten Siedlung geholt. Wie der eine von ihnen, Julio
cabeza, sehr langsam und sehr mühsam an der Rückwand des
. Herrenhauses vorüberhinkt, hebt er unversehens seine Krücke,
schüttelt sie gegen die fensterlose Fassade und murmelt: Dies War
die Verwaltung der Unternehmer von Santa Laura- Der Mann
hieB Ricardo Morlaes. Der Verwalter von Santa Laura. Da wohnten unsere Chefs. Wir arbeiteten hier, bei der Salpeteraufbereitung, mit meinem Kameraden Segundo Gutierrez, der die
Grabungen machte.
-
Segundo Gutierrez, ein scharfgeschnittenes Gesicht unter breitkrempigem Hut, erzáhlt:
Ich und Julio Cabe za,wir haben an den Maschinen gearbeitet, ich
verstehe alles von der Aufbereitung des Salpeters, vom Jod, das
man ins Ausland nach Europa gebracht hat. Damals gewann man
das noch durch die Mine. Heute ist hier verlassener Abfall, so,
wie wir es sind. Alles alt, arm, ruiniert, so sind wir, genau wie der
Abfall. Niemand erinnert sich an uns. Man hat nie an uns gedacht.
Immer hat uns der Bourgeois gedemütigt, immer führten sie uns
zum Hunger, zum Elend. Man hat uns ja sogar unser Stückchen
t_ágliches Brot verweigert. Jetzt endlich geht es uns ein wenig
besser. . .
Er klimpert in seiner Tasche und legt mit einem bósen Lachen ein
paar Metallstücke auf eine hólzerne Treppenstufe, kupferfarbene,
silbrige und messinggelbe, kleine und gro8e, runde und achteckige. Wir erfahren, daB die einzelnen Salpetergesellschaften
tatsáchlich souverán genug waren, um in Chile ihr eigenes Geld
zu prágen. Was da vor uns liegt, ist eine Sammlerkollektion.
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"Oficina Santa Laura,>, betrieben von ,.The London Nitrate CO.
LTD.', Mit dieser Art "Wáhrung( banden die auslándischen Gesellschaften den chilenischen Arbeiter fest an ihre Betriebe.
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Dies der Kreislauf: Wer einen Karren mit Caliche zum
Verarbeitungsbetrieb brachte, erhielt dafür einen metallenen
Nachweisi "Vale por una carretada de caliche,, ..gut für eine
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Ladung.Caliche n heiBt es auf einem der achteckigen Stücke, die
von der " Compania Salitrera Alemana rr; der Deutschen SalpeterGesellschaft, verwendet wurden. Eine klimpernde VerheiBung,
diese achteckigen Stücke; denn ein Zahlungsmittel waren sie noch
nicht. Je nachdem, welchen Preis die Ware Arbeitskraft gerade
hatte, wurden die Stücke, die der Arbeiter in einer Schicht
geschafft hatte, schlieBlich in die betriebliche Wáhrurg
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eingetauscht, die allerdings ausschlieBlich in der wiederum
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Pulperia " gültig war, einem Mittelding zwischen
Kantine. Die Preise der Pulperia bestimmte die
betriebseigenen
Laden und
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Gesellschaft.
Wenn sie erzáhlen kónnten, diese Münzen: oft gewendet,
dünngegriffen, verha8t und doch begehrt, benótigt für Brot und
für Branntwein wohl auch, die schreckliche Wirklichkeit zu
vergessen, den Pampa-Alltag, in den so viele ausgezogen waren,
ihr Glück zu machen
und die in der Pampa geblieben sind für
alle Ewigkeit. Nahe bei den verlassenen Salpeterminen liegen die
Friedhófe, liegen Gráber, die kein Mensch mehr besucht. Da
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Aber viele, die in der pampa arbeiteten, erhielten niemals ein
ordentliches Grab. wenn námlich die unertrágliche Lage
der
Arbeiter zu spontanen Revorten drángte
dann flo8 das Blut in
Strómen, wurden die Toten nach Hunderten
und rausenden
gezáhlt. Julio cabezaund segundo Gutierrez sind
unser e zeugen.
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Segundo Gutierrez:
Ist'n Andenken. . . Bóses! An das Massaker. . . das Blutbad von
Coruna. Das war 1925. Prásident der Republik war Arturo
Allessandri Palma.. Ich war Heizer in der Gesellschaft- Von der
Mine San Pablo. Don Ernesto Conzalez war Verwalter der
Gesellschaft. Wir erzáhlten das mal so, wie das war bei San
Antonio und Coruna mit dem Blutbad. ba fanden sich allerhand
Arbeiter ein von der ganzen Mine. Kanton-Süd und Kanton-Nord.
Auch aus San Antonio! Und es fing an . . . Wir wollten nach Papua
zu 'ner Kundgebung, da óffentlich reden. Und da kam ein General
von 'n Granaderos. Da wurde unser Zuggestoppt. Und wir durften
nicht weiter, weil da unt€n im Tal, da standen acht Kanonen. Und
wir daraufhin ab nach San Antonio. Da haben wir die Erlaubnis
gekriegt - . . wir durften 'ne Kundgebung abhalten: Auf den Hügeln
. bei San Antonio.
Da kamen zwei Polizisten. Die sagten: SchlufJ, auseinanderl Und da griff ein Kumpel vofl uns. . .
'n Fehler! Tótete aus Versehen 'n Polizisten. Dann lief die Sache
weiter. Wir die Beine in die Hand und weg! Nach San Pablo und
da.
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woanders. Was 5o in der Náhe war, zum Beispiel die Salpetermine
Argentina. Ganz in der Náhe. Oder sehr viele verschwanden
Richtung Mapocho. Und dann am náchsten Tag fing das Militár
die Schie8erei an. Ihre Kanonen, die standen dort in der Mine
Paposo. Sie zeigten mit dem Visier direkt auf San Antonio. Bereit
zum SchieBen. Und weiter hatten sie noch welche da oben. Da
standen acht von diesen Biestern. Kanonen von Krupp,
Deutschland, sieben Komma fünf mit solchem Rohr. Die gaben
mehrere Salven ab. Auf Coruna. In Coruna war inzwischen
Verstárkung durch Mánner aus Felisa. Die Kurnpel sa8en auf
Mulis; hatten Revolver und Dynamit, doch was nützt das gegen
Regirnenter? Rein gar nichts ! Und da fühlten sie sich eben besiegt,
geschlagen und besiegt. Die Minenkantine machte zv. Die Leute
waren halbtot vor Hunger und stürmten die Kantine und brachten
den Wirt um, weil er ihnen nichts gab. Und da in der Minenkantine
der Gesellschaft Coruna war auch, da war Garrido, war da der
Anführer. So ganz auf russisch, auf einem Rappen, 'ne rote
127
Mütze, der führte uns. Er führte uns an, uns alle, die Arbeiter'
Es waren sehr viele da. Viele Hunderte, Tausende. Und Hunderte
und Tausende von Leuten, die da umkamen, oben in San Antonio.
In Coruna gab's einen, Don Franzisco Caceres, er ruhe in Frieden,
der schlimmste Verbrecher. Er liefj die Leute aus den Háusern
holen, aber immer abends um acht und einfach so,
um sie
umzubringen. Er schleppte sie rauf auf irgend'n Berg
von San
Antonio, an irgend'n Abgrund, und da stieB man sie runter.
Das
ist mein Bericht von der Minengesellschaft coruna
und denen, die
durch sie starben, die vielen Tausend. sie mógen in Frieden
ruhen.
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Julio Cabeza:
Nun die Geschichte der Gesellschaft Marusia. von
dem
Streik, den die Kommunistsche partei, den sie durchgeführt hat
in Huara. Das war im Jahr 1924 oder rg?5,da bildete man in der
Mine Marusia 'ne Gruppe der Kommr¡nistischen partei. und bald
wurde die Marusia von ihnen besetzt. Das geschah um halb sechs,
morgens. Grad im rechten Moment, der richtige Zeitpunkt, dawar
noch áiemand in der verwaltung. In Rosaria de Huara. und als
die dann wach waren, da schickten sie gleich im Eilmarsch die
Kavallerie von Arica. und zwar zwei Regimenter. und da waren
auch zwei Lastwagen, und die fuhren gleich los, und sie hatten
Befehl, alles abzuknallen. Aber wir hatten in der Marusia schon
den Kampf aufgenommen. Man schoB in Marusia, schoB in Huara.
und dann spáter auch in coruna, wo mein Kamerad damals lebte.
