Tagungsprogramm - Universität des Saarlandes

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Tagungsprogramm - Universität des Saarlandes
XXIX. Deutscher Romanistentag
Europa und die
romanische Welt
Universität des Saarlandes
Saarbrücken
25.–29. September 2005
unter der Schirmherrschaft
mit Unterstützung des
des saarländischen Minister­
Ministeriums für Bildung,
präsidenten Peter Müller
Kultur und Wissenschaft
w w w. r o m a n i s t e n t a g . d e
XXIX.
Deutscher
romanIstentag
universität des saarlandes
saarbrücken
25.–29. september 2005
Programmheft zum XXIX. Deutschen Romanistentag
herausgegeben vom Vorstand des Deutschen Romanistenverbandes
Erster Vorsitzender:
Prof. em. Dr. Karlheiz Stierle
Tel.
0681 9386250
Rotenbühlerweg 28
Mail [email protected]
66123 Saarbrücken
uni-konstanz.de
Erste Stellvertretende Vorsitzende:
Prof. Dr. Ingrid Neumann-Holzschuh Tel.
0941 943 3381
Institut für Romanistik
Fax
0941 943 3931
Universität Regensburg
Mail
ingrid.neumann-holz
Universitätsstr. 31
[email protected] Regensburg
regensburg.de
Zweite Stellvertretende Vorsitzende:
Dr. Christiane Maaß
Lehrgebiet Romanistik
Tel.
0511 762 8244
Universität Hannover
Fax
0511 762 8243
Königsworther Platz 1
Mail
[email protected] Hannover
hannover.de
Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit:
Prof. Dr. Ulrich Hoinkes
Romanisches Seminar der
Tel. 0431 880 2265
Christian-Albrechts-Universität
Fax
0431 220 1765
Leipnizstraße 10
Mail
[email protected]
24098 Kiel
uni-kiel.de
Schatzmeister:
HD Dr. Eric Sonntag
Romanisches Seminar der
Tel
0251 832 4525
Westfälischen Wilhelms-Universität Fax
0251 832 8351
Bispinghof 3A
Mail
[email protected] Münster
muenster.de
Organisationsequipe des XXIX. Deutschen Romanistentages
Patricia Oster-Stierle, Sigrid Behrent, Mario Burg, Mike Kersch, Sabine Narr,
Stefan Pfefferle, Birte Thomas - Romanisches Seminar der Universität des
Saarlandes, Postfach 15 11 50, 66041 Saarbrücken; Tel. 0681.302-4566, Mail:
[email protected], Internet: www.romanistentag.de
Logo und Plakat: Thomas Z. Zimmermann (www.designladen.com)
Technische Organisation und Tagungsbüro:
Universität des Saarlandes WuT GmbH
Inhalt
Geleitwort des Ersten Vorsitzenden des DRV,
Prof. Dr. Karlheinz Stierle . .................................................................8
„Europa und die romanische Welt“..................................................11
Gesamtprogramm................................................................................14
Mitgliederversammlung des DRV.....................................................16
Veranstaltung des Institut d’Études Françaises . ............................17
Programme und Zusammenfassungen der Sektionen......... 19
(Die Raumangaben entnehmen Sie bitte dem Faltblatt. Die Zusammenfassungen sind in Programmreihenfolge abgedruckt.)
Sektion 1
Medien-, Fach- und Literaturübersetzung in der Romania
Hommage an Wolfram Wilss zu seinem 80. Geburtstag...............19
Sektion 2
Morphologie und romanistische Sprachwissenschaft....................36
Sektion 3
Potenziale linguistischer Diversität in der Romania........................61
Sektion 4
Romanische Sprachen in Europa.
Eine Tradition mit Zukunft?..............................................................77
Sektion 5
Sprachwandel und räumliche (Dis-)Kontinuität..............................93
Sektion 6
Grammatischer Sprachwandel und seine Erklärbarkeit...............116
Sektion 7
Dynamik romanischer Varietäten außerhalb Europa...................136
Sektion 8
Spracherwerb in der und um die Romania.....................................155
Sektion 9
Sportsprache in der Romania...........................................................179
Sektion 10
Minimalistische Sprachwissenschaft in der alten Welt..................189
Sektion 11
Romanische Sprachgeschichten und
Sprachgeschichtsschreibung.............................................................216
Sektion 12
Il Teatro italiano del Cinquecento e Seicento e
la ricezione europea...........................................................................236
Sektion 13
Lateinische Dichtung und volkssprachliche Traditionen
von der Renaissance bis zum Neoklassizismus.............................252
Sektion 14
Postmoderne Lyrik – Lyrik in der Postmoderne...........................267
Sektion 15
Europäischer Film (seit 1945) im Kontext der Romania:
Geschichte und Innovation .............................................................284
Sektion 16
Die Inszenierung von Begegnungen: Entdeckung und
Eroberung in Text und Film............................................................303
Sektion 17
Geschichte der literarischen Spannung .........................................320
Sektion 18
Die Krise der Zivilisation..................................................................334
Sektion 19
Aspekte der politischen Theologie der Neuzeit –
Herrscherbilder und Staatsverständnis in den Dramen
von Renaissance, Barock und Klassik.............................................352
Sektion 20
Literatur und Bürgerkrieg in der Romania . ..................................371
Sektion 21
Montréal und Toronto: Mediale und literarische Spiegelungen
von Migration im urbanen Raum ...................................................392
Sektion 22
Die Konstituierung eines europäischen Kommunikationsraumes
im Wandel der Medienlandschaft des 18. Jahrhunderts...............404
Sektion 23
Europas neue Liebe - Theorie und Repräsentation
des Affekts um 1700..........................................................................421
Sektion 24
Unausweichlichkeit des Mythos – Mythopoiesis in der
europäischen Romania nach 1945...................................................438
Sektion 25
Bilderwelten - Textwelten - Comicwelten:
romanistische Begegnungen mit der „neunten Kunst“...............455
Sektion 26
Recherches récentes sur Gustave Flaubert en Allemagne...........477
Sektion 27
Deutschland - Frankreich in Europa. Dynamik eines
‚transnationalen’ kulturellen Feldes um 1945.................................488
Sektion 28
Eros – Zur Ästhetisierung eines (spät)antiken Philosophems
in Neuzeit und Moderne...................................................................504
Personenverzeichnis...........................................................................516
Danksagung........................................................................................528
Liebe Romanistinnen und Romanisten,
Seien Sie herzlich begrüßt zum diesjährigen 29. Romanistentag. Wir freuen uns, daß wir, wie schon einmal 1979, Gast der
Universität des Saarlandes sein dürfen, die der romanischen Welt
von allen deutschen Hochschulen am unmittelbarsten benachbart
ist und in der sich die Romanistik schon immer der besonderen
Aufmerksamkeit des Landes erfreut. Ein Zeichen dieser Aufmerksamkeit ist es, daß Ministerpräsident Peter Müller, der zugleich der
derzeitige Bevollmächtigte der Bundesrepublik für deutsch-französische Kulturbeziehungen ist, sogleich bereit war, die Schirmherrschaft über unsere Tagung zu übernehmen und daß der Minister für Bildung, Kultur und Wissenschaft des Saarlandes Jürgen
Schreier bei der Eröffnung unserer Veranstaltung ein Grußwort
sprechen wird. Minister Schreier danken wir auch für einen namhaften Zuschuß seines Ministeriums.
Das Thema „Europa und die romanische Welt“, das unserer Arbeit einen übergreifenden Rahmen geben soll, hat ein
höchst erfreuliches Echo gefunden. Insgesamt 28 Sektionen zu
Sprache, Literatur und Kultur der romanischen Länder innerhalb
und außerhalb Europas werden ihre Forschungsergebnisse austauschen und diskutieren. Schon das reichhaltige Programm zeigt, wie
überaus lebendig und produktiv unser Fach ist und mit welchem
Engagement es, allen kurzsichtigen hochschulpolitischen Trends
zum Trotz, gerade von jungen Romanistinnen und Romanisten betrieben wird.
In den Plenarvorträgen, die wir Ihrer Aufmerksamkeit besonders empfehlen, werden namhafte internationale Stimmen zu
unserem Thema zu Wort kommen. Unser Ausflug nach Metz, wo
uns der Bürgermeister empfangen wird, gibt Gelegenheit zur Begegnung mit einer der schönsten Städte Ostfrankreichs. In einer
Abschlußdiskussion wollen wir gemeinsam mit den Vorsitzenden
der einzelnen romanistischen Fachverbände Chancen und Probleme diskutieren, die der sogenannte Bolognaprozeß mit seinem
Ideal einer anglophonen europäischen Monokultur für unsere Fächer bedeutet.
Es ist kein Geheimnis, daß vielerorts angesichts einer bunten Vielfalt aus dem Boden sprießender neuer Disziplinen, deren
wissenschaftliche Bewährung freilich noch aussteht, die Romanistik mit ihren Einzelfächern als nicht mehr zeitgemäß gilt und vielfach an den Universitäten zum Kandidaten des Rotstifts geworden
ist. Wenn es richtig ist, daß es ohne romanische Welt kein Europa
gäbe, dann kann es auch keine europäisch gesinnte deutsche Geisteswissenschaft ohne Romanistik geben. Wir dürfen stolz darauf
sein, daß seit der Begründung der Romanischen Philologie im 19.
Jahrhundert die Romanistik immer wieder wegweisende Beiträge zu einer europäischen Kultur- und Geisteswissenschaft geleistet hat. Was wäre eine Geisteswissenschaft, die auf die Namen
Vossler, Curtius, Spitzer, Auerbach, Friedrich, Köhler, Coseriu,
Weinrich oder Jauß verzichten müßte? Und viele weitere Namen
müßten hier noch genannt werden.
Keine andere Sprachwissenschaft hat mit dem Lateinischen
und den romanischen Volkssprachen ein so reiches Forschungsfeld wie die romanistische, keine andere Literaturwissenschaft hat
eine solch herausragende Vielfalt bedeutender europäischer Literaturzeugnisse zu ihrem Gegenstand. Die Romanistik ist eine europäische Wissenschaft in Deutschland und den deutschsprachigen
Ländern. Ihre im Blick auf die romanische Welt zugleich nahe und
exzentrische Position erlaubt es, Zusammenhänge zwischen den
romanischen Sprachen, Literaturen und Kulturen wahrzunehmen,
die aus einer je spezifischen nationalen Optik schwer zu gewinnen
wären. Vor allem aber hat sie eine konkrete Vermittlungsaufgabe: sie muß mit fachlicher Kompetenz die Wege zur romanischen
Welt in Vergangenheit und Gegenwart offenhalten, damit nicht
ein gleichförmiges und kulturloses Europa entsteht, so fad wie ge
wisse Apfelsorten, die es inzwischen in jedem Supermarkt der Welt
gibt und die in Aussehen und Geschmack gleich trostlos standardisiert sind. Nichts zwingt, die Verarmung unserer Welt als gegeben hinzunehmen. Erhaltung der Artenvielfalt ist auch in der Welt
des Geistes ein ökologisches Gebot. Europa, das alte Europa, wie
manche es beschimpfen, ist ein Chronotop, seine Vergangenheit ist
noch immer Teil seiner Gegenwart. Gerade darin liegt das Geheimnis seiner fortwährenden Innovationskraft begründet. Der Anteil,
den die romanische Welt an diesem Europa hat, ist immens. Es
liegt an uns, dies immer wieder ins öffentliche Bewußtsein zu bringen.
Zum Schluß ein Wort des Danks: Das Saarbrücker Romanische Seminar hat mit Mitteln und Ideen das Zustandekommen
des Romanistentages wesentlich gefördert. Die organisatorische
Vorbereitung lag in den Händen der Geschäfsführenden Professorinnen Mechthild Albert und Patricia Oster-Stierle und der von
ihr geleiteten Organisationsequipe mit Sigrid Behrent, Mario Burg,
Mike Kersch, Sabine Narr, Stefan Pfefferle und Birte Thomas. Für
die technische Organisation war Frau Uta Merkle von der Kontaktstelle für Wissens- und Technologietransfer verantwortlich. Ihnen
allen gilt unser herzlicher Dank für die immense Vorbereitungsarbeit, die sie für uns geleistet haben.
Ich wünsche Ihnen allen ertragreiche und schöne Tage in Saarbrücken und bin herzlich grüßend Ihr
Prof. Dr. Karlheinz Stierle, Erster Vorsitzender des DRV
10
„Europa und die romanische Welt“
Europa wäre nicht ohne die romanische Welt. Auch die nichtromanischen Kulturen Europas sind durch die romanische Kultur tiefgreifend geprägt. Dies gilt insbesondere für die deutschsprachigen
Länder, bei denen in Religion, Rechtsauffassung, politischen Anschauungen und Sprache der Wissenschaft geradezu von einer
strukturellen Romanität gesprochen werden könnte. Es ist kein
Zufall, daß die romanische Philologie und daraus hervorgehend
die Romanistik als wissenschaftliche Disziplin, die der Gesamtheit
der romanischen Sprachen, Kulturen und Literaturen zugewandt
ist, im Deutschland des 19. Jahrhunderts entstand und sich in den
deutschsprachigen Ländern, trotz mancher Anfechtungen, bis
heute bewahrt und bewährt hat. Der Blick von außen scheint eine
Chance, die Dialektik von Einheit und Vielfalt der romanischen
Welt anders wahrzunehmen, als dies der ausschließlichen Konzentration auf eine der romanischen Kulturen, sei es aus der Innenoder Außenperspektive, möglich ist, aber auch die Bedeutung der
romanischen Welt für Europa in einem europäischen Horizont zu
erfassen.
Die imperiale römische Politik richtete erstmals den Blick auf
das Europa nördlich der Alpen. Gaston Paris, der Begründer der
Zeitschrift Romania, hat mit seinem programmatischen Artikel
„Romani, Romania, lingua romana, romantium“, der den ersten,
1872, ein Jahr nach der Niederlage im Preußisch-Französischen
Krieg, erschienenen Band einleitet, das zivilisatorische Vermögen
Roms gepriesen, das es immer wieder vermochte, sich zu wandeln und neue Amalgame mit den Kulturen und Sprachen der
unterworfenen Völker und Stämme einzugehen. Für ihn sind die
romanischen Volkssprachen, weit entfernt davon, sich dem klassischen Latein entgegenzusetzen, die Manifestationen seines Ingeniums. In der zivilisatorischen Kraft des Römischen liegt für ihn
das entscheidende Moment, das es rechtfertigt, von einer Einheit
11
der romanischen Welt oder der Romania zu sprechen. Es ließe sich
dem wohl die Beobachtung hinzufügen, daß in den romanischen
Kulturen noch immer der Sinn für Sprache und ihren gesellschaftlichen, gemeinschaftsstiftenden Wert besonders ausgeprägt ist. Die
Arbeit an der Sprache als eine bewußte, unabschließbare Aufgabe scheint für alle romanischen Kulturen konstitutiv. Dies bedingt
aber auch die besondere gesellschaftsbildende Rolle der Literatur,
in der die Sprache gleichsam zur Sprache gebracht wird.
In einer globalisierten anglophonen und von der Militärmacht
der Vereinigten Staaten je nach Auffassung gesicherten oder beherrschten Welt ist Europa in Gefahr, sich bis zur Konturenlosigkeit aufzulösen und seine Identität bis zur neuen sprachlichen
Unmündigkeit aufzugeben. Der Geltungsschwund romanischer
Sprachen und Kulturen, der sich gegenwärtig in Deutschland
dramatisch in immer neuen Schließungen und Reduktionen Romanischer Seminare an den Universitäten zeigt, ist Ausdruck und
Medium des europäischen Identitätsverlusts. Es wäre schön, wenn
hier das Hölderlinsche Diktum „Wo aber Gefahr ist, wächst das
Rettende auch“ sein Recht behielte. Wenn neuerdings vielerorts,
besonders aber in Frankreich und Deutschland, sich das Bewußtsein regt, daß das ‘alte Europa‘ in der happy new world der Globalisierung noch immer sein eigenes Gewicht behaupten kann und
daß ihm aus seiner Vergangenheit noch immer ein nie versiegender
Strom an Innovationsenergie in allen Bereichen von Wissenschaft,
Kultur, Kunst und Literatur zuwächst, so bedeutet dies zugleich
eine Chance für die europäische Geltung der romanischen Welt.
Aber auch außerhalb Europas, in den Ländern Südamerikas, ja in
den USA, in Québec und in den frankophonen Ländern Nordafrikas, erweist die romanische Welt ihre Dynamik. Gerade in den USA
hat das Spanische sich als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen,
ja, seine Bedeutung nimmt von Jahr zu Jahr zu. Noch immer ist
Rumänien stolz, der romanischen Welt zuzugehören, und Sprache,
Literatur und Dichtung Italiens stellen seit Jahrhunderten einen
12
Motor für die kulturelle Dynamik der romanischen Welt und Europas dar. Spanien und Portugal stehen in ungebrochen intensivem
kulturellem Austausch mit den Ländern Südamerikas. Der DRV
tritt für die Interessen der Institutionen ein, die im Dienst der romanischen Welt und ihrer Vermittlung stehen und damit zugleich
im Dienst Europas. Das Thema des kommenden Romanistentags
„Europa und die romanische Welt“ soll in Weite und Vielfalt seiner wissenschaftlichen Interessen an Sprache, Literatur und Kultur
dieses Engagement zum Ausdruck bringen.
Es ist ein glücklicher Umstand, daß der kommende Romanistentag
in Saarbrücken stattfindet, wo die Präsenz der romanischen Welt
bis in die deutsch-französische Zweisprachigkeit der Verkehrsschilder mit Händen zu greifen ist. Hier soll sich zeigen, daß die
geistige Lebendigkeit der romanischen Welt wie der Institutionen
ihrer Vermittlung unersetzbar ist und sich auch im Kontext globaler
wirtschaftlicher und kommunikativer Vernetzungen behauptet.
Die Weltlosigkeit der Vernetzungen, die sich leicht in Vernetzungswahn versteigt, bedarf als Gegenpol des Sinns für Konkretheit in
Raum und Zeit, soll kulturelle Wirklichkeit sich nicht in Beliebigkeit verflüchtigen. Vielleicht kann es gelingen, dies in Saarbrücken
unter Beweis zu stellen.
13
Gesamtprogramm
Sonntag, 25.09.2005
16.00
17.00
Treffen der Sektionsleiter
Eröffnungsveranstaltung mit Empfang
Musik: Romania Cantat
Grußworte
Begrüßung durch den Vorsitzenden
Musik: Romania Cantat
Verleihung des Elise-Richter-Preises
Musik: Romania Cantat
Festvortrag: Hans Ulrich Gumbrecht, Professor an der Stanford University:
„Die Konkretheit der Romania“
Im Anschluss: „Romanisches“ Buffet
Montag, 26.09.2005
09.00-10.30
10.30-11.00
11.00-12.00
14.00-15.30
15.30-16.00
16.00-17.30
17.45-19.00
19.30
14
Sektionsarbeit
Pause
Plenarvortrag: Claude Hagège,
Professeur au Collège de France:
„Vie et mort des langues”
Sektionsarbeit
Pause
Sektionsarbeit
DFG Workshop
Lesung von Danièle Sallenave
aus ihrem neuen Roman im Rathaussaal
Pot d‘accueil der Stadt und des
Institut d‘Études Françaises
Dienstag, 27.09.2005
09.00-10.30
10.30-11.00
11.00-12.00
14.00-15.30
15.30-16.00
16.00-17.30
18.00-21.00
Sektionsarbeit
Pause
Plenarvortrag: José María Ridao,
spanischer UNESCO-Botschafter in Paris:
„Los intelectuales españoles y el Quijote“
Sektionsarbeit
Pause
Sektionsarbeit
Mitgliederversammlung des DRV
Mittwoch, 28.09.2005
09.00-10.30
10.30-11.00
11.00-12.00
14.00
ab 22.00
Sektionsarbeit
Pause
Plenarvortrag: Lina Bolzoni, Professorin
an der Scuola normale superiore, Pisa:
„Tradizione classica e cultura della memoria in Europa fra Medievo e Rinascimento”
Ausflug nach Metz, mit Abendessen
Rückfahrt nach Saarbrücken
Donnerstag, 29.09.2005
09.00-10.30
10.30-11.00
11.00-12.30
ab 13.00
Sektionsarbeit
Pause
Podiumsdiskussion: „Romanistik alla
Bolognese“, Diskussion mit den Vorsitzenden der Romanistischen Fachverbände über die Chancen und Risiken des Bologna-Prozesses
Schlußwort des Vorsitzenden
Abreise
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Mitgliederversammlung des DRV
Während der Tagung wird die Mitgliederversammlung, zu der der
Verbandsvorstand alle Mitglieder herzlich einlädt, am 27.09.2005
um 18.00 Uhr im Auditorium Maximum in Gebäude 16 stattfinden. Die Mitgliederversammlung soll zu folgender Tagesordnung
beraten und Beschluss fassen:
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
13.
14.
15.
16.
16
Begrüßung und Eröffnung. Feststellung der Beschlussfähigkeit, Feststellung der ordnungsgemäßen Ladung
Änderungsanträge zur Tagesordnung und Feststellung der Tagesordnung
Genehmigung des Protokolls der letzten Mitgliederversammlung
Tätigkeits- und Geschäftsbericht des Vorstands
Bericht zur Neukonstitution der ‚Arbeitsgemeinschaft roma-
nistischer Fachverbände’ (AGRom)
Bericht zur ‚Union geistes- und kulturwissenschaftlicher
Verbände’ (UgV)
Beschlussfassung zur Einrichtung eines regelmäßigen Mitteilungsbriefs des DRV
Beschlussfassung zu vier Satzungsänderungen
Entgegennahme des Berichts der Kassenprüfer
Entlastung des Vorstands
Erklärung des DRV zur Lage der Romanistik
Neuwahl des Vorstands
Neuwahl der Kassenprüfer
Termin und Ort des 30. Deutschen Romanistentags 2007
Beschlussfassung über Anträge (bei Bedarf)
Verschiedenes
Veranstaltung des Institut d’Études Françaises
Danièle Sallenave
lira des extraits de son dernier roman „La Fraga“
Rathaussaal, Sarrebruck Lundi, 26 septembre 2005 à 20.00h
Romancière, universitaire, essayiste, traductrice de l‘italien (Calvino, Pasolini, Calasso), Danielle Sallenave passe avec aisance et conviction d‘une forme littéraire
à une autre sans trahir le moindre de ses
engagements. Parmi ses œuvres citons:
Les Portes de Gubbio (1980), Un printemps
froid (1983) La vie fantôme (1986), Conversations conjugales (1987), Le Don
des morts (1991), Les trois minutes du diable (1994), A quoi sert la littérature?
(1997), Paysages de ruines avec personnages (2001).
Plus romanesque que la plupart de ses précédentes fictions, La Fra­
ga commence comme un roman de Henry
James. Venise 1893 : L‘Europe, un continent
neuf, riche d‘imprévus, de libertés nouvelles,
de secondes naissances... C‘est à ce tour de
passe-passe jubilatoire que nous convie Danièle Sallenave à travers le portrait coloré de
son héroïne, Mary Gordon, fille d‘un pasteur
de la Nouvelle-Angleterre.
La Fraga, Gallimard, Collection Blanche,
2005.
17
Programme und Zusammenfassungen der Sektionen
Sektion 1
Medien-, Fach- und Literaturübersetzung in der Romania
Hommage an Wolfram Wilss zu seinem 80. Geburtstag
Leitung: Alberto Gil / Ursula Wienen (Saarbrücken)
Programm
Montag, 26.09.05
Diskursanalytische und mediale Fragestellungen des Übersetzens
9.00 Uhr
Jörn Albrecht (Heidelberg)
„Erzählen“ vs. „Beschreiben“ aus textlinguistischer und übersetzungswissen­schaftlicher Sicht
9.45 Uhr
Vahram Atayan/Andrea Wurm (Saarbrücken)
Die Saarbrücker Übersetzungsbibliographie
(SÜB). Eine elektronische Datenbank romanischdeutscher Übersetzungen nichtfiktionaler Texte
14.00 Uhr Francisco Chico Rico (Alicante)
Traducción y educación para la comunicación social: el ejercicio de la traducción en la instrucción
retórica
14.45 Uhr
Christian Schmitt (Bonn)
Der Global Player und die translatorische Poten-
tialität. Linguistische Bemerkungen zum Vorwurf rassistischer Sprachverwendung gegen R. Madrid
16.00 Uhr
Laura Sergo / Gisela Thome (Saarbrücken)
Textsortenvergleich als Entscheidungshilfe bei
der Übersetzung von Kommentaren aus französischen Printmedien ins Italienische und Deutsche
Fachübersetzung
16.45 Uhr
Gabriele Blaikner-Hohenwart (Salzburg)
Fuzzy edges - wie literarisch können Fachüberset-
19
zungen sein? (corpusgestützt)
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
Johann Haller (Saarbrücken)
Automatische Termextraktion aus spanischen und
deutschen Texten (monolingual und bilingual)
9.45 Uhr
Karl Gerhard Hempel (Messina)
Zur Übersetzung archäologischer Texte (DeutschItalienisch / Italienisch-Deutsch)
Literaturübersetzung
14.00 Uhr
Alberto Gil (Saarbrücken)
Hermeneutik und Übersetzungskritik: Zu Jorge
Luis Borges’ Pierre Menard, autor del ‘Quijote’
14.45 Uhr
Olaf Kramer (Tübingen)
„Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen...“. Goethes Diderot-Übersetzungen zwischen
rhetorischer Strategie und engagierter Vermittlung
16.00 Uhr
Christoph Wagner (Saarbrücken)
„Ceci n’est pas une pipe“ - Bild und Text im inter-
medialen Transfer bei René Magritte und Alain Robbe-Grillet
Linguistische Fragestellungen des Übersetzens
16.45 Uhr
Reiner Arntz (Hildesheim)
Romanische Mehrsprachigkeit durch Sprach- und
Übersetzungsvergleich – Schwer­punkt Spanisch/
Portugiesisch
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
20
Wolfgang Pöckl (Innsbruck)
Können faux amis durch Übersetzung zu vrais amis werden?
Barbara Schäfer-Prieß (München)
Exonyme im Portugiesischen
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
10.30 Ursula Wienen (Saarbrücken)
Translatorische Fragen sprachlicher Kontinua
Michael Schreiber (Köln)
Indirekte Sprechakte im Französischen, Italienischen und Deutschen: Textsor­tenspezifik und
Übersetzung
Werner Thielemann (Berlin)
Claritas, fidelitas, perspicuitas - Wege und Irrwege der Ars traductionis
Abstracts
Jörn Albrecht (Heidelberg)
„Erzählen“ vs. „Beschreiben“ aus textlinguistischer und übersetzungswissen­
schaftlicher Sicht
In diesem Beitrag soll zunächst der Versuch einer Abgrenzung der
Begriffe „Text­typ“ und „Textsorte“ unternommen werden. Dabei
wird die in der Literatur zur Textlinguistik weit verbreitete Ansicht
zu kritisieren sein, es handele sich beim „Texttyp“ um eine Art
von Oberbegriff für „Textsorte“. Die beiden Begriffe lassen sich
logisch nicht hierarchisieren. Im übersetzungswissenschaftlichen
Teil sollen zu­nächst die einzelsprachlichen Merkmale herausgearbeitet werden, die ein Textfrag­ment in verschiedenen Sprachen als
„beschreibend“ oder „erzählend“ kennzeichnen. Auszugehen ist
dabei von der intuitiven Annahme, dass diese
beiden Texttypen in­nerhalb der Textsorte „Roman“ häufig wechseln. Zum Schluss wird auf die Überset­zungsprobleme einzugehen sein, die sich in diesem Zusammenhang in den Überset­
zungsrichtungen Romanisch – Deutsch und Deutsch – Romanisch
ergeben.
21
Vahram Atayan /Andrea Wurm (Saarbrücken)
Die Saarbrücker Übersetzungsbibliographie (SÜB). Eine elektronische
Datenbank romanisch-deutscher Übersetzungen nichtfiktionaler Texte
In diesem Beitrag soll die Saarbrücker Übersetzungsbibliographie – ein zur Zeit an­laufendes DFG-Projekt des Lehrstuhls für
Romanische Übersetzungswissenschaft der Universität des Saarlandes in Zusammenarbeit mit dem Ibero-Amerikanischen Institut
Berlin und der Univer­sitäts- und Landesbibliothek Bonn – vorgestellt werden, um auf das Vorhaben aufmerk­sam zu machen und
aus der Diskussion Anregungen in Bezug auf die konkreten An­
forderungen von Romanisten an eine solche Übersetzungsbibliographie in elektroni­scher Form zu erhalten.
Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer Infrastruktur, die den
Forschern biblio­graphische Daten aus den kulturellen Bereichen
der Romania (Spanisch, Portugie­sisch, Französisch, Italienisch)
verfügbar machen soll, die im Laufe der Geschichte mittels Übersetzungen im deutschsprachigen Raum rezipiert worden sind. Die
Erfas­sung und Erschließung des romanisch-deutschen Übersetzungsbestandes nichtfik­tionaler Texte soll im Rahmen einer in die
Virtuelle Fachbibliothek Ibero-Amerika und in die Virtuelle Fachbibliothek Romanistik integrierten elektronischen Biblio­graphie
erfolgen. Diese Einrichtung soll Forschern wertvollen Zugang
zu bisher un­bekannten oder schwer auffindbaren Daten für linguistische, übersetzungs-, litera­tur- und kulturwissenschaftliche
Untersuchungen ermöglichen. Im geplanten Portal soll dabei die
Recherche nach den nichtfiktionalen Texten und Übersetzungen
in de­ren jeweiligem thematischen, textuellen und kulturellen Umfeld ermöglicht werden. Die Berücksichtigung dieses Umfelds soll
auch bei der Erschließung der relevanten Daten eine zentrale Rolle spielen und zur Korrektheit und maximalen Vollständig­keit der
Erfassung beitragen.
22
Francisco Chico Rico (Alicante)
Traducción y educación para la comunicación social: el ejercicio de la
traducción en la instrucción retórica
Esta ponencia se inscribe en el marco de un proyecto de investigación cuyo propósito general es el de reflexionar sobre la traducción en el seno de la rhetorica recepta, entendida como organización
teórica históricamente elaborada y asimilada e incorporada en diferentes momentos de su historia al conocimiento sobre el discurso.
Ciertamente, el sistema retórico, por un lado, puede contribuir a la
mejor comprensión del acto de traducir y, por otro, puede proporcionar, si no un modelo teórico de la traducción general y literaria,
sí una fuente de enriquecimiento teórico y práctico de cualquier
modelo, teniendo en cuenta que aquel sistema dispone de un instrumental teórico-metodológico desarrollado durante siglos para
la descripción y explicación de la construcción del discurso y de su
comunicación.
Lo que en esta ponencia me ocupará fundamentalmente serán los
debates disciplinares latinos en torno a la traducción y a su importancia para la formación del orador en particular y para la educación para la comunicación social en general. En este contexto
abordaré el ejercicio de la traducción en la instrucción retórica,
analizando y estudiando la traducción tanto en el marco de la teoría retórica como en el dominio de la teoría gramatical, así como
en el seno de las relaciones entre aquél y éste, ya que si la teoría
retórica consideró la traducción fundamentalmente como un ejercicio consistente en la composición o redacción de textos, la teoría
gramatical la consideró sobre todo como un ejercicio consistente
en el comentario de textos o crítica textual – poetarum enarratio o
enarratio auctorum.
23
Christian Schmitt (Bonn)
Der Global Player und die translatorische Potentialität. Linguistische
Bemerkungen zum Vorwurf rassistischer Sprachverwendung gegen Real
Madrid
Wie sportliche Regeln das Fußballspiel, so bestimmen soziale Normen das Verhalten von Menschen, auch auf internationalem Parkett.
Der Global Player, den heutzutage auch der Trainer eines weltweit aktiven Vereins verkörpert, trägt die Verantwortung für sein
sprachliches wie soziales Handeln, seine Aussagen bilden Gegenstand von Zitaten, Spielberichten und allgemeinen Informationen
in der Presse. Ist er auch (mit-)verantwortlich für Übersetzungen,
ja kann es eine Verpflichtung geben, beim sprachlichen Handeln
die mögliche Realisierbarkeit der Aussage in Übersetzungen antizipatorisch in Erwägung zu ziehen?
Ziel des Vortrags ist es, das heute nicht nur in Spanien, sondern
zumindest europaweit diskutierte Prinzip der Verantwortlichkeit
für angesichts der Globalisierung der Sprachen naheliegende, erwartbare und grundsätzlich mögliche Übersetzungen kritisch auf
der Grundlage tatsächlich geäußerter Texte zu besprechen und
eine Antwort auf aktuelle Fragen der politischen Korrektheit zu
begründen.
Laura Sergo / Gisela Thome (Saarbrücken)
Textsortenvergleich als Entscheidungshilfe bei der Übersetzung von
Kommentaren aus französischen Printmedien ins Italienische und Deutsche
Übersetzungspraktiker wie Übersetzungstheoretiker sind sich
weitgehend darüber einig, dass die Findung angemessener zielsprachlicher Lösungen durch den Rückgriff auf die interlinguale
Gegenüberstellung von Paralleltextkorpora spürbar erleichtert
wird. Gleichwohl muss diese Feststellung so lange als spekulativ
gelten, wie es für sie weder einen über singuläre Einzelerfahrungen
24
hinausgehenden wissenschaftlichen Nachweis noch eine Systematik der Berücksichtigung des Textsortenvergleichs im Translationsverfahren gibt. Diesem doppelten Desiderat versucht der Beitrag
durch die bewusste Kombination der beiden genannten Vorgehensweisen abzuhelfen.
Hierzu wird auf ein aus französischen, italienischen und deutschen
Paralleltexten der Subsorte Zeitungs- bzw. Zeitschriftenkommentar bestehendes Korpus zurückgegriffen, das, nach Sprachen getrennt, mit derselben Methode vorab analysiert worden ist. Die
dabei ermittelten einzeltextübergreifenden und damit textsortentypischen Merkmale stehen in einer einheitlichen, nämlich ihrer
Zugehörigkeit zur semantischen, mikro- bzw. makrostrukturellen
oder pragmatischen Ebene folgenden Anordnung nunmehr für die
interlinguale Gegenüberstellung bereit. Diese findet analog zu der
mit Rücksicht auf den Übersetzungsbezug erfolgten Festlegung
der Sprachrichtung statt, nach der Französisch als Ausgangssprache, Italienisch und Deutsch als Zielsprachen bestimmt werden.
So werden die französischen zunächst mit den italienischen, dann
mit den deutschen Textsortenspezifika auf Konvergenzen wie Divergenzen hin verglichen, die schließlich, nach dem bewährten unilingualen Muster untergliedert, in zwei Auflistungen für die Konsultation durch Übersetzer verfügbar sind. Diese kann je nach der
individuellen Arbeitsweise bereits innerhalb der das Translationsgeschehen eröffnenden Analyse der ausgangssprachlichen Vorlage
mit der Erfassung der darin enthaltenen Problemstellen punktuell
verbunden werden oder aber erst in der übersetzungsprozessualen
Übergangsphase, dem sog. Transfer, als systematischer Abgleich
erfolgen.
Die Vorteile der regelmäßigen Einbeziehung des interlingualen
Textsortenvergleichs in die erste Hälfte des Übersetzungsverfahrens als Mittel der Fehlervermeidung und Hilfe bei der Wahl guter
Lösungen werden anhand eines Le Monde diplomatique entnom-
25
menen französischen Originals und seiner italienischen und deutschen Version exemplarisch aufgezeigt.
Gabriele Blaikner-Hohenwart (Salzburg)
Fuzzy edges – wie literarisch können Fachübersetzungen sein
(corpusgestützt)?
Fuzzy edges bestehen bei Fachübersetzungen in besonderer Weise in kulturell geprägten Fachtexten. Ausgehend von einem pragmatisch-heuristischen Standpunkt, der sich an die Sozialwissenschaften anlehnt, analysiert dieser Beitrag übersetzungsrelevante
unscharfe Ränder als konstitutive Elemente von Fachtexten. Hierbei wird „literarischen“ Elementen einerseits eine kulturtragende
bzw. auch interkulturelle Rolle zugewiesen, andererseits werden sie
als spezifisch für Fachtexte (Weintexte, kunsthistorische Texte) beschrieben. An Hand mehrerer Beispiele wird dargelegt, dass reelle
Texte schematisierende Modelle sprengen. Dies impliziert aber,
dass die Rolle des Übersetzers aktiv und kreativ ist und seine Leistung a priori nicht planbar, hingegen ist sie strategisch konzipiert.
Die abgeleiteten Ergebnisse stützen sich auf zwei konkrete Auftragsarbeiten (Deutsch-Französisch, Französisch-Deutsch).
Johann Haller (Saarbrücken)
Automatische Termextraktion aus spanischen und deutschen Texten
(monolingual und bilingual)
Zur Vorbereitung einer Übersetzung von spezialisierten Fachtexten gehört der Aufbau einer Terminologie des entsprechenden
Fachgebietes in den beiden betroffenen Sprachen. Diese Arbeiten
werden meist nur dann durchgeführt, wenn große Mengen von
Texten über eine längere Zeit zu bearbeiten sind; nur dann lohnt
sich der erhebliche Aufwand, der bei einer solchen Aktion zu leisten ist.
Die Methoden der computerisierten Textanalyse erlauben es heute,
26
die Arbeit des Terminologen wesentlich zu unterstützen; dies gilt
insbesondere, wenn bereits größere Mengen übersetzter Texte in
dem entsprechenden Fachgebiet vorliegen. Im Vortrag wird das
System AUTOTERM beispielhaft vorgestellt, die Zwischenschritte
der linguistischen Analyse werden erläutert und die Ergebnisse an
einem konkreten Paralleltext (Spanisch-Deutsch) illustriert.
Karl Gerhard Hempel (Messina)
Zur Übersetzung archäologischer Texte (Deutsch/Italienisch – Italienisch/
Deutsch)
Die Klassische Archäologie kann als eine der wenigen Wissenschaften gelten, in denen die Forschungsdiskussion auch heute
noch in einer (allerdings überschaubaren) Vielzahl von Sprachen
geführt wird, wobei neben Englisch und Französisch aus wissenschaftsgeschichtlichen Gründen besonders das Deutsche und
das Italienische eine traditionell wichtige Rolle spielen. Trotz der
Mehrsprachigkeit der archäologischen scientific community werden
besonders von Texten mittleren bis niedrigen Fachsprachlichkeitsgrades zunehmend Übersetzungen erstellt, sehr häufig auch vom
Italienischen ins Deutsche und umgekehrt. Die spezifischen Probleme bei dieser Art von Fachtextübersetzung spielen in der übersetzungswissenschaftlichen Diskussion bisher kaum eine Rolle, da
diese sich beim Sprachenpaar Deutsch/Italienisch bisher fast ausschließlich auf den juristischen Bereich konzentriert.
Im Vortrag soll zunächst ein kurzer Überblick über die für die Klassische Archäologie typischen Textsorten und eventuelle besondere
Charakteristika gegeben werden, durch die diese sich gegenüber
anderen Fächern auszeichnen (als spezifisch kann etwa die Materialvorlage in Form von Grabungsberichten gelten). Anschließend
soll kurz dargestellt werden, inwieweit sich zwischen deutschen
und italienischen Texten Unterschiede schon im Textsortensystem
nachweisen lassen, die etwa auf eine unterschiedliche akademische
27
Praxis zurückzuführen sind (z. B. die mehr oder weniger große
Bedeutung von Dissertationen).
Anhand gezielter Einzeluntersuchungen zu übersetzungsrelevanten
Textsorten auf der Grundlage von entsprechenden Textkorpora
bzw. case studies soll anschließend untersucht werden, ob sich bei
deutschen und italienischen Texten Charakteristika nachweisen
lassen, die auf eine unterschiedliche Auffassung von Intertextualität (z. B. in Titelgebung und Zitierweise, Tendenz zu erzählendem
oder besprechendem Referieren, explizite oder implizite Kritik)
oder auf ein anderes Verhältnis zur scientific community schließen lassen (z. B. Art der Danksagungen), die als Bestandteile eines Nationalstils gelten können. Außerdem sollen Beispiele dafür diskutiert
werden, dass in italienischen Texten zur Kenntlichmachung von
Hypothesen an Stelle von Heckenausdrücken auf abstrakte Formulierungen zurückgegriffen wird, durch die Schlussfolgerungen
auf eine allgemeinere Ebene gezogen werden. Anhand konkreter
Beispiele sollen Lösungsmöglichkeiten für die Übersetzungsprobleme gegeben werden, die sich aus den ermittelten Kulturdifferenzen ergeben.
Alberto Gil (Saarbrücken)
Hermeneutik und Übersetzungskritik: Zu Jorge Luis Borges’ „Pierre
Menard, autor del ‘Quijote’“
Im Jahr 1939 publizierte der argentinische Dichter, Philosoph und
Kultur­kritiker Jorge Luis Borges (1899 – 1986) Pierre Menard, autor
del ‘Quijote’, eine Erzählung, die nicht ohne Einfluss auf die spätere
wissenschaftliche Erfor­schung der Literaturüber­setzung geblieben
ist. Das Kernstück der Ge­schichte ist folgendes: Pierre Menard,
ein französischer Symbolist aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist über einer Ar­beit gestorben, die im Grunde dazu
verurteilt war, unvollendet zu bleiben: den Qui­jote von Cervantes
neu zu schreiben. Die Manuskriptseiten, die – wie berichtet wird
– nach vielen Entwürfen und anstrengender Arbeit fertiggestellt
28
worden waren, sind eine wortwörtliche Wiedergabe des Originals,
mit dem Unterschied allerdings, dass Autor und Leser jetzt keine Spanier des Siglo de Oro sind, sondern aufgeklärte Prag­matiker
am Anfang des 20. Jahrhunderts. So sind beide Texte zwar gleich,
aber nicht dieselben. Diese Erzählung ist in der translationswissenschaftlichen Forschung sehr unterschiedlich ausgelegt worden.
Die darin enthal­tene Botschaft wirkt sogar so pro­vokativ, dass der
Übersetzer als der Anti-Menard bezeichnet wird. Im Grunde geht
es um die immer wieder neu formulierten gegensätzlichen Positionen: Anerkennung der Eigenständig­keit des Ausgangstextes mit
der entsprechenden übersetzeri­schen Auseinandersetzung mit ihm
oder die Negation des konstitutiven Soseins des Origi­nals und das
folgerichtige Verständnis der Übersetzung als reine Neuproduktion. Es gilt aber nun, eine tiefergehende Analyse der Erzählung zu
vollziehen, die solche Disso­nanzen erklären und gar neue Fragestellungen aufwerfen kann.
Im vorliegenden Beitrag wird der Versuch unternommen, Pier­
re Menard, autor del ‘Quijote’ hermeneutisch zu durchleuchten und
diese Erzählung mit anderen Arbeiten von Borges über Fragen
der Übersetzung in Zusammenhang zu bringen. Be­sonderen Wert
wird auf sprachliche Fragen gelegt, um eine Hermeneutik der
Form und ihre Übersetzungsrelevanz – als Mimesis des Originals
– neu zu begründen.
Olaf Kramer (Tübingen)
„Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen...“. Goethes DiderotÜbersetzungen zwischen rhetorischer Strategie und engagierter Vermittlung
Cellini, Voltaire, Diderot – immer wieder hat Goethe sich als Übersetzer romanischer Texte versucht. Seine Produkte stoßen dabei
häufig auf Kritik. Jürgen von Stackelberg etwa bemerkt in Anbetracht der zahlreichen Fehler, die Goethes Übersetzung von Diderots Le Neveu de Rameau enthält: „Goethe hätte besser daran getan,
jenes Instrument zur Schärfung des Blicks zu verwenden, das er
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verabscheute: die Brille“. Doch trotz philologischer Fehler sind
Goethes Übersetzungen und die von ihm verfassten Kommentare
zu Diderots Roman Le Neveu de Rameau und dessen Abhandlung
Sur la peinture wirkungsvoll gewesen, weil Goethe nicht immer als
neutraler Vermittler, sondern auch als geschickter Stratege auftritt,
der Diderot in einer Weise übersetzt, die vor allem an eigenen argumentativen Interessen und dem Ziel einer möglichst weitreichenden Rezeption orientiert ist.
Goethe hat die Texte Diderots als Kommentar zu aktuellen ästhetischen und sozialen Fragen verstanden und bei allen Differenzen
zu Diderot die argumentative Kraft der Vorlage genutzt, um einen Dialog zu präsentieren, der dem rhetorischen Prinzip einer
Argumentation in utramque partem verpflichtet ist. Die auf diese
Weise entstehende Zweistimmigkeit verleiht den Übersetzungen
einen besonderen Reiz, der jedoch bereits in den zur Polyphonie
neigenden Texten Diderots angelegt ist, den Goethe aus diesem
Grund mehrfach als „Sophist“ bezeichnet hat. Goethe mag philologische Maßstäbe verfehlen, doch gelingt es ihm durch Übersetzung und Kommentar, seinen Lesern die Relevanz der Texte
Diderots zu verdeutlichen und diese im Kontext der ästhetischen
Diskussion in Deutschland zu positionieren. Schließlich ist die Malerei-Studie Diderots, die Goethe in den „Propyläen“ veröffentlicht, integrativer Bestandteil der kritischen Aneignung der antiken
mimesis-Lehre durch die Weimarer Klassik, und mit der Übersetzung von Le Neveu de Rameau gelingt es Goethe zum Ende der
Epoche, die Idee einer autonomen Ästhetik vor dem Hintergrund
sozialer und politischer Realität kritisch zu perspektivieren.
Christoph Wagner (Saarbrücken)
„Ceci n’est pas une pipe“ Bild und Text im intermedialen Transfer bei René
Magritte und Alain Robbe-Grillet
Die Analyse von intertextuellen und transtextuellen Beziehungen
zwischen Texten und Bildern gehört zu den grundlegenden Aufga30
ben einer zur Bildwissenschaft erweiterten Kunstgeschichte in ihren vielfältigen Brückenschlägen zur Literaturwissenschaft: Bilder
übersetzen Texte, Bilder stehen in Kon-Texten, die Bilder übersetzen, Bilder werden in Texten rezipiert. Einen Sonderfall bilden
Kunstwerke, die in Bild und Text im intermedialen Transfer zu
einer übergreifenden ästhetischen Struktur verschmelzen: Das ist
zum einen exemplarisch in der Malerei und Kunsttheorie des belgischen Surrealisten René Magritte zu studieren, der in seiner Malerei programmatisch die komplexen und zum Teil prekären Übersetzungs- und Verweisverhältnisse zwischen Bildern und Texten
mit visuellen Mitteln thematisierte. Das ist zum anderen in dem
1975 veröffentlichten Roman „La belle captive“ von Alain RobbeGrillet, der auf die visuellen Bild-Text-Konstellationen Magrittes
reagierte, indem er seinen Text mit über siebzig Werken Magrittes
durchsetzte, zu studieren. In kaleidoskopartig vervielfältigten Brechungen von Bild-Text-Beziehungen entsteht auf diese Weise im
intermedialen Transfer ein Spiegelkabinett von Bild-Text-Übersetzungen, dessen Analyse zur methodischen Herausforderung
literatur- und kunstwissenschaftlicher Betrachtungen wird und zu
Grundfragen der kognitiven Funktion von Bildern und Texten
führt.
Reiner Arntz (Hildesheim)
Romanische Mehrsprachigkeit durch Sprach- und Übersetzungsvergleich
– Schwer­punkt Spanisch/Portugiesisch
Immer mehr fortgeschrittene Studierende von Übersetzerstudiengängen entscheiden sich dafür, zusätzlich zu ihren – in der Regel
zwei – obligatorischen Fremdsprachen eine oder gar mehrere weitere Sprachen zu erlernen; besonders beliebt sind in die­sem Zusammenhang die weniger häufig gelernten romanischen Sprachen
Italienisch und Portugiesisch. Bei der Vermittlung dieser Sprachen
empfiehlt es sich, sowohl die Kenntnisse der Studierenden in ande­
31
ren romanischen Sprachen als auch ihr überset­zerisches Wissen zu
nutzen.
Dies soll am Beispiel des dreisemestrigen Kurses „Kontrastsprache Portugiesisch“ veranschaulicht werden, der an der Universität
Hildesheim entwickelt wurde. Die Besonderheit dieses Kurses besteht darin, dass es hier nur eine romanische Bezugs­sprache gibt,
die aller­dings in der Kursstruktur eine zentrale Rolle spielt: das
Spani­sche. Daher sind gute Spanisch­kenntnisse Voraussetzung für
die Teilnahme.
In dem abschließenden Modul III (übersetzerische Kompetenz)
werden portugiesi­sche Sachtexte unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade zu verschiedenen Themenbe­reichen gelesen, analysiert und
ins Deutsche übersetzt. Auch hier spielt der kontra­stive Ansatz, d.
h. der systematische Vergleich von Sprachstrukturen, eine entschei­
dende Rolle. Dieser Ansatz wird durch den Vergleich deutsch-spanisch-portugiesi­scher Paralleltexte und Übersetzungen ergänzt.
Wolfgang Pöckl (Innsbruck)
Können faux amis durch Übersetzung zu vrais amis werden?
Warum Wörter mit gemeinsamem etymologischen Ursprung in
verschiedenen Spra­chen eine unterschiedliche Bedeutung annehmen, scheint schwer ergründbar zu sein (vgl. dazu z. B. die Überlegungen von Hans-Martin Gauger in Cartagena/Gauger, Verglei­
chende Grammatik Spanisch – Deutsch, Mannheim/Wien/Zürich 1989,
582). Die Frage ist, ob auch die Umkehrung gilt. Das Faktum als
solches, dass nämlich falsche Freunde unter Konvergenzdruck ihre
unliebsame Eigenschaft als Sprachfallen verlie­ren, kommt ja unbestreitbar vor. Besonders interessant sind dabei solche Fälle, wo
dieses Zusammenrücken gegenläufig zu üblichen Entwicklungen
stattfindet.
Ein Beispiel: Maxime Koessler tadelt in Les faux amis des vocabulaires
anglais et améri­cain (Paris 1975) die Kollokation délinquance juvénile als
„traduction fautive“. Im Petit Robert figuriert ebendiese Wendung
32
(s.v. délinquance) bereits als Musterbeispiel. Während Koessler das
frz. Adjektiv noch als „terme affectif généralement pris en bonne part“ einstuft, ist es mittlerweile nach englischem Vorbild zu
einem lupenrei­nen Relationsadjektiv geworden. Nach Jens Lüdtke
(„Grundzüge der Entwicklung der Relationsadjektive vom Latein
zum Romanischen“, 1995) ist diese Entwicklung untypisch, da aus
Relationsadjektiven leicht qualifizierende Adjektive werden, nicht
jedoch umgekehrt.
Barbara Schäfer-Prieß (München)
Exonyme im Portugiesischen
In diesem Beitrag wird untersucht, in welcher Weise ausländische
Ortsnamen im Portugiesischen wiedergegeben werden. Wie in anderen Sprachen kann man grund­sätzlich unterscheiden zwischen
(relativ) unveränderter Übernahme (z. B. Barcelona), lautlicher und/
oder graphischer Adaptation (z. B. Estrasburgo) und Rückgriff auf
hi­storische Formen (z. B. Ratisbona), wobei die Grenzen teilweise
fließend sind. Als spe­zifisch für das Portugiesische erweist sich,
dass offenbar bei vielen Exonymen die Vermittlung durch das Spanische oder Französische erfolgte. Weiteres Interesse gilt der möglichen Variation hinsichtlich exonymischer und endonymischer
Form (z. B. Tréveris vs. Trier).
Ursula Wienen (Saarbrücken)
Translatorische Fragen sprachlicher Kontinua
Die Forschung auf dem Gebiet der Beziehungen zwischen Sprachvergleich und Übersetzung hat bereits wichtige Impulse zum besseren Verständnis der faux amis, der Bestimmung grammatischer
Profile einzelner Sprachen etc. gegeben. Weniger erforscht allerdings ist das Gebiet, auf dem die Grammatik „versagt“, d. h. bei
der Beschreibung von sprachlichen Kontinua. Hier sind die lexikalischen und grammatischen Grenzen nur schwer zu bestimmen.
33
Durch Kontinua jedoch wird der Nuancenreichtum einer Sprache
sichtbar, denn mit den unscharfen Übergängen sind subtile Ausdrucksmöglichkeiten verbunden. Diese Phänomene werfen ihrerseits besondere translatorische Fragestellungen auf, weil dadurch
die unterschiedliche Leistungsfähigkeit verwandter Strukturen in
den Mittelpunkt rückt.
Translatorischen Fragestellungen sprachlicher Kontinua kommt
bei einem Vergleich romanischer Sprachen untereinander besondere Relevanz zu, da das Kontinuum ihrer Strukturen häufig ähnliche Phänotypen aufweist. Klarheit bringt oft die Untersuchung
der Übersetzung dieser Textstrukturen ins Deutsche, wo die Ausdrucksmöglichkeiten formal sehr unterschiedlich sind. Im vorliegenden Beitrag soll das Phänomen des Kontinuums anhand von
Adverbialen in fokussierter Konstruktion aufgezeigt werden.
Michael Schreiber (Köln)
Indirekte Sprechakte im Französischen, Italienischen und Deutschen:
Textsor­tenspezifik und Übersetzung
Ich möchte anhand einer Reihe von Beispielen illustrieren, wie indirekte Sprechakte im Französischen, Italienischen und Deutschen
verwendet werden. Ein Schwerpunkt meiner Ausführungen wird
auf textsortenspezifischen Aspekten liegen, d. h. ich möchte zeigen, dass die Produktion und die Rezeption von indirekten Sprechakten in höherem Maße von der jeweiligen Textsorte abhängen, als
dies bisher in der Sprechakttheorie angenommen wurde. Hierfür
werde ich zwei ganz unterschiedliche Textsorten heranziehen: Bedienungsanleitungen und politische Reden. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf Übersetzungsproblemen und Übersetzungsverfahren (Roma­nisch-Deutsch, Deutsch-Romanisch) liegen.
34
Werner Thielemann (Berlin)
Claritas, fidelitas, perspicuitas - Wege und Irrwege der Ars traductionis
Der Beitrag stellt das Wirken von Wolfram Wilss zu Ausarbeitung
und Fundierung einer Theorie des Übersetzens in den Rahmen
der seit etwa 1970 in der DDR und in der Bundesrepublik entwickelten Konzeptionen zur Theorie des Übersetzens, die unter den
Fahnenwörtern Übersetzungstheorie, Übersetzungswissenschaft,
Translationswissenschaft und Translatologie operierten, und versucht, die Verdienste, die sich Wolfram Wilss um die Disziplin erworben hat, zu würdigen.
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Sektion 2
Morphologie und romanistische Sprachwissenschaft
Leitung: Carmen Kelling / Judith Meinschäfer (Konstanz) /
Karin Mutz (Saarbrücken)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Christoph Schwarze (Konstanz)
Règles et analogie dans la formation des mots
Jens Lüdtke (Heidelberg)
Probleme einer funktionellen romanischen Wortbildungslehre
Franz Rainer (Wien)
Zur Entstehung der Polysemie von -tor im
Romanischen: eine nicht-semantische Lösung
Heike Necker (Zürich)
Morphologische Modifikation im Italienischen an
der Schnittstelle zur Pragmatik
Florence Villoing (Paris) / Fiametta Namer (Nancy)
Saxifrage et casse-pierre : quelles propriétés
distinctives des mots composés VN et NV en
français?
Françoise Kerleroux (Paris)
Sur une classe de Noms abstraits déverbaux
construits par conversion
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
36
Trudel Meisenburg (Osnabrück)
Französische Konsonantenquantität – ein Fall für
die Schnittstelle Phonologie/Morphologie?
Nathalie Chasle (Paris)
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Les consonnes latentes en contextes de liaison et
de redoublement syntaxique : une analyse unifiée
Michela Russo / Joaquím Brandão de
Carvalho (Paris)
Varianti e distribuzioni erratiche nella diacronia
romanza: analogia fonologica o morfologia operativa? Fattori multipli vs. semplici del cambiamento
linguistico
Sascha Gaglia (Konstanz)
Wurzelflexion beim italienischen und kampanischen Verb
Francesco Gardani (Wien)
Entlehnung von Flexionsmorphemen. Einige
Fälle aus dem Romanischen
Uwe Schmidt (Saarbrücken)
Alteuropäische Morpheme in den romanischen
Sprachen
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Georgia Veldre (Münster)
Teilungsartikel vs. Nullartikel im aktuellen gesprochenen Italienisch
Georg Kaiser (Konstanz)
Zur Morphosyntax der klitischen Personalpronomina im Romanischen. Evidenz für eine einheitliche Analyse?
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Livia Gaudino Fallegger (Giessen)
Was sind subordinierende Konjunktionen?
Rolf Kailuweit (Freiburg)
Romanische Morphologie und Role and Reference Grammar
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Abstracts
Christoph Schwarze (Konstanz)
Règles et analogie dans la formation des mots
Dans une langue donnée, les mots complexes se divisent en deux
grandes classes : celle des mots construits (Apothéloz 2002, Fradin
2003) et celle des mots complexes non construits.
Les mots construits sont fondés sur un système génératif, qu’on
peut décrire sous forme de règles ; celles-ci opèrent sur des segments morphologiques et leurs représentations sémantiques de
manière à définir la forme et le sens compositionnel des mots
possibles. Bien entendu, le caractère compositionnel des mots
construits peut être obscurci par toutes sortes de variations sémantiques, indépendantes du système génératif.
Les mots complexes non construits, par contre, sont formés par des
procédés non-grammaticaux, dont le plus important est sans doute
la formation analogique. Elle est fondée sur une faculté cognitive
plus générale que la faculté de langage ; c’est la faculté de reconnaissance et d’imitation de modèles (angl. patterns). La formation
analogique se distingue de la formation par règles par le fait qu’elle
est liée à des formes individuelles, alors que les règles morphologiques opèrent sur des catégories. Étant donné que la formation
analogique ne fait pas partie du système grammatical proprement
dit, elle peut produire des mots complexes dont la structure formelle est en contradiction avec le système grammatical. Du point
de vue diachronique, un procédé de formation analogique peut se
muer en règle morphologique au fur et à mesure qu’il se généralise
dans le vocabulaire.
Dans ma contribution à la présente Section, j’illustrerai les notions
de mot construit et de mot complexe analogique par l’exemple des
adjectifs numéraux français et celui des noms italiens du type autostrada (Grossmann/Rainer 2004 :74) ; ensuite, l’aspect diachroni38
que de la dichotomie sera discuté à propos de la négation lexicale
par le préfixe in- en français (Apothéloz 2003).
Références
Apothéloz, Denis. 2002. La construction du lexique français. Principes de morphologie
dérivationnelle. Paris: Ophrys.
Apothéloz, Denis. 2003. « Le rôle de l’iconicité constructionnelle dans le fonctionnement du préfixe négatif in-». Cahiers de linguistique analogique. 35-63.
Fradin, Bernard. 2003. Nouvelles approches en morphologie. Paris : Presses Universitaires de France.
Grossmann, Maria e Rainer, Franz (a c. di). 2004. La formazione delle parole in
italiano. Tübingen: Niemeyer.
Jens Lüdtke (Heidelberg)
Probleme einer funktionellen romanischen Wortbildungslehre
Nachdem die Ansätze zur romanischen Wortbildungsforschung
inzwischen höchst vielfältig geworden sind, darf man sich verstärkt die Frage nach den Forschungsprioritäten in diesem Bereich
stellen. Denn es werden doch bisweilen Themen behandelt, deren
Voraussetzungen unklar sind. Dies trifft in einem ganz besonderen
Maße auf die so genannten Parasynthetika zu. Aus diesem Grunde möchte ich die Frage der Beziehung oder Solidarität zwischen
signifiant und signifié in der Wortbildung in meinem Beitrag in den
Mittelpunkt rücken und sie am Beispiel der „Parasynthetika“ diskutieren. Es ist für eine Wortbildungsbeschreibung relevant, wie wir
die dabei vorkommenden Morpheme einordnen, ob es also Morpheme der Grammatik oder im eigentlich Sinne Wortbildungsmorpheme sind. Für die semantische Seite der Wortbildungsmorpheme
müssen wir adäquate Paraphrasen wählen. Allein schon diese Beschreibungselemente sind bei den Parasynthetika nicht selbstverständlich klar. Die Grenzen zwischen grammatischen Morphemen
und Wortbildungsmorphemen sowie die Fragen der Semantik in
der Wortbildung gehören aus meiner Sicht zu den Prioritäten der
Wortbildungslehre.
39
Franz Rainer (Wien)
Zur Entstehung der Polysemie von -tor im Romanischen: eine nichtsemantische Lösung
Seit Meyer-Lübke wird in (fast) allen Handbüchern des Romanischen die Auffassung vertreten, der instrumentale (und lokativische) Gebrauch der romanischen Nachfolger des noch rein
agentivischen lateinischen Suffixes ‑tor sei das Resultat eines
metaphorischen Bedeutungswandels gewesen: das Instrument sei
gewissermaßen als Agens verlebendigt worden. Eingehende historische Untersuchungen der Geschichte dieses Suffixes in den romanischen Sprachen, vor allem im Spanischen, Italienischen und
Französischen, speziell auch auf dialektaler Ebene, haben bei mir
Zweifel an dieser allgemein akzeptierten These aufkommen lassen.
In meinem Saarbrücker Vortrag werde ich zeigen, warum die traditionelle These nicht stimmen kann und dass die Polysemie dieses
Suffixes in Wirklichkeit auf ganz anderen Wegen entstanden ist.
Heike Necker (Zürich)
Morphologische Modifikation im Italienischen an der Schnittstelle zur
Pragmatik
In diesem Beitrag wird untersucht, wie die morphologische Modifikation im heutigen Italienischen (es handelt sich v.a. um Diminutiv- und Augmentativsuffixe) eine systematische pragmatische
Funktion übernimmt. Es soll gezeigt werden, dass man die pragmatische Funktion der Diminutiv- und Augmentativsuffixe nicht
völlig aus einer Situationstypologie erklären kann, wie dies in den
Arbeiten von Dressler/Merlini Barbaresi (z.B. 1994) geschieht.
Hingegen lässt sich die Funktionsweise der hier behandelten Suffixe an der Schnittstelle zur Pragmatik voll erfassen, wenn man von
der Annahme ausgeht, dass die modifizierenden Suffixe auf pragmatischer Ebene eine interaktive Funktion ausüben.
Die Suffixe dienen als Signale des Sprechers bezüglich seiner Be40
ziehung zum Gesprächspartner, zum Thema des Gesprächs oder
zur Diskurssituation. Sie sind Signale, die Sympathie, eine positive Einstellung bzw. Umgebung herstellen sollen. Sie sind Teil von
Verfahren, die für das Gelingen der Interaktion günstige Voraussetzungen schaffen.
Die pragmatische Funktion der morphologischen Modifikation
lässt sich mittels des Begriffs der Gesichtswahrung im Zusammenspiel mit positiven und negativen Höflichkeitsstrategien (siehe
Leech 1989) erfassen. Zudem ist das Funktionieren der Suffixe auf
pragmatischer Ebene von der Semantik der Suffixe ableitbar. Alles
was im Bereich des Sprechers liegt, kann durch Diminutivsuffixe
„klein gemacht“ werden (gemäß der Maxime der Bescheidenheit
oder zur eigenen Gesichtswahrung bzw. der Gesichtswahrung des
Gesprächspartners), alles was im Bereich des Gesprächspartners
liegt, kann durch Augmentativsuffixe „groß gemacht“ werden.
Literatur
Dressler, Wolfgang U. & Merlini Barbaresi, Lavinia (1994): Morphopragmatics. Di­
minutives and Intensifiers in Italian, German and Other Languages. Trends in Linguistics. Studies and Monographs 76. Berlin & New York: Mouton de Gruyter.
Leech, Geoffrey (1989): The Principles of Pragmatics. London & New York: Longman.
Fiametta Namer (Nancy) / Florence Villoing (Paris)
Saxifrage et casse-pierre : quelles propriétés distinctives des mots composés
VN et NV en français ?
1) Introduction
Problématique: Cette communication se donne pour objectif de
comparer les contraintes qui portent sur la formation des mots
composés du français de structure Verbe-Nom (ouvre-boîteN) par
rapport à ceux de structure Nom-Verbe (anthropophageA). Le problème est de déterminer si les mots composés VN et NV sont
construits, en français, par deux règles différentes de composition
41
ou, au contraire, s’ils relèvent d’une seule et même règle et se distinguent uniquement par la nature de leurs composants.
Background: Traditionnellement, les mots composés de structure
VN sont qualifiés de « composés populaires », et ceux de structure NV de « composés savants ». Les « composés populaires » se
caractérisent par l’association de deux lexèmes, syntaxiquement
autonomes, et selon un ordre XY où X correspond à l’élément
recteur et Y à l’élément régi. Les « composés savants », quant à
eux, se définissent par l’association de deux lexèmes généralement
empruntés au grec ou au latin et syntaxiquement non autonomes,
selon un ordre YX.
Objectif: Notre recherche est basée sur un corpus d’environ 3000
mots composés VN et 500 mots composés NV que nous étudions
en croisant les trois critères (c1) à (c3) : (c1) les propriétés catégorielles et sémantiques des com-
posés VN et NV.
(c2) le type de procès que dénote V
(c3) la relation sémantique entre V et N
2) Mots composés Verbe-Nom (VN)
(c1) La composition VN construit principalement des noms et
rarement des adjectifs ((papier) tue-moucheA) ; (porte ) coupe-feuA). La
plupart des VN nominaux dénotent des artefacts (-animé, concret)
(tournevisN) ou des entités +animées (garde-barrièreN), trouble-fêteN. Les
autres dénotent des lieux (coupe-gorgeN) ou des événements (lèchevitrineN).
(c2) Le type de procès du verbe est fortement contraint : il ne peut
qu’être dynamique (?sait-latin).
(c3) La nature des participants sémantiques du verbe est également
contraint : le N d’un composé VN, en particulier, est typiquement
du côté du Proto-Patient ( ?aboie-chien).
3) Mots composés Nom-Verbe (NV)
(c1) La composition NV produit majoritairement des adjectifs (ven­
triloqueA) qui s’emploient indifféremment comme noms (un ventri­
42
loqueN). Lorsqu’il est uniquement nom, le NV réfère à une entité
+animée (biographeN), à un objet concret (odontoclasteN, oviducteN) ou à
un évènement (lipolyseN).
(c2) Le verbe décrit un procès qui est soit dynamique (noctambuleA)
soit statif. Parmi les procès statifs, on relève majoritairement des V
dénotant des relations spatiales (°ducteV, °agogueV = ‘conduire’, °fèreV,
°phoreV = ‘porter’) éventuellement métaphoriques, c’est à dire réalisées par des prédicats exprimant un sentiment (°phileV, °maneV =
‘aimer’, °lâtreV = ‘adorer’, °phobeV= ‘craindre, détester’ )
(c3) Lorsque le procès qu’exprime V dans un composé NV est
dynamique, N peut remplir différents rôles sémantiques au regard
de V : N répond soit aux critères d’un Proto-agent (psychogèneA),
soit à ceux d’un Proto-patient (lipolyseN), soit ne répond à aucun
des critères prototypiques d’un agent ou d’un patient (ventriloqueA,
pleuronecteN, héliotropeA noctambuleA). Lorsque le procès qu’exprime
V dans NV est statif et dénote une relation spatiale, N désigne
alors principalement la cible (mélanophoreN) ou le site (vasiducteN, car­
bonifèreA).
4) NV versus VN
Les mots composés NV couvrent un spectre beaucoup plus large
que les mots composés VN du français, quel que soit le critère
examiné : (i) leur appartenance catégorielle correspond quasiment
indifféremment à A ou N (tandis que les mots composés VN sont
presque exclusivement des noms) ; (ii) de très nombreux V de
composés NV désignent des procès statifs de relation spatiale, à
la différence des mots composés VN ; (iii) alors que N se situe typiquement du côté du Proto-patient dans les mots composés VN,
il remplit davantage de rôles sémantiques dans les composés NV
dont le V exprime un procès dynamique ; de même, il peut jouer le
rôle de cible ou de site lorsque V est statif.
Les résultats de cette étude conduisent à penser que deux règles
de composition sont en jeu en français et, en conséquence, font
émerger plusieurs questions : pourquoi les composés VN et NV ne
43
sont-ils pas en distribution complémentaire ? Qu’est ce qui explique
que la composition VN est si contrainte ? Quelle est l’origine des
règles de formation de NV ? Peut-on les considérer comme des
règles du français ou des règles empruntées aux langues dont les
composants sont originaires (latin, grec) ?
Françoise Kerleroux (Paris)
Sur une classe de Noms abstraits déverbaux construits par conversion
1. L’hypothèse du thème caché
Pour rendre compte de la distribution de suffixes dérivationnels
tels que –ion, -eur/-rice ou –if/ive, on a proposé (Bonami, Boyé,
Kerleroux, 2004) de voir que les verbes français possèdent un radical (ou thème) distinct qui n’apparaît jamais dans la flexion mais
qui est visible dans les lexèmes dérivés tels que dérivat-ion, supplét-if
ou résultat-if. L’existence d’un tel radical montre que la morphologie
flexionnelle et la morphologie dérivationnelle ont un accès égal à
la collection de radicaux ou thèmes d’un lexème : certains radicaux
sont utilisés à la fois dans la flexion et dans la dérivation, certains
seulement dans la flexion, et certains exclusivement dans la dérivation (cf. Aronoff, 1994).
2. Une conséquence de la reconnaissance, dans l’espace thématique des verbes, d’un radical spécialisé comme base d’opérations
de construction, dont la réalisation par défaut est en –at, consiste
à identifier :
(1) agglomérat, agrégat, alternat, assassinat, attentat, crachat, distillat, éjaculat, exsudat, filtrat, format, habitat, pissat, plagiat, postulat,
résultat, troncat, isolat, réduplicat
comme des N obtenus par conversion V>N à partir du thème
spécial, que certains de ces verbes utilisent pour des dérivations en
-eur, - ion, -if:
(2) agglomération, agrégation, agrégatif, alternatif, attentatoire, distillation, éjaculation/ éjaculateur, exsudation filtration, formation,
formateur, habitation, postulation, résultatif, troncation, isolation.
44
3. En outre, le thème caché suppôt de cette conversion nominale
ne se réduit pas à la forme par défaut en –at : on analyse au même
titre les convertis déverbaux suivants:
verbe
N dérivé suffixé
N Converti sur Th caché
substituer
substitut-ion
substitut
attribuer
attribut-ion, attribut-if
attribut
abstraire
abstract-ion
abstract
requérir
réquisit-ion
réquisit
concevoir
conception, concept-eur concept
insérer
insertion
insert
4. On examinera les conséquences de cette hypothèse tant descriptives (on n’inventorie qu’un seul suffixe –at dérivationnel en français, celui de maréchalat, mécénat, califat) que théoriques (on fournit
une analyse morphologique des N non-affixés cités en 3., ordinairement répertoriés au seul titre de l’étymologie) et on étudiera
les propriétés sémantiques de ces N déverbaux.
Références
Aronoff, M. 1994, Morphology by itself, The MIT Press.
Bonami, O & G. Boyé, 2002, « Suppletion and dependency in inflectional morphology »,in F. Van Eynde, L. Hellan & D. Beerman eds., Proceedings of the HPSG
‘01 Conference, Stanford : CSLI Publications.
Bonami O., G. Boyé & F. Kerleroux, 2004, « Stem Selection in Lexeme Formation : Evidence from French”, 11 th International Morphology MeetingVienna.
Corbin, D., 1987, Morphologie dérivationnelle et structuration du lexique, Niemeyer.
Grimshaw, J. 1990, Argument structure, The MIT Press.
Trudel Meisenburg (Osnabrück)
Französische Konsonantenquantität – ein Fall für die Schnittstelle
Phonologie/Morphologie?
Während im Lateinischen sowohl kurze und lange Vokale als auch
kurze und lange Konsonanten kontrastierten, kennt unter den großen romanischen Sprachen heute nur noch das Italienische einen
phonologischen Längenkontrast: hier können fast alle Konsonanten in intervokalischer Position einfach bzw. kurz oder gelängt bzw.
geminiert auftreten; daneben erfolgt konsonantische Längung in
45
bestimmten syntaktischen Konstellationen – als sog. raddoppiamento
sintattico.
Im Französischen gibt es also keine systematische Quantitätsopposition, vokalische Längung ist als rein phonetische Erscheinung an
bestimmte konsonantische Kontexte gebunden, Geminaten sind
im französischen Lautsystem nicht vertreten. Dennoch kommen
in dieser Sprache durchaus Konstellationen vor, in denen ein Bedeutungsunterschied nur durch den Gegensatz zwischen einfacher
und langer Konsonanz bewirkt wird. Ihnen gemeinsam ist im Fall
der Langkonsonanz die Morphemgrenze, die durch die Geminate
verläuft – wortintern werden so in einigen wenigen Verben Imperfekt- von Konditionalformen differenziert, ansonsten fällt besagte
Morphemgrenze phrasenintern mit einer schwachen Wortgrenze
zusammen, etwa zwischen Klitika, oft in Verbindung mit SchwaAusfall:
(il) courait [ku-E]
vs.
(il) courrait [ku--E]
Stamm-3SgImp
Stamm-Kond-3Sg
il a dit [il-a-di]
vs.
Subjklit-AUX-Part
il l’a dit [il-l-a-di]
Subjklit-Objklit-AUX-Part
(il le) frappa [fap-a] vs
Stamm-3SgPerf (ça ne me) frappe pas [fap-pa]
Verb-Neg
Um die phonetische und akustische Realität dieser morphologisch bzw. morphosyntaktisch determinierten Langkonsonanz
besser erfassen zu können, wurden sowohl Produktions- als auch
Perzeptionsexperimente durchgeführt. In dem Beitrag sollen die
Ergebnisse dieser Experimente vorgestellt und mögliche theoretische Konsequenzen für die Schnittstelle zwischen Phonologie und
Morphologie diskutiert werden.
46
Nathalie Chasle (Paris)
Les consonnes latentes en contextes de liaison et de redoublement syntaxique :
une analyse unifiée.
Le sujet consiste en une comparaison de deux phénomènes distincts de sandhi externe, celui du redoublement syntaxique en italien (gémination de la consonne initiale de Mot2) et de la liaison en
français (prononciation de la consonne finale de Mot1 en position
intervocalique).
En ce qui concerne le RS, les contextes d’apparition peuvent varier
selon les régions, en fonction de deux facteurs. On retrouve en
toscan et italo-toscan un redoublement régulier de type accentuel,
après polysyllabes oxytons et monosyllabes toniques, mais l’intérêt
portera ici sur celui des dialectes centro-méridionaux, qui consiste
en un redoublement de type morpho-syntaxique, celui-ci étant déclenché par une liste fermée de morphèmes. Il s’agit principalement de monosyllabes atones, à finale latine consonantique (a<ad,
e<et, no<non, che<quid...). Ces consonnes finales auraient laissé
une trace et se comportent de la même manière que les consonnes
latentes.
L’étude de la liaison met alors en évidence un rapport étroit avec
le redoublement syntaxique : la liaison se produit systématiquement si Mot1 est un morphème atone; l’analyse diachronique des
consonnes de liaison montre un lien certain avec les consonnes
finales latines et d’ancien français, anciennement prononcées puis
amuïes, ce qui explique leur état de latence actuel. L’analyse des
consonnes finales en ancien français révèlera d’ailleurs la présence
d’un redoublement syntaxique, se comportant de manière similaire
à celui des dialectes centro-méridionaux (o ss’assis, „où s’asseoir“
(<ubi); a ssos pez, „à ses pieds“ (<ad); a ddextris Deu, „à la droite
de Dieu“ (<ab), exemples relevés dans „La passion de ClermontFerrand“, fin du Xème siècle.
Ce travail propose ainsi d’apporter une explication unitaire de ces
deux phénomènes, qui repose sur la présence de consonnes la47
tentes, correspondant à d’anciennes consonnes finales latines. Ces
consonnes seront analysées comme des consonnes dissociées phoniquement, c’est-à-dire en tant que morphèmes discontinus.
Références
Avalle, d’Arco Silvio, La doppia verità. Fenomenologica ecdotica e lingua letteraria del medioevo romanza, Firenze: Galluzzo, 2002.
Loporcaro, Michele, L’origine del raddoppiamento fonosintattico. Saggio di fonologia diacronica romanza, Basel und Tübingen : Francke verlag (Romanica
Helvetica vol. 115), 1997.
Russo, Michela & Giuliani Mariafrancesca, Redoublement syntaxique (RS) et
consonnes latentes en latin tardif et médieval: quelques reperes, Actes des JEL
2004, O. Crouzet, H. Darmidache, S. Wauquier (eds.), a.a.i. (JE2220 -acoustique,
acquisition, interpretation), UFR Lettres et Langage, Universite de Nantes, p.
109-118, 2004.
Sauzet, Patrick, Linéarité et consonnes latentes, Recherches linguistiques de Vincennes, 28, p. 59-86, 1999.
Joaquim Brandão de Carvalho / Michela Russo (Paris)
Varianti e distribuzioni erratiche nella diacronia romanza: analogia
fonologica o morfologia operativa? Fattori multipli vs. semplici del
cambiamento linguistico.
Nel napoletano medievale e moderno riscontriamo alternanze metafonetiche anetimologiche del tipo concluso m.sing. vs. conclosa f.
sing. < lat. Ū (Ferraiolo, sec. XV). Si tratta dell’estensione analogica
delle alternanze metafoneticamente regolari che caratterizzano le
forme con /e/ e /o/. La serie degli abbassamenti di Ī e Ū appare
piuttosto cospicua già in napoletano antico, dove rileviamo prencipe < PRĪNCIPE (HistTroya, sec. XIV) in opposizione metafonetica con principi, mosso ‘muso’ (G.Brancati, libro IX della Storia
di Plinio volgarizzata), fiome (Cronaca di Partenope), ecc. L’estensione analogica è innescata dalla funzione morfologica: l’alternanza
metafonetica, svincolata dal contesto fonetico, viene generalizzata
come segno dell’opposizione di genere e numero. Il fenomeno si
allarga anche ad alcuni paradigmi verbali: mese ‘egli mise’, mesese
48
‘si mise’ (Ferraiolo), ecc. L’apertura è funzionale e serve, ad esempio, già in napoletano antico a distinguere metafoneticamente la
Ia pers. del perfetto forte dalla IIIa: desse ‘disse’ (De Rosa, sec.
XV). Alternanze metafonetiche anetimologiche si ritrovano anche
in altri settori della morfologia nominale e verbale: fosa ‘bagnata’ < INFŪSU (Basile, sec. XVII), marfose f.pl. < cast. marfuz,
DCECH, con adeguazione agli agg. in -ŌSUM e inserimento per
attrazione nel processo metafonetico. Il suffisso -ŌSUM genera
pressioni anche sulla classe sostantivale: pertosa e pertose (Basile,
sec. XVII) < PERTŪSU e così via.
Il portoghese fornisce altri esempi che permettono di osservare
come l’analogia favorisca la crescita dell’allomorfia e che mostrano come la regularità non sia sempre sinonimo di invarianza. Sul
modello di fiz ‘feci’ / fez ‘fece’, fui ‘fui’ / foi ‘fu’, pus ‘misi’ / pôs
‘mise’, riscontriamo non di rado sube ‘seppi’, truxe ‘portai’ invece delle forme foneticamente regolari soube e trouxe, omofone
alla IIIa pers. del perfetto. Analogamente, la metafonia delle vocali
medie, etimologicamente circonscritta agli esiti di Ĕ, Ŏ latine, diventa indipendente da qualsiasi condizionamento fonetico e serve
a distinguere il genere e il numero : [E]sta, [E]ssa, [E]la < ĬSTA,
ĬPSA, ĬLLA vs. [e]ste, [e]sse, [e]le, anche se Ĭ > [E] è praticamente
inesistente tra i sostantivi femminili; il suffisso -ŌSUM, estremamente produttivo in portoghese, è diventato apofonico (> [o]so /
[ ]sos / [ ]sa(s)) per la totalità degli aggettivi. In aggiunta, l’analogia
sembra essere ancor più favorita dall’interazione delle due marche
di genere e numero: nei plurali dei nomi di famiglia, lo stesso suffisso rimane non apofonico in assenza di forme femminili (cf., p.
es., Barrosos, Cardosos, Fragosos, Matosos, ecc. con [o]).
L’attrazione al meccanismo metafonetico aumenta il grado di complessità del sistema attraverso la produzione di un’elevata allomorfia
nei radicali. Tuttavia, i cambiamenti morfologici illustrati determinano all’interno dei paradigmi alternanze che solo da un punto di
vista extramorfologico (per esempio fonetico) risultano ‘irregolari’.
49
Il sistema morfo-fonologico resta ben strutturato e la distribuzione
dei morfemi interni sembra sottostare al principio della trasparenza
morfo-semantica, senza che per questo risulti ridotta la complessità del sistema. Gli esempi illustrati appaiono particolarmente adatti
a mettere in dubbio la pertinenza del concetto di livellamento, e a
ricercare una spiegazione alternativa agli esempi dati abitualmente
come rappresentativi di questo tipo di cambiamento analogico.
Referenze
Carvalho, Joaquim Brandão de, 2005, L’analogie est-elle un fait fonctionnel ou
grammatical ? Corpus 4, p. 101-123.
Russo, Michela, 2002, Casi metafonetici aberranti dal napoletano antico al napoletano moderno, Miscellanea in honorem Max Pfister septuagenarii oblata,
Johannes Kramer / Günter Holtus ed., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, p. 385-405.
Fanciullo, Franco, 1994, Morfo-metafonia, Miscellanea di studi linguistici in
onore di Walter Belardi, vol. II, Roma: Il Calamo, p. 571-592.