SchoB, bis ein GroBteil der Leute von Huara getroffen war. und
man fuhr sie auf Karren gleich weg. Das Blut floB in Strómen von
den Karren. und man warf sie dann dort in den Brunnen, wo die
Leute noch liegen. unsre compañeros. weswegen? Nur weil uns
dieses Pack kein Brot geben wollte. uns und unsren Kindern! Ihr
chef , der wollte es nicht. Er wollte, da8 unser Leben ro utrn-bl.ibt.
Das hab ich zu berichten von dem streik hier von 25. Ich war da
auf 'm Abfall als Maultiertreiber. und da konnte man schon. . .
In der Nacht um zwólf uhr oder gegen eins, da holten sie aus den
Háusern die Familienváter. und das weinen der Kinder.hórte man
überall! Diese Mánner sah man nie wieder. Gegenüber von Rosaria
Huara gibt's ein Kreuz, das nennt man das Kreuz des Mai! In der
Gegend liegen 'ne Menge Leichen. unsre Kameraden. In Huara.
ebenfalls. Ich hoffe, ich hoffe wirklich, daB sie sich immer an die
Provinz Tarapaca erinnern. Immer im Gedáchtnis lebendighalten,
was hier passiert ist, in dieser Provinz.
131
Wie sollten wir vergessen! Heute liegt wieder das Schweigen über
dem GroBen Norden, das'Erinnern bleibt stumm. Das Land ist
unerlóst.
Nur zwischen 1970 und 1973 war.es móglich, hier ein offenes
Bekenntnis zu den kámpferischen Traditionen zu hóren, in den
kurzen Jahren der Freiheit im Zeichen der Unidad Popular. Im
April 1973 hatten wir in der Pampa den Genbssen Eloy Ramirez
132
getroffen, einen stolzen und starken Mann, den werkleiter dernoch fórdernden salpeter-oficina victoria. Nach dem I l. September 1973 wird er verhaftet und in das 4000'Meter hoch gelegene
Dorf Putre an der bolivianischen Grenze verbannt werden.
Damals, im April, stand er aufrecht vor uns, inmitten gebrochener
Caliche. Langsam zog der Rauch der letzten Sprengung ab.
133
Eloy Ramirez:
Also ich kam hierher in den Norden, das war so ungefáhr imJahre
1913. Kurz vor dem ersten Krieg in Europa. Ich war gerade acht
Jahre. Als ich herkam. Acht Jahre alt. Da brachten mich meine
Eltern in die Salpeterpampa von Capotilla. Ich hab hier Zeitungen
verkauft. Die Tageszeitung " La Correspondancia ". Sie kam von
Capotilla. Hierher in die Pampa. In der viel erzáhlt wurde über den
Krieg von vierzehn. . . Und auf einmal kam dann die Revolution
im Jahre 1917. Ich weiB nicht, wiesp, aber bei mir. . . Ich spürte,
als ich das hórte, einfach Sympathie für die Russen. Wie sie die
Revolution gemacht haben. Für die Arbeiterbewegung, die's bei
"ihnen gab. . . Obwohl ich noch sehr jung damals war. Und. . .
meine Eltern schickten mich dann arbeiten. Weil es für uns damals
in rlen Salpetergesellschaften nur ganzwinzige Schulen gab. Drei
Grundschulklassen, das war alles. Mehr gab's da nicht. Keine
mehr! Ich konnte sie nicht besuchen. Als meine Eltern miph
arbeiten geschickt haben, war ich knapp neun Jahre alt.
und das
Und da muBte ich. . . überall, wo gesprengt wurde
.wurde gemacht, um danach den Boden wegzuráumen - dann
muBte ich in das Sprengloch kriechen mit 'ner kleinen Schaufel,
die n-ran mir gab. Das 'n ganzen Tag! Von morgens an! In aller
Frühe, schon um sechs Uhr, stand ich auf und ging barfu8 los.
Ohne Schuhe! So stapfte ich los, über die Schulter den Beutel
geworfen, die Arme ineinander verschránkt. . . So fror ich! Die
Augen voll Tránen, Tropfen an der Nase, egal, die Beine liefen
tapfer drauflos. Zur Arbeit hin. Ich hab nur 20 Pesos und
80 Centavos damals verdient. Spáter hab ich dann schreiben und
lesen gelernt. Weil ich es . . . Ich hatte die feste Absicht eben, was
zu lernen, nicht? Und darum ging ich zur Schule, immer nach der
Arbeit. Eine Señorita war damals mein Lehrer. Bei ihr lernte ich.
Sie brachte mir die ersten Buchstaben bei.
Und spáter ging ich. . . und bildete mich weiter in unsrer
Arbeiterorganisation. In der Gewerkschaft, in die ich eintrat, sie
hieB damals. . . das war der Arbeiterbund von Chile. Gegründet
von dem Genossen Luis Emilio Recabarren. Und da hab ich
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gelernt. Und zwar sehr viel. Und dann begann ich zu arbeiten,.
kriegte Verbindung zu den Arbeitern, und die wáhlten mich dann,
zu ihrem Vertreter. Ich war für sie ein bi8chen mehr, ich wuBte
ein biBchen mehr. So wurde ich ihr Gewerkschaftsführer. Ich
arbeitete also da in der Pampa. Stampfte den Salpeter. Stampfen,
so nannten wir's. Dafür hatten wir so einen Hammer, so groB!Der
mindestens 25 Pfund wog. Und damit schlug man auf diese
riesigen Klumpen. So lang; bis sie klein waren, ungefáhr so wie
der. Auf diese GróBe!Dann wurde . . . muBtenwir sie aufladenauf
solche Wagen. Und die haben wir dann beladen mit diesen
Hánden, so, diqse Brocken. Und zwar hoben wir sie hoch und
warfen sie mit Schwung in den Wagen. Millionen von Salpeterklumpen haben unsere Hánde bewegt. Denn wir begannen
mit der Arbeit schon um drei Uhr morgens. Und das gingbis zwei,
drei Uhr!Wir verdienten 15 Pesos. Nach so einem Arbeitstag war
man total fertig. Ausgelaugt bis auf die Knochen! Jeden Tag war
man erschlafft, todmüde, erschópft. Und dann kam man. . . kam
man in sein Zuhause, hat sich gewaschen . . . 'n Bad hatte niemand
von uns. Wir nahmen uns eine $chüssel, darin wuschen wir uns,
was andres gab's nicht im Haus. Und dann haut man sich zu
Hause . . . hin . . . im Zimmer, erschópft, ermüdet, um dann den
náchsten Tag wieder früh zur Arbeit zu gehen. So lief das hier ab.
Das waren die Bedingungen, unter denen wir früher arbeiteten.
Es gab hier keir¡e sozialen Gesetze, es gab hier nichts, nichts,
absolut gar nichts. Wenn jemand bei der Arbeit einen Unfall hatte;
sich den Finger abschnitt, dann war dbr Finger eben ab. Oder die
Hand abhackte, dann war sie abgehackt, eben weg. Und wenn sie
'ne Sprengung machten, den Salpeter sprengten, dann flog ein
Haufen Brocken durch die Luft wie bei einem Vulkanausbruch.
Dann muBte man aufpassen und schleunigst türmen. Kriegte man
so 'n Ding ab, war man futsch. Einfach futsch! So war das hier.
136
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t37
Pablo Neruda
Recabarren, Chiles Sohn,
Vater Chiles, du unser Vater,
aus deinem Werk, aus deiner Linie,
geschmiedet in Erdenzonen und
Qualen,
erwáchst der kommenden,
der sieghaften Tage Kraft.
Du bist das Vaterland, Steppe und
Volk,
Sand, Ton, Schule, Haus,
Wiedererstehen, Faust, Offensive,
Ordnung, Aufmarsch, Angriff, Weizen,
Kampf , GróBe, Widerstand.
Recabarren, unter deinen Blicken
schwóren wir, das Vaterland zu
befreien
von Wunden und Verstümmelung.
Wir schwóren, daB die Freiheit
ihr Blühen unverhüllt erheben wird
auf der entehrten Erde.
Wir schwóren, fortzusetzen deinen
weg
bis.
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zum Sieg des Volkes.