Sascha Gaglia (Konstanz)
Wurzelflexion beim italienischen und kampanischen Verb
Das italienische Verb flektiert mit Hilfe von Flexionssuffixen nach
Tempus, Modus, Person und Numerus (1a). Auch die Stammerweiterung kann innerhalb ihres Kontextes Informationen über die
jeweilige Flexionskategorie weitergeben (1b):
(1) a. ‘mett-i
b. met‘t-e-ss-ero
‘stellen’- 2Sg Pres. Ind. ‘stellen’-TV- Cong. Imp.- 3Pl
Aufgrund von Palatalisierung, Diphthongierung, velarer Insertion
und der Suppletion von Verbstämmen zeigt die Distribution von
Wurzeln bzw. Stämmen im Paradigma einen hohen Grad an Variabilität. Darüber hinaus sind Dialekte, die über Metaphonie (2) bzw.
eine Neutralisierung vortoniger Vokale (3) verfügen, Belege dafür,
dass neben den Suffixen und Stammerweiterungen des Verbs auch
seine Wurzel zur Flexion beiträgt.
50
(2)
a. ‘mett-u b. ‘mitt-i
‚stellen’- 1Sg Pres. Ind.
‘stellen’- 2Sg Pres. Ind.
(3)
mEt‘ti-mmu
‘stellen’-1Pl Pres. Ind.
Auf der Grundlage des paradigmatischen Ansatzes Pirrellis (2000)
und Pirrellis & Battistas (2000) wird eine Analyse italienischer und
kampanischer Daten unternommen, die eine hohe Systematizität
der Wurzelflexion belegen soll. Die kampanischen Daten stammen
aus dem Dialekt von Piedimonte Matese (Caserta). Eine Untersuchung metaphonischer Daten wurde für diesen Dialekt noch nicht
unternommen. Der untersuchte Dialekt unterscheidet sich gegenüber dem Italienischen hinsichtlich seiner Regelmäßigkeit bezüglich der Metaphonie.
Auf dieser Grundlage wird zudem die Frage gestellt, ob Wurzelalternanzen akzentsensitiv sind und wie die genaue Rollenverteilung
von Morphologie und Phonologie bezüglich der Metaphonie zu
repräsentieren ist.
Literatur
Maiden, M. (1991): Interactive Morphonology. Metaphony in Italy. London, New York:
Routledge.
Pirrelli, V. (2000): Paradigmi in morfologia. Un approccio interdisciplinare alla flessione
verbale dell’italiano. Pisa, Roma: Istituti editoriali e poligrafici internazionali.
Pirrelli, V. & Battista, M. (2000): On the interaction of paradigmatic and syntagmatic stem alternation in Italian conjugation, in: Acta Linguistica Hungarica, 47
(1-4): 289-314.
Francesco Gardani (Wien)
Entlehnung von Flexionsmorphemen. Einige Fälle aus dem Romanischen
Dieser Beitrag widmet sich einem besonders schwierigen und von
Vorurteilen behafteten Bereich der Theorie der diachronen Linguistik (Teilgebiet Sprachkontaktforschung). Hier herrscht seit langem die Anschauung, dass flexionelle Morpheme nicht entlehnt
werden können. Dies behauptete z.B. Antoine Meillet: „il n’y a pas
51
d’exemple qu’une flexion comme celle de j’aimais, nous aimions ait
passé d’une langue à une autre” (1921:87). Zwar wurden im Laufe
der Zeit einige Ausnahmen bekannt (cf. Weinreich 1953), doch ist
meine im Jahre 2002 verfasste Magisterarbeit (Gardani 2002) die
erste systematische Darstellung des Phänomens.
Ich beschränke die flexionsmorphologische Entlehnung auf Fälle,
in denen Flexionsmorpheme an native Wörter der Nehmersprache
angefügt werden. Die empirischen Daten, die in diesem Beitrag behandelt werden, stammen aus dem balkanischen Sprachbund und
betreffen insofern den romanischen Bereich, als es sich um vier
Fälle von flexionsmorphologischer Entlehnung handelt, in denen
das Südslawische und das Griechische als Gebersprache auf die
Nehmersprache Rumänisch (und dessen Varietäten) gewirkt haben.
Anhand eines Katalogs von sprachsysteminternen und sprachsystemexternen Kriterien werde ich auf relevante Fragen der Theorie der diachronen und synchronen Morphologie eingehen, z.B.
welche Faktoren in der Entlehnung flexioneller Elemente Einfluss haben können oder welche Kategorien (insbesondere auf die
Frage, ob sie contextual oder inherent inflection zuzuordnen sind) am
häufigsten entlehnt werden. Der Blickwinkel der diachronen Morphologie, der Kontaktforschung und speziell der sehr selten vorkommenden flexionsmorphologischen Entlehnung ermöglichen
es, die Theorie der Morphologie aus einer neuartigen Perspektive
zu beleuchten und auf höchstinteressante und erhellende Feststellungen zu gelangen.
Literatur
Gardani, Francesco. 2002. Borrowing of Inflectional Morphemes in Language Contact.
Wien. Magisterarbeit (submitted to press).
Meillet, Antoine. 1921. Linguistique historique et linguistique générale. Paris: Champion.
Weinreich, Uriel. 1953. Languages in Contact. Findings and Problems. Publications of
the Linguistic Circle of New York. New York. (third printing 1964, The Hague:
Mouton & Co.)
52
Uwe Schmidt (Saarbrücken)
Alteuropäische Morpheme in den romanischen Sprachen
Das Thema des 29. Romanistentages lautet „Europa und die romanische Welt“. Wenn auch die romanischen Sprachen hauptsächlich als Tochtersprachen des Lateinischen zu gelten haben, finden
sich in ihnen dennoch noch viele Spuren der Sprachen der von
den Römern eroberten Völker (in Oberitalien und Frankreich der
Ligurer und der Gallier, in Spanien der Keltiberer und der Iberer, in Rumänien der Daker). Dies betrifft nicht nur Syntax und
Aussprache, sondern auch den morphematischen, ja sogar den lexematischen Bereich. So scheinen gerade die alteuropäischen Substratmorpheme in den Augen Anderssprachiger den romanischen
Sprachen ihren ureigenen, unverwechselbaren Charakter zu verleihen, wie folgende Auswahl zeigen möge: ob von La Mor-en-ita,
Chiqu-ita-Bananen, Em-bar-gos der lothringischen Min-ette oder dem
Preis für das Barr-el Rohöl die Rede ist (oft keine Pet-it-esse), dem
französischen Telekommunikationsanbieter Bouygues oder anderen
Wirtschafts-branchen oder von Boud-oirs des Bar-ock oder des Roc-oc-o,
von Los Álamos, den Galáp-agosinseln oder Cogn-ac (gall. *Conn-iācon
‚*Weisen-heim’), biz-arren Felsformationen oder born-ierten Einstellungen, der Bris-anz der aktuellen Lage, man bewegt sich offensichtlich mit einem Bein immer auf vorromanischem Park-ett.
Ein zweites interessantes Phänomen ist der hohe Prozentsatz
vorromanischer Formanten und Lexeme im Argot (das vielleicht
selbst ein vorromanisches Wort ist): Bildungen wie bout-anche, bel­
le-d-oche, chin-et-oque, amer-l-oque, bourr-ich-on, nu-n-uche beweisen die
ungebrochene Vitalität dieser nichtlateinischen oder vom Lateinischen aufgenommenen Morpheme bis in unsere Zeit hinein – und
zeigen einmal mehr, dass erst die alten gallischen Suffixe dem Argotvokabular den gewünschten Affektwert vermitteln (allerdings
neben genauso beliebten arabischen und germanischen). Ob in
biz-ut-age dasselbe -ūtt--Suffix wie in Friaul nimiS-út ‚aus Nimis’ und
Aostatal senvenšenùt ‚aus San Vincenzo’ (PELLEGRINI 1990:423)
53
steckt, wäre zu untersuchen. Auch die spanische jerga bedient sich
gerne alteinheimisch-rustikaler Suffixe, um einen gewissen Verfremdungseffekt zu erzielen bzw. der Basis eine derbere Note zu
verleihen: natur-aca ‚klaro’ oder pel-and—usca.
Viele dieser vorromanischen Suffixe sind auch keineswegs auf eine
romanische Standardsprache limitiert, sondern umfassen über die
Grenzen der Überdachungssprachen hinaus teilweise die gesamte Romania (allerdings meist ohne Rumänien). Es ist wohl keine
Übertreibung zu sagen, dass wir mit Hilfe dieser morphematischen
Fossile einen kleinen Einblick in die alteuropäische Geschichte gewinnen können, denn allein schon ihre Masse in ausnahmslos allen
romanischen Sprachen zeigt, dass die römische Sprache nie alle
Spuren der überlagerten Sprachgemeinschaften verwischen konnte. Aus der Streuung der einzelnen Morpheme können sicherlich
auch Rückschlüsse auf die geographische Verbreitung der Substratsprachen gezogen werden.
Nützliche Dienste dürfte eine strukturalistische Morphem- und
Wortbildungsanalyse bei der Etymologisierung zahlreicher bisher unklarer Teile des französischen, spanischen und italienischen
Wortschatzes leisten, der gerade in diesem Bereich erstaunlich
viele Gemeinsamkeiten aufweist. Als Beispiel für eine panromanische lexematische Familie kann man etwa *buni- ‚konkav/konvex’
(LEI:*buni-) anführen: Languedoc bougno ‚Baumstamm’ (= *bŭnia),
Sardinien bugnu ‚Bienenstock im Baumstamm’, altfrz. bu(i)gne ‚Beule’, Paris beigne ‚Watsch’n’ (< ‚*Schwellung’, der Lautstand entspricht
demjenigen der Normandie, des Loiret oder der Ardennen; Aostatal bouëgno ‚Ohr’), Mailand bügn ‚Pickel’, katalan. bony ‚Beule’, vergl.
frz. beignet ‚Fladen, Kuchen’ mit Tortosa bunya ‚Kuhfladen’, Limoges bounhi ‚Fastnachtsküchelchen, Krapfen’, katal. bunyòl und span.
buñuelo, Salamanca briñuelo und Murcia biñuelo (= span. buñuelo) aber
auch ital. bugna ‚Bossenwerk, Rustikaquader’; entlehnt mittelengl.
bunne ‚Backwerk’ = engl. bun.
54
Literatur
Baldinger, K.: Etymologien, Untersuchungen zu FEW 21-23, Tübingen 19882003
Borghi, G.: Considerazioni lessicali sopra l’indoeuropeizzazione della Gallia,
Mailand 1997
Delamarre, X.: Dictionnaire de la langue gauloise, Une approche linguistique du
vieux-celtique continental, Paris 20032
Grzega, J.: Romania Gallica Cisalpina, Tübingen 2001
Hasselrot, B.: L’origine des suffixes romans en -tt- in Studia neophilologica 16
(1943f.)
Hubschmid, J.: Die asko-/usko-Suffixe und das Problem des Ligurischen, Paris
1969
LEI: siehe Pfister/Schweickard 1979ff.
Pellegrini, G. B.: Toponomastica italiana, Mailand 1990
Pfister, M. & Schweickard, W.: Lessico Etimologico Italiano, Wiesbaden
1979ff.
Rolhfs, G.: Historische Grammatik der italienischen Sprache und ihrer Mundarten, Bern 1949
Rohlfs, G.: Antroponimia e Toponomastica nelle lingue neolatine, Tübingen
1985
Georgia Veldre (Münster)
‘... condito con della soia, olio e sale.’ Teilungsartikel vs. Nullartikel im
aktuellen gesprochenen Italienisch
Mein Beitrag hat das Ziel, den Gebrauch des sog. Teilungsartikels
in Konkurrenz zum Nullartikel im aktuellen gesprochenen Italienisch unterschiedlicher Regionen zu beleuchten. Der Gebrauch des
Teilungsartikels im Italienischen unterliegt, abgesehen von einigen
lexikalisierten Ausdrücken, recht großen Schwankungen. Dies gilt
besonders für das gesprochene Italienisch, das normativen Vorgaben weniger folgt als die Schriftsprache und auch dialektalen
Einflüssen unterliegt. Die wenigen bisherigen Untersuchungen zu
diesem Thema ergaben, daß sich keine eindeutigen linguistischen
Kriterien finden lassen, denen der Sprecher in seiner Wahl zwischen
Partitiv und Nullartikel folgt. Der Faktor ‘regionale Varianz’, d.h.
die generelle Abnahme des Teilungsartikels zugunsten des Nullar55
tikels nach Süden hin, wird dabei eher implizit vorausgesetzt, ohne
selbst Gegenstand der Untersuchung zu sein.
Um die Rolle dieses Faktors für den Gebrauch des Teilungsartikels
in der aktuellen gesprochenen Sprache genauer zu erfassen und
von möglichen anderen Faktoren abzugrenzen, wurde ein Korpus
aus Videosequenzen der TV-Sendung ‘La prova del cuoco’ (RAI
1) vom Anfang 2005 erstellt. Es enthält Äußerungen von ca. 40
nicht-professionellen Sprechern mit jeweils bekannter regionaler
Herkunft. Die Äußerungen der Sprecher sind von ähnlicher Struktur und thematisch recht homogen (Erläuterungen zur Zubereitung von Gerichten). Die infragestehenden Typen von NPs (z.B.
del/Ø pane; dei/Ø panini) treten daher erwartungsgemäß in hoher
Frequenz auf. Die Analyse des Korpus folgt der Hypothese, dass
in Verwendungsbereichen mit geringen regionalen Unterschieden
mögliche linguistische Faktoren, über den regulierenden Einfluß
der Norm hinaus, klarer hervortreten.
Georg A. Kaiser (Konstanz)
Zur Morphosyntax der klitischen Personalpronomina im Romanischen.
Evidenz für eine einheitliche Analyse?
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den morphosyntaktischen Unterschieden zwischen pro- und enklitischen Personalpronomina in
den romanischen Sprachen. In morphologischer Hinsicht weisen
insbesondere die enklitischen Pronomina typische Eigenschaften
von Affixen auf. Sie können morphophonologische Veränderungen am Verb hervorru­fen, an das sie gebunden sind. Außerdem
können sie niemals durch ein nicht-klitisches Ele­ment vom Verb
getrennt stehen oder in Koordinationsstrukturen ausgelassen werden. Prokliti­sche Pronomina hingegen können bzw. müssen häufig
in Koordinationsstrukturen ausgelassen wer­den und können – u.a.
im Portugiesischen – in bestimmten Fällen vom Verb durch nichtklitische Elemente getrennt werden. In der geschriebenen Sprache
werden enklitische Pronomina entweder mit einem Bindestrich
56
oder durch Zusammenschreibung mit dem Verb verbunden, proklitische Pronomina hingegen sind stets durch Spatien vom Verb
getrennt. In syntaktischer Hinsicht sind es jedoch vor allem die
proklitischen Pronomina, die sich eher wie Affixe verhalten. Sie
sind es, die bevorzugt in Klitikverdoppelungskonstruktionen auftreten. Die häufige, teilweise obligatorische Verwendung dieser
Konstruktionen in einigen romanischen Sprachen wird als Evidenz
für eine Affixanalyse der klitischen Pronomina angesehen. Enklitische Pronomina scheinen in solchen Konstruktionen hingegen
eher vermieden zu werden. Die Frage, der in meinem Beitrag nachgegangen werden soll, lautet daher, inwiefern es gerechtfertigt ist,
trotz dieser Unterschiede pro- und enklitische Pronomina einheitlich als Kongruenzaffixe zu analysieren.
Livia Gaudino Fallegger (Gießen)
„Was sind subordinierende Konjunktionen?“
Formen wie para que, aunque, a pesar de que etc. werden in der heutigen Linguistik wie folgt behandelt: Im Einklang mit der lateinischen Grammatiktradition werden sie als subordinierende Konjunktionen erfasst, eine pars orationis, zu der auch ‘dass’/que oder
etwa ‘ob’/si gerechnet werden, und deren Funktion darin besteht,
einen Satz in einen anderen zu integrieren. Im Rahmen der generativen Syntax wird ‘dass’/que (manchmal auch ‘ob’/si) als Komplementierer erfasst. Die restlichen Formen werden als Verbindungen
des Komplementierers mit weiteren Lexemen interpretiert. Außerdem werden Formen wie para que, por que, aunque etc. als Bestandteil
einer abstrakten Kategorie ‘P’ verstanden, denn sie würden genauso wie die Präpositionen dem subkategorisierten Konnex eine thematische Rolle zuweisen:
1. Aunque lo compres, se lo digo a Juan (CONCESSIO)
2. Para que lo compres, se lo digo a Juan (FINIS).
In meinem Vortrag werde ich folgende Thesen vertreten: Entgegen der allgemein gültigen Auffassung besteht die Hauptfunktion
57
von que, para que, aunque, porque etc. nicht in der Einbettung eines
Satzes in einen anderen. Diese Formen dienen vielmehr dazu, Sätze in Klauseln zu verwandeln, d.h. in Prädikationen, die über keinen autonomen Wahrheitswert verfügen können. Nur über son las
ocho, nicht jedoch über aunque son las ocho lässt sich nämlich sagen
(oder denken), ‘ja, es stimmt’, ‘nein, es stimmt nicht’ oder ‘ich weiß
nicht’.
Zu den Lexemen, die zur Bildung der Konjunktionen beitragen,
lassen sich auch Formen wie Adverbien oder Nomina zählen, die
in der Regel keine thematische Rolle vergeben.
Außerdem sind Formen wie para que oder etwa por que derart
lexikalisiert, dass por und para weder morphologisch noch semantisch als autonome präpositionale Bestandteile analysiert werden
können. Diese Beobachtungen lassen die Annahme bezweifeln,
Konjunktionen und Präpositionen würden einer gemeinsamen abstrakten Kategorie ‘P’ angehören. Nicht jede Konjunktion braucht,
um eine solche zu sein, den Komplementierer que als Formativ;
man denke etwa an das kausale como oder an mientras und cuando. Es
fragt sich daher, inwiefern es sinnvoll ist, dem Komplementierer
que eine übergeordnete Rolle bei der Bildung von Konjunktionen
zuzuschreiben.
Rolf Kailuweit (Freiburg)
Romanische Morphologie und Role and Reference Grammar
Die Besonderheit der Morphologiekomponente der RRG besteht
darin, dass Operatoren grammatischer Bedeutung strikt von Konstituenten referenzieller Bedeutung (Verben, Substantiven und
prädikativen Präpositionen) getrennt werden. In jüngster Zeit sind
im Rahmen der RRG einige Studien zur Morphologie erarbeitet
worden, die insbesondere die Beschreibung der Verbalperiphrasen
(Operatorenprojektion) und der Klitika (Konstituentenprojektion)
betreffen und auch und gerade auf romanischem Sprachmaterial
basieren. Ziel des Beitrages ist es, diese Arbeiten in einer kritischen
58
Zusammenschau vorzustellen, ihre Stellung innerhalb des Theoriegebäudes zu bewerten und die Ergebnisse mit denjenigen traditioneller Ansätze zu vergleichen.
Literatur
Belloro, Valeria (2004): A Role and Reference Grammar Account of Third-Person Clitic Clusters in Spanish. Ms. University of Buffalo.
François , Jacques (2004): Clusters of non-predicative verbs and their description in RRG, paper presented at the workshop „Romance Languages in RRG”,
University of Aachen, Saturday, June 26th. 2004.
Klingler, Dominique (2004): The syntactic-semantic relation of some French
infinitival constructions: An rrg perspective. http://linguistics.buffalo.edu/research/rrg/RRG2004-Book-of-Proceedings.pdf.
59
Sektion 3
Potenziale linguistischer Diversität in der Romania
Leitung: Martin Döring (Nottingham/Hamburg),
Dietmar Osthus, Claudia Polzin-Haumann (Bonn)
Programm
Montag, 26.09.05
8.50 Uhr
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Thematische Einführung durch die Sektionsleiter
Carsten Sinner (Berlin)
Spanglish, Portuñol & Co. – kreolisierte Modalitäten, Mischsprachen, Hybride, Kontaktvarietäten
oder Interlekte? Zu einem Problem nicht nur auf
terminologischer Ebene
Uwe Dietzel (Pau)
Zu Sprachkontakt und Sprachmischung in Metropolen – das Beispiel Montreal
Marietta Calderón (Salzburg)
Sprachliche Hybridisierung in diskursiven Identitätskonstruktionen am Beispiel Franbreu
Christina Ossenkop (Gießen)
„.. me dizem que semos espanholes mas na fala
não“ - Beobachtungen zu Spracheinstellungen
und Sprachbewusstsein im spanisch-portugiesischen Grenzgebiet
Judith Visser (Bonn)
Sprachbereicherung oder Sprachverarmung,
diversité oder uniformité? Zu fremdsprachlichen
Elementen in der romanischen Werbesprache
Christiane Wirth (Bonn)
Sandwiches oder sandwichs? – Probleme der
Pluralmorphologie von Anglizismen im Französischen und Spanischen
61
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Stefan Tröster-Mutz (Saarbrücken)
Der Konflikt zwischen Dialektvielfalt und Einheitssprache beim Erhalt von Minderheitensprachen
Josep Maria Betrán (Hamburg)
Minderheitensprachen: Mittel- und Zeitverschwendung?
Eva Vetter (Wien)
Komponenten virtueller bretonischer Identität
Martin Döring (Nottingham/Hamburg)
Virtuelle Identitäten? Die Webpräsenz der okzitanischen Sprachminderheit in Frankreich
Uta Helfrich (Göttingen)
Sprachbewertungstraditionen, Identität und Sprachenpolitik: Die Diskussion um die Charte européen­
ne des langues régionales et minoritaires in Frankreich
Éva Feig (Bonn)
Das Guanche in der traditionellen und volkstümlichen Musik der Kanaren: expressiver Marker zur
Kennzeichnung von Alterität und strategisches
Mittel zum Ausbau der kanarischen Identität
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Annette Gerstenberg (Bochum)
Zur Klassifizierbarkeit französischer Privatwerbung
im Internet nach sprachlichen Merkmalen
Sebastian Proft (Passau)
Argentinisches Spanisch – Eine empirische Untersuchung zu Lexik und Phonie
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
62
Christina Becker (Bonn)
9.45 Uhr
convivencia ist nicht gleich convivencia. Zur sprachlichen Diversität in der Politik
Henrike Amian (Bonn)
Internetkommunikation und ihr Potenzial für
sprachliche Diversität
Abstracts
Carsten Sinner (Berlin)
Spanglish, Portuñol & Co. – kreolisierte Modalitäten, Mischsprachen,
Hybride, Kontaktvarietäten – oder Interlekte? Zu einem Problem nicht nur
auf terminologischer Ebene
In der Geschichte des Studiums von Sprachkontakten ist immer
wieder die Existenz von Mischsprachen als Ergebnis des Zusammenlebens bzw. Aufeinandertreffens zweier oder mehrerer
Sprachen postuliert (und debattiert) worden. So gab und gibt es
Autoren, die von der Existenz von Mischsprachen als Zwischenstadium oder Schnittpunkt zwischen zwei oder mehreren Sprachen ausgehen, ohne dabei darzulegen, welche Unterscheidung zu
Kreolsprachen zu machen ist. Darüber hinaus ist die angenommene Existenz von Mischsprachen auch als Beweis dafür angeführt
worden, dass sprachlicher Interferenz keine Grenzen gesetzt sind.
Die These von der Existenz von Mischsprachen ist immer wieder
kritisiert worden, da die Existenz von Sprachmischung zum einen
in der Regel mit Beispielen besonders ungebildeter Sprecher „belegt“ wird, deren Performanz im Grunde auch als pathologisch
aufgefasst werden könne, man andererseits die vermeintlichen
Mischsprachen aufgrund fehlender Stabilität (und nicht belegbarer Nativisierung) allenfalls als Ideolekte, nicht aber als Sprache
aufzufassen bereit war. Die Vermischung von sprachwissenschaftlicher Terminologie und allgemeinsprachlichen Namen für Lernervarietäten und die durch Ausgleichsformen bzw. Ad-hoc-Formen
charakterisierte Kommunikation vornehmlich zwischen Sprechern
63
verwandter Sprachen hat zudem in der jüngeren Vergangenheit zu
einer gewissen Verwirrung hinsichtlich des Status von beispielsweise Portuñol oder Spanglish als Mischsprachen geführt.
In meinem Beitrag möchte ich mich mit der Entwicklung von Bezeichnungen für die in Spracherwerbs- und Sprachkontaktsituationen verwendeten oder zumindest postulierten Varietäten geben
und einige der in der jüngeren Vergangenheit besonders umstrittenen Fälle vermeintlicher Mischsprachen genauer analysieren. Beispielsweise begründen Verfechter der Existenz von Spanglish als
Sprache ihre Positionen mit seiner Funktion zum Ausdruck einer
hybriden Identität, mit dem Umstand, dass es viele Sprecher habe
und dass es ja – durch Ilan Stavans – nun sogar verschriftet werde.
Damit werde es sogar den Anforderungen an eine Sprache eher
gerecht als andere Varietäten, über die seitens der Sprachwissenschaft keine Zweifel hinsichtlich ihres Status als Sprache bestehen.
Laienlinguistik und Massenmedien tun das ihre dazu, den Mythos
auszubauen und den Glauben an die Geburt einer neuen Sprache
zu verbreiten und zu vermarkten.
Uwe Dietzel (Pau)
Zu Sprachkontakt und Sprachmischung in Metropolen – das Beispiel
Montreal
Großstädte bilden in der Regel ein ideales Sammelbecken für Menschen verschiedener Nationalitäten. Liegen diese Städte dann noch
– wie Montreal, auf das beides zutrifft – in der Nähe einer Landesgrenze (USA) oder/und des Meeres (Atlantik), so ist ihre Anziehungskraft meist noch größer und es kann beobachtet werden, wie
sich im Laufe der Jahre in verschiedenen Stadtbezirken Ansiedlungen von Zuwanderern einer bestimmten Nationalität bilden. Jede
dieser Gruppen, die für die interne Kommunikation meist die Muttersprache beibehält, steht in sozialen Beziehungen zu den anderen
Bewohnern der Stadt und muss daher notwendigerweise mit ihnen
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in kommunikativen Austausch treten. Die dabei genutzte Sprache
ist oft – aber nicht ausnahmslos – die Landessprache.
In Montreal stünden damit formal zunächst erst einmal zwei Sprachen – das Französische und das Englische – zur Verfügung, die
nachweislich auch beide im Alltag anzutreffen sind. Danach zu fragen, wer wann und unter welchen Umständen mit wem in welcher
Sprache kommuniziert, wirft eine Vielzahl interessanter Probleme
auf. Der Vortrag wird versuchen, auf einige dieser Fragen eine
Antwort zu geben.
Marietta Calderón (Salzburg)
Sprachliche Hybridisierung in diskursiven Identitätskonstruktionen am
Beispiel Franbreu
Nach Israel eingewanderte Frankophone nützen verschiedene
sprachliche Instrumente zur Konstruktion ihrer nunmehrigen
Identitäten in der israelischen Gesellschaft und außerhalb derselben. Die romanische Hybridvarietät Franbreu (vgl. Ben-Rafael
2002:79ff., Calderón in Druck) ist ein Ergebnis ihrer diskursiven
Entscheidungen. Bei der Untersuchung des Franbreu als identitäres Gestaltungselement sind von Relevanz:
- SprecherInnen (und SchreiberInnen) des Franbreu
- seine strukturelle Abgrenzung von einem Basiscode Französisch
mit hebräischen Elementen
- Parallelphänomene in anderen vergleichbaren Hybridvarietäten,
insbesondere Hebrish (vgl. besonders Maschler 1998:125ff.)
- diskursive Funktionen des Franbreu
- metakommunikativ vermittelte Einstellungen zum Franbreu
- Alternativen zum Franbreu.
Für die Präsentation des Vortrags sind von den InformantInnen
freigegebene Hörbeispiele zum Franbreu vorgesehen.
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Christina Ossenkop (Gießen)
... me dizem que semos espanholes mas na fala não” Beobachtungen zu
Spracheinstellungen und Sprachbewusstsein im spanisch-portugiesischen
Grenzgebiet
Eine der vier portugiesisch-spanischen Kontaktzonen in der spanischen Region Extremadura erstreckt sich entlang der Staatsgrenze von Cedillo, am linken Ufer des Tajo gelegen, über Valencia
de Alcántara in der Provinz Cáceres bis La Codosera im Norden
der Provinz Badajoz. Sie besteht aus den drei genannten Hauptorten nebst verschiedenen kleineren Weilern, die z.T. direkt an der
Grenze zu Portugal gelegen sind. Sowohl in Cedillo als auch in den
Grenzweilern der Gemeinden Valencia de Alcántara und La Codosera wurden bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts fast ausschließlich
portugiesische Varietäten gesprochen. Der sozio-ökonomische
Wandel, der die Gegend erfasste, insbesondere Faktoren wie die
temporäre und dauerhafte Emigration großer Teile der Bevölkerung, die Einführung der Schulpflicht, die Verbesserung der Verkehrsanbindung an die benachbarten spanischen Orte sowie der
Zugang zu Massenmedien, führten zu einer zunehmenden Überdachung des Portugiesischen durch die spanische Standardsprache.
Die Koexistenz beider Sprachen manifestiert sich auf linguistischer
Ebene in Form von spanischen Interferenzen in der lokalen portugiesischen Varietät. Auf soziolinguistischer Ebene lässt sich eine
Zunahme an bilingualen Sprechern und seit den 70er Jahren des
20. Jahrhunderts auch an monolingualen Spanischsprechern feststellen, so dass der Gebrauch des Portugiesischen stetig abnimmt
und aufgrund der fehlenden Weitergabe an die nachfolgende Generation das Aussterben dieser Varietät in der Region prognostiziert werden kann.
In diesem Beitrag soll den Spracheinstellungen nachgegangen
werden, die in Zusammenhang mit dem Rückgang des Portugiesischen in der Sprachkontaktzone zwischen Cedillo und La Codosera stehen. Darüber hinaus werden Sprachbewusstsein sowie das
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Verhältnis zwischen nationaler und sprachlicher Identität der portugiesischsprachigen Bevölkerung untersucht, da beide Faktoren
u.E. neben den Spracheinstellungen Schlüsselpositionen für den
Prozess der Sprachaufgabe einnehmen.
Judith Visser (Bonn)
Sprachbereicherung oder Sprachverarmung, diversité oder uniformité? Zu
fremdsprachlichen Elementen in der romanischen Werbesprache
Besonders in der Romania kann die Klage über eine vermeintliche
‘Überfremdung’ der Sprache auf eine lange Tradition zurückblicken. Waren es in den letzten Jahrhunderten u.a. das Italienische
und Französische, die bei ihren Nachbarn immer wieder auf Ablehnung stießen, richten sich die Vorbehalte heute, im Zeitalter der
Internationalisierung, in erster Linie gegen das Angloamerikanische. Der zu beobachtende Einfluss des Englischen wird mit unterschiedlich intensiver Sorge zur Kenntnis genommen; teilweise
fühlen sich Politiker gar bemüßigt, Maßnahmen zum Schutz ihrer
Nationalsprache zu ergreifen. Die Verantwortlichen argumentieren
dabei mit eher abstrakten Parametern wie ‘Identität’ und ‘Kultur’,
aber auch mit konkreten Problemen wie dem Verbraucherschutz.
‘Fremdsprachlicher (englischer) Einfluss’ wird i.d.R. mit ‘Unverständlichkeit’ und ‘Verarmung der Nationalsprache’ gleichgesetzt.
Die vorliegende Analyse hat zum Ziel, vor dem Hintergrund dieser
Befürchtungen französische, italienische, spanische und portugiesische Texte auf die Präsenz fremdsprachlicher Elemente hin auszuwerten. Optiert wurde für eine Untersuchung der Werbesprache,
die sich nicht nur wegen ihrer persuasiven Funktion, sondern auch
aus ökonomischen Gründen besonders durch eine Tendenz zur
Internalisierung auszeichnet. Welche Formen von fremdsprachlichem Einfluss sind zu beobachten und wie sind diese unter funktionalen Gesichtspunkten zu bewerten? Führt sprachliche diversité tatsächlich, wie von den Feinden des franglais oder spanglish
befürchtet, zu einer durch das Englische dominierten uniformité,
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oder verstellen hier nationale und kulturelle Gefühle den Blick auf
das Potential von Sprachbereicherung?
Christiane Wirth (Bonn)
Sandwiches oder sandwichs? – Probleme der Pluralmorphologie von
Anglizismen im Französischen und Spanischen
Der stetig wachsende Einfluss von Entlehnungen lässt sich nicht
nur im lexikalischen Bereich der romanischen Sprachen feststellen,
sondern er strahlt auch auf andere Bereiche aus, wie z.B. die Morphologie. Im Französischen wie im Spanischen lassen sich im Zusammenhang mit der Pluralbildung nicht vollständig integrierter
Lehn- bzw. Fremdwörter, vornehmlich Anglizismen, verschiedene
Probleme beobachten.
Der Beitrag analysiert anhand von Beispielen aus französischen
und spanischen Grammatiken die pluralmorphologische Behandlung nicht vollständig integrierter Anglizismen, wobei das Hauptaugenmerk auf den jeweiligen sprachspezifischen Besonderheiten
und Schwierigkeiten liegt.
Ziel der Analyse ist es, die Andersartigkeit der französischen und
der spanischen Probleme im Bereich der Pluralmorphologie aufzuzeigen, die im Zusammenhang zu sehen ist mit Verschiedenheiten
in der morphologischen Struktur, aber auch mit der unterschiedlichen Haltung der Länder gegenüber Xenismen.
Stefan Tröster-Mutz (Saarbrücken)
Der Konflikt zwischen Dialektvielfalt und Einheitssprache beim Erhalt von
Minderheitensprachen
Wie andere Sprachen auch, präsentieren sich Minderheitensprachen
mit einer Vielzahl von Dialekten. Dialekte sind heutzutage oftmals
durch die Überdachungssprache gefährdet. Im Falle von Minderheitensprachen ergibt sich ein doppeltes Problem: Einerseits leben
viele dieser Sprachen nur in ihren Dialekten, da es nie einen Stan68
dard gab. Andrerseits wird eine Schul- oder Schriftsprache oft als
notwendig angesehen, um eine kleine Sprache durch Medien und
Unterricht am Leben zu erhalten bzw. wiederzubeleben.
Anhand einiger Beispiele romanischer und anderer Sprachen sollen in dem Beitrag unterschiedliche Ansätze präsentiert werden.
Der Schwerpunkt liegt dabei auf einer Analyse eventueller Schriftsprachen und ihrer Orthographien.
Josep Maria Betrán (Hamburg)
Minderheitensprachen: Mittel- und Zeitverschwendung?“
Die Unterdrückung und Verbannung so genannter Regional- und
Minderheitensprachen zeigt sich nicht nur in Handlungsweisen von
Politikern und Verwaltungsangestellten zentralistischer Staaten.
Auch kulturelle Institutionen, Universitäten, Schulen und Massenmedien und – sogar – Sprachwissenschaftler spielen eine wichtige
Rolle bei der Unterteilung von Sprachen in Sprachen erster und
zweiter Ordnung. Folglich werden auch Bürger der EU und der
ganzen Welt in Bürger erster und zweiter Ordnung unterteilt. In
meinem Beitrag soll anhand einiger Beispiele die Verbannung minorisierten Sprachen auf der Ebene der Hochschulen aufgezeigt
werden, die als Ergebnis des offiziellen “banalen Nationalismus”
verstanden werden kann und bei der bestimmte Gruppen der symbolischen, aber nicht minder wirkenden Macht des Staates ausgesetzt sind.
Eva Vetter (Wien)
Komponenten virtueller bretonischer Identität
Der Beitrag lädt ein zu einer Spurensuche bretonischer Identität im
Internet. Ausgehend von der zentralen identitären Bedeutung von
Sprache wird die Frage nach der Rolle des Bretonischen als Objekt
und als Kommunikationsmedium in virtuellen Texten gestellt. Im
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Anschluss daran werden nicht-linguistische Komponenten bretonischer Identität im Internet diskutiert.
Die Kritische Diskursanalyse rezenter Texte konzentriert sich auf
frequentierte Diskussionsforen und die offiziellen Seiten der bilingualen bretonischen Schulen von DIWAN (vgl. Literaturangabe).
Literatur:
www.antourtan.org/forums_fr.htm
www.diwanbreizh.org
Martin Döring (Nottingham/Hamburg)
Virtuelle Identitäten? Die Webpräsenz der okzitanischen Sprachminderheit
in Frankreich
Sprachentod ist Teil einer globalen und bedrohlichen Entwicklung,
die neben dem Aussterben biologischer Arten vor allem auf den
Verlust kulturell generierter und tradierter Wissenssysteme verweist. Im Verlauf der vergangenen 10-15 Jahre hat sich ein Bewusstsein für die Relevanz und die Bedrohung von Minderheitensprachen und Sprachminderheiten entwickelt, die derzeit in der
ökolinguistisch orientierten Forschung mit Begriffen wie biokulturelle oder biolinguistische Diversität (Nettle 1999, Maffi 2001,
Nettle/Romain 2000) gefasst werden. Diesem Verständnis zufolge
ist Sprache ein komplexes Gebilde, das in soziale, historische, geographische Zusammenhänge und biologische Wechselbeziehungen
oder Umwelten eingebettet ist.
Ausgehend von diesen theoretischen Überlegungen widmet sich
der Beitrag aus einer ökolinguistischen Perspektive (Mühlhäusler
1996) der Analyse von Webseiten der okzitanischen Sprachminderheit im französischen Sprachgebiet, die im Internet zugänglich
sind. In einem ersten Schritt erfolgt die linguistisch-medientheoretische Analyse (Trampe 2003) sprachlicher Strukturen, mit denen
die Minderheitensprachen dargestellt und sprachliche Identitäten
konstruiert werden. An diese Untersuchung schließen Überlegun70
gen an, ob das Medium Internet negative oder positive Einflüsse
auf den Erhalt und die Revitalisierung von Minderheitensprachen
hat oder haben könnte.
Literatur:
Maffi, L. (Hg.) (2001): On Biocultural Diversity: Linking Language, Knowledge,
and the Environment, New York.
Mühlhäusler, P. (1996): Linguistic Ecology: Language Change and Linguistic
Imperialism in the Pacific Region. London.
Nettle, D. (1999): Linguistic Diversity, Oxford.
Nettle, D. / Romaine, S. (2000): Vanishing Voices. The Extinction of the World’s
Languages, Oxford.
Trampe, W. (2003): Ökolinguistik in der Mediengesellschaft, in: Zeitschrift für
Kommunkationsökologie 2, 6-15.
Uta Helfrich (Göttingen)
Sprachbewertungstraditionen, Identität und Sprachenpolitik: Die Diskussion
um die Charte européenne des langues régionales et minoritaires in
Frankreich
Die umstrittene, noch immer nicht vollzogene Ratifzierung der
Charte européenne des langues régionales et minoritaires hat in der französischen Öffentlichkeit eine heftige Diskussion ausgelöst, die sich nur
vor dem Hintergrund der kulturspezifischen Sprachbewertungstraditionen nachvollziehen lässt. Exemplarisch für die Argumente des
laienlinguistischen Diskurses für und wider die Charte auf dem
Höhepunkt des Diskussionsprozesses 1999/2000 werden die Einträge im von der Zeitung Libération lancierten Internet-Forum
“Langues régionales. Une charte et des fantasmes” ausgewertet.
Der vorliegende Beitrag zur Attitüdenforschung soll klären helfen,
inwiefern die in der Diskussion geäußerten Meinungen als Reflex
und Reproduktion von traditionellen, im kollektiven Sprachbewusstsein verankerten Sprach- und Identitätsstereotypen zu verstehen sind, auf denen auch die französische Sprachenpolitik basiert.
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Éva Feig (Bonn)
Das Guanche in der traditionellen und volkstümlichen Musik der Kanaren:
expressiver Marker zur Kennzeichnung von Alterität und strategisches
Mittel zum Ausbau der kanarischen Identität
Die Beschäftigung mit Substratsprachen, ihre Rekonstruktion
und die Erforschung ihrer Einflüsse auf die Sprache der Eroberer besitzt seit den Anfängen der Strattheorie von Ascoli (1864)
eine wissenschaftliche Tradition. Das Phänomen einer laienlinguistischen Auseinandersetzung mit den Sprachrelikten von Seiten
der Sprecher mit dem Ziel einer bewussten Sprachaufwertung und
partiellen Wiederbelebung – wie wir es im Augenblick im Sprachverhalten besonders der politisch-national engagierten Kanaren
beobachten können – dagegen stellt sicherlich ein interessantes
Novum dar.
In diesem Beitrag soll daher – eingedenk der starken Verflechtung
von Sprache, Musik und Kultur bzw. kultureller Identität – auf
Grundlage der Liedtexte populärer folkloristischer Gruppen und
Cantautores ein typologischer Überblick über die verwendeten
Guanchismos, ihr grammatisches Profil und ihren Lexikalisiertheitsgrad, sowie vor allem ihre pragmatischen Funktionen hinsichtlich der sprachlichen Identitätsbildung und -förderung erarbeitet werden. Damit soll ein erster Schritt getan werden, um die
Vitalität bzw. funktionale Relevanz des Substratwortschatzes im
kanarischen Spanisch in seiner Spezifik und Bedeutsamkeit für die
Interdependenz von Sprache und Identität zu würdigen.
Annette Gerstenberg (Bochum)
Zur Klassifizierbarkeit französischer Privatwerbung im Internet nach
sprachlichen Merkmalen
Private Kleinanzeigen in Printmedien unterliegen meist Vorgaben,
welche ihre Länge, typographische Gestaltung und Illustration
stark einschränken. In der Folge sind private Kleinanzeigen durch
72
elliptische Strukturen, Nominalstil und spezifische Abkürzungen
gekennzeichnet.
Internetplattformen (z.B. Auktions“häuser“) bieten Privatpersonen
hingegen die Möglichkeit, Inserate sprachlich, aber auch graphisch
und bildlich frei zu gestalten. Ergebnis ist ein Textspektrum, das
von der Nüchternheit einer Kleinanzeige („Vends Combiné LitBureau Gauthier /Achete il y a 12 mois 1500 euros, etat neuf /lit
200*90“) über detaillierte Mitteilungen („quasiment jamais servi,
prix début d’enchère à 1 euro car aucune utilité à mettre en ville“)
bis zu nach professionellem Vorbild gestalteten Werbetexten reicht
(Schlagzeile, Haupttext, Slogan).
Auf Basis eines Korpus von Anzeigen aus drei großen in Frankreich aktiven Internetauktionshäusern wird die Sprache der Privatwerbung nach dem Auftreten von kennzeichnenden textuell-pragmatischen, syntaktischen, morphosyntaktischen und lexikalischen
Merkmalen und ihrer Kombinationshäufigkeit beschrieben.
Auf diese Weise soll die Diversifizierung der Sprache von «Privatwerbung im Internet», zugleich aber die Entwicklung neuer Muster
aufgezeigt werden.
Sebastian Proft (Passau)
Argentinisches Spanisch – Eine empirische Untersuchung zu Lexik und
Phonie
Ausgangspunkt der Arbeit ist die in Hinsicht auf die aktuelle
sprachliche Situation Argentiniens bestehende Forschungslücke.
Das umfassende Werk Vidal de Battinis stammt aus den fünfziger
Jahren des letzten Jahrhunderts, neuere Arbeiten widmen sich vor
allem Teilaspekten und fußen zudem häufig auf kleinen Stichproben. Die Integration einer quantitativen Methodik ist vor diesem
Hintergrund die dringendste Forderung an jede neue Arbeit. Nur
ein solches Vorgehen ermöglicht es, die in Bezug auf Phonie und
Lexik bestehenden Annahmen an der sprachlichen Realität zu prüfen.
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Als empirisches Fundament der Studie dienen die 46 während
zweier Argentinienaufenthalte, im März und im Oktober 2004,
geführten Interviews. Dabei ist die Auswahl der Interviewpartner nach einem Quotaverfahren, welches die Kriterien Alter,
Geschlecht, Wohnort und Einkommen berücksichtigt, getroffen
worden. Auf der Grundlage dieser Stichprobe erfolgt die Untersuchung nach phonetischen und lexikalischen Besonderheiten. Im
Bereich der Lexik wird diese durch eine Reihung der Frequenzen
gestützt: Neben den Worthäufigkeiten misst die aus der Standardabweichung abgeleitete Dispersion die Regelmäßigkeit des Wortgebrauchs.
Im Bereich der Lexik werden die supuestos argentinismos mit
den Ergebnissen der Frequenzanalyse verglichen. Es finden lediglich solche Wörter Eingang in die Ergebnisliste, die mindestens
von zwei Sprechern verwendet wurden und für welche somit eine
Relevanz im alltäglichen Sprachgebrauch zu konstatieren ist. Zunächst ist die Gruppe der strengen Argentinismen, die in Spanien
nicht verwendet werden, von weichen Argentinismen, die dort nur
deutlich seltener vorkommen, zu unterscheiden. Aufgrund systematischer Überlegungen beschränkt sich die Studie auf die strengen. Die größte Teilgruppe stellen die vier Archaismen vos, lindo,
plata und mercadería, welche einen Anteil von etwa 50 Prozent
am Uso (Produkt aus Frequenz und Dispersion) aller Argentinismen haben, dar. Semantische Erweiterungen, Neologismen und
Lehnwörter haben, obwohl sie zusammen über neunzig Prozent
der Argentinismen stellen, hieran einen Anteil von jeweils einem
Sechstel.
Im Bereich der Phonie ergeben sich folgende Ergebnisse: Analog zu der in Lateinamerika dominanten Variante tritt in allen Teilen Argentiniens der Seseo auf; distinktives Merkmal des argentinischen Spanisch ist in erster Linie der Žeísmo. In Buenos Aires
und dem angrenzenden Litoral hat sich seit den fünfziger Jahren
des 20. Jahrhunderts die stimmlose Variante, der Žeísmo rehilado,
74
zunehmend durchgesetzt. Heute ist er bei den weiblichen Sprechern aller Altersgruppen sowie bei den jungen Männern die klar
dominante Form. Im Landesinneren tritt die stimmlose Variante
nicht auf. Fallweise kommt es hier allerdings zur Assibilierung von
/rr/ sowie einer vergleichsweise starken Aspiration von /s/. Unter
Berücksichtigung dieser Differenzen ist eine dialektologische Gliederung Argentiniens in Interior und Litoral festzustellen. Dabei
stellt sich das Interior nicht als vollkommen homogene Zone dar,
sondern definiert sich zunächst durch die Differenzen zum Litoral. In den Grenzregionen mit Bolivien und Paraguay finden sich
sprachliche Einflüsse der Nachbarländer. Eine klare Abgrenzung
des argentinischen Spanisch gegenüber den Nachbarvarianten wird
von den Daten nicht ausreichend gestützt.
Christina Becker (Bonn)
Convivencia ist nicht gleich convivencia. Zur sprachlichen Diversität in der
Politik
Schlagwörter spielen gerade im Bereich der Politik eine wichtige
Rolle, fungieren sie doch als zentrale Instrumente der Persuasion. Parteien und Politiker operieren bevorzugt mit sprachlichen
Zeichen dieser Art, um eigene Ziele und Vorstellungen kondensiert zu vermitteln sowie gegebenenfalls Meinungsänderungen zu
bewirken. Zudem dienen Schlagworte der Identifikation und Abgrenzung. Die ideologische Gebundenheit eines Schlagworts führt
dazu, dass die gleichen sprachlichen Zeichen je nach Partei/Politiker oft mit jeweils unterschiedlichen Inhalten „gefüllt“ werden.
Der Beitrag basiert auf der Analyse von Schlagwörtern, die von
den spanischen Volksparteien PSOE und PP sowie von der baskischen Regionalpartei EAJ/PNV im Umfeld der baskischen Regionalwahlen im April 2005 instrumentalisiert wurden. Es gilt, identische Lautkörper in ihren jeweiligen Kontexten zu untersuchen,
um sprachliche Vielfalt auf der Bedeutungsseite nachzuweisen und
75
darauf aufbauend Erkenntnisse über das mögliche Persuasionspotential semantischer Vagheit zu gewinnen.
Henrike Amian (Bonn)
Internetkommunikation und ihr Potenzial für sprachliche Diversität
Der virtuelle Raum des Internet und der Internetkommunikation
bietet für die linguistische Analyse einen interessanten Fundus, um
Theorien und Methoden zum Verständnis kommunikativer Prozesse zu testen. Gerade das Aufeinandertreffen neuer Parameter
wie die kurze zeitliche Abfolge der Beiträge, deren allgemeine Zugänglichkeit und die Heterogenität der Kommunikationspartner
zeugt von einem großen Potenzial kommunikativer Diversität, die
es zu analysieren gilt.
Der Beitrag befasst sich mit der Frage der spanischsprachigen
Internetkommunikation in Diskussionsforen und Newsgroups.
Dabei soll besonderes Augenmerk auf Aspekte der sprachlichen
Variation gelegt werden, die den medial-virtuellen Bedingungen
der Kommunikationssituation geschuldet sind. Darunter fallen
Aspekte wie die Enkodierung von Raum und Zeit, Elemente der
sozialen Nähe sowie spezifische Sprechereigenschaften. Besondere
Berücksichtigung erfährt dabei die Frage nach den Effekten dieser
Variationen auf die syntaktische Struktur des Spanischen.
76
Sektion 4
Romanische Sprachen in Europa. Eine Tradition mit Zukunft?
Leitung: Beatrice Bagola (Trier), Michael Frings (Trier),
Johannes Kramer (Trier), André Klump (Mainz)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Andre Klump (Mainz)
Das grammatiko- und lexikographische Werk
Cesar Oudins als Spiegel der Mehrsprachigkeit im
Europa des 17. Jahrhundert
Corina Petersilka (Erlangen)
Zur Zweisprachigkeit Friedrichs des Großen
Debora de Fazio (Lecce)
Il linguaggio del socialismo ottocentesco come
espressione di correnti europee transnazionali
Francesca Danese (Lecce)
Interferenze tra napoletano e catalano in un
volgarizzamento del Secretum Secretorum
prodotto da Cola de Jennaro (1479)
Johannes Kramer (Trier)
Die Rolle kleiner romanischer Sprachen im Europa des 21. Jahrhunderts
Hermann Kleber (Trier)
Littératures des minorités linguistiques au Luxembourg: multiculturalité et identité nationale
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Cornelia Personne (Darmstadt)
Langues régionales et “protectionnisme linguistique” en France: un état des lieux
Geneviève Bender-Berland (Trier)
77
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Les langues romanes en France aujourd’hui
Heiner Böhmer (Dresden)
Die Rolle der inneren Entlehnungen vor dem
Hintergrund der Sprachenreduktion
Uwe Dietzel (Pau)
Zur aktuellen Sprachsituation im französisch-spanischen Grenzgebiet
Michela Russo (Paris)
Relazioni e influssi tra i parlari d’Italia e gli esotis
mi di trafila francese
Kristian Naglo (Göttingen)
Sprache und Identitätsaspekte in Europa: die Beispiele Baskenland und Südtirol
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Michael Frings (Trier)
Mehrsprachigkeit im Fremdsprachenunterricht.
Wieviele (romanische) Sprachen brauchen deutsche Schüler?
Eva Vetter (Wien)
Die Tertiärsprache Französisch im Mehrsprachigkeitsbewusstsein österreichischer LehrerInnen
Donnerstag, 29.09.05
8.00 Uhr
8.45 Uhr
9.30 Uhr
78
Pia Kral / Holger Wochele (Wien)
(Fremdsprachen- und Fehlerbewusstheit von Laien. Empirische Untersuchungen am Institut für
Romanische Sprachen der Wirtschaftsuniversität
Wien
Christine Henschel (Saarbrücken)
Italienisch und Französisch als Sprachen der Wissenschaft - eine Tradition mit Zukunft?
Beatrice Bagola (Trier)
Das Internet: Zukunft des Französischen und
10.15 Uhr
Italienischen
Abschluss: Johannes Kramer (Trier)
Abstracts
Andre Klump (Mainz)
Das grammatiko- und lexikographische Werk César Oudins als Spiegel der
Mehrsprachigkeit im Europa des 17. Jahrhunderts
Der französische Fremdsprachenlehrer César Oudin, der im Jahre
1597 von Heinrich IV. mit dem Amt eines Secrétaire et Interprète
des langues étrangères betraut wurde, verkörperte mit seinen zahlreichen Grammatiken, Wörterbüchern, Dialogsammlungen und
literarischen Übersetzungen wie kaum ein anderer das zunehmend
von der Schrift und den “neueren” Sprachen geprägte Europa des
beginnenden 17. Jahrhunderts. Wenngleich das Lateinische in bestimmten distanzsprachlichen Bereichen (z.B. an den Universitäten) seine Vormachtstellung weiterhin behalten konnte, fungierten
nunmehr auch verstärkt das Französische, Italienische, Spanische,
Flämische und neuerdings sogar das Englische als vorrangige oder
gar einzige Amts-, National- und Fremdsprachen. Das polyglotte
Gesamtwerk Oudins, dessen bedeutendstes Lehrbuch zweifelsohne
die kontrastiv angelegte Grammaire Espagnolle (11597) darstellt,
spiegelt dabei nicht nur die Vielfalt, sondern auch die frühe hierarchische Struktur jener Volkssprachen wider, innerhalb welcher
das Spanische seit der Mitte des 16. Jahrhunderts als die führende
moderne Fremdsprache Europas auftrat. Angesichts der Aufwertung des Französischen im europäischen Kontext vermochte es
den Status der bevorzugten Zweitsprache im Verlauf des 17. Jahrhunderts lediglich noch in Frankreich zu bewahren. Ziel des Vortrags wird es somit sein, den Umgang mit bzw. die zeitgenössische
Vision von der Mehrsprachigkeit in Europa exemplarisch am Werk
des berühmtesten französischen Hispanisten des 17. Jahrhunderts
79
(insbesondere am Beispiel seiner spanisch-französischen Grammatik) aufzuzeigen.
Corina Petersilka (Erlangen)
Zur Zweisprachigkeit Friedrichs des Großen
Friedrich II. (1712-1786) sprach und schrieb lieber Französisch als
Deutsch. Nach einem kurzen Überblick über die erziehungs- und
kulturgeschichtlichen Gründe für diese Präferenz behandelt der
Vortrag die Zweisprachigkeit des Preußenkönigs auf der Basis seiner Handschriften und der Zeitzeugenaussagen. Dabei geht es zunächst um die Aufgabenverteilung der beiden Sprachen im Alltag
des Monarchen als Regent, Feldherr, Privatperson, Schriftsteller
und Leser. Kurz vorgestellt werden die sprachlichen Gewohnheiten des französisch schreibenden und sprechenden Privatmannes,
Literaten und Philosophen und des zumeist deutsch kommunizierenden Administrators und Militärs. Danach wird seine französische Orthographie, die zum Teil Rückschlüsse auf die Aussprache erlaubt, und seine lexikalisch-grammatische Beherrschung des
Französischen anhand eines Textbeispiels bzw. anhand der Korrekturen, die Voltaire vornahm, beschrieben. Schließlich wird eine
seiner deutschen Handschriften exemplarisch auf dialektale und
französische Einflüsse hin betrachtet. Der Beitrag lässt die kulturhistorischen und individualpsychologischen Ursachen für die ausgeprägte Frankophonie des roi-philosophe verständlich werden.
Debora de Fazio (Lecce)
Il linguaggio del socialismo ottocentesco come espressione di correnti europee
transnazionali
Il socialismo è il primo movimento politico che della transnazionalità fa uno dei propri cardini, tanto che la sua prima organizzazione
si chiama appunto (Prima) Internazionale dei lavoratori. La circolazione delle idee in ambito europeo è rapidissima e l’Italia non ne
80
è esclusa. Tuttavia, la trasmissione dei nuovi fermenti non avviene
in modo paritario da tutte le lingue di cultura. Il francese rimane
il veicolo quasi esclusivo dei prestiti e dei calchi (questi ultimi, per
ovvie ragioni, meno riconoscibili) anche se si tratta di idee nate
altrove: il caso più evidente è quello del pensiero marxista, diffuso
prevalentemente, almeno all’inizio, attraverso traduzioni transalpine. Inoltre, molti anglicismi vengono veicolati attraverso il materiale propagandistico proveniente dalla Francia.
Una ricerca ad ampio raggio condotta sui documenti dell’epoca
con gli strumenti lessicografici oggi disponibili sul versante francese (soprattutto il TLF) consente di stabilire che: (1) la maggioranza
dei prestiti dal francese avviene intorno al periodo della Comune
(1870-71), e si tratta di lessico istituzionale; (2) il periodo rivoluzionario continua ancora a rappresentare un filone fondamentale;
(3) la diffusione dei testi marxisti avviene con un certo ritardo e la
loro influenza in Italia comincia ad essere avvertita solo all’inizio
del Novecento.
Francesca Danese (Lecce)
Interferenze tra napoletano e catalano in un volgarizzamento del Secretum
Secretorum prodotto da Cola de Jennaro (1479)
Il presente intervento riguarda un aspetto dei rapporti tra lingue e
culture romanze nel Medio Evo, che si svolgevano secondo modalità comunicative diverse da quelle attuali. Oggetto di attenzione
è il volgarizzamento napoletano del Secretum Secretorum redatto
nel 1479 da Cola de Jennaro (personaggio di cui si sa solo che
era un maniscalco che, al momento in cui scriveva, era prigioniero
a Tunisi), conservato in codex unicus dal ms. Ital. 447 della Bibiothéque Nationale di Parigi.
Uno dei motivi di interesse del volgarizzamento di Cola de Jennaro risiede nel fatto che esso è volgarizzato non dal latino, ma
da un’altra lingua romanza, il catalano (fatto non eccezionale, ma
non frequente in epoca aragonese). Fugati i primi dubbi (dovuti a
81
un preconcetto un tempo assai diffuso) sulla possibilità di una traduzione dal catalano (Morel Fatio 1897), in anni recenti (Franzese
1994) è stato individuato il manoscritto (fra i quattro noti della tradizione catalana) contenente la copia più vicina alla fonte del testo
di Cola. In questa sede analizzeremo pertanto le modalità di volgarizzamento adoperate e l’interferenza fra catalano e napoletano
nel testo di Cola de Jennaro. Recenti studi ci permettono, inoltre,
di inquadrare il testo entro un contesto culturale e linguistico più
ampio, quello del “contatto” fra catalano e napoletano nella Napoli
aragonese.
Johannes Kramer (Trier)
Die Rolle kleiner romanischer Sprachen im Europa des 21. Jahrhunderts
Im Laufe des Vortrags geht es darum, die Funktionen des Rumänischen, Bündnerromanischen, Katalanischen und Aromunischen in
Europa des 21. Jahrhunderts zu beleuchten. Ein Hauptaugenmerk
liegt auf der Rechtsstellung und auf der Bedeutung der Standardisierung für die Funktionsfähigkeit.
Hermann Kleber (Trier)
Littératures des minorités linguistiques au Luxembourg: multiculturalité et
identité nationale
Depuis plus de 100 ans, il y a une présence de minorités linguistiques au Luxembourg. Il y a une présence italienne plus que centenaire, une présence portugaise ou plutôt lusophone d’un demi-siècle, une présence hispanophone au moins de deux décennies et une
présence serbo-croate d’une décennie. Ces minorités linguistiques
se sont intégrées ou s’intègrent dans la société luxembourgeoise
tout en gardant leurs identités culturelles qui s’expriment dans une
littérature en leurs langues originaires. Le processus d’intégration
est marqué, au plus tard à partir de la deuxième génération et surtout à partir de la troisième génération par l’utilisation d’une des
82
trois langues officielles du Luxembourg, de préférence le français.
Dans cette langue publient aussi les auteurs sortis ou encore appartenants aux dites minorités. Quel impact subit la culture majoritaire
trilingue du Luxembourg sous l’influence de ces cultures adstrates
et quel rôle jouent ces cultures pour l’identité nationale ?
Cornelia Personne (Darmstadt)
Langues régionales et “protectionnisme linguistique” en France: un état des
lieux
Interventionnisme, dirigisme, protectionnisme: tous les -ismes sont
au rendez-vous dès lors que l’on s’efforce de circonscrire l’attitude
française à l’égard d’une langue devenue nationale: de l’ordonnance de Villers-Cotterêts en 1539 jusqu’à la loi Toubon de 1994, la
France témoigne d’un souci toujours renouvelé d’ériger le français
en symbole d’unicité et garant des valeurs républicaines. Dans un
monde globalisé, cette position se prolonge à travers la Francophonie et une législation veillant au statut de la langue française dans
les institutions internationales qui pourrait paraître ambitieuse aux
yeux de certains. La non-ratification de la Charte européenne des
langues régionales ou minoritaires semble, à première vue, s’inscrire dans cette lignée. Or, la place accordée aux langues régionales et
minoritaires dans l’enseignement ainsi que dans certaines pratiques
quotidiennes, loin de faire preuve d’un “deuxième type de politique linguistique”, atteste une seule et même aspiration, celle de
faire des parlers du territoire un des derniers bastions à défendre
contre l’envahissement du monolinguisme et du monoculturalisme
mondialisés.
Geneviève Bender-Berland (Trier)
Les langues romanes en France aujourd’hui
Alors que la France n’a toujours pas modifié l’article 2 de sa Constitution qui postule que « la langue de la République est le français
83
» pour y ajouter « Ceci s’entend sans porter atteinte aux droits et
libertés des langues des régions et de leurs locuteurs », un grand
nombre de Français utilisent au quotidien, en dehors de la langue «
nationale », un autre idiome, généralement qualifié de « langue minoritaire » voire de « patois ». Dans le sud de la France les langues
régionales romanes sont bien vivantes, et après avoir été pendant
de longues décennies ignorées des pouvoirs publics, elles sont désormais enseignées légalement à différents niveaux.
Heiner Böhmer (Dresden)
Polysemiekonfigurationen in benachbarten en Nationalsprachen Westeuropas
(Französisch, Spanisch, Deutsch)
Der Vortrag setzt sich mit Mehrsprachigkeit im Bereich der Entlehnungsforschung auseinander. Ein nüchterner Vergleich von polysemen Bedeutungskonstellationen des Spanischen, Deutschen
und Französischen zeigt, dass die Ähnlichkeiten größer sind als die
Divergenzen. Es soll demonstriert werden, dass dies weniger an kognitiven Universalien liegt, also an sprachübergreifenden Mustern
der Entfaltung von Polysemien, als vielmehr an innereuropäischer
Entlehnung. Dies wird an vier Gruppen aus je drei in ihren Hauptbedeutungen äquivalenten Wörtern des Deutschen, Spanischen
und Französischen vorgeführt. Eine Nebenthese, die den weiteren
Rahmen der Sektion betrifft, ist dabei, dass die innereuropäische
Entlehnung gewisse negative Effekte eines drohenden Sprachentodes auffängt. Oder besser gesagt: das Ergebnis des Vortrags
weist im Zusammenklang mit vielfach vorhandener Forschung auf
diese These hin. Der ästhetische Verlust bei Sprachentod erscheint
aus dieser Sicht generell dramatischer als der kognitive. Und der
kognitive wäre möglicherweise im grammatischen Bereich weitaus
gewichtiger als im semantischen.
84
Uwe Dietzel (Pau)
Zur aktuellen Sprachsituation im französisch-spanischen Grenzgebiet
Der Wunsch, einen möglichst starken Zentralstaat mit einer einheitlichen, von jedem seiner Bewohner genutzten Sprache dem
Französischen zu schaffen, führte im Laufe mehrerer Jahrhunderte
dazu, dass die Regionalsprachen im öffentlichen Leben Frankreichs
zunehmend an Einfluss verloren oder ganz aus ihm verschwanden.
Diese Entwicklung hielt bis weit ins 20. Jahrhundert an. Erst seit
wenigen Jahrzehnten erhalten die Regionalsprachen und die mit ihnen verbundenen Kulturen in Frankreich erneut eine stärkere Aufmerksamkeit und einige staatliche Unterstützung. Auch in Spanien
hatten die Regionalsprachen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein
mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Heute besitzen das Katalanische,
das Gaskognische und das Baskische südlich der Pyrenäen einen
autonomen Status, wenngleich noch nicht alle Probleme gelöst
sind. Der Vortrag möchte aufzeigen, welche Ergebnisse die Bemühungen um die Regionalsprachen in den vergangenen Jahrzehnten
erbracht haben und welchen Status und welche Perspektiven die
Regionalsprachen gegenwärtig im Gebiet beiderseits der Pyrenäen
besitzen. Besonderes Augenmerk wird dabei verschiedenen Varietäten des Okzitanischen, dem Gaskognischen, dem Katalanischen
und dem Baskischen zukommen.
Michela Russo (Paris)
Relazioni e influssi tra i parlari d’Italia e gli esotismi di trafila francese
Presso il nucleo del Lessico Etimologico Italiano dell’Università di
Paris 8 è in corso, a cura della scrivente, l’elaborazione degli etimi
galloromanzi, e proprio nel quadro della loro redazione si punta
ad esaminare in questa sede alcuni aspetti che hanno a che vedere
con il francese come tramite, generalmente coloniale, di elementi
esotici nell’italiano e nei suoi dialetti.
Prendiamo il caso del giapp. bonsō, che proviene dall’italiano (in
85
cui è attestato nella forma bonzo ‘sacerdote buddista’, dal 1589,
Serdonati) probabilmente dal fr. bonse (dal 1570, FEW 20,93); la
forma francese a sua volta è passata attraverso il port. bonze (1548,
Houaiss 488), bonzos (1554-83, ibidem). Il significato secondario
di ‘persona che si dà importanza, che agisce con solennità’ (dal
1907, Carducci) sembra essere un francesismo recente, che trova riscontro nel fr. bonze ‘personnage qui fait autorité et dont les
théories sont démodées’ (dal 1885, FEW 20,93b).
Il caso di bonzo pone il complicato problema di quale sia effettivamente la lingua di mediazione tra quelle esotiche e l’italiano.
Non solo le lingue coloniali sono (ovviamente) più d’una (a parte
il francese, il portoghese e lo spagnolo, vanno ricordate quelle germaniche, inglese e neerlandese), ma una parola nella nostra lingua
può essere stata introdotta in momenti diversi attraverso tramiti e
intermediari culturali differenti. Ci si propone di presentare a questo proposito alcuni casi di un certo interesse metodologico.
Kristian Naglo (Göttingen)
Rollen von Sprache in Identitätsbildungsprozessen: die Beispiele Luxemburg,
Südtirol und Baskenland
Ziel des Beitrags ist es, die Frage nach der Zukunft der romanischen Sprachen in Europa mit der nach Rollen von Sprache in
Identitätsbildungsprozessen zu verknüpfen. Grundsätzlich handelt
es sich im Rahmen dieser Abläufe um potentielle Kopplungen von
Sprache, Territorium, politischer Form und kollektiven Identitäten
im Kontext eines gemeinsamen Kommunikationszusammenhangs.
Das Hauptaugenmerk liegt hier auf Intergruppenprozessen, um die
hervorgehobene Rolle von Sprache im Kontext insbesondere kollektiver Strategien zu betonen. Sprache wird oft als zentraler oder
sogar einziger Grenzmarker betrachtet und besitzt diesbezüglich
sowohl inkludierende als auch exkludierende Potentiale. Fokussiert
werden entsprechend politische Instrumentalisierungen und Aktualisierungen von Sprache sowie diesem Prozess inhärente Iden86
titätsaspekte. Eine gesellschaftliche Problematik der Sprachenfrage
im europäischen Kontext ergibt sich vorwiegend aus dem Dilemma zwischen dem Raum für Individualität und spezifischen Solidaritäten einerseits und Effizienz andererseits. Die Termini Identität
und Effizienz verkörpern in diesem Sinne Pole, zwischen denen
die Diskussion um die Sprachenfrage oszilliert: auf der einen Seite
gilt Sprache vorwiegend als Instrument der Kommunikation, auf
der anderen als Symbol bzw. Schicksal. Hier wird argumentiert,
dass kleinräumige Orientierungen grundsätzlich der Gewinnung
wahrgenommener individueller Verhaltenssicherheit dienen, die
im Kontext von Europäisierung und Globalisierung nicht mehr als
quasi-automatisch gegeben erscheint. Dies korrespondiert grundsätzlich mit einer verstärkten Identitätsbetonung. Vor dem Hintergrund der Entgrenzung der klassischen Nationalstaaten steigt
folglich so die Annahme die
(symbolische) Bedeutung von Sprachvarietäten des regionalen und
lokalen Nahraums. Dennoch wird prognostiziert, dass die politische Vormachtstellung der nationalstaatlichen Ebene in Europa
vorerst fortbestehen wird, auf der wiederum eher spracheffiziente
Aspekte bestimmend sind/sein werden. Die theoretische Annäherung erfährt an den Beispielen Luxemburg, Südtirol und Baskenland eine Konkretisierung. Die Schwerpunktsetzung liegt demnach
auf multilingualen Räumen und ihren Gesellschaften, in denen sich
kleine und große Sprachen (in Bezug auf die absoluten Sprecherzahlen) sowie unterschiedliche Sprachgruppen gegenüberstehen.
Michael Frings (Trier)
Mehrsprachigkeit im Fremdsprachenunterricht. Wie viele (romanische)
Sprachen brauchen deutsche Schüler?
Mehrsprachigkeit und Sprachendiversifizierung sind wichtige
Schlagwörter in der aktuellen schulsprachenpolitischen Diskussion. Schon vor zehn Jahren wurde im Weißbuch der Europäischen
Union die Forderung aufgestellt, dass SchülerInnen innerhalb der
87
EU mindestens zwei Gemeinschaftssprachen erwerben sollen, um
so – zusammen mit ihrer Muttersprache – über ein Repertoire von
drei Sprachen zu verfügen.
Übereinstimmend mit Weinrich (1976), demzufolge echte Mehrsprachigkeit mit dem Lernen einer zweiten Fremdsprache einsetzt,
soll anhand der deutschen Schullandschaft untersucht werden, inwiefern SchülerInnen an Deutschlands Schulen zu Beginn des 21.
Jahrhunderts mehrsprachig ausgebildet werden. Sodann wird der
Frage nachzugehen sein, wie die Herausbildung mehrsprachiger
Kompetenz in Zukunft gefördert werden kann und welche Rolle
die romanischen Sprachen bei diesem Prozess einnehmen können.
Eva Vetter (Wien)
Die Tertiärsprache Französisch im Mehrsprachigkeitsbewusstsein
österreichischer LehrerInnen
Die Studie situiert sich im Kontext des schulischen Unterrichts
romanischer Sprachen in Österreich und präsentiert Ergebnisse
einer empirischen Untersuchung zum Französischen, der beliebtesten österreichischen Tertiärsprache. Ausgangspunkt des Beitrags
ist die Frage, inwieweit FremdsprachenlehrerInnen tertiärsprachliche Prämissen mittragen. Im Zentrum steht das Konzept des
Mehrsprachigkeitsbewusstseins, seine Operationalisierung und erste Ergebnisse einer schriftlichen Befragung von FranzösischlehrerInnen. Abschließend werden weiterführende forschungsleitende
Fragestellungen zur Diskussion gestellt.
Pia Kral / Holger Wochele (Wien)
Fremdsprachen- und Fehlerbewusstheit von Laien. Empirische
Untersuchungen am Institut für Romanische Sprachen der
Wirtschaftsuniversität Wien
Im Jahr 2005 leben wir in einem Europa, in dem sich die meisten
Nationalstaaten seit mindestens hundert Jahren etabliert haben.
Dennoch ist seitdem nicht alles beim Alten geblieben: das “Konzept Europa” ist in stetigem Wachstum begriffen.
Zahlreiche Faktoren des öffentlichen Lebens haben in diesem
Zusammenhang bereits erheblich an Bedeutung gewonnen. Dies
scheint in besonderer Weise auf die in Europa gesprochenen
Sprachen zuzutreffen; ihre Verwendung könnte in Hinkunft aufgrund der Erweiterung der Europäischen Union gen Osten einige
Verschiebungen erfahren. Wir werden uns also die Frage stellen
müssen, welche Fremdsprachen in diesem neuen Kontext gelernt
werden.
Unter den modernen Fremdsprachen, die weltweit am meisten gelernt werden, konkurriert das Italienische mit dem Deutschen um
den vierten Platz. Die Gründe, weswegen sich so viele Lernende
für das Italienische entscheiden, sind verschiedener Art, und wenn
auch ein immer größerer Teil der Lernerschaft aus Personen besteht, die sich als Migranten in Italien aus praktischen Gründen für
das Italienische entscheiden bzw. als Nicht-Italophone die Sprache
aus wirtschaftlichen Gründen erlernen wollen, so spielt die “kulturelle” Motivation wie schon in der Vergangenheit eine bedeutende
Rolle (De Mauro / Vedovelli 2002). Diese globalen Ergebnisse stehen im Einklang, bzw. äußern sich in noch ausgeprägterer Form
in einer an der Wirtschaftsuniversität Wien durchgeführten Untersuchung zur Motivation von Italienisch-Studierenden: sie verdeutlicht, dass – selbst wenn wie im vorliegenden Fall die Sprache im
Rahmen des Studiengang “Internationale Betriebswirtschaftslehre” gelernt wird – die ausschlaggebenden motivationellen Faktoren in der Stellung des Italienischen als Kultursprache bzw. dem
Prestige des Landes Italien, das es in der kollektiven Vorstellungswelt Deutschsprachiger genießt, zu suchen sind.
Im zweiten Teil des Referats soll nicht mehr die Motivation zum
Fremdsprachenlernen, sondern die Sprachbewusstheit von „Laien“ (Frankophonen und Italienern) als potentiellen Kommunikationspartnern unserer Studierenden im Vordergrund stehen. Auch
in diesen Kontexten ist es unwahrscheinlich, dass Frankophone /
Italiener die Sprache lediglich als Kommunikationsmittel begreifen; auch sie werden (unbewusst) Erwartungshaltungen bezüglich
der Korrektheit seitens der Nicht-Muttersprachler mitbringen
und ihre Äußerungen entsprechend bewerten. Im Rahmen eines
in Planung befindlichen Forschungsprojekts und einer Habilitationsschrift (Wochele) soll nun den Fragen nachgegangen werden,
ob es einerseits relevante Unterschiede in der Sprachauffassung
von Laien als Kommunikationspartnern von Nicht-Muttersprachlern und Sprachlehrern / Linguisten gibt und ob sich andererseits
die Erwartungshaltungen, mit denen Frankophone und Italiener
Nicht-Muttersprachlern begegnen, wesentlich voneinander unterscheiden (Normbewusstheit).
Christine Henschel (Saarbrücken)
Italienisch und Französisch als Sprachen der Wissenschaft: Eine Tradition
mit Zukunft?
Während im gesamten Mittelalter und zum Teil weit darüber hinaus das Lateinische die dominierende Sprache, die lingua franca
der wissenschaftlichen Kommunikation in Europa war, haben sich
seit der Frühen Neuzeit die Volkssprachen zu voll funktions- und
ausdrucksfähigen Sprachen entwickelt, die nach und nach auch
den Bereich der Wissenschaften für sich “eroberten”. Der Beitrag
fragt, wie und wann sich diese Entwicklung im Fall des Italienischen und des Französischen vollzogen hat. Im Mittelpunkt steht
die Frage nach dem aktuellen Status der italienischen und der französischen Wissenschaftssprache, auch und gerade angesichts der
90
beständig größer werdenden Bedeutung des Englischen in der internationalen Kommunikation. Wie reagiert man in Italien und in
frankophonen Ländern und Regionen auf diese neue Herausforderung, und welche Zukunftsperspektiven haben das Italienische
und Französische als Sprachen in den Wissenschaften?
Beatrice Bagola (Trier)
Das Internet: Zukunft des Französischen und Italienischen
In der heutigen Gesellschaft ist das Internet und der Computer ein
fester Bestandteil des Alltagslebens geworden. Die Anwendungsbereiche erstrecken sich auf viele Ebenen und auch die Anzahl der
Nutzer steigt ständig.
Gerade die Internetnutzer stellen in linguistischer Hinsicht einen
interessanten Aspekt des Internets dar. Charakteristisch für das
Sprachverhalten einer großen Anzahl der Nutzer ist u.a. die Verwendung der jeweiligen Muttersprache. Auf diese Weise wandelt
sich das Internet von einem englisch dominierten virtuellen Raum
zu einem multilingualen. Teil dieser multilingualen Gemeinschaft
sind auch Nutzer, die sich einer romanischen Sprache, wie z.B. des
Französischen und Italienischen, bedienen. Auf verschiedenen
Ebenen wird daher eine Distribution der beiden Idiome gefördert.
Innerhalb des Vortrags soll nicht nur dieser Punkt diskutiert werden, sondern auch eine mögliche zukünftige Entwicklung der beiden Sprachen im virtuellen Raum angesprochen werden.
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Sektion 5
Sprachwandel und räumliche (Dis-)Kontinuität
Leitung: Sabine Heinemann (Regensburg), Paul Videsott
(Innsbruck)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Peter Koch (Tübingen)
Quantitative und qualitative Aspekte von Bezeichnungsdivergenzen im innersten Kernwortschatz
romanischer Sprachen
David Trotter (Aberystwyth)
Pur meuz acorder en parlance E descorder en variaunce:
convergence et divergence dans l’évolution de
l’anglo-normand
Maria Selig (Regensburg)
Das Pikardische – Gedanken zu einer altfranzösischen Dialektologie
Hans Goebl (Salzburg)
Sprachwandel im Raum: dialektometrisch betrachtet (mit galloromanischen Beispielen)
Ingrid Neumann-Holzschuh (Regensburg)
Die Varietäten des akadischen Französisch zwischen Kontinuität und Diskontinuität
Rembert Eufe (Strasbourg)
‚Secondo la mente, intencion et comandamento
de la nostra illustrissima Signoria‘ – Proklamationen, Sendbriefe und Prozessprotokolle aus dem
venezianischen Kreta des 15. und 16. Jahrhunderts
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Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Maria Iliescu (Innsbruck)
La grammaticalisation du complément du nom
possessif en ancien français et en roumain
Marc-Olivier Hinzelin (Konstanz)
Sprachklassifikation, Sprachkontakt und Sprachwandel am Beispiel der Stellung der Objektpronomina im Okzitanischen
Paola Benincà / Nicoletta Penello (Padova)
Variazione sincronica e diacronica nella sintassi
romanza: L’Atlante Sintattico dell’Italia Settentrionale e
i dati della Filologia
Davide Ricca (Torino)
Tratti instabili nella sintassi del piemontese contemporaneo: tra italianizzazione e arcaismi locali
Martin Haase (Bamberg)
Tempus – Modus – Aspekt in Raum und Zeit
Thomas Stehl (Potsdam)
Phonologischer Wandel im Sprachkontakt: Divergenz, Konvergenz und zyklische Drift
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Michele Loporcaro / André Hilal (Zürich)
Contatto e mutamento linguistico in Sardegna
settentrionale: il caso di Luras
Marcello Barbato (Zürich)
Sistemi vocalici a contatto in area italo-romanza
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr 9.45 Uhr
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Matthias Heinz (Tübingen)
Zur diachronen phonotaktischen Typologie romanischer Sprachen: methodische Überlegungen
Philipp Burdy (Bamberg)
Probleme im Zusammenhang mit lat. au
Abstracts
Peter Koch (Tübingen)
Quantitative und qualitative Aspekte von Bezeichnungs-divergenzen im
innersten Kernwortschatz romanischer Sprachen
Anhand eines onomasiologisch definierten Ausschnitts aus den
Kernwortschätzen des Französischen, Spanischen, Italienischen,
Portugiesischen, Rumänischen und Sardischen soll untersucht
werden, wo sich Bezeichnungswandel gegenüber dem Lateinischen
und damit ggf. auch Bezeichnungsdivergenzen zwischen den romanischen Sprachen ergeben haben. Dies ist zunächst quantitativ
auszuwerten, so dass erkennbar wird, wie groß die Zentrifugalität
in den einzelnen romanischen Sprachen ist (vgl. Koch 2004). Hinzu kommen aber qualitative Aspekte:
Es soll anhand eines dreidimensionalen diachronisch-lexikologischen Modells, wie es in Tübinger Projekten verwendet wird (vgl.
Blank 2000; Koch 2000; Gévaudan 2003), bestimmt werden, in welcher Proportion jeweils unterschiedliche Typen der lexikalischen
Innovation im Bezeichnungswandel vertreten sind (Metonymie,
Metapher, Bedeutungserweiterung usw.; Typen der Wortbildung;
Typen der Entlehnung). Dabei ist es von Interesse zu beobachten, ob die einzelnen romanischen Sprachen hier unterschiedliche
Präferenzen haben oder ob grosso modo die gleichen Verfahren zu
beobachten sind.
Es soll in einer typologischen Perspektive (vgl. Koch 2005) gefragt
werden, an welcher Stelle sich in den einzelnen Sprachen konzeptuell relevante Umorganisationen des lexikalischen Materials ergeben haben (wie z.B. bei lat. CARO gegenüber fr. chair/viande oder
sard.log. carre/petta).
95
Literatur:
Blank, A. (2000): „Pour une approche cognitive du changement sémantique lexical: aspect sémasiologique“, in: Mémoires de la Société de Linguistique de Paris, N.S.
9, 59-73.
Gévaudan, P. (2003): „Lexikalische Filiation. Eine diachronische Synthese aus
Onomasiologie und Semasiologie“, in: Blank, A./Koch, P. (edd.), Kognitive roma­
nische Onomasiologie und Semasiologie, Tübingen, 189-211.
Koch, P. (2000): „Pour une approche cognitive du changement sémantique lexical: aspect onomasiologique“, in: Mémoires de la Société de Linguistique de Paris, N.S.
9, 75-95.
Koch, P. (2004): „Il cosiddetto ‚conservatorismo‘ lessicale del sardo“, in: Grimaldi, L./Mensching, G. (edd.), Su sardu Limba de Sardigna e limba de Europa,
Cagliari, 67-104.
Koch, P. (2005): „Aspects cognitifs d’une typologie lexicale synchronique. Les
hiérarchies conceptuelles en français et dans d’autres langues“, in: Langue fran­
çaise 145, 11-33.
David Trotter (Aberystwyth)
‚Pur meuz acorder en parlance E descorder en variaunce‘: convergence et
divergence dans l’évolution de l’anglo-normand
L’anglo-normand, au début une variété au moins théoriquement
distincte de l’ancien français – malgré l’absence de textes continentaux avec lesquels on peut comparer les tout premiers textes
anglo-normands – s’est sans doute éloigné, au fil des années, de
plus en plus de l’ancien français de la France. C’est la conséquence
d’une part d’une situation linguistique et sociolinguistique assez
spéciale (surtout : contact avec le moyen anglais), d’autre part, de
sa position géographique; mais en même temps, en tant que langue
internationale du commerce, de la diplomatie et de la littérature, le
français insulaire était toujours en contact avec – donc susceptible
d’être influencé par – les dialectes de la France (variété centrale
«parisienne», mais aussi le picard). De telles influences sont visibles
dans l’orthographe et dans le lexique. Il en résulte deux tendances
contradictoires: vers la convergence (dédialectalisation, standardisation, tendance à suivre les normes naissantes du français central) et
96
vers la divergence (influence anglaise, isolation, sémantisme/phonologie indépendants). L’anglo-normand est ainsi de ce point de vue
un exemple précoce d’une langue romane devenue «langue coloniale», qui s’émancipe tout en restant fidèle à ses origines.
Bibliographie:
Kristol, A. (1989): „Le début du rayonnement parisien et l’unité du français
au Moyen Âge: le témoignage des manuels d’enseignement du français publiés
en Angleterre entre le XIIIe et le début du XVe siècle“, in: Revue de linguistique
romane 53, 335-367.
De Jong, T. (1988): „L’anglo-normand du 13e siècle“, in: van Reenen, P./van
Reenen-Stein, K. (edd.): Distributions spatiales et temporelles, constellations des manus­
crits. Etudes de variation linguistique offertes à Anthonij Dees à l’occasion de son 60ème
anniversaire, Amsterdam, 103-112.
De Jong, T. (1996): „Anglo-French in the 13th and 14th Centuries: Continental
or Insular Dialect“, in: Nielsen, H.-F./Schøsler, L. (edd.): The Origins and Deve­
lopment of Emigrant Languages. Proceedings from the Second Rasmus Rask Colloquium,
Odense University, November 1994, Odense, 55-70.
Lusignan, S. (1986): Parler vulgairement. Les intellectuels et la langue française aux XIIIe
et XIVe siècles, Paris/Montréal.
Roques, G. (1997): „Des interférences picardes dans l’Anglo-Norman Dictionary“,
in: Gregory, S./Trotter, D.A. (edd.): De mot en mot: Aspects of Medieval Linguistics,
Cardiff, 191-98.
Roques, G. (2006, sous presse): „Les régionalismes français en anglo-normand“,
in: Actes du XXIVe Congrès International de Linguistique et de Philologie Romanes, Tübingen.
Trotter, D.A. (2003): „L’anglo-normand: variété insulaire, ou variété isolée?“,
Médiévales 45, 43-54.
Maria Selig (Regensburg)
Das Pikardische – Gedanken zu einer altfranzösischen Dialektologie
Es ist alles andere als leicht, die sprachliche Situation, die in dem
heute Nordfrankreich genannten Gebiet im Mittelalter geherrscht
hat, so zu beschreiben, dass nicht die moderne, von der Standardsprache dominierte Situation durchscheint. Denn bereits die Rede
von der „dialektalen Vielfalt des Altfranzösischen“ projiziert das
spätere einheitsstiftende ‚Dach‘ zurück in eine Zeit, in der eine
97
überregionale, die Dialekte einigende Varietät namens Altfranzösisch keinesfalls existierte. Die Beeinflussung durch die modernen
Sprachverhältnisse geht aber noch weiter. Denn bei genauerem
Hinsehen wird sichtbar, dass die so genannten Dialekte des Altfranzösischen im Prinzip Rückprojizierungen dialektaler Grenzziehungen sind, wie sie sich etwa im 19. Jahrhundert beobachten
ließen. Diese – doppelte – Überlagerung der mittelalterlichen
Sprachsituation soll am Beispiel des Pikardischen nachvollzogen
werden.
Hans Goebl (Salzburg)
Sprachwandel im Raum: dialektometrisch betrachtet (mit galloromanischen
Beispielen)
Nicht erst seit Immanuel Kant (1724-1804) weiß man, daß Zeit
und Raum essentiell miteinander verschränkte Dimensionen darstellen. Für die konkrete Forschungspraxis jener Wissenschaften,
die mit der empirischen Beobachtung des geographischen Raumes
und sich darauf entfaltender (belebter und unbelebter) Phänomene
befaßt sind, bedeutet dies, daß jede von ihnen getätigte diatopische
Analyse eo ipso auch diachrone Relevanz hat. Davon sind somit die
Geologie und die Geolinguistik in gleicher Weise betroffen.
Im Rahmen meines Beitrags soll unter paralleler Beachtung der ge­
ometrisch-euklidischen und der basilektal-linguistischen Bewirtschaftung
des Raums der Galloromania gezeigt werden,
inwieweit sich grundlegende Etappen der Sprachgeschichte der
Galloromania in die (nur dialektometrisch sichtbar zu machenden)
Tiefenstrukturen des Atlas linguistique de la France eingeschrieben
haben und wie diese tiefenstrukturelle Introspektion methodisch
bewältigt werden kann. Mein Beitrag wird mit einer Computerdemonstration verbunden sein.
98
Ingrid Neumann-Holzschuh (Regensburg)
Die Varietäten des akadischen Französisch zwischen Kontinuität und
Diskontinuität
Die Varietäten des akadischen Französisch, die noch heute in den
maritimen Provinzen Kanadas sowie in Neufundland und in Louisiana (USA) gesprochen werden, haben sich seit der Mitte des
18. Jhs., als Tausende von Akadiern aus ihrer Heimat vertrieben
wurden und sich überwiegend in Louisiana wieder ansiedelten,
unterschiedlich entwickelt. Dass das Akadische Neuschottlands in
mancher Hinsicht heute archaischer ist als die Varietät von Neubraunschweig, ist v.a. seit den Arbeiten von K. Flikeid bekannt,
das Verhältnis des Akadischen in Neufundland und in Louisiana
zu den beiden anderen Varietäten ist bislang jedoch kaum Gegenstand der Forschung gewesen.
Auf der Basis eines alle Varietäten des akadischen Französisch
umfassenden grammatischen Korpus sollen die z.T beträchtlichen
Unterschiede zwischen den kanadischen Varietäten und dem Cadien, das in diachroner Hinsicht eine Varietät „der zweiten Generation“ ist, aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden.
Folgende Fragen stehen dabei im Zentrum: Welche extralinguistischen Faktoren haben zu der Ausdifferenzierung des Akadischen
beigetragen? Inwieweit hat das Cadien typisch akadische Merkmale
aufgegeben, handelt es sich bei Cadien vielleicht sogar um ein „acadien avancé“? Inwieweit können für das akadische Französisch die
Konzepte eines continuum transgéographique bzw. continuum interlinguis­
tique von R. Chaudenson fruchtbar gemacht werden?
99
Rembert Eufe (Strasbourg)
„Secondo la mente, intencion et comandamento de la nostra illustrissima
Signoria“ – Proklamationen, Sendbriefe und Prozessprotokolle aus dem
venezianischen Kreta des 15. und 16. Jahrhunderts
Räumliche Diskontinuität kann in besonderem Maße in der Entwicklung überseeischer Kolonien gegenüber ihrem Mutterland
zum Tragen kommen. Ein in der Romanistik bisher recht wenig
untersuchtes Terrain stellen in dieser Hinsicht die ehemals zur Republik Venedig gehörenden Gebiete im Mittelmeerraum dar. Dazu
zählt unter anderem Kreta, dessen über vierhundertjährige venezianische Herrschaft schon wegen ihrer Dauer eine eingehendere
Betrachtung ihrer sprachlichen Seite wert ist: Verwendeten die Venezianer auf Kreta das gleiche volgare wie in Venedig, erfuhr es
dementsprechend hier wie dort die gleichen Veränderungen? Oder
zog die räumliche auch eine sprachliche Diskontinuität nach sich
und sorgte für die Entstehung eines veneziano coloniale auf Kreta?
Diesen Fragen soll anhand einer Analyse von Dokumenten aus der
Kanzlei des venezianischen Gouverneurs Duca di Candia nachgegangen werden. Dafür wurden Proklamationen (bandi), Sendbriefe
(missive) und Prozessprotokolle (memoriali) der beiden Jahrgänge
1472 und 1567 ausgewählt. Eine solche Zusammenstellung erlaubt
es, insbesondere die Ausbreitung des in der Entstehung begriffenen Italienischen im venezianischen Organisationsschrifttum
der Kolonie nachzuzeichnen. Die Ergebnisse der Untersuchung
lassen sich mit den für Venedig verfügbaren Daten abgleichen; dies
wiederum gibt Aufschluss darüber, inwieweit sich die räumliche
Diskontinuität auf den sprachlichen Wandel auswirkt.
Literatur:
Cortelazzo, M. (2000): „Il veneziano coloniale: documentazione e interpretazione“, in: Fusco, F./Orioles, V./Parmeggiani, A. (edd.): Processi di convergenza e diffe­
renziazione nelle lingue dell’Europa medievale e moderna, Udine, 317-325.
Muljačić, Ž. (2002): „L’imbarazzo della scelta: veneziano orientale, veneziano
coloniale, veneziano de là da mar?“, in: Van den Bossche, B./Bastiaensen, M./
100
Salvadori Lonergan, C. (edd.): „... E c’è di mezzo il mare“: lingua letteratura e civiltà
marina. Atti del XIV Congresso dell’A.I.P.I., Spalato (Croazia) 23-27 agosto 2000, Firenze, 103-111.
Tiepolo, M.F. (1998): „Le fonti documentarie di Candia nell’Archivio di Stato di
Venezia“, in: Ortalli, G. (ed.): Venezia e Creta – Atti del Convegno Internazionale di
Studi, Iraklion-Chanià, 30 settembre – 5 ottobre 1997, Venezia, 43-72.
Tomasin, L. (2001): Il volgare e la legge: storia linguistica del diritto veneziano (secoli XIII
–XVIII), Padova.
La grammaticalisation du complément du nom possessif en ancien français et
en roumain
Maria Iliescu (Innsbruck)
La grammaticalisation du complément du nom possessif en ancien français et
en roumain
En dépit de l’affirmation d’Amado Alonso que le français et le
roumain font partie d’une Romania discontinua, les deux idiomes
présentent en diachronie des ressemblances frappantes. La communication s’occupe en ce sens des variantes et de la grammaticalisation du complément du nom possessif qui montre un développement presque identique dans les deux langues, ressemblances qui
s’expliquent par le latin tardif de Gaule et de l’Orient de l’empire
roman. Le point de départ de cette ressemblance est dû au datif nominal qui pénètre dans le domaine du génitif en le remplaçant partiellement. Les faits présentés servent aussi de preuve que l’identité
du génitif et du datif roumain est un phénomène d’origine latine,
qui ne doit pas être cherché dans ‚Union balcanique‘ cité à tort et à
travers quand il s’agit du roumain.
Marc-Olivier Hinzelin (Konstanz)
Sprachklassifikation, Sprachkontakt und Sprachwandel am Beispiel der
Stellung der Objektpronomina im Okzitanischen
Im Vortrag wird der Wandel in der Stellung der Objektpronomina zum finiten Verb im Okzitanischen untersucht. Die Variation
von prä- und postverbaler Position im Altokzitanischen erkläre ich
101
syntaktisch: bestimmte Elemente vor dem Verb wie die Negation,
subordinierende Konjunktionen (Komplementierer) u.a. lösen die
obligatorische Voranstellung aus.
Die syntaktische Klassifikation des Okzitanischen als Sprache galloromanischen oder doch eher iberoromanischen Typus wird in
Bezug auf dieses Phänomen hinterfragt. Der Vergleich mit Daten
aus dem Altkatalanischen und Altfranzösischen zeigt, dass das Altokzitanische sich in Bezug auf die untersuchte Eigenschaft eher
wie das Altkatalanische (und die anderen
iberoromanischen Sprachen) als wie das Altfranzösische verhält,
eine Variation in der Frequenz der postverbalen Stellung allerdings
auch innerhalb der einzelnen Dialekte des Okzitanischen auftritt.
Als mögliche Ursache für den Wandel wird der Einfluss des Französischen gegenüber einem sprachinternen Wandel anhand von
Daten aus einem Korpus nicht-literarischer Texte (Urkunden, Tagebücher etc.) diskutiert.
Paola Benincà / Nicoletta Penello (Padova)
Variazione sincronica e diacronica nella sintassi romanza: L’Atlante
Sintattico dell’Italia Settentrionale e i dati della Filologia
In questa relazione ci proponiamo di illustrare il contributo che
lo studio della microvariazione sincronica può portare alla comprensione dell’evoluzione diacronica della sintassi (come è già stato
dimostrato per fonologia e morfologia). Ci occuperemo dell’Italia
settentrionale, utilizzando lo strumento della banca dati dell’ASIS,
Atlante Sintattico dell’Italia Settentrionale, del quale illustreremo brevemente scopi e modalità.
Per l’illustrazione abbiamo scelto le strutture interrogative e la negazione postverbale.
Per le strutture interrogative partiremo dalla discussione riguardante lo statuto sintattico dell’inversione del soggetto, se essa sia
cioè una coniugazione speciale o un movimento sintattico. Dalla
variazione dialettale si trova documentata una serie di stadi: in102
versione riconoscibile come sintattica, inversione morfologizzata,
mancanza di inversione, raddoppio del clitico soggetto, raddoppio
propaginato ai clitici complemento. Si mostrerà da lavori di analisi
(Benincà 1989, Munaro 2002) che l’inversione non è solo delle interrogative, ma anche di strutture marcate nella periferia sinistra.
La tipologia di queste costruzioni può essere confrontata con stadi
antichi delle varietà settentrionali: si prenderà dal veneto lagunare
di Lio Mazor e dall’antico milanese (XIV sec.)
l’esempio di alcune strutture. Con il piemontese del XVII e XVIII
sec. si possono confrontare strutture più recenti (con inversione o
con raddoppiamento del clitico) in varietà in cui oggi l’inversione è
perduta (cfr. Parry 1997). Il confronto tra il veneziano moderno e
il veneziano settecentesco di Goldoni (cfr. Polo 2004), mostra che
l’eliminazione dell’inversione nelle strutture interrogative avrebbe
preso le mosse da una tipologia specifica di frasi interrogative che
si accompagnano a proprietà interpretative particolari. L’inversione
con raddoppiamento del clitico (soggetto o oggetto) è oggi documentata in varietà venete (cfr. Penello 2004) in cui si aveva presumibilmente inversione semplice. La diacronia documenta gli stessi
tipi osservabili in sincronia. Si concluderà che, anche se la struttura
è morfologizzata (anche se, cioè, la forma non sembra generabile
meccanicamente), le forme con aggiunta di materiale identificabile
come collegato al soggetto sono utilizzate quando si ha movimento del verbo a sinistra, connesso a processi sintattici della periferia
della frase.
Il secondo argomento è la negazione: analizzando i tipi di negazione frasale nei dialetti dell’Italia settentrionale si osserva riprodotto nella variazione sincronica il ciclo di Jespersen, la prima (e per
lungo tempo unica) generalizzazione sulla diacronia della sintassi.
I dialetti dell’Italia settentrionale, esclusa l’area veneta, hanno negazioni postverbali, che hanno i loro antecedenti – in epoca tardo medievale o più recenti – in forme di negazione discontinua,
originariamente con valore presupposizionale (cfr. Cinque 1994,
103
Zanuttini 1997). E’ interessante che non solo la comparazione
dei tipi, ma anche la loro distribuzione geografica mostra la stessa
stratificazione; andando dal Veneto alla Lombardia o dal Veneto
all’Emilia-Romagna si passa attraverso gli stessi stadi ricostruibili
nella grammatica sincronica e documentati nella grammatica diacronica (cfr. Vai 1995, Viale 2004).
Bibliografia:
Benincà, P. (1989): „Friaulisch: Interne Sprachgeschichte I. Grammatik“, in:
Holtus, G./Metzeltin, M./Schmitt, C. (edd.): Lexikon der Romanistischen Linguistik,
vol. III: Die einzelnen romanischen Sprachen und Sprachgebiete von der Renaissance bis zur
Gegenwart: Rumänisch, Dalmatisch/Istroromanisch, Friaulisch, Ladinisch, Bündnerroma­
nisch, Tübingen, 563-585.
Cinque, G. (1994): „Mica“, in: id. (ed.): Teoria Linguistica e sintassi italiana, Bologna, 311-323.
Munaro, N. (2002): „Splitting up subject-clitic verb inversion“, in: Beyssade, C.
et al. (edd.): Romance Languages and Linguistic Theory 2000, Amsterdam/ Philadelphia, 233-252.
Munaro, N. (2005): „Computational puzzles of conditional clause preposing“,
in: Di Sciullo, A.M. (ed.): UG and External Systems, Amsterdam, 73-94.
Parry, M. (1997): „Variazione sintattica nelle strutture interrogative piemontesi“,
in: Benincà, P./Poletto, C. (edd.): Quaderni di Lavoro dell’ASIS I, Padova, 91-103.
Penello, N. (2004), „On enclisis and proclisis in interrogatives in the Northern
Italian variety of Carmignano di Brenta“, in: Cocchi, G./Donati, C. (edd.): Atti
del XXIX Incontro di Grammatica Generativa, Padova, 59-72 [= Rivista di Grammatica
Generativa, 27].
Polo, C. (2004): „Presentazione dell’ASIS, con illustrazione di alcuni fenomeni“,
in Marcato, G. (ed.): Questioni Linguistiche. Lingue e Dialetti nel Veneto, vol. 2, Padova, 3-18.
Vai, M. (1996): Per una storia della negazione in milanese in comparazione con altre va­
rietà altoitaliane, Milano [= Annali della Facoltà di Lettere e Filosofia dell’Università di
Milano, 49].
Viale, A. (2004): Microvariazione della negazione postverbale nel Veneto orientale, Tesi di
laurea, Università di Padova.
Zanuttini, R. (1997): Negation and Clausal Structure, New York/Oxford.
104
Davide Ricca (Torino)
Tratti instabili nella sintassi del piemontese contemporaneo: tra
italianizzazione e arcaismi locali
Negli anni recenti si è parlato ampiamente di italianizzazione dei
dialetti (cfr. Sanga 1985, Grassi 1993, Radtke 1995, Sobrero 1997,
Berruto 1997), ma, come è stato detto da molti,
prevalentemente riguardo ai due estremi del sistema linguistico: la
fonologia da un lato e il lessico dall’altro. Meno considerati, e tanto
meno analizzati in modo sistematico, sono stati i due livelli centrali, la morfologia e la sintassi. In questo contributo si focalizzerà
l’attenzione su alcuni tratti instabili della sintassi del piemontese
contemporaneo, la cui instabilità potrebbe essere imputata a fenomeni di contatto, in quanto alla forma tradizionale (e anche normativa) del torinese, divergente dall’italiano, si affianca con crescente
frequenza un’alternativa strutturalmente più vicina o coincidente
con quella dell’italiano.
Tale instabilità non sembra coinvolgere affatto alcuni tratti „bandiera“ della sintassi della koiné di base torinese, come la negazione
dopo il verbo finito (a parla nen ‚non parla‘) o la posizione postparticipiale dei clitici non soggetto nei tempi composti (a l’ha parlamne
‚me ne ha parlato‘); ma altri tratti forse meno appariscenti, come il
clitic doubling per i clitici dativi (i l’hai telefonaje a Gioann ‚ho telefonato a Giovanni‘), la presenza di un clitico locativo non argomentale
con i verbi inaccusativi con soggetto posposto (a l’é mòrtje ël gat
‚è morto il gatto‘ vs. ël gat a l’é mòrt ‚il gatto è morto‘), o ancora
l’assenza di articolo con il possessivo femminile (a l’ha contame soa
stòria ‚mi ha raccontato la sua storia‘) sembrano oggi alternare liberamente con strutture parallele a quelle italiane. È in parte anche
questo il caso dell’obbligatorietà dei clitici soggetto, estesa a tutte
le persone nella koiné più normativa, ma di fatto limitata da sempre
alla 2a sing., 3a sing. e 3a pl., che attualmente sembra regredire
sensibilmente anche nelle terze persone; o delle interrogative di
costituente con che (andoa ch’it vade? ‚dove vai?‘), che non hanno in
105
realtà mai raggiunto lo stadio di costruzioni obbligatorie, ma oggi
appaiono in regressione rispetto al tipo andoa (i)t vade? parallelo all
‚italiano (cfr. Parry 2003:155).
Non è tuttavia evidente che tali alternanze debbano essere interpretabili esclusivamente in termini di italianizzazione. Infatti, molti
dei tratti sintattici sopra citati hanno una lunga storia di coesistenza
nel piemontese con le strategie apparentemente „italianeggianti“,
che anzi in realtà sono spesso le più antiche. Diverse innovazioni
di carattere „anti-italiano“ affiorano appena nel Seicento e si stabilizzano definitivamente nella koiné torinese solo lungo l’Ottocento:
la varietà urbana torinese ha in effetti continuato a divergere crescentemente sul piano sintattico dall’italiano in un periodo in cui il
contatto linguistico con la lingua-tetto era già tale da comportare
un massiccio afflusso di prestiti, con sensibili conseguenze italianizzanti nella fonetica, nella morfologia derivazionale e anche
nell’organizzazione delle classi flessive.
Non sempre, però, le innovazioni irradiate dalla capitale hanno
avuto il tempo di affermarsi compiutamente in periferia; per cui
quel che appare come italianizzazione può anche essere un rafforzarsi di tratti arcaici (in quanto locali) mai totalmente scomparsi,
in una fase storica in cui la koiné dialettale urbana ha ormai perso
ogni ruolo/prestigio. Da ciò l’esito paradossale che varietà periferiche possono apparire in certi ambiti più italianizzate della varietà
cittadina (come è stato già osservato per il lessico e la morfologia,
cfr. Grassi 1993:284), al contrario dell’assunzione normalmente
condivisa che i fenomeni di italianizzazione muovano a partire dai
grandi centri urbani.
In questo contributo si cercherà da un lato di dare un quadro descrittivo dei principali mutamenti sintattici in senso italianizzante
che si incontrano nel piemontese contemporaneo, e dall’altro di
verificare, dove possibile, la plausibilità di uno scenario che attribuisca all’arcaismo locale per lo meno un ruolo di catalizzatore
di tali mutamenti. Si farà riferimento sia ad esempi di koiné scritta
106
(specialmente di quella meno letteraria e più esposta al contatto
linguistico, come articoli di riviste su temi „moderni“, e, se sarà
possibile, campioni di dialetto in rete), sia a documentazioni orali
di parlanti sostanzialmente orientati verso la koiné, ma residenti in
diverse aree del Piemonte.
Bibliografia:
Berruto, G. (1997): „Linguistica del contatto e aspetti dell’italianizzazione dei
dialetti: appunti di creolistica casalinga“, in: Holtus, G./Kramer, J./Schweickard,
W. (edd.): Italica et Romanica. Festschrift für Max Pfister zum 65. Geburtstag, vol. 3,
Tübingen, 13-29.
Grassi, C. (1993): „Italiano e dialetti“, in Sobrero, A. (ed.): Introduzione all’italiano
contemporaneo, vol. II: La variazione e gli usi, Bari, 279-310.
Parry, M. (2003): „Cosa ch’a l’é sta storia? The interaction of pragmatics and syntax
in the development of Wh-interrogatives with overt complementizer in Piedmontese“, in: Tortora, C. (ed.): The Syntax of Italian Dialects, Oxford, 152-174.
Radtke, E. (1995): „Il problema della regressione dialettale“, in: Romanello,
M.T./Tempesta, I. (edd.): Dialetti e lingue nazionali. Atti del XXVII Congresso della
Società di Linguistica italiana, Roma, 45-53.
Sanga, G. (1985): „La convergenza linguistica“, in: Rivista italiana di dialettologia
9, 7-41.
Sobrero, A. (1997): „Italianization of the dialects“, in: Maiden, M./Parry, M.
(edd.): The Dialects of Italy, London, 412-418.
Martin Haase (Bamberg)
Tempus, Aspekt und Modus in Raum und Zeit
Im Rahmen des Grammatikalisierungsmodells werden Veränderungen im Tempus-Aspekt- Modus-System (TAM-System) durch
zwei Prozesse erklärt:
(a) (ältere) synthetische Formen werden durch analytische (expressive) Ausdrucksmittel ersetzt,
(b) analytische Ausdrucksmittel werden synthetisch und verlieren
dabei an Form und Inhalt (semantic bleeching).
Bekannte Beispiele sind die Geschichte des romanischen Futurs
(FACERE HABEO-Typ) und die des analytischen Präteritums
(HABEO FACTUM-Typ). Auf der Basis dieses Modells ist es
107
möglich, das relative Alter der Formen zu bestimmen. Sieht man
sich den Befund für die einzelnen romanischen Sprachen und Dialekte genauer an, stellt man jedoch fest, dass die Angelegenheit viel
komplizierter ist: Bisweilen existieren totgesagte Formen weiter,
während andererseits aus dem Modell zu erwartende Innovationen
systematisch ausbleiben: In weiten Teilen Mittelitaliens (außerhalb
der Toskana) soll das romanische Futur des FACERE HABEOTyps verschwunden sein, man findet aber durchaus Einzelformen
in der Funktion eines Probabilitätsfuturs, die sich nicht aus dem
Kontakt mit dem Standarditalienischen erklären lassen. Am Rand
der Ibero-Romania und in der Walachei spezialisieren sich Präteritalformen entgegen den Erwartungen des Grammatikaliserungsmodells zu Resultativformen. Es soll gezeigt werden, wie diese
Phänomene in einen Zusammenhang gestellt werden können.
Thomas Stehl (Potsdam)
Phonologischer Wandel im Sprachkontakt: Divergenz, Konvergenz und
zyklische Drift
Wenn man in bezug auf die Typen des Sprachwandels im Anschluß an Helmut Lüdtke eine Unterscheidung trifft zwischen endogenem, divergentem, zentrifugalem Sprachwandel (meist) einer
Sprache und kontaktdynamischem, konvergentem und zentripetalem Sprachwandel als Ergebnis des Sprachkontaktes zweier Sprachen (oder einer Standardsprache und einer dominierten Kleinsprache bzw. eines romanischen Basisdialekts),1 so stellen sich in
bezug auf den phonologischen Wandel in Situationen des Sprachkontaktes Fragen nach dem Verhältnis von divergentem und konvergentem Wandel: Gibt es Prozesse des endogenen Wandels in
einer oder in beiden Kontaktsprachen unabhängig von der Interferenz der jeweils anderen Sprache? Gibt es „Überkreuzungen“
in dem Sinne, daß endogener, divergenter Wandel und kontaktbedingter, konvergenter Wandel sich wechselseitig beeinflussen,
und daß die Ergebnisse wechselseitig „genutzt“ werden, indem
108
sie aufeinander „aufbauen“? Geht man wie Helmut Lüdtke und
Rudi Keller davon aus, daß der divergente Wandel eine „zyklische
Drift” von Wortkörperschrumpfung > semantaktischer Erweiterung > Verschmelzung aufweist,2 und geht man ferner davon aus,
dass der konvergente Wandel, ausgehend von einer Diglossie-Situation, eine analoge zyklische Drift von Kontakt > Konvergenz
> Diglossie durchläuft,3 so rücken besonders jene Phänomene
des phonologischen Wandels in den Mittelpunkt des Interesses,
in denen – immer im Bereich der Phonologie – Prozesse einer zyklischen Drift erkennbar werden, in denen auf die Verfahren eines
historisch zurückliegenden Sprachzustandes zurückgegriffen wird,
um das phonologische System einer mesolektalen Kontaktvarietät
in der aktuellen Sprachkontaktsituation analog zu restrukturieren.
Der empirische Bezugsrahmen des Beitrags betrifft die Sprachkontakte „Französisch => Okzitanisch“ im Périgord und „Italienisch
=> Basisdialekte Apuliens“ in der Provinz Bari, wo jeweils beide
Prozesse des Sprachwandels ineinander greifen und eine zyklische
Drift erkennen lassen, in der das Wechselverhältnis von divergentem und konvergentem Sprachwandel deutlich wird.
________________________
Cf. Lüdtke, H. (1980a): „Sprachwandel als universales Phänomen“, in: Lüdtke,
H. (ed.): Kommunikationstheoretische Grundlagen des Sprachwandels, Berlin/New York,
1-19, hier: 8-9; Lüdtke, H. (1980b): „Auf dem Weg zu einer Theorie des Sprachwandels“, ibid., 182-252, hier: 250-252; cf. hierzu jetzt auch Stehl, T. (2005):
„Sprachwandel und Sprachgenese. Kontinuität und Bruch in der Sprachgeschichte“, in: Stehl, T. (ed.): Unsichtbare Hand und Sprecherwahl. Typologie und Prozesse
des Sprachwandels in der Romania, Tübingen, 87-110.
2
Cf. Keller, R./Lüdtke, H. (1997): „Kodewandel“, in: Posner, R./Robering, K./
Sebeok, T.A. (edd.): Semiotik. Ein Handbuch zu den zeichentheoretischen Grundlagen
von Natur und Kultur, 1. Teilband, Berlin/New York, 414-435, hier: 424-426.
3
Cf. Stehl 2005:103-105.
1
109
Michele Loporcaro / André Hilal (Zürich)
Contatto e mutamento linguistico in Sardegna settentrionale: il caso di Luras
Il Nord della Sardegna offre una situazione linguistica notoriamente variegata in cui da secoli si trovano a contatto varietà strutturalmente distinte.
Nel caso del catalano di Alghero questa separatezza ha una matrice
storica chiara: in seguito a vicende note (conquista da parte del re
d’Aragona e ripopolamento con coloni catalani a partire dal 1354)
vi si parla un dialetto catalano, dunque radicalmente distinto dalle
parlate sarde immediatamente adiacenti.
Più complesso è il rapporto fra logudorese e sassarese-gallurese,
data l’oscurità delle circostanze storiche cui si deve la marcata differenziazione oggi riscontrabile. Se Ascoli (1882-85:108) attribuiva
al gallurese „un fondo sardo, ma bizzarramente sopraffatto da immissioni d’altri elementi, tra i quali il côrso meridionale [...] è di gran
lunga il più copioso“, successivamente s’è definito questo rapporto
oscillando fra le due posizioni sintetizzate da Merlo (1925:20): „Teoricamente, il gallurese potrebb’essere sardo contaminato di corso
non meno che corso contaminato di sardo“. Così, pur riconoscendone il fondo sardo, Wagner (1923:226) manda decisamente il
gallurese-sassarese, a fini classificatori, „mit dem Korsischen zum
Festlanditalienischen“, in polemica con Bottiglioni (1919:44ss) che
vede un rapporto più stretto fra gallurese-sassarese e logudorese.
Entro questo quadro complesso, il presente lavoro riconsidererà la
posizione di Luras, enclave in area gallurese i cui abitanti parlano regolarmente logudorese e gallurese. A proposito dell’origine di questa situazione di bidialettalità s’è replicata in piccolo la discussione generale, contrapponendosi il parere del Bottiglioni (1919:28),
che voleva il logudorese sovrapposto qui al gallurese ed acquisito
dai commercianti luresi in seguito alle loro attività nel resto della Sardegna, e quella del Wagner (1923:241) che invece considera il logudorese originario ed il gallurese sovrapposto. A favore di
quest’ultima interpretazione militano diversi fattori. Se ne aggiun110
gerà qui uno lessicale: la persistenza a Luras di un continuatore
autoctono di VETULUS > VECLUS segnalata sinora soltanto in
alcuni dialetti centrali mentre il logudorese l’ha generalmente sostituito con bettsu, adattamento del tosc. vecchio.
Si passerà quindi all’ambito morfosintattico, considerando alcuni tratti per i quali il lurese diverge dal logudorese comune e che
vanno senz’altro imputati a mutamenti prodottisi per contatto col
gallurese. L’uno è in parte noto: si tratta dell’abolizione della segnalazione della differenza di genere nel plurale, della quale normalmente si nota in bibliografia soltanto un aspetto particolare, ossia
l’estensione al maschile dell’articolo det. sas (Campus 1901:15 n.
1, Wagner 1923:241). Si ha qui concordanza con le condizioni del
gallurese (Guarnerio 1892-94:§207, Corda 21990), poiché questo
ha un’unica forma di plurale nell’articolo: li akki ‚le vacche‘ (sing. la
akka) come li jatti ‚i gatti‘ (sing. lu jattu). Mentre in gallurese la neutralizzazione si è originata per via puramente fonetica, l’abbandono
della forma logudorese comune di mpl sos e la generalizzazione di
sas a Luras costituiscono un mutamento puramente morfologico.
Un altro ben noto parametro per il quale il (sassarese-)gallurese
diverge dal logudorese è quello della cliticizzazione nelle perifrasi
con verbo modale.
Mentre il logudorese è restato alla fase più conservativa (v. in (1a)
un esempio dal dialetto di Bonorva), con cliticizzazione obbligatoria al modale (e dunque con ristrutturazione nei termini di Rizzi
1976 o mancata destrutturazione in quelli di Benucci 1990), i dialetti del nord dell’isola ammettono entrambe le opzioni, come osserva Bennucci (1990:111 n. 3) in base ai materiali AIS (carta 1086)
e come si illustra in (1b) con un esempio tempiese:
(1) a. kustu BjaErE n tti Btt váErE/*n pptt Di lu váErE
(Bonorva)
b. kista ultizia n tti la pssu vá/n pssu vattilla (Tempio)
'questo piacere non te lo posso fare'
Il logudorese di Luras in questo caso è in linea col logudorese co111
mune, mentre ad aver subito un influsso è il gallurese parlato dai
luresi, che al contrario di quello dei centri vicini non ammette la
costruzione innovativa con cliticizzazione all’infinito.
In direzione opposta ha agito il contatto linguistico nel caso della
cliticizzazione all’infinito dipendente fuori dei costrutti modali. In
ogni costrutto infinitivale il logudorese comune ammette esclusivamente la proclisi (anche qui si tratta su scala romanza dell’opzione
conservativa, rispecchiante l’ordine originario SOV) (v. (2a), nuovamente con esempi da Bonorva) mentre il logudorese di Luras
permette anche l’enclisi ((2b)):
(2) a. preffEldz (an)n ll iskultarE/*iskultárElu (Bonorva)
b. preffEr n iskultárElu/(an)n ll iskultarE (Luras)
'preferisco non ascoltarlo'
Le condizioni esatte in cui ciò si verifica saranno indagate in dettaglio in questo lavoro: certo è che dato l’assoluto isolamento del fenomeno in area logudorese, questa peculiarità del lurese configura
un mutamento sintattico per contatto.
Bibliografia:
AIS = Jaberg, K./Jud, J. (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Süds­
chweiz, 8 voll., Zofingen.
Ascoli, G.I. (1882-85): „L’Italia dialettale“, in: Archivio Glottologico Italiano 8, 98128.
Benucci, F. (1990): Destrutturazione. Classi verbali e costruzioni perifrastiche nelle lingue
romanze antiche e moderne, Padova.
Bottiglioni, G. (1919): Saggio di fonetica sarda, Perugia.
Campus, G. (1901): Fonetica del dialetto logudorese, Torino.
Corda, F. (21990): Saggio di grammatica gallurese, Sassari.
Guarnerio, P.E. (1892-93): „I dialetti odierni di Sassari, della Gallura e della Corsica“, in: Archivio Glottologico Italiano 13, 125-140; 14, 131-200, 385-422.
Merlo, C. (1925): „L’Italia dialettale“, in: L’Italia dialettale 1, 12-26.
Rizzi, L. (1976): „Ristrutturazione“, in: Rivista di Grammatica Generativa 1, 1-54.
Wagner, M.L. (1923): „Zur Stellung des Galluresisch-Sassaresischen (Aus Anlaß
von Bottiglionis ‚Saggio di fonetica sarda‘.)“, in: Archiv für das Studium der neueren
Sprachen und Literaturen 145, 239-249; 146, 98-112, 223-228.
112
Marcello Barbato (Zürich)
Sistemi vocalici a contatto in area italo-romanza
Nel suo fondamentale studio del 1939 Lausberg mostrò che in una
zona dell’Italia meridionale che va dal Vallo di Diano al Salento
settentrionale (Randgebiet) esiste un sistema vocalico a cinque gradi
di apertura dove, salvo sotto metafonesi, I breve ed E lunga latine
confluiscono con E breve, e parallelamente U breve e O lunga
confluiscono con O breve:
TIPO
I
I
E
E
A/A
O
O
U U
napoletano
i
e/i
/je
a
/wo
o/u
u
marginale
i
/i
/je
a
/wo
/u
u

a

siciliano
i
u
Più recentemente, Dalbera Stefanaggi ha condotto a una descrizione accurata dei sistemi vocalici vigenti in Corsica, mostrando che la
situazione è più complessa di quanto si credesse in passato:
TIPO
I
sardo
i
taravese
i

„a inversione“
i
i

e
„a neutralizzaz.“
I
E E A/A
O
/e
a
/o
u
e
a
o

a
a
o
o
e
O

U
U
u
u
u
L’analogia dei fatti meridionali e di quelli corsi finora non è stata sufficientemente rilevata. Ci troviamo, in effetti, di fronte a situazioni
tipologicamente simili, in cui un sistema pentavocalico (siciliano, in
un caso, sardo nell’altro) è venuto a contatto con un sistema eptavocalico (rispettivamente napoletano e siciliano). I sistemi attuali si
possono spiegare dunque non attraverso le dinamiche verticali (genetiche) ma quelle orizzontali (areali). In entrambi i casi fattori di
tipo sociolinguistico hanno avuto la meglio sul principio tipologico
113
formulato da Roman Jakobson secondo cui „la suppression d’une
distinction phonologique est plus apte à s’imposer aux parlers qui
la possèdent qu’une distinction supplémentaire à s’introduire là où
elle manque“ (Jakobson 1971:241).
Bibliografia:
Dalbera-Stefanaggi, M.-J. (2001): Essais de linguistique corse. Ajaccio.
Jakobson, R. (21971 [1938]): „Sur la théorie des affinités phonologiques entre
les langues“, in: id.: Selected Writings. I. Phonological Studies, The Hague/Paris, 234246.
Lausberg, H. (1939): Die Mundarten Südlukaniens, Halle.
Matthias Heinz (Tübingen)
Zur diachronen phonotaktischen Typologie romanischer Sprachen:
methodische Überlegungen
Die phonotaktische Typologie romanischer Sprachen weicht vielfach ab von deren üblicher Gruppierung aufgrund morphosyntaktischer Merkmale. Für die Arealtypologie stellt die Rekonstruktion
der Zugehörigkeit einzelner romanischer Sprachen zu bestimmten
phonotaktischen Typen eine besondere Herausforderung dar. Als
Ausgangspunkt für den Versuch einer Silbenstrukturtypologie romanischer Sprachen soll die Untersuchung bestimmter, die Silbenstrukur affizierender phonotaktischer Prozesse (Elision, Apokope, Epenthese etc.) und die Frequenzanalyse daraus resultierender
Silbentypen in historischen Textzeugnissen dienen. Im Zentrum
des Vortrags werden zum einen erste Ergebnisse von Voruntersuchungen für ein Forschungsprojekt zur phonotaktischen Typologie romanischer und insbesondere iberoromanischer Sprachen
aufgrund der Analyse diachroner Korpora und zum anderen Überlegungen zum methodischen Problem des diskurstraditionellen
Bias dieser Ergebnisse stehen.
114
Philipp Burdy (Bamberg)
Probleme im Zusammenhang mit lat. au
Die historische Lautlehre der romanischen Sprachen ist bis auf
wenige Ausnahmen stark einzelsprachlich ausgerichtet. Betrachtet
man jedoch bestimmte Phänomene, die bislang – sofern überhaupt
– einzelsprachlich konstatiert worden sind, im gesamtromanischen
Kontext, so werden mitunter übergeordnete Entwicklungslinien
erkennbar.
In dem Vortrag wird zunächst der Frage nachgegangen, was der
lateinische Diphthong au phonetisch darstellt und ob hier im Laufe der lateinischen Sprachgeschichte Veränderungen eingetreten
sind. Anschließend geht es um in den romanischen Sprachen zu
beobachtende Wechselwirkungen zwischen au und benachbarten
Konsonanten (nachfolgende Verschlusslaute und s sowie vorhergehende Liquide), die z.T. in direktem Zusammenhang mit der
Eigenentwicklung von au zu stehen scheinen und sich in einigen
Fällen in höhere Ordnungen romanischen Lautwandels auflösen.
115
Sektion 6
Grammatischer Sprachwandel und seine Erklärbarkeit
Leitung: Ulrich Detges (München), Richard Waltereit
(Tübingen)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Ulrich Detges (München) / Richard Waltereit (Tübingen)
Einführung
Giampaolo Salvi (Budapest)
Sistemi imperfetti: contatto linguistico e cambiamento grammaticale
Maria Goldbach (Hamburg)
Morphologische Faktoren als Beschleuniger syntaktischen Wandels
Regine Eckardt (Berlin)
Der lange Weg zur Negation: Zur Grammatikalisierung von ‘pas’, ‘mie’ und anderen Negationspartikeln
Susann Fischer (Stuttgart)
Grammaticalisation within the IP domain
Paul Gévaudan (Tübingen)
Primärer und sekundärer grammatischer Sprachwandel in romanischen Sprachen. Konstruktionsgrammatische Differenzierung sprachlicher
Gesetzmäßigkeiten
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
116
Andreas Dufter (München)
Fokusmarkierung als Explanans: Zur Interaktion
von grammatischem und prosodischem Wandel
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
im Romanischen
Barbara Wehr (Mainz)
Pragmatische Faktoren als Auslöser für Sprachwandel
Martin Becker (Stuttgart)
Verschlungene Pfade einer grammatischen Kategorie ? - Der Fall amara
Julia Kuhn (Wien)
„Una poca de“ discusión. Versuch einer Erklärung für den Schwund dreier adnominal quantifizierender Formen
Monika Sokol (Bayreuth)
Sprachreflexion, Prototypen des Diskursiven und
Sprachwandel: Spekulationen zur Veränderung
lexikalisch-grammatischer Konstellationstypen.
Esme Winter (Tübingen)
Evolutionäre Argumentationen und die Frage der
Erklärbarkeit von Sprachwandelphänomenen
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Hans-Ingo Radatz (Aachen)
Objektpronomina, Objektklitika und Objektkonkordanz: Das Kontinuum von analytischer zu
synthetischer Realisierung der Objektargumente
in der Romania und im Baskischen
Claus D. Pusch (Freiburg)
L’impératif et le prohibitif dans les langues
romanes : comment expliquer leur changement
diachronique ?
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
Susanne Michaelis (Leipzig)
Die Rolle der Frequenz in der Entstehung von
Kreolsprachen
117
9.45 Uhr
Elisabeth Stark (Berlin)
Gedanken zur Entstehung des D- and Num-Systems im Romanischen
Abstracts
Giampaolo Salvi (Budapest)
Sistemi imperfetti: contatto linguistico e cambiamento grammaticale
Nelle lingue si trovano spesso costruzioni grammaticali che non
sfruttano pienamente le potenzialità insite nelle loro caratteristiche
fondamentali. Si tratta molte volte di casi di grammaticalizzazione
imperfetta riconducibili al modo in cui queste costruzioni si sono
formate. Esemplificheremo questo fenomeno con due casi speciali tratti da varietà romanze: le costruzioni del si passivo e del si
impersonale in italiano standard e il sistema del congiuntivo nel
soprasilvano. Mostreremo come le condizioni particolari in cui le
costruzioni sono nate (in ultima analisi, una qualche forma di contatto linguistico) possano spiegare il carattere non perfetto delle
costruzioni.
I due esempi studiati sono interessanti perché mostrano in maniera
chiara come la forma che le lingue assumono storicamente è in
parte determinata dal caso, inteso come il concorso di fattori non
prevedibili. Ancora più interessante è però il fatto che il funzionamento del linguaggio umano è determinato da principi generali,
ed è dall’interazione di questi principi con i casi della storia che
nascono le lingue storicamente attestate. Siccome credo che i principi siano più importanti del caso, questi due esempi in cui il caso
sembra sopraffare i principi sono provocativi e stimolanti perché
ci invitano a studiare le modalità e i limiti di questa interazione per
capirne meglio il funzionamento.
118
Maria Goldbach (Hamburg)
Morphologische Faktoren als Beschleuniger syntaktischen Wandels
Anhand von Infinitivkonstruktionen im Lateinischen, Altitalienischen, Alt- und Mittelfranzösischen und im brasilianischen Portugiesischen soll in unserem Vortrag die Sichtweise motiviert werden,
dass morphologisch oder phonologisch bedingte Veränderungen
im morphologischen Paradigma von funktionalen Elementen wie
z.B. von Tempus, Diathese und von klitischen sowie von unverbundenen Pronomen Auswirkungen auf einige syntaktische Strukturen hat, in denen diese funktionalen Elemente eine Rolle spielen. Je nach Art der Entwicklung im morphologischen Paradigma
können die Auswirkungen in der Syntax auf der einen Seite darin
bestehen, dass die betreffenden syntaktischen Strukturen unproduktiv werden und durch konkurrierende neue Konstruktionen
ersetzt werden (wie beim lateinischen Accusativus cum Infinitivo).
Die zum Ausrangieren ausgemusterte Konstruktion muss dabei
überhaupt keine Strukturveränderung durchlaufen. Auf der anderen Seite kann eine Zunahme an Produktivität einer syntaktischen
Einheit beobachtet werden, die unter Umständen mit einer syntaktischen Umkategorisierung einhergeht (wie bei Klitikanhebungsund Infinitiveinbettungsstrukturen im Mittelfranzösischen). Unser
Vortrag skizziert die Suche nach einem Kausalzusammenhang zwischen den beteiligten Phänomenen nach der Art einer allgemeinen
Gesetzesaussage. D.h. wir streben ein deduktives Erklärungsmodell an. Dabei werden wir auch zeigen, an welche Grenze unsere
Suche stößt, weil wir einige grammatische Faktoren, von der die
syntaktische Struktur ebenfalls abhängt (wie z.B. semantische Zusammenhänge), noch nicht hinreichend spezifizieren können. Mithin wollen wir herausstellen, dass das Ergebnis eines syntaktischen
Wandels aus dem Zusammenwirken mehrerer, von einander unabhängiger grammatischer Faktoren resultieren kann und es nicht
immer möglich ist, einen einzelnen Auslöser auszumachen.
119
Regine Eckardt (Berlin)
Der lange Weg zur Negation: Zur Grammatikalisierung von ‘pas’, ‘mie’
und anderen Negationspartikeln
Seit Jespersens klassischen Arbeiten zur Negation gilt als Gemeingut, dass sich ursprüngliche Negationsverstärker im Laufe der Zeit
in ihrem rhetorischen Wert abnutzen, zu einem regulären Teil der
Negation werden und diese schließlich sogar ersetzen können. Die
Entwicklung von Altfrz. ‘pas’ = Schritt zum modernen ‘pas’ als
Teil der zweigliedrigen Negation ‘ne...pas’, oder auch als alleinige
Negation, wird allgemein als ein Paradebeispiel dieses Trends angeführt.
In meinem Vortrag werde ich das Stadium der “Negationsverstärkung” näher beleuchten. Bekannte Daten im Altfranzösischen zeigen, dass die Negationspartikeln wie ‘mie’, ‘goutte’, ‘point’ usw.
neben negativen Kontexten auch in anderen Konstruktionen verwendet wurden. Ich argumentiere, dass das Spektrum möglicher
Verwendungen keineswegs durch “linguistische Verwirrung” der
damaligen Sprecher zustande kommt. Es zeigt vielmehr, dass diese Partikeln als sog. negativ-polare Elemente verwendet wurden.
Ausgehend von der pragmatischen Theorie polaritätssensitiver
Elemente wird gezeigt, dass dieses Stadium ein natürlicher Zwischenschritt auf dem Weg zur Negation ist, der sich in zahlreichen
Sprachen der Welt wiederfinden läßt. Die Analyse expliziert eine
Einsicht, die in der traditionellen romanistischen Literatur des 19.
Jahrhunderts bereits implizit ist, nämlich dass beispielsweise ein
Satz wie (i) eine organische Vorstufe zur negativen Verwendung
von ‘point’ wie in (ii) sein muss:
(i) Resanble je point a celui Qui sol ... vos secorut a cel besoin?
Sehe ich dem irgendwie ähnlich, der allein ... Euch in dieser
Sache zu Hilfe kam?
(ii) Elle ne l’aime point
sie liebt ihn (überhaupt) nicht.
120
Susann Fischer (Stuttgart)
Grammaticalisation within the IP domain
In a generative framework Grammaticalisation is defined as the
creation of new functional material through the reanalysis of lexical material or functional material. In this paper I attempt to
provide the evidence for the idea that grammaticalization involves the reanalysis of functional categories. In my view functional
categories are present in all languages. Languages however differ
in the way these functional heads are equipped. Functional heads
may be phonetically realized by Merge (i.e. the lexicon provides a
morphophonological matrix for the functional head) or by Move
(i.e. material from elsewhere in the clause structure is moved to
the functional head), or they may not be phonetically realized (i.e.
covert movement takes place only after Spell Out). The change in
word-order from Old Catalan to Modern Catalan can explained by
a change within the functional categories. Old Catalan in contrast
to Modern Catalan possessed an additional functional category
with strong features that needed to be filled phonetically either by
Move or by Merge.
Paul Gévaudan (Tübingen)
Primärer und sekundärer grammatischer Sprachwandel in romanischen
Sprachen. Konstruktionsgrammatische Differenzierung sprachlicher
Gesetzmäßigkeiten
Die Erklärung von grammatikalischem Sprachwandel setzt ein bestimmtes Verständnis von Grammatik voraus. Frühere und aktuelle Grammatiktheorien hinterlassen zumeist den Eindruck eines
“Pools” von Kategorien, auf die eine Reihe von “Gesetzen” zur
Anwendung kommen. Doch gerade die Untersuchung von Grammatikalisierung zeigt, dass diese Vorstellung in die Irre führt. Dies
zeigt sich beispielsweise an der der Entstehung des romanischen
Artikels la aus dem lateinischen Demonstrativum illa(m). Hier ver121
wenden die Sprecher zunächst eine Konstruktion des Typs illa(m)
casa(m), die einerseits expressiv ist, andererseits aber bereits die
funktionalen Merkmale der späteren romanischen Konstruktion
(la casa) aufweist. Bevor man jedoch von einer Kategorie “Artikel”
sprechen kann, ist diese Konstruktion einschließlich ihres funktionalen Profils bereits habitualisiert. Hier gilt es also zu unterscheiden zwischen der Entstehung des Funktionsworts la und der Entstehung der Kategorie Artikel.
In synchronischer Perspektive zeigen solche Beispiele, dass grammatische Regeln keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten im strengen
Sinne sind. Mehr noch: Auf der Grundlage des Konstruktionsbegriffs (Goldberg 1995, Croft 2001) kann man zeigen, dass einzelne Regeln, die mit Lexien und Konstruktionen verbunden sind,
grundsätzlichen Vorrang vor allgemeineren Gesetzmäßigkeiten
haben. Historisch gesehen sind diese das Ergebnis von Prozessen der Analogisierung (in konstruktioneller Terminologie “Vererbung”). Das von Croft (2001: 17) beschriebene Syntax-LexikonKontinuum (vgl. Langacker 1987: 25–27) lässt sich in diesem Sinne
als Hierarchie der Gesetzmäßigkeiten deuten.
Für die Grammatikalisiserungsforschung ergibt sich daraus die
Notwendigkeit, zwischen primärer Grammatikalisierung von Konstruktionen und sekundärer Grammatikalisierung zu unterscheiden. Für die Erklärung von grammatischem Wandel müssen hier
zwei völlig unterschiedliche Wege beschritten werden.
Andreas Dufter (München)
Fokusmarkierung als Explanans: Zur Interaktion von grammatischem und
prosodischem Wandel im Romanischen
Im Gegensatz zur Prager Tradition argumentieren viele neuere
Arbeiten zur Informationsstruktur für eine weite, nicht auf emphatische und kontrastive Funktionen beschränkte und von der
Topik–Kommentar–Gliederung unabhängige Konzeption von
Fokus. Nicht selten wird dabei auf Sprachen wie das Ungarische
122
verwiesen, die für fokussierte Teile satzförmiger Äußerungen eine
eigene syntaktische Position reservieren. Auch in Sprachen ohne
eine solche Fokuskonfigurationalität können aber nach Lambrecht
(2000) zumindest Satz-, Prädikat- und Argumentfoki durch unterschiedliche Satzgestalten differenziert und signalisiert werden.
In meinem Vortrag sollen die Veränderungen von Fokusmarkierungen in der Geschichte des Französischen und Spanischen untersucht werden. Dabei wird zunächst auf sprachinterne Variation
zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit sowie zwischen verschiedenen Diskurstypen einzugehen sein. Anschließend möchte
ich die Frage diskutieren, inwieweit der Rekurs auf Fokus–Hintergrund–Gliederungen es erlaubt, Zusammenhänge zwischen
verschiedenen syntaktischen und prosodischen Veränderungen
herzustellen. Zu berücksichtigen sind dabei nicht nur die im Vergleich zum Spanischen stärkeren Einschränkungen von OV- und
VS-Abfolgemöglichkeiten im Neufranzösischen, sondern auch
unterschiedliche Grammatikalisierungsgrade bei biklausalen Konstruktionen, Linksherausstellungen und ‘Topikalisierungen’ sowie
unterschiedliche akzentrhythmische Entwicklungen. Im Gegensatz
zu Sprachwandeltheorien, in denen paradigmatische Motivationen
im Sprachwandel, etwa Homonymievermeidung, ausdrücklich
nicht mehr als Explanantia vorgesehen sind (cf. Newmeyer 2003,
694–95), soll am Ende dieses Vortrags dafür plädiert werden, die
Distinktivät der Markierung von Fokusdomänen bei der Erklärung
des Ineinandergreifens von Sprachveränderungen zu berücksichtigen.
Barbara Wehr (Mainz)
Pragmatische Faktoren als Auslöser für Sprachwandel
Die pragmatischen Funktionen „Topic“ (das Konzept, über das
– i.a. eine Zeitlang – gesprochen wird) und „Focus“ (das Konzept,
das dem Sprecher aus einem bestimmten Grund besonders wichtig
ist) bestimmen maßgeblich die Syntax des gesprochenen Franzö123
sischen und Italienischen. Während Topics in nicht-topicprominenten Sprachen nicht gekennzeichnet werden müssen (Subjekte
in der Position links vom Verb repräsentieren unmarkierte Topics),
muss Focus immer (zumindest intonatorisch) gekennzeichnet werden, um für das Gegenüber identifizierbar zu sein.
Zur Funktion Topic. Diese pragmatische Funktion wird zunehmend im gesprochenen Französischen gekennzeichnet, so dass
man angesichts einer Vielzahl von Konstruktionen, mit denen
Topics markiert werden, sagen kann, dass das français parlé sich
einem topicprominenten Sprachtypus annähert (cf. Thörle 2000);
es handelt sich um das „Left detachment“ (Pierre, je l’ai vu hier),
das „Right detachment“ (Je l’ai vu hier, Pierre), die „Chinese style“-Topic-Konstruktion (La mer, tu vois de l’eau) und die sogen.
„phrases à deux sommets“ (Il y a Paul qui m’a chipé mon couteau).
Die Konstruktion NP c’est gehört ebenfalls in diesem Kontext; dadurch werden Satztopic und Comment klar voneinander geschieden (nicht nur L’État c’est moi, sondern auch La mer, c’est beau).
Im Italienischen können Subjekte angesichts des Fehlens eines
klitischen Subjektspronomens nur unter besonderen Bedingungen
im Left detachment und Right detachment erscheinen; diese topicmarkierenden Konstruktionen sind gegenüber dem Französischen
also statistisch seltener. Dennoch geht das Italienische sozusagen
„weiter“ als das Französische und ist typologisch gesehen progressiv mit der Verallgemeinerung von Right detachments bei direkten
Objekten, die NICHT Topic sind (Me la dai una sigaretta?)
Zu Focus: Im Neufrz. ist die Cleft-Konstruktion (C’est Pierre que
j’ai vu) zur Markierung von Focus grammatikalisiert. Der Verlust
der focus-markierenden Funktion der Cleft-Konstruktion ist zu
konstatieren bei Satzfragen einleitendem est-ce que und bei der
Umschreibung der Fragepartikel que: qu’est-ce que...? Das français parlé geht weiter mit Frageformen wie Quand est-ce que..?
Comment est-ce que..? etc., wodurch die Lücke im Wissen des
Sprechers fokussiert wird. Dasselbe gilt für das italiano parlato, wo
124
die Frageformen Quando è che..? Com’è che..? etc. eine hohe Frequenz besitzen.
Es kann gezeigt werden, dass bei der Markierung von Topic und
Focus Fragesätze eine besondere Rolle spielen: in Fragesätzen
muss der Sprecher besonders deutlich sein, um seine kommunikativen Bedürfnisse klar auszudrücken.
Martin Becker (Stuttgart)
Verschlungene Pfade einer grammatischen Kategorie ? - Der Fall amara
Die „Randromania“ kann mit der Entwicklung der lateinischen
Plusquamperfektform amaverat zu den romanischen –ara-Formen ein in heuristischer Hinsicht höchst interessantes Beispiel für
grammatisch-funktionalen Wandel im Bereich der Verbmorphologie beisteuern:
Schon im Lateinischen lassen sich erstmals modale Gebräuche der
Plusquamperfektform in der Apodosis des Konditionalsatzes nachweisen (bekanntestes Beispiel: praeclare viceramus, nisi spoliatum,
inermen, fugientem Lepidus recepisset Antonium“ Cicero, XII.10,
3.17). Diese Gebräuche werden dann in der Sprachgeschichte des
Spanischen und Portugiesischen (sowie vermutlich auch im nicht
dokumentierten Alt-Rumänisch) ausgebaut, führen aber zu ganz
gegenläufigen Entwicklungstendenzen. Während sich amara im
Spanischen bis zum Ende des 15. Jahrhunderts endgültig als Irrealisform etabliert (und dann in der weiteren sprachhistorischen
Entwicklung zunehmend in die noch verbleibenden Domänen
von cantase eindringt), profiliert sich die Form im Portugiesischen
nach einer längeren Übergangszeit bis zum 19. Jahrhundert als
ausschließliche Indikativform (vgl. bei A. Herculano (A Harpa do
Crente) noch: Quem me dera ser tu, por balouçar-me Das nuvens nos castelos … ). Im Rumänischen schließlich, das über keine
Konjunktiv-II-form verfügt, verschmelzen cantara und konjunktivisches cantase zu einem einzigen Indikativparadigma (vgl. das
Plusquamperfekt cânta- sem/-seşi/-se – cântă- ram/-aţi/-ra).
125
Dieses – sehr grob skizzierte – Entwicklungspanorama provoziert
eine Reihe von Fragen, von denen wir einige in unserem Beitrag
etwas ausführlicher beleuchten wollen:
So sollen zunächst die Hauptentwicklungsetappen im Spanischen
und Portugiesischen untersucht werden und nach einem gemeinsamen Entwicklungspfad, der freilich dann in umgekehrter Richtung beschritten worden wäre, gesucht werden. Dabei stellt sich
zugleich die Frage nach der Zulässigkeit und insbesondere der
Funktionsweise von Polyfunktionalität einer grammatischen Kategorie. In diesem Zusammenhang ist auch nach der Rolle des
Kontexts sowie der Leistungsfähigkeit von Mechanismen der Inferenzziehung im Prozess der Disambiguierung zu fragen. Auch
wird man sich darüber Gedanken müssen, in welchem Maße der
hier untersuchte Fall von grammatischem Wandel - i.e. der gegenläufige Funktionswandel einer grammatischen Kategorie in zwei
verschiedenen Sprachsystemen - generalisierbare Einsichten in
Prinzipien, Funktionsweise und Richtung des sprachlichen Wandels vermittelt. Dabei muss sich auch zeigen, ob sich Konzepte
und Terminologie einer letztendlichen Begründung, wie sie Martin
Haspelmath in seinem Beitrag über ‚Optimality and diachronic adaptation’ vorschlägt (etwa ‚Variation’, ‚Frequenz’ ‚Adaptation’ und
‚Sprechergebrauchsnutzen’) sinnvoll auf das untersuchte Phänomen anwenden lassen.
Julia Kuhn (Wien)
„Una poca de“ discusión. Versuch einer Erklärung für den Schwund dreier
adnominal quantifizierender Formen
In der Präsentation sollen vier spanische Formen behandelt werden, die innerhalb der NP determinierende und quantifizierende
Funktion erfüllen.
Diese Formen sind un poco de + N, una poca de+ N , un poco +
N, una poca + N.
Sie finden sich alle vier im diachronen Corpus CORDIS gut belegt,
126
im synchronen Corpus CREA hingegen (wie auch in Grammatiken und Wörterbüchern des Gegenwartsspanischen) fehlen drei
der vier Formen, und hier wird nur mehr eine Form geführt, nämlich un poco de+N.
In diesem Beitrag soll zunächst illustriert werden, welche Funktionen die vier Formen ursprünglich erfüllten, wobei sich in etwa das
folgende Bild ergibt: Una poca de + N fem. stellte ein feminines
Äquivalent zu un poco de + N mask. dar. Un poco + N mask. entsprach un poco de+ N, war jedoch stilistisch markiert. Una poca +
N fem. ging in seinen Funktionen über un poco + N mask. hinaus,
da es nicht nur Äquivalent von un poco de sein konnte, sondern
auch nicht affirmativem poca+ N fem. entsprechen konnte sowie
über die Quantifikation hinaus eine qualitativ pejorative Komponente einbringen konnte.
Sodann soll die zentrale Frage behandelt werden, warum das System drei der vier Formen eliminiert hat. Anhand von Beispielen
aus den digitalen Corpora soll illustriert werden, welche „Kräfte“
den Schwund der drei Formen bewirkt haben könnten.
Monika Sokol (Bayreuth)
Sprachreflexion, Prototypen des Diskursiven und Sprachwandel:
Spekulationen zur Veränderung lexikalisch-grammatischer
Konstellationstypen.
Parallel zur Etablierung von überdachenden Sprachstandards sind
in Europa einige Möglichkeiten abhanden gekommen, lexikalische Einheiten mit grammatischen Markierungen je unterschiedlich zu perspektivieren. Als Beispiel für eine sprachübergreifende
Defunktionalisierung dieser Art kann die des nominalen GenusParadigmas betrachtet werden: Ist für mittelalterliche Texte des
Kastilischen, Französischen oder des Deutschen noch bei einer
größeren Anzahl Nomina funktional wechselndes Genus belegbar,
und zeigen sich in europäischen Substandardvarietäten (süddt. dialektal: die Butter ‘Butter generisch’ vs. der Butter ‘Stück Butter’)
127
oder in postkolonialen Ausprägungen Reste dieser Funktionalität,
so finden sich in den zeitgenössischen Standards nur fossile Spuren (span.: la mar vs. el mar). Andererseits sind neue grammatische
Formen entstanden, wie etwa Determinanten-Systeme oder periphrastische Aspekt- und Tempus-Formen.
An Beispielen aus der spanischen und französischen Sprachgeschichte und unter Einbeziehung typologischer Erkenntnisse
möchte ich der Hypothese nachgehen, dass bestimmte Wandelprozesse in Europa auf eine umfassende Rejustierung der Balance zwischen Lexikon und Grammatik hindeuten, und dass diese
Rejustierung indirekt in Beziehung steht mit Paradigmenwechseln
in der europäischen Sprachreflexion und mit einer spezifisch okzidentalen Form von Sprachkultur. Wie zu zeigen sein wird, gelten die Regeln der Chaostheorie auch hier: Bei bewussten Eingriffen in komplexe, vernetzte Systeme werden nicht intendierte
Prozesse angestoßen, die zu überraschenden Ergebnissen führen.
Aus sprachwandeltheoretischer Sicht stellen z.B. die ab dem 17.
Jahrhundert im französischen Standard implementierten Obligatorisierungen Sprünge auf dem Grammatikalisierungspfad und ad
hoc-Paradigmatisierungen dar. Die der Wandelresistenz dienenden
Maßnahmen gerieten so unter der (hier alles andere als unsichtbaren) Hand zu Wandelbeschleunigern.
Esme Winter (Tübingen)
Evolutionäre Argumentationen und die Frage der Erklärbarkeit von
Sprachwandelphänomenen
Ein zentrales Anliegen diachroner linguistischer Forschung ist es,
den Wandel sprachlicher Strukturen nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu erklären. Hierbei konkurrieren jedoch unterschiedliche Auffassungen bezüglich des Verhältnisses von Grammatik und
Sprachgebrauch: Diese werden entweder als autonome Bereiche
angesehen (z. B. Newmeyer 2003), oder aber es wird eine weitgehende Korrespondenz zwischen den Bereichen angenommen,
128
so dass grammatische Strukturen erklärt werden können, indem
sie auf bestimmte Sprachverwendungen zurückgeführt werden (z.
B. Haspelmath 1999). Auffälligerweise wird in beiden genannten
Arbeiten evolutionär argumentiert. In meinem Beitrag soll untersucht werden, welche Grundannahmen durch den Rückgriff auf
evolutionäre Argumentationen vorausgesetzt sind und inwiefern
sich daraus ein Vermittlungsweg zwischen den Positionen ableiten
lässt. Ich möchte die These vertreten, dass evolutionäre Argumentationen die Konzeption eines theoretisch bedeutsamen Modells
beinhalten, welches das Zusammenwirken von individuellen und
globalen Wandelphänomenen (individueller Variation und Artwandel bzw. individueller Sprachverwendung und grammatischem
Wandel) darstellt. In dieses Modell können pragmatische, soziolinguistische und informationstheoretische Erklärungsansätze der
traditionellen Sprachwandelforschung integriert werden. Gleichzeitig ist jedoch kritisch zu prüfen, inwieweit dieses Konzept von
Evolution mit dem biologischen Evolutionsbegriff übereinstimmt
und inwiefern Grundbegriffe der biologischen Evolution in der
Linguistik nur in einem modifizierten Sinn anwendbar sind. Darüber hinaus sind bestimmte Argumentationsmuster unter wissenschaftstheoretischen Gesichtspunkten zu hinterfragen. Wenn einzelne sprachliche Phänomene durch ihre evolutionäre Entstehung
aus einem früheren Sprachzustand erklärt werden, die früheren
Stadien selbst jedoch erst auf der Grundlage des aktuellen Stadiums rekonstruiert werden, besteht die Gefahr eines zirkulären
„storytelling“ (Gould 1978). Bei der Erklärung singulärer Wandelphänomene sind daher Strategien zu entwickeln, um diese Problematik zu umgehen.
Literatur
Gould, Stephen Jay (1978): Sociobiology: the art of storytelling. New Scientist
80, 530-533.
Haspelmath, Martin (1999): Optimality and diachronic adaptation. Zeitschrift
für Sprachwissenschaft 18, 180-205.
129
Newmeyer, Frederick J. (2003): Grammar is grammar and usage is usage. Language 79, 682-707.
Hans-Ingo Radatz (Aachen)
Objektpronomina, Objektklitika und Objektkonkordanz: Das Kontinuum
von analytischer zu synthetischer Realisierung der Objektargumente in der
Romania und im Baskischen
Syntaktiker gehen typischerweise semasiologisch vor. Ich will
mich hier dagegen einmal onomasiologisch der Realisierung semantischer Objektargumente annähern. Dabei soll es primär um
solche Objekte gehen, die nicht durch ein lexikalisches Substantiv
realisiert werden, nämlich um Pronomina, Pronominalklitika und
Kongruenzmarker. Diesen Elementen ist gemeinsam, dass sie allesamt auf Subjekt- und Objektargumente verweisen können; unterscheiden tun sie sich voneinander einmal in der Art, wie sie sich
auf ihre Argumente beziehen – nämlich, indem sie sie entweder
realisieren, oder aber nur mit ihnen konkordieren –, und zum anderen in ihrem unterschiedlichen Grad morphologischer Freiheit
bzw. Gebundenheit.
Ich werde dafür argumentieren, dass eine scharfe Abgrenzung zwischen einer bloßen Konkordanz und einer tatsächlichen Realisierung eines Arguments dem graduellen Charakter des Phänomens
nicht gerecht wird und in ihrer Zuspitzung zu Zweifelsfällen führt,
wie sie z.B. bei der Bewertung des Baskischen auftreten: Je nach Bewertung der morphologischen Fakten kann man Baskisch nämlich
entweder als extreme Nullobjektsprache oder aber auch als Sprache mit obligatorischem Objektausdruck beschreiben. Am Beispiel
des Spanischen will ich zu zeigen versuchen, dass die Entwicklung
der romanischen Objektklitika darstellbar ist als Bewegung auf einer Skala, die von stark analytischen Lösungen (wie beispielsweise
den deutschen Objektpronomina) bis zu extrem synthetischen Lösungen in cross reference-Sprachen wie Baskisch reicht.
130
Claus D. Pusch (Freiburg)
L’impératif et le prohibitif dans les langues romanes : comment expliquer
leur changement diachronique ?
L’objectif ‘idéal’ d’une analyse diachronique est d’arriver, à partir
d’une catégorie grammaticale bien délimitée, à la reconstruction
de sa trajectoire à travers les siècles pour aboutir à l’expression de
cette catégorie grammaticale dans le système actuel de la (ou les)
langue(s) en question. Dans des cas concrets, cependant, de multiples questions d’ordre théorique se posent :
- Dans quelle mesure peut-on considérer les catégories grammaticales à analyser comme étant stables à travers la diachronie ?
- Quelles catégories font partie du fonds descriptif non controversé qui permet des ‘descriptions phénoménologiques’ au sens
de Haspelmath (2004) ?
- Quel poids est-ce qu’on donne au changement formel par rapport au changement catégoriel du phénomène grammatical en
question ? Ou – autrement dit – vaut-il mieux partir des formes
qui expriment une catégorie grammaticale, ou des concepts qui se
trouvent encodés à travers cette catégorie ?
- L’impératif et le prohibitif constituent des objets d’étude appropriés pour exemplifier ces difficultés de l’approche descriptive et
explicative en diachronie, car ils soulèvent les questions suivantes,
entre autres :
- Est-ce que l’impératif est une catégorie grammaticale aussi stable que la grammaire traditionnelle l’a voulu faire croire ? Est-ce
qu’il est justifié de le considérer ‘mode verbal’ à côté de l’indicatif
et du subjonctif ?
- Si l’on accepte une catégorie ‘impératif ’ comme acquise, pourquoi l’expression formelle de cette catégorie s’avère-t-elle tellement variée et instable et pourquoi la forme du paradigme dans
lequel elle s’organise est-elle caractérisée si fortement par la suppléance et les ‘cases vides’ ?
- Ne vaudrait-il pas mieux abandonner la notion catégorielle
131
d’‘impératif ’ au profit d’une catégorie purement pragmatico-discursive d’‘impérativité’ ? Mais comment, dans ce cas, délimiter
l’objet d’étude d’une analyse diachronique sans courir le risque
d’aboutir à des « explications sans description » ?
Le but de ma communication sera d’approfondir la discussion sur
les difficultés que rencontre un projet ambitieux de description et
d’explication diachroniques dans le cas de catégories grammaticales qui dépendent très étroitement de facteurs pragmatiques, comme l’impératif et le prohibitif, et d’illustrer les avantages descriptifs
et les limites explicatives de modélisations cognitives comme p.ex.
les cartes sémantiques (mental maps), récemment développées
pour l’espace conceptuel de l’impérativité par van der Auwera et
al. (2004).
Susanne Michaelis (Leipzig)
Die Rolle der Frequenz in der Entstehung von Kreolsprachen
Die Auswirkungen der Frequenz auf die materielle Beschaffenheit
sprachlicher Ausdrücke ist spätestens seit Zipf (1935) bekannt:
(1) häufig verwendete Ausdrücke sind kürzer, seltener verwendete
Ausdrücke sind länger (aufwändiger kodiert) ,
(2) häufigere Formen tendieren dazu, bewahrt und analogisch ausgedehnt zu werden.
In meinem Beitrag werde ich versuchen, zu zeigen, dass ähnlich
wie im gewöhnlichen Sprachwandel oder Erstspracherwerb die
Frequenz bestimmter sprachlicher Einheiten auch im Kreolisierungsprozess eine entscheidende Rolle spielt. Häufig wahrgenommene Wörter oder größere syntaktische Versatzstücke werden auch
von erwachsenen Lernern leichter in ihre jeweiligen Interlanguages
integriert.
Meine Beispiele kommen vor allem aus dem Seychellen-Kreol, wie
z.B.
(1) die Agglutinierung des einstigen französischen Artikels bzw.
anderer pränominaler Determinatoren:
132
zom ‚Mann‘ < fr. les hommes, en zom ‚ein Mann‘
aber:
zenn onm < fr. jeune homme
*zenn zom
zetwal ‚Stern‘ < fr. les étoiles nespes ‘Art’ < fr. une espèce de
en zetwal ‚ein Stern‘
(2) die Reanalyse von französischen Partizipialformen Passiv als
Verbstamm:
mor < fr. mort cf. mourir
ne
< né, cf. naître
ouver < ouvert, cf. ouvrir
offer < offert, cf. offrir
Um die Häufigkeit der Formen empirisch belegen zu können,
müsste man strenggenommen Korpora des gesprochenen Kolonialfranzösischen des 17./18. Jahrhunderts untersuchen. Als Ersatz
dafür werde ich Frequenzzahlen aus dem heutigen gesprochenen
Französisch anführen.
Elisabeth Stark (Berlin)
Gedanken zur Entstehung des D- and Num-Systems im Romanischen
Zu den revolutionären grammatischen Neuerungen im Romanischen im Vergleich zum Altlatein / klassischen Latein gehört ohne
Zweifel die Ausbildung eines (mehr oder minder) obligatorischen
Systems nominaler Determination. Diese in den Sprachen der Welt
eher seltene grammatische Eigenschaft (vgl. Dryer 1989) ist in den
vergangenen dreißig Jahren immer wieder in Beziehung gesetzt
worden zu anderen grammatischen Eigenschaften von Sprachen
wie etwa der obligatorischen (und overten) morphologischen Pluralmarkierung, dem Bestehen einer ‚Zählbarkeitsunterscheidung’ in
nominalen Ausdrücken oder allgemein dem Phänomen der ‚Konfigurationalität’ (vgl. Gil 1987, Chierchia 1998, Schroten 2001). Da133
bei werden häufig die Vielfalt der romanischen Sprachen und die
bestehenden vergleichsweise großen Unterschiede im Grammatikalisierungsgrad der nominalen Determination zugunsten grober
typologischer Verallgemeinerungen nicht oder zu wenig beachtet.
Der Vortrag setzt an diesem Punkt an: Ein knapper synchroner
und diachroner Sprachvergleich soll mögliche sprecher- und/oder
hörerbezogene und damit automatisch universale Motivationen
für die Verwendung (in)definiter Nominaldeterminanten in den
einzelnen romanischen Sprachen herausarbeiten, wobei funktional-kognitive Erklärungen für kommunikationsbezogene Innovationen herangezogen werden können. So ist der Verlust einer auch
semantisch einsetzbaren Substantivflexion wie der Lateinischen
ausgleichbar durch pränominale Determinanten (referenzindizierende Demonstrativa, aber auch klassifizierende Numeralia). Die
plausible Nachzeichnung der einzelsprachlich unterschiedlich
starken Integration dieser Innovationen in im Vergleich zum Lateinischen stark veränderte grammatische Systeme (= Sprachwandel)
kann dann aber, aufbauend auf vorliegenden Korrelationen verschiedener grammatischer Phänomen untereinander, nur eine jeweils innersprachliche, d h. innerhalb der einzelnen grammatischen
Systeme liegende strukturell-formale Erklärung leisten. Die unterschiedlich starke Grammatikalisierung indefiniter Nominaldeterminanten in der Rand – vs. der Zentralromania und das damit
korrelierende Phänomen eines ‚Partitivartikels’ muss im systematischen Zusammenhang mit der offenbar bei Argumenten immer
referenznotwendigen Realisierung einer Quantifizierung von N
(etwa in NumP) im Romanischen, die aber eben unterschiedlich
(durch overtes Numerusaffix oder Artikel usw.) geleistet werden
kann, erklärt werden.
Literatur
Chierchia, Gennaro (1998): Reference to Kinds across Languages. Natural Lan­
guage Semantics 6-4, 339-405.
134
Dryer, Matthew S. (1989): Article-Noun Order. Papers from the 25th Annual Meet­
ing of the Chicago Linguistic Society, 83-97.
Gil, David (1987): Definiteness, Noun Phrase Configurationality, and the CountMass Distinction. In: Eric J. Reuland / Alice G. B. ter Meulen G. B. (Hrsg.): The
Representation of (In)definiteness, Cambridge/Massachusetts: MIT Press, 254-269
(= Current studies in linguistics series, 14).
Kemenade, Ans van / Vincent, Nigel (Hrsg.) (1997): Parameters of Morphosyntactic
Change, Cambridge: Cambridge University Press.
Schroten, Jan (2001): L’absence de déterminant en espagnol. In: Georges Kleiber / Brenda Laca / Liliane Tasmowski (Hrsg.): Typologie des groupes nominaux,
Rennes: Presses Universitaires de Rennes, 189-203.
Axel Lenzen Verlag Titz
Fachverlag für Romanistik
Negation und Pragmatik.
Sprachen in Forschung und Lehre
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2004. Band 2. ISBN 3-933223-07-5. 216 S. 34,90 EUR
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Sprachwissenschaftliche Beiträge des 19. Deutschen
Katalanistentags 2003.
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hispanohablante: Cultivo y mantenimiento de una
norma panhispánica unificada.
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Cristina Bertoli Sand
135
Sektion 7
Dynamik romanischer Varietäten außerhalb Europa
Leitung: Silke Jansen (Erlangen), Haralambos Symeonidis
(Münster)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Kristin Reinke (Berlin)
Das diaphasische Kontinuum des français québécois als Ausdruck des Verhältnisses zur Muttervarietät
Anne-Sophie Calinon (Besançon/Montréal)
L’intégration linguistique des immigrants à Montréal par les cours de francisation
Anika Falkert (Regensburg)
Phonetische Merkmale des français acadien:
Betrachtungen zur Dynamik einer Varietät des
Französischen in Nordamerika
Edith Szlezák (Regensburg)
Franco-Americans in Massachusetts – „…no
French no mo’ ‘round here“
Elissa Sobotta (München)
Französisch-Kreol-Kontinuum in Guadeloupe
Katja Ploog (Besançon)
Sprachwandel in der neuen Romania unter dem
Zeichen von Dichte, Heterogeneität und Anzahl
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
Jens Lüdtke (Heidelberg)
Variation im Atlas lingüístico de México
9.45 Uhr
Sandra Sánchez-Münninghof (Potsdam)
136
13.30 Uhr
14.15 Uhr
15.00 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
„Algune errore prodría haber…“ Zur Dynamik
sprachlicher Assimilation bei italienischen Immigranten am Rio de la Plata
Jorge Gomez Rendón (Amsterdam)
Interferencias morfosintácticas del quechua en el
castellano de hablantes bilingües indígenas de los
Andes septentrionales ecuatorianos
Tanja Zimmer (Köln)
Transferencia lingüística en Costa Rica: rasgos del
criollo limonense en el español hablado por los
afrocostarricenses
Anita Herzfeld (Kansas)
La política y la planificación lingüística: del nacionalismo a la globización
Martha Guzmán (München)
Amerikanisches Spanisch in Texten der Kolonialzeit?
Christian Münch (Frankfurt am Main)
Zur Dynamik des Spanischen in New York: Migration, Identität und sozialer Wandel
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Dorotea Frank Kersch (Kiel/São Leopoldo, Brasilien)
Variação no uso de relativas no contato espanholportuguês no norte do Uruguai
Marcelo Jacó Krug (Kiel)
Identidade e Comportamento Lingüístico na
Percepção da Comunidade Plurilíngue PortuguêsItaliano-Alemão de Imigrante - RS
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
Martina Schrader-Kniffki (Bremen)
Brasilianische Sprachpolitik als Spiegel des franzö137
9.45 Uhr
sischen Sprachpurismus
Wolf Dietrich (Münster)
Zur Syntax und Lexik des volkstümlichen Portugiesischen in der Guaraní-Einflußzone von Mato
Grosso do Sul (Brasilien)
Abstracts
Kristin Reinke (Berlin)
Das diaphasische Kontinuum des français québécois als Ausdruck des
Verhältnisses zur Muttervarietät
Das français québécois ist aufgrund der langen Isolierung der ehemaligen französischen Kolonie vom Mutterland durch zahlreiche
Merkmale gekennzeichnet, die es vom français de France unterscheiden. Diese Unterschiede sind eine der Ursachen der so genannten
sprachlichen Unsicherheit, die sich in systematischen Abwertungen
des eigenen Sprachgebrauchs äußert, da die tatsächlichen sprachlichen Leistungen an der Norm einer anderen Sprachgemeinschaft,
dem Modell des français de France, gemessen werden. Um diese Situation zu korrigieren, wurden zunächst Korrekturkampagnen ins
Leben gerufen, die eine Anpassung an das français de France beabsichtigten. Die Emanzipation der frankophonen Quebecer im
Zuge der Révolution tranquille der 60er Jahre des 20. Jh. beinhaltete
auch sprachliche Autonomiebestrebungen. Unter Berufung auf
die Erkenntnisse der Soziolinguistik forderte man nun eine größere Toleranz gegenüber den Besonderheiten des français québécois; die
Idee einer eigenen standardsprachlichen Norm fand zunehmend
Anerkennung. Dennoch bestimmen Vorbehalte gegenüber dem
Sprachgebrauch weiterhin den metasprachlichen Diskurs. In den
letzten Jahren ist das Fernsehen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, denn man spricht ihm aufgrund seines Einfluss- und
Identifikationspotentials die Funktion zu, die prestigereiche Varietät der Sprache zu verbreiten und durch seine Vorbildwirkung eine
138
Verbesserung der Sprachqualität im Allgemeinen zu bewirken. Anhand der Analyse von 38 Quebecer Fernsehsendungen soll gezeigt
werden, wie die Realisierung bestimmter phonologischer und morphologischer Variablen vom Formalitätsgrad der Sendung abhängt
und damit das soziolinguistische Verhalten der Sprachgemeinschaft
widerspiegelt. Die Verwendung der soziolinguistischen Variablen
durch die Fernsehsprecher erlaubt außerdem Rückschlüsse auf
deren Einstellung zu den einzelnen Varianten und lässt erkennen,
dass der Bezug zum français de France trotz aller Autonomiebestrebungen weiterhin präsent ist.