Santiago, in einer Straf3e der Unterstadt. Im ErdgesehoB eines
Wohnhauses unterhált die Kommunistische Partei Chiles ein
kleines Museum, das den Namen Luis Emilio Recabarrens trágt,
Genosse Julio . . ., der uns einláBt, trágt am Revers seines Anzugs
das Abzeichen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands,
Erinnerung an einen Freundschaftsbesuch in unserer Republik. In
den Ráumen schattige Kühle. Nach hinten óffnet sich die
Wohnung auf einen kleinen Lichthof: Da steht, unter schützendem, lichtdurchlássigem Dach, eine alte Druckmaschine, auf der
did ersten Artikel Recabarrens vervielfáltigt wurden. An der
Wand, gerahmt und unter Glas, eine blutgetránkte Zeitungsseite:
Es ist das Blut der Genossin Ramona Parra, Funktionárin des
Kommunistischen Jugendverbandes, die im Jahre 1948 bei einer
Demonstration in Santiago erschossen wurde. Eine Lenin-Büste:
Geschenk des Zentralkommitees der KPdSU zum 50. Jahrestag
der Gründung der Kommunistischen Partei Chiles im Jahre
1972.. . Hier haben wir gefilmt und fotografiert. Gerade noch zur
rechten Zeit; denn das Fartei-Museum wurde im September 1973
zerstórt, seine wertvollen Bestánde vernichtet
Zeuge Julio.. ., der uns führte und erklárte, begann da, wo alle
Geschichte der Arbeiterklasse Chiles beginnt: im GroBen Norden.
139
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Julio. . .:
In diesem Museum haben wir die Kleidung und Werkzeuge der
Arbeiter der Pampa ausgestellt. Aus den Jahren, als man den
Salpeter noch manuell gewann' also sehr prirnitiv'
so fest
Sotctre Stiefel trugen die Arbeiter. Sie waren deswegen
gemacht, damit sie lange halten, nicht gleich zerfallen in der
gliih"nden Hitze, die die Platten ausstrómen. und da herrschte
eine enorme Hitze.
DiesenHammerhattensieTagfürTaginderHand,umdamitdas
sie die Menge
harte Salpetergestein in Stücke zu klopfen. Bis
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hatten, die man.táglich von ihnen verla¡rgte'
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Das hier ist die Caramayola. Wir haben sie so genannt. Sie istganz
primitiv, ganz aus Blech. Darin haben wir uns immer das
Trinkwasser mitgenommen. Zur Arbeit in der Pampa. Geht zwar
nicht viel rein, aber es muBte reichen, sowohl für den Vormittag
als auch für'n Nachmittag, bis zum Feierabend.
Diese Geráte, damit entdeckt man den Salpeter. Erst kratzt man
damit 'ne Platte frei und probiert und probiert, dann nimmt man
die brennende Zündschnur und hált sie ans Gestein. Und gibt's
dann dabei lauter Funken, dann war's Salpeter. Wenn nicht, dann
war es kein Salpeter und dann, dann warfen wir es beiseite,
suchten weiter, bis wir eben was fanden. Weil wir nur Salpeter
bezahlt bekamen.
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Hier haben wir auch noch einen ziemrich kleinen schuh.
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arbeiteten damals sehr viele Kinder. Bei uns waren sie schon ab
sechs Jahre in der Mine. weil es keine schulen gab und weil sie
eben arbeiten mu8ten. Ich selbst, ich war auch sieben Jahre alt,
cta ging ich das erste Mal zur Arbeit.
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Und das ist der Stock, mit dem man uns bestrafte, clarum der
Name. Man wurde gefesselt. Die gebráuchlichste Strafe für die
Arbeiter. Manche muBten bis zu vierTagendarinbleiben, nur weil
sie einmal den Patron schief angeguckt oder ihm heftig
geantwortet hatten. Schon das hat dafür gereicht.
Auf diesen Bildern sieht man die Chefs. Die Chefs der pampa.
Aufseher und Zahlmeister. Das war'n alles chilenen. und wenn
ich ehrlich sein soll, wir ha8ten sie mehr als alle anoren. sie haben
hier die Leute miBhandelt, mehr als unsere Ausbeuter aus England
und Deutschland, also die wahren Ausbeuter. Sie waren es, die
die MiBhandlungen an der Arbeiterklasse ausführten.
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Das ist ein Meeting der sozialistischen Arbeiterpartei. Das war
anláBlich des l.Mai im Jahr 1913. Da sind viele, viele von den
Jungs, die damals in der Pampa arbeiteten, und darunter bin auch
ich. Hier, dieser! Noch jung, ich war damars gerade vierzehn! Ein
Jahr spáter, 1914, wurde ich Mitglied in der sozialistischen
Arbeiterpartei.
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, Chilenische Arbeitergeschichte . . . Kurz nach dem Erscheinen der
, Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Sozialismus, des Kommunistischen Manifests, wird 1850 in Chile die " Sozietát der
Gleichheit " gegründet. 1875 ist der Jahrgang der ersten Arbeiterzeitung " El Proletario r'. 1886: Brüderliche Arbeitervereinigung.
1897: Sozialistischer Bund. 1912: Sozialistische Arbeiterpartei
(in diese Partei ist Genosse Julio. . l9l4 eingetreten). 1922
gründet Recabarren die Kommunistische Partei. Die erste
Landarbeitergewerkschaf t entsteht 1928. Die Sozialistische Partei
1933; zu ihren Mitbegründern gehórt Dr. Salvador Allende Gossens. 1936 bildet sich zwischen den Arbeiterparteien und radikalen
bürgerlichen Kráften die erste " Volksfront ". Wichtiges Ereignis:
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die Gründung der Einheitsgewerkschaft
(cur) im Jahre 1953.
Dann 1956: die Front der volksaktion (FRAP). schlieBlich 1969:
Unidad Popular
- Volkseinheit.
Doch in den fünfziger Jahren hatten die Kommunisten chiles eine
Zeit schwerer Prüfungen zu bestehen. Im GroBen Nordenliegtein
ort, der zum symbol dieser prüfungen geworden ist. Als wir ihn
das erste Mal besuchten, war das ein Blick zurück in die
chilenische Geschichte. . .
Am steuer unseres wagens, wáhrend stundenlanger Fahrt durch
die Pampa, saB einGenosse. Am Ziel erwies er sich als berufener
Zeuge.
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Genosse Benedic¡. . .:
óie. i.t das Konzentrationslager von Pisagua. Man brachte uns
mit der ersten Gruppe von etwa 400 Verbannten, und alle aus der
ganze
salpeterpampa, hierher. In einem Eisenbahnzug, der die
Wüste durchquerte. Dort auf diesen Berghángen, da waren fünf
die
Maschinengewehrstellungen ausgehoben. Damit hatten sie
die
ganzeUmgebung unter Kontrolle und hielten uns in Schach,
etwa
Insassen des Konzentrationslagers. Zur náchsten ortschaft
keine
40 Kilometer, sonst nur wüste. Es gab also überhaupt
ztrf Flucht. Denn übers Meer war es ebenso
Móglichkeit
r4l{
unmóglich. wie hátte man wieder ein ufer erreicht? Alles war gut
zu bewachen. Man brauchte nur ein Maschinengewehr gegen
Süden und eins noch gegen Norden zu richten, und einen weg
hinaus gab es nicht. so daB rnan die 15 Monate im Konzentrationslager durchstehen muBte.
Es waren 15 Monate Martyrium. . . Ich kam mit den ersten hier
an. . . und ging mit den letzten wieder weg. Gebracht hat man uns
per Eisenbahn und abtransportiert, die letzte Gruppe, mit .ner
Barkasse. und erst heute nach 25 Jahren bin ich das erste Mal an
diesen Ort wieder zurückgekommen
149
Wir hatten Pisagua sehen yolen; denn durch Studien zur jüngsten
chilenischen Geschichte wuBten wir um den Signalcharakter
dieses Namens. SChon in Santiago hatten wir uns um die wenigen
erhalten gebliebenen Fotodokumente gesorgt, die die wechselvolle Vergangenheit des kleinen Hafenstádtchens belegen. Da war
jener Stich; der Pisagua als Salpeterhafen zeigf Von Hand werden
fragile Boote mit dem sackweise abgefüllten Salz beladen. . .
Spáter, als die Salpetergewinnung in diesem Teil des Nordens zur
Bedeutungslosigkeit sank, büBte auch Pisagua seine wirtschaftliche Rolle ein. Nur einige wenige Fischer, eher Selbstversorger als
Hándler, benutzten die verbliebenen Hafenanlagen.
Dennoch entstand in,Pisagua noch ein respektables, festes Haus:
ein rotweiBes Gebáude, das karreefórmig einen freudlos-glatten
Betonklotz umschlieBt. Ein Zuchthaus das Ganze, und das
150
weltabgeschiedene Hafenstádtchen fortan mit üblen Assoziationen belastet.