Anne-Sophie Calinon (Besançon/Montréal)
L’intégration linguistique des immigrants à Montréal par les cours de
francisation
Le gouvernement québécois a mis en place des cours de francisation obligatoires pour que les nouveaux immigrants viennent
s’intégrer à la communauté francophone et ainsi, redresser le déclin démographique dont souffre le Québec. Dans ces cours de
francisation, une place est occupée par la culture québécoise.
A l’occasion d’une recherche que j’ai effectuée en 2002, je montre,
grâce à des entretiens avec des immigrants ayant suivi ces cours,
que les résultats concernant l’initiation à la culture ne sont pas probants.
Un autre volet de mon étude donne des indications sur, d’une
part, la perception des médias qu’ont les immigrants. Le nombre
très important des journaux communautaires leur permet d’avoir
une visibilité et de se percevoir comme appartenant eux aussi à
la vie culturelle et médiatique de la ville. Les communautés ethniques restent, dans bien des cas, l’interface qui facilite la première
intégration à l’espace urbain. D’autre part, des médias comme la
télévision, ont souvent été cités, non pas comme vecteur de culture, mais dans les premiers mois d’installation, comme vecteur de
langue : c’est un moyen de s’approprier la langue, étant donné que,
139
pour une majorité, les immigrants sont très peu en contact avec la
communauté francophone (repli communautaire, accès au travail
par l’intermédiaire de la communauté).
Ainsi, comment les immigrants s’intègrent et s’approprient la culture québécoise et montréalaise en particulier ?
Le rapport à la culture dépend de la situation socio-économique
et de la durée d’établissement dans la société d’accueil. L’accès à
la culture semble possible quand les autres besoins sont comblés.
L’intégration culturelle n’est pas la première intégration visée par
les primo-arrivants : subvenir aux besoins vitaux comme trouver
un travail et un logement, est le domaine où les immigrants dépensent le plus de temps et d’énergie. Les associations communautaires
sont, très souvent, sollicitées pour l’aide qu’elles peuvent apporter comme l’explication des moyens de transport qui facilitent la
mobilité urbaine. Les associations sont insérées culturellement à
l’intérieur de Montréal et sont également au fait des difficultés des
nouveaux arrivants : cette double connaissance leur permet de faire
le lien entre nouveaux arrivants et société d’accueil. On s’aperçoit
qu’après un certain temps, les immigrants se détachent petit à petit
des associations communautaires pour se lancer dans une intégration individuelle. Voyons l’expérience particulière des « Ateliers de
francisation » où des bénévoles québécois de souche se proposent
de rencontrer des immigrants nouvellement arrivés et ainsi, leur
donner un moyen d’accéder à la culture populaire, perçue comme «
vraie culture québécoise ». Au vu des résultats de l’étude, les ateliers
de francisation sont une expérience complémentaire aux cours de
francisation, elle est évaluée très positivement par les bénéficiaires.
C’est par l’intermédiaire des associations communautaires que les
immigrants peuvent espérer se voir attribuer un « tuteur » qui sera
une clé vers l’appropriation du nouvel espace culturel et urbain.
Quel type d’intégration culturelle propose les ateliers de francisation ? En conclusion, je propose de transposer les résultats de
ma première étude dans une approche plus spécifique de ces in140
tervenants par le biais d’un questionnaire. Je chercherai à savoir
quelles représentations ils ont de ce qu’ils véhiculent en terme culturel ? Quelle culture ils pensent transmettre ? Répondent-ils aux
demandes du migrant ou ont-ils une idée de ce qui est important à
faire découvrir ?
Anika Falkert (Regensburg)
Phonetische Merkmale des français acadien: Betrachtungen zur Dynamik
einer Varietät des Französischen in Nordamerika
Anhand von Hörbeispielen zum français acadien, das neben dem
français québécois die am weitesten verbreitete Ausprägung des nordamerikanischen Französisch darstellt, sollen einige phonetische
Charakteristika aufgegriffen und im Hinblick auf ihren dialektalen
Ursprung erläutert werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei
auf den verschiedenen regionalen Aussprachegewohnheiten, die je
nach Provinz (Nouveau-Brunswick, Nouvelle-Écosse, Terre-Neuve) variieren können. Ferner soll diskutiert werden, inwiefern das
Aufeinanderprallen von sprachlichem Konservatismus und neueren Tendenzen, die sich aus Sprachkontaktsituationen ergeben, die
regionale Gebrauchsnorm beeinflusst. Als Beispiel hierfür kann
man das gesprochene Französisch der Îles-de-la-Madeleine anführen, das durch den kontinuierlichen Kontakt zum français québécois
vor allem im phonetischen Bereich Veränderungen erfährt.
Edit Szlezak (Regensburg)
Franco-Americans in Massachusetts – “…no French no mo’ ‘round here”
Die Situation des Französischen in den Neuenglandstaaten, dem
sogenannten “Québec d’en bas“, gehört zu den relativ schlecht
erforschten Bereichen der nordamerikanischen Frankophonie. Am
Beispiel von Massachusetts, das aufgrund seiner schon im 19. Jh.
weit fortgeschrittenen Industrialisierung (v.a. Textilindustrie) die
meisten kanadischen Auswanderer anzog (1930 wurden 336.871
141
registriert; zum Vergleich: in Vermont waren es 46.956), soll die
Zweisprachigkeitssituation analysiert werden – sofern man bei den
Franco-Americans überhaupt noch von einer solchen sprechen
kann, denn nach ersten Auswertungen scheint sich eine asymmetrische Diglossiesituation mit Tendenz zur Auflösung hin zur
Monoglossie herauszukristallisieren. (wobei der Begriff ‘FrancoAmericans’ sowohl die Nachfahren der im 19. Jh. und 20. Jh. eingewanderten Québécois als auch die der Acadiens einschließt; Massachusetts war vom Grand Dérangement nicht stark betroffen, die
meisten Acadiens in dieser Gegend wanderten aus ökonomischen
Gründen aus; dabei spielt auch das Phänomen der migration en
chaîne eine Rolle).
Folgendes soll besonders berücksichtigt werden:
- inwieweit können die Daten des US-Census Aufschluss über die
Situation der Franco-Americans geben? welche Probleme werfen
die einzelnen Kategorien auf ? (d.h. lässt sich überhaupt feststellen,
wie viele Franco-Americans in den Neuenglandstaaten leben und
wie viele noch französisch sprechen?)
- warum verliert das Französische als Muttersprache aber auch als
Fremdsprache in den Schulen an Boden (in erster Linie gegenüber
dem Spanischen)? bei dieser Frage kommen sowohl externe Faktoren wie amerikanische Schulpolitik, die Rolle der Medien und
der katholischen Kirche, etc. als auch auf der Auswertung einer
Umfrage basierende Ergebnisse bezüglich Sprechereinstellungen,
Sprachprestige, Sprechverhalten, etc. zum Tragen
- wie lassen sich die Varietäten dieser Region im Vergleich zu den
Varietäten des Französischen in Kanada charakterisieren? welche
Rolle spielen Sprachkontaktphänomene?
Elissa Sobotta (München)
Französisch-Kreol-Kontinuum in Guadeloupe?
Seit den 70er Jahren wird diskutiert, ob die kreolischen Idiome und
ihre Lexikongeber Französisch bzw. Englisch in den Gebieten, in
142
denen sie miteinander in Kontakt und Konflikt stehen, zwei voneinander klar trennbare Sprachsysteme darstellen (evtl. in Diglossiesituation) – oder aber die Pole eines Kontinuums bilden. Der
vorliegende Beitrag möchte diese Frage im Blick auf die aktuelle
Situation im französischen Überseedepartement Guadeloupe auf
der Grundlage von Interviews mit 50 Sprechern in Guadeloupe
und Paris untersuchen.
Die These lautet, dass im Bereich der Phonologie zwei voneinander völlig getrennte Systeme existieren, ein kreolisches und ein
französisches. Nur wenige Sprecher beherrschen beide Systeme
perfekt; vielmehr sprechen die meisten kreolischen L1-Sprecher
Französisch mit kreolischem Akzent, die meisten französischen
L1-Sprecher Kreolisch mit französischem Akzent. Beide Sprachen
(als L1) zeichnen sich selbstverständlich durch Variation aus, die
jeweils als Kontinuum modelliert werden kann: vom créole pur zum
französisch beeinflussten créole normal sowie vom kreolisch beeinflussten Regionalfranzösisch (français guadeloupéen) zum français de
France. Von einem autonomem Mesolekt hingegen, der Kreol und
Französisch verbindet, kann im Bereich der Phonologie nicht die
Rede sein; bei den auftretenden Zwischenformen handelt es sich
ausschließlich um Kreolismen bzw. Gallizismen, die in Lernervarietäten (L2) auftreten, also eine vorübergehende Begleiterscheinung
eines Sprachwechsels von L1 Kreol/L2 Französisch zu L1 Französisch/L2 Kreol.
Katja Ploog (Besançon)
Sprachwandel in der neuen Romania unter dem Zeichen von Dichte,
Heterogenität und Anzahl
Ausgehend von der Annahme, dass die (relative) Stabilität einer
Diskursgemeinschaft die Voraussetzung für die Herausbildung der
ihr eigenen Kommunikationsmodi ist, soll untersucht werden, inwieweit die soziologischen Kategorien Dichte, Heterogenität und
Anzahl Erklärungsansätze für sprachliches Verhalten bieten.
143
Städte stellen eine regelrechtes Laboratorium für die Untersuchung von Gemeinschaften dar; Metropolen der Südhalbkugel
sind für die Beschreibung von Sprachdynamik besonders geeignet,
da einerseits ihre Entstehung sich in einem relativ kurzen Zeitraum
abspielt und andererseits die starke Heterogenität der aufeinander
treffenden Bevölkerungsgruppen die Mechanismen klarer erkennen lassen. Die Anzahl (der im urbanen Kommunikationsraum zusammentreffenden Sprecher) bedingt Binnendifferenzierung; die
Heterogenität (ihrer kulturellen und sprachlichen Herkunft) dynamisiert die Wertesysteme; die Dichte (der urbanen Interaktionen)
schafft individuell ein breiteres Formenspektrum aller Sprecher.
Das Zusammenspiel aller drei Faktoren bedingt die Charakteristika
der Sprachdynamik an einem bestimmten Ort.
Darüber hinaus stellt sich die Frage des Dynamikbegriffs: inwiefern lässt sich die verstärkte Heterogenität des Systems als Sprachwandel deuten? Es wird gezeigt, dass der wohl zentralste Begriff
der Soziolinguistik - Variation - die komplexen Sachverhalte diskursiver Heterogenität recht unzureichend beschreibt, und es
vielmehr einer Aufspaltung der Problematik in mehrere Bereiche
bedarf. Im zweiten Teil soll daher die zur Verfügung stehende Terminologien - z.B. linguistic repertoire, Diskurstradition, Polyphonie,
Hybridität, Kontinuum - hinterfragt werden. Zur Untersuchung
werden schriftliche und mündliche Korpora insbesondere aus der
afrikanischen Francophonie (Côte d’Ivoire, Guinée-Conakry, Cameroun) herangezogen, da einerseits der Normbegriff gerade in
der Frankophonie sehr
monozentrisch angelegt ist und andererseits die Marginalität der
afrikanischen Sprecher ein weite Bandbreite von Formen produziert.
Literatur
Bakhtine M., 1970, La poétique de Dostoïevski, Paris: Seuil (coll. Points Essais).
Ducrot, Oswald, 1984, Le dire et le dit. Editions de Minuit (coll. Propositions).
144
Gumperz, John J. & Dell Hymes (eds.), 1964, Directions in Sociolinguistics: The Eth­
nography of Communication. New York & London: Holt, Rinehart and Winston.
Koch, Peter & Wulf Oesterreicher, 1990, Gesprochene Sprache in der Romania: Fran­
zösisch, Italienisch, Spanisch, Tübingen: Niemeyer.
Park, Robert & Ernest W. Burgess & Roderick D. McKenzie, 1925, The City.
Chicago: University of Chicago Press.
de Toro, Alfonso, 2001, “Reflexiones sobre fundamentos de investigación
transdisciplinaria, transcultural y transtextual en las ciencias del teatro en el contexto de una teoría postmoderna y postcolonial de la ‘hibridez’ e ‘intermedialidad’”, Gestos 32, 11-46.
Jens Lüdtke (Heidelberg)
Variation im Atlas lingüístico de México
Im Sinne des Rahmenthemas des Saarbrücker Romanistentags
geht es mir um die Varietäten, die in Europa und in Amerika „Dialekte“ genannt werden, die aber sehr verschiedene sprachwissenschaftliche Gegenstände darstellen und deshalb auch verschiedene
Forschungsmethoden verlangen. Während die Dialekte in Europa
meist einer Standardsprache untergeordnet sind, ist dies in den Kolonialgebieten nicht der Fall. Das europäische Spanisch ist in dieser
Hinsicht zweigeteilt: Ein Teil seiner Dialekte in Spanien ist durch
Unterordnung unter die Standardsprache zu beschreiben, ein anderer aber besteht sowohl in Spanien als auch in Hispanoamerika
aus Erscheinungsformen der Gemeinsprache. Es wird zu zeigen
sein, dass der Atlas lingüístico de México entgegen der in ihm deklarierten Intentionen kein im eigentlichen Sinn diatopischer Atlas
ist, sondern eher diastratische und diaphasische Phänomene erfasst. Er wird mit einer irreführenden Terminologie seinen Gegenstandsbereich auch gerecht. Es soll versucht werden, dies durch die
Diskussion der dialektologischen Begriffe von Lope Blanch und
von einigen Beispielen zu zeigen.
145
Sandra Sánchez-Münninghof (Potsdam)
„Algune errore podría haber...“: Zur Dynamik sprachlicher Assimilation
bei italienischen Immigranten am Río de La Plata
Gegenstand der Untersuchung sind die italienischen Migrationsbewegungen in das Gebiet des Río de la Plata in den Jahren 1890 bis
1960 und die damit einhergehende, rasche sprachliche Assimilation der Einwanderer über den Weg der Zweisprachigkeit. Der Spracherwerb des prestigeträchtigen lateinamerikanischen Spanisch (es­
pañol rioplatense) vollzog sich, bedingt durch die strukturelle Nähe
des Iberoromanischen und des Italoromanischen, innerhalb von
nur zwei Sprechergenerationen und verlief über die Dynamik eines
vertikalen konvergenten Sprachkontaktes, der neue Sprachvarietäten hervorbrachte. Im Zentrum des Forschungsinteresses steht
einerseits die auf einer empirischen Datenerhebung basierende
Analyse des Auflösungsprozesses einer zu Beginn der Kontaktsituation vorhandenen Diglossie (Spanisch vs. Italienisch / Dialekt),
andererseits eine umfassende Beschreibung der neu entstandenen
Sprachform cocoliche aus einer variationslinguistischen Perspektive.
Bisherige Arbeiten zum cocoliche liegen lediglich aus synchroner
Perspektive vor und erfassen diese Sprachkontaktvariante nicht in
ihrer gesamten Komplexität und Dynamik. Somit stellt eine Analyse der Genese, Entwicklung und Bandbreite des cocoliche ein Desiderat in der aktuellen Forschung dar. Die Untersuchung beschreibt
die Aufeinanderfolge von drei Synchronien innerhalb einer Sprecherfamilie und gelangt damit zu einer diachronischen Analyse der
kontaktdynamischen Prozesse zwischen dem Spanischen und dem
Italienischen am Río de La Plata.
146
Jorge Gomez Rendón (Amsterdam)
Interferencias morfosintácticas del quechua en el castellano de hablantes
bilingües indígenas de los Andes septentrionales ecuatorianos.
El quechua y el castellano tienen una larga historia de encuentros
y desencuentros en los Andes ecuatorianos. Ambas lenguas han
convivido de una u otra forma en los últimos 450 años y la influencia entre ellas ha sido mutua. El propósito de esta presentación es
abordar justamente la influencia que la lengua indígena ejerce en la
configuración morfológica y sintáctica del castellano de hablantes
bilingües en los Andes septentrionales del Ecuador. Con este fin
hemos recurrido a los materiales (entrevistas abiertas y testimonios) recogidos durante tres estadías de trabajo de campo en la
provincia norteña de Imbabura en el período comprendido entre
2001 y 2004. Los objetivos específicos consisten en: 1) identificar
esquemáticamente los rasgos morfosintácticos que caracterizan el
habla de estos hablantes; 2) determinar su frecuencia de uso como
parte de estrategias etnopragmáticas y etnosemánticas que utilizan
los hablantes bilingües para posicionarse en contextos comunicativos con respecto a otros hablantes indígenas y a hispanohablantes
monolingües. Los resultados obtenidos enriquecerán el estudio de
la configuración del habla de bilingües indígenas en los Andes y
permitirán nuevos abrir caminos para futuras investigaciones en
otras regiones quechua hablantes dentro y fuera del Ecuador.
Tanja Zimmer (Köln)
Transferencia lingüística en Costa Rica: rasgos del criollo limonense en el
español hablado por los afrocostarricenses
¿Qué tipo de procesos lingüísticos pueden ocurrir en una situación
de contacto lingüístico entre una lengua codificada y oficial y una
lengua criolla que usa un grupo étnico minoritario únicamente en
la comunicación oral? La situación en la provincia de Limón, Costa
Rica, presenta un caso especial entre las situaciones de contacto,
147
dado que la lengua lexificadora del criollo limonense, el inglés, no es
la lengua oficial del país, sino un idioma tipológicamente diferente:
el español.
Debido a los cambios sociopolíticos después de la revolución de
1948, el español se ha convertido en la lengua de prestigio y de uso
oficial en Limón. Por ello, los afrocostarricenses se vieron obligados al aprendizaje de este idioma según sus necesidades. Conforme
han pasado los años, las nuevas generaciones han ido incorporando nuevas formas en el idioma, razón por la cual las diferencias
en el habla de cada grupo van de la mano con el desarrollo social
de las últimas décadas. La competencia lingüística difiere significativamente, por ende, el español de los afrocostarricenses puede
considerarse un continuo lingüístico que va desde formas de habla
más fosilizadas a las más elaboradas.
Por la situación compleja de cambio social, la investigación se
sustenta tanto en la teoría sociocultural de Thomason y Kaufmann
(1988, Thomason 2001) como en la teoría de “linguistic dominance” de Van Coetsem (1988, 2000), ya que es de suma importancia observar la situación individual de cada hablante. El análisis
se basa en conversaciones grabadas entre afrocostarricenses en
2004.
El propósito de esta ponencia es discutir si los rasgos particulares
de la variedad son resultado de la transferencia de estructuras criollas en el español o si más bien tienen sus raíces en procesos típicos
de aprendizaje de lenguas segundas. Adicionalmente, se incluirán
los resultados de una encuesta acerca de la actitud lingüística de
los hablantes, dado que ésta influye directamente en la elección de
códigos en distintas situaciones comunicativas.
Anita Herzfeld (Kansas)
La política y la planificación lingüística: del nacionalismo a la globalización
La excepcional situación lingüística del Paraguay ha despertado
recientemente gran interés, por tratarse del único país latinoame148
ricano donde la lengua indígena, el guaraní, parece ser aceptada
por los hablantes de la lengua dominante, el español. Sin embargo,
se debaten todavía las políticas educativas más apropiadas para la
implementación de su enseñanza a nivel nacional. Paralelamente a
esa preocupación, el inglés compite por los recursos humanos y técnicos disponibles. Este trabajo presenta los interrogantes que los
intelectuales locales deberán formularse para garantizar espacios
de promoción, respeto y valoración de la diversidad cultural frente
a una forzada globalización cultural.
Martha Guzmán (München)
Amerikanisches Spanisch in Texten der Kolonialzeit?
Der Vortrag beschäftigt sich mit der Frage, ob die Herausbildung
des amerikanischen Spanisch anhand diachronischer Untersuchungen Quellen aus der Kolonialzeit erforscht werden kann.
Nach der Präsentation der wichtigsten Theorien über die Herausbildung des amerikanischen Spanisch sowie der zentralen Eigenschaften der kolonialen Quellen wird diese Problematik anhand
zwei konkreter Beispiels diskutiert, die als typisch hispanoamerikanisch gelten: der Gebrauch der zusammengesetzten bzw. nicht zusammengesetzten Vergangenheitsformen einerseits, der Imperfekt
des Subjuntivo auf -RA (amara) andererseits.
Das Korpus, das als Basis dieser Untersuchung dient, besteht aus
53 Texten, die im 16. und 17. Jahrhundert in der Karibik verfasst
wurden. Es enthält Diskurstraditionen wie die Acta de Cabildo (Akten von Diskussionen über interne Probleme einer Region), die
Información de sucesos (Ermittlung auf die Basis von Befragungen),
die Relación de sucesos (Bericht über Ereignisse), offizielle Briefe und
Privatbriefe, etc.
Die Leitfragen der Untersuchung sind die folgenden:
1. Kann man mit Hilfe dieser Texte erklären, wie sich die charakteristischen Merkmale des hispanoamerikanischen Verbalsystem
herausgebildet haben?
149
2. Inwiefern ähneln diese Texte in Bezug auf diese Merkmale dem
heutigen amerikanischen Spanisch?
3. Welche Theorien über die Herausbildung des amerikanischen
Spanischen sind in Übereinstimmung mit den gefundenen Daten?
Christian Münch (Frankfurt am Main)
Zur Dynamik des Spanischen in New York: Migration, Identität und
sozialer Wandel
Das Spanische in der Stadt New York war lange Zeit synonym
mit den Varietäten puertorikanischer und dominikanischer Einwanderer. Bis in die späten 80er Jahre kam der weitaus größte Teil
ihrer hispanophonen Bevölkerung aus Puerto Rico und der Dominikanischen Republik. Seit Anfang der 90er Jahre wurde New
York jedoch zum Ziel einer beispiellosen Migrationswelle aus verschiedenen Ländern Lateinamerikas, darunter Kolumbien, Ecuador, verschiedene zentralamerikanische Länder und, in letzter Zeit
besonders, Mexiko. Eine neue Varietätenvielfalt hat das Nebeneinander karibischer Varietäten ersetzt und charakterisiert die Situation des Spanischen in New York. Für die Sprecher entwickelten
sich die Varietäten ihres jeweiligen Herkunftslandes zu einem
wichtigen Element sprachlicher Identität und sozialer Interaktion,
insbesondere zwischen den neuen Migranten und den alteingesessenen hispanophonen Gruppen. Während die hispanophone Gemeinschaft der Stadt von der anglophonen Mehrheit nach wie vor
als Hispanics, Latinos oder nur ‚the Spanish‘ homogenisiert wird,
entwickelte sie nach innen eine soziolinguistische Dynamik, die neben der kulturellen, ethnischen und sozialen Vielfalt der Migrantenkulturen auch eine spezifisch varietätenlinguistische Dimension
besitzt.
Das Beispiel der Stadt New York lädt dazu ein, die vielfach thematisierte Frage nach der Herausbildung US-amerikanischer Varietäten
des Spanischen im Hinblick auf die aktuelle Migrationsdynamik
aufzunehmen. Hierbei soll insbesondere der Frage nachgegangen
150
werden, von welchen Faktoren Sprachwandelprozesse im aktuellen
Szenario initiiert und geleitet werden und welche kulturellen, ethnischen und sozialen Grenzen dem entgegenwirken. Des weiteren
gilt es zu diskutieren, was die Varietätenlinguistik mit der Kategorisierung und Beschreibung neuer US-amerikanischer Varietäten
des Spanischen überhaupt leisten kann und wo angesichts der anhaltenden Migration und des raschen sozialen Wandels im Migrantenmilieu ihre Grenzen liegen.
Dorotea Frank Kersch (Kiel/São Leopoldo, Brasilien)
Variação no uso de relativas no contato espanhol-português no norte
do Uruguai: que tipo de relativas os informantes dizem usar e quais
efetivamente usam nas suas manifestações
Os portugueses foram os primeiros a se instalarem na região hoje
pertencente ao norte do Uruguai. Depois da independência do
Uruguai e da fixação dos limites, tentou-se suplantar o uso do
português através de uma política de castelhanização. A partir daí,
instala-se uma situação diglóssica, em que o espanhol passa a ser
ensinado na escola, a ser a língua usada nos órgãos públicos, e o
português passa a ser a língua falada na esfera doméstica. Os dados do ADDU-Norte retratam esse norte bilíngue e são base para
nosso estudo sobre a variação no uso das relativas nessa região de
contato.
Nesta apresentação, vamos comparar dois estilos: o estilo pergunta-resposta e o estilo conversa livre. Investiga-se aqui a consciência
que os falantes têm quanto ao uso que fazem de relativas, comparando esses resultados com o que efetivamente usam ao se manifestarem espontaneamente.
151
Marcelo Jacó Krug (Kiel)
Universidade Federal do Rio Grande do Sul
O presente estudo investiga o papel da língua na constituição da
identidade e etnicidade dos grupos debase imigrante em contato em
uma comunidade rural multilíngüe em português, italiano e alemão
de Imigrante, no Rio Grande do Sul, Brasil. A concepçãobásica
que subjaz a esse propósito é a de que a língua constitui um dos
principais fatores de determinação da identidade e etnicidade de
um grupo social, neste casorepresentado por descendentes de imigrantes alemães e italianos. O que se investiga aqui é como se dá
essa interrelação entre língua e identidade no contato entre dois
grupos de fala contrastantes, germânico e românico, e ao mesmo
tempo semelhantes, na medida em que compartilham o traço em
comum de grupo minoritário falante de uma variedade dialetal
aloglota oriunda da imigração a partir do século XIX.
Martina Schrader-Kniffki (Bremen)
Brasilianische Sprachpolitik als Spiegel des französischen Sprachpurismus
Im Mittelpunkt der 1999 in Brasilien als sprachpolitisches Gesetz
eingebrachten Proposta Aldo Rebelo steht das Portugiesische als Nationalsprache Brasiliens. Mit diesem in der brasilianischen Presse
und unter Linguisten kontrovers diskutierten Sprachgesetz sollen
der Gebrauch und die Verbreitung des Portugiesischen in und außerhalb Brasiliens festgelegt und geregelt, vor allem jedoch die Eliminierung von in die Sprache eingegangenen Fremdwörtern betrieben werden. Das Gesetz wurde in expliziter Anlehnung an die
1994 erstmals in Frankreich eingebrachte Loi Toubon vorgeschlagen
und spiegelt den französischen Sprachpurismus im Lichte der aktuellen brasilianischen Sprachpolitik des Portugiesischen wider.
In diesem Vortrag sollen die jeweiligen sprachpuristisch ausgerichteten Argumentationsstrategien verglichen und die damit verbundene, von Europa nach Brasilien transportierte, vom Französischen
152
auf das Portugiesische Brasiliens übertragene Sprachideologie
untersucht werden. Dabei wird auch der jeweils unterschiedliche,
sowohl sprachliche, als auch politische Kontext dieser sprachpuristischen Bestrebungen in Betracht gezogen werden.
Wolf Dietrich (Münster)
Zur Syntax und Lexik des volkstümlichen Portugiesischen in der GuaraníEinflußzone von Mato Grosso do Sul (Brasilien)
Es werden Ergebnisse der Sprachaufnahmen aus fünf Befragungspunkten im südlichen Mato Grosso do Sul vorgestellt, die
für den Atlas Lingüístico Guaraní-Românico (ALGR) exploriert wurden. Sie beziehen sich zum einen auf Erscheinungen der Syntax
des “português popular” der zweisprachigen Sprecher (Guaraní
und Portugiesisch), die im Portugiesischen auf Interferenzen bzw.
Interstrateinflüssen des Guaraní beruhen können (Verbvalenzen,
Personenmarkierung, Modusgebrauch, Consecutio temporum),
zum anderen aber typisch für das gesprochene brasilianische Portugiesisch überhaupt sind. Dazu gehören neben Fragen der Artikelverwendung auch lexikalische Bevorzugungen gegenüber Lexemen der Schriftsprache. Einige Ergebnisse werden in Form von
Sprachkarten vorgelegt werden.
153
BUSKE
ROMANISTIK IN GESCHICHTE UND GEGENWART
Mara Borelli de Oliveira
Correia
Sprachliches Erfassen von Potentialität
Untersucht an italienischen und deutschen Belegen. Beiheft 10. 2003. 136 S.
3-87548-347-2. Kart. 38,00
Johannes Kramer
Die iberoromanische
Kreolsprache Papiamento
Eine romanistische Darstellung
Beiheft 11. 2004. 250 Seiten.
3-87548-380-4. Kart. 48,00
Diese textlinguistisch orientierte Studie
führt zunächst an einen subjektiv geprägten Begriff der Potentialität heran,
wie sie auf vorsprachlicher Ebene in der
Welt der Aussage konzipiert wird, und
erläutert, welche Spezifizierungen auf
der sprachlichen Ebene erfolgen.
Am Beispiel des Deutschen und des
Italienischen werden u.a. Ausdrucksmittel wie Futur und Konditionalis,
epistemische Modalwörter, Verben des
Meinens, Ausdrücke im Bedeutungsfeld
des Scheinens, Konjunktiv im Komplementsatz und Modalverben in Hinblick
auf das sprachliche Erfassen von Potentialität behandelt. Berücksichtigt werden
auch Sprechhandlungen wie das Fragen
und das Versichern sowie die Stellungnahme des Sprechers gegenüber der
kommunikativen Regreßpflicht.
Auf den drei der venezolanischen Küste
vorgelagerten und zum niederländischen Königreich gehörenden Inseln
Aruba, Bonaire und Curaçao wird von
rund 300.000 Menschen eine in der
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstandene iberoromanische Kreolsprache
gesprochen, Papiamento genannt.
Dieser Band behandelt zum ersten
Mal in deutscher Sprache ausführlich
Entstehung und Struktur des Papiamento. In einem historisch-typologischen
Teil skizziert der Autor Wesen und
Herausbildung kreolischer Sprachen, er
schlägt eine neue Theorie zur Entstehung des Papiamento aus spanisch-portugiesischer Konvergenz in niederländischem Munde vor und beleuchtet den
niederländischen Anteil am Papiamento.
Zudem wird die Laut-, Formen- und
Satzlehre vorgestellt und es wird auf die
Herausbildung der zwei modernen Normen des Papiamento eingegangen.
Lehr- und Nachschlagewerke zu mehr als fünfzig Sprachen sowie sprachwissenschaftliche Monographien und Zeitschriften bilden das Programm des Helmut Buske Verlages.
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Sektion 8
Spracherwerb in der und um die Romania
Leitung: Rita Franceschini (Bozen), Natascha Müller
(Wuppertal), Gudrun Ziegler (Neuchâtel/München)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Giuliano Bernini (Bergamo)
Strategie di lessicalizzazione: tipologia e apprendimento. Il caso dei verbi di moto
Clive Perdue (Paris)
L’expression de la finitude par des apprenants
du français et comparaison avec des apprenants
d’autres langues
Sandra Benazzo (Paris/Lille)
L’émergence de moyens grammaticaux pour exprimer les relations temporelles en L2
Celina Edwards (Berlin)
Numeralia im Spracherwerb - ein deutsch-italienischer Vergleich
Judith Dauster (Saarbrücken)
Fremdsprachenfrühunterricht: Möglichkeiten und
Grenzen der Analyse von Lerneräußerungen und
Unterrichtsdiskurs
Erik Lautenschlager (Saarbrücken)
Vergleich der Produktionen von Schülern mit
Frühfranzösisch ab Klassenstufe 1 bzw. 3
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
Stefan Pfefferle (Saarbrücken)
Paradigmatische vs. syntagmatische Strukturen
beim frühen gesteuerten Französischerwerb
155
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Gudrun Ziegler (Neuchâtel/München)
Processus référentiels dans l’interaction en langue
étrangère précoce - quelques observations
Gabriele Budach (Frankfurt/M)
Alfabetizzazione bilingue? Multimodales Lernen
in einem deutsch-italienischen Grundschulprojekt
Eva Lavric (Innsbruck)
Kann man von einem Fehler zu einem anderen
fortschreiten? Beispiele aus den Interimssprachen
Französisch und Spanisch
Sigrid Behrent (Saarbrücken)
Lernen Lerner voneinander? Auf den Spuren von
Spracherwerb in interalloglotter Kommunikation
Angela Weißhaar (Hildesheim)
Erzählen von Ereignissen in Mutter- und Fremdsprache – Über den Zusammenhang von Sprache,
Kultur und Information
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Katrin Schmitz (Wuppertal)
Subjektauslassungen und -realisierungen deutschitalienisch bilingualer Kinder
Natascha Müller / Antje Pillunat (Wuppertal)
Bilinguale Kinder mit einer Sprachstörung:
Deutsch-Französisch
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
156
Tanja Kupisch (Hamburg)
Sprachdominanz und Balanciertheit im frühen
bilingualen Spracherwerb
Matthias Bonnesen (Hamburg)
Zum Status der „schwächeren“ Sprache (Französisch) im bilingualen Französisch/Deutsch Erstspracherwerb
Abstracts
Giuliano Bernini (Bergamo)
Strategie di lessicalizzazione: tipologia e apprendimento. Il caso dei verbi di
moto
1. Il settore dei verbi di moto si presta all’indagine delle strategie
di lessicalizzazione delle componenti l’evento di moto, con particolare riguardo della direzione nella quale avviene lo spostamento
(p.es. fr. monter), della maniera in cui esso avviene (p.es. fr. courir),
della deissi (p.es. fr. venir). Nei termini della caratterizzazione tipologica sostenuta da Talmy (2000), ma originariamente risalente a
Tesnière (1959), le lingue romanze esprimono prevalentemente la
direzione nel lessema verbale (“verb-framed languages”, cfr. p.es.
port. sair, sp. salir, fr. sortir, sardo bessire, it. uscire, rum. a ieşi),
opponendosi alla strategia prevalente nelle lingue germaniche, che
esprimono la direzione in un elemento adverbale (“satellite-framed
languages”, cfr. ted. ausgehen, ingl. go out, sved. gå ut, isl. fara út).
D’altro canto la maniera in cui avviene il moto è tendenzialmente
espressa come un evento separato rispetto a quello di spostamento
in una direzione (cfr. fr. entrer en courant vs. ted. hineinrennen). Il
quadro tipologico romanzo non è però compatto e va differenziato
in termini variazionisti (cfr. Berthele 2004), tenendo conto della diatopia (p.es. dialetti gallo-italici vs. altri dialetti italo-romanzi), della
possibilità di strategie di espressione ridondante (p.es. it. scendere
giù) e dei potenziali conflitti nella lessicalizzazione delle componenti deittica e di direzione (p.es. it. venire giù [verso il parlante]
vs. scendere).
2. In questo quadro tipologico vengono indagate le strategie di
lessicalizzazione messe in atto da apprendenti di italiano L2 nell’acquisizione dei verbi di moto, osservando in particolare la
(ri)costruzione del significato dei lessemi della lingua di arrivo e
l’espressione della direzione sul lessema verbale o su altri elementi
adverbali o adnominali anche in dipendenza della L1 (p.es. MK03
157
entriamo in collegio *la sale* vs. non vado fuori perché c’è fredo
tropo). L’indagine, condotta nel quadro teorico funzionalista detto
della “Basic Variety” (Klein/Perdue 1997), terrà conto soprattutto
dei dati di apprendenti spontanei di diversa L1 compresi nella banca dati del “Progetto di Pavia” sull’acquisizione dell’italiano (cfr.
Giacalone Ramat 2003); marginalmente si considereranno dati elicitati costituiti da narrazioni (cfr. Slobin 2004). L’osservazione dei
percorsi di apprendimento del lessico del moto da parte di apprendenti di L2, rispecchiando l’input del parlato di nativi nella particolare situazione del contatto linguistico, contribuirà a illuminare
alcuni aspetti della problematica posizione tipologica dell’italiano
rispetto ai parametri “V-framed” e “S-framed” (cfr. per la maniera
scendere di corsa ≡ correre giù).
Riferimenti
Berthele, Raphael, 2004, “The typology of motion and posture verbs: A variationist account”, in: Kortmann, Bernd (ed.), Dialectology Meets Typology. Dialect Grammar From a Cross-Linguistic Perspective, Berlin, Mouton de Gruyter,
pp. 93-126.
Giacalone Ramat, Anna (a cura di), 2003, Verso l’italiano. Percorsi e strategie di
acquisizione, Roma, Carocci.
Klein, Wolfgang / Perdue, Clive, 1997. “The Basic Variety (or: Couldn’t natural
languages be much simpler?)”. Second Language Research 13: 301-347.
Slobin, Dan, 2004, “The many ways to search for a frog. Linguistic typology
and the expression of motion events”, in: Strömqvist, Sven / Verhoeven, Ludo
(eds.), 2004, Relating events in narrative: typological and contextual perspectives,
Mahwah, NJ, Lawrence Erlbaum Associates, pp. 219-257.
Talmy, Leonard, 2000, Toward a cognitive semantics. 2 voll., Cambridge, MA,
MIT Press.
Tesnière, Lucien, 1959, Eléments de syntaxe structurelle, Paris, Klincksieck.
Clive Perdue (Paris)
L’expression de la finitude par des apprenants du français et comparaison
avec des apprenants d’autres langues
Ce sont les catégories morpho-syntaxiques de la personne et du
temps qui sont traditionnellement associées aux propositions finies
158
(et absentes des in-fini-tives). La notion de finitude va cependant
au-delà, ayant aussi des incidences sémantiques et pragmatiques,
ce qui a amené Lasser (1997) à proposer une distinction entre la
M(orphological)-finiteness et la S(emantic)-finiteness, distinction
que nous adopterons ici.
L’expression de la finitude a fait l’objet pendant la dernière décennie
de nombreuses analyses par les acquisitionnistes. La méthodologie
adoptée est principalement l’analyse de productions d’apprenants
face à des tâches verbales comparables (conversations spontanées
ou tâches plus contraignantes). Dans cette communication, nous
nous pencherons principalement sur l’acquisition du français langue 2, en comparant ce processus à l’acquisition du français L1,
d’une part, et à l’acquisition de langues germaniques, d’autre part,
toutes ces langues « cibles » disposant d’une morphologie verbale
pour marquer la finitude. Nous nous demanderons quels sont les
étapes et itinéraires d’acquisition attestés, et en quoi la différence de
‘réussite’ des apprenants enfants et adultes nous aide à comprendre
l’organisation et le fonctionnement de la finitude dans les langues
en général, sachant que cette différence concerne en premier lieu
l’acquisition plus ou moins réussie de la morphologie verbale.
Référence:
Lasser, Ingeborg (1997). Finiteness in adult and child German. Nijmegen: MPI
Series in Psycholinguistics.
Sandra Benazzo (Paris/Lille)
L’émergence de moyens grammaticaux pour exprimer les relations temporelles
en L2, Paris und Lille
Les recherches sur l’acquisition non guidée d’une L2 ont montré
que les stades initiaux sont caractérisés par l’absence de morphologie verbale fonctionnelle (cf. Basic Variety, Klein et Perdue 1997).
L’ancrage temporel de l’énoncé est, à ce stade, soit implicite – si
inférable sur la base de principes pragmatiques ou d’organisation
159
discursive – soit exprimé lexicalement par un large répertoire
d’adverbes temporels. Ce n’est qu’au stade suivant que les relations
temporelles sont encodées grammaticalement par la flexion verbale (cf. Dietrich et al. 1995).
Cette communication focalise sur la transition entre l’expression
lexicale et grammaticale des relations temporelles, en discutant les
résultats de recherches récentes sur une partie des données ESF,
notamment français, anglais, néerlandais et allemand L2.
L’analyse des productions d’apprenants met en évidence deux parcours acquisitionnels (apparemment) divergents :
a)
dans certains cas l’emploi fonctionnel de la morphologie
verbale semble être précédé par une étape intermédiaire où deux
morphèmes libres encodent séparément les valeurs de temps/aspect (cf. p.ex. double proto-auxiliaires, Starren 2000);
b)
dans d’autres, les premières formes d’auxiliaire semblent
encoder une valeur temporelle, alors que certaines distinctions aspectuelles sont exprimées par des marqueurs lexicaux spécialisés
(adverbes de contraste temporel tels que encore/déjà, cf. Benazzo
2003).
Nous suggérons qu’on peut rendre compte des deux parcours
acquisitionnels par la tendance développementale commune de
traiter séparément les valeurs complexes de la flexion verbale : les
composantes temporelle et aspectuelle seraient encodées d’abord
de manière analytique – soit par deux morphèmes libres, soit par
une forme verbale associée à un marqueur lexical spécialisé – avant
de pouvoir fusionner dans la morphologie verbale.
Celina Edwards (Berlin)
Numeralia im Spracherwerb – ein deutsch-italienischer Vergleich
Die Kategorie der Zahlen, der Zahlwörter sowie das Konzept Zahl
an sich stellen komplexe Probleme der kognitiven Verarbeitung,
des Erwerbs, aber auch der wissenschaftlichen Beschreibung dar
(Wiese 2003).
160
Der vorliegende Beitrag soll, ausgehend von existierenden Zahlenverarbeitungsmodellen (z.B. Triple Code Model in Dehaene
1992), den Spracherwerb der Numeralia im deutsch-italienischen
Vergleich analysieren. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der
morpho(no)logischen Repräsentation deutscher bzw. italienischer
Numeralia: Es soll der Frage nachgegangen werden, ob diese den
Erwerb von Numeralia beeinflusst oder nicht.
Die dabei zugrunde gelegte These lautet, dass je nach morphologischer Struktur des jeweiligen Numeralsystems der Erwerb der
Numeralia mit bestimmten Schwierigkeiten verbunden ist und zu
fehlerhaften Produktionen führen kann. Sowohl das italienische
als auch das deutsche System bieten Bereiche, die aus morphologischer Sicht ‚einfach’, d.h. morphologisch motiviert sind, als auch
solche, die ‚schwierig’, also nicht (gänzlich) motiviert sind.
Zur Überprüfung dieser These wurde eine empirische Untersuchung durchgeführt: Diese basiert auf Interviews mit 50 italienischen und 50 deutschen Kindern zwischen 3 und 7 Jahren, die in
verschiedenen Experimenten u.a. zählen und morpho(no)logisch
fehlerhafte Numeralia (sowohl Kardinalia als auch Ordinalia) entdecken müssen.
Hat die morphologische Struktur Einfluss auf den Erwerb von
Numeralia, so ist bei den empirischen Untersuchungen mit unterschiedlichen Ergebnissen von deutschen und italienischen Kindern
zu rechnen. Sollte es sich beim Numeralia-Erwerb allerdings um
einen rein kognitiven einzelsprachunabhängigen Prozess handeln,
dürften die unterschiedlichen Numeralsysteme keinen Einfluss
auf den Erwerb der Numeralia haben und somit zu keinen Unterschieden zwischen beiden Sprechergruppen führen. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung werden zeigen, dass in den
untersuchten Bereichen eine Sprachabhängigkeit im Erwerb von
Numeralia besteht und Zahlenverarbeitung (zumindest teilweise)
auch sprachlich beeinflusst wird.
161
Literatur (Auswahl):
Dehaene, Stanislas (1997): The Number Sense, New York: Oxford University
Press.
Fuson, Karen (1988): Children’s Counting and Concepts of Number, New
York: Springer.
Hurford, James (1987): Language and Number, Oxford: Blackwell.
Wiese, Heike (2003): Numbers, Language, and the Human Mind, Cambridge:
Cambridge University Press.
Judith Dauster (Saarbrücken)
Fremdsprachenfrühunterricht: Möglichkeiten und Grenzen der Analyse von
Lerneräußerungen und Unterrichtsdiskurs
Bei der spezifischen Spracherwerbssituation, die in diesem Sektionsbeitrag näher betrachtet wird, handelt es sich um den frühen gelenkten Spracherwerb im Rahmen des Fremdsprachenunterrichts
im Primarbereich. Die Auswertung basiert auf Video- und Audioaufnahmen eines Projektteams unter der Leitung von Prof. Dr.
Rita Franceschini und Dr. Sabine Ehrhart, das die Einführung des
Frühfranzösisch ab Klassenstufe 1 an saarländischen Grundschulen wissenschaftlich begleitete. Dabei werden übliche Vorgehensweisen bei der Analyse von Lerneräußerungen und Unterrichtsdiskurs vorgestellt und in Ihrer Anwendbarkeit auf die Spezifik des
Frühunterrichts hinterfragt. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage,
welche Möglichkeiten sich aus der Kombination unterschiedlicher
methodischer und theoretischer Vorgehensweisen ergeben.
Informationen zum Projekt:
www.languagestudies.unibz.it/landesforschung.html
Erik Lautenschlager (Saarbrücken)
Vergleich der Produktionen von Schülern mit Frühfranzösisch ab
Klassenstufe 1 und Klassenstufe 3
Die vorgestellte empirische Studie untersucht Daten, die im sogenannten Père-Noël- Versuch, im Rahmen des am Lehrstuhl für
162
Angewandte Linguistik der Universität des Saarlandes angesiedelten Projekts „Effizienz des Frühunterrichts: begleitende Forschung
im Rahmen der Fremdsprachenreformen“ erhoben wurden.
Das experimentelle Setting, das zur Evaluation der aktiven Kompetenzen der Lerner durchgeführt wurde, erlaubt eine Untersuchung im Bereich der Sprachproduktion aber auch der Sprachrezeption der Lernenden. Dabei wird auf zwei Ebenen verglichen:
zum Einen liegen Daten von Schülern gleichen Alters aber unterschiedlichen Lernstadiums vor. Zum Anderen werden Daten
von Schülern betrachtet, die im gleichen Lernstadium, aber unterschiedlichen Alters sind.
Der Stand der Lernersprache wird punktuell quantitativ und qualitativ anhand verschiedener Indikatoren untersucht. Dabei werden
die MLU, die Anteile von mutter- und lernersprachlichen Äußerungen an der Gesamtproduktion, die Benutzung verschiedener
Wortarten sowie das Hörverstehen auf beiden oben beschriebenen
Ebenen vergleichend betrachtet.
Stefan Pfefferle (Saarbrücken)
Paradigmatische vs. syntagmatische Strukturen beim frühen gesteuerten
Französischerwerb
Für L2-Lernende im Rahmen des frühen gesteuerten Französischerwerbs bietet die Lehr-Lern-Interaktion in der Fremdsprache den
primären Erwerbskontext. Als Einstieg in das Fremdsprachenlernen dient dabei die Beherrschung funktionaler Ausdrücke der
Zielsprache (sog. Routinen).
Die Verwendung und insbesondere die voranschreitende Segmentierung dieser Routinen durch die Lerner liefern wertvolle Einsichten bei der Suche nach Verbindungen zwischen beobachtbarer
Interaktion im Klassenzimmer und den nicht direkter Beobachtung zugänglichen Lerneffekten.
Welche Wege und Irrwege die L2-Sprecher in ihrer Sprachproduktion durch die interne Analyse der gelernten Routinen auf pa163
radigmatischer und syntagmatischer Achse beschreiten, um sich
schließlich der Grammatik der Zielsprache anzunähern, soll in diesem Beitrag nachgezeichnet werden.
Gudrun Ziegler (Neuchâtel / München)
Processus référentiels dans l’interaction en langue étrangère précoce - quelques
observations
L’enseignement-acquisition des langues étrangères à un très jeune
âge (à partir de la (pré)-scolarité) offre depuis peu un champ nouveau pour l’analyse du développement d’une L2 en milieu guidé.
Partant du fait que de telles interactions en classe soient - sinon
conditionnées du moins imprégnées - par les facteurs de base du
cadre spécifique d’acquisition (par exemple: début d’alphabétisation
en L1, voire L2), cette communication s’intéresse aux spécificités des processus référentiels mis en oeuvre par les participants
à l’interaction. Les productions d’apprenants (français langue
étrangère précoce) laissent entrevoir l’émergence d’un certain type
de pratiques référentielles qui tiennent compte du champ réduit de
références possibles (p.ex. sujet thématique préétabli), disponible
aux participants. De fait, l’analyse des processus référentiels suggère que le parcours acquisitionnel des apprenants, et plus précisément le système émergent des déterminants, sont déterminés par la
nature située de ces pratiques référentielles en interaction.
Gabriele Budach (Frankfurt/M)
Alfabetizzazione bilingue? Multimodales Lernen in einem deutschitalienischen Grundschulprojekt
Der Beitrag untersucht bilinguales Lernen in einem deutsch-italienischen Grundschulprojekt, das im Sinne eines Two-way-immersion Modells beide Sprachen als Ziel- und Unterrichtssprache berücksichtigt. Mit Schuleintritt beginnt für alle Kinder, die z.T. einen
deutschsprachigen, z.T. einen italienisch- bzw. zweisprachigen Hin164
tergrund haben, parallel die Alphabetisierung in beiden Sprachen.
Gegenstand der hier angestellten Betrachtungen ist der Umgang
der Kinder mit Schriftlichkeit in beiden Sprachen und die Rolle der
Zweisprachigkeit für den Schriftsprachenerwerb. Es ist davon auszugehen, dass der Schriftsprachenerwerb ein komplexer Prozess
ist, in den eine Vielzahl von Faktoren einfließt. Daher stellt sich
die Frage, welche sprachlichen und außersprachlichen Ressourcen
nutzen die Kinder, um Schriftliches zu entziffern, Aufgaben zu lösen und Sinn zu erzeugen? Welchen Anteil hat (einzelsprachliche)
Schriftlichkeit an diesen Prozessen? Welche anderen Ressourcen
wie etwa gesprochene Sprache, visuelle Impulse, kontextuelles
und lebensweltliches Wissen stützen den Schriftsprachenerwerb
und wie werden diese Ressourcen in der konkreten Interaktion,
im Unterrichtsgespräch oder in Partnerarbeit von den Kindern
eingesetzt? Welche Unterschiede sind im Schnittpunkt individueller Lernerprofile und sozialer kommunikativer Bedingungen beobachtbar?
Theoretisch knüpft die hier präsentierte Studie an Halliday (1985)
und sein Konzept der metasprachlichen Funktionen sowie an Kress
(2001) und seine Überlegungen zum Lehren und Lernen als multimodalem Prozess an. Methodisch basiert die Untersuchung auf
ethnographischen Techniken der Datenerhebung (teilnehmender
Beobachtung, Video- und Audiomitschnitten von Unterrichtsgeschehen, biographischen und retrospektiven Interviews sowie
Lautdenkprotokollen), die qualitativ ausgewertet werden.
Die hier präsentierten Daten stehen für kommunikative Interaktionssituationen, literacy events („talking around texts“, vgl. Heath
1983), in denen die Beschäftigung mit Schriftlichkeit in ihrer sozialen wie auch kognitiven Einbettung beobachtet werden kann.
Die analysierten Daten stammen aus retrospektiven Interviews der
Forscherin mit jeweils zwei Kindern, die Material kommentieren,
das von ihnen im Rahmen einer Aktivität zum Sprachenportfolio
gesammelt wurde.
165
Die Analyse zeigt, auf welche Weise der (zweisprachige) Schriftsprachenwerwerb durch andere Modi unterstützt wird und dokumentiert Beispiele, in denen das Lernen einer Einzelsprache hinter
einem sprachübergreifenden Lernen von Konzepten zurücktritt.
Michel Halliday (1985): An Introduction to Functional Grammar.
London: Edward Arnold.
Shirley B. Heath (1983): Ways with words. Cambridge: Cambridge
University Press.
Gunther Kress et Theo van Leeuwen (1996): Reading Images. The
Grammar of visual design, London: Routledge.
Gunther Kress et al. (2001): Multimodal teaching and learning. The
rhetorics of the science classroom, London/N.Y.: Continuum.
Eva Lavric (Innsbruck)
Kann man von einem Fehler zu einem anderen fortschreiten? Beispiele aus
den Interimssprachen Französisch und Spanisch
Der Fehler als notwendiges Durchgangsstadium in der Entwicklung der Interimssprache – die Interimssprache als ständig in Veränderung, in Restrukturierung befindliches System – und all dies
als wertvolles heuristisches Instrument bei der Erforschung von
(Fremd-) Sprach­erwerbs­prozessen: Dem soll in diesem Beitrag anhand von Beispielen aus dem tertiären Französisch- und Spanischerwerb Germanophoner nachgegangen werden.
Insbesondere soll beleuchtet werden, inwieweit und nach welchen
Kriterien nicht nur zielsprachen-konforme Äußerungen, sondern
auch bestimmte Typen von Fehlern als Zeugnisse für Lernfortschritt gegenüber anderen Fehlertypen gewertet werden können,
und in welchen Bereichen (Gram­ma­tik, Lexikon) dieses Konzept
des «von Fehler zu Fehler Fortschreitens» am besten greift.
Das Corpus stammt sowohl für Französisch als auch für Spanisch
von jeweils zwei verschiedenen Lernergruppen, einer aus dem
schulischen Fremdsprachenunterricht und einer Erwachsenengruppe.
166
Abschließend soll den Fragen nachgegangen werden, was die Ergebnisse für die Sprach­erwerbs­forschung zu bedeuten haben und
welche Konsequenzen in der konkreten didaktischen Umsetzung
daraus zu ziehen sind.
Sigrid Behrent (Saarbrücken)
Lernen Lerner voneinander? Auf den Spuren von Spracherwerb in
interalloglotter Kommunikation
Der Frage, ob Lerner voneinander lernen können, ist in der Zweitspracherwerbsforschung bereits nachgegangen worden. Die Studien, die sich zumeist auf den durch Fremdsprachenunterreicht an
der Schule gesteuerten Spracherwerb beziehen (vgl. die Zusammenfassung einiger Resultate bei Long/Porter 1985), gelangen
im Allgemeinen zu einer positiven Antwort. Einige Autoren (z.B.
Barthomeuf 1991) führen das Erwerbspotential der Lerner-Lerner-Kommunikation auf die Komplementarität der individuellen
Kompetenzen zurück, wobei deren relative Symmetrie vor dem
massiven Transfer von Fehlern bewahrt.
Im Rahmen meines konversationsanalytisch orientierten Dissertationsprojektes habe ich authentische Gespräche zwischen Studenten gleicher und verschiedener Erstsprachen untersucht, die
sich zur Verbesserung ihrer Französischkenntnisse in Frankreich
aufhalten. Das Ziel meiner Arbeit ist die Beschreibung von Charakteristika und Besonderheiten dieses von mir als „interalloglotte
Kommunikation“ bezeichneten Interaktionstyps. Dabei interessiert mich auch die oben aufgeworfene Frage, bezogen auf natürliche (ungesteuerte) Sprachlernsituationen.
Im Rahmen meines Beitrags möchte ich zeigen, wie sich die beobachteten Französischlerner in ihren Gesprächen gegenseitig
helfen, sich korrigieren, sprachliche Probleme aushandeln und
diskutieren und inwiefern sich ihre „Methoden“ von denen unterscheiden, die in Studien zur Interaktion zwischen Nichtmutter- und
Muttersprachlern beobachtet wurden. In diesen Untersuchungen
167
zur so genannten exolingualen Kommunikation wird häufig die
Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit thematisiert, das Stattfinden
von Erwerb nachzuweisen. So ist lediglich von „potentiellen Erwerbssequenzen“ (séquences potentiellement acquisitionnelles, de Pietro/
Matthey/Py 1989) und „Gelegenheiten zum Sprachenlernen“ (lan­
guage learning opportunities, Brouwer 2003) die Rede. Dieser Vorsicht
folgend sollen einige Hypothesen zum Erwerbspotential interalloglotter Kommunikation formuliert werden.
Angela Weißhaar (Hildesheim)
Erzählen von Ereignissen in Mutter- und Fremdsprache – Über den
Zusammenhang von Sprache, Kultur und Information
In diesem Vortrag geht es darum, ob ein in der Muttersprache erzähltes Ereignis die gleichen Informationen enthält wie dasselbe in
einer Fremdsprache erzählte. Unbestritten ist es eine Frage unserer
fremdsprachlichen Kompetenz, ob wir das, was wir sagen wollen,
in der Fremdsprache angemessen in Inhalt und Form ausdrücken
können. Doch wissen insbesondere viele, die bereits einen langjährigen Auslandsaufenthalt hinter sich haben und über ausgezeichnete Fremdsprachenkenntnisse verfügen, daß irgendetwas, unabhängig von der Sprachkompetenz in der Fremdsprache „anders“
bleibt. Was ist es, das wir anders, besser oder vorzugsweise in der
Mutter- oder Fremdsprache mitteilen? Um diesem Unterschied auf
die Spur zu kommen, wurden französische, italienische und deutsche Muttersprachler/innen mit unterschiedlicher fremdsprachlicher Kompetenz gebeten, ein Ereignis jeweils in beiden Sprachen
zu erzählen. Bei einem Vergleich fallen strukturelle und inhaltliche
Unterschiede auf, die individueller, thematischer oder kulturtypischer Natur sind. Sie dürften nicht nur im allgemeinen Rahmen
interkultureller Kommunikation zum Tragen kommen und bisweilen zu Mißverständnissen führen, sondern insbesondere auch in
dem der Weitergabe von Informationen innerhalb mehrsprachiger
Unternehmen. Neben einem Systematisierungsversuch der gefun168
denen Resultate geht es um Erklärungsmöglichkeiten, wobei auch
Ergebnisse der modernen Hirnforschung berücksichtigt werden.
Bibliographische Angaben:
Barthomeuf Jacques (1991), « Asymétrie et apprentissage dans les activités de
groupe en classe », in : C. Russier/H. Stoffel/D. Véronique (ed.), Interactions en
langue étrangère, Aix-en-Provence : Publications de l’université de Provence, 249258.
Brouwer Catherine E. (2003), « Word searches in NNS-NS interaction: opportunities for language learning? », The Modern Language Journal 87/4: 534-545.
De Pietro Jean-François/Matthey Marinette/Py Bernard (1989), « Acquisition et
contrat didactique: les séquences potentiellement acquisitionnelles de la conversation exolingue », in : D. Weil/H. Fugier (ed.), Actes du troisième colloque régional de
linguistique, Strasbourg, 99-124.
Long Michael H./Porter P. A. (1985), « Group work, interlanguage and second
language acquisition », TESOL Quarterly 19.2 : 227-270.
Katrin Schmitz (Wuppertal)
Subjektauslassungen und –realisierungen deutsch-italienisch bilingualer
Kinder
Ziel des Vortrags ist es, die Einflussanfälligkeit des Subjektbereichs
im Italienischen der bilingualen deutsch-italienischen Kinder zu
belegen und eine Erklärung des Einflusses im Rahmen des Erwerbs pragmatischer Kompetenzen zu motivieren.
Hierbei wird die von Müller (1998), Hulk & Müller (2000), Müller
& Hulk (2001) begründete Sichtweise, wonach Spracheneinfluss
trotz früher Sprachentrennung möglich ist und dabei nicht durch
Sprachdominanz, sondern durch Eigenschaften des jeweiligen
Phänomenbereichs bestimmt wird, zugrundegelegt. Die von den
Autorinnen etablierten Kriterien der Überlappung der Zielsysteme
und der Schnittstellencharakter (Syntax/ Pragmatik) sind für den
Subjektbereich erfüllt. Im Hinblick auf die Richtung des Einflusses
verweisen die Autorinnen auf die Komplexitätskriterien von Jakubowicz (2000), die im Vortrag genauer vorgestellt und diskutiert
werden. Unter der Annahme, dass Subjekte in jedem Satz vorhan169
den sind und in der VP verkettet werden und sie somit weniger
komplex als Subjekte im Italienischen sind, lässt sich ein Einfluss
des Deutschen auf das Italienischen vorhersagen, der dazu führt,
dass im Italienischen mehr Subjekte realisiert werden als bei monolingualen Kindern.
Für die Überprüfung dieser Vorhersagen wird Evidenz aus dem
monolingualen und bilingualen Erwerb des Französischen und
Italienischen erbracht. Hierzu werden sowohl Langzeit- als auch
Querschnittsstudien herangezogen. Unter den Langzeitstudien
werden je ein monolingual deutsches und italienisches Kind (letzteres aus der CHILDES-Datenbank) sowie vier bilinguale Korpora von deutsch-italienisch bilingualen Kindern herangezogen. Die
bilingualen Korpora wurden alle im Rahmen des Forschungsprojekts „Frühkindliche Zweisprachigkeit: Deutsch/Italienisch und
Deutsch/Französisch im Vergleich“ (vgl. Müller, Cantone, Kupisch & Schmitz 2002) erhoben.
Zentrales Ergebnis der Analyse von Schmitz (erscheint) ist, dass
sich insgesamt ein Einfluss des Deutschen in der Realisierungsrate
der Subjekte im Italienischen zeigt, der auch für ähnliche Kombinationen von einer Nullsubjekt- und einer Nicht-Nullsubjektsprache wie z.B. Englisch/Italienisch (vgl. Serratrice & Sorace 2002)
beobachtet wurde, die nicht von einer Sprachdominanz abhängt.
Da gezeigt werden kann., dass sich die bilingualen Kinder deutlich
unterschiedlich in beiden Sprachen verhalten, muss eine fehlerhafte Parametersetzung ausgeschlossen werden. Im Vortrag wird
daher diskutiert, ob nicht auch im Italienischen die Schnittstelle
Syntax/Pragmatik betroffen ist und die sich entwickelnde pragmatische Kompetenz hier im Zentrum steht. Erste Ergebnisse einer
Anwendung der von Serratrice & Sorace (2002) vorgeschlagenen
(auch statistisch untermauerten) Kriterien für den Informationsgehalt von overten und ausgelassenen Subjekten auf die Longitudinalstudien der bilingualen Kinder, um ihre pragmatische Kompetenz zu ermitteln (vgl. Schmitz erscheint), werden vorgestellt.
170
Literatur:
Hulk, A. & Müller, N. (2000). Crosslinguistic influence at the interface between
syntax and pragmatics. Bilingualism: Language and Cognition 3 (3), 227-244.
Jakubowicz C. (2000). Functional categories in (ab)normal language acquisition.
Manuskript CNRS, Paris 5.
Kupisch, T., Schmitz, K., Müller, N. & Cantone, K.F. (in Vorb.) Language dominance in bilingual children. Manuskript, Universität Hamburg.
Müller, N. (1998). Transfer in bilingual first language acquisition. Bilingualism,
Language, and Cognition 1 (3). 151-171.
Müller, N. & Hulk, A. (2001). Crosslinguistic influence in bilingual language
acquisition: Italian and French as recipient languages. Bilingualism: Language and
Cognition 4 (1), 1-21.
Müller, N., Cantone, K., Kupisch T. & Schmitz, K. (2002). Zum Spracheneinfluss im bilingualen Erstspracherwerb: Italienisch – Deutsch. In: Linguistische Be­
richte 190, 157-206.
Schmitz, K. (erscheint) Vulnerable subjects? Arbeiten zur Mehrsprachigkeit, Universität Hamburg.
Serratrice, L. & Sorace, A. (2002). Overt and null subjects in monolingual and
bilingual Italian acquisition. In: B. Beachley, A. Brown & F. Conlin (Hgg.) Pro­
ceedings of the 26th Annual Boston University Conference on Child Language Development,
Somerville, MA: Cascadilla Press, 739-750.
Natascha Müller / Antje Pillunat (Wuppertal)
Bilinguale Kinder mit einer Sprachstörung: Deutsch-Französisch
Erwerbsstudien zu monolingualen Kindern mit Spezifischer Sprachentwicklungsstörung haben gezeigt, dass einige grammatische
Domänen wie bei unauffälligen monolingualen Kindern erworben
werden. Eine Forschungsrichtung vermutet, dass der existierende Unterschied zwischen den beiden Gruppen ein rein quantitativer ist (Verzögerung im Falle der sprachgestörten Kinder). Erst
kürzlich sind die Erwerbsdaten von bilingualen Kindern mit einer
SSES auf bestimmte grammatische Domänen untersucht und mit
bilingual unauffälligen und monolingual gestörten / unauffälligen
Kindern verglichen worden; Paradis et al. (2003). Diesen Studien
zufolge entwickeln sich bilinguale Kinder mit SSES wie bilingual
171
sprachunauffällige Kindern, d.h. die Sprachdaten weisen Anzeichnen für den Spracheneinfluss auf.
Der Vortrag wird einen grammatischen Bereich im Erwerb untersuchen, der im monolingual ungestörten / gestörten und bilingual
ungestörten Erwerb als sehr gut erforscht gelten kann, die Entwicklung des Pronomengebrauchs, vgl. Müller, Crysmann & Kaiser (1996), Schmitz & Müller (2005) und Clark (1985), Hamann et
al. (1994), Jakubowicz et al. (1996), Jakubowicz et al. (1998), Müller
et al. (1996), Müller et al. (2005), Paradis (2004), Paradis & Crago
(2004). Der Erwerb dieses Bereichs soll an einem deutsch-französischen Kind mit SSES und an bilingual deutsch-französischen
Kindern, die entweder (1) eine unbalancierte (mit Französisch als
schwacher Sprache) oder (2) eine balancierte Sprachentwicklung
aufweisen, aufgezeigt und Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede
in den Entwicklungsverläufen analysiert werden. Die Sprachstörung kann helfen, insbesondere den unbalancierten bilingualen Erwerbsverlauf, wie er sehr oft vorkommt, zu beschreiben und ihn
von der Sprachstörung abzugrenzen. Die Studie ermöglicht ferner
einen Ausblick auf den kindlichen Zweitspracherwerb.
Literatur:
Clark, E. V. (1985). The acquisition of Romance with special reference to
French. In D. I. Slobin (ed.), The crosslinguistic study of language acquisition,
pp. 688-782. Hillsdale, New Jersey: Erlbaum.
Hamann, C., Rizzi, L. & Frauenfelder, U. (1994). On the acquisition of the pronominal system in French. Geneva Generative Papers, 2 (2), 91-103.
Jakubowicz, C., Müller, N., Kang, O.-K., Riemer, B. & Rigaut, C. (1996). On the
acquisition of the pronominal system in French and German. In A. Springfellow, D. Cahana-Amitay, E. Hughes & A. Zukowski (eds.), Proceedings of the
20th annual Boston university conference on language development, pp. 374385. Somerville, Massachusetts: Cascadilla Press.
Jakubowicz, C., Nash, L., Rigaut, C. & Gérard, C.-L. (1998). Determiners and
clitic pronouns in French-speaking children with SLI. Language Acquisition 7,
113-160.
Kupisch, T., Schmitz, K., Müller, N. & Cantone, K. (2005). Language domi-
172
nance in bilingual children and (its relation with cross-linguistic influence).
Manuskript.
Müller, N., Crysmann, B. & Kaiser, G. A. (1996). Interactions between the acquisition of French object drop and the development of the C-system. Language
Acquisition, 5 (1), 35-63.
Müller, N., Cantone, K., Kupisch, T. & Schmitz, K. (2005). Clitic realizations
and - omissions in early child grammar: A comparison of Italian and French.
Manuskript.
Paradis, J. (2004). The relevance of Specific Language Impairment in understanding the role of transfer in second language acquisition. Applied Psycholinguistics 25, 67-82.
Paradis, J. & Crago, M. (2004). Comparing L2 and SLI grammars in French:
focus on DP. In P. Prévost & J. Paradis (eds.) The acquisition of French in different contexts. Benjamins: Amsterdam.
Paradis, J., Crago, M., Genesee, F. & Rice, M. (2003). Bilingual children with Specific Language Impairment: how do they compare with their monolingual peers?
Journal of Speech, Language and Hearing Research 46, 1-15.
Schmitz, K. & Müller, N. (2005). Strong and clitic pronouns in monolingual and
bilingual first language acquisition: comparing French and Italian. Eingereicht.
Tanja Kupisch (Hamburg)
Sprachdominanz und Balanciertheit im frühen bilingualen Spracherwerb
In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden in der Forschung
zum bilingualen Erstspracherwerb zwei grundsätzlich verschiedene Meinungen vertreten. Volterra & Taeschner (1978) entwickelten ein Modell, wonach bilinguale Kinder ihre zwei Sprachen
zunächst nicht trennen, welches in den späten 70er Jahren und zu
Beginn der 80er Jahre weitgehend anerkannt wurde. Arbeiten der
90er Jahre haben hingegen gezeigt, dass bilinguale Kinder ihre beiden Sprachen von Beginn der Sprachproduktion an unterscheiden,
im Hinblick auf das Lexikon sowie die Grammatik (e.g. Genesee
1989). Die neuesten Forschungsarbeiten zu diesem Thema haben
gezeigt, dass sich Sprachentrennung und Spracheneinfluss im bilingualen Individuum nicht ausschließen (e.g. Gawlitzek-Maiwald
& Tracy 1996, Müller & Hulk 2001). Diese hier präsentierte Studie
geht von der letztgenannte Annahme aus.
173
Bisher wurde Spracheneinfluss vor allem im Zusammenhang
mit Sprachdominanz gesehen. Hiernach tritt Einfluss vor allem
dann auf, wenn die Entwicklung der einen Sprache im bilingualen
Kind weiter fortgeschritten ist als in der anderen. (e.g. Grosjean
1982:190). Leider gibt es bisher nur wenige Studien, die dieses auch
systematisch an unbalancierten Kindern gezeigt haben. Auch ist zu
bedenken, dass „absolute Balanciertheit“ ein theoretisches Konstrukt ist, dem in der Realität selten, wenn überhaupt, entsprochen
wird. In dieser Studie sollen sieben bilinguale Kinder miteinander
verglichen werden, die sich hinsichtlich ihres Balanciertheitsgrades
unterscheiden.
Die Arbeit fokussiert die Entwicklung der Determinanten im Alter
zwischen eineinhalb und drei Jahren bei Kindern, die das Deutsche
simultan mit dem Französischen oder dem Italienischen erwerben.
Der gewählte Bereich eignet sich besonders für die Untersuchung
des Spracheinflusses, da vorangegangene Studien einen Kontrast
zwischen dem Determinantenerwerb bei monolingualen Kindern
in den romanischen Sprachen einerseits und den germanischen
Sprachen andererseits offen gelegt haben. Genauer gesagt lassen
Kinder, die eine germanische Sprach erwerben, nachhaltiger und
über einen längeren Zeitraum hinweg Determinanten aus als Kinder, die eine romanische Sprache erwerben (e.g. Lleó & Demuth
1999, Chierchia et al. 1999). Dieses Faktum als Ausgangspunkt
nehmend, untersucht die vorliegende Studie, ob sich die Asymmetrie in der bilingualen Entwicklung widerspiegelt. Ein positiver Befund würde für die Sprachtrennung sprechen, ein negativer Befund
hingegen für Spracheinfluss.
Die Studie belegt, dass die meisten bilingualen Kinder keinen
Sprachkontrast zeigen, obwohl dies zu erwarten wäre, wenn man
davon ausgeht, dass sich die Kinder in jeder der Sprachen einem
monolingualen Kind entsprechend verhalten. Darüber hinaus zeigen die Vergleiche der bilingualen Kinder untereinander und der
bilingualen Kinder mit einem monolingualen Kind, dass sich der
174
Determinantenerwerb im Deutschen einiger bilingualer Kinder extrem schnell vollzieht. Dies könnte so ausgelegt werden, das die
romanische Sprache einen positiven Einfluss auf den Erwerb des
Deutschen hat. Betrachtet man die Daten im Detail, so zeigt sich,
dass sich der Einfluss besonders deutlich manifestiert, wenn Französisch die zweite Sprache ist, unabhängig davon, ob es die starke
oder die schwache Sprache repräsentiert. Mit anderen Worten wird
Spracheneinfluss nicht durch Dominanz, sondern durch die Eigenschaften der Zielsprachen entscheidend mitbestimmt.
Literatur:
Chierchia, G., M. T. Guasti & A. Gualmini (1999). Nouns and articles in child
grammar and the syntax/ semantics map. Presentation at GALA 1999, Potsdam.
Gawlitzek-Maiwald, I. & R. Tracy (1996). Bilingual Bootstrapping. Linguistics 34.
901-926.
Genesee, F. (1989). Early bilingual development: One language or two? Journal
of Child Language 16. 161-179.
Grosjean, F (1982). Life with two languages. Cambridge, Mass: Harvard University Press.
Lleó, C. & K. Demuth (1999). Prosodic constraints on the emergence of grammatical morphemes: cross-linguistic evidence from Germanic and Romance
languages. In A. Greenhill, H. Littlefield & C. Tano (eds) Proceedings of the 23rd
Annual Boston University Conference on Child Language Development, Somerville, MA:
Cascadilla Press. 407-418.
Müller, N. & A. Hulk (2001). Crosslinguistic influence in bilingual language acquisition: Italian and French as recipient languages. Bilingualism: Language and
Cognition 4. 1-21.
Volterra V. & T. Taeschner (1978). The acquisition and development of language by bilingual children. Journal of Child Language 5. 311-326.
Matthias Bonnesen (Hamburg)
Zum Status der „schwächeren“ Sprache (Französisch) im bilingualen
Französisch/Deutsch Erstspracherwerb
Dieser Beitrag greift die bereits von Parodi (1990) und Schlyter
(1990) durchgeführte Untersuchung wieder auf, in der das Fran175
zösische, nach den Autorinnen als schwächere Sprache bezeichnet,
im unausgeglichenen Erstspracherwerb analysiert wird. Die Daten stammen von zwei Kindern des DuFDE-Korpus (vgl. Schlyter
1990, Köppe 1994). Schlyter kommt zu dem Ergebnis, dass der
Gebrauch dieser Sprache Parallelen zum L2-Erwerb aufweist. Die
Arbeiten der genannten Autorinnen können jedoch nur als Skizzen
betrachtet werden, was nicht zu Lasten der Autorinnen geht, da
zum damaligen Zeitpunkt nicht einmal die Hälfte der Transkripte,
d.h. maximal eines pro Monat, zur Verfügung stand. Inzwischen
sind alle Aufnahmen transkribiert worden. Eine Auswertung der
gesamten Korpora zeigt, dass für den Erwerb gerade besonders
aufschlussreiche Transkripte damals nicht vorlagen. So lässt sich
bei Betrachtung der gesamten Korpora wesentlich früher deutliche Evidenz für den Erwerb der Finitheit finden, als es noch
für Schlyter und Parodi aufgrund des begrenzten Datenmaterials
möglich war. Dennoch hat bereits Schlyter beobachtet, dass die
Kinder fehlerhafte Konstruktionen gebrauchen, die gewöhnlich
nicht dem L1, sondern dem L2-Erwerb zugeordnet werden. Aus
diesem Grunde äußert sie die Vermutung, dass der Erwerb der
schwächeren Sprache dem L2-Erwerb entsprechen könnte. Bei
dem von ihr beobachteten Phänomen handelt es sich um Äußerungen, in denen Subjektklitika mit Infinitiven gebraucht werden,
was im monolingualen und ausgeglichenen bilingualen L1-Erwerb
nicht beobachtet werden konnte. Es fehlt in Schlyters Arbeit jedoch
eine Quantifizierung dieses Phänomens, was jedoch aufgrund des
begrenzten Datenmaterials zum damaligen Zeitpunkt, selbst wenn
es vorliegen würde, nur sehr begrenzt aussagekräftig gewesen
wäre. Hier soll der vorliegende Beitrag eingreifen. In meiner Präsentation wird eine exakte statistische Auswertung über das oben
beschriebene Phänomen vorgelegt, aus der sich ablesen lässt, in
wie weit genügend dieser Äußerungen in Relation zum zielsprachlichen Gebrauch der Subjektklitika (d.h. mit finiten Verben) vorliegen, um als Evidenz für den Status der „schwächeren“ Sprache als
176
L2 gelten zu können. Natürlich ist meine Untersuchung nicht nur
auf dieses Phänomen beschränkt. Der Erwerb der schwächeren
Sprache wird auf jegliche Auffälligkeiten hin untersucht, die gewöhnlich nicht im L1-Erwerb auftreten, und diesbezüglich quantifiziert. Von besonderer Relevanz ist hierbei neben dem Gebrauch
der Klitika auch die Platzierung der Negation, die im L1-Erwerb
kaum fehlerhaft gebraucht wird.
Insgesamt zeigt meine Datenauswertung, dass nur sehr wenige
Auffälligkeiten und diese nur in geringem Umfang vorliegen. Zwar
sind diese durchaus bemerkenswert, doch erscheint die Klassifizierung als L2 anhand der vorliegenden Korpora für die „schwächere
Sprache“ als unangemessen.
Literatur:
Köppe, R. (1994). The DUFDE Project. In J.M. Meisel (Hg.), Bilingual First
LanguageAcquisition. French and German Development. Amsterdam, Philadelphia: Benjamins, 15-27.
Parodi, T. (1990). The acquisition of word order regularities and case morphology. In: J.M.
Meisel (Hg.), Two First Languages – Early Grammatical Development in Bilingual Children. Dordrecht: Foris, 157-192.
Schlyter, S. (1990a). Itroducing the DuFDE project. In: J.M. Meisel (Hg.), Two
First
Languages – Early Grammatical Development in Bilingual Children. Dordrecht:
Foris, 73-86.
Schlyter, S. (1990b). The acquisition of tense and aspect. In: J.M. Meisel (Hg.),
Two First
Languages – Early Grammatical Development in Bilingual Children. Dordrecht:
Foris, 87-122.
177
NE
CHMAGA
können, so
einfach wie nie …
Sprachen
Französisch
Italienisch
Spanisch
…mit den Sprachmagazinen
aus dem Spotlight Verlag.
www.spotlight-verlag.de/info
ZI
NE
.1
P
FÜR S
RA
UROPAS
NR
VO
A5_Anz_Tagungsband 16.08.2005 17:26 Uhr Seite 1
Sektion 9
Sportsprache in der Romania
Leitung: Joachim Born (Jena), Maria Lieber (Dresden)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
Joachim Born (Jena)
Einführung
Maria Lieber/ Enrico Petters (Dresden)
Sportsprache in der Romania: Historie – Diskurse
– Sprachräume
Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford)
Über den Stellenwert der Gewalt im Sport - und
wie man darüber [nicht] reden kann.
Rainer Moritz (Hamburg)
Der Ball und Gott sind rund. Über die Feuilletonisierung des Sports
Aníbal Ford (Buenos Aires)
“El alma está en orsái (offside) che bandoneón”.
El juego como proveedor de metáforas existenciales
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
Lina Albers (Paris)
Anglicismes: Carton Rouge!
Jochen Müller (Saarbrücken)
Fremdwahrnehmung und Sportberichterstattung
im deutsch-französischen Kontext
Tanja Fischer (Jena)
Emotionen in der Fußballsprache – Eine Fallstudie zur Berichterstattung der Fußballeuropameisterschaft 2004
179
14.45 Uhr
15.30 Uhr
16.15 Uhr
Thomas Klemm (Frankfurt/M.)
Aussöhnung im und durch Fußball
Marietta Calderón (Salzburg)
Spanische Snowboardterminologie in ihrer fachsprachendidaktischen Nutzung
Fabio Marri (Bologna)
La maratona su Internet: un esempio italiano
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
10.30 Uhr
Katrin Wisniewski (Dresden)
Sportsprache in der italienischen Politik
Kristin Reinke (Berlin)
Sprachliche Besonderheiten der Eishockeysportberichterstattung in Québec und Frankreich
Schlusswort: Maria Lieber
Abstracts
Maria Lieber / Enrico Petters (Dresden)
Sportsprache in der Romania: Historie – Diskurse – Sprachräume
Gegenstand des Vortrags ist eine historische Aufbereitung dreier
Facetten in der Entwicklung eines genuin sportsprachlichen Diskurses in der Romania:
Ausgehend von der Etymologie des Terminus ‚Sport’ und seinen
Varianten in den romanischen Sprachen soll die Herausbildung des
komplexen Systems sportsprachlicher Kommunikation in den verschiedenen Sprachräumen der Romania vor einem geschichtlichen
Hintergrund beleuchtet werden.
180
Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford)
Über den Stellenwert der Gewalt im Sport - und wie man darüber [nicht]
reden kann.
(Bei Redaktionsschluss lag noch kein Abstract vor)
Rainer Moritz (Hamburg)
Der Ball und Gott sind rund. Über die Feuilletonisierung des Sports
Frühen war alles übersichtlicher: Wer als Intellektueller seine Satisfaktionsfähigkeit bewahren wollte, mied alltagskulturelle Phänomene und scheute es, seine intellektuellen Kräfte an „niederen“
Gegenstände zu erproben. Von wenigen Ausnahmen abgesehen,
mieden es Geistes- und Sozialwissenschaftler folglich lange Zeit,
sich über den Sport tiefschürfende Gedanken zu machen. Dieses
Bild änderte sich Anfang der neunziger Jahre, als es – im Gefolge
von Postmoderne und Popliteratur – chic wurde, sich der Alltagskultur zu widmen, ohne diese als mindere Bereiche der Unterhaltungsindustrie zu brandmarken.
In kurzer Abfolge erschienen Essays und Romane von Schriftstellern wie Nick Hornby, Javier Marías und Eduardo Galeano, von
Literaturkritikern wie Dirk Schümer und Helmut Böttiger, von
Kunsthistorikern wie Horst Bredekamp, Philosophen wie Martin
Seel oder Volker Caysa, Philologen wie Hans Ulrich Gumbrecht
oder Kulturwissenschaftlern wie Klaus Theweleit.