Als unsere Genossen hierher deportiert wurden, muBten sie noch
provisorisch untergebracht werden, zunáchst in einem heute mehr
oder weniger verfallenen Spital, dann in verschiedenen früheren
Funktionsgebáuden des Hafens, in einer verwaisten Markthalle
gar. Hier lagen die Genossen Luis Corvalán, Volodia
Teitelboim unter ihnen
auf dem blanken Boden, bis sich der Ort
in seine Rolle als Verbannungsstátte gefunden hatte; da nannten
die Gefangenen eine ihrer Unterkünfte < Villa Ley Maldita n
,.Haus des verfluchten Gesetzes".
Wir waren hierhergekommen wie an eine historische Státte.
Hófliche Bewirtung im Hause des Polizeigewaltigen des Ortes, es
gibt allerhand Meeresgetier, und unter den Essern auch der
Lehrer, ein Kommunist. Wir wissen heute zu unserem Schmerz,
daB dieser Genosse Lehrer nicht mehr lebt. Er wurde nach dem
11. September 1973 umgebracht.
Damals aber, irn chilenischen
Sommer 1973, gab es bei Tisch viel Lachen und Scherz, und
Versonnenheit nur, wenn wir einem der habichtgroBen Vógel
nachschauten, die, aufwindgetragen, in immer weiteren Kreisen
über Pisagua in den Himmel aufstiegen: Wie oft niógen die Augen
unserer einst hier gefangenen Genossen diesen Fliegern gefolgt
seii, und wohin gingen dabei ihre Gedanken?
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Es war eine Reise in die vergangenheit,
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das
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ZeitimKonzentrationslagerPisagua,istderHungerstreik,denwir
durchführten'OerStreikda"erte15Tage'undwirhielteneisern
durch,¿.""*i'wolltenaufdieArtunsreFreiheiterzwingen'Ich
erinneremichdabeiauch,wobeiichdas..nochalsviel
bedeutungsvollerbetrachte,anunserstudiumdesMarxismus,das
wirdortindiesemKonzentrationslagerbetriebenhaben.Daswar
imwahrstenSinnedesWorteseineUniversitátdesLebens.
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155
wie. konnte es.geschehen, daB in chile die Kommunistische partei
in den Jahren 1948 bis 1958 durch ein .. Ley Maldita ¡¡ si¡
verfluchtes Gesetz
in der Illegalitát wirken muBte?
April 1973 in santiago. Die Reaktion isr entráuschr; sie hat bei den
Parlamentswahlen vom 4. Márz ihr ziel nicht erreicht. Der plan,
durch ,die Gewinnung einer Zweidrittelmehrheit in beiden
Kammern des Parlaments die Regierung Ailende noch vor Ablauf
ihrer Arntszeit legal zu stürzen, ist gescheitert
nun bieten erst
"
"
die náchsten Prásidentschaftswahlen 1976 wieder eine chance,
die vereinigte Linke loszuwerden.
ist bezeichnend für das
-. Es
politische Klima dieser Tage im April,
daB sich jetzt,nach vielen
Jahren des Schweigens, der Mann wieder in der óffentlichkeit zu
wort meldet, der 1948 die Kommunisten chiles in die Illegalitát
schickte : Ex-Prásident Gabriel G onzalez Videla.
G onzalez v idela w ar 19 46
- im zeichen breite r antif a s chi s tis cher
Zusammenschlüsse nach dem zweiten wertkrieg
mit den
- auch gewáhlt
stimmen der chilenischen Kommunisten zum prásidenten
worden. wie es dazu kam, daB Gonzalez videla spáter seine
wáhler verriet und sie auBerhalb der bürgerlichen Gesetzlichkeit
stellte, wollten wir gerne von ihm selbst hóren, aus seinem Munde
und aus seiner Sicht.
Das weitláufige villengrundstück der Familie Gonzalez ist von
einer übermannshohen und bewehrten Mauer umgeben. Eine
Pforte, die durch die Mauer führt, mehrfach gesichert und von
kráftigem Personal genau bewacht. Das palais inmitten gepflegter
Grünanlagen ist luxuriós ausgestattet; in einem besonderen
Kabinett bewahrt der alte, aber noch sehr bewegliche kleine
Mann, dem der Kopf tief in den schultern sitzt, die Insignien
seiner früheren Macht: schülterband und stern. Daneben orden
in Hülle und Fülle, auf samtenem Grunde in glásernen vitrinen.
Auf Bücherborden und an den wánden kostbar gerahmte, mit
persónlichen widmungen versehene Fotos gekrónter und ungekrónter Háupter, mit denen der Ex-prásident in den Jahren 1946
bis 1952 persónlich zu tun hatte. Als Gonzalez videla in einem
Sessel Platz nimmt, versinkt er tief. Denkt er manchmal daran.
157
)
t
daB er als Vater des..verfluchten Gesetzesu.in die Geschichte
Chiles eingehen wird?
Gonzalez Videla:
Aber mit Vergnügen, denn dieser Fakt ist
für mein Land von historischer Bedeutung.
Es wurde damals auch in ganz Amerika
bekannt, warum ich dann den Bruch vollzog
mit den Kommunisten, die zuerst an meiner
Regierung beteiligt waren. Man muB davon
ausgehen: Ich war Prásident der Republikin
einer Epoche . . . gaflz kurz nach Ende des
Krieges. Kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges. Mein Kabinett war. . . Ich bildete
mein erstes Kabinett auf der Grundlage
sámtlicher linken Parteien, Radikale, Demokraten und einige von den, von der Liberalen Partei, und die Kommunistische Partei.
Die Kommunistische Partei, der ich bescheinigen inuB, daB sie im Rahmen der demokratischen verfassungsmáBigen Normen
handelte, behieit die Position, bis spáter
Stalin die Politik veránderte, die der Zusammenarbeit mit'n Alliierten, dieses Bündnis zerriB und seinen berühmten kalten
Krieg begann.
Zu aller Leidwesen ist die Kommunistische
Partei von Chile, genauso wie auch andre
Parteien in Europa, ist ein ergebener
Gefolgsmann der sowjetischen Politik.
Ihnen fehlt die Unabhángigkeit in jeder
Beziehung. Das brachte auch automatisch
dann mit sich, als dann von Stalin die Order
erging zu dem Bruch mit den USA, und der
daB Forderungen an
kalte Krieg begann
-,
mich von den Kommunisten gestellt wur158
i
den, die darauf hinausliefen, mit
den
Vereinigten Staaten absolut zv brechen
zugunsten der Politik der. . . von Ru8land.
Ich sollte sie befolgen, den kalten Krieg
auch zu meiner Sache machen.
Wir
müssen unsere Filmrollen wechseln. Wáhrend Gonzalez
Videla selbstvergessen in der Nase bohrt, gehen uns die Antithesen durch den Kopf : Der kalte Kriegbegann bekanntlich damit,
daB die USA darangingen, die Machtpositionen des deutschen
Imperialismus zu restaurieren, und zwar durch fortgesetzten
Bruch des Potsdamer Abkommens mit eindeutig antisowjetischer StoBrichtung. Kalter Krieg war die Politik des .. roll back ",
wie Harry S. Ttuman und John F. Dulles sie betrieben, um die
Ergebnisse des zweiten Weltkrieges rückgángig zu machen und
die Sowjetunion globalstrategisch einzukreisen. Kalter Krieg war
es
nun, und so weiter. Es lohnt nicht, mit Gonzalez Videla über
Ursachen und Wirkungen in der Nachkriegsgeschichte zu streiten.
Denn ér war selbst eine Figur des kalten Krieges, einer seiner
lateinamerikanischen Exponenten, als er sich bedingungslos auf
die Position des Antikommunismus begab und die Interessen der
USA über die von Chile stellte. . .
159
und die Abschaffung des Gesetzes war sein
Wahlschlager. Und darum hat er es dann
annulliert. Sonst wár'n wir nie in die
schlimme Lage geraten, in der wir uns
befinden, wenn dieses Gesetz bestehengeblieben wáre, für immer.
F.: Wenn Sie heute wieder Prásident von
würden Sie wieder solche
Chile wáren
MaBnahmen ergreifen wie damals?
A.: Dann wár's mehrl Ich würde eS tun, und
ich glaube, noch andre! Unser gesamtes
Land, unser demokratisches aufrechtes
Land wird solche Mafinahmen wollen. Es
gábe ein neues Pisagua, es gáb auch, gáb das
Gesetz zur Verteidigung der Demokratie,
um die Kommunisten zu bándigen. Dessen
bin ich mir absolut sicher.