Der Vortrag untersucht in kurzweiliger Form, wie sich diese Autoren ihren Gegenständen sprachlich nähern, welche Rolle sie dem
Sport, insbesondere der Fußball, in ihren Gedankengängen zuweisen und wie sie versuchen, das Geschehen auf dem grünen Rasen
mit ästhetischen Maßstäben zu messen ... und Martin Walsers bedenklichen Satz „Sinnloser als Fußball ist nur eins: Nachdenken
über Fußball“ zu widerlegen.
181
Aníbal Ford (Buenos Aires)
“El alma está en orsái (offside) che bandoneón”. El juego como proveedor de
metáforas existenciales
El deporte en sus diferentes géneros (genres) – relatos en vivo y en
directo, comentarios y análisis, elaboraciones históricas, etc., con
desarrollos, por otro lado, muy diferentes en América Latina- ha
sido un proveedor constante
no sólo de innovaciones lexicales referidas a sí mismo, sino de
metáforas,
expresiones, construcciones lingüísticas que han ingresado en los
sistemas de pensamiento o de reflexión de la vida cotidiana. Este
corpus “filosófico”, esta “literature as equipment for living” como
dijera hace décadas Kenneth Burke, aparece de manera particularmente nodal en la poesía de los géneros musicales populares
como es el caso del tango. Nuestro objetivo es analizar este traslado de las situaciones del juego – particularmente del fútbol, el box
y las carreras de caballos- a ese corpus filosófico o de reflexión
existencial en dos instancias : las letras de tango en los tres deportes y la elaboración literaria, en el caso particular del fútbol, a
través de escritores como Roberto Fontanarrosa o Juan Sasturain.
Lina Albers (Paris)
Anglicismes: Carton Rouge!
Foul oder Faute, corner oder coup de pied de coin, break oder
brèche?
Der Einfluss des Englischen auf das Französische zeigt sich besonders deutlich im Lexikon, dem flexibelsten Bereich der Sprache. Von staatlicher Seite wird den Anglizismen im Rahmen der
Loi Toubon durch die Erarbeitung offizieller Ersatzwörter begegnet,
deren Gebrauch allerdings nur innerhalb des öffentlichen Dienstes
verordnet werden kann. Daher ist es interessant, den tatsächlichen Einfluss der Sprachpolitik auf den Sprachgebrauch zu un182
tersuchen. Können die offiziellen Ersatzwörter die proskribierten
Anglizismen aus der Sprache verdrängen? Und welche Kriterien
für die Akzeptanz der termes officiels lassen sich feststellen? Diesen
Fragen soll anhand einer Pressetextanalyse nachgegangen werden.
Die Sportsprache bietet sich deshalb als besonders geeigneter Untersuchungsgegenstand an, da sie eine Vielzahl von Anglizismen
umfasst und auch besonders stark von der Arbeit der Terminologiekommissionen betroffen ist.
Jochen Müller (Saarbrücken)
Fremdwahrnehmung und Sportberichterstattung im deutsch-französischen
Kontext
Die Darstellung von Deutschen und Franzosen im Rahmen der
Sportberichterstattung des jeweiligen Nachbarlandes könnte unterschiedlicher kaum sein. Nach dem Motto „Sag mir, wie du spielst,
und ich sage dir, wer du bist!“ werden zahlreiche Handlungen der
Sportler als „typisch deutsch“ bzw. „typisch französisch“ dargestellt, verallgemeinert und auf die jeweilige Gesamtgesellschaft
übertragen. So ermittelt die Sportberichterstattung die Vorstellung
eines imaginären Volkscharakters von Deutschen und Franzosen.
Hier wird am Beispiel der Fußball-WM 1998 in Frankreich gezeigt,
wie aufschlussreich Untersuchungen popularkultureller Medienereignisse für die interkulturelle Fremdwahrnehmungsforschung
sein können. Mit Hilfe seines interdisziplinären Ansatzes vermag
Müller nicht nur zu unterstreichen, dass sich Deutsche und Franzosen quasi diametral entgegen gesetzte Charaktere zuschreiben,
er legt auch offen, welche Ereignisse der Geschichte und welche
Informationen über den Anderen im kollektiven Gedächtnis am
stärksten verwurzelt sind, und welche Beziehung Deutsche und
Franzosen zur Sprache des Nachbarn haben. Eine ausführliche
Untersuchung der Berichterstattung über die folgenschweren
Ausschreitungen deutscher Hooligans am 21. Juni 1998 in Lens
ermöglicht es Müller zudem, ein Schlaglicht auf das emotionale
183
Verhältnis der Nachbarn und ihren Umgang mit den aufgrund der
gemeinsamen Vergangenheit besonders sensiblen Themen Hooliganismus und Rechtsradikalismus zu werfen. Schließlich wird hier
eine Reihe von bislang unerforschten Unterschieden der beiden
Presse- und Fernsehkulturen herausgearbeitet: die grundlegend
verschiedenen Fußball-Kommentarstile im Fernsehen (Sprechgeschwindigkeit, Einsatz von Pausen, Lautstärke etc.), die unterschiedliche Gestaltung (Regie, Kamera-Führung, Set-Up etc.) von
TV-Live-Ereignissen und die divergierende Schwerpunkt-Setzung
in der Fernseh-Werbung.
Tanja Fischer (Jena)
Emotionen in der Fußballsprache – Eine Fallstudie zur Berichterstattung
der Fußballeuropameisterschaft 2004
Emotionen bilden einen ständigen Begleiter unseres alltäglichen
Lebens, auch wenn sie uns nicht immer bewusst sind. Dabei
steht jedem Menschen das ‚Sprachwerkzeug’ zur Verfügung, um
beispielsweise dem subjektiven Gefühlsempfinden Ausdruck zu
verleihen. Seit einigen Jahren steigt das Interesse, Emotionalität
nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Linguistik in den
Mittelpunkt der Forschung zu rücken. Der Beitrag unterstützt die
Verknüpfung der beiden Wissenschaftsdisziplinen der Psychologie
und Linguistik beim emotionalen Erleben und trägt entsprechende
Erkenntnisse zusammen. Dabei soll aufgezeigt werden, dass sich
Emotionen nicht nur im oralen Diskurs, sondern ebenso gut auch
in schriftlichen Texten durch spezifische emotionale Ausdrucksweisen und Indikatoren systematisch belegen lassen. Der Zusammenhang von Emotionen und deren Realisierung in der spanischen
Sprache wird exemplarisch an der Fußballsprache unter einem psycholinguistischen Gesichtspunkt untersucht. Als Fallbeispiel dient
dazu die Berichterstattung in den spanischen Printmedien zum
Fußballspiel zwischen Spanien und Portugal während der Europameisterschaft 2004 in Portugal. Implikationen zur psycholingu184
istischen Betrachtung von Emotionen in den Printmedien werden
diskutiert.
Thomas Klemm (Frankfurt/M)
Aussöhnung im und durch Fußball
Die Portugiesen haben sich als Gastgeber der Europameisterschaft
2004 selbst überrascht und ihr Selbstbild in Richtung eines „modernen Patriotismus“ (Staatspräsident Jorge Sampaio) verändert.
Darüber hinaus zeigte das Fußballfest mit Rekord-Fernsehquoten
in vielen Ländern, wie vereint Europa zumindest beim Fußball erscheint. Die Klubs haben die Erschütterungen nach dem BosmanUrteil überwunden, die Öffentlichkeit hat sich mit der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs abgefunden. Dennoch
ist fraglich, ob im Weltmeisterschaftsjahr 2006 der „KlinsmannEffekt“ hierzulande über den Fußball hinauswirken und Reformwillen und Zuversicht entstehen lassen kann.
Marietta Calderón (Salzburg)
Spanische Snowboardterminologie in ihrer fachsprachendidaktischen
Nutzung
Sowohl allgemeine lexikologische Methoden als auch die Erarbeitung fachsprachlicher Vokabularien werden für Studierende dadurch attraktiv, dass sie ihre mögliche direkte Relevanz für ihr Umfeld erkennen – an Hand der spanischen Snowboardterminologie
im Vergleich mit der spanischen Schiterminologie werden dazu
folgende Punkte ausgeführt:
- Studentische Ersterfahrungen mit terminologischem Arbeiten
- „Neue“ vs. „etablierte“ Terminologien und ihre Gemeinsamkeiten
- Schnittstellen mit anderen Fachsprachen (z.B. Medizin)
- Übergangsbereiche Fachsprache(n) – Allgemeinsprache(n)
185
- Gruppenidentität „Snowboarding“ in ihren diskursiven Aspekten
- Wörter, Sachen, Anglizismen
Fabio Marri (Bologna)
La maratona su Internet: un esempio italiano
La lingua del podismo popolare, già studiata in prospettiva europea
da Lieber-Marri 1998, oggi può essere seguita anche nella sua diffusione mediante internet, che in Italia ha accompagnato l’ulteriore
propagarsi di questa pratica sportiva. È preso in esame il sito web
(e testata giornalistica online) più noto in Italia, “Podisti.Net”, dove
la terminologia tecnica dello sport si combina col linguaggio tipico
dell’internet e le particolari forme tra oralità e scrittura (chat line,
forum, rubriche varie) ad esso legate.
M. Lieber – F. Marri, Le maratone popolari in italiano e nelle principali lingue
europee, in Atti del XXI Congresso internazionale di Linguistica e Filologia
Romanza (Palermo 1995), II, Tübingen, Niemeyer, 1998, 419-433.
Katrin Wisniewski (Dresden)
Sportsprache in der italienischen Politik
Die Sprache der italienischen Politik hat sich in der sogenannten
„Zweiten Republik“ drastisch verändert. Das traditionelle politichese
wurde ersetzt durch ein gentese (Dell’Anna/ Gualdo 2004: 25), mit
dem Ziel der Einfachheit und Verständlichkeit für eine möglichst
große Anzahl an (medial angesprochenen) Adressaten, gekennzeichnet u.a. durch frappierende verbale Aggressivität, einen vermehrten Gebrauch von Ausdrücken aus der Welt der Wirtschaft
– und aus der Welt des Sports.
In dem Vortrag soll nachgezeichnet werden, wie Politiker sich der
Sportsprache als bewusste Technik bedienen, v.a. um eine emotionale Annäherung an ihre Adressaten zu erzielen. Besonders auffällig ist dieses Phänomen bei Premierminister Silvio Berlusconi.
Auch in den (Print-)Medien lässt sich eine Häufung sportsprach186
licher Termini in der politischen Berichterstattung bzw. im Kommentar beobachten.
Auf diachronischer Ebene soll die unübersehbare Kontinuität in
der Verwendung sportsprachlicher Ausdrücke in der politischen
Rhetorik Italiens, v.a. im Zusammenhang mit der für sie typischen
Konzentration auf antagonistische Konstellationen (Parallelität
von Kriegs- und Sportmetaphern in der Politik), expliziert werden.
Kristin Reinke (Berlin)
Sprachliche Besonderheiten der Eishockeysportberichterstattung in Québec
und Frankreich
Im Rahmen der Erforschung der Sportsprache ist eine Untersuchung der Sprache der Eishockeyberichterstattung in Québec besonders interessant, weil diese Sportart in der anglophonen Kultur
Montréals ihren Ursprung hat. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts
dominiert sie die kanadische Sportszene und wird von anglophonen
und frankophonen Kanadiern gleichermaßen als ihr Nationalsport
angesehen. Aufgrund der Herkunft des Eishockeys ist sein Vokabular besonders stark der englischen Beeinflussung ausgesetzt. Als
Symbol der Anglisierung, nicht nur der Sprache, sondern auch der
Kultur, wurde die Hockeysprache Anfang des 20. Jahrhunderts in
Québec Ziel einer veritablen Offensive gegen die Ausbreitung von
Anglizismen in der französischen Sprache. Anhand der Analyse
von französischen und Quebecer Kommentaren zu Eishockeyspielen, die im Januar 2005 im Fernsehen übertragen wurden, soll
überprüft werden, ob sich der englische Einfluss in diesen beiden
Varietäten auf verschiedene Art und Weise manifestiert oder ob
die Sportart mitsamt dem Vokabular nach Frankreich exportiert
wurde. Dabei wird zu klären sein, welche Typen der Entlehnung
sowie Adaptations- und Integrationsmechanismen jeweils bevorzugt werden, welche Strategien der Französisierung zu beobachten
sind und inwieweit die beiden Varietäten des Französischen eine
187
unterschiedliche Auswahl aus den Möglichkeiten der Allgemeinsprache treffen. Der Vortrag versteht sich als Beitrag zur Erforschung der diatopischen Komponente der Sportsprachen, wobei
sich die komparative Perspektive aus dem unterschiedlichen soziokulturellen Kontext in Québec und Frankreich ergibt.
188
Sektion 10
Minimalistische Sprachwissenschaft in der alten Welt
Leitung: Guido Mensching, Eva-Maria Remberger (Berlin)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Eva-Maria Rember­ger (Berlin)
Restrukturierung im minimalistischen Modell
Esther Rinke (Ham­burg)
OV-VO-Variation in infinitival comple­ments. A
diachronic study of Portuguese causative construc­
tions
Kleanthes Grohmann / Ri­cardo Extepare (Zypern)
Zur Grammatik von Wurzelinfinitiven
Sandra Paoli (Cam­bridge)
(entfällt voraussichtlich)
Feature reduplica­tion: perfect or rudimentary
repeti­tion? Inflectional features at the C level
Luis López (Chicago/Berlin)
Analyses of right dislocation in Catalan and
Italian
Christoph Gabriel (Osnabrück)
Prosodisch moti­vierte Bewegungen im
Spanischen: Versuch einer mini­malistischen OTModellierung
Dienstag, 27.09.05
9.00 - 10.30
14.00 Uhr
Cecilia Poletto (Padua)
Die linke Peripherie der Phasen: IP- und DPScrambling im Altitalienischen
Dalina Kalulli (Wien)
189
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
EPP as a Requirement on Predication: Evi­dence
from Bare Nouns in Romance
Roberta D’Alessandro (Cambridge)
The interaction bet­ween temporal and nominal
quantification: a case study”
Lucia Grimaldi (Ber­lin)
Die Syntax von Äqua­tivkonstruktio­nen
Robert Hagen (Berlin)
Logische Form, lexikali­sche items und Bedeutungs­
gehalt. Wie passen das Minimalist Program und das
Generative Lexikon zusam­men?
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Kay González Vil­bazo / Volker Struck­meier (Köln)
Agree im Esplugi­schen: Porque Paco no ha
gekauft Sangría
Tonjes Veenstra (Berlin)
On typological correlates and pure syntax: evidence from expletives in Romance-based creoles
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
190
Natascha Pomino (Berlin)
Aspekte der Relation zwischen Syntax, Morphologie und Phonologie: Spanische Verbalflexion im
Rahmen neuer gene­rativer Annahmen
Heidrun Völker (Berlin)
Computerbasierte Visuali­sierung minimalistischer
Derivation
Abstracts
Eva-Maria Remberger (Berlin)
Restrukturierung im minimalistischen Modell
Restrukturierung scheint aus einer offenbar zweiteiligen Derivation mit einem Matrixsatz und einem einge­betteten Satz eine, wenn
auch komplexe, doch monoklausale Struktur zu schaffen. Kennzeichen für Restrukturierung, z.B. im Italienischen, sind (u.a.) Cli­
tic Climbing und Hilfsverbselektion. In der nicht-restrukturierten
Konstruktion (1) verbleibt das Klitikum ci im eingebetteten Satz,
klitisiert also postverbal an den Infinitiv, und die Hilfsverbselektion
im Matrixsatz wird durch das Modalverb volere bestimmt. In (2) dagegen hat sich das Klitikum nach oben bewegt und die Hilfsverbselektion ist an das eingebettete Verb andare, ein unakkusativisches
Verb, angepasst; zudem ergibt sich Partizipialkongruenz mit dem
Modalverb:
(1)
it.
Gianna ha voluto andarci.
(2)
it.
Gianna ci è voluta andare.
In meinem Vortrag soll nun der minimalistische Sonden-und-Phasenansatz (vgl. Chomsky 1995, 2000, 2001) auf Restrukturierungsverben angewandt werden. In diesem Zusammen­hang wird mit
romanischen Daten gearbeitet, die obligatorisch Restrukturierung
auf­weisen, wie z.B. (3) im Gegensatz zu (4) im Sardischen, aber
auch mit Daten, die trotz der Subjektidentität zwischen Matrixsatz
und eingebettetem Satz keine Infinitivkonstruktion erlauben, wie
z.B. das Kalabrische, vgl. (5) vs. (6).
(3)
sard. Juanne lu keret fákere. (nach Jones 1993:142)
(4)
sard. *Juanne keret potet lu fákere. (nach Jones 1993:142)
(5)
kal. Vogghiu i vaiu.
(6)
kal. *Vogghiu iri.
191
Bei der Analyse soll besonders auf die Merkmalszusammensetzung
von T (vgl. Pesetsky & Torrego 2002) und deren Zusammenspiel
mit C (vgl. die Merkmalsvererbung von C an T bei Chomsky 2005)
eingegangen werden.
Esther Rinke (Hamburg)
OV-VO-Variation in infinitival complements. A diachronic study of
Portuguese causative constructions
This talk is concerned with the diachronic development of periphrastic (Arrais 1985) or analytical (Comrie 1981) expressions
of causativity in Portuguese. The focus will be on constructions
which involve a causative verb, such as mandar (to demand) or fazer
(to make) and a transitive infinitival complement with a DP-object
as in the example below.
Mandei os alunos ler(em) o livro.
In a diachronic comparison of the syntax of these constructions
in Old as opposed to Modern Portuguese, two main differences
can be observed: First, the infinitival complement of the respective
causative verbs may be realized as an inflected infinitive in Modern Portuguese, but not in Old Portuguese (Martins 2001, 2004;
Wirebek 1994; Rinke 1999, 2005). Second, transitive infinitival
complements of causative verbs may show OV-order in Old Portuguese but not in Modern Portuguese (Silva 2003; Rinke 2005).
On the basis of these observations, two questions arise. One question is how the inflected infinitive became an option in complement position of causative verbs in the history of Portuguese. The
other question is, why OV-order ceased to be an option in Modern
Portuguese.
This aim of this paper is twofold. I will first address the question
of how to account for OV-VO-variation within a minimalist model
of sentence structure. I will then propose a solution for the two
questions raised above. More precisely, I will defend the hypothesis
that there exists a synergy effect between the loss of OV order and
192
the development of inflected infinitival phrases in complement position of causative verbs. I will argue that apparent OV order in Old
Portuguese has to be analyzed as a passive construction inherited
from Latin. Therefore, the thematic object of the non-finite verb
that complements a causative verb represents its syntactic subject.
Apparent OV order of this type disappears, once the inflected infinitive becomes an option in the complement position of causative verbs and begins to express passive. In minimalist terms, one
could speculate that this diachronic development represents a case
in which a more economical structure replaces a less economical
structure. In fact, passive constructions involve movement, while,
following Barbosa’s (1995) analysis of null subject languages, this
does not hold for inflected infinitival phrases.
Kleanthes Grohmann / Ricardo Extepare (Nicosia)
Zur Grammatik von Wurzelinfinitiven
Wurzelinfinitive in der Erwachsenensprache offenbaren interessante Variation in temporaler Modifikation innerhalb der romanischen Sprachfamilie: während Wurzelinfinitive im Spanischen,
Katalanischen, Galizischen und Italienischen adverbielle Modifikation durch ein deiktisches Adverb der Vergangenheit wie z.B.
gestern erlauben, tut das ihr englisches Gegenstück nicht und verhält sich daher wie das Französische und Portugiesische (und alle
germanischen Sprachen):
(1)
Yo ir a la fiesta ayer?! Ya me extraña! [√span., katalan., galiz., italien.]
(2)
*Me go to the party yesterday?! Never![*franz., portug., alle german.]
Es gibt zwei weitere, verwandte Eigenschaften, die diese Sprachen
näher unterscheiden:
(i)
Die Sprachen, die Wurzelinfinitiven erlauben, durch ein deiktisches Adverb der Vergangenheit modifiziert zu wer-
den, verfügen außerdem über Infinitivbewegung über den
193
temporalen Kopf hinaus (Kayne 1991, Uriagereka 1995)
und
(ii)
sie alle haben eine niedrig angelegte C-Projektion FP, des-
sen Kopf F0 den bewegten Infinitiv aufnimmt (Uriagere-
ka 1995, Rizzi 1997).
Eine Ausarbeitung dieser Eigenschaften, gekoppelt mit einer
syntaktisch und semantisch motivierten komplexen Struktur von
Wurzelinfinitiv und Coda (der Zusatz Ya me extraña! in (1), ohne
den der gesamte Ausdruck nicht zulässig ist) wird uns erlauben,
uns an eine grammatische Beschreibung von Wurzelinfinitiven anzunähern und sprachübergreifende Variation auf elegante Art und
Weise darzustellen.
Leider abgesagt: Sandra Paoli (Cambridge)
Feature reduplication: perfect or rudimentary repetition? Inflectional features
at the C level
Recent work within the generative grammar framework (Frajzyngier 1995, Rizzi 1997, Benincà 2001, Benincà and Poletto 2004) has
convincingly shown that COMP does not simply demarcate clausal
boundaries, but acts as the interface between pragmatic and propositional content, encoding inflectional as well as discourse information. Assuming a system that does not allow recursion of identical
functional projections nor features poses a theoretical question as
to the nature and extent of inflectional features duplicated at the
CP level: is it a question of perfectly identical information being
expressed at both levels or are the features lexicalised in the left
periphery an impoverished version of those expressed in IP?
Drawing on diverse Romance varieties (two northern Italian dialects (Tur(inese) and Mar(ebbano)), and Fr(ench)), the present paper presents evidence for the existence of [mood] and [number]
features expressed overtly through various heads of the left periphery. In particular, the data brought forward suggest that these inflectional features are not fully-fledged but are expressed in terms
194
of a binary [+/-] value: the [mood] features expressed at the C
level are [± subjunctive], rather than ranging over the whole array
of mood values; the [number] features expressed at the C level are
not combined with [person] yielding the fully-fledged, complete
range of feature specification, but are only expressed in terms of
a [+/-] value, suggesting again that information relating to the inflectional content of the clause finds a rudimentary expression in
the left periphery.
Luis López (Chicago / Berlin)
Analyses of right dislocation in Catalan and Italian
Less than ten years ago, the Romance linguist had reason to complain that the area of right dislocation had barely been touched
and our knowledge of it was rudimentary. The brief remarks in
Vallduví (1992) and Kayne (1994) raised more questions than they
answered and suggested that there were many unexplored possibilities for a linguist with a theoretical bent. This situation holds
no more. Indeed, the problem now seems rather the opposite: to
find one’s way among all the competing analyses - in chronological order: Villalba (1996, 2000), Cechetto (1999), Cardinaletti
(2002), López (2003), Belletti (2004), Samek-Lodovici (2005). Quite surprisingly, these researches claim to have found evidence for
mutually contradictory, indeed opposed, proposals: for instance,
Villalba, Cechetto, López and Belletti argue that right dislocations
are a middle field phenomenon, Cardinaletti argues that they are
the lowest ranked constituents in the clause while Samek-Lodovici
instead argues that they are in a very high position. Thus, the purpose of this talk is to submit these proposals to scrutiny and find
out if there is a “winner”.
195
Christoph Gabriel (Osnabrück)
Prosodisch motivierte Bewegungen im Spanischen: Versuch einer
minimalistischen OT-Modellierung
Sowohl im derivationellen als auch im optimalitätstheoretischen
Rahmen sind in letzter Zeit Vorschläge für die Modellierung des
Ineinandergreifens von syntaktischer und prosodischer Komponente bei der Vermittlung der Fokus-Hintergrund-Gliederung im
Spanischen erarbeitet worden (u.a. Zubizarreta 1998, Domínguez
2004; Gutiérrez Bravo 2002, Samek-Lodovici 2003). Die vorwiegend syntaktische Herangehensweise dieser Arbeiten wird ergänzt
durch eine Reihe prosodischer Studien, die sich v.a. im Rahmen
des Autosegmental-Metrischen Modells mit der intonatorischen
Fokusrealisierung befasst haben (u.a. Face 2002, Hualde 2003).
Vergleicht man die verschiedenen Ansätze, so fällt auf, dass diese
sich auf z.T. stark divergierende Grammatizitätsurteile stützen. So
besteht beispielsweise keine Einigkeit in Bezug auf die Frage, inwiefern die prosodische Prominenz einer (nicht-kontrastiv) fokussierten Konstituente die syntaktische Ableitung beeinflusst: Wird
in syntaktisch ausgerichteten Arbeiten eine transitive Konstruktion
mit fokussiertem satzinitialen Subjekt meist als ungrammatisch bewertet und stattdessen eine prosodisch motivierte Bewegung des
präsupponierten Materials vorhergesagt (resultierende Abfolge:
VOF[S]F), so gehen die Autoren intonationsphonologischer Beiträge i.d.R. davon aus, dass ein durch fokalen Akzentton hervorgehobenes Subjekt in Initialposition unproblematisch ist (F[S]FVO).
Bezieht man informationsstrukturell motivierte Merkmale in den
Ableitungsmechanismus mit ein, dann ist eine Modellierung fokusinduzierter Wortstellungsvariation im derivationellen Rahmen
solange unproblematisch, als sich die in den Daten konstatierten
Abfolgen unterschiedlichen, pragmatisch wohl definierten Kontexten zuordnen lassen. Gleiches gilt für die klassische Optimalitätstheorie, die von einer festen Hierarchie entsprechender Beschränkungen ausgeht. Kritisch ist jedoch jede Art von Variation,
196
die weder eindeutig pragmatisch determiniert ist, noch in plausibler Weise als Resultat unterschiedlicher Register- oder Sprechergrammatiken interpretiert werden kann und demnach ‘wahre Optionalität’ im Sinne einer Gleichwertigkeit zweier oder mehrerer
Oberflächenformen in ein und demselben Kontext darstellt. Eine
mögliche Lösung bietet hier das Modell der Stochastischen Optimalitätstheorie (Boersma/Hayes 2001).
In meinem Beitrag möchte ich anhand des Beispiels transitiver
Strukturen mit overter Subjekt-DP und voll bzw. klitisch realisiertem Objekt zeigen, dass sich fokusinduzierte Variation im Bereich
der Wortstellung und der Intonationskonturen adäquat modellieren
lässt, wenn man annimmt, dass die gemäß dem minimalistischen
Sonde-Ziel-Modell (Chomsky 2000) aufgebauten Strukturen vor
Spellout einer optimalitätstheoretischen Evaluation unterliegen.
Das Einspeisen von Vorkommensfrequenzen in den sog. Gradual
Learning Algorithm (GLA) erlaubt dabei die Integration von Optionalität im oben skizzierten Sinne. Als empirische Basis dienen
experimentell erhobene Daten von 18 Sprechern unterschiedlicher
europäischer und amerikanischer Varietäten des Spanischen sowie
spontansprachliches Material, das im Hinblick auf die Möglichkeiten syntaktischer und intonatorischer Fokussierung systematisch durchgesehen wurde. Die Erhebung von italienischen und
französischen Vergleichsdaten erlaubt schließlich die Skizze einer
kontrastiven Analyse der drei Sprachen.
Cecilia Poletto (Padua)
Die linke Peripherie der Phasen: IP- und DP-Scrambling im
Altitalienischen
Hier soll ein grundlegender Begriff diskutiert werden, der seit der
Einführung der minimalistischen Perspektive vernachlässigt worden ist, nämlich der “traditionelle” Begriff des Parameters als eine
einzelne abstrakte Eigenschaft, die eine Reihe von unterschiedlichen, scheinbar nicht zusammenhängenden Phänomenen steu197
ert. Wenn Parameter, wie im Allgemeinen angenommen, durch
die Eigenschaften funktionaler Köpfe dargestellt werden können
und wenn wir Rizzis (1997) und Cinques (1999) Ansätzen der Abbildung funktionaler Strukturen folgen, dann hat der Begriff des
Parameters im traditionellen Sinne keine gültige Verwendung in
der Syntaxtheorie mehr: Hier sind einzelsprachliche Unterschiede
vielmehr in eine Reihe von Mikroparametern aufgebrochen, von
denen jeder nur ein einzelnes Phänomen erklärt. Dennoch ist es
in der minimalistischen Theorie möglich, den Begriff des Parameters als eine einzelne Eigenschaft, die auf mehrere verschiedene
Bereiche der Syntax Auswirkungen hat, aufrecht zu erhalten. Das
Ziel dieses Vortrags ist es, auf der Basis des Begriffs der Phase ein
formales System von Parametern auszuarbeiten. Das empirische
Untersuchungsgebiet ist die Syntax des unteren Bereichs der IP
und ihre Beziehungen zur Syntax der CP und der DP im Altitalienischen. Der Grund für diese Wahl liegt darin, dass der diachrone
Wandel die interessante Eigenschaft aufweist, versteckte Beziehungen zwischen unterschiedlichen Phänomenen aufzudecken; es
lässt sich nämlich zeigen, dass manche Phänomene zur selben Zeit
auftauchen oder verschwinden. Eine Reihe scheinbar unabhängiger
Eigenschaften der CP im Altitalienischen kann in der Tat als unterschiedliche Instanz ein und derselben abstrakten syntaktischen
Eigenschaft, die in einem einzigen funktionalen Kopf kodiert ist,
abgeleitet werden. Während bekannt ist, dass im Altromanischen
im Allgemeinen V2-Stellung zu finden ist (vgl. u.a. Benincà 1985
und Roberts 1993), ist es relativ unbemerkt geblieben, dass das Altitalienische Scrambling von Objekten und adverbialen XPs in den
Bereich links des Partizips Perfekts erlaubt, so dass sich Sätze mit
Verbendstellung ergeben, vgl. (1):
(1)
a.
quello che per uso è già dagli antichi servato,
(Bono Giamboni, Vegezio, p. 108, r. 25-26)
b.
i nimici avessero già il passo pigliato, (Bono Giamboni, Orosio, p. 88, r. 15)
198
c.
ed ha’mi la cosa molte volte ridetta (Bono Giamboni, Trattato, p. 131, rr. 20-21)
Das altitalienische Scrambling betrifft sowohl (nicht kontrastiv) fokussierte, vgl. (1a), als auch topikalisierte Elemente, vgl. (1b); auch
kann mehr als ein Element nach Bewegung links des Partizips erscheinen, vgl. (1c) (vgl. Grewendorf 2004 für eine Analyse von
Scrambling als Bewegung in Fokus- und Topic-Positionen).
Im Altitalienischen war zudem Partizipialkongruenz mit postverbalen Objekten, wie bereits durch Egerland (1997) gezeigt, noch
möglich (vgl. (2)):
(2) c’ ha rifiutata la nobile città di Giadres (Novellino, p. 133, r. 3)
Scrambling findet sich auch innerhalb der DP: ein Adjektiv (3a),
ein Teil einer AdjP (3b), oder ein Komplement (3c) kann in eine
pränominale Position bewegt werden:
(3)
a.
b.
c.
la quale guardava al figliuolo piccolo del morto fratello, (Paolo Orosio, Delle Storie contra i Pagani, p. 148)
di gentile aspetto molto (Dante, Vita nuova, c. 1292-93)
quando vi dissi del cavallo cosa così meravigliosa (Novellino, p. 120 r. 14)
Interessanterweise kann der N-Kopf einer DP auch links von
einem Quantifizierer erscheinen, vgl. (4a, b):
(4) a.
b.
donò anella molte (Novellino, p. 123 r. 51)
sanza cavaliere neuno tornerò ad Epiro. (Bono Giamboni, Orosio, a. 1292)
199
All diese Phänomene gehen zur selben Zeit verloren, genauer gesagt, zu dem Zeitpunkt, als die V2-Stellung verloren geht. Das lässt
vermuten, dass es sich um Erscheinungsformen ein und derselben
abstrakten Eigenschaft handelt. Ich schlage vor, dass der gleichzeitige Verlust von V2, IP-Scrambling, Partizipialkongruenz, DPScrambling und N-Fronting auf Bellettis (2004) Vorschlag zurückgeführt werden kann, demzufolge die linke Peripherie der oberen
Phase (CP) und die linke Peripherie der unteren vP-Phase ähnlich
aufgebaut sind, nämlich als eine (oder mehrere) TopicPs gefolgt
von einer FokusP; ich gehe davon aus, dass dieser Vorschlag auch
auf die DP-Phase ausgeweitet werden kann.
Jede Phase hat also an ihrem oberen Randbereich eine Schicht, die
eine Diskursschnittstelle bildet, wo Topic- und Fokus-Projektionen
durch Merge eingefügt werden. Es soll angenommen werden, dass
die Eigenschaften des Fokus- und des Topic-Kopfes phasenunabhängig sind und dass derartige Projektionen, wo auch immer sie zu
finden sind, die selben Eigenschaften haben.
Benincà (1995) schlägt vor, dass V2 im Altitalienischen ein Effekt
einer Fokus-Projektion ist, die innerhalb der unteren CP liegt, welche wiederum obligatorisch durch das flektierte Verb besetzt sein
muss; V3-Anordnungen (die im Altitalienischen, im Gegensatz
zum Altfranzösischen, sehr häufig sind) ergeben sich, wenn die
SpecFokus-Position und eine (oder mehrere) SpecTopic-Positionen, die höher als FocusP liegen, gefüllt sind.
Wenn wir annehmen, dass das Fokus-Merkmal in allen Phasen
überprüft werden muss, dann können Fälle wie (4a, b) als N-Bewegung in die DP-interne Fokus-Position analysiert werden. Fälle wie
(3b) können als N°-zu-Fokus°-Bewegung gefolgt von AdjektivBewegung nach SpecFocus analysiert werden (s. außerdem, dass
es hier keinen Determiner gibt, eine Eigenschaft, die offensichtlich
mit der N-Anhebung zusammenhängt).
Dieselbe Argumentation kann auf IP-Scrambling angewandt
werden: Im Altitalienischen muss sich das Partizip Perfekt in die
200
Fokus-Projektion im linken Randbereich der vP-Phase bewegen;
Scrambling ergibt sich also durch Bewegung einer XP in die SpecFocus-Position oder durch eine oder mehrere XPs in SpecTopic(s)
der “unteren linken Peripherie”. Dieser Ansatz kann auch die Fälle von postpartizipialer Objektkongruenz, wie in (2), und somit
den Grund für deren gleichzeitiges Verschwinden erfassen. Wenn
sich Partizipialkongruenz durch eine Spezifizierer-Kopf-Relation
ergibt, wie ursprünglich von Kayne (1991) vorgeschlagen, dann
unterscheidet sich das Altitalienische minimal von dem modernen Italienischen, nämlich dadurch, dass das Partizip Perfekt, auf
seinem Weg zur Fokus-Position, eine AgrO-Projektion passieren
muss. Wenn das Objekt ebenfalls nach SpecAgrO angehoben wird,
dann ergibt sich Objektkongruenz; das Partizip bewegt sich dann
weiter hoch zu Fokus°, so dass sich die Anordnung Partizip-Objekt ergibt. Obwohl sich also die Anordnung beider Elemente nicht
vom modernen Italienisch unterscheidet, zeigt doch die Morphologie, dass die Syntax in der Tat Unterschiede aufweist, da sich das
Partizip in Fokus und das direkte Objekt in AgrO befindet.
Wenn diese Analyse zutrifft, dann unterscheidet sich Altitalienisch
von dem modernen Italienisch durch eine einzige Eigenschaft: der
Fokus-Kopf muss durch den X°-Kopf gefüllt werden, der zu der
lexikalischen Projektion der betreffenden Phase gehört: also durch
N in der DP-Phase, durch das flektierte Verb in der CP-Phase und
durch das Partizip Perfekt (oder das flektierte Weg auf seinem Weg
in die höherliegende Phase) in der vP-Phase. Zusätzlich stehen in
jeder Phase Topic-Projektionen links von Fokus zur Verfügung.
Es können nun durch diesen Ansatz eine Reihe von Voraussagen
hinsichtlich des parallelen Verhaltens der linken Peripherie der CP
und der der vP gemacht werden: So stellt das Altitalienische z.B.
ein expletives Element für die SpecFokus-Position zur Verfügung
(ein für V2-Systeme typisches Merkmal), nämlich die adverbiale
Form sì. Es ist daher zu erwarten, dass sì auch satzintern als ein
201
Expletivum des tieferen Fokus vorkommen kann. Das scheint in
der Tat der Fall zu sein:
(5)
Però quando mi tolle sì il valore, che gli spiriti pare fuggan via (Dante, Vita nuova, p.121)
Darüber hinaus weist das Altitalienische bekannterweise Enklise
auf, wenn sich das flektierte Verb in satzinitialer Position befindet.
Dasselbe passiert, wenn absolute Partizipien von nicht-unakkusativischen Verben (die von Belletti (1990) als reduzierte AspP interpretiert werden) satzinitial stehen, was wiederum die Parallelen
zwischen oberer und unterer Phase bestätigt:
(6) trovò l’arme del re Meliadus, che lli avea fatta sì bella deliberanza, e donatogli (Novellino, p. 268 r. 21)
Die Syntax der DP soll ebenfalls untersucht werden, um zu zeigen,
dass die vorliegende Analyse auch auf Fälle determiniererloser
DPs und postnominaler Possessiva im Sinne von N-Anhebung angewandt werden kann.
In einem größeren Zusammenhang kann also der Ansatz, Eigenschaften funktionaler Elemente als phasenunabhängig zu betrachten, die technischen Mittel dazu liefern, einige (wenn auch wahrscheinlich nicht alle) der Phänomene, die im GB-Modell durch den
Begriff des Parameters erfasst worden sind, in das aktuelle Modell
zu übertragen.
Dalina Kalulli (Wien)
EPP as a Requirement on Predication: Evidence from Bare Nouns in
Romance
The central claim that I put forward in this talk is that predication
– or some analogue of it – is at the basis of our linguistic reality
and cognition. Specifically, drawing on work by Kiss (2002) and
202
Rizzi (2005) on the featural definition of subjects, I will argue that
EPP should be defined as a requirement on predication. I discuss
countable bare singulars in Romance, with the goal of establishing
certain parallels with existential bare plurals which should eventually highlight some aspects of the latter that have long perplexed
linguists (e.g. their scope behaviour), as well as other aspects that
have only recently started being considered, such as the status of
existential bare plurals in terms of features that are said to encode
information structure. I will dwell on the role and place of information structure notions in current syntactic theory. The main
unifying theme of these specific aspects is the conceptually appealing idea that syntax and semantics are in fact isomorphic. I
further strengthen this idea of syntax-semantics isomorphism by
defining distinctions with respect to the building blocks that enter
syntactic computation, specifically by showing (contra Longobardi
1994) that existential bare plurals like bare singulars, are not DPs
with a morphologically null D but NPs altogether lacking a Dprojection.
Roberta D’Alessandro (Cambridge)
The interaction between temporal and nominal quantification: a case study
It is a well-known fact that some impersonal pronouns may receive
an inclusive interpretation under what has been identified by Cinque (1988) as specific time reference. Italian impersonal si, for instance, presents a tripartite interpretational system: it may receive a
generic (1), as well as an existential interpretation (2). The existential interpretation is only possible with transitive and unergative
verbs (Cinque 1988). In addition, Italian si may be interpreted as
we (3) (inclusive interpretation) (D’Alessandro & Alexiadou 2003,
Egerland 2003).
(1)
A Napoli si lavora fino ai 15 anni
203
(2)
Si è lavorato per due mesi per risolvere il problema
(3)
Ieri si è stati licenziati
In this paper, I show that specific time reference is not the only
cause of inclusiveness, but that the inclusive reading is rather
caused by temporal boundedness of the event (cf. Iatridou, Anagnostopoulou & Pancheva 2003). I propose that under boundedness, impersonal pronouns that otherwise behave like indefinites
(Chierchia 1995, Mandikoetxea 2002) assume a definite-personalpronoun-like behavior, and receive their interpretation logophorically, through anchoring to the Speech Act head (Speas 2000, Sigurðsson 2002). This head encodes information about the actual
participants in the speech event (for example it specifies that the
actual referent of a 2nd person pronoun is the addressee). The
we/I reading is also accounted for in terms of split vs. selective
binding.
Boundedness goes together with perfective aspect (Smith 1991,
Iatridou & al. 2003). When the verb is perfective, impersonal si
receives an inclusive interpretation (3). If the event is temporally unbounded, the inclusive reading cannot arise. Moreover, if an
adverbial phrase that suspends boundedness is introduced in an
inclusive bounded clause, the interpretation of the impersonal
pronoun becomes generic (4).
(4)
a. b.
Si è arrivati in ritardo
Si è sempre arrivati in ritardo
‘We arrived late’
‘People/#we have always arrived late’
According to Mandikoetxea (2002), Italian impersonal si and Spanish impersonal se behave as indefinites. I show, however, that for
Italian this is only true in unbounded clauses. When the clause is
204
bounded, they behave as personal pronouns. In bounded/inclusive
clauses, that admit predicative NPs according to the test proposed
by Kratzer (1995), Italian si may be replaced by a personal pronoun, but not by an indefinite subject (5).
(5)
a.
Da bravi cittadini, si è / noi abbiamo /# qualcuno
ha raccolto le firme
‘As good citizens, we have signed a petition’
When si appears in an unbounded context, it behaves as an indefinite, i.e. like a free variable (Kamp & Reyle 1993, Diesing 1992,
Chierchia 1995). I propose that this variable is bound by the [boundedness] operator, located on the Aspectual head (Iatridou & al.
2003). When this operator is missing, and the event is bounded,
si/man are anchored to the Speech Act head(s), that encodes information about the participants in the clause.
Lucia Grimaldi (Berlin)
Die Syntax von Äquativkonstruktionen
In diesem Vortrag wird eine minimalistische Analyse von Äquativkonstruktionen (ÄK) vor­gestellt, die Daten aus verschiedenen
romanischen Sprachen sowie dem Englischen und Deutschen berücksichtigt. Äquativkonstruktionen, in der romanistischen Tradition besser be­kannt als „Vergleiche der Gleichheit“, fristen innerhalb der Forschung zur Komparation ein eher trauriges Dasein, da
sich diese seit jeher auf Komparativkonstruktionen (KK), also so
genannte „Vergleiche der Ungleichheit“ konzentriert hat. Oftmals
wird – implizit oder explizit – davon ausgegangen, dass sich Komparativanalysen 1:1 auf Äquativkonstruktionen übertragen lassen,
eine Annahme, die vor allem auf die verstärkte Beobachtung englischer Adjektivvergleiche wie (1) und (2) zurückzuführen ist:
(1)
en.
Mary is more intelligent than John (KKAdj)
205
(2)
en.
Mary is as intelligent as John (ÄKAdj)
Zieht man jedoch Nominalvergleiche hinzu, ergibt sich ein anderes
Bild. Nominale Äquative (3) weisen scheinbar eine elaboriertere
Struktur auf als ihre adjektivischen Entsprechungen (2) einerseits
und als nominale Komparative (4) andererseits:
(3)
en.
Mary eats as many cookies as John (ÄKN)
(4)
en.
Mary eats more cookies than John (KKN)
Betrachtet man außerdem Daten aus romanischen Sprachen, wird
das Bild offenbar noch komplexer. Dies soll anhand italienischer
Daten beispielhaft illustriert werden:
(5)
it.
(6)
it.
(7)
it.
(8)
it.
Maria è più intelligente di Gianni (KKAdj)
Maria è (tanto) intelligente quanto Gianni (ÄKAdj)
Maria mangia più (tanti) biscotti di Gianni (KKN)
Maria mangia tanti biscotti quanti Gianni (ÄKN)
Das scheinbare Äquativelement tanto ist in (6) allenfalls fakultativ
(im Gegensatz zu più in (5)), und die Variante ohne tanto ist deutlich
unmarkierter. In (8) ist tanto zwar obligatorisch, allerdings kann es
im umgangssprachlichen Italienisch auch in KKN wie (7) vorkommen. Auf den ersten Blick scheinen die Daten also eher nahe zu
legen, dass in italienischen ÄK kein analoges Element zum Komparator più nötig ist. Bedenkt man, dass der Komparator in den
meisten Analysen von Komparativen als Kopf der gesamten Kon-
206
struktion aufgefasst wird, entsteht bei einer einheitlichen Analyse
von KK und ÄK zumindest Erklärungsbedarf.
Ein weiterer Unterschied zwischen italienischen ÄK und KK betrifft das Element quanto. Während es in KK nur auftritt, wenn der
Standard des Vergleichs durch einen (finiten) Satz realisiert wird (s.
(9) vs. (10)), ist es in Äquativen immer obligatorisch:
(9)
it.
Gianni è più intelligente di *(quanto) non lo sia Luca
(10)
it.
Gianni è più intelligente di (*quanto) Luca
(11)
it.
Gianni è (tanto) intelligente *(quanto) lo è Luca
(12)
it.
Gianni è (tanto) intelligente *(quanto) Luca
Außerdem ist quanto in phrasalen ÄK scheinbar in der Lage, Akkusativkasus zu vergeben, parallel zu di in phrasalen KK:
(13)
it.
Maria è (tanto) intelligente quanto me
(14)
it.
Maria è più intelligente di me
Die „klassische“ Analyse von quanto als wh-Operator im Komparativsatz scheint im Fall der ÄK also ebenfalls nicht besonders hilfreich zu sein.
Die hier präsentierte minimalistische Analyse nominaler und adjektivischer Äquative stellt ei­nen Versuch dar, die bereits existierenden
Ansätze zu Komparativen mit den jüngsten For­schungsergebnissen
zur Lokalisierung quantifizierender Ausdrücke in der DP und AP
in Ein­klang zu bringen und dabei die o.g. Phänomene zu erklären.
207
Robert Hagen (Berlin)
Logische Form, lexikalische items und Bedeutungsgehalt. Wie passen das
Minimalist Program und das Generative Lexikon zusammen?
Der Beitrag beschäftigt sich mit einem der zentralen Konzepte
in Chomskys Sprachtheorie, dem Konzept der »logischen Form«
(LF). Der Terminus bezeichnet im Minimalist Program die Schnittstelle zwischen der Sprachfähigkeit (Faculty of Language in narrow
sense, FN) und dem konzeptuell-intentionalen System (C-I). C-I erhält an der Schnittstelle den Output von FN und konvertiert ihn
in bedeutungshaltige »Gedanken« – die in C-I weitergehend interpretiert werden können. Der Output von FN besteht aus »arrangements of lexical features« (Chomsky 1995: 225), die im Zuge der
Derivation aus Ensembles von lexikalischen items erzeugt werden
(Vgl. a. Chomsky 2000, 2001 & im Erscheinen).
Wenn es nun darum geht zu bestimmen, welcher Art die Information ist, die von FN erzeugt und an C-I übergeben wird, würde
man intuitiv annehmen, dass die übergebenen »syntaktischen Objekte« eine erkennbare Ähnlichkeit mit Trägern von Bedeutung haben müssen. Chomskys Hauptaugenmerk bleibt überwiegend dem
Bereich der Syntax vorbehalten. Auf welche Weise gelangen aber
die Aspekte sprachlicher Repräsentationen, die in den Bereich der
Semantik allein fallen, an die Schnittstelle zu C-I?
Aus meiner Sicht eignet sich Pustejovskys (1995) Modell eines »generativen Lexikon« dazu, zu Einsichten in dieser Frage zu gelangen.
Dieses geht von kognitiven (generativen) Mechanismen aus, die
über Entitäten des mentalen Lexikons operieren. Die lexikalischen
items sind als komplexe (semantische) Merkmalskonfigurationen
konzipiert. Die generativen Mechanismen setzen die items durch
regelgeleitete Operationen zu größeren Einheiten zusammen, die
semantisch interpretierbar sind.
Es fällt ins Auge, dass beide Modelle insbesondere die beiden folgenden Grundannahmen teilen:
(1)
Ein lexikalisches item wird als »a set of [formal] features«
208
(Chomsky 1995: 244) oder »a more complex construction from
features« (Chomsky 1995: 382, Anm. 26) charakterisiert.
(2)
Die lexikalischen items werden mittels bestimmter syntaktischer Operationen zu komplexeren Einheiten zusammengesetzt.
Im Kompositionsprozess spielen Merkmale und Merkmalskonfigurationen eine entscheidende Rolle.
Ausgehend von diesem Kern gemeinsamer Annahmen versuche
ich herauszuarbeiten, inwieweit eine Integration der beiden Ansätze leistbar ist. Ich veranschauliche dies in Grundzügen anhand
romanischer Daten.
Kay González Vilbazo / Volker Struckmeier (Köln)
Agree im Esplugischen: Porque Paco no ha gekauft Sangría
Die Asymmetrie grammatischer Relationen im Code-Switching ist
eine Eigenschaft, die in vielen Arbeiten und für viele Sprachpaare
beobachtet wurde (vgl. Joshi 1985, Myers-Scotton 1993, Den Dikken & Rao 2003, Gonzalez 2005). In unserem Vortrag zeigen wir,
dass Asymmetrien für das deutsch-spanische Code-Switching an
der Deutschen Schule Barcelona („Esplugisch“) im Rahmen einer
minimalistischen Analyse auf einfache und plausible Weise repräsentiert werden können.
Das Esplugische zeigt Asymmetrien im Code-Switching, die die
syntaktischen Kontexte restringieren, in denen vom Spanischen
ins Deutsche (oder umgekehrt) gewechselt werden darf. Besonders auffällig ist hierbei, dass die Restriktionen asymmetrisch in
dem Sinne sind, dass der Wechsel in bestimmten Fällen nur vom
Spanischen ins Deutsche möglich ist, während in anderen Fällen
ein Sprachwechsel nur vom Deutschen ins Spanische erlaubt ist.
So ist zwar die Kombination spanisches Auxiliar und deutsches
Partizip möglich, aber nicht umgekehrt:
(1)
a) *Maria hat die Bowle bebido.
b) Paco ha getrunken una Sangría.
Asymmetrien dieser Art sind nicht auf das Esplugische beschränkt
209
und bedürfen daher im Rahmen einer universalgrammatischen
Theorie einer prinzipiellen Repräsentation.
Grundlage unserer Analyse ist die minimalistische Theorie der
Merkmalsprüfung durch die Operation Agree. Die Operation
Agree gleicht Merkmale eines syntaktischen Objekts (des Sondierers) mit Merkmalen eines anderen syntaktischen Objekts in der
Domäne des Sondierers (dem Ziel) ab. Ungrammatikalität entsteht,
wenn Sondierer und Ziel nicht in der Lage sind, all die uninterpetierbaren Merkmale wechselseitig zu tilgen, die eine Verletzung der
Interpretationsanforderungen an den Schnittstellen hervorrufen
(vgl. Chomsky 2000, 2001, 2005). Wie wir zeigen, reduzieren sich
die Asymmetrien im Code-Switching des Esplugischen auf eine
Asymmetrie in der Merkmalsausstattung der beteiligten deutschen
und spanischen lexikalischen Elemente: Ist die Merkmalsmenge
des Ziels reicher an uninterpretierbaren Merkmalen als die Merkmalsmenge des Sondierers, kann die Agree-Operation nicht symmetrisch applizieren, uninterpretierbare Merkmale können daher
nicht getilgt werden und lösen in der direkten Folge die Ungrammatikalität der Struktur aus.
Die Analyse erklärt daher ein bekanntes Faktum des Code-Switching exemplarisch für das Esplugische, ohne hierzu auf syntaktische Zusatzannahmen zurückgreifen zu müssen: Vielmehr reichen bekannte syntaktische Operationen im Zusammenspiel mit
philologisch wohletablierten morphosyntaktischen Merkmalen
aus, um die Asymmetrie empirisch korrekt und explanatorisch
stark zu repräsentieren. In einem Ausblick kann spekuliert werden,
inwieweit dieser Ansatz auf andere Sprachpaare im Code-Switching ausgedehnt werden kann und welche Konsequenzen für das
Inventar syntaktischer Merkmale in der Minimalistischen Syntax
hieraus folgt.
210
Tonjes Veenstra (Berlin)
On typological correlates and pure syntax: evidence from expletives in
Romance-based creoles
As noted in Chomsky (2000, 2001a, 2001b), the investigation of
expletives cross-linguistically has been pivotal in recent research
because they are, in a sense, manifestations of pure syntax, virtually devoid of meaning yet satisfying requirements of EPP and Case.
Therefore, we will focus on expletive constructions in Romancebased creoles in order to find out what these languages can tell us
about typological correlates of pure syntactic properties that have
been proposed in the literature.
In particular, we will discuss the profiles and typology of null subject (NS) languages. As is well-known from the typological literature (e.g. Gilligan 1987), the classical NS profile in the sense of
Rizzi (1982) does not stand a typological exam. A comparison of
different Romance-based creoles only reinforces this point. But,
as noted in Haider (2001) and Kaiser (2004), both van der Auwera
(1984) and Gilligan (1984) stated that only the correlation between
pro-drop and the lack of subject expletives holds without any exception. In this talk we present evidence against this absolute correlation on the basis of an examination of expletive constructions
in Papiamentu, a language which will be argued to have a non-NS
profile.
A second typological generalization, posited by Alexiadou & Anagnostopoulou (2001) that will be discussed and argued against concerns the placement of arguments by Spell-Out, centering the discussion on principles that force arguments to leave the VP across
languages. The empirical domain they cover consists of constructions where subject movement is not required for reasons related to the Extended Projection Principle, expletive constructions
being one of them. In these environments, one of the arguments
must vacate the VP. They argue that argument externalization is
related to Case Theory. We present data from Papiamentu that cast
211
doubt on the claim that the Subject-in-Situ generalization should
be accounted for in terms of Case Theory.
In the approach of Alexiadou & Anagnostopoulou (2001), it is
crucial that NP and PP arguments pattern differently, since only
the former are dependent on the v-V complex for their Case. It is
shown that in Papiamentu NP and PP arguments do not exhibit
different patterns. In both cases the subject-in-situ option is not
possible. This is a strong argument against the Case-theoretic approach. Furthermore, PP arguments and PP adjuncts do pattern
differently. Only in the latter case, the subject can remain in-situ.
This is taken to indicate that the argument/adjunct distinction is
an important factor in the analysis of expletive constructions in
Papiamentu.
In addition, the discussion allows us to make the following points:
First, Papiamentu has verb movement, although it has no affixal
TMA markers (Baptista 2000). This argues against the correlation
between “rich” Agreement and verb movement (Bobaljik 2001).
Second, the behavior of serial verbs in expletive constructions
shows that we have to distinguish two types of them in Papiamentu: compound and syntactically built serial verb constructions.
Natascha Pomino (Berlin)
Aspekte der Relation zwischen Syntax, Morphologie und Phonologie:
Spanische Verbalflexion im Rahmen neuer generativer Annahmen
Im Minimalist Program (Chomsky 1995) gelangen alle lexikalischen
Einheiten voll flektiert in die syntaktische Derivation. Sie weisen eine komplexe Merkmalsmatrix auf, in der sowohl phonologische als auch semantische und morphosyntaktische Merkmale
kodiert sind. Für einen erfolgreichen Merkmalsabgleich müssen
die φ-Merkmale allerdings mehrfach spezifiziert sein: in der voll
flektierten Verbform, in der funktionalen Kategorie T0 und in der
Subjekt-DP. Bei den Verbformen, wo die syntaktische und morphologische Struktur sich gegenseitig widerspiegelt, führt dies zu
212
redundanten Strukturen. Die Neuerungen im Rahmen des Sondenund Phasenmodells (Chomsky 1998ff.) ermöglichen es in Kombination mit der Distributed Morphology (Halle & Marantz 1993), die
Schnittstelle zwischen Syntax, Morphologie und Phonologie aus
einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Viele der Aspekte von
dem, was im Allgemeinen als Morphologie bezeichnet wird, werden nunmehr als Mapping-Prozesse verstanden, die während des
Transfers von DNS nach Φ stattfinden. Anhand der spanischen
Verbalflexion sollen diese Prozesse diskutiert und gegen die der
Checking-Theorie zugrunde liegende stark lexikalistische Hypothese argumentiert werden.
Heidrun Völker (Berlin)
Computerbasierte Visualisierung minimalistischer Derivation
Im Laufe der Entwicklung der minimalistischen Syntaxtheorien
markiert spätestens die Einführung des Phasenkonzepts und der
Operation Agree (Chomsky 1999, 2001) den Übergang von repräsentationsbasierten zu vollständig derivationalen Ansätzen. Die
Darstellung eines Derivationsablaufs mit Hilfe von Klammerausdrücken oder Syntaxbäumen kann mit Standard-Präsentationssoftware jedoch kaum zufriedenstellend gelöst werden. Wünschenswert wäre daher ein computerbasiertes Hilfsmittel zur weitgehend
automatisierten Erzeugung von Baumdarstellungen, das auch die
dynamische Komponente der Derivation angemessen visualisiert.
Der Vortrag stellt als Lösung ein Computerprogramm vor, das
Syntaxbäume für die einzelnen Derivationsschritte zur Ausgabe
am Bildschirm oder für den Export in Form von Grafikdateien
erzeugt. Über die reine Visualisierung hinaus simuliert die Software eine Derivation gemäß den von Chomsky (1999, 2001) formulierten theoretischen Ansätzen: Auf eine vom Benutzer vorgegebene Enumeration wendet das Programm automatisch die
universalgrammatischen Operationen Merge, Move und Agree an
und speichert die Baumdarstellungen für alle Zwischenschritte.
213
Der Ablauf der Derivation kann beliebig oft wiederholt, schrittweise vorwärts und rückwärts durchlaufen oder als Animation abgespielt werden. Dadurch können theoretische Überlegungen auf
Konsistenz geprüft und komfortabel an einer größeren Zahl von
Beispielen getestet werden.
Bei der Realisierung wurden die universalgrammatischen Grundoperationen fest im Programm verankert, während die Kategorien
und ihre Eigenschaften, auf die diese Operationen angewendet
werden, variabel gehalten sind. Sie werden mit Hilfe von externen
Konfigurationsdateien festgelegt, die für unterschiedliche Sprachen
und theoretische Ansätze angepasst werden können. Die Software
kann auf praktisch allen Computerplattformen verwendet werden
(Windows, Mac, Linux, Solaris u.a.).
Im Vortrag werden die Möglichkeiten des Programms am Beispiel
des Spanischen gezeigt, das auch bei der Entwicklung zugrunde
gelegt wurde. Die verwendeten funktionalen Kategorien sind daher speziell auf die Erklärung syntaktischer Phänomene des Spanischen (vgl. z.B. Mensching und Remberger, im Druck) zugeschnitten.
214
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Sektion 11
Romanische Sprachgeschichten und Sprachgeschichtsschreibung
Leitung: Jochen Hafner, Wulf Oesterreicher (München)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
José Jesus de Bustos Tovar (Madrid)
Cambios lingüísticos en la organización del
discurso
Wulf Oesterreicher (München)
Glanz und Elend romanischer Sprachgeschichtsschreibung
Thomas Krefeld (München)
Zur ‘Kontinuität’ in der romanischen Sprachgeschichtsschreibung
Christian Timm (Leipzig)
Zur Berücksichtigung des Varietäten­gefüges in
der Sprachgeschichtsschreibung
Raymund Wilhelm (Heidelberg)
Regionale Sprachgeschichte als Geschichte eines mehrsprachigen Raums: Perspektiven einer
Sprachgeschichte der Lombardei
Sergio Lubello (Salerno)
La storia della lingua italiana: nascita, evoluzione e
prospettive di una disciplina
Dienstag, 27.09.05
8.15 Uhr
9.00 Uhr
216
Hans-Martin Gauger (Freiburg/Brsg.)
Walther von Wartburgs ‘Évolution et structure’
wiedergelesen
Jochen Hafner (München)
Das Zeitalter der französischen Klassik im Spie-
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr 16.00 Uhr
16.45 Uhr
gel von Ferdinand Brunots ‘Histoire de la langue
française’
Gerda Haßler (Potsdam)
Normierungsdiskurse in der Sprach­geschichte
und der Historiographie der Sprachwissenschaft.
Das Beispiel der Remarqueurs
Johannes Kabatek (Tübingen)
Otra historia de las lenguas ibero-románicas (y norománicas): en torno a la actualidad de una vieja
idea
Julio Arenas Olleta (Madrid/München)
Pugna de normas y cuña castellana. Sobre las imágenes de fuerza en la historiografía de la lengua de
Menéndez Pidal
Roland Schmidt-Riese (München)
Nebrija y Pastrana – héroe y antihéroe. De cómo
la historiografía se vuelve cómplice de los autores
posteriores
Marta Fernández Alcaide (Sevilla)
Documentación privada del Siglo de Oro español
y la historiografía lingüística
Mittwoch, 28.09.05
8:15 Uhr
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Maria Selig (Regensburg)
‘Plattlatein’, ‘Volkslatein’, ‘Vulgär­latein’. Konzeptualisierungen sprachlicher Variation in den
An­fängen der Romanistik
Annette Endruschat (Trier/München)
‘Neue’ älteste Schrift­dokumente des Portugiesischen und die ‘Geburt’ des Portu­giesischen
Konstanze Jungbluth (Saarbrücken/
Tübingen)
Das Rinnsal der schriftlichen Überlieferung.
217
Gewissheiten und Desiderata der katalanischen
Sprachgeschichtsschreibung
Donnerstag, 29.09.05
8.15 Uhr
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Rudolf Windisch (Rostock)
Die ersten Grammatiken des Ru­mänischen und
die Şcoala Ardeleană im 18./19. Jahrhundert
Iris Bachmann (Manchester)
Kreolsprachen: ein Grenzfall in der Sprachgeschichte?
Alberto Vàrvaro (Neapel)
Abschlußdiskussion und kritische Zusammen­
fassung der Sektion 11: Romanische Sprachgeschichten und Sprachgeschichtsschreibung
Abstracts
José Jesus de Bustos Tovar (Madrid)
Cambios lingüísticos y cambios en la organización del discurso
La lingüística histórica se ha ocupado de las transformaciones de
la lengua en los planos fonografemático, léxico semántico y sintáctico. Desde el positivismo, los historicistas han ido incorporando
nuevos modelos de descripción lingüística: desde el es­tructuralismo
funcional al análisis del discurso. Esta última perspectiva nos permite avanzar en la explicación de los cambios lingüísticos: el decurso histórico no sólo afecta a elementos del siste­ma, sino también a
la forma en que éstos se organizan en los actos de comunicación.
Uno de los principios de la teoría del discurso es, desde Benveniste,
el de que la lengua es expresión de la subjetividad del hablante, que
se manifiesta a través de recursos lingüísticos. La deixis, los modalizadores verbales y los marcadores discursivos son elementos básicos, de naturaleza lingüística, en la creación de textos. La función
modalizadora depende del valor que en discurso adquieren ciertos
218
elementos lingüísticos; ello exigirá volver a la indagación sobre los
textos mismos y no sobre repertorios informatizados. El camino
está abierto para los historiadores de la lengua.
Es interesante señalar los puntos de contacto entre estos nuevos
enfoques del análisis del discurso y los viejos criterios de la filología
y la estilística surgida en el seno de la escuela española de Menéndez
Pidal. Existe una primera evidencia: el análisis del texto no puede
limitarse a testimoniar un ‘estado de lengua’ y suponer su datación.
Su objetivo final es la interpretación del sentido del texto. El análisis
del discurso puede contribuir a dilucidarlo: el sentido depende de
las relaciones que se establecen entre enunciador y enunciatario
en función del contexto pragmático creado por el autor. Por ejemplo,
ese contexto es fundamental para interpretar el fondo temático, de
carácter político y jurídico, que existe en el Cantar de Mio Cid. Menéndez Pidal fue el primero en advertirlo.
Aspectos como los mecanismos de progresión del discurso o las
manifestaciones verbales de la cohesión y de la coherencia han de
ser estudiados en diacronía. La historia de la lengua se enriquecerá
así con la descripción sistemática de mecanismos verbales, que han
sufrido un cambio sustancial a lo largo de la historia. En esta ponencia se analizará en algunos testimo­nios medievales y clásicos
la evolución en las formas de organización del discurso, que son,
en definitiva, cambios lingüísticos en íntima relación con los cambios ideológicos de una sociedad. Este análisis confirma, a mi juicio, la complementariedad entre el análisis discursivo de los textos
medievales y el ‘modus interpretandi’ pidaliano, aportando nuevas
perspectivas a la interpretación textual y a la historia de la lengua.
Wulf Oesterreicher (München)
Glanz und Elend romanischer Sprachgeschichtsschreibung
Die nationalgeschichtlich gestaffelte Entstehung der romanischen
Sprachgeschichten setzt eine Emanzipation vom Paradigma des
Komparatismus voraus, das mit der historisch-vergleichenden
219
Grammatik die Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert dominierte
(Auroux 2000). Romanischen Sprachgeschichten gelingt es so, sukzessive verschiedene Forschungsansätze zu synthetisieren und gewissermaßen einen Gegenentwurf zu präsentieren, der die Unzulänglichkeiten des jung­grammatischen, historisch-vergleichenden
Ansatzes zu überwinden sich vornimmt. Allerdings basiert dieser
Gegenentwurf in unterschiedlichem Maße auf der Unterscheidung
von interner und externer Sprachgeschichte.
Der Beitrag möchte herausstellen, dass in den großen romanischen
Sprachgeschichten jedoch latent massive teleologische Vorstellungen wirksam sind, die nicht allein das vorrangige Interesse an
der Herausbildung der Standardsprachen bestimmen, sondern
gerade auch aus einer ex post-Perspektive die entsprechenden historischen Zustände selektiv wahrzunehmen erlauben und sie gelegentlich sogar massiv deformieren. Ich habe hierfür den Begriff
der invertierten Teleologie entwickelt.
Die sprachgeschichtlichen Darstellungen leiden – für die Epochen vor der Durchsetzung der Standard­sprachen – vor allem an
der Nichtberücksichtigung der jeweiligen Kommunikationsräume, in denen teilweise konkurrierende Ausbau-Idiome existieren,
die gerade (noch) keine Dialekte der späteren Nationalsprachen
sind. Letztlich sind die sich ergebenden Widersprüche und Lücken
aber Resultate einer mangelhaften Konzeptualisierung der geographischen und kommunikativen Räume, die vor­schnell auf die Verhältnisse des punto di arrivo (Vàrvaro 1972) der Nationalsprachenentwicklung bezogen werden bzw. diesen antizipieren. Schließlich
möchte ich zeigen, wie ich mir die Überwindung der letztlich unglücklichen Unterscheidung von interner und externer Sprachgeschichte vorstelle: eine neue Konzeptualisierung setzt begriffliche
Klarheit bezüglich der oben skizzierten Zusammenhänge voraus.
220
Thomas Krefeld (München)
Zur ‘Kontinuität’ in der romanischen Sprachgeschichtsschreibung
Der Umgang mit der Kontinuität lässt tief blicken: Er offenbart
ganz unmissverständlich die (oftmals unausgesprochene und gelegentlich wohl geradezu unaussprechliche) historische Grundauffassung eines Romanisten, denn es gibt nur wenige Bereiche, in
denen sprachliche Evidenz und sprach­wissenschaftliche Fragwürdigkeit sich in einer derartig trügerischen, scheinbaren Selbstver­
ständlichkeit verbinden. Dies gilt zunächst für die zeitliche Kontinuität und betrifft insbesondere die Art und Weise wie aus mehr
oder weniger spurenhaften Textbelegen Anfänge von ‘Nationalsprachen’ konstruiert werden. Hinzu kommt sodann in der räumlichen Dimension die unkontrollierte Be­liebigkeit, mit der die (syntopische) Kontinuität am Ort/in einer Region und die (diatopische)
Kontinuität zwischen benachbarten Orten/Regionen bei der Rekonstruktion ausdrücklich zu Grunde gelegt oder aber – ganz im
Gegenteil – ausgeblendet werden. Ein Blick in die kanonischen Ge­
schichten des Französischen, Spanischen und Italienischen zeigt,
dass es sich keineswegs um einen spezifisch rumänischen Komplex
handelt.
Christian Timm (Leipzig)
Zur Berücksichtigung des Varietätengefüges in der Sprachgeschichtsschreibung
Eine der wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit der Schreibung
von Sprachgeschichte betrifft die Untergliederung ihres Untersuchungsgegenstandes. In der historischen Sprachanalyse handelt es
sich hierbei um die Periodisierung von Sprachgeschichte, deren
wesentliche Aufgabe in der Syste­matisierung und Strukturierung
der historischen sprachlichen Entwicklungen zu sehen ist, um die
Erkenntnisse später in didaktisch aufbereiteter Form darstellen zu
können. Bei einem Blick auf die verschiedenen Sprachgeschichten
der einzelnen romanischen Sprachen wird jedoch offensichtlich,
221
dass die Anzahl der Perioden mitunter deutlich variiert. Im Spanischen wie auch im Französischen beispielsweise stehen sich zweiund dreigliedrige Modelle für die Periodisierung der Sprachgeschichte gegenüber, wobei erstere Altfranzösisch resp. Altspanisch
und modernes Französisch resp. modernes Spanisch polarisieren,
letztere sind um die Zwischenstufe des Mittel-französischen resp.
Mittelspanischen erweitert. Die Verschiedenheit der Kriterien, die
der Periodi­sierung zugrunde gelegt werden, die zwangsweise auch
zu stark divergierenden Abgrenzungen der einzelnen Epochen bei
den Modellen führen, dürften hierfür verantwortlich sein.
Für die Periodisierung der italienischen Standardsprache schlägt
Krefeld (1988) nicht zuletzt aufgrund der Besonderheiten ihrer
Entwicklung und Herausbildung eine alternative Herangehensweise vor: Die Geschichte der italienischen Standardsprache wird
nicht als solche gegliedert, sondern die historischen Epochen ihres
Zusammenspiels mit den zahlreichen romanischen Dialekten auf
der italischen Halb­insel werden fokussiert und die verschiedenen
Perioden dieses Diasystems bestimmt. Dieser Ansatz scheint sehr
erfolgversprechend zu sein und soll auf die Geschichte weiterer
romanischer Sprachen an­gewandt werden.
Raymund Wilhelm (Heidelberg)
Regionale Sprachgeschichte als Geschichte eines mehrsprachigen Raums:
Perspektiven einer Sprachgeschichte der Lombardei
Die traditionelle italienische Sprachgeschichtsschreibung interessiert sich in erster Linie für die Prozesse der sprachlichen ‘Vereinheitlichung’, d.h. für die Durchsetzung des Italienischen als
verbindlicher Standard- oder Nationalsprache in den einzelnen
Regionen. Demgegenüber soll in diesem Beitrag am Beispiel der
Lombardei das Funktionieren mehrsprachiger Gesellschaften in
ihrer historischen Dynamik fokussiert werden. Mehrsprachigkeit
erscheint dabei nicht etwa als eine krisenhafte Situation, die geradezu notwendig nach einer Überwindung streben würde, viel222
mehr beruht sie auf einem oftmals erstaunlich stabilen sozialen
Konsens, aufgrund dessen den einzelnen Sprachen oder Varietäten
unterschiedliche Funktionsbereiche zugewiesen werden.
Drei Stationen einer Sprachgeschichte der Lombardei sollen dabei
beispielhaft herausgegriffen werden:
Die Schreibtraditionen des mailändischen volgare (Ende 13. – Anfang 16. Jh.): Vor dem Hinter­grund der immer wieder beschriebenen ‘Toskanisierung’ der lombardischen Koiné soll hier vor
allem das Auftreten dialektaler Innovationen herausgestellt werden;
insbesondere in den Texten des 15. Jahrhunderts vermag die mailändische Schreibtradition geradezu gegenläufige sprach­historische
Dynamiken abzubilden.
Das Spanische in der Lombardei (16. – 17. Jh.): Die spanische
Herrschaft bringt eine massive Präsenz des Spanischen im Herzogtum Mailand mit sich; von Interesse ist dabei weniger die Verwendung von Hispanismen als vielmehr das Nebeneinander der
unterschiedlichen Sprachen (Spanisch, Italienisch, lombardischer
Dialekt) in einzelnen Kommunikationsbereichen wie der Verwaltung, dem Theater, dem Erbauungsschrifttum.
Die poetische Tradition des mailändischen Dialekts (17. – 20.
Jh.): Seit dem 17. Jahrhundert besitzt das Mailändische eine prestigeträchtige dichtungssprachliche Tradition, die bis heute eine
we­sentliche Identifikationsfläche für das regionale Selbstverständnis bildet; die dichtungssprachliche Verwendung erlaubt die historische Aufarbeitung einer Dialektvarietät, die sich immerzu in
Abgrenzung gegenüber anderen Sprachen, wie insbesondere dem
Italienischen, definiert.
Die drei skizzierten historischen Momente sollen hier für die Methodenreflexion nutzbar gemacht werden. Dabei wird ein sprachhistorisches Modell angestrebt, das die Integration zumindest der
drei folgenden Fragekomplexe erlaubt: (a) die interne Geschichte;
(b) das Zusammenspiel unter­schiedlicher Sprachen oder Varietäten; (c) die Geschichte von Diskurstraditionen.
223
Sergio Lubello (Salerno)
La storia della lingua italiana: nascita, evoluzione e prospettive di una
disciplina
La Storia della lingua italiana è disciplina relativamente giovane: la
prima istituzione di una cattedra di Storia della lingua italiana risale
al 1938 presso la Facoltà di Lettere di Firenze, mentre la prima
trattazione al 1960, anno di pubblicazione della Storia della lingua
italiana di Bruno Migliorini.
La relazione intende:
presentare gli inizi scientifici della disciplina nel secondo Ottocento (periodo in cui in Europa si affermano le scienze del linguaggio e la grammatica storico-comparativa) e quindi il rapporto tra il
paradigma neogrammaticale (la Sprachgeschichte di Paul si risolve di
fatto nella grammatica storica) e il ritardo di una trattazione di storia della lingua italiana, tra tentativi non riusciti, abbozzi e progetti
incompiuti (significativo il titolo di un noto lavoro del 1972-73 di
AlbertoVàrvaro, Storia della lingua: passato e prospettive di una categoria
controversa)
l’evoluzione della disciplina anche grazie a modelli stranieri (su tutti fu fondamentale la com­parsa tra il 1896 e 1899 de L’Histoire de la
langue française di Ferdinand Brunot con il binomio, da allora canonico, di histoire externe – histoire interne)
le prospettive attuali: dalle ottime trattazioni manualistiche a studi
specifici e settoriali, aperti finalmente alla sintassi e alla testualità
dell’italiano antico, la disciplina si caratterizza in fondo come “ancor giovane ed in parte magmatica, ma per ciò stesso ancora capace
di irradiare energia vitale” (Alfredo Stussi, Storia della lingua italiana:
nascita d’una disciplina, in SLE, I, 5).
224
Hans-Martin Gauger (Freiburg)
Walther von Wartburgs ‘Évolution et structure’ wiedergelesen
Walther von Wartburgs Évolution et structure de la langue française, „mit
bewundernswerter Klarheit geschrieben“ (so Gerhard Rohlfs),
erschien zuerst 1934 in Leipzig, von der 3. Auflage an (1946) in
Bern.
Herauszuarbeiten sind: 1. die Ausrichtung auf ein allgemeineres
Publikum („gens cultivés“), 2. die Reduktion, bei Zulassung einiger
„vues nouvelles et idées personnelles“, auf „les faits connus depuis
longtemps“ und also auf das bloße Darlegen („présenter, non pas
démontrer“), 3. die Saussuresche Anlage (4 synchronische Kapitel: Altfranzösisch, 16. Jahrhundert, „français moderne“ – somit
17. Jahrhundert bis zum „état actuel“ – und 3 diachronische, die
„les mouvements“ aufzeigen „qui ont fait de la langue de Virgile
celle de Gustave Flaubert“), also das „Ineinandergreifen von historischer und deskriptiver Sprachwissenschaft“ (so ein Titel Wartburgs schon von 1931), 4. die Aufnahme durchaus Vosslerischer
oder ‘externer’ Elemente („les rapports entre l’évolution morale,
politique, sociale, littéraire et les tendances générales qui régissent
la vie de la langue française“).
Jochen Hafner (München)
Das Zeitalter der französischen Klassik im Spiegel von Ferdinand Brunots
‘Histoire de la langue française’
Die historiographische Aufarbeitung und Darstellung der französischen Klassik stellt einen wichtigen, zugleich aber nicht unproblematischen Teil im sprachhistorischen Werk Ferdinand Brunots
dar. Neben einer kritischen Würdigung von Brunots umfangreichen Arbeiten zum 17. Jahrhundert soll auch ein Einblick in
seine Arbeitsweise gegeben werden. Dabei lässt sich zeigen, dass
die Histoire de la langue française unmittelbar an Brunots eigene Vorarbeiten anknüpft. Abschließend soll der Frage nachgegangen
225
werden, inwiefern Brunots Darstellungen als diskursive Matrix für
das sprachhistorio­graphische Arbeiten nach Brunot dienten und in
welch starkem Maße die französische Sprach­geschichtsschreibung
über lange Jahre hinweg in direkter Abhängigkeit von Brunots
Werk stand.
Gerda Haßler (Potsdam)
Normierungsdiskurse in der Sprachgeschichte und der Historiographie der
Sprachwissenschaft. Das Beispiel der Remarqueurs
Dass sich Forschungen zur Sprachgeschichte nur mit Vorsicht auf
Texte zur Normierung stützen sollten, ist eine zweifellos richtige
methodologische Prämisse. Ebenso wenden sich auch Historio­
graphen der Sprachwissenschaft eher selten dem Ablauf der Normierungen zu. Gibt man jedoch die Selbstbeschränkung beider
Disziplinen auf, so erweisen sich Normierungsdiskurse als ein
Forschungs­gegenstand, der wechselseitig Fragen aufwirft.
Am Beispiel der Remarqueurs soll versucht werden, die Entwicklung
eines Normierungsdiskurses zu verfolgen. Die Bezeichnung Remar­
queurs lehnt sich an Vaugelas’ Remarques sur la langue française und die
in deren Folge entstandenen Texte an. Wie neuere Forschungen
zeigen, kann dabei von einer zeitlichen Kontinuität über vier Jahrhunderte ausgegangen werden, die sich an Formen und Strukturen
der zum Normierungsdiskurs gehörenden Texte nachweisen lässt.
Eine Reihe von Autoren schafft mit ihren Äußerungen über den
Sprachgebrauch und ihren Normierungsvorschlägen eine kollektive Dyna­mik, die zu passionierten Diskussionen und Polemiken,
aber auch zu Theoretisierungsversuchen führte.
Doch was lässt sich aus den Remarques für die Geschichte der Sprache ableiten? In welcher Be­ziehung stehen sie zu den Grammatiken
der jeweiligen Zeit? Welchen soziokulturellen Heraus­forderungen
entsprachen und entsprechen die Remarqueurs und was bestimmt
ihre Identität? Neben der Heterogenität der Remarqueurs als Gruppe ist dabei auch die von jeder epistemologischen Fundierung fer226
ne Diversität ihrer Textproduktion zu berücksichtigen. Als Charakteristikum der Remarqueurs kann ein ‘Dialog’ mit der sprachlichen
Erfahrung angesehen werden, der zum Bestand­teil der grammatischen Deskription wurde und auf komplexe Weise in die Kodifizierung der Norm einging.
Johannes Kabatek (Tübingen)
Otra historia de las lenguas ibero-románicas (y no-románicas): en torno a la
actualidad de una vieja idea
Existe en la actualidad un cierto consenso sobre algunas características de la historiografía lingüística que hay que superar: en primer lugar, la concepción teleológica que habría llevado una lengua
nacional al lugar que ‘justificadamente’ le corresponde; se intenta
buscar una alternativa a una historia de la lengua que es poco más
que el espejo de la historia de la literatura, trabajando de manera
especializada sobre aspectos particulares, reemplazando la obra de
individuos por el trabajo en equipo (Cano 2004, y los proyectos
dirigidos por Company para el español o Pérez Saldanya para el
catalán).
Esta tendencia hacia una creciente especialización es necesaria,
pero deja la síntesis de los diferentes aspectos en manos del receptor, cuya capacitación para ello es muy variada. Además, por
mucho que se incluyan aspectos de lenguas vecinas o de lenguas
que influyeron sobre la lengua en cuestión, el objetivo de tales empresas suele ser unilingüe, es decir, acostumbra a consistir en la
descripción de la historia de una lengua, quizá con alusiones a tendencias universales, pero perdiendo de vista a veces la perspectiva
de un conjunto cultural o tipológico de estrecha relación mutua.
Pensamos, por lo tanto – y presentaremos ejemplos y muestras
de ello – que para complementar los grandes proyectos de equipo
son necesarias, en la actualidad, obras de síntesis, combinando las
referencias a los estudios detallados con grandes líneas de evolución, paralelismos, rasgos comunes y distintivos. Algo semejante a
227
lo que Antonio Tovar había presentado a finales de los años sesenta (Tovar 1968), pero teniendo en cuenta lo que sabemos ahora,
después de tantos trabajos importantes publicados en los últimos
decenios.
Julio Arenas Olleta (Madrid/München)
Pugna de normas y cuña castellana. Sobre las imágenes de fuerza en la
historiografía de la lengua de Menéndez Pidal
Más allá de la importancia de la metáfora como mecanismo cognitivo general (Lakoff/Johnson 1980), se ha señalado su valor ‘epistémico’ dentro del discurso científico, como medio para concretar
elementos abstractos o procesos difíciles de describir (Swiggers
1990). La implantación del paradigma de la lingüística histórica
conlleva la puesta en circulación hasta nuestros días de imágenes
acuñadas o redefinidas en la nueva disciplina científica como familia
de lenguas, lengua madre, nacimiento y muerte de una lengua, etc. (Krefeld
2004). En espera de la publicación de la *Historia de la lengua, es
en la gran síntesis de Orígenes del español, donde Pidal nos ha dejado las páginas más importantes de su pensamiento lingüístico. En
esta obra la perfecta articulación de una cantidad abrumadora de
datos conduce a la elaboración de sucesivas explicaciones sobre
la fijación de determinados rasgos de ‘la lengua’, sobre todo en
su nivel fonético. Como corolario, se presenta un planteamiento
general geográfico-cronológico sobre el comportamiento de los
dialectos ibéricos en la época de orígenes, que queda dibujado en
términos de confrontaciones de fuerzas, de luchas de unas soluciones
con otras dentro de un mismo dialecto en un periodo determinado
y de abierta batalla entre algunos dialectos, en la que uno de ellos,
el castellano, está llamado a descuajar la unión lingüística de fondo
mozárabe entre este y oeste y a borrar los dialectos mozárabes al
sur del Duero, obrando como una cuña, clavada al norte, que pene­
tra hasta Andalucía. En esta comunicación, además de delimitar
el alcance estrictamente teórico del concepto de pugna de normas,
228
intentaremos precisar las implicaciones que el recurso continuado
a este tipo de imágenes tienen en la visión pidaliana de la historia
lingüística peninsular.
Roland Schmidt-Riese (München)
Nebrija y Pastrana – héroe y antihéroe. De cómo la historiografía se vuelve
cómplice de los autores posteriores
Nebrija se conoce en el presente, ante todo, como el autor de la
Gramática castellana, pero en su época como el de las Introductiones
latinae. He aquí un primer desajuste que hay que tener en cuenta en
la operación hermenéutica. Nebrija es, además, en su época y en
la nuestra igualmente conocido, quizá un poco más todavía en su
época, pero más controvertido también. El proyecto de Nebrija es
de revolución cultural: introducir las buenas letras en España. Este
su proyecto cuenta con adversarios y en contra de los adversarios
se perfila. Uno de ellos es Pastrana, adversario muerto. Nebrija
pretende sustituir los manuales de aprendizaje del latín de Pastrana,
ampliamente difundidos, por el propio, las Introductiones. Logra esta
meta, aunque de manera menos espectacular y fulminante de la
que se pretende. Para estimar lo que pasa, hay que tomar en serio
las estadísticas de difusión y de imprenta, así como las diferencias
objetivas que corren de un manual a otro. También ver cómo se
ubican los procedimientos que aplica cada uno en la cronología y
la tradición. La complicidad con Nebrija así queda puesta en tela
de juicio. Pues por más que seamos continuadores de la revolución
que inició, no es forzoso serlo de su retórica a la par. Por el contrario, habrá que cuestionar el concepto mismo de revolución y
nuestra participación en sustentarlo.
229
Marta Fernández Alcaide (Sevilla)
Documentación privada del Siglo de Oro español y la historiografía
lingüística
En los últimos años, han sido frecuentes las llamadas de atención
de los historiadores de la lengua acerca de la necesidad de atender,
dentro de los estudios diacrónicos, a textos que no pertenecen al
ámbito literario ni al historiográfico. En ese sentido, la reciente Hi­
storia de la lengua española (Cano 2004) supone un avance importante
en esta sección de la investigación lingüística.
En este trabajo nos proponemos presentar un corpus de documentación privada del siglo XVI, que constituye un ejemplo de lo
que se ha venido denominando “competencia escrita de impronta
oral”. El análisis de los documentos, en comparación con otros
estudios realizados partiendo de las gramáticas de la época, puede
aportar datos interesantes a la historia de nuestra lengua, no sólo
desde el punto de vista de los rasgos lingüísticos en sí mismos, sino
también desde el punto de vista de las variedades diastráticas y diatópicas, que no siempre se tienen en cuenta, dado que este amplio
corpus constituye un reflejo de la sociedad de la época.
Para constatarlo, nos centraremos en alguno de los cambios gramaticales más interesantes en este periodo, aportando asimismo los
datos que otros estudiosos han señalado, basándose en las gramáticas o en los textos literarios. Lo que nos parece más relevante, sin
embargo, no son estos datos que pueden o no cambiar –quizá sí
enriquecer– la historia de la lengua que conocemos, sino la importancia que su introducción en la investigación y en la historiografía
lingüística puede y debe tener para la metodología de los estudios
diacrónicos de la lengua.
230
Maria Selig (Regensburg)
‘Plattlatein’, ‘Volkslatein’, ‘Vulgärlatein’. Konzeptualisierungen sprachlicher
Variation in den Anfängen der Romanistik
Die Geburtsstunde der Romanistik schlug bekanntlich, als Friedrich Diez in seiner Grammatik der romanischen Sprachen (1836-1844)
den Nachweis führt, dass die romanischen Sprachen gleich­rangige
Weiterentwicklungen des „niedern Lateins des Volkes“ sind. Diez
postulierte damit als gemeinsamen Ursprung der romanischen
Sprachen eine Sprachform, die parallel zur klassisch-lateinischen
Literatursprache existiert haben musste. Anders als für die germanistische oder gar die indogermanische Sprachwissenschaft war
für die Romanistik die Anerkennung einer sprachinternen Variation also konstitutiver Bestandteil der historisch-vergleichenden
Sprachforschung.
Zweifellos kann in dieser frühzeitigen Konzeptualisierung sprachinterner Variation die Avantgarde­funktion der romanistischen
Sprachwissenschaft gesehen werden. Bei näherer Analyse der in
den An­fängen der Romanistik von Friedrich Diez, aber auch von
August Friedrich Pott, August Fuchs oder Hugo Schuchardt vorgeschlagenen Definitionen des ‘Vulgärlateins’ werden aber auch
die großen Schwierigkeiten sichtbar, sprachinterne Variation unter
den Bedingungen des die Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts
dominierenden organizistischen Sprachbegriffs zu denken.
Annette Endruschat (Trier/München)
‘Neue’ älteste Schriftdokumente des Portugiesischen und die ‘Geburt’ des
Portugiesischen
In den vergangenen Jahren ist durch die Analyse früher Texte die
Diskussion um den ältesten portu­giesischen Text neu entfacht
worden. Immer wieder wurden ‘neue’ älteste Sprachdokumente in
portu­giesischer Sprache vorgestellt. Dabei gehen die Auffassungen
231
darüber, was ein Text ist und vor allem, was ein Text in portugiesischer Sprache ist, weit auseinander.
Angesichts der Datenlage und im Vergleich mit den Schriftzeugnissen in anderen romanischen Sprachen scheint es angebracht, von
einem Kontinuum, d.h. von einem allmählichen Ablösungsprozess
des Portugiesischen vom Lateinischen auszugehen. Bei dieser Ablösung spielt nicht nur die jeweils zugrunde liegende (distanz- versus nähesprachliche) Konzeption eine wesentliche Rolle, sondern
auch die Gattung der betrachteten Texte.
An ausgewählten Texten aus dem 9.-13. Jahrhundert und anhand
einiger sprachlichen Parameter (Gebrauch von Präpositionen und
Kasusverfall, Deklinationsmuster, Wortstellung) soll gezeigt werden, wie sich allmählich portugiesische Strukturen durchsetzen
und dass es kaum möglich ist, die ‘Geburtsurkunde’ des Portugiesischen zu finden.
Konstanze Jungbluth (Saarbrücken/Tübingen)
Das Rinnsal der schriftlichen Überlieferung. Gewissheiten und Desiderata
der katalanischen Sprachgeschichtsschreibung
Begründet durch ihr philologisches Erbe ist die katalanische
Sprachgeschichtsschreibung ähnlich wie die anderer romanischer
Sprachen traditionell sehr stark an literarischen Texten orientiert.
Zwei Gründe haben dazu geführt, dass in jüngerer Zeit auch andere Überlieferungen unter sprach­wissenschaftlicher Perspektive
ausgewertet wurden. Einerseits bestand der Wunsch, die ‘Lücke’ in
der katalanischen Sprachgeschichtsschreibung zu schließen, die das
16.-18. Jahrhundert umfasst, namentlich die so genannte Decadèn­
cia. Andererseits wendete sich der Blick der Linguisten von den
literarischen Texten ab und berücksichtigte zunehmend beispielsweise historische, juristische und ‘alltägliche’ Textsorten, wie Briefe
und autobiographische Zeugnisse der sogenannten semi-cultes.
Ein kurzer Überblick über die vorliegenden Gesamtdarstellungen
zur katalanischen Sprachgeschichte soll überleiten zur exempla232
rischen Vorstellung einiger neuerer Arbeiten, die sich bemühen,
die sprachlich-diskursive Wirklichkeit, die uns überliefert ist, in
ihrem historischen Wandel zu erfassen, der durch eine die Einzelsprachen überdachende Kontinuität einerseits und durch Brüche
andererseits charakterisiert werden kann.
An einem konkreten Beispiel möchte ich schließlich zeigen, dass
die in Alteuropa in der romanischen Welt entwickelten Textmuster
auch in der Neuen Welt praktiziert wurden, so dass Manuskripte
dies­seits und jenseits des Atlantiks darauf warten, transkribiert
und ausgewertet zu werden, um unser Wissen um die Vielfalt des
jeweils einzelsprachlich gebundenen Sprachgebrauchs nicht zuletzt
unter interdisziplinären Gesichtspunkten zu erweitern.
Rudolf Windisch (Rostock)
Die ersten Grammatiken des Rumänischen und die Şcoala Ardeleană im
18./19. Jahrhundert
Die ‘Siebenbürgische Schule’ (rumän. Şcoala ardeleană) mit ihren
Vertretern Samuil Micu-Clain (1745-1806), Gheorghe Şincai (17541816) und Petru Maior (1754-1821), Gelehrte (Altphilologen) und
Theologen, wird in Rumänien als Beleg für die von Westeuropa
herüberreichende Aufklärung bewertet. Die Lebensbedingungen
der unter österreichisch-habsburgischer Herrschaft (Joseph II, bis
1790; Leopold) stehenden Rumänen waren denkbar schlecht: im
Konzert der 3 ‘Staatsnationen’ (deutsche) Sachsen, Ungarn und
(ungarische) Szekler verfügten sie über keinerlei staatsbürgerliche
Rechte; Amts- und Verwaltungssprache im ungarisch-siebenbürgischen Gubernium war Deutsch. Die Rückbesinnung dieser ‘Latinisten’ auf die Latinität des Rumänischen führte – anders als im
Westen der Romania – nicht zu einer Emanzipation, sondern gerade zur Demonstration der Dignität der eigenen Sprache, des Rumänischen, zur Lösung vom slawischen Einfluss, als Anstoß zur
nationalen Emanzipation auch in kultureller Hinsicht.
233
Iris Bachmann (Manchester)
Kreolsprachen: ein Grenzfall in der Sprachgeschichte?
Kreolsprachen haben als linguistisches Ausnahmephänomen Geschichte gemacht. In der öffentlichen Meinung wurden sie meist
als Kauderwelsch oder Jargon abgetan. Die historisch-vergleichende Grammatik analysierte sie als Derivate der europäischen
Lexifizierersprachen und integrierte sie damit als Beispiele einer
diskontinuierlichen oder gebrochenen Entwicklung einer Sprachgeschichte. Der amerikanische Strukturalismus schließlich betonte
ihre Naturalisierung als muttersprachliche Weiter­entwicklung eines
Pidgins, eine Vorstellung, die schließlich in Bickertons These von
der Aktivierung eines Bioprogramms kulminierte. Dabei dienten
Kreols letztlich stets dazu, als Ausnahmen die Regel jeweiliger linguistischer Konzeptualisierungen zu bestätigen.
In meinem Vortrag werde ich eine sprachwissenschaftsgeschichtliche Analyse nutzen, um die kon­zeptuellen Grenzbereiche aufzuzeigen, in denen die Kreolistik stets angesiedelt war. Auf diese
Weise hoffe ich Aufschluss zu geben, wie dieses Potential des Zwischenraums positiv zu nutzen wäre, um traditionelle Vorstellungen
von Sprache und Sprachgeschichte kritisch zu hinterfragen.
234
Romanistik bei Stauffenburg
Zibaldone
Zeitschrift für italienische Kultur der
Gegenwart
Herausgegeben von Thomas Bremer
und Titus Heydenreich
No. 39 / Frühjahr 2005
Blut im Chianti? Italiens Krimi heute
EUR 12,00 / SFr 21,80
ISBN 3-86057-978-9
Henning Krauß / Till R. Kuhnle /
Hanspeter Plocher (Hrsg.)
17. Jahrhundert – Theater
Stauffenburg Interpretation:
Französische Literatur,
2003, 291 Seiten
EUR 20,50 / SFr 37,00
ISBN 3-86057-902-9
No. 40 / Herbst 2005
Cantautori: Liederdichter in Italien
Mit CD
EUR 12,00 / SFr 21,80
ISBN 3-86057-979-7
lendemains Heft 113
Alexandre Kostka (Hrsg.)
Gerhard Wild
Kunst- und Kulturtransfer um 1900
Cahiers lendemains, Band 2, 2005,
200 Seiten
EUR 35,00 / SFr 62,00
ISBN 3-86057-691-7
Interkulturelle Ästhetik im Werk
Alejo Carpentiers
Siegener Forschungen, 2004, 390 Seiten
EUR 76,00 / SFr 130,90
ISBN 3-86057-537-6
Anke Dörner
Jens Lüdtke
Leonardo Olschki: ein jüdischer Romanist zwischen Integration und Emigration
Romanica et Comparatistica, Band 38,
2005, XII, 346 Seiten
EUR 58,00 / SFr 100,30
ISBN 3-86057-088-9
Inhaltlich – diachronisch – synchronisch
2005, 460 Seiten
geb. Ausgabe: EUR 49,50 / SFr 86,30
ISBN 3-86057-993-2
kart. Ausgabe: EUR 33,00 / SFr 56,80
ISBN 3-86057-994-0
Paris – Weimar/Weimar – Paris
„La vita spezzata“
Laïcité und Islam in Frankreich
2004, 144 Seiten
EUR 14,30 / SFr 25,00
ISBN 3-86057-976-2
Paraphrasen der Alten Welt
Romanische Wortbildung
Stauffenburg Verlag Brigitte Narr GmbH
Postfach 25 25 D-72015 Tübingen www.stauffenburg.de
Sektion 12
Il Teatro italiano del Cinquecento e Seicento e la ricezione europea
Leitung: Rolf Lohse (Göttingen)
Programm
Montag, 26.09.05
Strutture spaziali, movimento e il comico – La lingua del teatro
Strutture spaziali, movimento e il comico
9.00 Uhr
Rudolf Behrens (Bochum)
Zum Verhältnis von Bühnenarchitektur, Hand-
lung, Komik und räumlicher Sinndimension
9.45 Uhr
Esther Schomacher (Bochum)
Spiel-Raum Haus. Die Aneignung des häuslichen Raumes und die Subversion sozialer Codes in ausgewählten Komödien des 16. Jahrhunderts
14.00 Uhr
Eva Erdmann (Erfurt)
Komik und Bewegung im Theater des 17. Jahrhunderts
La lingua del teatro
14.45 Uhr
Tatiana Bisanti (Saarbrücken)
Gli Ingannati (1531): plurilinguismo teatrale e ricezione europea
16.00 Uhr
Piero Trifone (Siena/Rom)
La parola dell’istrione. Grammatica e retorica del teatro rinascimentale
16.45 Uhr
Marco Gargiulo (Siena)
Il Granchio e La Spina. La lingua di Lionardo Salviati a teatro
Dienstag, 27.09.05
Dimensione interculturale ed internazionale del teatro italiano:
Espagna, Francia, Germania, Croatia
236
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Ludger Scherer (Bonn)
Niccolò Machiavellis Komödien und ihre Rezeption in Spanien
Daniela Dalla Valle (Torino)
La presenza del teatro di Torquato Tasso nella cultura francese cinque-secentesca. Vion d’Alibray
Laura Rescia (Trento)
Il Candelaio (1582) di Giordano Bruno nelle traduzioni francesi di primo ‘600: ricezione del testo e strategie traduttive
Günter Berger (Bayreuth)
Ruzante in Frankreich und Deutschland / Ruzante in Francia e in Germania
Lada Cale Feldman (Zagreb)
L’autore croato Marino Darsa e l’autocoscienza teatrale nel cinquecento
Monica Pavesio (Torino)
L’intermediazione della commedia dell’arte nel passaggio in Francia di alcuni intrecci del teatro spagnolo secentesco
Mittwoch, 28.09.05
La pastorale
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Daniela Sautter (Tübingen)
Der Übergang von der Pastoraltradition des Cinquecento zum venezianischen Opernlibretto im Seicento
Andrea Grewe (Osnabrück)
Nel regno di Silvia. La presenza del dramma
pastorale italiano nel teatro comico francese tra Seie Settecento
237
Donnerstag, 29.09.05
Tragedia – sperimentalismo
9.00 Uhr
Birgit Neff (Stuttgart)
Giovan Battista Giraldi Cinzio und sein Beitrag zur italienischen Tragödie des 16. Jahrhunderts - in Theorie und Praxis
9.45 Uhr
Rolf Lohse (Göttingen)
Lo sperimentalismo nel dramma del Cinquecento
Abstracts
Rudolf Behrens (Bochum)
Zum Verhältnis von Bühnenarchitektur, Handlung, Komik und räumlicher
Sinndimension
(Abstract lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.)
Esther Schomacher (Bochum)
Spiel-Raum Haus. Die Aneignung des häuslichen Raumes und die
Subversion sozialer Codes in ausgewählten Komödien des 16. Jahrhunderts.
Eine ganze Reihe von Komödien des 16. Jahrhunderts stellt das
bürgerliche Haus in das Zentrum einer spatial sich auffächernden
Handlung. Die von Beginn an räumlich determinierten Intrigen
mancher dieser Komödien zielen z.B. darauf ab, die gattungstypischen Liebeshändel durch das Einschleusen des jugendlichen
Liebhabers in das Haus des Vaters der begehrten jungen Frau
glücklich aufzulösen. Dies impliziert eine Aneignung der mit einer spezifischen Semantik versehenen Räumlichkeit des Hauses,
die wiederum die Richtung der komödiantischen Handlungsdynamik vorgibt (dieser Grundstruktur folgen z.B. Ariosts I Suppositi;
Oddis L’Erofilomachia, Della Portas La Fantesca u.a.). Zum einen
subvertieren nämlich das verdeckte Einschleichen und die heim238
lichen Annäherungsversuche – immer räumlich als Versuche des
Zutritts inszeniert – innerhalb des Hauses dessen soziale Ordnung
und sind doch stets dem Risiko des Entdecktwerdens ausgesetzt.
Zum anderen steht das Haus in regem Austausch mit dem Außen
der umgebenden Stadt, die in diesen Komödien vornehmlich als
Kontingenzen und damit Störfaktoren produzierender Raum in
Erscheinung tritt, und dies ironischerweise im Gegensatz zu der in
der Bühnenarchitektur immer stillschweigend mitgeführten Konzeption der ‚città ideale’. Der Raum des Hauses erweist sich damit
als hochsensibles Terrain: Er unterliegt einer massiven Kontrolle
und Überwachung und eröffnet zugleich gerade durch die komplexe soziale Struktur des Casato und die räumliche Binnendifferenzierung Möglichkeiten, diese Kontrolle zu unterlaufen.
Im Haus überblenden sich dabei räumliche Position und soziale
Funktion: Die Aneignung des Raumes zielt letztlich auf die Aneignung einer sozialen Funktion. Umgekehrt verläuft das Ausfüllen
einer solchen Funktion auch immer über das “Ausfüllen” von Räumen. Eben dies macht den häuslichen Raum anfällig für vielfältige
Manipulationen, die sich den Figuren als Stimulantien für ihr Spiel
geradezu aufdrängen.
Dieser Zusammenhang zwischen spatialer und sozialer Aneignung
soll im Vortrag erstens vor dem Hintergrund der im 16. Jahrhundert florierenden, das Haus betreffende Traktatliteratur (Architekturtraktatistik, Hausväterliteratur, Ökonomik), erläutert werden.
Dabei sind insbesondere die Korrespondenzen in den Blick zu
nehmen, die sich zwischen Traktatistik und Komödie im Hinblick
auf zentrale Themenkomplexe, wie die Rolle des Hausvaters, den
sozialen Code der Ehre und den Bereich der Ökonomik, ergeben.
Des Weiteren soll dieser Zusammenhang in seinen Auswirkungen
auf die Rezeption der Komödie im höfischen Kontext dargestellt
werden. Hier wird es um die Erweiterung von Spannungs- und Differenzerfahrungen gehen, die sich aus dem Umstand ergeben, dass
239
für ein höfisches Publikum Verhaltensideale und deren Durchbrechung auf ein genuin bürgerliches Milieu projiziert werden.
Im Mitlesen der als ideal konzipierten Funktionen des Hauses und
der sozialen Rollen seiner Bewohner in der Traktatliteratur als ideologischem sottofondo der Komödien wird sich erweisen, dass gerade der diskursiv überdeterminierte Raum des Hauses sich dazu
eignet, ständisch definierte Rollen, Verhaltenskodices und Erwartungen im Spiel unterschiedlich zu perspektivieren und somit in
ihrer Geltungskraft zu suspendieren. Das Haus wird so als zweiter,
potenzierter Spiel-Raum innerhalb des Stückes und damit als Protoform des “Theaters im Theater” funktionalisiert.
Eva Erdmann (Erfurt)
Komik und Bewegung im Theater des 17. Jahrhunderts
Der Beitrag will die Entwicklung der Komik als szenisches Element im klassischen Theater des 17. Jahrhunderts nachvollziehen
und ihre europäischen Ressourcen rekonstruieren. Komik wird
dabei als ein unterhaltsam belustigender Effekt verstanden, der
auf solchen Darstellungen des Körpers im Bühnenraum fußt, die
von bekannten Körperformen und Bewegungen abweichen und
dadurch innovative Momente in das klassische Theater einbringen.
Der Import fremder Theaterformen nach Frankreich – wie beispielsweise der italienischen – scheint bereits ausreichenden Stoff
für die Produktion von „Komischem“ abzugeben.
Hervorgehoben werden soll in diesem Beitrag auch die Differenz
von einem burlesken, komischen Körper, der einem Publikum zum
Zweck des Verlachens vorgeführt wurde, und einer Körperkomik
oder einem Körperwitz, der zur Performanz eines selbständig agierenden Subjekts gehört, um mit körperlicher Geistesgegenwart in
Bühnenhandlungen einzugreifen. Es soll gezeigt werden, dass die
klassische Komik sich gattungsübergreifend in die verschiedenen
Theaterformen einfügt. Daher liefert die Komödie Molières ebenso Beispiele dieser neuen Komik wie Le Cid, Modell der tragischen
240
Form, wenn sich dort die Infantin und der König Don Fernando
als Dramaturgen aufführen, die das Schauspiel des Widerstreits
von Liebe und Ehre zwischen Chimène und Don Rodrigo mit körperlichen Mitteln lenken.
Tatiana Bisanti (Saarbrücken)
Gli Ingannati (1531): plurilinguismo teatrale e ricezione europea
Gli Ingannati (1531), opera composta a più mani nell’ambito
dell’Accademia degli Intronati di Siena, è fra le commedie italiane
del Cinquecento una di quelle che vanta la più grande popolarità
e la più vasta ricezione in ambito europeo. Tradotta in francese
da Charles Estienne (Les Abusez, 1543), recepita in Spagna, dove
vedono la luce la traduzione latina di Juan Pérez (Decepti) e quella
spagnola di Lope de Rueda (Los Engañados 1567), riscritta in latino
e messa in scena a Cambridge (Laelia, 1547), sarà infine rielaborata
dallo stesso Shakespeare in The Twelfth Night (1600-1601). Nel testo de Gli Ingannati si ritrovano costellati qua e là esempi singolari
del plurilinguismo teatrale cinquecentesco, affidati in particolare
al personaggio del pedante, topos caricaturale ormai fissato che
nel proprio enunciato alterna e contamina latino e italiano, e alla
figura dello spagnolo Giglio, dove il pastiche linguistico assolve ad
una funzione non solo comico-caricaturale, ma anche contestualizzante e polemica, a parziale smentita di quel distacco dagli eventi storico-politici eletto a criterio programmatico dagli Intronati.
L’intervento sarà dedicato innanzitutto all’analisi e alla valutazione
dei suddetti fenomeni di plurilinguismo, ma anche alla loro contestualizzazione in ambito italiano e al raffronto con le successive
riscritture in ambiente europeo.
241
Piero Trifone (Siena/Roma)
Questione della lingua e teatro nel Cinquecento
Il teatro moderno nasce nei primi anni del Cinquecento dall’innesto
della novellistica boccacciana sul tronco della tradizione classica
(Plauto e Terenzio in primis), e si sviluppa all’interno delle corti
delle grandi città rinascimentali, da Roma a Firenze, da Ferrara ad
Urbino, da Mantova a Venezia, con l’intervento di autori quali Ariosto, Machiavelli, Castiglione, Caro, Gelli, Aretino, Varchi, la cui attività è strettamente legata alle discussioni contemporanee intorno
ai codici letterari, linguistici e comportamentali.
Riflessi diretti di tali dispute si hanno significativamente nelle stesse
commedie cinquecentesche, ad esempio nella Vedova di Cini, dove
il napoletano Cola Francesco e il fiorentino Sennuccio si fronteggiano proprio sul terreno della ”questione della lingua”. Il primo,
con la vanagloria caratteristica dei personaggi partenopei, afferma
che i non fiorentini conoscono la lingua italiana meglio dei fiorentini: « Et sai perché? / Perché nui autri havimmo lo Boccaccio /
et lo Petrarca per mastri: ma vui / havite o le notriccie o le fantesche, o altra simil sorte di persone / ignorante». Come si vede, il
personaggio napoletano segue i dettami delle Prose della volgar lingua
di Pietro Bembo solo nelle enunciazioni teoriche, non nella prassi
linguistica, e presta il fianco con i suoi marcati dialettalismi a facili
ironie da parte dell’antagonista fiorentino.
Oltre che attraverso gli echi del dibattito cinquecentesco presenti
all’interno di alcune opere, il complesso e per tanti aspetti problematico rapporto tra questione della lingua e genere teatrale si esprime attraverso il tipo di considerazione riservata alla drammaturgia
nei trattati linguistici, attraverso l’atteggiamento delle grammatiche
e dei dizionari (fino al Vocabolario della Crusca) nei confronti dei
testi comici, attraverso i pressoché inevitabili compromessi tra
gli orientamenti teorici professati e le soluzioni pratiche escogitate dagli uomini di teatro. L’esame delle opere teatrali scritte dai
partecipanti alle discussioni sulla lingua, in particolare, consente di
242
verificare fino a che punto le scelte espressive corrispondono alle
affermazioni di principio.
Marco Gargiulo (Siena)
Il Granchio e La Spina. La lingua di Lionardo Salviati a teatro
Leonardo Salviati occupa un posto di rilievo nelle discussioni
attorno alla questione della lingua del secondo Cinquecento, vestendo i panni del conciliatore e di colui nel quale confluiranno le
diverse riflessioni sviluppatesi nel corso di un secolo di dibattiti.
Fondamentale sarà infatti, come è noto, la sua impronta negli sviluppi successivi delle teorizzazioni e delle scelte che porteranno
alla nascita del Vocabolario della Crusca e agli orientamenti del
canone linguistico dei secoli successivi.
In questo lavoro vogliamo occuparci della sua produzione teatrale
- due commedie, la prima, intitolata Il Granchio, del 1566 e ambientata a Firenze la seconda, intitolata La Spina, del 1592 e ambientata
a Genova - dando particolare rilievo alle caratteristiche della lingua
del Salviati per il teatro.
Ludger Scherer (Bonn)
Niccolò Machiavellis Komödien und ihre Rezeption in Spanien
Machiavellis Theater steht, auch was seine Rezeption in der Literaturwissenschaft angeht, ganz im Schatten der politischen Schriften,
insbesondere des berühmt-berüchtigten Principe. Vorliegende Studien beziehen sich primär auf Quellenfragen, eine mögliche Wirkungsgeschichte der Komödien Andria, La Mandragola und Clizia
wird kaum untersucht.
Der Vortrag skizziert zunächst Machiavellis an Terenz orientierte
Komödientheorie und geht dann der Frage nach, ob sich in Spanien, besonders im Siglo de Oro, eine Rezeption dieser Theorie (und
Praxis) nachweisen läßt, oder ob, wie so oft, die Kontroverse um
den Principe die Wahrnehmung Machiavellis dominiert. Ansatz243
punkte liefern u.a. Lope de Vegas El mejor maestro, el tiempo (1615),
El villano en su rincón (1617) und Fuenteovejuna (1619).
Daniela Dalla Valle (Torino)
La presenza del teatro di Torquato Tasso nella cultura francese cinquesecentesca. Vion d’Alibray.
Mi riprometto di analizzare il successo – estremamente ampio
– dell’Aminta nel teatro francese della fine del Cinquecento e soprattutto del Seicento: traduzioni, imitazioni, influenza sul genere
pastorale francese; e mi soffermerò poi sull’incrocio fra l’Aminta
e il Pastor Fido, con la ripresa particolarmente forte del testo guariniano.
Inoltre sposterò l’attenzione sulla presenza – molto più limitata
– del Torrismondo.
Entrambe le opere tassiane sono state tradotte in francese da Vion
d’Alibray, personaggio interessante e simbolico di un particolare
momento del teatro francese, ed è su queste traduzioni – o piuttosto ”interpretazioni” dei due testi tassiani – che si concluderà la
mia comunicazione.
Laura Rescia (Trento)
Il Candelaio (1582) di Giordano Bruno nelle traduzioni francesi di primo
‘600: ricezione del testo e strategie traduttive
Il Candelaio, la prima commedia di Giordano Bruno, fu completata
e pubblicata a Parigi nel 1582. Pur non venendo forse mai rappresentata, quest’opera conobbe sicura diffusione in Francia nella prima metà del XVII secolo, in modo particolare nell’ambiente del
libertinage érudit, e grazie al contributo di almeno due traduzioni anonime.
Della prima si conserva un manoscritto presso la Biblioteca Nazionale di Parigi, testimone che viene fatto risalire ai primi anni del
244
XVII secolo; la seconda viene invece pubblicata nel 1633 con il
titolo di Boniface et le Pédant.
La questione della lingua è un nodo centrale dell’intera filosofia
nolana, ma è nel Candelaio che Bruno manifesta piena consapevolezza della presenza nella lingua di registri diversi, un particolare
gusto per la dimensione ludica della parola, e un sicuro utilizzo della potenza della parola, posta al servizio di un’ideologia destinata a
fecondare la cultura francese della seconda parte del XVII secolo.
Il nostro studio intende dunque indagare come questa centralità
linguistica sia stata colta e restituita nelle traduzioni francesi della
pièce. Intendiamo consacrare un’attenzione particolare al lessico e
alla fraseologia del testo di partenza e di arrivo, comparando e ipotizzando relazioni tra queste traduzioni e gli strumenti lessicografici (monolingui, bilingui e plurilingui) che si stavano costruendo in
quegli anni in Francia. La nostra indagine ci permetterà di ricavare
elementi di riflessione e indizi sulle motivazioni di tali trasposizioni, nonché sul grado di penetrazione dei testi teatrali italiani nella
cultura francese, intesa anche nella sua nascente normatività linguistica.
Günter Berger (Bayreuth)
Ruzante in Deutschland / Ruzante in Germania
Die “Wiederentdeckung” Ruzantes in Italien nach dem 2. Weltkrieg hat in Deutschland bis heute ein vergleichsweise geringes
Echo gefunden. Dies gilt für praktisch alle Ebenen und Instanzen
der Rezeption: Übersetzungen, Aufführungen, Bearbeitungen,
Literaturkritik und Literaturwissenschaft. Selbst die Begeisterung
eines Dario Fo, über die Henning Klüver jüngst in Zibaldone (1999)
berichtete, hat dem Paduaner hierzulande nicht zu größerer Popularität verholfen.
Es wird zu fragen sein, ob Spezifika der frühen deutschen Rezeption wie die Übersetzungen des Parlamento (1961) und des Bilora
(1968) von Heinz Riedt in ein altertümelndes bäurisch angehauchtes
245
Dialektdeutsch oder die Fusion der Piovana und des Parlamento
zu einer 1967 in Halle aufgeführten “Volkskomödie” durch Armin Stolper nicht Ausdruck eines besonderen (Miss-)Verständnisses sind, das seinerseits eine nachhaltige Rezeption Ruzantes in
Deutschland eher behindert hat.
Lada Cale Feldman (Zagabria)
L’autore croato Marino Darsa e l’autocoscienza teatrale nel cinquecento
L’influsso del teatro italiano cinquecentesco sulla scena teatrale
ragusea dell’epoca, sopratutto nell’opera del suo autore più noto,
Marino Darsa (1508-1567), ex-rettore studentesco dell’università
di Siena, è stata ampiamente discussa. Tuttavia, la ricerca di parallelismi tra la ricca produzione drammaturgica italiana e gli spunti che
ne derivava Darsa non includeva l’interesse per lo sviluppo di un
procedimento destinato a diventare uno dei segni più marcati della
modernità teatrale inaugurata dal teatro cinque- e seicentesco: il teatro nel teatro. Tale procedimento, già presente nell’opera di Darsa
nelle sue diverse proto-manifestazioni, ma pienamente canonizzato
un mezzo secolo dopo nel stranoto esempio shakespeareiano dell
”Assassinio di Gonzaga” inserito nella tragedia Amleto, consiste di
uno sdoppiamento ontologico dello spazio teatrale volto a esplorare le funzioni e i limiti estetici e politici della finzione. Il ricorso
darsiano a tale strategia drammaturgica è rudimentale e sperimentale ma coerente, sostenuto dai vari altri riferimenti allo sdoppiamento dell’identità, alla duplicità morale e duplicità artistica, come
prova di un alto livello dell’autocoscienza dell’autore per quanto
riguarda il posto del teatro come pratica estetica e come metafora
dell’esistenza, sia nel mondo in generale che in un microcosmo
civile del Rinascimento quale Dubrovnik, la cui vita sociale era profondamente teatralizzata in se stessa. La mia indagine verterà sugli
eventuali contributi della drammaturgia italiana in questo riguardo,
nell’intento di spiegare come e perchè il teatro di Darsa riuscisse a
superare i limiti imposti dalla commedia umanistica Italiana, pro246
prio come lo avrebbe fatto Shakespeare nelle sue commedie dotate
di dimensioni metateatrali.
Monica Pavesio (Torino)
L’intermediazione della commedia dell’arte nel passaggio in Francia di alcuni
intrecci del teatrospagnolo secentesco
Analizzando le fonti di alcune delle numerose imitazioni del teatro
spagnolo del Siglo de Oro, che invasero la Francia nel ventennio
compreso fra il 1640 ed il 1660, emerge con chiarezza come negli
intrecci e nel comportamento dei personaggi comici di queste pièces
francesi siano talvolta facilmente individuabili elementi riconducibili ai canovacci della commedia dell’arte composti in Italia ad
imitazione delle comedias spagnole e successivamente esportati in
Francia e messi in scena a Parigi dalla troupe dell’Ancien Théâtre
Italien.
Per illustrare questo fenomeno abbastanza diffuso, anche se ancora poco conosciuto, ci serviremo di alcune opere teatrali francesi
– due commedie di Thomas Corneille, Les engagements du hazard
del 1656 e Dom César de Avalos del 1674, ed una tragicommedia
di Philippe Quinault, Les coups de l’amour et de la fortune del 1655- e
cercheremo di evidenziare, mediate la collazione con le opere spagnole dalle quali derivano – due comedias di Calderón, una di Montalbán e due di Moreto-, gli elementi estranei che possono essere
riconducibili ad alcuni canovacci della commedia dell’arte da noi
individuati nelle collezioni italiane e francesi.
Daniela Sautter (Tübingen)
Der Übergang von der Pastoraltradition des Cinquecento zum
venezianischen Opernlibretto im Seicento
Der Vortrag beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Übergang von
der Pastoraltradition des Cinquecento zum venezianischen Opernlibretto im Seicento. Gemeinsame Elemente der von Guarini im
247
Verrato (1588) und im dazugehörigen Compendio (1600) formulierten Poetik zur pastoralen Tragikomödie sollen am Beispiel der
Pastoraldramen Aminta (1573) und Pastor fido (1583) im Vergleich
zur Oper La finta pazza (1641) von Giulio Strozzi und anderen
betrachtet werden und auf dem Bruch der decorum-Norm im Sei­
cento beruhende Variationen in der Oper aufgezeigt werden. Das in
der Forschung bislang wenig aufgearbeitete innamoramento per pietàElement der Pastoraltradition soll vorgestellt und seine Variation
in der Finta pazza gezeigt werden. Ein weiterer Punkt der Untersuchung ist ein Vergleich der Aufführungspraxis der Renaissancetheatertradition mit derjenigen der Oper in Venedig. Hinzu kommen
die Einflüsse der Canzonetten- und Madrigaldichtung des Cinque­
cento, die im Falle der Finta pazza auf metrischer Ebene aufgezeigt
werden sollen. Dieser Beitrag will versuchen, der Forschung der
romanistischen Literaturwissenschaft in einer textnahen Analyse
der genannten Werke und der Aufführungspraxis weiterführende
Perspektiven hinsichtlich der im 17. Jahrhundert nicht explizit formulierten Poetik des Opernlibrettos aufzuzeigen.
Andrea Grewe (Osnabrück)
Nel regno di Silvia. La presenza del dramma pastorale italiano nel teatro
comico francese tra Sei- e Settecento
Il dramma pastorale, nato alla corte ferrarese del Cinquecento, conosce un enorme successo in tutta l’Europa. Soprattutto la corte
di Francia, che sin dai primi decenni del secolo guarda in direzione
dell’Italia, s’interessa subito alla nuova creazione teatrale. Così la
prima traduzione dell’Aminta è dedicata ad Enrico IV, un’altra alla
sua prima moglie, Marguerite de Valois. I comici dell’arte, tra cui
la compagnia dei Gelosi con la famosa attrice Isabella Andreini,
interprete del ruolo dell’Aminta nella prima rappresentazione ferrarese, contribuiscono a far conoscere il nuovo genere teatrale che
dopo poco viene accolto e adattato anche dagli scrittori francesi
248
come Racan e Mairet che creano i primi drammi pastorali francesi
negli anni Venti del Seicento.
I motivi di questo successo sono molteplici, come ha dimostrato
la critica che ha sottolineato di volta in volta il carattere utopico
dell’Arcadia teatrale, la sua carica anticortigiana o l’impatto poetologico del genere. Nel mio intervento vorrei mettere a fuoco ancora un altro aspetto, cioè quello del rapporto tra i sessi che costituisce uno degli argomenti più discussi agli inizi dell’Età Moderna.
Vista nel contesto della cosiddetta Querelle des Femmes, la relazione
tra la ninfa ribelle all’amore e il pastore dolce e ubbediente, pronto
a sacrificarsi per la donna amata, rappresenta un nuovo modello
del rapporto tra donna e uomo, destinato a rispondere alle attese di
un pubblico di corte in cui la parte femminile e la sua importanza
stavano aumentando.
L’influsso del ‘terzo genere’ italiano non si limita però al solo dramma pastorale francese. Ancora più importante è forse il fatto che la
creazione di una nuova commedia francese alla fine degli anni Venti da parte di Pierre Corneille si debba ugualmente al suo modello.
Nel mio intervento cercherò dunque di far vedere come il problema del rapporto tra i sessi, discusso in modo nuovo nel dramma
pastorale, s’inserisca adesso nella commedia per diventarne uno
dei temi principali che caratterizzerà ancora il teatro ‘italiano’ del
Marivaux nella prima metà del Settecento.
Birgit Neff (Stuttgart)
Giovan Battista Giraldi Cinzio und sein Beitrag zur italienischen Tragödie
des 16. Jahrhunderts - in Theorie und Praxis
Giovan Battista Giraldi Cinzio (1504-1573) prägte die Entwicklung der volkssprachlichen Tragödie im Italien des 16. Jahrhunderts entscheidend und dies nicht nur durch die Niederschrift von
neun Tragödien, die teilweise auch unter seiner Leitung aufgeführt
wurden, sondern insbesondere auch durch eine aktive und intensive Beteiligung an den poetologischen Diskussionen seiner Zeit.
249
Durch die Auslegung der erst am Übergang zum 16. Jahrhundert
wieder entdeckten und in der Folge kontrovers interpretierten
Poetik des Aristoteles, der Ars poetica des Horaz und anhand der
Rezeption der überlieferten griechischen und römischen Tragödien
erstellt Giraldi Cinzio ein eigenes Tragödienkonzept, das er dann
in seinen Texten und Aufführungen umzusetzen versucht. Hierbei
spielt außerdem die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Autoren und Dichtungstheoretikern eine wichtige Rolle, von deren
Ansichten er sich teilweise in polemischer Weise distanziert. Ein
zentrales Argument der sowohl theoretischen als auch praktischen
Überlegungen des Ferrareser Gelehrten ist die Frage nach der Realisierung der Stücke auf der Bühne und ihre daraus resultierende
Wirkung auf die Zuschauer, an deren Geschmack er sich orientiert.
Der Erfolg beim Publikum als Qualitätsmerkmal führt zu neuen
Argumentationslinien und Konzeptionen. So entwirft Giraldi Cinzio die Tragödie “di lieto fine” unter anderem als Zugeständnis an
den Publikumsgeschmack und zeichnet damit den Weg zu einer
neuen Gattung, der Tragikomödie, vor.
Im Vortrag soll einen Blick auf diese wirkungsästhetisch orientierten theoretischen Überlegungen Giraldi Cinzios geworfen werden – sowohl im Hinblick auf ihre Bedeutung und Stellung innerhalb der Rezeption der antiken Poetiken als auch hinsichtlich ihres
Einflusses auf die Tragödienproduktion und Aufführungspraxis
des Autors. Außerdem kann gegebenenfalls in einem Ausblick geklärt werden, inwiefern dies Einfluss auf die weitere Entwicklung
der italienischen Tragödie auch des 17. Jahrhunderts genommen
hat.
Rolf Lohse (Göttingen)
Lo sperimentalismo nel dramma del Cinque
Il teatro italiano del Cinquecento è stato un teatro sperimentale che
dava importanti e decisivi impulsi al teatro moderno europeo riguardo ai generi, alla scelta della materia, alla forma del testo dram250
matico, all’allestimento, alla tecnica della scena, alla costruzione
dei teatri, alla professionalizazzione dei attori e all’organizazzione
del teatro come istituzione determinata del contesto rappresentativo. L’intervento cerca di considerare momenti importanti dell’evoluzione del dramma e delle forme specifiche di questo
nuovo teatro riguardo all’apetto della sperimentazione estetica.
L’intervento presenta i primi risultati di una ricerca più vasta sui
condizioni sotto i quali il teatro moderno sviluppa la sua ricchezza
di generi in Italia nel Cinquecento.
Das experimentelle italienische Theater des 16. Jahrhunderts
Das italienische Theater des 16. Jahrhunderts – ein in vieler Hinsicht experimentierendes Theater – gibt entscheidende Anstöße für
die Herausbildung des modernen europäischen Theaters der kommenden Jahrhunderte. Diese experimentellen Impulse betreffen
die Gattungen, die Stoffauswahl, die Gestaltung des dramatischen
Texts, die Aufführungstechnik, den Theater- und Bühnenbau, die
zunehmende Professionalisierung der Schauspieler und generelle
Organisationsform des Theaters als Institution, die durch die Einbindung in einen repräsentativen Kontext bestimmt ist. In dem
Beitrag kommen ausgewählte Momente der Entwicklung des Dramas, der dramatische Formensprache und der Institution Theater
im italienischen 16. Jahrhundert unter dem Gesichtspunkt des ästhetischen Experimentierens zur Darstellung. In dem Beitrag werden erste Ergebnisse einer breiter angelegten Studie präsentiert,
die der Frage gilt: Wie und unter welchen Bedingungen entsteht
das neuzeitliche Theater und die dramatische Gattungsvielfalt in
Italien?
251
Sektion 13
Lateinische Dichtung und volkssprachliche Traditionen von der
Renaissance bis zum Neoklassizismus
Leitung: Marc Föcking (Hamburg) / Gernot M. Müller
(Augsburg)
Programm
Montag, 26.09.05
Institutionelle und sprachliche Voraussetzungen
8.30 Uhr
Begrüßung und Einführung
9.00 Uhr
Ulrich Eigler (Zürich)
Humanismus als Netzwerk: Erasmus und seine Freunde
9.45 Uhr
Beate Czapla (Bonn)
Latein oder Volgare. Zu den Kriterien der Sprachenwahl bilingualer Dichterphilologen des Quattro- und beginnenden Cinquecento
Lateinische Genera und volkssprachliche Lyrik
11.00 Uhr
Gernot Michael Müller (Augsburg)
Die Xandra des Cristoforo Landino im Span-
nungsfeld von antiken und volkssprachlichen Dichtungsmodellen
14.00 Uhr
Gregor Vogt-Spira (Greifswald)
Basia. Kußdichtung des 15. und 16. Jahrhunderts im Spannungsfeld von lateinischer und volks-
sprachlicher Tradition
14.45 Uhr
Ulrike Schneider (Berlin)
Volkssprachliche Transformationen der Heroides in der italienischen Renaissance
16.00 Uhr
Stefanie Stockhorst (Augsburg)
Eklogenprobleme im Barock. Zur deutschspra-
chigen Rezeption von antikem Gattungsmodell 252
und romanischen Mustertexten am Beispiel von Oswald Belings ‚Verdeutscheten Waldliedern‘
16.45 Uhr
Solveig Malatrait (Hamburg)
‚Lire dans la vie.‘ Die metadiskursive Inszenierung der Verssatire Mathurin Regniers gegen die latei
nische satura.
Volkssprachliche Lyrik und lateinische Prätexte
17.30 Uhr
Florian Neumann (München)
Francesco Petrarca und die Traditionen der italienischen Lyrik
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
Marc Föcking (Hamburg)
Ariadnes Karneval. Zur Transformation antiker Subtext in Lorenzo de’ Medicis Canzona di Bacco
9.45 Uhr
Florian Mehltretter (Köln)
Modelle des guten Lebens. Boiardos Amorum libri zwischen Petrarkismus und Antikebezug
14.00 Uhr
Tobias Leuker (Augsburg):
Formen der Auseinandersetzung mit lateinischer Dichtung in den beiden ersten Generationen des spanischen Petrarkismus
14.45 Uhr
Jörg Robert (München/Würzburg)
Deutsch-französische Dornen: Paul Melissus
Schede und die Pluralisierung der späthumanistischen Poetik zwischen Latinität und Volkssprache(n)
Interferenzen lateinischer und volkssprachlicher Epik
16.00 Uhr
Reinhard Krüger (Stuttgart)
Lateinisches Modell und nationalsprachliche Epik in der Romania der Renaissance
16.45 Uhr
Thorsten Burkard (München)
Romanzo und Epos in italienischen Dichtungslehren des Secondo Cinquecento vor dem Hinter253
grund antiker und neulateinischer Theorien
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Christian Rivoletti (Konstanz)
Wahrheit, Dichtung und politische Macht: Vergil, Dante und die Lügen der epischen Tradition im Orlando Furioso
Florian Schaffenrath (Innsbruck)
Ubertino Carrara und Tommaso Stigliani.
Lateinische und italienische Columbus-Epik im Vergleich
Abstracts
Ulrich Eigler (Zürich)
Humanismus als Netzwerk: Erasmus und seine Freunde
Das Schicksal des Erasmus war zwiespältig. Der Berühmtheit
zu Lebzeiten steht Geringschätzung, ja Verurteilung nach seinem Tode gegenüber. Auch heute noch erhält Erasmus nicht den
Ruhm, der ihm gebührt. Eine Erklärung für dieses Missverhältnis
liegt in den verschiedenen Netzwerken, die einerseits den Aufstieg
des Erasmus garantierten, andererseits gerade das Gegenteil zuließen. Erasmus wird begreifbar als Mediengestalt, die seiner publizistischen Präsenz seine Existenz verdankt, mit der Veränderung
aber der medialen Bedingungen der ursprünglichen Stützungsmechanismen verlustig geht. Der Vortrag ist der Beschreibung dieses
Netzwerks gewidmet und begreift dieses als neuartiges System, das
an die Stelle mittelalterlicher Formen getreten ist.
254
Beate Czapla (Bonn)
Latein oder Volgare. Zu den Kriterien der Sprachenwahl bilingualer
Dichterphilologen des Quattro- und beginnenden Cinquecento
Ausgehend von Analogien und Diskrepanzen zwischen den Dichterphilologen des Hellenismus und der italienischen Renaissance
sollen für die letzteren zunächst mögliche Kriterien der Entscheidung für das Lateinische oder die Volkssprache, wie sie in der Literaturwissenschaft vertreten werden, theoretisch diskutiert werden.
In einem zweiten Teil werden zwei kürzere Dichtungen des Neapolitaners Jacopo Sannazaro vorgestellt werden (Farsa di Venere
che cerca il figliuolo amore; Epigramm 2,59: De amore fugitivo),
die Adaptationen ein und derselben im 15. und 16. Jahrhundert
sehr beliebten hellenistischen Vorlage darstellen, von denen aber
die eine im Volgare und in der Tradition der volkssprachlichen Literatur, die andere auf Latein und in antiker Form-Tradition verfasst ist. Hierbei soll der Versuch unternommen werden, sowohl
die Kriterien der Sprachenwahl am konkreten Fall plausibel zu
machen, als auch die grundsätzliche Einheit von lateinischem und
volkssprachlichem Werk desselben Dichters aufzuzeigen.
Gernot Michael Müller (Augsburg)
Die Elegiendichtungen des Cristoforo Landino im Spannungsfeld von anti­
ken und volkssprachlichen Dichtungsmodellen
Der seit 1443/44 entstandene und bis in die 70er Jahre des 15.
Jahrhunderts immer wieder ergänzte Elegienzyklus des Cristoforo
Landino, der nach der in ihm besungenen Geliebten Xandra betitelt
ist, gehört zu den frühesten Beispielen lateinischer Liebesdichtung
der italienischen Renaissance und eignet sich daher in besonderem
Maße, die Konstitutionsbedingungen neulateinischer Liebeslyrik in
Italien zu hinterfragen. Die exemplarische Analyse zentraler Gedichte des in der Forschung bislang kaum beachteten Xandra-Zyklus wird dabei eine eklektisch-plurale Poetik zutage fördern, die
255
sich nicht nur durch die Orientierung an verschiedenen (antiken)
Formtypen, sondern vor allen Dingen durch die Engführung von
Diskurselementen lateinischer wie volkssprachlicher Liebesdichtung auszeichnet. Der Xandra-Zyklus Landinos wird somit zum
Paradigma für die komplexe Genese der neulateinischen Elegie im
italienischen Quattrocento, die sich weder formal noch inhaltlich
allein durch den Rückgriff auf die römische Liebeselegie erklären
lässt, sondern vor dem Hintergrund einer ganzen Reihe von lateinischen und volkssprachlichen Modellen vollzieht. Der Aufweis,
dass Landinos Liebeskonzept dabei vor allem auf dem Canzoniere Petrarcas beruht, ist ein Hauptziel des hiermit skizzierten Vortrags.
Gregor Vogt-Spira (Greifswald)
Basia. Kussdichtung des 15. und 16. Jahrhunderts im Spannungsfeld von
lateinischer und volkssprachlicher Tradition
Kussdichtung stellt ein instruktives Beispiel für die wechselseitige
Verknüpfung von lateinischer und volkssprachlicher Tradition in
der frühen Neuzeit dar. Eine zentrale Spielart catullischen Dichtens, gewinnt sie an Komplexität dadurch, dass es sich bei der lateinischen um antike wie zeitgenössische Tradition handelt. Diese
Physiognomie scheint in einer gewissen Spannung zur zeitgenössischen Leitdoktrin der Textproduktion zu stehen und dies hat die
Perspektive in der Tat lange bestimmt. Indes ist dabei der historisch
spezifische Textbegriff, der sich in manchen Zügen von dem nach
dem linguistic turn geläufig gewordenen unterscheidet, zu berücksichtigen. Der Beitrag wird zunächst konzeptionelle Grundlinien
auch vergleichend ausziehen und dann das Phänomen an einigen
ausgewählten Beispielen demonstrieren.
256
Ulrike Schneider (Berlin)
Volkssprachliche Transformationen der Heroides in der italienischen
Renaissance
Eine Vielzahl von Handschriften und Kommentaren belegt die
breite Rezeption der Heroides im ausgehenden 15. und 16. Jahrhundert in Italien. Im Anschluss an die Heroidendichtung Ovids
entstanden zunehmend auch eigenständige Dichtungen, zunächst
im Kontext des lateinischen Humanismus, dann aber auch in der
volkssprachlichen Literatur. Dabei lässt sich ein breites Spektrum
von Transformationen identifizieren, das von der umfangreichen
Sammlung der Pístole des Luca Pulci (1481 gedruckt) über die
drei Bücher De amore coniugali (1505) des Pontano bis hin zum
Grenzphänomen einer Verbindung von Elegie und Petrarkismus
– etwa bei Vittoria Colonna und Berardino Rota – reicht. Insofern
mit den Heroides ein Modell weiblicher elegischer Rede aus männlicher Feder vorlag, das im 16. Jahrhundert in Konkurrenz zum
petrarkistischen Modell trat, dessen Sprecherrolle primär männlich
kodiert war, lassen sich am Beispiel volkssprachlicher Transformationen der Heroides ebenso jeweils unterschiedliche Funktionalisierungen weiblicher Rede wie auch Interferenzphänomene zwischen Autor- und Sprechergeschlecht fokussieren.
Stefanie Stockhorst (Augsburg)
Eklogenprobleme im Barock. Zur deutschsprachigen Rezeption von antikem
Gattungsmodell und romanischen Mustertexten am Beispiel von Oswald
Belings ‚Verdeutscheten Waldliedern‘
Die Versekloge nach dem Vorbild Vergils ist aufgrund ihrer antiken Ursprünge als einziges pastorales Genre von Anfang an im
poetologischen Diskurs kanonisiert, spielt allerdings in der zeitgenössischen Dichtungspraxis nur eine marginale Rolle. Dagegen
gewinnt die aus der italienischen Tradition seit Sannazaros Arcadia
(1504) übernommene sog. Prosaekloge bei den Barockdichtern im257
mer größere Beliebtheit, während sie erst um die Jahrhundertmitte
allmählich in den Poetiken auftaucht, die das gemischte Genus nach
dem Verskriterium nur schwer zu klassifizieren wissen. Die antike
Ekloge steht in den Poetiken gleichermaßen Modell für die Versund Prosavarianten der Bukolik, reicht aber als normativer Rahmen
nicht mehr aus, um die neuartigen Entwicklungen zu normieren.
Hinzu kommen die prinzipiellen Schwierigkeiten dabei, insbesondere die metrischen Formvorgaben im Vernakulären umzusetzen.
Die barocken Eklogenprobleme lassen sich exemplarisch an Oswald Belings Übersetzung von Vergils Eklogen mit dem Titel Verdeutschete Waldlieder (1649) festmachen, die postum von Adam
Olearius herausgegeben wurden. Kein geringerer als Martin Opitz
habe ihn selbst, so Olearius, ermutigt, Vergil in Alexandrinern zu
übersetzten, da dies leichter falle als das lateinische Metrum nachzuahmen. Aufgrund des Dreißigjährigen Krieges habe er zunächst
keine Zeit dazu gefunden, und als er dann den begabteren jungen
Holsteiner Oswald Beling kennenlernte, habe er das Projekt an ihn
abgegeben. Vor der Drucklegung sei dieser allerdings an den Pocken verstorben, so daß er die Endredaktion übernommen habe,
ohne, wie er einräumt, die Übersetzung letztlich zufriedenstellend
bewältigen zu können.
Solveig Malatrait (Hamburg)
‚Lire dans la vie.‘ Die metadiskursive Inszenierung der Verssatire Mathurin
Regniers gegen die lateinische satura
Während es bekanntlich für einen Römer schwierig war, keine Satire
zu schreiben, warnt Du Bellay seine Zeitgenossen gerade vor den
Gefahren satirischen Schreibens. Die Instauration der Verssatire
in Frankreich etwa 60 Jahre nach dieser Warnung durch Mathurin
Régniers Satires erscheint nur dann als unkritische, ja unoriginelle
Übernahme der horazischen sermones, wenn sich der Vergleich
auf generische Merkmale wie Inhalt und elocutio beschränkt. Die
Untersuchung pragmatischer Merkmale wie Modus, Sprechhaltung
258
und implizierter Rezeptionshaltung anhand der „eng“ imitierten
achten Satire, die das narrative Substrat von sermo I, 9 übernimmt,
weist hingegen Régniers Verssatire als tiefgreifende Transformation
des antiken Hypotextes aus. Die horazische Inszenierung des dichterischen Ichs wird in einer die Selbstinszenierung durch subversive
Selbstobservation moderierenden komödienhaften mise en scène
einer metadiskursiven mise en abyme unterzogen. Régniers poetisches Ich – Subjekt und Objekt des gnadenlosen Blicks – benutzt in
seinem Spiel mit der Norm die Form als poetischen Signifikanten
für die vermeintliche Sinnkonstitution, die, wenn sie auch keine
wirkliche „ungerade“ Kommunikationsmodalität darstellt, doch
der Ideologie der horazischen Satire genau entgegengesetzt zu sein
scheint und so zumindest die Eigenständigkeit der neuzeitlichen
Verssatire in ihrem lebensweltlichen Bezug und in ihrem Gebrauch
postuliert.
Florian Neumann (München)
Francesco Petrarca und die Traditionen der italienischen Lyrik
Francesco Petrarca (1304-1374) wird im 16. Jahrhundert zur
Autorität für ein raffiniert-auskalkuliertes lyrisches Dichten und
für die Normierung der italienischen Dichtungssprache. Die Lyrik,
die Petrarca in seinen Rerum vulgarium fragmenta gesammelt hat,
gilt seit etwa dem zweiten Viertel des Cinquecento für das lyrische
Dichten im volgare als maßgebend. Im Zentrum der Kommentare,
die im Zusammenhang mit Petrarcas Kanonisierung entstehen und
diese entscheidend befördern, steht das dichterische Verfahren
Petrarcas. Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei der Rückbezug
auf die lateinische Dichtung des Altertums. Über Petrarca ließ
(und läßt) sich daher in besonderer Weise das komplexe Verhältnis
zwischen den lyrischen Traditionen der römisch-lateinischen Antike und des volgare erörtern
259
Marc Föcking (Hamburg)
Ariadnes Karneval. Zur Transformation antiker Subtexte in Lorenzo de‘
Medicis „Canzona di Bacco“
Kaum ein Text hat in der Geschichte seiner Rezeption so konträre
Deutungen hervorgebracht wie Lorenzos Canzona di Bacco, die
noch für Jakob Burckhardt wie eine „wehmütige Ahnung der
kurzen Herrlichkeit der Renaissance zu uns herübertönt“, in
späteren Interpretationen aber zum kaum verhüllten Hymnus der
Ficinianischen Theologia platonica geworden ist. Diese Spannung
der Interpretation zwischen einem diesseitsorientierten carpe
diem und dessen metaphysische Transzendierung durch eine
platonisierende Hierogamie aber ist letztlich auf die Spannung
zurückzuführen, die zwischen den Elementen des Textes und
seiner antiken wie biblischen Subtexte (Ecclesiastes, Philostratus
d.Ä., Catull, Ovid) selbst besteht und die Lorenzos neoplatonischer Synkretismus zu einem deren Pluralität gleichzeitig akzentuierenden wie auf einer höheren Ebene vereinigenden Text
zusammenfügt. Es entsteht ein Text, dessen semantische und
ideologische Strukturen sich unmittelbar zurückbeziehen lassen
auf seine Gebrauchsfunktion im Florentiner Karneval und dessen
institutionalisiertes und daher versöhntes Zusammentreffen von
Diesseits und Jenseits.
Florian Mehltretter (Köln)
Modelle des guten Lebens. Boiardos Amorum libri zwischen Petrarkismus
und Antikebezug
Texte, die sich im Schnittpunkt einer Pluralität von Diskursmodellen situieren, gelten als symptomatisch für eine Konstellation der
‚Pluralisierung‘, die in neueren Konstruktionen des Renaissancebegriffs der Episteme dieser Epoche zu Grunde gelegt wird. Meist
wird solche Pluralisierung entweder als Effekt eines Dezentrie-
260
rungsprozesses oder aber als inszenierte Reflexion auf die Vielheit
zur Verfügung stehender Modelle aufgefasst.
Anhand von Boiardos Amorum libri soll aufgezeigt werden, dass
die Begegnung einer sich aus Petrarca herschreibenden Tradition
mit erneuten antiken Modellen in manchen Fällen nützlicher als
Syntheseversuch beschrieben werden kann – in diesem Fall im
Rahmen eines Entwurfs von Lebenskunst, der zugleich an einer
mythischen Zivilisationsstiftung im Rahmen des Selbstverständnisses des ferrareser Hofes Anteil hat.
Tobias Leuker (Augsburg)
Formen der Auseinandersetzung mit lateinischer Dichtung in den beiden
ersten Generationen des spanischen Petrarkismus
Der Vortrag wird zu Beginn mögliche Gründe für das geringe
Aufkommen neulateinischer Lyrik in der spanischen Renaissance
erörtern und die starke Neigung damaliger gelehrter Dichter zur
Übersetzung antiker Poesie beleuchten. Im dritten Teil des Referats sollen poetologische Positionierungen kastilisch schreibender
Lyriker gegenüber den auctores der Antike kommentiert werden,
bevor der letzte Abschnitt anhand der Analyse einzelner Texte aufzeigen soll, in welchem Maße traditionell kastilische bzw. aus der
italienischen Literatur entlehnte Dichtungsformen durch explizite
theoretische Äußerungen oder performative Akte zu Pendants bestimmter Gattungen der lateinischen Lyrik erhoben wurden. Die in
die Untersuchung einbezogenen Dichter entstammen den beiden
ersten Generationen des spanischen Petrarkismus, die von Garcilaso de la Vega (1501-1536) bzw. Fernando de Herrera (1534-1597)
geprägt wurden.
261
Jörg Robert (Würzburg/München)
Deutsch-französische Dornen: Paul Melissus Schede und die Pluralisierung
der späthumanistischen Poetik zwischen Latinität und Volkssprache(n)
Der kurpfälzische Rat und Bibliothekar Paul Melissus Schede
(1539-1602) zählt nicht nur zu den bedeutendsten Figuren der
deutschen Literatur vor Opitz, er ist zugleich einer der prominenten Vertreter der europäischen Gelehrtenrepublik seiner Zeit.
Vor allem Schedes lateinische Dichtung belegt seine persönlichen
wie literarischen Kontakte zur französischen Pléiade (Ronsard,
Dorat, Beze, Henri Estienne), nach England (Sidney) oder Holland
(Gruter). Sie umfasst neben dem Hauptwerk, den Schediasmata
(1575 bzw. 1586), die ursprünglich 36 Bücher starke, jedoch nur in
Teilen erhaltene Sammlung der Acanthae bzw. Spinae (‚Dornen‘).
Diese umkreisen die zunächst fiktive Geliebte Rosina/Rhodanthe,
in der Schede seine vom Schicksal verheißene Gattin präfiguriert
sieht – desiderum illius, quam numquam vidi. Als „Experiment mit
dem Leben“ (Schäfer) wie als virtuoser Höhepunkt des deutschen
„Fin-de-siècle-Humanismus“ (Kühlmann) sind die Acanthae eines
der Hauptwerke des europäischen Petrarkismus. Ausgehend von
einem deutschen Rosina-Lied aus dem Umkreis der Acanthae soll
Schedes souveränes Spiel mit alternativen Sprach- und Diskursmodellen zwischen Latinität und Volkssprache – deutscher wie
französischer –in seinem (späthumanistischen) Kontext gewürdigt
werden. Im Ergebnis wird zu zeigen sein, dass Schedes Werk nicht
nur einseitig und teleologisch auf einen „Übergang zur deutschen
Dichtung“ (Trunz) zuläuft, sondern vielmehr als ständiger, die
Sprach- und Kulturbereichen integrierender und transzendierender Austausch zu begreifen ist. In Schedes Werk bleibt die Volkssprache nur eine Option neben (gleichwerigen) anderen, die gegen
Ende seines Lebens zunehmend wieder hinter die gesamteuropäische, insbesondere romanische Latinität zurücktritt.
262
Reinhard Krüger (Stuttgart)
Lateinisches Modell und nationalsprachliche Epik in der Romania der
Renaissance
Bei Betrachtung der dichterischen Aktivitäten der Renaissance fällt
auf, dass es mit einer großen Ausnahme praktisch keine der antiken
Formen gibt, welche nicht auch in lateinischer Sprache im 15. oder
16. Jahrhundert zahlreich nachgebildet würde. Faktisch ausgenommen von dieser poetischen Emulation mit den Lateinern ist jedoch
ds Epos. Obgleich in der Gattungshierarchie symbolisch an der
Spitzenposition, wagt niemand, in lateinischer Sprache Vergil oder
Lukian es gleichzutun. Stattdessen treffen wir auf ein System zahlreicher Verästelungen vergilianischer Epik, welche in die nationalen
und nationalsprachlichen Epik-Konzepte einfließen. Es stellt sich
im Anschluss an derartige Beobachtungen die Frage, weshalb eigentlich kein lateinisches Epos geschrieben wurde: Es scheint hierbei so zu sein, dass hier weniger kulturelle Vorbilder wie die Aeneis
und die Pharsalia wirken, als vielmehr die kulturpolitischen und nationalstaatlichen Vorgaben und Bedürfnisse, welche es unmöglich
machen, dass es angsichts der politischen Funktionsbestimmung
des vergilianischen Epos als einem gewaltigen Enkomion auf den
frühneuzeitlichen Herrscher, zu einer Renaissance der lateinischen
Epik in großem Maßstab kommt. Die Abwesenheit einer so hoch
bewerteten Form im Gesamt der neolateinischen Literatur scheint
vor diesem Hintergrund ebenso aussagekräftig für die literaturhistorische Konfiguration zu sein wie die Präsenz anderer Formen.
Thorsten Burkard (München)
Romanzo und Epos in italienischen Poetiken des Secondo Cinquecento vor
dem Hintergrund antiker und neulateinischer Dichtungstheorien
Dem Höhepunkt der italienischen epischen Poesie im ausgehenden 16. Jahrhundert, Torquato Tassos Gerusalemme liberata, geht
eine intensive Gattungsdiskussion voraus, die sich nicht nur an die
263
großen antiken Entwürfe (die aristotelische Poetik und die Ars
Poetica des Horaz) anschließt, sondern auch Beziehungen zur neulateinischen Dichtungstheorie aufweist, wie sie sich etwa in Julius
Caesar Scaligers bedeutender Poetik von 1561 findet. Als italienische Theoretiker der epischen Dichtung sind, neben den Kommentatoren der antiken Poetiken, zu nennen: Giambattista Giraldi
Cinzio, Giambattista Pigna, Camillo Pellegrino, Antonio Minturno,
vor allem aber wiederum Torquato Tasso, der mit seinen Discorsi
del poema eroico von 1594 den wichtigsten Beitrag zu dieser literaturtheoretischen Auseinandersetzung und zugleich in gewisser
Hinsicht ihren Abschluss lieferte. Im Rahmen der Modernisierung
der literarischen Gattungen in der Renaissance ist hierbei vor allem
von Interesse, inwieweit die alte Gattung des Epos neu definiert
und vom zeitgenössischen Romanzo abgegrenzt wird, inwieweit
die italienischen Theoretiker einerseits Gedanken aus der antiken
und neulateinischen Epostheorie aufnehmen, andererseits aber
ihre poetologischen Vorstellungen aus einer Analyse der antiken
Epen beziehen und inwieweit sich signifikante Unterschiede zwischen neulateinischer (eher traditioneller?) und italienischer (eher
fortschrittlicher?) Poetologie erkennen lassen.
Christian Rivoletti (Konstanz)
Wahrheit, Dichtung und politische Macht: Vergil, Dante und die Lügen der
epischen Tradition im Orlando furioso
«Non fu sì santo né benigno Augusto / come la tuba di Virgilio
suona»: In einer der bekanntesten Episoden seines Epos bringt
Ariost eine (nur scheinbar) scherzhafte Anklage gegen die gesamte
epische Tradition und ihre „Verknechtung“ durch die politische
Macht vor. Neben anderen habe auch Vergil die historische Wahrheit verfälscht und Äneas sowie Augustus gepriesen, um den Wünschen seines Kaisers nachzukommen. In der Forschung wurde
diese Passage aufgrund ihres paradoxen und rätselhaften Charakters oft vom übrigen Text getrennt betrachtet: Somit blieb aber
264
bislang die Existenz eines komplexen textinternen Verweissystems
unerkannt, das durch subtile metrische und semantische Andeutungen das Verhältnis Vergil-Augustus thematisiert und es als ironisches Vergleichselement in den verschiedenen enkomiastischen
Abschnitten über die Fürsten von Ferrara ins Spiel bringt.
Die im 35. Gesang geführte paradoxe Reflexion über die Funktion der Dichtung und ihre Beziehung zur historischen Wirklichkeit
wird durch dieses Geflecht von Verweisen an mehreren Stellen des
Epos implizit fortgesetzt. In diesem ästhetischen Diskurs bezieht
Ariost auch Dantes Göttliche Komödie ein, als Hauptort der Vermittlung zwischen vergilschem Epos und volkssprachlicher Tradition. In diesem Zusammenhang sind der parodistische Charakter
der Dante-Zitate sowie die ironische Kritik an Vergil wesentliche
Bestandteile einer Poetik, die, während sie einerseits für eine extrem „entfesselte“ und realitätsunabhängige Fiktionalität plädiert,
andererseits traditionsbrechende Wege schafft, um verborgene
ethische und gesellschaftliche Aspekte der Wirklichkeit ans Licht
zu bringen.
Florian Schaffenrath (Innsbruck)
Ubertino Carrara und Tommaso Stigliani. Lateinische und italienische
Columbus-Epik im Vergleich
(Abstract lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.)
265
Sektion 14
Postmoderne Lyrik – Lyrik in der Postmoderne
Leitung: Gerhard Penzkofer (Würzburg)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
09.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Kurt Hahn (München)
„Ici en deux“ - Das Subjekt und die Materialität in
André Du Bouchets luftigem Schreiben
Gerhard Penzkofer (Würzburg)
Metamorphosen des Raums. Zur spatialistischen
Lyrik von Pierre und Ilse Garnier
Wolfram Nitsch (Köln)
Photographie und Schrift bei Gérard Macé
Irmgard Scharold (Erlangen)
La tentation de l’anonyme - Die französische
Lyrikerin Esther Tellermann
Elisabeth Bauer (Regensburg)
Voyage en Digitalie. Französische Lyrik im
Zeichen des Computers
Monika Sokol (Bayreuth)
Anmerkungen zur Postmoderne-Diskussion aus
der Perspektive der Rap-Forschung
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
Thorsten Greiner (Würzburg)
“L’ipotesi che tutto sia un bisticcio”. Zur Lyrik
des späten Montale
Martha Kleinhans (Würzburg)
Patrizia Valduga: violente Mystik und lyrisches
Medikament
Robert Fajen (Würzburg)
267
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Poesie der Überschreibung: Zur Lyrik der gioventù cannibale
Stefanie Rubenis (München)
15 Desideri von Alda Teodorani – ein Audio Art Book
Hans Paschen (Stuttgart)
„Mit den Dingen sprechen“: poesia anti-diarréi-
ca. Das Verhältnis der Poetik João Cabral de Melo Netos zur Diskussion um die Postmoderne
Itzíar López Guil (Zürich)
Escaparates y venenos en la última poesía de Felipe Benítez Reyes
Mittwoch, 28.09.05
09.00 Uhr
09.45 Uhr
Marco Kunz (Bamberg)
Lyrik und Terrorismus: Die Madrider Attentate vom 11. März 2004 und ihre poetische Verarbei-
tung
Henriette Partzsch (Genf)
Rhetorik des Authentischen
Abstracts
Kurt Hahn (München)
„Ici en deux“ - Das Subjekt und die Materialität in André Du Bouchets
luftigem Schreiben
Das Verschwinden des Subjekts in der Zeichenmenge treibe postmodernes Schreiben, so die gängige Auffassung, in die Aporie. Bevorzugter Vermittlungsmodus, dem zersetzenden Diskursgewirr
stattzugeben, sei dabei auch im Gedicht das entgrenzende Textspiel. Mit bestechender Kontinuität reflektiert die Dichtung von
André Du Bouchet (1924-2001) zwar diese lyrische condition post­
moderne, unterschreitet sie aber radikal. In Verschärfung moderner
268
Schreibverfahren (Mallarmé, Reverdy) inszeniert Du Bouchet die
Seite als Schnittfläche zwischen Darstellung und Dargestelltem,
auf der sich die Dissemination herrenlos ausbreitet und zugleich
ein hybrider Dialog der Stimmen, Werke und Gattungen statt hat.
Auf der Schwundstufe von Repräsentation - Berg, Feuer, Erde,
Luft modellieren in Überblendung mit dem Schreibort fortwährend dasselbe Szenario - wird jedoch Begriffen wie Materialität,
Medialität und Performanz eine andere, wenn man so will: elementare Dimension zu Teil: Anhand späterer Texte (z.B. Rapides,
Axiales, Ici en deux) will dieser Beitrag zeigen, dass in Du Bouchets
Zeichenkonstellationen sich eine Körperlichkeit abdrückt, die immerhin Spuren von Subjektivität verrät. Seine écriture aérée vollzieht
performativ den Atemrhythmus nach und markiert in der Signifikantenmaterialität die Schritte des Gehenden, ohne dass dessen
Weg durch die (semiotische) Natur eine Ankunft bei sich implizieren müsste.
Gerhard Penzkofer (Würzburg)
Metamorphosen des Raums. Zur spatialistischen Lyrik von Pierre und Ilse
Garnier
Die französische Nachkriegszeit ist auch für die Lyrik eine Zeit
der Experimente. Die Lettri­sten entwerfen Hypergraphien und
Buchstabenbilder. Das eben entwickelte Tonband hält pho­netische
Kollagen fest, Verbophonien, „audio-poèmes“, „Gedichtpartituren“, Sprech­aktio­nen und „Schreirhythmen“ („crisrythmes“).
Es gibt kybernetische Gedichte, kinetische Gedichte, Ge­dichte
für bewegte Rezitation. In diesen historischen Kontext gehört
auch der Spa­tia­lismus, dem sich Pierre und Ilse Garnier bis heute
verschrieben haben. Der Spatia­lis­mus ist anfangs eine besondere
Variante der konkreten Poesie. Wie diese entdeckt er die räumliche Präsenz und Materialität sprachlicher Zeichen. Er entwickelt
Wortskulpturen, topo­lo­gische und geo­metrische Zeichengebilde,
Kollagen und Mandalas, Ideogramme oder Piktogramme. Diese
269
Kon­stellationen (im Sinne von Eugen Gomringer) sagen nicht aus,
sondern manifestieren ihre eigene Präsenz. Sie sind autoreferentiell. Deshalb bilden sie kein Ventil für Gefühle und Ge­danken,
sondern suchen den engen Bezug zu naturwissenschaftlichen und
soziologisch fun­diert­en Kommunika­tions­aufgaben. Als radikale
Entgrenzung und Erneuerung der poetischen Sprache, als Zeichenkritik und experimentelle Kommunikation steht der Spatialismus in di­rek­tem Zu­sammehang mit den modernen Avantgarden.
Meine Überlegungen gehen nun dahin, dass sich diese ästhetische
und zeichenkritische Programmatik späte­stens seit den acht­ziger
Jahren des 20. Jahrhunderts verändert. Garnier zerstört in seinen
späten Texten die Materialität der Zeichen, der Buchstabenräume
und Wortkonstellationen. Seine Bildfiguren sind asketische Erinnerungen an Bildlichkeit. Ver­loren geht die Autoreferentialität der
Gedichte. Ihre Kompositionen beziehen sich nicht auf sich selbst,
sondern auf ausgedehnte Referentenkomplexionen. Dabei wird
auch Ge­schich­te reflektiert. Die spatialistische Poesie wird narrativ.
Auf diese Weise finden Garniers Texte zu einer semantischen Fülle
und plénitude zurück, die an die antiken Figurengedichte und carmi­
na cancellata des Mittelalters erinnern mag. Die Texte machen diese
Fülle nicht anschaulich, sie verwirklichen und sie vermehren sie
nicht. Aber sie beschwören ihre Präsenz, erinnern an sie, machen
sie vorstellbar. Der Spatialismus wird zu einer Imaginations- und
Meditationskunst. Diese Befunde sind vielleicht, so meine Hypothese, als Symptome postmo­derner Einflussnahmen zu deuten, die
den späten Spatialismus als eigentümliche Über­lagerung moderner
und postmoderner Denk- und Gestaltungsfiguren ausweisen.
Wolfram Nitsch (Köln)
Photographie und Schrift bei Gérard Macé
Spätestens seit Baudelaires mit einer Widmung an Nadar versehenem Sonett Le rêve d’un curieux hat auch die Lyrik an der literarischen Modellierung des Photographischen teil, die bislang haupt270
sächlich an narrativen Texten untersucht worden ist. Konsequent
entfaltet wird eine solche intermediale Auseinandersetzung mit dem
Lichtbild jedoch erst in der Lyrik des ausgehenden zwanzigsten
Jahrhunderts, insbesondere bei Gérard Macé. An Prosagedichten
aus seinem Band La mémoire aime chasser dans le noir (1993) soll vor
dem Hintergrund seiner essayistischen Arbeiten über Schriftlichkeit und Bildlichkeit dargelegt werden, inwiefern sich lyrische Rede
als «photographie sans appareil» darbieten und inwiefern sie dadurch die ihr zeitgenössische theoretische Reflexion über das Photographische bereichern kann.
Irmgard Scharold (Erlangen)
La tentation de l’anonyme - Die französische Lyrikerin Esther
Tellermann
« Puisque je ne suis pas maître du mot qui surgit, du poème antérieur ou à venir, mais que tous ceux qui m’ont précédé, investissent
mon geste, lui donne l’intelligence et la limite de l’élève. »
(E. Tellermann)
Der Dominanz des Symbolischen - greifbar auch in den literarischen Diskursen der großen Autoren - setzt die französische
Lyrikerin Esther Tellermann (*1947) eine Schreibweise bewusster
Askese entgegen. Tellermann schreibt und argumentiert aus einer
post-freudianischen und post-lacanianischen Perspektive heraus,
die sich der „unheimlichen Wiederkehr“ der immer schon geliehenen Worte („paroles empruntées“) ebenso bewusst ist wie sie um
das Primat des Signifikanten weiß. Statt die Stimmen der gro-ßen
Dichter („ces voix des grands saisis de poésie“) im parodistischen intertextuellen Spiel zu dekonstruieren, sucht sie die Auflösung dieser
stets erinnerten Filiationen in deren polyphoner Verschmelzung,
die sie als Anonymisierung begreift, als eine systematische Ent-leerung von tradierten Bedeutungen und Mythen, als ein Abschleifen
der Form und eine Distanzierung von der Historie. Tellermanns
Texte, deren Ästhetik an die Werke eines Giacometti oder Beckett
271
erinnert, erweisen sich so als Palimpseste, die in der Geste des Ausradierens von Konzepten wie Subjektivität, Originalität, Tradition
und Geschichte diese zugleich noch einmal aufrufen und dadurch
eine eigentümliche Duplizität gewinnen, in der alles zu einem eigentümlichen „entre-deux“ gerinnt: Zwischen Realität und Traum,
zwischen Kollektivität und Individualität gewinnen ihre lyrischen
„Erzählungen“ eine neue archetypische Qualität.
Ausgehend von den poetologischen Reflexionen der Lyrikerin will
der Beitrag die Situierung des Œuvres (1976–2004) zwischen Moderne und Postmoderne diskutieren.
Elisabeth Bauer (Regensburg)
Voyage en Digitalie. Französische Lyrik im Zeichen des Computers
Mit der digitalen Revolution des ausgehenden 20. Jahrhunderts ist
im Kontext der neuen Medien (i.e. Computer & Internet), eine neue
literarische Gattung entstanden: die digitale Literatur. Als genuine
Literaturform des Computermediums schöpft sie ihre ästhetische
und stilistische Differenz aus dessen technischen Prämissen.
Dabei knüpfen, für das Französische, die digitalen Werke überraschend eng an die Traditionen der Printliteratur an, so dass sich
insbesondere die Kategorien der Narrativik und Lyrik im digitalen
Medium wieder erkennen lassen.
Während die narrativen Werke, der Name Hyperfiction verrät es, auf
dem Strukturprinzip des Hypertextes basierend die narrativen Instanzen der Strukturanalyse verändern und dezidiert auf eine ausgeprägte Benutzerintegration abzielen, vertieft die digitale Lyrik die
Kluft zwischen den Gattungen auch auf medial-formaler Ebene,
indem sie auf die hypertextuelle Superstruktur verzichtet.
So verbannt das Konzept poésie et art programmés eines Philippe Bootz
den Gedichtleser/User ganz aus dem Werk, beraubt ihn jeglicher
Teilhabe und beansprucht militant, ganz für sich zu bestehen. Die
Betonung des Eigenwerts von Typographie und Seitenlayout lenkt
den Blick auf die Materialität des Textes, vielmehr auf dessen Vir272
tualität; die medial erweiterte Nachfolgerschaft zur Konkreten und
Visuellen Poesie wird darin offenkundig. Das Gedicht als Film, dessen multimediale Protagonisten Text- und Bildanimationen sind,
setzt den Leser einer dem Computermedium untypischen, und daher umso intensiver empfundenen, Entschleunigung aus. Ergänzt
durch eine dadaistisch anmutende Theatralik der Lautlichkeit des
Gedichtes wird der „Textkörper“ flüchtig und immateriell : Das
Gedicht als Ganzes wandelt sich zum systemgesteuerten Ereignis,
zum Anti-Happening, das nur passiv beobachtet werden will und
sich den eingeübten Interaktionsversuchen des Users konsequent
entzieht.