162
Aber sie machen weiterIch bin sicher, daí sie uns
nach einiger Zeit probleme
sch,affen werden.
verfluchte Gesetz ,,, das Gabriel GonzalezVidela einen platz
in der chilenischen Geschichte sichert, nannte sich ., Gesetz zur
Verteidigung der Demokratie
". 5e¡¡. Autoren waren noch darauf
bedacht, der antikommunistischen Repressalie den Anstrich der
Legalitát zu geben.
Dergleichen hat die derzeitig in chile herrschende Militárjunta
nicht nótig; denn sie hat mit ihrem putsctr vom 1 l. septemb er 1973
nicht nur die Regierung der unidad popular, sondern zugleich die
bürgerliche Demokratie abgeschafft. wohl durften die noch
lebenden ehemaligen Prásidenten chiles dabeistehen und zusehen, wie sich die neuen Herren eine Messe lesen lieBen, aber das
war nur eine landesbráuchliche Formsache. so stand dann neben
dem diensteifrigen Antikommunisten GaLrriel Gonzalez videla
auch Ex-Prásident Jorge Alessandri, den eine Kamera dabei
beobachtet hat, wie er
kopfschüttelnd und die welt nicht mehr
verstehend
an der ausgebrannten Moneda vorübergeht. und
neben Alessandri stand der groBe Sozialdemagoge Eduardo Frei,
Das
.,
163
der Amtsvorgánger Salvador Allendes, der in den drei Jahren der
Regierung der Unidad Popular nichts unversuchtgelassenhat, das
Land in ókonomische und politische Krisen zu stürzen; er hatte
geglaubt, die Militárs würden für ihn gewissermaBen die
Dreckarbeit besorgen, als sie die Regierung Allende wegputschten
nun brauche er nur noch auf den Ruf in ein neuerliches
-Prásidentenamt
zu warten
Nichts von dem aber geschah. Die Militiirs schickten nicht nur die
Parteien der Unidad Popular in die Illegalitát, sondern auch die
bürgerlichen Parteien nach Hause, die doch so fest darauf gebaut
hatten, nach dem I 1. September die Früchte der Obstruktionspolitik ernten zu kónnen, die sie bis zu diesem Tag betrieben hatten.
Das Parlament wurde aufgelóst, die verfassung suspendiert. An
eine Rückkehr zu den verfassungsmáBigen Zustánden vor dem
Putsch denkt die Junta nicht.
was also haben sie gewonnen, die
Gonzalez, Alessandri und Frei? Nichts. sie sind die betrogenen
Betrüger. Das Ende der Regierung Allende brachte chile nicht,
was sich die bürgerlichen politiker persónlich davon erhofften,
sondern das Kriegsrecht.
zu Gonzalez videlas Zeiten hatten die Háftlinge in pisagua ihr
Lager mit einem Schild versehen: Villa Ley Maldita,,
<
"
- Haus
des verfluchten Gesetzes. >
Heute heiBt es am Lagereingang:
prisioñeros de Guerra. pisagua. ,,
" Campamento Militar.
Frl
H
ffi
w
[email protected]
il
%eW%ruw&
Die Militárs betrachten also ihre Háftlinge als " Kriegsgefan-
gene>. Gefangene welchen Krieges? Die Militárs behaupten
-und
begründen ihren Terror damit
in Chile herrsche der Zustand
-,
eines ., inneren Krieges r. Aber jeder Beobachter und Kenner der
Situation Chiles nach dem faschistischen Putsch vom 11. September 1973 weiB, daB von einem .. inneren Krieg in Chile keine Rede
"
sein kann; die Behauptung ist durchsichtig und eigens zu dem
Zweck in die Welt gesetzt worden, selbst auf den Anschein einer
Rechtlichkeit verzichten zu kónnen. Solange \ Chile auch nur ein
o Kriegsgefangenenlager > existiert, erfüllt das bhilenische Militár
die ehrlose Funktion einer Besatzungsmacht im eigenen Land.
Pisagua nach noch nicht einmal Jahresfrist wiederzusehen
das
ist ein bitteres Erlebnis. Der würfelfórmige Gefángnisblock wurde
von den dort üblicherweise untergebrachten Kriminellen geráumt.
Einbrecher, Taschendiebe, Zuhálter, Hochstapler und Sittlichkeitsverbrecher durften ihre Zellen verlassen, wurden entweder
amnestiert oder umquartiert. In den Betonklotz rückten dann Tage
spáter die den Militárs gefáhrlicheren u Verbrecher " ein:
Genossen der Unidad Popular, politische Aktivsten.
Der Gefángnisbau ist heute überbelegt. Arbeitskommandos,
zusammengestellt aus den ersten Háftlingen, reparierten in Eile
die Bruchbuden aus der Verbannungszeit, die mit Gonzalez
Videlas Namen verbunden ist. In die alten Verschláge wurde dann
auch,.mancher junge Genosse eingewiesen, dessen Vater vor ihm
in Pisagua war.
Immer wieder ziehen Kolonnen durch den Ort. auf dem.Weg zü
oder von der Arbeit. Militárlieder singend. Mit Vorliebe wird der
Gesang eines Liedes befohlen, das in dem Regiment entstanden
ist, in dem der Juntachef Pinochet in jüngeren Jahren Dienst getan
hat. Von den wenigen StraBen des Ortes sind nahezu alle für
Zivilisten gesperrt. Auf der Hóhe sind einige Jeeps mit
rückstoBfreien Geschützen in Stellung gebracht. Schwer einzusehen, warum; denn Pisagua ist
ebenso wie Chacabuco
ein
der
Wachmannschaften
Platz,
keine Probleme aufgibt.
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F.: Kónnen Sie uns bitte Ihren Namen sagen?
A.: Mein Name ist Luis Velazquez Galvez.
F.: Seit wann sind Sie in Pisagua?
A.: Seit dem 6.Dezember 1973.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner politischen Partei?
A.: Ja, Mitglied der Kommunistischen Partei.
170
F.: Wie hei8en Sie?
A.: Jesus Humberto Marin pastene.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner partei?
A.: In*der Sozialistischen Volksunion, USOpO.
F.: Seit wann sind Sie hier?
A.: Seit dem 24. September.
171
1W
l
l
F.: Ihr Name, bitte.
A.: Sergio Bassal Zuniga.
F.: waren Sie Mitglied
der Kommunistischen oder der sozialisti-
schen Partei?
A.: Nein, Señor.
F.: Was machen Sie hier?
A.: Ich bin in Vorbeugehaft, bis mein Proze8 an der Reihe ist.
172
F.: Kónnen
Sie uns bitte Ihren Namen sagen?
A.: Enrique Vandame Aldana, Señor.
F.: Wann sind Sie nach Pisagua gekommen?
A.n: Am 6. Dezember.
F.: Gehóren Sie einer politischen Partei an?
A.: Ja, mein Herr.
F.: Welcher Partei?
A.: Der Kommunistischen Partei. Mitglied der Kommunistischen
Partei.
t73
I
I
i
;
F.: Kónnen Sie uns bitte Ihren Namen sagen?
A.: Mein Name ist Carlos, meinen vollstándigen
Patricio Prieto Pavez.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner Partei?
A.: Nein, war unabhángig.
F.: Seit wann sind Sie hier in Prsagua?
A.: Ich bin in Pisagua seit dem 4. Oktober 1973.
174
Namen? Carlos
F.: Kónnen Sie uns bitte Ihren Namen sagen?
A.: Alberto Lorenzo Lopez Perez.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner Partei?
A.:
Anhánger der Sozialistischen Partei.
175
F.: Wie heiBen Sie, bitte.
A.: Mein Name ist Doktor Wladislaw Kuzmició Calderón'
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner politischen Partei?
A.l Nein, ich war nirgends Mitglied. In keiner Partei.
F.: Seit wann sind Sie hier in Pisagua?
A.: Seit dem 30. November.
F.: Was machen Sie hier in Pisagua?
A.: Ich bin hier in meinem Beruf tátig als Arzt für
alle politischen
Gefangenen und auch für das Militárpersonal. Dazu gehórt auch
das Personal, das sich aufierhalb des Lagers befindet, im Ort.
177
F.: Dürfen wir Ihren Namen erfahren?
A.: José Steiner Montes.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner politischen
Partei?