Diese einander diametral entgegenstehenden ästhetischen Strategien und Ansprüche der Hyperfiction und der digitalen Poesie
schlagen sich symptomatisch bereits in ihren Distributionsformen
nieder: Sind die Hyperfictions für eine maximal große Leserschaft
frei zugänglich im Internet verfügbar, erscheinen die digitalen
Gedichte nahezu ausschließlich auf CD-ROM im Rahmen von
höchst spezialisierten Magazinen in kleiner Auflage, z.B. „alire“
und „DOC(K)S“. Sie entziehen sich so der Inflation vorgeblicher
Information und dem Zufallskonsumenten im Internet - der parnassische Anspruch elitärer Lyrik hat sich also bis ins Computerzeitalter gerettet. Der mépris dem Massenpublikum gegenüber
zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass einige digitale Dichter ihre
Werke ausschließlich für Mac und nicht PC konzipieren.
Vielfältig, geradezu rhizomatisch sind die historischen Rückbezüge
der gegenwärtigen digitalen Dichtung, ihr (post-)modernes Erbe
lässt sich nicht leugnen. Die digitale Revolution hat sich also für die
(digitale) Poesie weich in Samt gekleidet. Dennoch ist der Verdacht
eines simplen Medienwechsels unbegründet - aus alten Versatzstücken und neuem medialen Kontext hat sie sich ein unverwechselbares Antlitz geschaffen.
273
Monika Sokol (Bayreuth)
Anmerkungen zur Postmoderne-Diskussion aus der Perspektive der RapForschung
Die Realität ist die Zukunft der Leute von gestern
Kool Savaz feat. Azad, All 4 One (2005)
Die Bezeichnung Rap geht auf das afroamerikanische Verb to rap
(urspr. „schlagen, treffen“) zurück, das seit dem 18. Jahrhundert
in der Bedeutung ‚treffend/gekonnt/versiert verbal agieren (sprechen)‘ belegt ist. Rapping bezeichnete zuerst also eine schwach
formularisch grundierte Diskurstechnik, die in oralen Diskurstraditionen ausgebaut, tradiert und kultiviert wurde. Metonymisch
erweitert bezeichnet der Begriff Rap heute ein musiko-diskursives
Genre bzw. eine genre-konstitutive Verbindung aus rhythmisch
dominierter musikalischer Textur und integriertem, elaboriertem
Diskurs. Medial und transkulturell hybrid und insgesamt postmodern anmutend geriet Rap zunächst ins Blickfeld von Cultural
Studies und New Musicology, die Bindung der Praxis an bestimmte
gesellschaftliche Gruppen weckte das Interesse von Soziologen
und Ethnographen. Aufgrund der eher gesprochenen als gesungenen Realisierung und der Erkennbarkeit lyrischer Verfahren
wurde es dann auch immer üblicher, Rap als (para)literarische bzw.
(para)lyrische Gattung zu betrachten - und textwissenschaftlich zu
analysieren.
Ich möchte in meinem Beitrag zeigen, inwiefern die vielen Arbeiten, die Rap als Phänomen einer wie auch immer definierten Postmoderne klassifizieren und analysieren, wesentliche Aspekte der
Genre-Praxis übersehen oder sogar bewusst ausblenden. In einem
zweiten Schritt wird es dann darum gehen, gerade diese ausgeblendeten Bereiche in den Fokus zu stellen und für die Diskussion
des Postmoderne-Begriffs im Bereich künstlerischer Ausdrucksformen im allgemeinen und lyrischer im besonderen fruchtbar zu
machen.
274
Thorsten Greiner (Würzburg)
“L’ipotesi che tutto sia un bisticcio”. Zur Lyrik des späten Montale
Die Frage, ob das, was man Postmoderne nennt, nicht nur in Erzählliteratur, sondern auch in der Lyrik Spuren hinterlassen hat,
die auf eine Literatur von Rang deuten, hängt nicht allein davon
ab, was man als typisch postmodern ansieht, sondern auch davon,
wie man sich die Weiterentwicklung der modernen Lyrik im 20.
Jahrhundert vorstellt. In ähnlicher Weise wie man die Postmoderne weniger als Bruch denn als Radikalisierung bestimmter Ausprägungen der Moderne auffassen kann, ließe sich eine ab dem letzten
Drittel des 20. Jahrhunderts einsetzende Transformation des so
wirkungsmächtigen Paradigmas der hermetischen modernen Lyrik
denken, bei der sich Merkmale des Postmodernen wie der Verlust
eines emphatischen Subjektbegriffs, der Hang zum Spiel mit fremder Rede oder die Grenzöffnung zu Trivialkunst mit dem verbinden, was den Modellcharakter des hermetischen Paradigmas der
Moderne seit seinen Anfängen ausmacht: der Spannung von Irrationalismus und Reflexion (Baudelaire: „Deux qualités littéraires
fondamentales: surnaturalisme et ironie“), die etwa bei Rimbaud im
Programm eines „raisonné dérèglement de tous les sens“ erscheint,
sich nach dem ersten Modernisierungsschub der Avantgarden des
20. Jahrhunderts in den Gegensatz einer reflexionsdominierten
(Valéry) und einer irrationalistischen Komponente (Surrealismus)
aufspaltet, um ab den 30er Jahren zu ganz unterschiedlichen Varianten einer Dialektik der beiden Pole zurückzukehren (Saint-John
Perse, Char, Bonnefoy).
Die größte Schwierigkeit eines solchen Versuchs, in der Lyrik Moderne und Postmoderne miteinander zu vermitteln, scheint in der
offensichtlichen Unvereinbarkeit einer souveränen Gegenschöpfungsästhetik der Moderne mit dem Spielcharakter der Postmoderne, die den Glauben an autonomes Imaginieren verloren hat,
zu liegen. Doch ist daran zu erinnern, dass das dialektische Modell
moderner Lyrik eine Verbindung aus Fremd- und Selbstbestim275
mung, aus dem Abenteuer der Auseinandersetzung mit dem Irrationalen, ganz Anderen und der reflektierten Inszenierung dieses
Abenteuers darstellt (und dass Ricardous Formel von der Ablösung
der „écriture d’une aventure“ durch die „aventure d’une écriture“
für moderne Lyrik insofern nicht gilt, als in ihr beide Modi schon
immer zusammenfielen). Zu postulieren wäre für eine postmodern
beeinflusste moderne Lyrik also so etwas wie eine entmystifizierte
Dialektik des alten Paradigmas, bei der das emphatisch Fremde
ebenso wie das emphatisch Eigene entzaubert wurde. Beides, das
Faszinosum des Irrationalen und seine kalkulierte Inszenierung,
präsentiert sich von nun an in schlichterer Form, ohne deshalb
an Prägnanz einzubüßen. Die Dialektik von Fremd- und Selbstbestimmung kann sich jetzt als Hingabe an ein Spiel mit fremden
Diskursen manifestieren, dessen Regeln der Spielende selbst zu erfinden hat. Im beiläufig unauffälligen Inszenieren des Spiels hält
sich jener Rest an Subjektivität, auf den die Gattung Lyrik selbst in
Zeiten der Postmoderne nicht verzichten zu können scheint.
Die hier skizzierte Hypothese einer Beziehung zwischen dem
literarhistorischen Faktum moderner Lyrik und der Postmoderne
soll an einem Klassiker der italienischen Lyrik des 20. Jahrhunderts erprobt werden. Beim späten Montale findet sich fast nichts
mehr von der zwar kargen, aber immer noch deutlich symbolhaft
verdichteten Welt der Naturdinge aus dem Frühwerk. Schon die
Werktitel aus den 70er Jahren weisen auf ein heterogenes Gemisch
(„Satura“, 1971) bzw. auf eine Hinwendung zum Alltäglichen
(„Diario del ‘71 e del ‘72“, 1973 und „Quaderno di quattro anni“,
1977), mit der das Prosaisch-Triviale bald aperçuhaft zur sarkastischen Demontage metaphysischer Gewissheiten eingesetzt, bald
in der Form von Zitat oder Redefetzen sprachspielerisch in den
Dienst einer Semiose gestellt wird, in der sich ein Ich nur noch
ironisch seiner selbst versichern kann.
276
Martha Kleinhans (Würzburg)
Patrizia Valduga: violente Mystik und lyrisches Medikament
Vieles spricht dafür, die Gedichte der italienischen Lyrikerin
Patrizia Valduga (geb. 1953 in Castelfranco, Veneto) nicht unter
das Signum der Postmoderne zu stellen, scheint sie doch einen
bewusst elitären Dichtungsbegriff zu vertreten, der mit Zeitgeist
und Zeitgeschmack, mit vergnüglicher Konsumierbarkeit von Lyrik nichts zu tun haben will. Die Überflutung unserer Gesellschaft
mit Fernsehbildern und einem den Massenmedien entlehnten reduktionistischen Jargon sind ihr ein Gräuel. „Il vero ‚terminale‘,
in fede mia, / è chi ama Benni, la Tamaro, Eco... / chi palpita per
la similpoesia...“ - Wahrlich unheilbar krank ist, so polemisiert sie
in der Gedichtsammlung Corsia degli incurabili, derjenige, der post­
moderne Bestsellerautoren wie Stefano Benni, Susanna Tamaro
und Umberto Eco schätze. Einem solchen Schreiben verweigert
sie die Zuordnung zur Poesie.
Es stellt sich die Frage, ob Valdugas ambitionierte Lyrik mehr
als selbstbewusste Pose ist, und weiter, ob sie sich vielleicht nicht
doch innerhalb der Postmodernediskussion verorten lässt. Anhand ausgewählter Analysebeispiele zeigt der Vortrag wesentliche
Charakteristika ihres Dichtens auf und konfrontiert sie mit postmodernen Lyrikkonzepten. Darf man diese Lyrik zu Recht als
originellen neolirismo verstehen, der der italienischen Lyrik des 21.
Jahrhunderts frische Impulse zu geben vermag?
Valduga bevorzugt geschlossene Strophenformen wie das Sonett,
traditionelle Metren und Reime, deren obsessionelle Züge ihr nicht
verborgen bleiben. Die Dichterin glaubt an die therapeutische
Funktion von Lyrik und deutet etwa in der triadischen Mehrdeutigkeit von Medicamentum als Pharmakon, Gift und Liebestrank die
Zielrichtung an. Schreiben ist für sie Mittel gegen die Angst, aber
auch ein Ritual, sich dem Tode zu exponieren. Wie die Widmung
eines Lyrikbandes „a chi combatte i berlusconi della terra“ offenbart, scheut sie sich keineswegs vor politischer Positionierung, im
277
Vordergrund steht aber stets das Ringen mit Sprache, die Sorge
um die Sprache („vogliono assassinare l’italiano!“), das subtile und
sensible Feilen an der Sprache. Nicht so sehr die Reihe der evozierten Dichter als das formvollendete Gewebe aus intertextuellen
Zitaten und Gegenwartssprache, die Kombination von kruder Alltäglichkeit (bis hin zur Pornographie) mit der ‚hohen‘ Tradition
italienischer Poesie (in einer eigentümlichen Reihe von Jacopone
da Todi, katholischen Barockdichtern, Pascoli, Manzoni, Montale
bis Rébora) schafft faszinierend-irritierende lyrische Kunstwerke,
die den gängigen zeitgenössischen Tendenzen der Lyrik entgegenlaufen und sie doch nicht völlig ignorieren können.
Zahlreiche Aspekte von Valdugas Lyrik könnten auch unter dem
Stichwort ‚postmodern‘ subsumiert werden. Beispielsweise entbehrt ihre Selbstcharakterisierung als religiöse Dichterin nicht der
Provokation, erscheint diese als Teil eines wohl kalkulierten, permanenten Tabubruchs. Valdugas Dichtung wird zudem von einer
kruden Obszönität beherrscht, die alle erdenklichen Phasen und
Mechanismen des Sexualaktes benennt. Auch vor degoutanten Inszenierungen schreckt sie nicht zurück: In Donna di dolori reflektiert
eine Frau, deren Körper bereits bestattet ist und sich in Auflösung
befindet, über sich und die Welt. Religiöse Rituale und Textstrukturen (z.B. in Requiem) werden mit extremen Formen der Sexualität
und des Todes verknüpft und erzeugen den Eindruck einer profanisierten Mystik. Onomatopoetische Klangexperimente fokussieren aktuelle Probleme wie beispielsweise das Krankheitsbild der
Bulimie in Altri medicamenta 1980-1982. Immer wieder sucht Valduga schließlich die intermediale Begegnung, etwa mit dem Theater
und - wie jüngst in Manfred - mit der Malerei.
Robert Fajen (Würzburg)
Poesie der Überschreibung: Zur Lyrik der gioventù cannibale
Die Literatur des italienischen pulp, die wegen ihres Hangs zur grellen Gewalt in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts für Skan278
dale sorgte, kann als provokante Radikalisierung der Postmoderne
verstanden werden. Die Autoren der gioventù cannibale heben in ihren
Texten ästhetische, mediale und moralische Grenzen auf, indem
sie z. B. amerikanische Horrorfilme ebenso wie Alessandro Manzoni zitieren, die Trash-‚Kultur‘ des Massenmediums Fernsehen
mit Fragmenten des naturwissenschaftlichen Diskurses verknüpfen oder metatextuelles Raffinement mit kruder Pornographie mischen. Angesichts der Entwicklung des postmodernen Paradigmas
ist es freilich wenig überraschend, dass die italienischen Pop-Literaten bislang narrative Formen bevorzugt und mit lyrischen Texten
- wohl wegen der geringen Breitenwirkung - allenfalls am Rande
experimentiert haben. Dies hat sich erst 2001 schlagartig geändert,
als bei Einaudi der Gedichtband Nelle galassie / oggi come oggi der
drei ‚Kannibalen‘ Raul Montanari, Aldo Nove und Tiziano Scarpa
erschien. Innerhalb von zwei Tagen war die Erstauflage des in der
renommierten Reihe Collezione di poesia publizierten Buches vergriffen. Sein Erfolg liegt in seiner Konzeption begründet: Die drei
Autoren bezeichnen ihre Texte als Covers und beziehen sich dabei
auf die in der Pop-Musik gängige Praxis, bekannte Lieder in neuen
Arrangements zu interpretieren. Die Gedichte von Nelle galassie /
oggi come oggi nehmen diese Form der réécriture beim Wort und inszenieren einen spielerischen Dialog mit prominenten englisch- und
deutschsprachigen Pop-Songs aus den letzten vierzig Jahren: Die
italienischen Texte ‚überschreiben‘ die fremdsprachigen Texte und
erfinden so eine neue Stimme für eine Musik, die das Lebensgefühl
einer ganzen Generation geprägt hat. Ziel des geplanten Vortrages
wird es zum einen sein, die unterschiedlichen literarischen Verfahren genauer ins Auge zu fassen, die in Montanaris, Noves und Tizianos Cover-Versionen verwendet werden; zum anderen soll der
Frage nachgegangen werden, inwieweit Nelle galassie / oggi come oggi
als postmoderne Lyrik den ästhetischen Konzeptionen der modernen Avantgarden entgegengesetzt ist.
279
Stefanie Rubenis (München)
15 Desideri von Alda Teodorani – ein Audio Art Book
15 Desideri ist ein Art Book, das 15 Erzählungen enthält, die sowohl
gedruckt und mit Bildern illustriert sind, als auch von der Autorin
(auf CD) gelesen werden, während ihre Stimme von einer eigens
dafür komponierten Musik unterlegt ist. Es handelt sich um ein hybrides Gebilde aus Text, Klang und Bild. Die Erzählungen könnte
man mit „noir erotico“ beschreiben. Ich möchte diskutieren, ob
dieses von der Autorin erfundene genre als postmoderne Prosa an
der Grenze zur Poplyrik beschrieben und historisch verortet werden kann und ob damit eine neue Strömung in der italienischen
Literatur erkennbar wird, zu der man etwa auch Aldo Nove und
vor allem Lello Voce zählen kann.
Hans Paschen (Stuttgart)
„Mit den Dingen sprechen“: poesia anti-diarréica. Das Verhältnis der
Poetik João Cabral de Melo Netos zur Diskussion um die Postmoderne
Die historische Phase der „Postmoderne“ ließe sich vielleicht, angesichts der großen Heterogenität der künstlerischen Realisierungen
in dieser Zeit, am besten als eine Phase der kritischen Selbstbesinnung abendländischer Tradition in der Zeit vom zweiten Weltkrieg
bis zum Fall der Mauer beschreiben. Der kulturellen „Peripherie“
käme so gesehen in derselben Zeit die Rolle einer beginnenden
Selbstaffirmation in einer zunehmend globalen Kultur zu. Im Zusammenhang der brasilianischen Literaturgeschichte stellt sich die
Periodisierung der Modernismen allerdings ohnehin anders dar,
indem die Avantgardebewegung selbst bereits in unterschiedliche
Phasen zerfällt, so dass die „Postmoderne“ einigen Autoren als ein
„terceiro modernismo“ (Moisés) erscheint.
Die zeitliche Erstreckung des dichterischen Werks von João
Cabral de Melo Neto (von O Engenheiro 1945 bis Sevilha andando
1990) deckt sich mit dieser Zeitspanne und bietet sich daher an,
280
verschiedene Aspekte dieser Entwicklung aus der Sicht einer peripheren Literatur zu thematisieren. Die Leitfrage der Untersuchung
ist also, wie sich dieses Werk zu verschiedenen künstlerischen Tendenzen bzw. theoretischen Polemiken dieser Zeit verhält.
Dabei wird zuerst die Beziehung zur unmittelbar vorangehenden
Avantgardebewegung unter Berücksichtigung der brasilianischen
Literaturverhältnisse betrachtet, um dann die Poetik von João Cabral de Melo Neto anhand von Werkbeispielen aus unterschiedlichen Schaffensphasen - Morte e Vida Severina (1956) im Zusammenhang mit der Diskussion um Sartres Begriff der engagierten
Literatur; Educação pela pedra (1966) im Zusammenhang mit der
poesia concreta - einigen Aspekten der Diskussion um die Postmoderne gegenüber zu stellen. Schließlich werden die Wandlungen
der Poetik in den Werken nach Educação pela pedra in Bezug auf die
Postmoderne-Diskussion in Betracht gezogen.
Itzíar López Guil (Zürich)
Escaparates y venenos en la última poesía de Felipe Benítez Reyes
El poeta español Felipe Benítez Reyes es, sin duda, uno de los
creadores más inquietantes de cuantos integran la corriente lírica
postmoderna que ha dado en llamarse poesía de la experiencia. Ya en
sus primeros poemarios se ponen de manifiesto dos formas bien
distintas de concebir la poesía, mostrándose una inequívoca adhesión por aquella que caracterizará Vidas improbables (1994), libro
que fue galardonado con el Premio Internacional Ciudad de Melilla, el Premio Nacional de Poesía y el Premio Nacional de la Crítica.
Vidas improbables es un poemario en el que, a modo de antología
poética, un Yo ficticio presenta la biografía y obra de varios poetaspersonaje ordenadas diacrónicamente. Según creo haber demostrado en otros trabajos, Vidas improbables logra plasmar, llevándolas
al límite, algunas de las máximas propias de la lírica postmoderna
española: la ficcionalización del Yo poético y un concepto de la tradición literaria en tanto que “legado múltiple que, una vez parcelado
281
a gusto del consumidor, cada cual asume, interpreta y finalmete
engrandece o trivializa según su capacidad y entendimiento” (F.
Benítez Reyes, Paraísos y mundos, Madrid, Hiperión, 1996, p.
22.) Ahora bien, la original puesta en escena de esta poética en Vi­
das improbables constituye la culminación de un proceso iniciado en
poemarios anteriores y no podía sino traer aparejado un cambio en
las estrategias discursivas que Felipe Benítez Reyes desplegará en libros posteriores: de ellas trataré de dar cuenta en mi comunicación,
centrándome especialmente en su Escaparate de Venenos (2000).
Marco Kunz (Bamberg)
Lyrik und Terrorismus: Die Madrider Attentate vom 11. März 2004 und
ihre poetische Verarbeitung
Nach den Bombenanschlägen auf Madrider Vorortszüge am 11.
März 2004 reagierten zahlreiche, vor allem spanische Schriftsteller/Innen mit Texten auf das furchtbare Ereignis, unter anderem
wurden auch Lyrikanthologien publiziert mit Gedichten, die direkt auf die Attentate Bezug nehmen: Manuel Rico (ed.), 11 de
marzo 2004. 114 poemas contra el olvido (Bartleby, 2004), und VV. AA.,
Madrid, once de marzo. Poemas para el recuerdo (Pre-textos).
Die Attentate, wie schon zuvor der 11. September in den USA,
stellten eine Reihe von für die Postmoderne als typisch bezeichnete Ideen grundsätzlich in Frage: z.B. „anything goes“, „déclin des
métarécits de légitimation“, „simulation“, „end of history“, usw.
Kann eine „postmoderne“ Ästhetik (d.h. für mich in erster Linie
eine Ästhetik, die sich durch eine Bündelung spezifischer formaler Merkmale als „postmodern“ bezeichnen lässt) die Krise und
womöglich den Bankrott postmodernen Denkens überstehen angesichts eines Terrorismus, der unter Ausnutzung postmoderner
Medien vormoderne Werte propagiert, und einer konservativen
Renaissance, die unter dem Vorwand der Antiterrorkompagne teils
ebenfalls antimoderne Züge trägt?
282
Henriette Partzsch (Genf)
Rhetorik des Authentischen
Die Zeit nach dem Ende der großen Erzählungen hat ihren eigenen Mythos geschaffen: die Geschichte vom Schwinden des Wirklichen in der totalen Simulation. Der Mensch der Postmoderne
bewohnt demnach eine Welt, die sich nur noch als ein Spiel von
Spiegeln begreifen lässt und in ihrer totalen Virtualisierung umso
nachdrücklicher auf dem Wert des Authentischen beharrt. In der
Diskussion dieser Diagnose wird mit Vorliebe auf die neueren Medien wie Film, Fernsehen, Computerspiele und Internet verwiesen;
die Lyrik erscheint, wenn überhaupt, in diesem Zusammenhang
eher als leicht anachronistische Bastion des Widerstandes, gehört
sie doch zu den Gattungen, die weniger kohärente Realitätsentwürfe schafft als vielmehr deren Brüche aufspürt.
Ein Blick auf die Situation im Spanien der letzten 20 Jahre des 20.
Jahrhunderts lässt jedoch vermuten, dass gerade die Lyrik von dieser postmodernen Problematisierung der Simulation von Authentizität betroffen ist. Ich schlage daher vor, die verwirrende Vielfalt
der dichterischen Strömungen in Spanien (poesía de la experiencia,
poesía del silencio, nuevo poesía social, realismo sucio etc.) nicht als Beispiel
des Slogan „Anything goes!“ aufzufassen, sondern sie vielmehr als
unterschiedliche Antworten auf die gemeinsame Herausforderung
des Schreibens in der Simulation zu lesen, eine Herausforderung,
die allerdings nicht völlig neu ist, sondern als Spannung zwischen
Schein und Wahrheit das lyrische Sprechen mindestens seit seiner
Verwandlung in einen gedruckten Diskurs begleitet und antreibt.
283
Sektion 15
Europäischer Film (seit 1945) im Kontext der Romania:
Geschichte und Innovation
Leitung: Gisela Febel / Natascha Ueckmann (Bremen)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.30 Uhr 10.00 Uhr
14.00 Uhr
15.00 Uhr
16.00 Uhr
17.00 Uhr
Gisela Febel / Natascha Ueckmann (Bremen)
Eröffnung der Sektion, Praktisches zum Ablauf der Tagung
Jörg Türschmann (Wien)
La querelle des fabricants: Claude Chabrol et Rainer Werner Fassbinder
Peter Herr (Bremen)
Die Filmkomödie als neue Form der Auseinander-
setzung mit der Shoah: Train de vie und La vita è bella
François Jost (Paris)
D’où vient Amélie Poulain?
Karen Struve (Bremen)
(Selbst-)Repräsentationen im postkolonialen
cinéma beur: Blickwinkel im ‚Dritten Raum’
Oreste Sacchelli (Nancy)
Présence du cinéma italien en France: le cas de Respiro
Cornelia Lund (Stuttgart)
Postsurrealistische Affekte – zu den Musikvideos von Michel Gondry
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
284
Esther Gimeno Ugalde (Wien)
Cine de oposición al franquismo: el ejemplo de 9.30 Uhr 10.00 Uhr 14.00 Uhr
14.30 Uhr 15.00 Uhr 16.00 Uhr
16.30 Uhr
17.00 Uhr
J. A. Bardem
Sebastian Thies (Bielefeld)
Dezentrierte Bildwelten – Zum Filmschaffen des chilenischen Exils in Europa
Burkhard Pohl (Göttingen)
Road Movies in Spanien zwischen nationaler Ver-
gewisserung und internationaler Einschreibung
Heidi Denzel de Tirado (Saarbrücken)
Mantel-und-Degen-Abenteuer in Künstlerfilmen der Romania: Carlos Sauras Buñuel y la mesa del rey salomón und seine Einflüsse
Sabine Schrader (Leipzig)
Tano da morire (1997) – „Es ist gut, weil es schreck-
lich ist“ (Susan Sontag)?
Gunnar Nilsson (Jena)
Der brasilianische Film auf der Suche nach seiner Sprache
Teresa Pinheiro (Chemnitz)
Grenzüberschreitungen in der ‚portugiesischen’ Filmproduktion der 1930er Jahre
Claudia Bahmer (Stuttgart)
An der Schwelle vom ‚Bewegungs-Bild’ zum ‚Zeit-
Bild’: Zur kinematographischen Formensprache
in André Malraux’ Espoir – Sierra de Teruel (1938/1939)
Cécile Kovashazy (Montpellier)
Der Doppelgänger im französischsprachigen Film nach 1945
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.30 Uhr Anke Wortmann (Halle/Saale)
Das Risorgimento im italienischen Film
Christiane Solte-Gresser (Bremen)
Das Bild Italiens im Film des neorealismo. Anmer-
285
10.00 Uhr
kungen zu einem italienischen, romanischen und europäischen Kapitel der Filmgeschichte
Karin Weitzer (Graz)
«Auf der Suche nach dem verlorenen Rad»
Vittorio De Sicas Ladri di biciclette im Spannungs-
feld zwischen Tradition und Innovation
Gisela Febel / Natascha Ueckmann (Bremen)
Abschlussdiskussion, Praktisches zur Publikation
Abstracts
Jörg Türschmann (Wien)
La querelle des fabricants: Claude Chabrol et Rainer Werner Fassbinder
Claude Chabrol, das ist Alfred Hitchcock. Rainer Werner Fassbinder, das ist Douglas Sirk. Chabrol, das ist die Nouvelle Vague. Fassbinder, das ist das Kino der Siebziger in der BRD. Chabrol und
Fassbinder, das ist François Ozon. Wer diese Filiationen verfolgt,
wird gerne den Begriff des Filmautors verwenden. Filmautoren
sind etwas Widersprüchliches in der Art von Solitären, die die geistige Elite einer filmästhetischen Internationale bilden. Im Augenblick ihrer größten Erfolge gelten Filmautoren jedoch immer auch
als Kritiker ihrer Zeit. Sie vermitteln demnach gesellschaftliche
Probleme über die Grenzen des Produktionslandes ihrer Filme hinaus. Dies gilt besonders für die Siebzigerjahre, als Gesellschaftsund Ideologiekritik nahezu jeden Kulturbereich prägte. Vor diesem
Hintergrund geraten Chabrol und Fassbinder aneinander. Sie entdecken ein gemeinsames Merkmal ihrer Arbeit: so viele Filme wie
nur möglich zu drehen. Der Beitrag widmet sich der Begegnung
zweier Regisseure, die ihre Namen zu einer Marke machen und
branding mit dem Anspruch auf künstlerische Autonomie verknüpfen.
286
Peter Herr (Bremen)
Die Filmkomödie als neue Form der Auseinandersetzung mit der Shoah:
Train de vie und La vita è bella
60 Jahre Befreiung der Konzentrationslager heißt auch 60 Jahre
Auseinandersetzung mit der Massenvernichtung der Juden. Dabei
bewegt sich die Diskussion zwischen dem Imperativ, das Wissen
über den Holocaust zu verbreiten und wach zu halten, und der
These der grundsätzlichen Undarstellbarkeit. Im Massenmedium
(Spiel-)Film äußert sich dies in der Spannung zwischen dem Versuch einer authentischen Darstellung und der Gefahr der Trivialisierung. Steven Spielbergs Tragödie Schindler’s List, der bislang
ambitionierteste Versuch Hollywoods, die Realität der industriellen Massenvernichtung darzustellen, ist Ausgangspunkt einer vermehrten filmischen Auseinandersetzung mit der Shoah in den 90er
Jahren. In diesem Rahmen müssen auch die Komödien La vita è
bella von Roberto Benigni und Train de vie von Radu Mihaileanu
verstanden werden. Sie setzen gerade nicht auf Authentisierung,
sondern versuchen, mit dem Mittel der Komik eine andere Art der
Auseinandersetzung zu entwickeln. Ziel meines Beitrages wird es
sein, diese andere Art herauszuarbeiten. Auf dieser Grundlage soll
dann die Frage verfolgt werden, ob und inwieweit die Komödie
eine neue Blick- und Erkenntnisweise eröffnet, die dem Holocaust
angemessen ist. Zugespitzt formuliert: Macht die Holocaustkomödie das Unerzählbare erzählbar(er) oder ist sie nur ein weiterer
Schritt in der massenmedialen Trivialisierung des Schreckens?
François Jost (Paris)
D’où vient Amélie Poulain ?
Amélie Poulain a soulevé un débat politique extrêmement violent
en France, certains reprochant à ce film d’être d’extrême droite et
de faciliter l’ascension de Le Pen. Aux USA, en revanche, le film
a été très bien accueilli. Comment un même film peut-il recevoir
287
des interprétations aussi différentes ? C’est ce que nous tenterons
d’éclaircir en nous demandant quels horizons d’attente ont présidé
à la réception du film de Jeunet.
Le premier horizon d’attente réside dans l’hésitation sur le monde
auquel il faut rattacher le film. Tout film, selon moi, pouvant être
reçu en fonction de trois interprétants - le monde réel, le monde
fictif et le monde ludique -, Amélie a été écartelé entre ces trois
mondes. Malgré sa volonté explicite de se situer dans la fiction,
le film a été ramené sur le terrain de la réalité par le critique de
Libération, comme par beaucoup de critiques américains, qui y ont
vu, pour le premier, une négation du Paris d’aujourd’hui, pour les
autres, la confirmation des représentations d’un Paris romantique.
Dans un cas comme dans l’autre, ces deux renvois à la capitale
française ont été filtrés par des traditions cinématographiques, mais,
tandis que les Français le renvoyaient à Carné, et critiquaient, du
même coup, un retour réactionnaire vers une France « franchouillarde », les Américains l’ont ancré dans un « revival » de la Nouvelle
Vague… alors que le cinéaste lui-même évoque comme référence
le cinéma américain (et notamment les comédies de Capra) !
Où se situe le film entre innovation et tradition ? Dans un troisième
monde, qui a été moins convoqué par les critiques, le monde ludique :
l’invention d’Amélie Poulain est, en effet, dans le regard d’un
cinéaste qui joue : avec des stratégies d’accumulation, de collection,
plus que de narration, une tension entre gratuité et nécessité, et des
références constantes au monde de la télévision. Tout le scénario
illustre finalement une rédemption moins par l’amour que par
l’amour des images, cause de tous les bonheurs.
Karen Struve (Bremen)
(Selbst-)Repräsentationen im postkolonialen cinéma beur: Blickwinkel im
‚Dritten Raum’
Bilder der Erinnerung aus der maghrebinischen Vergangenheit
der Eltern und Bilder der Gegenwart in den banlieues der franzö288
sischen Großstädte – in diesem Spannungsfeld etablieren die Beurs,
die Kinder der maghrebinischen Immigranten in Frankreich, ein
eigenes Imaginarium im postkolonialen cinéma beur seit den 1980er
Jahren.
Die Inszenierung der Immigrationsgeschichte der Eltern – deren
Spuren, aber gerade auch die Diskontinuitäten und Leerstellen in
den Erinnerungen – und die Etablierung einer eigenen Geschichte in der filmischen (Selbst-)Repräsentation der Beurs sollen in
meinem Beitrag beispielhaft an drei Filmen untersucht werden, die
nach Carrie Tarr an Bruchstellen der Geschichte entstehen und
darüber hinaus für das Genre des cinéma beur selbst Umbrüche und
Paradigmenwechsel darstellen: erstens der Klassiker des cinéma beur,
„Le Thé au harem d’Archimède“ (1985) von Mehdi Charef, zweitens „La Haine“ (1995) von Mathieu Kassovitz mit dem Fokus auf
die Black-Blanc-Beurs der banlieue und drittens „L’Esquive“ (2004)
von Abdellatif Kechiche, der sprachgewaltig soziale Determination und Identifikationen in der banlieue durch die Schulaufführung
eines Theaterstücks von Marivaux erzählt.
Das Selbstbild der Beurs im Film wird dabei in einem ersten Schritt
anhand von Identifikationstopoi wie Elternhaus, Peer Group und
(institutionalisierter) französischer Gesellschaft untersucht sowie –
im Hinblick auf das Filmgenre und die entsprechende Filmästhetik – die wechselseitige Beeinflussung und Bedingung von Sprache
und „Filmsprache“ analysiert. Ausgehend von dieser synchronen
Perspektive werden in einem weiteren Schritt durch eine diachrone
Betrachtung der Resistenzen und Dynamiken in der Repräsentation von Identität und Geschichte aufgezeigt und in der Verschränkung der Untersuchungsachsen das Potential der hybriden, transkulturellen Identifikationsfigur beur untersucht.
Während in „Le Thé au harem d’Archimède“ eine (interkulturelle)
Zwischenraumsituation zwischen arabischer und französischer
Kultur und Sprache vorgeführt wird, agieren in „La Haine“ Protagonisten, die in die Zwischenraumsituation alle marginalisierten
289
Jugendlichen in einer – nicht unproblematischen – multikulturellen
Gruppenkonstellation des Black-Blanc-Beur integriert haben. Dass
in „L’Esquive“ schließlich die Immigrationsgeschichte der Akteure weiter in den Hintergrund tritt und der Imaginationsraum
der banlieue durch den massiven Einsatz von Sprache als zentrales
identitätsstiftendes Angebot hervortritt, zeigt, dass die Beurs sich
nicht mehr innerhalb gängiger Polaritäten wie „français“/“arabe“,
„Zentrum/Peripherie“ etc. auf nationaler, kultureller, sprachlicher
etc. Ebene situieren, sondern vielmehr eigene Strategien hybrider
Identifikationen durch Blickwinkel in einem ‚Dritten Raum’ nach
Bhabha schaffen. So funktioniert das cinéma beur als „eine Neubestimmung alternativer, hybrider Orte der kulturellen Verhandlung“
(Bhabha).
Oreste Sacchelli (Nancy)
Présence du cinéma italien en France: le cas de Respiro.
Jadis bien distribué en France, le cinéma italien a pratiquement disparu depuis une vingtaine d’années de nos salles. Les auteurs et les
comédiens italiens actuels ne sont pas connus du public français.
Cependant, de temps à autres, un film fait exception: il est plébiscité par la critique et réalise une bonne carrière commerciale.
Respiro (Emmanuele Crialese, 2002) est un cas d’école: en Italie le
film a reçu un accueil plutôt négatif, alors qu’en France il a été un
véritable succès. Le distributeur italien a tenté d’en jouer en faisant
resortir le film avec une nouvelle bande annonce composée simplement des titres élogieux de la presse française. mais le résultat n’a
pas été meilleur. Pour expliquer cet état de choses, il faut émettre
l’hypothèse que le film correspond à une « certaine idée de l’Italie »
que se font les Français, mais qui est fort éloignée de l’idée que les
Italiens se font de leur propre identité.
290
Cornelia Lund (Stuttgart)
Postsurrealistische Affekte – zu den Musikvideos von Michel Gondry
Michel Gondry greift in seinen Musikvideos wiederholt auf von
den Surrealisten entwickelte ästhetische Verfahren zurück, besonders auf filmische Strategien, die in den surrealistischen Filmen
der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts entwickelt wurden, wie etwa Brüche in der Raum-Zeit-Konstruktion oder Collagenstrukturen. In mehreren Videos spielt er mit der Poetisierung
alltäglicher Objekte, Regenschirm und Nähmaschine auf dem Seziertisch werden zu Fledermäusen auf dem Teller. Wundersame
Verdopplungen finden statt (etwa im Video zu Kylie Minogues
„Come into my world“), die perspektivischen Verzerrungen im Video zu „Like a Rolling Stone“ von den Rolling Stones erinnert an
Man Rays Experimente mit Gelatinefiltern in „L’Etoile de Mer“.
Der Beitrag möchte untersuchen, wie Michel Gondry surrealistische Verfahren im kommerziellen Kontext des Musikvideos einsetzt und weiterentwickelt. Hierbei soll insbesondere der Bezug der
bildlichen Verfahren zur Musik und ihr Einsatz zur musikalischen
Affektsteuerung herausgearbeitet werden.
Esther Gimeno Ugalde (Wien)
Film als Ausdruck des Widerstands gegen die Franco-Diktatur: Das
Beispiel J. A. Bardem
In den ersten Jahrzehnten der Franco-Diktatur versuchte die strenge Zensur mit ihren restriktiven Maßnahmen jegliche Kritik am
Regime zu verhindern. Trotzdem gelang es einigen spanischen Regisseuren wie J. A. Bardem und L. G. Berlanga immer wieder, diese
raffiniert zu umgehen. Auch die rasch zunehmenden europäischen
Koproduktionen in den 1950er Jahren boten den erwähnten Regisseuren und vielen anderen Gelegenheit, sich an ein internationales
Publikum zu wenden und den inquisitorischen Methoden der Zensur zu entkommen.
291
In diesem Vortrag soll anhand zweier Filmbeispiele – Muerte
de un ciclista (1955) und Calle Mayor (1956), die als Meisterwerke
Bardems gelten – verdeutlicht werden, in welche Widersprüche das
spanische Kino während der ersten Jahrzehnte der Franco-Diktatur verstrickt war. In beiden Filmen ist es dem Regisseur gelungen,
ein kritisches und sehr exaktes Bild des Systems und der etablierten
Gesellschaft zu vermitteln. Aufgrund ihres kritischen und eindeutig
politischen Inhalts sowie der Darstellung der Figuren werden sie
dem spanischen Filmschaffen zugeordnet, auch wenn es sich in
beiden Fällen um Koproduktionen (Spanien/Italien bzw. Spanien/
Frankreich) handelt. In beiden Werken ist der europäische Einfluss
latent zu spüren, und anhand von Parallelen zu Schlüsselwerken des
cinema italiano wie Cronaca di un amore (M. Antonioni) und Ossessione
(L. Visconti) im Falle von Muerte de un ciclista oder I vittelloni (F.
Fellini) im Falle von Calle Mayor sind die kulturellen Tendenzen
des damaligen Europas erkennbar.
Zum Abschluss des Vortrags wird ausgehend von den großen Erfolgen dieser Filme auf internationalen Festivals wie Cannes oder
Venedig und dem dadurch erlangten Ansehen Bardems innerhalb
des europäischen Kinos auf seine Anerkennung als Symbol des
inneren Widerstandes in Spanien durch die internationale Kritik
eingegangen.
Sebastian Thies (Bielefeld)
Dezentrierte Bildwelten - Zum Filmschaffen des chilenischen Exils in
Europa
Als die chilenischen Filmschaffenden wie u.a. Raúl Ruiz, Patricio
Guzmán, Pedro Chasquel und Miguel Littín nach dem Militärputsch in Chile ins Exil gehen mussten, lag die Erfahrung einer
gerade auch filmästhetisch ausgesprochen fruchtbaren politischen
„militancia“ in der sozialrevolutionären Bewegung der 60er und
der frühen 70er Jahre hinter ihnen. Obwohl der chilenische Film
auf keine eigene Tradition zurückblicken konnte und in jener Zeit
292
filmästhetische Fragestellungen - beeinflusst auch von Julio García
Espinosas Thesen zum „cine imperfecto“ - ohnehin eher abfällig
mit dem Verweis auf bourgeoise Rezeptionskriterien abgetan wurden, hatte sich im Kontext der Unidad Popular innerhalb kürzester
Zeit eine kraftvolle eigenständige und politisch engagierte Filmsprache herausgebildet.
Insbesondere die utopische Strahlkraft des mit dem Freitod
Allendes gescheiterten chilenischen Wegs zum Sozialismus verlieh
dieser Filmproduktion im Exil fast schlagartig kulturelles Kapital
im Feld des europäischen Filmschaffens. Der Problematik zum
Trotz, die sich aus der bis heute nur sehr eingeschränkten medialen
Integration von exilierten Kunstschaffenden in europäischen Aufnahmeländern ergibt, konnten die chilenischen Filmschaffenden
so seither aus den kulturellen Zwischenwelten des Exils und Postexils Filme produzieren, die das Filmschaffen in Europa nachhaltig
mit geprägt haben.
Der Blick auf das chilenische Filmschaffen in Europa - wie hier
an Teilen des Werks von Raúl Ruiz exemplifiziert - bietet die Möglichkeit, die euro(ro)manische Nabelschau des diesjährigen Romanistentags leicht zu dezentrieren und gleichzeitig eine bipolare Gegenüberstellung vom - überspitzt formuliert - politisch und
kulturell affirmativen und an Hollywood orientierten Kino-Mainstream und seinem filmästhetisch innovativen euroromanischen
Widerpart zu unterlaufen.
Burkhard Pohl (Göttingen)
Road Movies in Spanien zwischen nationaler Vergewisserung und
internationaler Einschreibung
Zwar wird im spanischen Kino der 1990er Jahre die Metropole
Madrid immer wieder neu inszeniert, doch bleibt die Provinz als
filmische Kontrastfolie präsent. Gerade jüngere spanische Produktionen greifen dabei auf die Konventionen des Road Movie
zurück. Wird das Road Movie dabei ‚nationalisiert’ oder folgt es
293
primär international etablierten Genre-Mustern? Filme wie Airbag
(Juanma Bajo Ulloa, 1997) und Carreteras secundarias (Emilio Martínez Lázaro, 1997) zeigen die Spannbreite von der Reise als Vehikel
historischer Erinnerung und Initiation, bis hin zur parodistischen
Erkundung des Hinterlandes und seiner politischen Gegenwart.
Heidi Denzel de Tirado (Saarbrücken)
Mantel-und-Degen-Abenteuer in Künstlerfilmen der Romania: Carlos
Sauras Buñuel y la mesa del rey salomón und seine Einflüsse
In der Nachkriegszeit erfuhren hageographische Filme bekannter
Persönlichkeiten allgemein eine Blütezeit. Doch bereits in den 60er
Jahren nahm das Interesse an erbaulichen Vorzeigebiographien auf
der Leinwand immer mehr ab, und so verschwanden Lebensdarstellungen von Berühmtheiten über mehrere Jahre aus den Kinos,
da es der internationalen Filmindustrie äußerst schwer fiel, neue
filmische Erzählstrategien für Biopics von Zelebritäten zu entwickeln. Seit einigen Jahren nehmen biographische Filme nun aber
wieder von neuem einen Platz in der Filmgeschichte ein.
Während sich besonders im angelsächsischen Raum eine Tendenz herauskristallisiert hat, die das Leben von Künstlern und
Schriftstellern als einen harten Überlebenskampf darstellt, der von
Krankheiten, Psychosen und Abhängigkeiten geprägt ist, sind in
der Romania mehrere Künstlerfilme entstanden, die Schriftsteller und Maler nicht als leidende überbegabte Genies entblößen,
sondern als geistreiche Hasardeure und Draufgänger, die ihr ereignisreiches und strapaziöses Leben durchaus geschickt zu meistern
wissen. Diese meist sehr stark fiktionalen Biopics bedienen sich
vieler Elemente aus exotischen, surrealistischen und historischen
Abenteuerfilmen, so dass man von einer Mischform von Attraktions- und Erzählkino sprechen kann. Am Beispiel von Carlos
Sauras Buñuel y la mesa del rey salomón soll herausgearbeitet werden,
inwiefern sich der Film der Stilmittel anderer kinematographischer
294
Genres bedient und worin gegenseitige Einflüsse und Wechselwirkungen innerhalb der Künstlerfilme der Romania bestehen.
Da der biographische Film als Gedächtnisgattung immer wieder
Anlass zu Diskussionen über die Darstellung von Geschichte im
Kino bot, soll überdies besonders der Frage nachgegangen werden, wie „Geschichte“ in diesen abenteuerlichen Biopics in Szene
gesetzt wird. Denn auch in der Form von surrealistisch fantastischen Abenteuergeschichten fungieren biographische Künstlerfilme noch stets als Medien der bildlich codierten kulturellen Erinnerung, die für viele Zuschauer oft die einzige Begegnung mit dem
Leben und Werk von Künstlern und Schriftstellern darstellt.
Sabine Schrader (Leipzig)
Tano da morire (1997) – „Es ist gut, weil es schrecklich ist“ (Susan
Sontag)?
Das Mafiamusical Tano da morire (Regie: Roberta Torre) wird 1997
in Venedig als das beste Debüt ausgezeichnet, in Italien macht sich
eine „Tanomania“ breit. Der Film setzt die ita­lienische Filmtradition fort, er ist mit Laienschauspielern besetzt, was auf den neorea­
lismo verweist, gleichzeitig aber tanzen die Prota­go­nisten vor handgemalten Palermokulissen, nichts scheint ‚echt’ – auch nicht die
Tränen der Freunde und Familie des ermordeten Mafiachefs und
Metzgermeisters Tano. Der Film lebt von den intra- und intermedialen Bezügen zur Film- und Literaturgeschichte Siziliens, doch
das kollektive Gedächtnis wird zum Trash oder – wie Susan Sontag
es formulieren würde – zu camp. Der Film löst entsprechend eine
Diskussion um Kunst und Ethik in Italien aus.
Darüber hinaus trägt Tano da morire zur Rekonstruktion der italienischen Filmlandschaft der ausgehenden 1990er Jahre bei, die
– analog vielleicht zum derzeitigen Berlinfilm in Deutschland – die
einzelnen Regionen neu inszeniert. Filme wie von Carla Apuzzo
Rose e pistole (1998), Davide Ferrarios Roadmovie Figli di Annibali
(1998) oder Alessandro Pivas La capagira (2000) sind komödian295
tische Hymnen auf die regionale Besonderheit und Skurrilität von
Bari, Neapel usw. Am Beispiel des Films Tano da morire möchte ich
die zeitgenössische Verarbeitung kollektiver Mythen aufarbeiten
und in Hinblick auf den ‚regionalen Film’ nach der Entstehung
einer neuen Mythologie fragen.
Gunnar Nilsson (Jena)
Der brasilianische Film auf der Suche nach seiner Sprache
Nach dem Zusammenbruch der nationalen Filmproduktion während der Austeritätspolitik unter Präsident Collor hat sich die brasilianische Kinolandschaft erstaunlich schnell mit neuem Leben
gefüllt. Die bemerkenswert vielfältigen und qualitätsvollen Produktionen, die im Kielwasser von Terra estrangeira (Walter Salles,
1995) entstanden, lassen die Krise zu Beginn der letzen Dekade in
Vergessenheit geraten. Im Bereich des Kurzfilms kann sogar von
einem Boom die Rede sein.
Eine junge Filmemacher-Generation, die sich jenseits der ästhetischen Vorgaben des Cinema Novo wieder Brasilien-bezogenen
Thematiken zuwendet, ist neben die großen Namen getreten.
Wenngleich es verfrüht ist, vermeintlich verbindende Elemente
der verschiedenartigen Ansätze zu benennen, wird zumindest eines
deutlich: Bei aller Heterogenität schreiben sich die neuen Ästhetiken ohne ideologischen Ballast entschlossen in das Spannungsfeld zwischen fremden (europäischen oder nordamerikanischen)
und eigenen Traditionslinien ein, auf der Suche nach einer eigenen, aber nicht zwangsläufig ‚brasilianischen’ Filmsprache.
Teresa Pinheiro (Chemnitz)
Grenzüberschreitungen in der ‚portugiesischen’ Filmproduktion der 1930er
Jahre
Dass die ästhetischen und materiellen Grenzüberschreitungen womöglich schon immer ein Charakteristikum der romanischen Film296
produktion waren und dass diese Grenzüberschreitungen über die
Grenzen der Romania hinweggingen – dies zeigt uns die Beschäftigung mit der portugiesischen Filmproduktion der 1930er Jahre. Einer der letzten Stummfilme, der in Portugal gedreht wurde,
Maria do Mar (1930) von Leitão Barros, zeigt deutliche ästhetische
und filmtechnische Einflüsse des klassischen sowjetischen Kinos
(Pudovkine, Eisenstein) sowie des deutschen Expressionismus
(Wiene, Lang). Auch die ersten Tonfilme, die in Portugal gedreht
wurden – A Severa (1931) von Leitão Barros, A Canção de Lisboa
(1933) von José Cottinelli Telmo und Gado Bravo (1934) von António Lopes Ribeiro – blieben technisch fast ausschließlich in den
Händen deutscher Filmschaffender (Erich Philippi, Herbert Lippschitz, Heinrich Gärtner), die im Zuge der Machtergreifung durch
die Nationalsozialisten zur Emigration getrieben wurden und in
Portugal einen ‚sicheren Hafen’ fanden. Diese internationale Prägung der Formen und Techniken verhinderte jedoch nicht, dass
in allen erwähnten Filmen nationale Themen behandelt wurden.
Zu überprüfen wäre, inwiefern die Internationalität der Filmproduktion in den 1930er Jahren die Auswahl diese Thematik sogar
begünstigt hat.
Claudia Bahmer (Stuttgart)
An der Schwelle vom ‚Bewegungs-Bild‘ zum ‚Zeit-Bild‘: Zur
kinematographischen Formensprache in André Malraux’ „Espoir – Sierra
de Teruel“ (1938/39)
Zwar entstand der hier thematisierte - einzige - Film André Malraux’
bereits Ende der dreißiger Jahre, doch ergibt sich ein unmittelbarer
Bezug zu dieser Sektion bei Betrachtung der zeitgenössischen Kritik von (und nach) 1945, dem Jahr der ersten Wiederaufführung
von „Espoir – Sierra de Teruel“. Unabhängig von ihrer jeweiligen
Grundhaltung gegenüber Malraux’ Film heben nahezu alle Kritiken
auf ein in spezifischer Weise hervorstechendes Charakteristikum
von „Espoir“ ab: eine bemerkenswert starke Konzentration auf
297
die künstlerische Formensprache des Filmes selbst, die das erzählte Geschehen zwar unterstütze, aber auch schon eine relativ hohe
Eigenständigkeit diesem gegenüber behaupte. André Bazin führt
in seinem kritischen Essay „L’Espoir – du style au cinéma“ dieses
neue „Formdenken“ Malraux’ auf zwei Hauptkriterien zurück,
die auch Gegenstand von Malraux’ eigenen kunsttheoretischen
Überlegungen sind: „ellipse“ und „comparaison“. Anhand einer
Bezugnahme auf Malraux’ eigene Kunstschriften, in welchen auch
die Rolle des Kinos als autonome, moderne Kunstform behandelt
wird, soll der Versuch einer Bestimmung von Wesen und Funktion
der Malraux’schen Formensprache unternommen werden, welche
sich – so meine These – als exemplarischer Übergang von einem
vorkriegstypischen image-mouvement zu einem nachkriegstypischen
image-temps (nach Gilles Deleuze) darstellen und verstehen lässt.
Cécile Kovashazy (Montpellier)
Der Doppelgänger im französischsprachigen Film nach 1945
In der romantischen Prosa wurde die Figur des Doppelgängers als
zentrales Thema betrachtet, denn sie ließ die Fiktionalisierung des
dunklen Teils unserer Sehnsucht zu, des düsteren Objekts, dass
Freud ein paar Jahrzehnte später ins Rampenlicht geholt hat. Trotz
seines Klischeestatus in der Literatur des 19. Jahrhunderts hat der
Doppelgänger seine Aura nicht verloren, sondern lebendig Einzug
in der neuen Kunst des 20. Jahrhunderts gehalten, dem Film.
Ich schlage vor, die Eigentümlichkeiten dieses Motivs im französischsprachigen Film nach 1945 zu untersuchen. Die zentrale Frage wird sein: Gibt es eine kinematographische Eigentümlichkeit
der Figur des Doppelgängers? Und wenn ja, wie lässt sie sich präzisieren?
Für meinen Analysekorpus lasse ich bewusst Science-Fiction
Filme (parallele Welten) und die zur Zeit zahlreichen Filme über
bio-ethische Fragen des Klonens beiseite. Ich beschäftige mich
mit fünf Filmen, die einen repräsentativen Überblick der Figur
298
des Doppelgängers geben: zwei französische Filme (Plein soleil von
René Clément, 1960 und La nuit américaine von François Truffaut,
1973), ein französischsprachiger belgischer Film (Toto le héros von
Jaco van Dormael, 1991) und zwei Filme, die es erlauben nach
den Grenzen der Romania zu fragen (La double vie de Véronique von
Krzysztof Kieslowski, 1991 und Ce jour là von Raúl Ruiz, 2003).
Eine Typologie (auf der griechisch-römischen Mythologie gründend), die spezifisch für den literarischen Doppelgänger ist, wird
uns dabei behilflich sein zu hinterfragen, ob sie auch für filmische
Werke gültig ist. Bei dieser Gegenüberstellung wird gezeigt, dass einige Gestalten des literarischen Doppelgängers einerseits im Film
unmöglich sind und andererseits einige Gestalten nur im Film realisiert werden können. Die unterschiedlichen Verwendungen des
Motivs in Film und Literatur lassen sich durch erzähl- bzw. filmtechnische Mittel feststellen (Hauptfrage: ein oder zwei Schauspieler? Temporalität? usw.); somit verändert sich die Rezeption (der
Zuschauer sieht das Versehen des Hauptcharakters, die Entwicklung der Spannung wird anders behandelt). Am Schluss steht die
Frage, ob die Doppelgängertäuschung im Film möglich ist.
Anke Wortmann (Halle/Saale)
Das Risorgimento im italienischen Film
Im Jahre 2002 hat der italienische Staatspräsident Ciampi die italienischen Filmschaffenden aufgefordert, sich vermehrt um die
Repräsentation der italienischen Geschichte und insbesondere des
Risorgimento zu kümmern. Doch schon der erste italienische Film,
der 1904 gedrehte La presa di Roma, hat das Ereignis zum Gegenstand, mit dem das Risorgimento politisch als abgeschlossen gelten
kann. Es folgen bald und kontinuierlich weitere Filme, in denen
gern der heroische Anteil Garibaldis betont wird.
Die italienischen Risorgimento-Filme nach 1945 eröffnen ein
Spannungsfeld, in dem auf der einen Seite der Einigungsprozess
als eine Erfolgsgeschichte erzählt wird, als Einigung über regionale
299
Grenzen hinweg und als Sieg über feindliche Mächte, die Italien
besetzt halten (Viva l’Italia und schon 1860). Auf der anderen Seite
stehen die Werke, die die Einigung als verpasste Chance behandeln und der Gramsci’schen These folgen, es handele sich um eine
„conquista regia e non movimento popolare“ (Senso, Il gattopardo,
Bronte).
Gleichzeitig aber reflektieren viele Regisseure über ihre Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihre eigene Gegenwart, wie die
Chancen auf eine neue politische und soziale Ordnung nach 1945
oder nach 1968 – Themen von europäischer Relevanz.
Christiane Solte-Gresser (Bremen)
Das Bild Italiens im Film des neorealismo. Anmerkungen zu einem
italienischen, romanischen und europäischen Kapitel der Filmgeschichte
Der neorealismo zählt zu den bedeutendsten und innovativsten Strömungen innerhalb der europäischen Filmgeschichte. Im Zentrum
des Beitrages sollen die Themen und Erzählweisen stehen, welche
nach 1945 als ‚typisch’ für das italienische Kino und seine Erneuerungstendenzen galten. Es geht dabei, anders als in der zumeist
additiv verfahrenden Forschungsliteratur, vor allem um die Suche
nach Verfahren, mittels derer die einzelnen Filmemacher an der
Konstruktion des Bildes von einem neuen Italien arbeiten. Hierfür
gilt es in erster Linie die Filmtechnik, die verwendeten Motive und
das Verhältnis von Film und Literatur, von Film und historischer
Dokumentation bzw. von Film und politischer Agitation zu untersuchen.
In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen: Welche
konkreten Ausgangsbedingungen bestimmen die Versuche einer
Innovation des Kinos im italienischen Kontext? Wodurch unterscheiden sich die Filme, mit denen sich das post-faschistische Italien eine eigene Identität zu ‚erschreiben’ versucht, von anderen
europäischen Filmen der Nachkriegszeit? Wie hängt die Entstehung
des Bildes vom eigenen Land mit der politischen Vergangenheit
300
zusammen? Inwiefern kommt dem neorealismo eine Position
zwischen radikaler Abkehr von der Tradition und bewusstem Anknüpfen an die eigene Geschichte zu? Lässt sich in Italien eine
spezifische Sprache des cineastischen Erzählens ausmachen? Und
vor allem: In welcher Hinsicht hat diese Strömung nicht nur den
Verlauf der italienischen, sondern der europäischen Filmgeschichte
insgesamt geprägt?
Im Rahmen der Sektion zum Kino der Romania will der Beitrag zu
einer Diskussion darüber anregen, inwiefern der neorealismo über
die Grenzen des eigenen Landes hinaus stilbildend für das Imaginarium und das Gedächtnis des europäischen Films geworden ist.
Karin Weitzer (Graz)
„Auf der Suche nach dem verlorenen Rad“. Vittorio De Sicas Ladri di
biciclette im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation
Der italienische Neorealismus der unmittelbaren Nachkriegszeit
entdeckt das Medium Film neu als ästhetische Darstellungsmöglichkeit und Reflexion kollektiver zeitgeschichtlicher Erfahrung.
Aufgrund des Einbruchs der Zeitgeschichte in alle Bereiche des Lebens bekommt zeitgeschichtliches kinematographisches Erzählen
die Funktion geschichtlicher Selbstverständigung in einer als Krise
begriffenen Gegenwart. Neorealismus lässt sich am besten durch
Negation (kein ausgefeiltes Drehbuch, keine Studioaufnahmen,
keine professionellen Schauspieler, keine standardisierte Sprache)
charakterisieren. Trotz der entschiedenen Ablehnung überkommener Filmkonventionen und der expliziten Hinwendung zur Gegenwart stellen neorealistische Filme keinen vollständigen Bruch
in der Gattungstradition der italienischen Filmproduktion dar. Das
hat zur Folge, dass Konstitution und Durchsetzung des neorealistischen Films in keinen poetologischen Diskurs eingebettet sind.
Dieser Vortrag soll zeigen, dass der Neorealismus, wenngleich
ihm keine klar definierte Poetik zugrunde liegt, doch als filmtheoretisches Kontinuum bezeichnet werden kann, das bestimmte
301
Konstanten und distinktive Merkmale aufweist. Gemeinsam ist
allen neorealistischen Ausdrucksformen das Bewusstsein einer
einschneidenden historischen Wende und die dadurch bedingte
Suche nach innovativen Formen narrativer Komposition als Darstellung von Widersprüchlichkeit. Bezüglich der filmischen Narration kommt in diesem Vortrag der Frage nach dem Phänomen der
Zeitdualität erzählte Zeit/ Erzählzeit (Christian Metz) eine zentrale
Bedeutung zu.
Vittorio De Sicas und Cesare Zavattinis oscargekrönter Film Ladri
di biciclette, der von André Bazin als „der extremste Ausdruck des
Neorealismus“ bezeichnet wird, fokussiert die ästhetische Zeitproblematik sowie die Schwellensituation am Ende der faschistischen
Ära und bewegt sich wie kein anderer in einem Spannungsfeld zwischen tradierten Formen und Innovation. Daraus resultiert eine
Ambiguität, die nicht zuletzt die Darstellungsmodalität von Wahrnehmung und Wirklichkeit betrifft. Anhand einer exemplarischen
Einzelanalyse von Ladri di biciclette sollen rekurrente Oppositionspaare (Kolletiv-Individuum; öffentlich-privat; Hoffnung-Resignation; Katholizismus-Marxismus; Realismus-Symbolismus) und
für den Neorealismus charakteristische Topoi (feindliche Masse,
Blick des Kindes) dargestellt werden, welche die europäische und
internationale Filmästhetik nachhaltig beeinflussten. De Sicas miseen-scène, Zavattinis einzigartige Skandierung des Drehbuches und
nicht zuletzt die von beiden stets vermittelte umanità prägten nicht
nur die filmgeschichtlich bedeutendsten kinematographische Strömungen der Romania (nouvelle vague, cinéma rive gauche, movida etc.),
sondern hinterließen auch in Werken der weltweit angesehensten
Regisseure (Milos Forman, Samuel Fuller, Robert Altman, Woody
Allen) und innovativsten Newcomern (Xie Jin) explizit europäische (Film)Spuren.
302
Sektion 16
Die Inszenierung von Begegnungen: Entdeckung und Eroberung
in Text und Film
Leitung: Ute Fendler (Saarbrücken) / Monika Wehrheim
(Saarbrücken)
Programm
Montag, 26.09.05
Inszenierung und Eroberung
9.00 Uhr Monika Wehrheim (Saarbrücken)
Kolumbus als friedlicher Idealist und die Erobe-
rung als interkulturelle Begegnung - 1492 von Ridley Scott
Verena Dolle (Eichstätt)
Amerika als Ort der Freiheit? Die Eroberung Mexikos als Erinnerungsort in Captain from Castile (USA, 1947)
Nadia Lie (K.U. Leuven)
La representación del Nuevo Mundo en La contro-
versia de Valladolid (Jean-Daniel Verhaeghe/Jean-
Claude Carrière)
Filming Back I
14.00 Uhr
Freya Schiwy (University of California,
Riverside)
Wider den Imperialen Blick – Dekolonisierung, Video und indianische Bewegungen
Wolf Lustig (Mainz)
Aju ne xe pee remiurama: die Umsetzung von Hans Stadens „Wahrhaftige[r] Historie der wilden, nackten grimmigen Menschenfresser-Leute“ in Form des ersten tupi-sprachigen Kinofilms
Markus Klaus Schaeffauer (Freiburg)
303
Bilder des Unsagbaren: Cabeza de Vaca
Inszenierungen und Medien
16.00 Uhr
Sabine Roßbach (Saarbrücken)
Die Eroberung Mexikos, in immer neuem Licht: Hernán Cortés, Diego Rivera, Salvador Corrasco
Katja Carrillo Zeiter (Frankfurt/M)
La cruz del sur – Die Eroberung Lateinamerikas im
Dokumentarfilm
Dienstag, 27.09.05
Inszenierungen und Medien
9.00 Uhr
Marcela Caetano Popoff (Montevideo, Uruguay)
La reescritura de la historia: ficción-realidad-
fabulación. Una mirada comparada desde la cinematografía: Deus e o diabo na terra do sol y La Reina de la Noche.
Mario Mongi (Frankfurt)
La anti-escenificación de la alteridad. El film Los Muertos (2004) de Lisandro Alonso
Joachim Michael (Freiburg)
Der Mythos der Sklavin als Herrin: Xica da Silva zwischen Text, Film und Fernsehen
Inszenierungen und Medien
14.00 Uhr Ute Fendler (Saarbrücken)
Kolonialgeschichte zwischen Palimpsest und Simultanität. Inszenierungen aus Québec, Mexiko und Senegal
Kolonialgeschichte intermedial
Pierre Halen (Metz)
L’exploitation du Congo vue par Conrad et ses dérivés romanesques et cinématographiques
Helmut Schwartz (Saarbrücken)
Zwischen Kolonial-Nostalgie und Aufarbeitung der Vergangenheit: Louis Gardels Roman Fort 304
Sagane (1980) und dessen Verfilmung durch Alain Corneau (1984)
Filming Back II
16.00 Uhr
Susanne Greilich (Regensburg)
„Napoléon vu par les Egyptiens“ – Youssef Chahine’s Adieu Bonaparte
Jean-Claude Naba (Ouagadougou)
„Quand le tirailleur tire chez lui“ – Camp de Thiaroye von Ousmane Sembène und Tasuma von Daniel Kollo Sanou
Mittwoch, 28.09.05
Inszenierungen und Gender
9.00 Uhr
Mechtild Gilzmer (Berlin)
Der koloniale Blick im Spiegel “weiblicher” Texte und “männlicher” Bilder
Pascale Solon (Belfort/Marseille)
Der Kurzfilm Il était une fois Donyazad (1996) von Merzak Allouache: Gender – Intertextualität – Ästhetik
Abstracts
Monika Wehrheim (Saarbrücken)
Kolumbus als friedlicher Idealist und die Eroberung als interkulturelle
Begegnung - 1492 von Ridley Scott
Ein herausragendes Beispiel für die diskursive ‚Entschärfung‘ der
Aneignung fremder Territorien und der gewaltsamen Unterwerfung
der dort ansässigen Bevölkerung bildet von jeher das Bordbuch des
Kolumbus und dessen Rezeption, in die sich der mit Blick auf den
500. Jahrestag der ‚Entdeckung‘ Amerikas produzierte Film 1492
von Ridley Scott problemlos einreiht. Die Sichtweise der Erstbegegnung von ‚Neuer‘ und ‚Alter‘ Welt ist aufs engste verknüpft mit
305
der positiven Kolumbus-Gestalt, die das Bordbuch aus der Feder
des Las Casas und die Historia del Almirante des Kolumbus-Sohns
Hernando schufen.
Der Vortrag soll herausarbeiten, welche in den ersten Berichten
angelegten Topoi der Film wie aufgreift, intermedial reinszeniert
und damit erstaunlich ungebrochen jene Mythen fortschreibt, die
zahlreiche Kolumbus-Studien des ausgehenden 20. Jahrhunderts
zu dekonstruieren versuchten.
Verena Dolle (Eichstätt)
Amerika als Ort der Freiheit? Die Eroberung Mexikos als Erinnerungsort
in „Captain from Castile“ (USA, 1947)
Die Eroberung Mexikos durch Hernán Cortés ist ein Ereignis, das
in vielerlei Form behandelt und verarbeitet worden ist. Zu nennen
sind hier als erstes die spanischen historiographischen Texte des 16.
Jahrhunderts, dann die literarische Verarbeitung in den Epen des
sog. „ciclo de Cortés“. Eine Europäisierung des Stoffes erfolgt ab
Ende des 16. Jahrhunderts (Montaigne, Essais, Dryden, The Indian
Emperour 1667). Im 18. Jahrhundert wird der Stoff unter Verlagerung auf den Antagonisten von Cortés, Moctezuma, erfolgreich
auf der Opernbühne umgesetzt (z.B. Vivaldi/Giusti 1733, Graun/
Friedrich der Große 1755, De Majo/Cigna Santi 1765 u.v.m.). Mein
Vortrag beschäftigt sich mit einer der wenigen filmischen Annäherungen an das Sujet: „Captain from Castile“, USA 1947 (Regie
Henry King, mit Tyrone Power und Jean Peters in den Hauptrollen,
nach dem gleichnamigen Roman von Samuel Shellabarger [1944]).
Ausgehend von Pierre Noras Konzept der „lieux de mémoire“ soll
untersucht werden, welche Modellierungen das Geschehen der Eroberung Mexikos in Kings Film erfährt und welches Bild damit
von der Begegnung mit dem Anderen, von Cortés, von Spanien
und von Amerika vermittelt wird. Einmal mehr zeigt sich, dass das
historische Geschehen zur Projektionsfläche für das eigene Selbst306
verständnis, für Vorstellungen von Zivilisation und der Begegnung
zwischen den Kulturen wird.
Nadia Lie (K.U. Leuven)
La representación del Nuevo Mundo en La controversia de Valladolid
(Jean-Daniel Verhaeghe/Jean-Claude Carrière)
El título de esta película televisiva, hecha en conmemoración del
V. Centenario para la televisión francesa, refiere a los debates que
tuvieron lugar en Valladolid a mediados del siglo XVI acerca de
la intervención española en el Nuevo Mundo. De por sí, la narrativización de un debate que ocupó varios meses ya plantea un
problema especial al cineasta y guionista, pero en el caso presente, la película también denota la lectura de fuentes secundarias sobre el debate, más en particular La conquête de L’Amérique ou
la question de l’Autre de Tzvetan Todorov (1982). Se interpretará
la película como una reescritura del debate original implicando el
deslizamiento de un discurso dicotómico y occidentalista hacia un
discurso dialógico, ‘posoccidentalista’. En este proceso de reescritura ocupa un lugar central la introducción de una serie de actores
representativos del mundo indígena, la cual conduce en cierto momento a una inversión radical de perspectivas.
Freya Schiwy (University of California, Riverside)
Wider den Imperialen Blick – Dekolonisierung, Video und indianische
Bewegungen
Der Vortrag enthält Überlegungen zum Konzept der “Biopower”
(Michael Hardt und Antonio Negri), die von der Perspektive
indianischer Bewegungen und deren immaterieller audiovisueller
Arbeit aus beleuchtet wird. Nach Hardt und Negri zeichnet sich
ein scheinbar paradigmatisch veränderter globaler Kapitalismus
u.a. dadurch ab, dass kulturelles und intellektuelles Schaffen, sowie
die gesamte Lebenswelt dem kapitalistischen Markt eingegliedert
307
sind. Kritik kann, nach dieser Sichtweise, nicht mehr von außen
erfolgen, sondern ist dem System selbst immanent. Die Kraft der
Lebenswelt (Biopower) wird somit als eine potenziell befreiende
Macht verstanden, die sich der alles durchdringenden Biopolitik
dieses neuen globalen Imperiums entgegen setzt. Durch einen
Vergleich von zwei Filmen, La Nación Clandestina (Dir. Jorge
Sanjinés) und Qati Qati (resp. Reynaldo Yujra) kommt der Begriff
der Dekolonisierung unter den Bedingungen des globalen
multikulturellen Marktes in schärferes Licht. Die kapitalistische
Weltordnung erscheint so im Lichte von Kontinuität statt Bruch.
Wolf Lustig (Mainz)
Aju ne xe pee remiurama: die Umsetzung von Hans Stadens
„Wahrhaftige[r] Historie der wilden, nackten grimmigen MenschenfresserLeute“ in Form des ersten tupi-sprachigen Kinofilms
1999 präsentierte der brasilianische Filmemacher Luiz Alberto Pereira den Film „Hans Staden“, ein „drama histórico“, in dem erstmals fast ausschließlich die Tupi-Sprache verwendet wird. Auch in
anderer Hinsicht handelt es sich um den Versuch, eine Chronik aus
der Zeit der Entdeckung und Eroberung Amerikas mit maximaler
historischer „Authentizität“ auf die Leinwand zu bringen. Neben
einigen Aspekten der Verwendung einer indigenen Sprache im Kinofilm soll das durchaus ambivalente Verhältnis zur Textvorlage
einer Analyse unterzogen werden.
Markus Klaus Schaeffauer (Freiburg)
Bilder des Unsagbaren: Cabeza de Vaca
(Abstract lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.)
308
Sabine Roßbach (Saarbrücken)
Die Eroberung Mexikos, in immer neuem Licht: Hernán Cortés, Diego
Rivera, Salvador Corrasco
Diego Riveras Gründungsmythos für das nachrevolutionäre Mexiko (Murales, 1929 – 1945) zeigt die mexikanische Geschichte von
der aztekischen Priester­herrschaft über die spanische Eroberung
und mexikanische Revolution bis in eine sozialistische Zukunft
und darf als Programm moderner mexikanischer Nationalidentität
verstanden werden. Auffällig ist die Dämonisierung der spanischen
Eroberer, die Rivera vornahm (so wird Cortés als brutaler, goldgieriger Syphiliti­ker dargestellt); dem gegenüber steht die Idyllisierung
der alten india­nischen Kultur. Eine ähnliche Tendenz charakterisiert das Bild von mexikanischer Völ­ker­be­gegnung und Kulturvernichtung, das der junge mexikanische Regisseur und Drehbuch­
autor Salvador Corrasco in seinem ersten Film La Otra Conquista
(1999) zeigt. Es scheint, als begehrte das moderne Mexico, die Regierung sowohl als Vertreter von Kunst und Kultur, auf gegen die
– zuallererst von den spani­schen Eroberern dominierten – Darstellungen ihrer frühen Landesgeschichte. Deren ‚fremde’ Texte sollen
abgeschüttelt werden, damit Platz wird für eine ‚eigene’ Identität,
die ihre indianische Tradition bewußt aufwertet gegenüber den europäischen Wurzeln der mexikanischen Gesellschaft.
In meinem Vortrag möchte ich die Neu- und Umwertung der
mexikanischen Eroberungs­geschichte, die bis heute andauert, intermedial analysieren. Ausgehen will ich von den Briefen Cortés
an Kaiser Karl V. sowie Bernal Diaz del Castillos Berichten über
die Eroberung Mexicos. Diese Texte sollen einerseits mit Riveras
Murales, andererseits mit Corrascos La Otra Conquista kontrastiert
werden. Wir erhalten – in drei verschiedenen Medien (Text/Wandgemälde/Film) – vier völ­lig unterschiedliche Inszenierungen desselben geschichtlichen Ereignisses. Wie die differierenden Darstellungen ‚gemacht’ sind, sollen vergleichende Analysen einzelner
Szenen erhellen, die in allen vier Werken vorkommen – und doch
309
jede eine eigene Interpretation der historischen Fakten transportieren.
Katja Carrillo Zeiter (Frankfurt am Main)
„La cruz del sur“ – Die Eroberung Lateinamerikas im Dokumentarfilm
Der Film „La cruz del sur“ (1992) des chilenischen Dokumentarfilmers Patricio Guzmán thematisiert die Rolle der Religionen im
heutigen Lateinamerika. Patricio Guzmán ist vor allem durch seine
Dokumentarfilme zum Putsch in Chile und dessen Folgen einem
größeren Publikum bekannt geworden. „La cruz del sur“ bildet
durch sein Thema gleichsam eine Ausnahme im Filmwerk des Regisseurs. Ausgehend von der Frage nach der Stellung der Kirche,
geht Guzmán hier dem Wandel des Katholizismus nach, den dieser
gerade auch durch den Kontakt mit anderen nicht-europäischen
Religionen oder Glaubensrichtungen – wie unter anderem dem
Voodoo – durchlebt hat. Dabei wechseln dokumentarische Aufnahmen aus der Gegenwart und nachgestellte Szenen aus der Zeit
der Eroberung Lateinamerikas einander ab.
Es soll zum einen der Frage nachgegangen werden, welche Rolle
nachgestellte historische Szenen in Dokumentarfilmen insgesamt
einnehmen. Diese Technik wird gerade in letzter Zeit in Filmen
zu historischen Themen zu einem beliebten Darstellungsmittel, da
auf diese Weise historische Fakten Teil der filmischen Erzählung
werden. In bezug auf Guzmáns Film wäre zum anderen zu fragen,
welche Funktion der ständige – und auch willkürliche – Wechsel
zwischen beiden Erzählformen des Dokumentarfilms einnimmt,
denn es geht Guzmán nicht primär um eine Aufarbeitung der
christlichen Eroberung Lateinamerikas. Für ihn steht die aktuelle
Situation des Kontinents im Vordergrund.
Marcela Caetano Popoff (Montevideo, Uruguay)
La reescritura de la historia: ficción-realidad-fabulación. Una mirada
comparada desde la cinematografía: Deus e o diabo na terra do sol y La
310
Reina de la Noche
El mestizaje generó en América Latina una lucha por la identidad.
Desde ella, el mestizo fue sujeto de una sociedad “antropoémica”,
aculturada, que –siguiendo a Levi Strauss- “vomita” al individuo
de su seno y otra “antropofágica” marginada y marginante que lo
“digiere”, transformándolo en un sujeto indefinido que necesita de
mediadores “prestigiosos” que lo validen, o lo condenen a la “otredad”. Un camino para considerar la reescritura de la historia podría
ser el de reconocer las herencias de las cuales partimos y analizar
sus transformaciones, la polifonía, esa multiplicidad de voces que
representan, a su vez, múltiples memorias que resisten el olvido,
sin perder de vista que toda reescritura de la historia no es sino
un intento de avanzar hacia un “tiempo recobrado” en función de
una memoria colectiva que nutre la memoria individual. Elijo los
casos de dos films latinoamericano Deus e o diabo na terra do sol
del brasileño Glauber Rocha y La Reina dela noche del mexicano
Arturo Ripstein a fin de trabajar desde ellos e -con la apoyatura
de “La estética del hambre”, texto escrito por el propio Glauber
Rocha y textos programáticos del muralista Diego Rivera- intentar algunos abordajes respecto a la supervivencia de espacios de
poder y disciplinamiento -herencia continental de las instancias de
conquista y colonización-, enfrentados a su vez a una subalternidad que alterna entre la rebelión y el fracaso esencial de volverse
invisible como una construcción ficcional del otro, una invención
de su propia existencia.
Mario Mongi (Frankfurt)
La anti-escenificación de la alteridad. El film „Los Muertos“ (2004) de
Lisandro Alonso
Cuatro siglos atrás llega la Orden Jesuita a la región selvática y
mesopotámica en lo que hoy es la frontera entre Paraguay, Argentina, Brasil y Uruguay. Allí se implementó una fina tecnología de
311
construcción económico-social y psicológico-moral sobre las diferentes etnias: Las Reducciones Guaraníes. Una naturaleza humana
cristianizable es el presupuesto antropológico subyacente para un
proyecto de corte presuntamente utópico y autoritario que marca
al „reducido“ con el signo de una minoridad al menos provisional.
La evangelización trae su propia estética con su propia escenificación: el encuentro dulce, no violento. Pero el fracaso político de
aquel proyecto deja librado a su suerte al habitante de esta zona,
es decir, sujeto a su supervivencia como mera fuerza de trabajo
dentro de otro sistema de premios y castigos y lo sumerge en el
cono de sombra de la dicotomía entre barbarie y civilización del
siglo XIX. El siglo XX aporta migraciones internas y masificación
mediática, represión policial y marginalidad. El resultado diverge
en mucho del „ideal jesuítico“ y conforma un „otro“ otro sólo
parcialmente integrado. Lo que sucede después es el eterno retorno de los encuentros culturales y sus „reducciones“. Si es posible
escapar de este círculo, si es deseable hacerlo, si es un proyecto a
realizar, es la cuestión a abordar en el análisis del film de Alonso:
un intento de „démontage“ dramático, cuya estética niega su propia escenificación del „otro misionero“ construyendo una vez más
su propia alteridad.
Joachim Michael (Freiburg)
Der Mythos der Sklavin als Herrin: Xica da Silva zwischen Text, Film
und Fernsehen
Xica da Silva ist eine historische Gestalt des 18. Jahrhunderts, die
als ehemalige Sklavin und Mätresse eines hochrangigen portugiesischen Adeligen in der luso-brasilianischen Kolonie zu Macht und
Reichtum gelangte. Sie geriet nach ihrem Tod 1796 in Vergessenheit, erstand jedoch 1868 historiographisch wieder auf. Mit der
Geschichtsschreibung des ehemaligen Diamantenfördergebietes
setzte eine Tradition der Mythenbildung und –umbildung ein, die
312
bis heute nicht abgeschlossen scheint. Im 20. Jahrhundert nahm
sich die Literatur in unterschiedlicher Weise des Stoffes an.
Entscheidend für den Mythos der Figur in der brasilianischen Gegenwartskultur war jedoch die Verfilmung Xica da Silva von Cacá
Diegues 1976. Diegues, Mitbegründer des cinema novo, feiert die
Gestalt in seinem Film als eine Art „Heldin Brasiliens“, die sich
über die repressiven und rassistischen Strukturen der Kolonialgesellschaft hinwegsetzt und den Weg zu einer „neuen Zivilisation“
weist. Der Film popularisiert die Ursprungsvision einer brasilianischen „Rassendemokratie“, und so verwundert es nicht, dass
sich zwanzig Jahre später das Fernsehen des Mythos annimmt. Das
Fernsehen knüpft explizit am Film an, jedoch führt die intermediale Passage in Form einer Telenovela im Grunde zu einem völlig
anderen Ergebnis. Als serielles Melodrama verliert die Utopie einer
tropischen Überwindung sozialer Grenzen (Liebesglück) wieder
zugunsten der Übermacht von kolonialer und rassistischer Gewalt
(Zerstörung des Liebesglücks) an Boden. Sie setzt sich durch, aber
erst ganz am Ende, nachdem das Publikum monatelang allabendlich die Grausamkeiten der Kolonialgesellschaft über sich ergehen
lassen musste.
Ute Fendler (Saarbrücken)
Kolonialgeschichte zwischen Palimpsest und Simultanität. Inszenierungen aus
Québec, Mexiko und Senegal
Das Medium Film eignet sich besonders durch die Möglichkeiten
der Montage auf Bild- und Tonebene ebenso wie auf syntaktischer
und semantischer Ebene, die fortwährende Präsenz der Geschichte von Entdeckung und Kolonialisierung in der Gegenwart „sichtbar“ werden zu lassen - sei es in Form eines Palimpsests oder in
Form von Simultanität der Epochen. Der Vergleich dreier Film aus
verschiedenen Ländern, die alle aus einem Kolonialprozess hervorgegangen sind - „Les maudits sauvages“ des Kanadiers JeanPierre Lefebre, „Ceddo“ des Senegalesen Ousmane Sembène und
313
„Barroco“ des Mexikaners Paul Leduc - erlaubt es, Prozesse der
Hybridisierung und Synkretisierung als Konstanten der Kolonialgeschichte aufzuzeigen. Dabei werden Strategien von Rechtfertigungsdiskursen verschiedener Art und Provenienz ebenso deutlich
wie Ikonen des Kolonialdiskurses (wie beispielsweise der ‚Missionar’, der ‚Eroberer’, der ‚Händler’, der ‚Wilde’) oder erklärende Geschichtskonstrukte für die Gegenwart, die in der filmischen Konstruktion über Palimpsest und Simultanität hinterfragt werden.