A.:. Nein, ich war auch niemals Mitglied einer Partei. Gehórte zu
den unabhángigen Linken.
F.: Und augenblicklich sind Sie hier als Gefangener?
A.: In Verwahrung, solang'man über mich Erhebungen anstellt.
F.: Sie arbeiten hier als Arzt?
A.: Als Arzt, ja.
F.: Warum befinden Sie sich hier?
A.: Also ich vermute, daB... daB man
über mich nachforscht,
weil ich mal einen Kursus für Sportmedizin besucht habe in Kuba.
Dieser Fakt nun, der macht. . . macht mich in hohem MaB, so da¡f
man's wohl nennen, macht mich verdáchtig. Vielleicht hab ich
da noch andres getrieben und studiert! Ich fuhr nach Kuba im
178
Oktober vorigen Jahres. Für
einen Monat. Wir fuhren
hin, um
eir¡en Kursus für Sportmedizin
zu besuch.n, *"itln Iquique,
in
'ier smdt' in der wir unsren neruiuurtiben als Arzt
dagab,s
einen
Pan' da hatte man gerade einenpran
für allgem.ir. sr"rrerziehung
L'eschlossen. Dazu sollten
durch uns medizinische
barrieben werden. Deshalb
schickte mun un,
S¡udium nach Kuba.
Forschungen
iii,;;;;""arzum
'$
s
s
#$
F.: Wie heifjen Sie, bitte.
A.: Adolfo Aranda Ponce.
F.: Seit wann sind Sie hier in Pisagua?
A.: Seit 11. Dezernber.
F.: Waren Sie Mitglied einer Partei?
A.: ,Ich war bei der Radikalen. Und ich war Gewerkschaftsfunk'
tionár zuletzt, bis sie mich hierherbrachten' am l1.Dezember,
voriges Jahr.
F.: Was machen Sie beruflich?
A.: Bin SchweiBer.
F.: Wie verbringen Sie Ihre Tage?
A.: Wissen Sie, die verbringt man am besten. . . raus an die Luft
und sich irgendwie zu bescháftigen, daB man nicht allzuviel zum
Nachdenken kommt über das, was uns vielleicht noch erwartet.
r80
i
"Úber das, was uns vielleicht noch erwartetr'- das ist
ein
undefinlerbarer Zustand. wir hatten in santiago versucht,
Genaueres über den status der Háftlinge des Pinochet-Regimes
zu erfahren. Aber der Pressesekretár der Junta, Federico
Wiloughby, drückte sich vollends verwaschen aus:
Dieser Zustand des inneren Krieges, in dem
wir uns befinden, erlaubt es unsren
Behórden, Leute von einem Ort zum andren
zu schaffen. Und die in dieser Lage sind, sie
sind zwar verhaftet, aber nicht Gefangene.
Es gibt eben Personen, die sind an ganz
bestirnmte Orte verbannt.
F.: Herr Pressesekretár, 4us welchen
Gründen erlaubt es die Regierungsjunta den
Vertretern der Óffentlichkeit nicht, die
Gefangenenlager zu besuchen?
A.: Sie fragen mich, weswegen man nicht
den Leuten es gestattet, die Verhafteten zu
besuchen. Ich glaube, das diktierten uns
gewisse Überlegungen humaner Natur. Ich
finde es einfach furchtbar, ein menschliches
Wesen zu betrachten, wenn es leidet. Mir
gefállt nicht, den Menschen in einem
Moment. . . in einer Lage zu zeigen, wie
eben der unbequemen eines Gefangenen.
Ich glaube, daB das seine Würde verletzt.
l8r
Das ist ein Zynismus, der kaum noch zu überbieten ist, diese sorge
um die Menschenwürde. sie haben die Menschenrechte au8er
Kraft gesetzt, als sie Zehntausende folterten und mordeten, als
sie in Nacht-und-Nebelaktionen riesige Gefangenentransporte
zusammenstellten, Eheleute auseinanderrissen, váter und Mütter
von ihren Kindern, sóhne und róchter von ihren Eltern trennten.
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182
Und dann erfrecht sich der Sprecher der Junta, das Wort
Menschenwürde in den Mund zu nehmen. . . Es hat uns tief
betroffen, in dem Verbannungsort Pisagua auch auf eine Gruppe
weiblicher Gefangener zu treffen, vorwiegend junge Frauen, in der
Blüte ihrer Jahre. Wir fanden sie ruhig, gefaBt
und was sie
ausstrahlten, war Würde.
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F.: Seit wann Sind sie hier, Señorita, seit wann sind Sie hier?
A.: Ich? Seit dem ZL.Dezember.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner partei?
A:: Nein.
F.: Bis wann denken Sie, daB Sie hierbleiben werden?
A.: Hab keine Ahnung!
184
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F.: Wie ist bitte Ihr Name?
A.: Edelmira Escobar.
F.: Waren Sie Mitglied'irgendeiner
partei?
A.: Syrnpathisant
F.:
A.:
einer Partei.
Seit wann sind Sie hier in Pisagua?
Jetzt sind's wohl zwei Monate.
185
F.: Seit wann sind Sie hier?
A.: Auch seit dem ZL.Dezember, Señor.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner Partei?
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A.: Ja, Señor.
F.: Bis wann denken Sie, daB Sie hierbleiben werden?
A.: Ich habe keine Ahnung, Señor.
186
F.: Wie ist Ihr ln{ame, bitte?
A.: Nadia Careia.
F.: Seit wann sind Sie hier?
A.: Seit 6. Dezember.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner partei?
A.: Ja, Mitglied der Kommunistischen partei.
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F.: Wie ist Ihr Name, bitte?
A.: Leonor Alvarez Reyes.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner
A.: Nein, von keiner.
F.: Seit wann sind Sie hier?
Partei?
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A.: Seit dem 23. November.
F.: Und bis wann werden Sie bleiben?
A.: Solange
188
es der Kommandant anordnet.
3¿i¿íi::.i;i;:.,
F.: Wie ist Ihr Name, bitte?
A.: Ines Cifuentes Castro.
F.: Seit wann sind Sie hier?
A.: Bald den dritten Monat!
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner partei?
A.: Sympathisantin! Durch die Arbeit
F.: Wann denken Sie, daB Sie Pisagua verlassen werden?
A.: Ich weiB nicht, Señor.
189
F.: Wie ist bitte Ihr Name?
A.: Patricia Pizarro Latelier.
F.: Bitte, seit wann sind Sie hier?
.d.: Im Lager eingeliefert wurde ich am 15. November
1973.
F.: Waren Sie Mitglied irgendeiner Partei?
i
A.: Nein, die einzige Organisation, zu der ich gehórte, war
linker Studentenbund.
190
ein
illXi:,irj:,1'l:'gii4
F.: Wie ist Ihr Name, bitte?
A.: Isabel Pizarro.
F.: Sind Sie. . . waren Sie Mitglied irgendeiner partei?
A.: Mitgligd der Kommunistischen partei.
F.: Wann wurden Sie verhaftet?
A.: Am 20. Dezember.
F.: Und bis wann denken Sie, daB Sie hierbleiben werden?
A.: WeiB ich? Das entscheiden die, durch die wir hier sind.
Vielleicht der Kriegsrat sogar.
F.: Wie ist das Essen, gut?
A.: Nein, nein, überhaupt nicht.
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¡!i ii6iii:
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Auf ! "
Hinlegen! >)
Auf !))
" Hinlegen!" - "
Ein steiniger Platz unterhalb der steil ansteigenden Felsen. Eine
Gruppe Háftlinge mit nacktem Oberkórper. Ein baumlanger
Feldwebel, Maschinenpistole umgehángt, kommandiert. Der
Begleitoffizier erlaubt lediglich, diese Gruppe aus der Entfernung
zu drehen; Tonaufnahmen sind nicht móglich.
Wir sehen: Es handelt sich ausschlief3lich tlm junge Mánner. Und
wir erfahren spáter: Es sind Jungkommunisten und -sozialisten,
die o umerzogen' werden sollen dr¡rch militárischen Drill und die
dazugehórigen Gesánge vorn süSen Tod fürs VaterlandAuf dem Appellplatz vor dem Gefángnis werden spáter "gymnastische Übungen o exerziert. Danach geht es eine Ewigkeit im
Gleichschritt in der glühenden Mittagshitze um das Karree. Und
Vier! ": Militárlieder, wieder und wieder
immer wieder ,, Drei
Wir beobachten das stupide Verfahren, in dessen
die gleichen.
Ergebnis " Disziplin o entstehen soll. Disziplin? Wir kennen sie
doch, die jungen Genossen, als Tráger einer hohen Disziplin: Als
sie zur freiwilligen Arbeit auszogen für Chile, da bewiesen sie
.Disziplin unter Lachen, Gesang und Liebe. Als das Vaterland in
Gefahr war, weil die Reaktion rnit tückischen Waffen gegen die
Regierung der Unidad Popular antra*,da ¡l4fen sie als " Freiwillige
des Vaterla.nds,, zur Stelle, verluden Material für die Fabriken,
transportierten auf ihren bloBen Rücke n Lebensmittel für die vom
<<
<<
Unternehmerboykott bedrohten Stadtviertel.
Glaubt denn jemand, dafJ diese gro$e patriotische Disziplin aus
den Kópfen und Herzen dieser jungen .l-eute herausgerissen
werden kann? Salvador Allende hat diese Frage - in seinen
letzten Worten aus der schcln brennenden Moneda-verneint. Sie
müssen jetzt gehorchen, und sie tun es. Es wird ihre Lage
erleichtern. Sie müssen über die Zeit kommen. Sie wissen: Chile
braucht sie.
194
1,iffiffiffi
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Ein Warnschild "Halt
Sperrzurnel,.. dahinter die Lagerkommandantur. Der Begleitoffizier bereir"-t uns eine L-berraschung: zwei Háftlinge erscheinen, merkwürdige Gegensránde
in den Hánden. Es hat den Anschein, als solle hier in Kürze eine
Kinderbescherung stattfinden. Vor unseren Augen und eigen: für
unsere Kamera wird auf der Strafie etwas aufgebaut: Wachtürme
en miniature, ein Schlagbaum, das Lagerschild, daneben einJeep.
Stolz erklárt unser Begleiter, daB diese Háftlinge damit beauftragt
sind, das ganze KZ Pisagua im Modell nachzubilden. Das fertige
Ensemble soll spáter zu Oberst Espinoza, Chef aller Lager des
Landes, nach Santiago geschickt werden: eine Art gegenstándlicher Rechenschaftsbericht über die Aufbauleistungen im Zeichen
der Militárherrschaft hier oben im Norden. Und daB in Pisagua
gebaut wird, davon konnten wir uns wenige hundert Meter weiter
überzeugen.
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Die Gefangenen, die wir in Pisagua sahen, waren noch sámtlich
im alten Gefángnis oder in Háusern und Hütten untergebracht. Die
Kapazitát des verbannungsorts war in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht gewachsen. Der selbsternannte Landesvater in
santiago, dem der Zustand des von ihm selbst proklamierten
u inneren Krieges bekommt wie eine Badekur, denkt in grófjeren
"
MaBstáben als etrra Gonzalez Videla.
lch behaupte nicht, wir hátten nun schon
vóllig über den Marxismus gesiegt. Der
Pinochet:
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Marxismus, er ist wie ein. . . ein Gespenst.
Es ist schwer, ihn zu"bándigen. Besser gesagt, er ist nicht zu bándigen. Als die Bewegung des I 1. Septemb er zu wirken begann, sind die Marxisten verschwunden.
Irgendwo untergetaucht! Um ein Wort zu
gebrauchen, das sie selbst benutzen. Aber
sie machen weiter. Und ich bin mir sicher,
es wird nicht viel Zeit vergehen, und sie
werden uns wieder Probleme aufgeben.
Auf die wir vorbereitet sein müssen. Um sie
unter unsere Kontrolle zu bringen.
Landesváterliche Vorsorge für neue Verhaftungswellen. Pisagua
ist zu eng geworden für die Planungen der Junta. An einer bisher
unbebauten Stelle des Strandes erheben sich Neubauten: Baracke
neben Baracke, bezeichnet mit den Buchstaben von A bis Z, ein
groBer Appellplatz, eine Reihe von Latrinen, offen, jederzeit
einzusehen. Alles umzáunt mit Stacheldraht.
Ein menschenleeres Konzentrationslager ist ein gespenstischer
Anblick. Da sitzen in Santiago irgendwelche schreibtischtáter und
hecken einen Feldzug < gegen den Marxismus >> aus
und schon
erheben sich Tausende Kilometer rrórdlich diese Zweckbauten:
pedantisch ausgerichtet, penibel sauber. Hier liegt die Grausamkeit in der Sachlichkeit.
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In den Baracken zwei Reihen Doppelbetten, zwischen ihnen ein
Mittelgang. Kein Stuhl, *ein Tisch. Die Decken auf den Matratzen
sind noch unbenutzt, riechen neu. Noch hat keines Háftlings FUB
das neue KZ Pisagua betreten, noch hat keiner auf diesen
Pritschen gelegen. Aber die gafize Anlage, deren Modell
gewissermaBen als Vollzugsmeldung nach Santiago geschickt
werden soll, beweist, daB sich die Militárs auf einen langen
Zustand des " inneren Krieges, einrichten.
Das aber heiBt, daB sie ihrer Sache nicht sicher sind. Und damit
rechnen müssen, .daB neue Kámpfer auferstehn. Denn der
Militárputsch hat keinen der in Chile bestehenden Widersprüche
gelóst, sondern jeden nur weiter verschárft. So, wie sich die
Bourgeoisie im Proletariat den eigenen Totengráber schaffen mu8,
so ruft die faschistische Militárdiktatur den antifaschistischen
Widerstand des Volkes wach, werden neue Kampfbündnisse
entstehen, breiter noch als die Unidad Popular. Was ist von der
neuen <Ordnung" rn Chile zu halten? Dasselbe, was Rosa
Luxemburg voñ der "Ordnung" hielt, die der Novemberrevolution folgte: "Ihr stumpfen Schergen! Eure ,Ordnung,
ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich schon rnorgen
rasselnd in die Hóh' richten und zu eurem Schrecken mit
Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!"
2r0
Auf dem Appellplal:zvor dem Gefángnisblock stehen die Háftlinge
im' offenen Viereck angetreten. Tágliches Ritual in jedem
chilenischenKZ: Die Háftlinge singen auf Befehl die chilenische
befohlene Ma8nahme der
Nationalhymne
- zueine von der Junta
"nationaler Gesinnungo. Freilich: Inzwi"Umerziehung,
schen ist den Militárs die Hymne unheimlich geworden;
allzudeutlich námlich wird in den Lagern und Gefángnissen, aber
auch in den Schulen des Landes jener Satz des Textes akzentuiert,
der von Chile sagt: < Du wirst sein das Grab der Freien oder die
Zuflucht der Unterdrückten ". Besorgt lieB die Junta in der Zeitung
n El Mercurio, am 10. April 1974
"trnstruktionen zur Interpretation der Nationalhymne " verlautbaren, in denen besonderer
Wert auf die dritte S,trophe gelegt wird, die Strophe zum Lobe des
Militárs.
Chiles Nationalhymne * wie oft hatten wir sie gehórt, als wir vor
Jahresfrist im Lande waren! Es sangen sie Kommunisten und
\./
aber es sangen sie auch
Sozialisten, Radikale und Christen
Faschisten und Nationalisten. Zeitweilig trugen wir uns mit dem
Gedanken, die Hymne zum. Ausgangspunkt einer filmischen
Betrachtung zu nehmen,'wer denn nun eigentlich das Recht für
sich in Anspruch nehmen dürfe, Sachwalter der chilenischen
Nation zu sein. . . Als wir nun von unseren gefangenen Genossen
die Hymne hórten, als wir die dazugehórigen Filmbilder immer
wieder ablaufen lieBen, fiel uns jene Szene ein, in der Salvador
Allende im Prásidium einer Kundgebung kurz vor dem
stehend die Hymne sang. Das musikalifaschistischen Putsch
sche Vorspiel war verklungen, Allende erhob beide Hánde, wie
ein Dirigent, ein Lácheln, sein unverwechselbar ermunterndes
Lácheln in den Mundwinkeln . . . So stand er und sang -- und sein
Bild ist lebendig in denen, die heute unte.r Aufsicht singen.
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Puro Chile es tu cielo azulade
y tus brisas te cruzan tamtién
214
'f'.É.¡.q.,,r#ti?
UE;
Y
u
Reines Chile,
dein Himmel ist blau,
und der Meerwind
streicht über dich hin.
215
l
lr
y tus campos de flores bordadod
son la copia feliz del Eden
2t6
Deine blütenbesáten
Felder
sind ein glückliches
Abbild des Paradieses.
217
E-
Majestuosa es la blanca montana
que te dio por baluarte el senor
que te dio por baluarte el senor
2t8
ffi
Majestátisch ragen
deine weiBen Berge,
die der Herr
als Bollwerk dir gab,
die der Herr
als Bollwerk dir gab.
219
y ese mar que tranquilo te bana
te promete futuro esplendor
te promete futuro esplendor
224
Und dieses Meer,
das sanft dich umspült,
verkündet dir künftigen Glanz.
Verkündet dir künftigen Glanz.
221
Dulce partia recibe los votos
con que Chile en tus aras juro
222
Teure Heimat,
vernimm die Stimmen,
mit denen Chile
dir schwórt:
223
que o la tumba seras de los libres
o el asilo contra Ia oPresion
224
._:-.!
Du wirst sein
das Grab der Freien
oder die Zuflucht
der Unterdrückten.
22s
que o la tumba seras de los libres
o el asilo contra la opresion
226
Du wirst sein
das Grab der Freien
oder die Zuflucht
der Unterdrückten.
227
o el asilo contra la opresion
o el asilo contra la opresion
228
die Zuflucht
der Unterdrückten,
oder die Zuflucht
der Unterdrückten.
. . . oder
229
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I
I
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*Umerziehung zu nationaler Gesinnung>? Wie lácherlich diese
AnmaBung! Als ob es einen Kámpfer der Unidad Popular geben
würde, der nicht ein glühender Patriot wáre! Die Enteignung der
auslándischen Monopole
das war für Chile. Die Nationalisierung der Bodenschátze
das war für Chile. Die Landreform
das war für Chile. Der tágliche Becher Milch für die Kinder-das
war für Chiles Zukunft. Nein, vaterlandslose Gesellen waren sie
nie, die Kornmunisten und Sozialisten. Sind sie Internationalisten,
so doch zugleich Patrioten. Sie, die da in Pisagua und anderswo
von der Junta zum Gesang befohlen werden, haben für Chile mehr
geleistet als alle bürgerlichen Regimes zusammen;denn sie haben
den Weg_ gezeigt zu nationaler Würde, Unabhángigkeit und
230
Souveránitát. Wie begeistert sangen sie die Hymne ihres geliebten
Chile, wieviel von ihrer Verhei8ung war Wirklichkeit geworden
unter der Fahne der Unidad Popular! Ja, sie kennen ihren Text,
die Háftlinge von heute, die Sieger von morgen. Das "reine
Chile ", das die Hymne beschwórt
es wird sein, wenn die
Generalscliqye, die ihren Eid auf die Verfassung brach und damit
das Vaterland verriet, vergessen sein wird.
Die in der Beugehaft sind Ungebeugte; ihr Gesang wird zum Sturm
werden.
Sie werden bis ans Ende
der Welt verfolgt und dem
hilenischen Volk übergeben
werden,
damít es síe richte'
Wir haben also Chacabuco und Pisagua vorge.zeigt bekommen'
die Überrumpelung
Anders láBt es sich nicht sagen; denn nachdem
einmalgegtücktwar,gingesdenunsbegleitendenoffizierenum
eine eefállige
Darstellung.
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Eingings* bereit, haben wir auf die komplizierte Situation
hingewiesen, die uns wáhrend der Aufnahmen mit unseren
zugleich von
gefangenen Genossen und Freunden verband und
ihn.r, trennte. DaB wir von Mifihandlung, Folter und Mord nichts
Reise inden
hóren und nichts sehen würden, war klar, als wir die
nicht
Norden antraten. DaB aber die chilenische KZ-Wirklichkeit
GesangundSchnitzereiist,dasistebensoklar.Zuviele
belegen, da3 in
Zeugenaussagen néuesten Datums liegen vor, die
der Atacama-wüste nicht nur <<táglich ein Stück gestorben>>,
sondernmenschlichesLebenauchgewaltsambeendetwird.
im Juni
Unsere Aufnahmen drehten wir lange vor der Nachriqht
1974, dafS
in Pisagua vier Háftlinge exekutiert wurden.
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Was also wird den " Kriegsgefangenen A. Peter " in Pisagua
bewogen haben, auf ein Stück grundierter PreBpappe mit
schwarzer Teerfarbe jene dunkle Gestalt zu malen, diesen
hockenden Schützen, der dem Betrachter den Rücken zukehrt?
Es wird das Bewu8tsein der stándigen Drohung sein, die über den
Gefangenen lastet; es ist der Schatten der Gewaltherrschaft, die
über Chile liegt.
Der Mordschütze
ein anonymer Táter? Das ist er nicht. Wer
da gegenwártig eingespannt ist in den Dienst der Militárjunta
ob als Schütze oder Schreibtischmórder, ob gezwungenermaBen
sollte sich der Erfahrungen der deutschen
oder freiwillig
-,
Faschisten erinnern, als nach dem Untergang des Nazireichs die
Zeit der Abrechnung begann, der Abrechnung für Verbrecfren, die
nicht verjáhren.
Kommentarlos stellen wir deshalb neben das Bild des ., Kriegsgefangenen A. Peter, in Pisagua den Punkt VI. aus dem Bericht der
,,Internationalen' Kommission für die Untersuchung der Verbrechen der Militárjunta in Chile ',, so beschlossen auf ihrer ersten
Sitzung im Márz 1974 in Helsinki:
VI. An die Kommandanten der Konzentrationslager und an die
Direktoren der chilenischen Gefángnisse
Jeder Tag, der vergeht, bringt Nachrichten von neuen Grausamkeiten, die in den Konzentrationslagern und in den chilenischen
Gefángnissen an unschuldig Eingekerkerten verübt werden.
Heute, hier in Helsinki, haben wir bei den Sitzungen der
Internationalen Kommission für die Untersuchung der Verbrechen der Militárjunta in Chile neue Zeugenberichte über diese
grausamen Verbrechen gehórt.
Zweifellos wird der Tag kommen, da die Schuldigen an diesen
Taten abgeurteilt werden kónnen. Wáhrend es noch nicht soweit
ist, setzen wir alles daran, diese Verbrechen zu untersuchen, und
wir wollen eine Warnung aussprechen an die Kommandanten der
Konzentrationslager und an die Direktoren der Gefángnisse, die
23s
fürdiebegangenenBrutalitátenVerantwortlichsind,auchwollen
Befehle nicht
wir feststellen, daB die Berufung auf empfangene
anerkannt werden wird'
entkommen'
S. tOn""n kaum erwarten, daB es ihnen gelingt zu chilenischen
und dem
Sie werden bis ans Ende der wert verfolgt
wir rufen sie auf , über
volk übergeben werden, damit es sie richti:
ihrSchicksalnachzudenkenunddiesenVerbrecheneinEndezu
bereiten.
Blut vergossen
wir rufen auch die aúf , die noch kein unschuldiges
haben,undbittensie,überihreVerantwortungnachzudenken'die
siedemchilenischenVolkgegenüberundvordemGesetztragen.
sie zu Komplizen dieser
Sie mógen der Junta nicht gestatteí'
Verbrecher zu machen'
Beendigung der
Wir bestehen auf einer sofortigen und totalen
Verbrechen gegen das chilenische Volk.
236
#
Inhalt
Das Gespenst 5
Chacabuco 25
La Pampa 113
Pisagua 163
Absatz rómisch sechs 233
1:..
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Quellenangaben:
Seite I
Eines der letzten Gedichte Pablo Nerudas. Die deutsche Übertragung von Walter Fritzsche wurde erstmalig in "Kürbiskernr,
3/74, München, veróffentlicht
Seite 97
Aus der chilenischen Kantate < Santa Maria de Iquique " von Luis
Advis, deutsch von Klaus Méckel, Verlag Volk und Welt, Berlin
1973
Seite 138
Aus ,. Der groBe Gesang n von Pablo Neruda, Nachdichtung von
Erich Arendt, Neuauflage Verlag Volk und Welt, Berlin 1974
i
l.
Auflage 1974
@ 1974 by Verlag der Nation . Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Lizenz-Nr. 400183174
Lektor: Günter Creutzburg
Technischer Redakteur: Ingrid Welzer
Cestaltung:
Walter Martsch, Hans-Joachim Petzak,
Hans-Joachim Schau8, Gruppe 4
Satz: Druckerei Neues Deutschland .Berlin
Reproduktion und Druck: Druckerei Márkische Volksstimme .Potsdam
Buchbinderische Verarbeitung: Interdruck IV . Leipzig
Best.-Nr. 696 408 3
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