Pierre Halen (Metz)
L’exploitation du Congo vue par Conrad et ses dérivés romanesques et
cinématographiques
La représentation, par Joseph Conrad, des premières années de
la „mise en valeur“ du Congo dans le contexte du Congo Free
State est tout sauf la représentation d’une rencontre entre collectivités humaines. C’est au contraire une mise en scène de la violence
et de la non-compréhension entre des mondes qui s’excluent
mutuellement. Ce phénomène, qui peut être mis en rapport avec
la crise fin-de-siècle, se retrouve dans la postérité romanesque et
cinématographique de Heart of Darkness, mais avec des nuances.
Contrairement à Apocalypse Now, assez fidèle, de ce point de vue,
à Conrad, le film Heart of Darkness ajoute un interface humain et
culturel sous la forme d’un personnage (et d’un visage) particulier
de colonisé, qui (paradoxalement pour le propos anticolonialiste)
est une figure classique du roman colonial. Dans le roman, Céline
et Greene, chacun à leur manière et malgré la radicalité de leur
propos, ajoutent eux aussi une figure narrative de „compréhension“
entre les mondes humains. C’est moins évident chez Moravia,
entre autres auteurs „conradiens“. La communication s’interrogera
sur le statut de l’image et du média en général dans ces différents
traitements de la tradition conradienne.
314
Helmut Schwartz (Saarbrücken)
Zwischen Kolonial-Nostalgie und Aufarbeitung der Vergangenheit: Louis
Gardels Roman ‚Fort Sagane‘ (1980) und dessen Verfilmung durch Alain
Corneau (1984)
„Service inutile“ könnte man diesen Roman, einen Titel Montherlands zitierend, nennen, denn das Buch Gardels lässt sich unschwer
einer Tradition der zugleich kritischen, heroisierenden und philosophischen Verarbeitung der ‚Eroberung der Wüste‘ durch Frankreich zuordnen, innerhalb derer Montherland selbst mit „La rose
de sable“ einen markanten Beitrag geleistet hat. Gardel fügt der
eingangs bezeichneten Dreifachdimension (Kolonialkritik, Kolonialnostalgie und philosophische Aufbereitung der Begegnung mit
der Wüste) eine vierte Dimension hinzu, die in den letzten beiden
Jahrzehnten in verschiedenen literarisch-historischen Kontexten
(insbesondere dem des ersten Weltkriegs) beträchtliche Bedeutung
gewonnen hat: will sagen die Familiengeschichte und ihre reflektierende Vergegenwärtigung, und zwar insoweit als die Hauptfigur
des Romans in einzelnen Etappen ihres Lebenswegs nach Aussage des Autors an bestimmte Ereignisse im Leben seines eigenen
Großvaters erinnert.
„Service inutile“, das wird im Roman sehr deutlich – und dennoch
erscheint dieser Dienst in gewisser Weise als ein bewundernswert
heroischer Dienst am Vaterland und an seiner, wie auch immer
unvollkommen erfüllten ‚zivilisatorischen Mission‘ im Maghreb. Der
Film – drei Stunden zwölf Minuten – bleibt dem Romangeschehen
erstaunlich nahe. Der Eindruck, den er auf der Aussageebene
beim Zuschauer hinterlässt, ähnelt daher dem Eindruck bei der
Lektüre des Romans inhaltlich sehr stark. Dennoch erscheint
die heroisch-nostalgische Komponente im Film durch die Bildeindrücke verstärkt. Der Beitrag versucht, die verschiedenen
Komponenten von Film und Roman näher zu beleuchten und
beide Werke in die Tradition der – meist nur partiell – kritischen
315
französischen Kolonialliteratur einzuordnen, deren Wurzeln bis
ins 19. Jahrhundert zurückreichen.
Susanne Greilich (Regensburg)
„Napoléon vu par les Egyptiens“ – Youssef Chahine’s Adieu Bonaparte
Im Mittelpunkt dieses Vortrages steht einer der bekanntesten und
zugleich umstrittensten Filme des ägyptischen Regisseurs Youssef
Chahine: der 1984 beim Festival von Cannes präsentierte „Adieu
Bonaparte“ mit Michel Piccoli in einer der Hauptrollen.
„Adieu Bonaparte“ ist der bisher wohl einzige ägyptische Film,
der sich mit dem napoleonischen Feldzug aus der Sicht der „Eroberten“ beschäftigt. Vielmehr als um einen bloßen Gegendiskurs
zur offiziellen französischen Geschichtsschreibung geht es Chahine in „Adieu Bonaparte“ aber um eine Demontage geläufiger,
stereotyper Repräsentationen arabisch-islamischer Mentalität (Fatalismus, Unterwerfung der Frau), sowie um eine übergreifende
Reflektion darüber, wie der Umgang mit dem Fremden und den
Einflüssen des Westens in den arabischen Gesellschaften erfolgen
kann und sollte. Chahine zeigt dies am Beispiel der beiden Brüder Bakr und Ali, die mit ihrer Familie von Alexandria nach Kairo
ziehen, um am Kampf gegen die Franzosen teilzunehmen, bald
aber schon zu einem gänzlich unterschiedlichen Umgang mit den
„Eroberern“ gelangen.
Jean-Claude Naba (Ouagadougou)
„Quand le tirailleur tire chez lui“ – Camp de Thiaroye von Ousmane
Sembéne und Tasuma von Daniel Kollo Sanou
(Abstract lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.)
316
Mechtild Gilzmer (Berlin)
Der koloniale Blick im Spiegel “weiblicher” Texte und “männlicher” Bilder
Ausgangspunkt meiner Überlegungen ist der einleitende Essay von
Assia Djebar zu ihren Erzählungen “Femmes d’Alger dans leur
appartement (Paris 1980). Assia Djebar bezieht sich mit dem Titel
auf ein Gemälde, das Eugène Delacroix 1832, nach seinem kurzen
Aufenthalt in Algier, gemalt hat. Assia Djebar analysiert dieses Gemälde als Ausdruck der kolonialen Unterwerfung, die den Körper
der fremden Frau zur Allegorie für das zu erobernde Land macht.
Ich möchte diesem Bild-Text-Verhältnis genauer nachgehen und
dabei auch das filmische Schaffen als bildhafte Antwort von Assia
Djebar darstellen.
In einem zweiten Schritt möchte ich die Text-Bild Betrachtung
(Assia Djebar und Delacroix) mit einem anderen Text-BildVerhältnis fortführen. Die algerischstämmige Autorin Leila Sebbar
hat gemeinsam mit Jean-Michel Belorgy eine Reihe von Postkarten
herausgegeben, auf der nordafrikanische Frauen abgebildet sind.
Diese Photos, die um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden
sind, stellen in gewisser Weise die Fortsetzung des Delacroixschen
Blickes im Medium der Photographie dar. In einem kurzen einführenden Beitrag zeichnet Leila Sebbar ein einfühlsames Bild der
Hintergründe für den gesellschaftlichen Status der dargestellten
Frauen. Ebenso wie Christelle Taraud in ihrem Buch “Mauresques.
Femmes orientales dans la photographie coloniale” analysiert Leila
Sebbar diese Photos als Ausdruck einer spezifischen sexuellen
Gewalt und Teil der kolonialen Unterdrückung.
Abschließend möchte ich diese Darstellungen mit den Photos von
Marc Garanger in Zusammenhang bringen, der als einfacher Soldat während des Algerienkriegs den offiziellen Auftrag hatte, algerische Frauen zu photographieren. Es stellt sich u.a. die Frage, ob
und in welcher Weise der koloniale Blick in seinen Photos überwunden wurde.
317
Pascale Solon (Belfort/Marseille)
Der Kurzfilm Il était une fois Donyazad (1996) von Merzak
Allouache: Gender – Intertextualität – Ästhetik
In seinem Kurzfilm „Il était une fois Donyazad“ aus dem Jahr 1996
greift der in Algerien geborene Filmregisseur Merzak Allouache
einen prestigereichen Text der arabisch-islamischen Literatur auf,
nämlich die Geschichtensammlung „Tausendundeine Nacht“. Wie
schon in anderen Filmen thematisiert Allouache in dem märchenhaft-fantastische Züge tragenden Kurzfilm die maghrebinische
Immigration in Frankreich und deren interkulturelles Konfliktpotenzial. Er nimmt hier insbesondere die Beziehungen zwischen den
Geschlechtern in den Blick. Der Beitrag versucht herauszuarbeiten,
wie der Filmemacher Allouache den in der islamischen Welt zum
Teil zensierten Text aktualisiert, um patriarchalische Diskurse des
Migrantenmilieus und auch stereotype Repräsentationsformen, die
für die historischen wie die gegenwärtigen Beziehungen zwischen
„Orient“ und „Okzident“ bestimmend sind, aufzubrechen.
318
mm Anz Romanistentag A5
18.05.2005
10:40 Uhr
Seite 1
Romania Viva
Texte und Studien zur romanischen Gegenwartsliteratur
(Hrsg. von Prof. Dr. Ulrich Prill, Münster)
Die Reihe versteht sich als innovativer Beitrag zur Literaturwissenschaft.
Sie widmet sich den Kulturen der Romania in ihrer ganzen Vielfalt.
Schreiben aus dem Nichts
Gegenwartsliteratur und Mathematik
– das Ouvroir de littérature potentielle
(Romania Viva 1)
Von Uwe Schleypen
2004, 456 Seiten, Hardcover
68,00 Euro
ISBN 3-89975-036-5
Vom Skandal der Stille entgegen
Wege im Werk Pier Vittorio Tondellis
(Romania Viva 2)
Von Sandra Siegert
2004, 240 Seiten, Hardcover
39,90 Euro
ISBN 3-89975-037-3
Mathematik und Literatur, Berechnung und Imagination – nichts
scheint unvereinbarer zu sein, als
diese beiden Arten, die Welt zu
betrachten. Und dennoch treffen sie
sich: In der écriture sous contrainte.
Mit diesem Schreibkonzept der
französischen Autorengruppe Oulipo
setzt sich Uwe Schleypen auseinander.
Pier Vittorio Tondelli – Stil und
Thematik des 1991 im Alter von
36 Jahren verstorbenen Autors
haben für junge Schriftsteller noch
heute Vorbildcharakter. Sandra
Siegert untersucht Verläufe und
wiederkehrende Themen in seinem
Werk und macht Bezüge für den
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Sektion 17
Geschichte der literarischen Spannung
Leitung: Kathrin Ackermann (Salzburg) / Judith MoserKroiss (Salzburg)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr Alwin Fill (Graz)
Sprachliche Mittel zur Erzeugung von Spannung und Suspense im literarischen Text
Andreas Fuchs (Rostock)
Zur missachteten poetologischen Qualität der Scholien: das Verständnis der dramatischen Span-
nung in antiken Kommentaren
Grazia Dolores Folliero-Metz (Siegen)
„Pos de chantar m’es pres talenz“. Paradigmatische Beispiele der Spannung aus der altfranzösischen Literatur
Kathrin Ackermann (Salzburg)
Spannungstechniken im italienischen Barockro-
man
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
320
Christopher F. Laferl (Salzburg)
Das Problem der Spannung in frühneuzeitlichen spanischen Poetiken
Judith Moser-Kroiss (Salzburg)
Ignacio de Luzán und seine Poetik
Jutta Fortin (Wien)
Spannung, das Fantastische und Intellektualisie-
rung: Mérimées „La Vénus d’Ille“
Doris Wieser (München)
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Die Täterperspektive bei Patrícia Melo und Élmer Mendoza. Spannungserzeugung durch moralisch ambivalente Protagonisten
Wolfram Aichinger (Wien)
Significación, intensidad und tensión in der Poetik Julio Cortázars
Gero Arnscheidt (Bochum)
Spannung im spanischen Kriminalroman und seinen Hybridisierungen
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Jörg Türschmann (Mannheim)
Spannung und serielles Erzählen. Vom Feuilleton-
roman zur Fernsehserie
Gudrun Held (Salzburg)
Verfahren intermodaler Spannung auf Kontakt-
texten: Beobachtungen am Beispiel italienischer, französischer und deutschsprachiger Zeitschriften-Covers
Abstracts
Alwin Fill (Graz)
Sprachliche Mittel zur Erzeugung von Spannung und Suspense im
literarischen Text
In diesem Vortrag wird argumentiert, dass das Erzeugen von Spannung auf verschiedenen Ebenen der Sprache geschehen kann. Auf
der Wortebene leisten dies eigene „Spannungswörter“ (wie Gefahr,
Verdacht, unerwartet etc.), aber auch Neologismen, Wortkontraste
und Metaphern, auf der Satzebene etwa die Retardierung syntaktischer Konstituenten, Fragesatz, Ellipse, Variation der Satzstrukturen und Ähnliches. Am wichtigsten ist die Textebene, auf der z.B.
kataphorische Elemente (etwa beziehungslose Pronomina am An321
fang! – „Millimeter für Millimeter verließ er sie ...“), eingeschränkte
Erzählperspektive, Variation der Thema-Rhema-Folge und verschiedene Formen der Intertextualität für Spannung sorgen.
In dem Vortrag wird Spannung von Suspense unterschieden, wobei argumentiert wird, dass Suspense insbesondere durch Zurückhaltung von Information und Geben überraschender Information
erzeugt wird. Der Vortrag wird auch auf die verschiedenen Spannungsmittel in den einzelnen literarischen Gattungen sowie auf die
unterschiedliche Bedeutung der sprachlichen Spannungsmittel in
den verschiedenen literarischen Epochen eingehen.
Andreas Fuchs (Rostock)
Zur missachteten poetologischen Qualität der Scholien: das Verständnis der
dramatischen Spannung in antiken Kommentaren
Aus der Antike sind uns zahlreiche Kommentare, vielfach in Form
von Randnotizen in den Handschriften überliefert. Besonders die
alexandrinischen Gelehrten seit dem 3. Jh. v. Chr. haben mit diesen
Scholien schwer verständliche Passagen dichterischer Werke erläutert und auch literarische Wirkungen zum Gegenstand ihrer Kommentierung gemacht. Darunter fallen auch recht präzise Aussagen
zur dramatischen Spannung. Aus dem ausschließlich deskriptiven
Umgang mit diesem Phänomen (es gab ja schließlich keinen Terminus, in den sie ihre Vorstellung von dramatischer Spannung
kleiden konnten) lässt sich folgern, welch bedeutende Rolle ‚Spannung’ oder ‚Suspense’ als dramatische Wirkung produktions- und
rezeptionsästhetisch bereits spielte. Dieser Forschungsansatz betritt Neuland, denn die Scholien sind bisher in der Forschung ganz
überwiegend nur im Kontext neuzeitlicher Sacherklärungen behandelt und kaum als eigenständige Zeugnisse eines theoretischpoetologischen Diskurses untersucht werden.
Ich werde den Versuch unternehmen, exemplarisch an wenigen
ausgewählten Scholien zu Homers Ilias und zur griechischen Tragödie nachzuweisen, dass dramatische Spannung als eine kom322
plexe literarische Wirkung von den antiken Literaturwissenschaftlern erkannt und beschrieben wurde, auch in Abgrenzung zu und
in Wechselwirkung mit anderen Wirkungsphänomen der Literatur,
wie der dramatischen Ironie.
Grazia Dolores Folliero-Metz (Siegen)
’Pos de chantar m’es pres talenz’. Paradigmatische Beispiele der Spannung
aus der altfranzösischen Literatur
In diesem Beitrag werden einige Beispiele von „literarischer Spannung“ aus der altfranzösischen Literatur vorgestellt. Als Einführung dienen ein Einblick in eine Dichtung von Wilhelm IX.
von Aquitanien und ein ausgedehnter Hinweis auf die narrative
Struktur der Chanson de Roland. Corpus des Beitrags wird hingegen die genaue Analyse der Entwicklung der Novelle Yvain (Der
Löwenritter) des Chrétien de Troyes sein. Diese Erzählung sollte
nach Auffassung des Autors die Aufmerksamkeit eines gebildeten
Kreises gewinnen, auch dank der subtilen Hilfe des „narrativen
suspense“.
Kathrin Ackermann (Salzburg)
Spannungstechniken im italienischen Barockroman
Spannung gilt als ein Phänomen, das untrennbar mit der Entstehung
der Unterhaltungsliteratur am Ende des 18. Jahrhunderts verbunden
ist, um von da an unaufhaltsam zur Herausbildung spezifischer
Subgenres zu führen, die dem Leser eine atemlose, durch ein finales
Ereignis abgeschlossene Lektüre versprechen. Doch bereits im 17.
Jahrhundert existiert in Italien eine blühende Romanproduktion,
zu deren Kennzeichen die Orientierung der Autoren an der
Lesererwartung gehört. Die im Zuge der Aristoteles-Rezeption
des Cinquecento erarbeiteten Konzepte zur Konstruktion der
Intrige finden nicht nur im Drama Anwendung, sondern auch
im Roman, dem mit der Übernahme des heliodorischen Schemas
323
ein Modell für eine Erzählung mit markierter Finalspannung zur
Verfügung steht. Aus der Verbindung zwischen der Anwendung
tragödienspezifischer Techniken und der Nachahmung der
„Aithiopika“ entsteht eine neue Form des Erzählens, die mit der
Ausweitung des Lesepublikums ab der Mitte des 16. Jahrhunderts
immer größere Verbreitung findet.
Am Beispiel ausgewählter italienischer Romane der dreißiger und
vierziger Jahre des 17. Jahrhunderts soll untersucht werden, welche
Techniken der Spannungserzeugung die Autoren verwenden, um
ihre Leser in Atem zu halten. Dabei wird insbesondere auf das
Ineinandergreifen von Spannungsbögen unterschiedlicher Intensität und Reichweite, das Zusammenwirken von Rätselspannung
und Suspense, die Moderation der Erwartungshaltung des Lesers
durch den Erzähler und die Orchestrierung des Geschehens durch
trennscharf dargestellte Affekte eingegangen. Ausgehend von einer Abgrenzung gegenüber modernen Formen der Spannung soll
versucht werden, die Rolle rezeptionsspezifischer Faktoren wie
Gattungswissen, Identifikationsmöglichkeiten, historisch unterschiedlicher Zeitkonzeptionen und kultureller Bewertungen emotionaler Reaktionen zu bestimmen.
Christopher F. Laferl (Salzburg)
Das Problem der Spannung in frühneuzeitlichen spanischen Poetiken
Wie schon die aristotelische Poetik, so kennen auch die spanischen
poetologischen Abhandlungen des ausgehenden 16. und des 17.
Jahrhunderts den Begriff der Spannung nicht. Mit Fragen der Gestaltung der Handlung, die Zuschauer, Leser und Hörer packen
soll, setzen sich diese Texte aber sehr wohl auseinander. In diesem
Beitrag soll untersucht werden, inwiefern in der Filosofía antigua
poética (1596) des Alonso López Pinciano Fragen des Handlungsaufbaus, wie sie bei ihm unter den Begriffen „variedad de la fábula“,
„perturbación“, „novedad“, aber auch „peripecia“ und „agnición“
abgehandelt werden, mit dem uns vertrauten Spannungsbegriff
324
in Beziehung gesetzt werden können. Die Ergebnisse dieser Fragestellung werden schließlich mit zwei anderen dichtungstheoretischen Texten der Zeit, des Arte nuevo de hacer comedias en este tiempo
(1608) von Lope de Vega und der Agudeza y arte de ingenio (1642)
von Baltasar Gracián, verglichen werden. Dieser Vergleich soll eine
Antwort auf die Frage ermöglichen, ob für das Problem der Spannung eine Entwicklung für den ungefähr fünfzigjährigen Beobachtungszeitraum von 1598 bis 1642 festgestellt werden kann.
Judith Moser-Kroiss (Salzburg)
Ignacio de Luzán und seine Poetik
„[Q]ue las dificultades sean ingeniosamente enlazadas, y nazcan
unas de otras, teniendo en continua suspensión los ánimos del auditorio, inciertos del éxito de la fábula.“
Das fordert Ignacio de Luzán in einem Kapitel über die Tragödie
aus seinem im Jahr 1737 veröffentlichten und 1789 neu aufgelegten
Werk La poética. Reglas de la poesía en general y de sus principales especies.
Bemerkenswert an diesem Zitat ist, dass sich der Autor explizit
mit dem Phänomen der Spannung auseinandersetzt. Die „suspensión“ des Publikums und die Ungewissheit über den Ausgang des
Stücks sind erwünscht und stellen positive Merkmale dramatischer
Dichtung dar, wie Luzán auch an anderen Stellen seines Werkes
feststellt – immerhin soll auf diese Weise erreicht werden, dass
der Zuschauer sich mit dem Helden des Theaterstücks identifiziert
und sich der Dramatik des Gezeigten nicht entziehen kann.
Für Luzán, der sich sowohl mit antiken als auch zeitgenössischen
Poetiken intensiv auseinandergesetzt hat, scheint das Prinzip der
Spannung geeignet, das Ziel der Literatur zu erreichen, wie es den
Vorstellungen der Aufklärung in Anlehnung an die antiken Poetiken entspricht: das Publikum gleichzeitig zu unterhalten und zu
erziehen.
Im Vortrag soll der Frage nachgegangen werden, welchen Stellen325
wert die Spannung in Luzáns Poetik vor allem in Bezug auf die
dramatische Dichtung einnimmt.
Jutta Fortin (Wien)
Spannung, das Fantastische und Intellektualisierung: Mérimées „La Vénus
d’Ille“
Mérimées „La Vénus d’Ille“ (1837) konfrontiert den Protagonisten
und den Leser mit einer scheinbar bösartigen Venusskulptur, die
einerseits die wissenschaftliche Neugier des Archäologen-Erzählers aus Paris weckt und andererseits den Dorfbewohnern der
Stadt Ille Angst einflößt. Die Spannung währt bis zum Schluss der
Erzählung; das (Todorovsche) Dilemma, die Vorkommnisse um
die Skulptur als mögliche Unfälle zu interpretieren oder aber der
Venus tatsächlich ein eigenständiges Leben und einen eigenen Willen zuzugestehen, bleibt ungelöst.
Als ein Merkmal des Fantastischen kann gelten, dass die Texte
dieses Genres Intel­lektuelle darstellen. In „La Vénus d’Ille“ diskutiert der Archäologe begeistert über die unvoll­ständige Aufschrift
auf dem Sockel der Skulptur, um die Bedeutung der Venus zu erfassen. Dieses Interesse des Gelehrten, das sich trotz der bevorstehenden Hochzeit ausschließlich auf die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Skulptur konzentriert, gepaart mit seiner be­tonten
Gleichgültigkeit Frauen gegenüber, weist darauf hin, dass er nicht
asexuell ist, sondern dass er vielmehr vor dem Sinnlichen zurückschreckt und Schutz im Intel­lektuellen sucht. In der Psychoanalyse
– ich beziehe mich auf Anna Freuds The Ego and the Mechanisms of
Defense (1936) – wird ein solches defensives Ersetzen eines psychischen Problems durch eine intellektuelle Fragestellung als „Intellektualisierung“ bezeichnet.
Der Beitrag zeigt, dass der Abwehrmechanismus der Intellektualisierung in der fan­tastischen Literatur nicht funktioniert. Vielmehr
wird das Problem, das durch die Intel­lektualisierung auf einer unbewussten Ebene bewältigt werden soll, in die Wirklichkeit des
326
Texts übertragen und so dem Protagonisten und dem Leser vor
Augen geführt. Als die Venus den Bräutigam in seiner Hoch­zeits­
nacht tötet, wird die Angst des Gelehrten vor dem Weib­lichen,
die seine Theorie von der Venus­skulptur bestimmt, rationalisiert
und dadurch gleich­zeitig seine Theorie bestätigt. Doch durch die
reale Manifestation des Problems innerhalb der Erzählung intensiviert das Fan­tastische die Angst, die durch den Prozess der
Intel­lektualisierung normalerweise minimiert werden sollte. Obwohl sich das Inter­pretations­di­lemma durch ein solches Lesen der
Ereignisse zugunsten des Übernatürlichen auflöst, wird der Leser
durch diese Erklärung nicht beruhigt. Die Spannung fällt ab, doch
zurück bleibt ein Gefühl des Unheimlichen.
Doris Wieser (München)
Die Täterperspektive bei Patrícia Melo und Élmer Mendoza.
Spannungserzeugung durch moralisch ambivalente Protagonisten
Innerhalb des Megagenres Kriminalliteratur hat sich in der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Untergattung herausgebildet, die
mit suspense ficition oder roman à suspense bezeichnet wird. Ihre Initiatoren, die Amerikanerin Patricia Highsmith und ihre französischen
Kollegen Pierre Boileau und Thomas Narcejac, haben sich nicht
nur als Schriftsteller, sondern auch als Theoretiker mit der neuen
Ausprägungsform des Kriminalromans auseinandergesetzt. Durch
die Verschiebung der Perspektive vom Ermittler zum Täter oder
Opfer versuchen die Autoren, den Spannungs- und Angsteffekt
besonders wirksam zu gestalten. Der Perspektivenwechsel führt
notgedrungen zu strukturellen Änderungen wie etwa der Verlegung der Romanhandlung auf den Zeitraum vor dem Verbrechen
und den Verzicht auf ein Täterrätsel sowie auf eine ausführliche
Darstellung der Ermittlung. Gleichzeitig birgt die Form aber die
Möglichkeit einer flexibleren Spannungsgestaltung. Mittlerweile
gehören solche „Spannungsromane“ zum Grundrepertoire der internationalen Kriminalliteratur.
327
Zwei zeitgenössische lateinamerikanische Romane dieser Machart sollen hier hinsichtlich ihres Spannungspotentials dem amerikanischen und französischen Vorbild gegenüber gestellt werden:
O matador (1995) von Patrícia Melo aus Brasilien, und Un asesino
solitario (2001) von Élmer Mendoza aus Mexiko. In diesen Werken wird die Kriminalhandlung aus der Perspektive des Täters, d.h.
des Mörders, erzählt, jedoch nicht in einer mit dem Verbrecher
sympathisierenden Weise. Die Grenze zwischen Täter und Opfer
verwischt in beiden Romanen so sehr, dass der Leser in einem moralisch leeren Raum zurückgelassen wird.
Nach einem strukturellen Vergleich des Spannungsverlaufs mit den
erwähnten „Klassikern“, sollen die Rezeptionsbedingungen dieser
Texte hinterfragt werden. Wenn Empathie oder sogar Sympathie
des Lesers für die Figur zum prototypischen Spannungsaufbau
nötig sind, wie kann dann bei einem ambivalenten Protagonisten,
der mit negativen und positiven Aspekten gleichzeitig kodiert wird,
dennoch Spannung entstehen? Melos und Mendozas Auftragsmörder gewähren eine tiefe Einsicht in ihr Innenleben, ohne dass sie
deshalb zu Sympathieträgern oder Identifikationsfiguren werden
könnten. Hier soll daher nach dem Ansatz Peter Vorderers (1996)
exemplarisch überprüft werden, ob Empathie wirklich eine notwendige Vorraussetzung für den Aufbau von Spannung ist, oder
diese vielmehr mit einer emotionsneutralen Übernahme der Perspektive der Zielperson von Seiten des Lesers zusammenhängt.
Wolfram Aichinger (Wien)
Significación, intensidad und tensión in der Poetik Julio Cortázars
In dem Vortrag Algunos aspectos del cuento diskutierte Julio Cortázar
1962 diejenigen elementos invariables, die einer guten Erzählung ihre
besondere Atmosphäre geben und sie zu einem Kunstwerk machen. Er führt dazu die Schlüsselbegriffe significación, intensidad und
tensión ein. Das Referat soll den Ansatz mittels folgender Fragen
umreißen:
328
Wie fasst Cortázar seine Konzepte und welche Position nimmt er
damit in der Poetik von suspense und Spannung ein?
Bei welchen Autorinnen und Autoren findet er seine Ästhetik der
Erzählung verwirklicht und wie begründet er diese Auswahl?
Wie ist der Beitrag dieses Zugangs, der Emotionssteuerung und
Ästhetik verbindet, für die wieder erwachte Debatte um Werturteile in der Literaturwissenschaft einzuschätzen?
Gero Arnscheidt (Bochum)
Spannung im spanischen Kriminalroman und seinen Hybridisierungen
Im spanischen Kriminalroman, der sich – im europäischen Vergleich sehr spät – erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts
herausbildet, beruht der Spannungsaufbau zunächst ganz auf
dem Komplex des traditionellen whodunnit. In der Folgezeit wurde das Schema des Kriminalromans bereits bei Manuel Vázquez
Montalbán von den Elementen des »literarischen Plus« (Ulrich
Suerbaum) überwuchert, was bei den späteren Autoren zu vielfachen Hybridisierungen des Kriminalromanschemas geführt hat.
Der Beitrag will überprüfen, inwiefern Elemente der literarischen
Spannung jeweils in spezifischer ggf. auch national typischer Form
in die hybridisierten Komponenten verlagert worden sind und inwieweit sie als verkaufsfördernde Elemente von Autor und Verlag
strategisch eingesetzt wurden. Im Vordergrund werden Romane
von Antonio Muñoz Molina, Javier Marías, Jesús Moncada und
Carlos Ruiz Zafón stehen.
Jörg Türschmann (Mannheim)
Spannung und serielles Erzählen. Vom Feuilletonroman zur Fernsehserie
In der Spannungsforschung wird vor allem der Spannungsaufbau
untersucht. Serielles Erzählen verfügt zur Erzeugung von Spannung über ein besonderes Mittel: die Unterbrechung des Publikationsflusses. Der Abbruch einer Spannungssituation birgt eine
329
außerordentliche Dynamik, die bei den audiovisuellen Medien cliff­
hanger genannt wird. Die ausgesetzte Situationsspannung ist paradoxerweise eines der augenfälligsten Beispiele für die Erzeugung
von Spannung. Historisch gesehen ist dieses Verfahren immer
schon in unterschiedlichen Anordnungen der Mise en abyme anzutreffen, bevor es dann in der Zeit der „industriellen Literatur“
(Sainte-Beuve) Verwendung findet. Bis in die Gegenwart bildet das
Paradox des suspendierten Suspense ein allgegenwärtiges Stilmittel.
Der Beitrag ist der Kombinatorik zwischen Erzählstoff und
Spannungsaufbau in verschiedenen Formen des seriellen Erzählens
gewidmet. Das Aussetzen von Spannung soll dabei auch als medienevolutionäre Wandlung hin zu Montagetechniken in einteiligen
Erzählungen berücksichtigt werden.
Gudrun Held (Salzburg)
Verfahren intermodaler Spannung auf Kontakttexten: Beobachtungen am
Beispiel italienischer, französischer und deutschsprachiger Zeitschriften-Covers
Covers, eine bisher von der Linguistik kaum beachtete multimodale Textsorte, repräsentieren nicht nur das kompetitive Markenzeichen von Printmedien; in ihrer Funktion als Kontakttext
bzw. als verkaufsorientiertes ‘Schaufenster’ und ‘Aushängeschild’
des Bezugsproduktes haben sie vorrangig die Aufgabe, für sich
selbst zu werben und dabei ausgewählte Inhalte des Bezugsheftes
möglichst schmackhaft zu präsentieren. Den modernen technologischen Möglichkeiten entsprechend werden hierfür sämtliche
Codes – also Bild, (Typo-)Graphie und Sprache – gleichermaßen
aufgewendet und zu einem geschickt designten, mehrdimensional
angelegten und ästhetisch ansprechenden Gesamtkommunikat
verarbeitet, in dem Spannung die fundamentale Köder-Rolle spielt.
Mit dem Ziel, sowohl die anspruchsvollen Stammleser interessiert
bei der Stange zu halten, als auch neue Konsumenten anzulocken
und so den Absatz zu steigern, weisen Covers demnach zahlreiche
330
Textstrategien auf, welche im gezielten Zusammenspiel von Optik
und Stilistik darauf angelegt sind, kurz, schnell und schlagkräftig
auf kommende Informationen vorzubereiten und hinzuweisen sowie diese möglichst neugierweckend anzureißen oder anzudeuten.
Dadurch geben sie ein exemplarisches Forum zur Erstellung einer
Semiotik der Spannung ab, welche FILL 2003:132 als bisher nicht
eingelöstes Desiderat formuliert.
Als Ergebnis einer ersten Untersuchung von Titelseiten italienischer, französischer und deutschsprachiger Nachrichtenmagazine der letzten 5 Jahrgänge soll hier auf zwei verschiedene Typen
von Spannungsformen näher eingegangen und diese vor allem an
den Bild-Text-Beziehungen festgemacht werden: Zum einen geht
es um die zwingenden, textsortenkonstitutiven Spannungsformen,
die der kataphorischen Natur der Covers entsprechen und potentielle Leser gezielt an die kommende Information heranführen. Sie
lassen sich vor allem als indexikalischer Stil deuten und umfassen
in der typischen fraktalen Form der Cover-Sprache semantische
Mittel (performative, metasprachliche Bezeichnungen, wertende
Adjektiva, Nominalkleckse durch Hyperbeln oder Metaphern,
Kollokate, etc.) genauso wie syntaktisch-textuelle (Ellipsen, Mittel
des Suspense und der Retardierung, Serialisierungen, enumerative
Wiederholungen, Unbestimmtheitsmarker, Substitution von Kataphern durch Anaphern, etc.). Zum andern geht es um die bewusst
inszenierten kreativen Spannungsformen, die gleichsam auf zweiter Ebene als visuell-verbale Rhetorik über den textkonstitutiven
Spannungsaufbau gezogen werden und damit noch mehr – vor
allem vergnügliche - Spannung erzeugen. Im Mittelpunkt dieser
wirksamen Strategien steht die multimodale Wiedergabe der rhetorischen Figuren, wobei durch gezielte Abweichung von Bild
und Sprache, durch kontrastierende oder verfremdende Kombinationen der beiden Codes konventionelle Beziehungen gestört
und eingespielte Erwartungen durchbrochen werden. Derartige
Deautomatisierungen entfachen das spielerische Potential des
331
Symbolsystems und drängen den verblüfften Konsumenten nach
selbständiger (Auf)Lösung, die im Bezugstext unmittelbar angelegt
sein muss. Es wird versucht, die auffälligsten – und von Kultur
zu Kultur sehr verschiedenen - Spannungsformen zwischen Bild
und Text systematisch herauszuarbeiten. Als Analyse-Basis dient
das Konzept der „semantischen Dichte“ nach Blumenthal 1983,
welches mit seinem Gegenteil der „semantischen Offenheit“ zielführend ergänzt wird.
332
Sektion 18
Die Krise der Zivilisation
Leitung: Edoardo Costadura (Jena) / David Nelting
(München)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Dirk Rose (München)
La Civilité Moderne oder Wie kam die Krise in die Zivilisation?
Edoardo Costadura (Jena)
Sturm ohne Ende. Über eine Figur der Krise in der europäischen Romantik
Anna-Sophia Buck (Münster)
Exotismus und Eskapismus in Pierre Louys’ La femme et le pantin (1898)
Helmut Meter (Klagenfurt)
Valérys La crise de l’esprit (1919) und Montales L’Europa e la sua ombra (1949). Zwei Essays zur Krise des „europäischen Geistes“.
Michael Einfalt (Freiburg i. Br.)
Le nouveau mal du siècle – die „verlorene Genera-
tion“ und die Krisenwahrnehmung nach dem Ersten Weltkrieg
Olaf Müller (Jena)
Gescheitertes Krisenmanagement in der NRF:
Zu den Reaktionen auf Roger Martin du Gards „Épilogue“(1940)
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
334
David Nelting (München)
Von der Krise der Zivilisation zur Krise der
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Repräsentation: Überlegungen zur neorealis-
tischen Wirklichkeitsmodellierung am Beispiel von Vittorini und Fenoglio
Stefano Sasso (Halle/Wittenberg)
Die Krise der Zivilisation im Werk Eugenio Montales und Vittorio Serenis
Patrick Difour (Jena/Paris)
Camus’ Analyse der „Krise der Zivilisation“
Stephan Leopold (München)
Der Untergang des Abendlandes und die Erfin-
dung Amerikas – Les Tarahumaras von Antonin Artaud und Alejo Carpentiers Poetik des real maravilloso
Angela Leona Oster (München)
Medea–Morphosen – Mythographien als Indika-
tor produktiver Zivilisationskrisen
Kian-Harald Karimi (Bonn/Berlin)
L’histoire, le chaos humain et le chaos métaphysique. Eine Geschichte jenseits der Geschichte in Texten von Maurice Dantec, Michel Houellebecq und Frédéric Beigbeder
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Fernand Hörner (Wuppertal)
Dandysmus als Phänomen von Übergangszeiten von Baudelaire bis zum Splatterdandy
Hanjo Berressem (Köln)
Bret Easton Ellis: Glamorama
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Henning Teschke (Berlin)
Vergesst Europa!
Dietrich Scholler (Bochum)
Medienkrisen und Krisenmedien in der 335
Gegenwartsliteratur
Abstracts
Dirk Rose (München)
La Civilité Moderne oder Wie kam die Krise in die Zivilisation?
Im Jahr 1671 veröffentlichte Antoine de Courtin seinen Nouveau
traité de la civilité. Er wurde 1705 unter dem neuen Titel La Civilité
Moderne von Christian Friedrich Hunold ins Deutsche übersetzt.
Es handelt sich dabei um ein »Anstandsbuch«, das angemessenes
Verhalten und Höflichkeit lehren will. Unter einer »Krise der Zivilisation« hätten seine Autoren und Leser höchstens schlechtes
Benehmen verstanden. Darin drückt sich keine Antiquiertheit aus,
sondern im Gegenteil, wie es Hunolds Titel deutlich macht, eine
spezifische Verbindung von Modernität und Zivilisation. Rousseau, nur wenige Jahrzehnte später, klagt in der Nouvelle Héloise genau diese Form von normierender und exkludierender Zivilisation
an, die er als krisenhaft empfindet. Seine Bücher wollen gerade
einen distinkten Raum jenseits eines normierenden Zivilisationsprojektes eröffnen. Er findet ihn in der »Natur«, aber auf die Natur
beriefen sich auch schon de Courtin und Hunold. Nur ist bei ihnen
Natur noch Teil der Zivilisation, als Sublimierung, und nicht ihr
Gegenteil, wie bei Rousseau. Von einer »Krise der Zivilisation« ließ
sich demnach erst dann sprechen, nachdem eine Position außerhalb von ihr möglich geworden war: sei es in der Natur oder einer
Literatur, die nicht mehr vorgängig soziale Diskursrollen vorgab,
imitierte und variierte. Zu fragen bliebe dann freilich immer noch
nach der spezifischen Modernität von Courtins und Hunolds Zivilisationsbegriff.
336
Edoardo Costadura (Jena)
Sturm ohne Ende. Über eine Figur der Krise in der europäischen Romantik
Das Bild des Sturmes, die Darstellungen von Dichtern, Feldherren oder Wanderern in stürmischer Atmosphäre sind aus dem
Repertoire und aus der Ikonographie der europäischen Romantik nicht wegzudenken. Alternativ zur gängigen Aufschlüsselung
des Sturmes als Metapher des aufgewühlten Seelenzustandes eines
empfindsamen, romantischen Ichs, soll hier der Sturm als Figur
der Krise – des Umbruchs, des Epochenwandels, etc. – gedeutet
werden. Etwa bei Foscolo, Chamisso und vor allem bei Chateaubriand haben Darstellungen von Gewittern und Orkanen zeitdiagnostischen Charakter – und dies auch, wenn von Seelenzuständen
die Rede ist. Im Sturm erfährt sich das Subjekt in seiner Vergänglichkeit und Zeitgebundenheit, mithin in seiner Historizität – als
«letzter Zeuge der feudalen Sitten» (Chateaubriand), als Repräsentant einer (zwangsläufig) verlorenen Generation. Ob meteorologisches Ereignis oder psychologisches Phänomen, der Sturm bezeichnet in der europäischen Romantik stets auch die «empörten
Zeiten» (Chamisso).
Anna-Sophia Buck (Münster) Exotismus und Eskapismus in Pierre Louÿs’ La femme et le pantin
(1898)
« Seules les femmes que les longs hivers du Nord n’immobilisent
pas près du feu, ont cette grâce et cette liberté » (Louÿs, 1990 : 34f.)
wird im ersten Kapitel des Romans La femme et le pantin über den
Typus der Andalusierin ausgesagt. Gern wurde der bisher ohnehin
von der Literaturwissenschaft wenig untersuchte Text als Fin-desiècle-Variante von Mérimées Carmen aufgefasst, der von Sevillas
couleur locale lebt. Die Diskursivität des Romans geht jedoch weit
über die idées reçues einer Voyage en Espagne à la Gautier oder Mérimée hinaus, wenn auch beide Intertexte zweifellos als Palimpseste
337
durch Louÿs’ Roman durchschimmern. Nicht nur tradierte Klischees der Weiblichkeit, die schon im Einleitungskapitel bedient
werden, sondern zahlreiche räumliche, religiöse und gesellschaftliche Oppositionen konstituieren La femme et le pantin. So wird ein
Spannungsfeld zwischen Frankreich und Spanien erzeugt, in dem
sich Paris und Sevilla, die Seine und der Guadalquivir, die Champs
Elysées und die Calle de las Delicias kontrastiv gegenüberstehen.
Der Sektionsbeitrag wird der Frage nachgehen, ob und auf welche Weise der Romantext Heterotopien hervorbringt, ob er durch
seine exotistische Attitüde Rückschlüsse auf die kulturelle Befindlichkeit, der er entstammt, zulässt, oder ob er doch einer dekadentmanieristischen und amimetischen Ästhetik verhaftet ist.
Helmut Meter (Klagenfurt)
Valérys La Crise de l’Esprit (1919) und Montales L’Europa e la sua
ombra (1949). Zwei Essays zur Krise des „europäischen Geistes“
Unter den vielfältigen, von einem umfassenden Krisenbewusstsein bestimmten und kontroversen Europadiskursen im Gefolge
des ersten und dann des zweiten Weltkriegs verdienen zwei kulturkritische Essays besondere Berücksichtigung: Valérys La Crise
de l’Esprit und Montales L’Europa e la sua ombra. Beide künden von
einer letzten Endes irreversiblen Krise des „europäischen Geistes“
und demzufolge – mit je unterschiedlichen Argumenten – vom
zumindest vorläufigen Ende Europas sowohl als autoritativem
Kulturmodell wie auch als weltpolitischem Machtfaktor. Valéry
wie Montale begreifen Europa essentiell als eine mentale Kategorie und sehen Europas Niedergang als schlüssige, unaufhaltsame
Folge seiner konstitutiven geistigen Beschaffenheit: Was Europa
den Nicht-Europäern an authentischen Qualitäten vermittelt habe,
richte sich nun gegen Europa selbst. Habe, folgt man Valéry, lange
Zeit eine kulturelle und politische „inégalité“ zugunsten Europas
bestanden, so sei aus dieser – „par ses propres effets“ – eine „inégalité
de sens contraire“ geworden. Und laut Montale verspürt Europa,
338
von dem die ‚Initiative’ allen ‚Wissens’ ausgegangen sei, nunmehr
„il contraccolpo delle opere proprie“. Divergierende Auffassungen
zwischen den beiden Denkweisen liegen hingegen im Hinblick auf
die Vereinigten Staaten von Amerika vor. Haben diese für Valéry
als „une création formidable“ des in ihnen weiterlebenden „Esprit
européen“ zu gelten, so handelt es sich bei Montale im Falle von
„America“ um „un mondo nuovo che deve quasi tutto all’Europa,
ma non è l’Europa“. Demzufolge könne der „spirito europeo“,
solle er nicht gänzlich schwinden, nur in Europa selbst wiederbelebt werden.
Die vergleichende Gegenüberstellung beider Konzeptionen soll
vor dem Hintergrund weiterer Europadiskurse erfolgen und sich
besonders dem Aspekt der Krise widmen.
Michael Einfalt (Freiburg)
Le nouveau mal du siècle – die ‘verlorene Generation’ und die
Krisenwahrnehmung nach dem Ersten Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg ist das wohl markanteste Ereignis in der Reihe der Zivilisationskrisen der Moderne. Modernisierungskrise und
Untergangsfanal fallen hier zusammen. Die Krisenwahrnehmung
am Ausgang des Weltkrieges ist nicht auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen beschränkt, sie erfasst die Gesellschaft als Ganzes
und bestimmt die ideologischen, ästhetischen und intellektuellen
Auseinandersetzungen insgesamt. Der Beitrag beschäftigt sich mit
einem Phänomen, das in der zeitgenössischen Öffentlichkeit große
Beachtung fand und das Berührungspunkte zu verschiedenen weiteren Ausprägungen dieses Krisenbewusstseins aufweist, vom modernismuskritischen renouveau catholique bis zur ikonoklastischen
Avantgarde. Der nouveau mal du siècle ist zunächst Ausdruck der
Stimmungslage einer bestimmten Generation: derjenigen Jugendlichen, deren große Brüder in den Krieg zogen und nicht mehr
wiederkamen und die darin ihr eigenes Los vorgezeichnet sahen.
Marcel Arland bringt die Befindlichkeit dieser Generation in sei339
nem Essay “Sur un nouveau mal du siècle” (1924) auf den Punkt.
Jacques Rivière, Herausgeber der Nouvelle Revue française, hatte bereits vor dem Krieg eine ethisch-moralische Erneuerung eingefordert; seine Erwiderung auf Arland macht indes den Riss zwischen
den Generationen nur noch offenkundiger. Arland wird durch diese Debatte zum Wortführer der nach 1900 Geborenen, deren radikale Sinnsuche zwischen Katholizismus und Avantgarde oszilliert.
Die eigentliche Bewegung hat sich nach nur zwei bis drei Jahren
erschöpft, steht in dieser Zeit jedoch im Zentrum der ästhetischen
Auseinandersetzungen. Der nouveau mal du siècle soll in seinem Verlauf, seinen Protagonisten, Medien, ästhetischen Positionen, den
wichtigsten literarischen Werken und in seiner Ausstrahlung auf
die literarische und intellektuelle Öffentlichkeit systematisch beleuchtet werden.
Olaf Müller (Jena)
Gescheitertes Krisenmanagement in der NRF: Zu den Reaktionen auf
Roger Martin du Gards „Epilogue“ (1940)
Mitten in der europäischen Krise nach dem Münchener Abkommen arbeitet Roger Martin du Gard, Nobelpreisträger von 1937,
am Schlußstück seines Romanzyklus „Les Thibault“, dem „Epilogue“. Als das Manuskript im Spätsommer 1939 im Verlag landet,
erscheint den dortigen Lesern, vor allem Schlumberger und Paulhan, Martin du Gards pazifistischer Blick auf den Ersten Weltkrieg,
der den „Epilogue“ prägt, als der aktuellen Krise und dem daraus
vermeintlich resultierenden Bedarf nach patriotischer Erbauungsliteratur als gänzlich unangemessen, so dass sie sich mit allen Mitteln bemühen, die Publikation dieses Romans ihres Freundes zu
verhindern. Anhand der verschiedenen Positionen in diesem Streit,
an dem auch noch Gide, Duhamel, Gaston Gallimard und einige
prominente Literaturkritiker beteiligt sind, möchte ich die literarischen und politischen Krisenvorstellungen und die jeweiligen
340
Lösungsvorschläge beschreiben, die zwischen dem Sommer 1939
und dem Sommer 1940 zu beobachten sind.
David Nelting (München)
Von der Krise der Zivilisation zur Krise der Repräsentation: Überlegungen
zur neorealistischen Wirklichkeitsmodellierung am Beispiel von Elio
Vittorinis Uomini e no
Als eine der wohl einschneidensten Zivilisationskrisen im europäischen Raum darf ohne Zweifel die Erfahrung der totalitären
Gewalt des Faschismus gelten, die für Elio Vittorini die Welt als
einen mondo offeso erscheinen ließ. Kondensiert findet sich dieses Moment zivilisatorischer Krise in der italienischen Literatur vor
allem im Bereich des Neorealismus und seiner Kernthematik, der
Auseinandersetzung mit dem Krieg und der Resistenza. In diesem
Kontext entsteht aus dem Bewusstsein um die Zivilisationskrise ein
Bewusstsein um die Krise vorgängiger narrativer Darstellungsformen, die Italo Calvino nachträglich in seinem Vorwort zur zweiten
Auflage des Sentiero dei nidi di ragno thematisiert. Am Beispiel
von Elio Vittorinis Resistenza-Roman ‘Uomini e no’ soll gezeigt
werden, wie die Problematisierung mimetischen Erzählens in den
Vordergrund tritt, und wie diese Problematisierung der Möglichkeiten des mimetischen Erzählens im Rahmen der politisch grundierten Wirklichkeitsmodellierung des Neorealismus nicht nur die
Wirklichkeitsadäquanz realistischer Rede in Frage stellt, sondern
auch die Verbindlichkeit ideologischer Zugehörigkeiten und Sinnmodelle. Neorealistisches Erzählen wird zu einem zeichenhaften
Erzählen, das zum einen das realistische Paradigma durchstreicht
und das zum anderen lebensweltlich konkrete ideologische Standortbestimmungen überschießt.
341
Stefano Sasso (Halle / Wittenberg)
Die Krise der Zivilisation im Werk Eugenio Montales und Vittorio Serenis
Im reichen Panorama der italienischen Dichtung des 20. Jahrhunderts ragen in der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg bis
zur Nachkriegszeit und schließlich bis in die 80er Jahre die Werke
zweier Autoren allererster Größenordnung heraus, nämlich die
von Eugenio Montale und Vittorio Sereni.
Das lyrische Werk Montales und das des jüngeren Sereni interpretieren, auf unterschiedliche Weise, kulturelle Mythen und Ideale
der Zivilisation, und treten auch zu deren Verteidigung an in Momenten, in denen diese Ideale zu verschwinden drohen. Die Möglichkeit dieses Verschwindens zeichnet sich in zwei Zeitpunkten
ab, die äußerst gegensätzlich sind: zum einen in den Diktaturen,
die dem Zweiten Weltkrieg vorausgehen, sowie im Krieg selbst,
und schließlich beim Wiederaufbau und der Modernisierung in
der Nachkriegszeit. Während in der ersten Phase diese Bedrohung
sehr gut sichtbar und deutlich ist, geschieht sie doch eindeutig vor
dem Hintergrund eines diktatorischen Einheitdenkens, scheint
in der zweiten Phase das soziale Magma, das die Modernisierung
und Technisierung der Gesellschaft hervorgebracht hatte, den
Reichtum der idealen Mythen der Zivilisation von Innen heraus
zu erodieren und die Gesellschaft so einem neuen Einheitsdenken
auszuliefern. Angesichts dieses Szenarios reagieren die Dichtung
Montales und die Serenis unterschiedlich, indem sie verschiedene
Interpretationen vorschlagen und Stil und Sprache bei der Darstellung unterschiedlich verwenden, ohne dass sie jedoch dabei jemals
in ihrer Bereitschaft zum kulturellen und zivilen Dialog an Kraft
verlieren.
342
Patrick Difour (Jena/Paris)
Camus’ Analyse der „Krise der Zivilisation“
« Dans l’expérience absurde, la souffrance est individuelle. A partir du mouvement de révolte, elle a conscience d’être collective »
- so heisst es zu Beginn von Camus’ essayistischem Werk L’homme
révolté (1951). Diese souffrance collective drückt sich in Krisenphänomenen aus: In der fiktiven Chronik La Peste (1947) kommt an der
Epidemie zur Darstellung, dass alle gesellschaftliche Ordnung und
alltägliche Gewohnheit den fundamentalen und permanenten Krisenzustand der menschlichen Existenz nur notdürftig verdeckt.
Das Schauspiel Les justes (1949) bringt einen mehrfach kritischen
Zustand im Politischen auf die Bühne, indem es einen gerechten
und gerade darin sich selbst problematisch werdenden Terrorismus zwischen die Tyrannie als reale und die abstrakte Ideologie als
radikalutopische Ordnung stellt.
Diesen zivilisatorischen Krisen als Ausdruck der souffrance collective
nun tritt in Camus’ zweiter, „positiver“ Werkphase, welche von den
genannten Texten markiert wird, die Revolte als eine Haltung entgegen, die auf eine andere Art von Ordnung verweist. Sie tut dies
insofern, als sich in ihr das Individuum auf menschliche Solidarität
hin übersteigt und damit eine Bindung eingeht, aus der einzig sein
Aufstand seine Berechtigung erhält: „La solidarité des hommes se
fonde sur le mouvement de révolte et celui-ci, à son tour, ne trouve
de justification que dans cette complicité.“ Wie verhält es sich mit
der Revolte als Antwort auf das Absurde im Bereich des Transindividuellen? Sind die Ordnung und die Bindung, auf die sie verweist, sozialtauglich, selbst wenn die Revolte letztlich selbst absurd
ist und ihrerseits riskiert, in eine Krise umzuschlagen? In welcher
Weise also stellt Camus’ „Je me révolte, donc nous sommes“ zivilisatorischen Krisen menschliche Solidarität konstruktiv entgegen?
343
Stephan Leopold (München)
Der Untergang des Abendlandes und die Erfindung Amerikas – Les
Tarahumaras von Antonin Artaud und Alejo Carpentiers Poetik des real
maravilloso
Folgt man E. O’Gormans einflußreicher These von der invención
de América, so ließe sich die Literatur des lateinamerikanischen
boom als segunda invención lesen – gelingt es ihr doch, wie etwa in
Cien años de soledad (1967) von G. García Márquez, Lateinamerika
in (s)einer radikalen Alterität zu feiern und so Subalternität, Gewaltsamkeit und ökonomische Abhängigkeit zu einem Mythos der
wunderbaren Wirklichkeit umzuschmieden. Dass dieses Wunderbare Lateinamerika gleichsam ontologisch eigne, hat der abtrünnige Surrealist A. Carpentier in seinem epochalen Vorwort zu El
reino de este mundo (1949) programmatisch behauptet und den real
maravilloso offensiv gegen die Taschenspielertricks der Schule um
Breton ausgespielt. Zugleich kehrt sich der an Spengler geschulte
kubanische fondateur de discoursivité damit aber auch ostentativ von
dem nach dem zweiten Weltkrieg untergegangenen Abendland ab
und macht Lateinamerika zu einem objet du désir, wie es Europa
seit je für die amerikanischen Kolonien gewesen ist. Ein Vergleich
des Vorworts zu El reino de este mundo mit dem Manifeste du surréalis­
me ergibt nun freilich mehr als nur punktuelle Überschneidungen
und so wird man sich zu fragen haben, ob nicht Carpentier die
seit dem Symbolismus virulente (Neu-)Verzauberung der Welt seinerseits erst nach Amerika trägt. Dies gilt umso mehr, als es mit
Antonin Artaud ebenfalls ein dissidenter Surrealist war, der bereits
zehn Jahre zuvor vor dem kulturell erschöpften Europa in Mexiko
– und im Peyote – das Heil gesucht hat und mit Les Tarahumaras
(1937) ein frühes Zeugnis einer écriture des Wunderbaren abgelegt
hat. Die wunderbare amerikanische Alterität, wie sie die Literatur
des boom ausgeschrieben hat, würde damit dann nicht zuletzt lesbar
als eine komplexe Rückprojektion von Ganzheit, die im Sinne des
Lacanschen Spiegelstadiums sowohl Lateinamerika zu einem po344
sitiven Identitätsmuster verholfen als auch Europa und den USA
eine Form von Orientalismus (Said) an die Hand gegeben hat, die
das Unbehagen an der eigenen Industriekultur zu mildern wußte.
Angela Leona Oster (München)
Medea–Morphosen – Mythographien als Indikator produktiver
Zivilisationskrisen
Der Beitrag geht von der Beobachtung aus, dass kaum ein anderes
literarisches (und cineastisches) Motiv die Krise der Zivilisation derart genau und facettenreich protokolliert, wie der von zahlreichen
romanischen Autoren adaptierte Medea-Mythos. Ausgehend von
dem klassischen europäischen Erbe Euripides’ und Senecas fungieren die historisch variablen „Medea-Morphosen“ (Johannes R.
Gascard) als seismographischer Indikator des zivilisatorischen Krisenbewusstseins. Sei es in (neo)klassizistischen oder experimentellavantgardistischen Literaturen: über Corneille, Anouilh bis hin zu
Pasolini oder Dario Fo/Franca Rame wird das Medea-Mythologem allererst zur mythographischen Signatur, in deren Textur sich
ästhetische und gesellschaftliche Problemfelder überschneiden.
Die Konfrontation ‚moderner’ Horizonte (Jason, Korinth) mit
archaischen Welten (Medea, Kolchis) dient der abendländischen
Literatur bis in die Gegenwart hinein als Folie, um aus den Krisen der Zivilisation ein poetisches Potential zu schöpfen, das sich
sowohl der Auflösung in traditionelle als auch in modernistische
Konzepte mit ‚barbarischer Vitalität’ widersetzt. Die ambivalenten
Topographien, die sich in den Medea-Morphosen konstituieren,
oszillieren zwischen utopischen Fiktionen und atopischen Mimographien. Der Zusammenprall von realhistorischer Zivilisation und
primitivem Mythos – so kann anhand der Medea-Mythographien
gezeigt werden – führt unweigerlich zur ‚Krise’. Zugespitzt könnte
man sogar formulieren: die moderne Zivilisation vollzieht sich als
permanente Krisis und gewinnt aus eben dieser Krisenhaftigkeit
die spezifische Signatur ihrer Ästhetizität.
345
Kian-Harald Karimi (Berlin/Bonn)
L’histoire, le chaos humain et le chaos métaphysique: Eine
Geschichte jenseits der Geschichte in Texten von Maurice Dantec, Michel
Houellebecq und Frédéric Beigbeder
Als Höhe- und Wendepunkte einer gefährlichen Entwicklung pflegen Krisen zwar ihre Schatten vorauszuwerfen. Zu Ereignissen,
die sie vor aller Welt zu Tage treten lassen, werden sie zumeist
erst zu einem späteren Zeitpunkt. Dass es sich bei einer Krise
der Zivilisation zumal um einen außerordentlichen Wendepunkt
handelt, kann daher oft erst dann konstatiert werden, wenn deren
Wirkungen in unserer Alltagswelt unübersehbare Spuren hinterlassen haben. Maurice Dantec (Le théâtre des opérations, Laboratoire de catastrophe générale), Michel Houellebecq (Extension
du domaine de la lutte, Particules élémentaires, Plateforme) und
Frédéric Beigbeder (99 francs, Windows on the World) stehen mit
ihren Texten für eine Generation französischer Autoren, die gesellschaftliche Veränderungen nicht mehr primär aus der Sicht eines
großen flüchtigen Augenblicks betrachten. Viel eher wird hier gegenwärtig, dass sich Revolutionen nicht so sehr in Aufständen,
wilden Ausschreitungen oder Staatsstreichen vollziehen, die doch
so flüchtig sind wie die Wellen an der Oberfläche des Meeres, um
ein bekanntes Bild von Fernand Braudel in Anspruch zu nehmen.
Die Aufschlüsselung unseres genetischen Codes, die mikroelektronische Revolution oder die sexuelle Emanzipation der Frauen
finden in der unbewegten Tiefe einer See statt, zu der gerade die
sich zur philosophischen Reflexion öffnenden Erzählungen einen
privilegierten Zugang haben. Sie verstehen es, die Geschichte jenseits der Geschichte in eine Sprache zu fassen, die gleichsam Verborgenes und doch schon Gegenwärtiges zu antizipieren vermag.
346
Fernand Hörner (Wuppertal)
Dandysmus als Phänomen von Übergangszeiten von Baudelaire bis zum
Splatterdandy
«Le dandysme apparaît surtout aux époques transitoires» und: «Le
dandysme est le dernier éclat d´héroïsme dans les décadences» heißt
es in Le Peintre de la vie moderne, Baudelaires vielzitiertem Aufsatz
über den Maler Constantin Guys. Die dandystische Geisteshaltung
ermöglicht es, sich über die Umbrüche der Zeit durch eine eigene,
souverän verkörperte Ästhetik hinwegzusetzen. Baudelaires Dandy sagt der bürgerlichen Gesellschaft, die immer utilitaristischer
und leistungsbezogener denkt, in einem letzten, vergeblichen Aufbäumen den Kampf an. Der Dandysmus soll jedoch nicht nur der
Vergangenheit zugewandt das aristokratische Vergnügen an der
Nutzlosigkeit bewahren, zudem werden in der Darstellung des Malers Constantin Guys die Figuren des Dandys und des Flaneurs zu
einer Symbiose gebracht, die den Künstler versinnbildlichen soll,
der sich das rege Großstadttreiben zur Heimat nimmt und sich mit
kindlicher Neugierde auf die Suche nach dem macht, was Baudelaire «modernité» nennt.
Ausgehend von diesem Konzept des Dandysmus als Versuch, sich
den Bedingungen des jeweilig «modernen» Leben zu stellen, sollen ausgewählte Texte aus unterschiedlichen Zeiten vor und nach
Baudelaire beleuchtet werden, die Dandysmus neu interpretieren
und als Antwort auf virulente Debatten der Zeit inszenieren. In
Gautiers «Daniel Jovard», einer Geschichte der Jeunes-France, geht
die Initiierung des gleichnamigen Protagonisten in den Dandysmus einher mit der Abkehr von klassischen Dichtungsidealen, und
spielt ironisch mit Gautiers eigener Byron- sowie Hugo-Begeisterung. Ließe sich hier eine Verbindung herstellen zu Alfred de Mussets Contes d´Espagne et d´Italie, die wegen ihrem betont lässig bis
provokativem Umgang mit klassischen und romantischen Dichtungskonventionen von seinen Zeitgenossen oft als „dandysme
littéraire“ (ab-)qualifiziert wurden?
347
Auch neuere Übergangszeiten scheinen dandystische Antworten
hervorzurufen. In ihrem Essay „Notes on Camp“ stellt Susan Sontag die Lebenshaltung „Camp“ als Lösung dar, wie Dandysmus
in Zeiten funktionieren kann, in denen individueller Geschmack
durch die massenhafte Verbreitung von Kultur als Ware bedroht
ist. Die Trivialität von Massenprodukten findet in einer übertriebenen Affirmation, dem Kultivieren eines ästhetischen, vielleicht
sogar dekadenten, Sinn für das Abwegige („good taste of bad taste“) ihr ironisches Echo. Kehrt hier der „plaisir aristocratique de
déplaire“ aus Baudelaires Fusées wieder? Der Daten-Dandy des Autorenkollektivs der Agentur Bilwet wiederum entsteht in der Zeit
der kompletten Digitalisierung des Lebens. So wie der Flaneur
von Baudelaire (und Benjamin) die Straßen ziellos durchkreuzte,
surft er durchs Internet, um aus der Unendlichkeit von Daten seine eigene Auswahl nutzloser Informationen zu sammeln. Die unverhohlene Willkür und Nutzlosigkeit der angesammelten Daten
ist der Versuch, den immensen Weiten des Internets auf dandystisch-ästhetische Weise Herr zu werden. Ist auch er neugierig auf
der Suche einer „modernité“? Abschließend soll anhand der am
9.11.2004 veröffentlichten CD „Terrorista“ der Band Splatterdandy
um den Sänger Robert Defcon dargestellt werden, welche Konsequenzen diese Art Dandysmus aus den terroristischen Anschlägen
zieht. Diese werden weniger als tiefgreifender Einschnitt, sondern
als Resultat der kompletten Medialisierung der Gesellschaft angesehen. Der Kampf um Bilder und Medienaufmerksamkeit wird
höhnisch nachgeäfft. „Der Skandal ist die Sprache, in der man mit
euch reden muss“, heißt auf der CD. Zeigt sich hier die bereits
von Barbey d´Aurévilly beschriebene art de plaire en déplaisant des
Dandys?
348
Hanjo Berressem (Köln)
Bret Easton Ellis: Glamorama
Der Beitrag thematisiert die durch den ‘internationalen Terrorismus’ sowohl in Amerika als auch in Europa ausgelöste Krise anhand
des Romans Glamorama von Bret Easton Ellis, dessen Schauplätze
sowohl Amerika (New York) als auch Europa (London|Paris) sind.
Im Zentrum der Untersuchung liegen zum einen die ästhetische
Verarbeitung traumatischer Ereignisse [09.11], zum anderen die
sich aus einem äußerst virulenten Krisenbewusstsein heraus entwickelnde ‘neo-naturalistische’ Poetik, d.h. die Entwicklung eines in
die Postmoderne reflektierten Naturalismus.
Henning Teschke (Berlin)
Vergesst Europa!
Seit der Expansion der europäischen Weltnahme in der frühen
Neuzeit findet diese Dynamik auch in den Filialgattungen der französischen Literatur (Reisebericht, Utopie und exotischer Roman)
Ausdruck. Der Zugang zu neuen Welten begünstigt in seinen imaginären Varianten die Verlegung der Transzendenz in die Horizontale. Die Entdeckung des überseeischen oder extraterrestrischen
„ganz Anderen“ vollzieht sich primär als ein Vorgang im Raum.
Literaturhistorisch gibt das 18. Jahrhundert darüber Auskunft,
sofern im Abstoß vom status quo vom „Außen“ (Insel, Kontinent, Stern) als politischer, nostalgischer oder utopischer Referenz
die Rede ist. Fontenelle, Voltaire, Montesquieu, Bougainville, Diderot und Rousseau setzen auf Distanz, die gelegentlich bis zur
Bezugslosigkeit fortgehen musste, um das Eigene perspektivisch
verfremdet zur Anschauung zu bringen. Wenn sich die Gegenwart
in dieser Optik nicht mehr wiedererkennen kann, dann infolge der
globalen Verfassung des Lebens im „Weltinnenraum“ des Kapitals,
das alles Heterogene in sich hineingezogen hat und die zu Kuriositäten abgeschwächten Differenzen innerhalb desselben homo349
genen Raums verteilt. Nach der Selbsteinkreisung der Menschheit,
nach dem Verschwinden des Außen bleibt nur noch die Dimension des nackten Seins zurück, die jeder Aneignung widersteht.
Von ihr schrieb Hervé Guibert, solange er konnte.
Dietrich Scholler (Bochum)
Medienkrisen und Krisenmedien in der Gegenwartsliteratur
Wenn man die Zivilisationswerdung mit Norbert Elias als einen
Prozess zunehmender Affektbeherrschung, ausgefächerter Verfeinerung und Distanzierung versteht, dann heißt das für den Bereich
der Kommunikation, dass die warmen Worte oraler Gesellschaften
sich in die kalten Wörter der Schriftkulturen verwandeln. Seit Gutenbergs Erfindung des Drucks werden diese Wörter technisiert
und in Distanzzeichen transformiert. Wird die neue Technik noch
Ende des 18. Jahrhunderts als Fortschritt zum Zwecke der Wissensverbreitung gefeiert, gerät der tote Buchstabe frühestens seit Rousseau und Herder bzw. spätestens in der Romanitk in den Brennpunkt der Kritik. Eine ähnliche Dialektik zwischen Verheißung
und Verdammung kann zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zeitalter der Typewriter-Ära diagnostiziert werden. Ein dritter Schub
der Technologisierung des Wortes geht schließlich von der elektronischen Datenverarbeitung aus, ein Medienumbruch, dessen Konsequenzen sich immer deutlicher abzeichnen, nämlich wiederum
als Januskopf: Die eine Hälfte blickt in der Nachfolge McLuhans
mit verklärten Augen in die Zukunft, die andere schaut zurück und
zählt mit Postman eher die Krisenopfer. Beide Tendenzen haben
in den romanischen Gegenwartsliteraturen deutliche Spuren hinterlassen, sei es in Form der elegischen Verlustanzeige, sei es in der
grotesken Überzeichnung flagranter Auswüchse bzw. – auch das
gibt es – in der rettenden Anverwandlung des Neuen. Es soll daher
einmal der Versuch gemacht werden, diese ganz unterschiedlichen
ästhetischen Reaktionsweisen an einem kleineren Korpus der Ge350
genwartsliteratur herauszuarbeiten – mit punktuellen Rückblicken
auf die vorangehenden Umbruchskrisen um 1800 bzw. 1900.
351
Sektion 19
Aspekte der politischen Theologie der Neuzeit – Herrscherbilder
und Staatsverständnis in den Dramen von Renaissance, Barock
und Klassik
Leitung: Till R. Kuhnle (Augsburg)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.10 Uhr
9.50 Uhr
14.00 Uhr
14.10 Uhr
14.50 Uhr
16.00 Uhr
16.40 Uhr
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Till R. Kuhnle (Augsburg)
Begrüßung/Einführung
Dagmar Schmelzer (Regensburg)
„Der heilige König? Theologische Bezüge und Volksglaube in der Darstellung der Reyes Católicos in Lope de Vegas Comedias“.
Marga Graf (Aachen)
Herrscherbilder in den Dramen des Siglo de Oro bei Lope de Vega (1562-1635) und Calderón de la Barca (1600-1681)
Diskussion
Roberta Anselmi (München)
Gli avvocati di Dio: dalla Legge alla Giurispru-
denza universale. Considerazioni su “Le pli” di Gilles Deleuze.
Marie-Christine Desmaret (Lille)
“Baroques batailles dans Les Tragiques d’Agrippa d’Aubigné ” ou “la guerre des images“.
Dagmar Stoefele (München)
Tragische Ersetzung. Die Leerstelle der politischen Souveränität in Agrippa d’Aubignés Les Tragiques.
Jean-Christophe Delmeule (Lille)
Pour une théologie politique paradoxale: „ Les 17.20 Uhr Provinciales“ de Pascal.
Florent Gabaude (Limoges)
Das Martyrium der beiden Katharinen. Die (Teil-)
Säkularisierung der romanischen tragoedia sacra im politischen Trauerspiel des Andreas Gryphius.
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.40 Uhr
10.20 Uhr 14.00 Uhr
14.40 Uhr
16.00 Uhr
16.40 Uhr
17.20 Uhr Alfred Strasser (Lille)
Das Konzept des „Souveräns“ im Theater von Daniel Casper von Lohenstein
Marion Duvauchel (Valenciennes)
Arrière plan métaphysique, philosophie de l’histoire et conflits de souveraineté
Diskussion
Christoph Oliver Mayer (Dresden)
Zum Herrscherbild in der Querelle des Anciens et
des Modernes. Zwischen akademischer Objekti-
vierung und dramatischer Subjektivierung am Beispiel Oroondate (1645)
Saskia Wiedner (Augsburg)
Der gebrochene Herrscher – Racines La Thébaïde ou Les Frères ennemis
Manfred Hinz (Passau)
Racine und der Tyrannenmord
Ethel Matala de Mazza (München)
Antiochus, Bérénice, César oder Das ABC der
Souveränität (Racine, Bérénice)
Till R. Kuhnle (Augsburg)
Die “Tragödie” des Thésée in Racines Phèdre
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr La théologie politique – actualité et défi d’un concept contesté (discussion en langue française)
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Abstracts
Dagmar Schmelzer (Regensburg)
„Der heilige König? Theologische Bezüge und Volksglaube in der
Darstellung der Reyes Católicos in Lope de Vegas Comedias“.
Die Darstellung spanischer und nicht-spanischer Könige bei Lope
de Vega beugt sich nicht der einfachen Annahme, Könige seien
im Zuge der frühneuzeitlichen Propaganda beispielhaft und politisch korrekt gezeichnet und zu zeichnen. Vielmehr findet sich in
Lopes Theaterstücken ein breites Panorama von Verfehlungen gekrönter Häupter, das ob der lange Zeit vertretenen These von der
politischen Konformität des Theaters im Siglo de Oro zunächst
stutzen macht (McKendrick 2000). Die teilweise bemerkenswerten
Negativbeispiele verantwortungsloser Amtsträger werden jedoch
ergänzt von idealisiert tugendhaften Konterparts und ebenso wie
diese im Sinne eines Fürstenspiegels genutzt, der historisches Material zu erbaulichen Exempla aufbereitet.
Gerade die Behandlung von Fernando el Católico, dem anerkannten
Ahnherr der Habsburger in Spanien und ersten „modernen“ Herrscher der iberischen Halbinsel, ist unter dem Gesichtspunkt nationaler Identitätsstiftung ein Politikum. Die Regierungszeit der
Katholischen Könige umfasst nicht umsonst Ereignisse, die für
das neuzeitliche Spanien in den folgenden 200 Jahren prägend sein
sollten: Das Ende der Reconquista und die Vertreibung der Mauren und Juden bedeutete auch das Ende der convivencia de las
tres culturas, wie sie für das mittelalterliche Spanien prägend war.
Die Vereinigung der kastilischen und aragonesischen Königreiche
führt zur Auseinandersetzung mit zentripetalen Kräften und zur
Einrichtung einer starken königlichen Zentralmacht. Die Entdeckung und Eroberung Amerikas schafft ein Reich, in dem buchstäblich die Sonne nicht untergeht.
Interessant ist es vor diesem Hintergrund, wie die Figur des zum
Mythos verklärten Königs Fernando in zwei Stücken Lopes zur
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Darstellung kommt. In El piadoso aragonés und El mejor mozo de
España wird Fernando durch verschiedene thematische und formale Bezüge in die Nähe eines Heiligen gerückt. Das Spektrum
der „Befunde“ reicht von Weissagungen, Träumen und Zeichen
der Erwählung über die Erzählschemata der Versuchung bis zur
Verwendung allegorischer Figuren. Die Darstellung des Königs
und seiner königlichen Gemahlin Isabel oszilliert zwischen der Stilisierung zu Heiligen und dem karnevalesken Gegenteil. Die für
Lope charakteristische Nähe zu Volkstraditionen zeigt sich dabei
auch in der Art des religösen Bezugs.
Es wird zu untersuchen sein, inwieweit die Paralellen in der Darstellung des Königs und des Heiligen über die Intention der Idealisierung Fernandos hinausgehen und auf zeitgenössische staatstheoretische Vorstellungen wie das Gottesgnadentum oder die
Lehre von den zwei Naturen des Königs zugreifen.
Marga Graf (Aachen)
Herrscherbilder in den Dramen des Siglo de Oro bei Lope de Vega (15621635) und Calderón de la Barca (1600-1681)
Beide Autoren sind im Genre Drama (comedia, tragedia, auto sacral) die herausragenden Vertreter des spanischen Siglo de Oro des
16. und 17. Jahrhunderts, das die Epochen der Renaissance und
des Barock umfasst und politisch in die Regierungszeit von Karl V.
(1519-1556) und Philipp II. (1556-1598) fällt, unter deren Regime
Spanien nicht nur politisch, sondern auch literarisch eine Vorrangstellung in Europa einnahm.
Eine Untersuchung der Dramen Lopes und Calderóns im Hinblick
auf die in ihnen sich abzeichnenden Herrscherbilder kann nicht
losgelöst von einem für die Epoche typischen Ständebild, auf der
einen Seite Königtum und Adel, auf der anderen Seite das mittlere und untere Bürgertum, Kaufleute und Bauern, vorgenommen
werden. Während sich hier sicher Parallelen zu anderen europäischen Ländern der Epoche aufweisen lassen, sind die Dramen
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der genannten Autoren inhaltlich vorrangig durch ein typisch spanisches Moralkriterium der Epoche geprägt: den Ehrenkodex. Der
Ehre zuliebe treibt die Gerichtsausübung seltsame Blüten, die auch
das Bild der Herrscher auf der Bühne bestimmen.
Es bietet sich bei der Analyse der Dramen – vor allem bei Lope
de Vega – die interessante Frage an, ob aus der Perspektive der
Herrscherbilder, in ihrer positiven Version als guter und weiser
Landesvater, rey sabio, ebenso wie in der negativen Rolle des Verführers und Machtmenschen, vor allem hier, von Seiten des Autors
bewusst Kritik am gesellschaftlichen status quo der Epoche vorgenommen wird. Es gibt Literaturwissenschaftler, die in der Darstellung des Bürgers, vor allem des Bauernstandes, der seine Rechte
und Tugenden gegen den anmaßenden Adel und auch angesichts
drohender staatlicher Gewalt verteidigt, erste Ansätze zu demokratischem Denken sehen wollen. Auffällig bei beiden Dramatikern
ist zweifellos das negative Bild der Vertreter des Adels. Interessant
ist der häufige Rückgriff ihrer dramatischen Handlung auf historische Ereignisse, vor allem in Verbindung mit Verfehlungen des
Adels gegenüber dem Untertan aus den unteren Klassen – häufig
Verführung und Entführung der Frauen meistens aus dörflichem
Umfeld. Mit dem Rückgriff auf reale Begebenheiten ließe sich unter Umständen eine Form von Gesellschaftskritik verbinden, da
sich die Darstellung nicht auf reine Fiktion stützt, sondern zumindest für die Forschung als realer Fakt im Raum steht. Über die
nationalen Grenzen hinaus gesehen, tauchen vor allem Themen
mit patriotischem Tenor auf, wenn spanischer Katholizismus und
englischer Protestantismus im historischen Rollenspiel aufeinander
prallen, wie in Dramen um Maria Stuart und ihre Kontrahentin
um den Thron, Königin Elisabeth, oder die Vernichtung der spanischen Armada durch Francis Drake zum Thema bei Lope de
Vega gemacht werden.
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Roberta Anselmi (München)
Gli avvocati di Dio: dalla Legge alla Giurisprudenza universale.
Considerazioni su “Le pli” di Gilles Deleuze
Nel saggio Le pli. Leibniz et le baroque (1988) Gilles Deleuze ripercorre le tappe della filosofia di Leibniziana mettendone in luce
soprattutto gli aspetti “Barocchi”, o moderni. E moderna in Leibnitz è anche la visione teologico - politica, che pur in un momento
di profonda e insanabile crisi – quella postrinascimentale-, di dubbio profondo nei confronti del potere divino e della legittimità di
quello umano, non lascia spazio ad un prematuro nichilismo, ma
al contrario riprende i vecchi principi, li moltiplica, li modifica e li
sfrutta per ricostituire la Sovranità e giustificare, discolpandola, la
realtà. Per ogni “caso irritante” è necessario un principio, un precedente che lo legittimi e lo trasformi in Legge universale.
Da questo punto di vista è ragionevole definire Leibniz il fondatore del pensiero moderno? In quali termini è lecito parlare di secolarizzazione dei concetti filosofico – teologici già a partire da tale
corrente filosofica?
La ricostruzione del mondo rinascimentale, sembra presentarsi
come lotta interna, una psicosi, un conflitto di interessi nell’uomo,
all’interno dell’anima umana, tra la necessità di un ordine superiore
regolatore e legislatore e la coscienza di un’evoluzione che già ne
accusa l’assenza. Libertà o sottomissione? Leggi o etica individuale?
In base ai più rilevanti recenti studi si cercherà di chiarire il punto
intorno a tali questioni, tenendo presente soprattutto le teorie di
Giorgio Agamben e di Carl Schmitt.
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Marie-Christine Desmaret (Lille)
“Baroques batailles dans Les Tragiques d’Agrippa d’Aubigné” ou “la
guerre des images“
L’écriture baroque des Tragiques d’Agrippa d’Aubigné se caractérise par le choc des images. Il se livre dans cette œuvre une guerre
iconique autour de deux pôles.
D’une part, celui des multiples combats où l’écriture postule le
soulèvement, le choc, la lutte, la caricature, la charge au sens militaire du terme, la dénonciation, la satire féroce et la constante
turbulence de la vie des formes.
D’autre part, D’Aubigné raconte qu’il a eu une vision céleste où
Dieu lui enjoint de lui consacrer sa poésie. La dramatisation du
chant contribue au caractère religieux et épique. La sublimation
biblique donne à voir des événements transfigurés et symbolisés.
Nombreux sont les passages qui attribuent une origine surnaturelle
et prophétique à l’acte d’écrire : c’est le ravissement où D’Aubigné
feint d’avoir participé à la visite du ciel avec les élus, l’enthousiasme,
la possession divine étant inhérentes à la création poétique.
L’étude visera à montrer comment la plume se fait arme de combat
et comment le texte devient le lieu de l’affrontement des représentations les plus antagonistes. Nous analyserons les effets admirables de l’image baroque.
Bibliographie
- Bazin, Germain, « La gloire », Figures du baroque, colloque de Cerisy dirigé par
Jean-Marie Benoist, PUF, Paris, 1983.
- Buci-Glucksmann, Christine, La folie du voir. De l’esthétique baroque, éd.
Galilée, 1986.
- Cahiers D’Aubigné, Nizet.
- Dubois, Claude-Gilbert, Le Baroque, profondeurs de l’apparence, Larousse,
coll. « Thèmes et textes », 1973.
- Dubois, C.-G., « L’imaginaire dans l’œuvre poétique d’Agrippa d’Aubigné »,
RHR, 10, déc. 1979, p. 52-55.
- Dubois, Claude-Gilbert, Montluc, D’Aubigné : deux épées, deux plumes.
358
- Fragonard, Marie-Madeleine, La pensée religieuse d’Agrippa d’Aubigné et son
expression, 1986.
- Gruzinski, Serge, La guerre des images de Christophe Colomb et « Blade Runner » (1492-2019), Fayard, 1990.
- Lestringant, Franck, Les Tragiques, 1986 et La cause des martyrs, 1991.
- Prat, Marie-Hélène, Les mots du corps : un imaginaire lexical dans Les Tragiques d’Agrippa d’Aubigné, 1996.
- Tuzet, H., Le cosmos et l’imaginaire, Corti, 1965.
- Weber, Henri, La création poétique au XVIe siècle en France, de Maurice Scève
à Agrippa d’Aubigné, Nizet, 1955.
Dagmar Stoefele (München)
Tragische Ersetzung. Die Leerstelle der politischen Souveränität in Agrippa
d’Aubignés Les Tragiques
Zwar sind die Tragiques kein Drama im gattungstypologischen
Sinne, aber wie schon der Titel andeutet, zeichnet den eigentlich
epischen Text eine Theatralität oder, moderner ausgedrückt, eine
bemerkenswerte Performativität aus.
Ein souveränitätstheoretisches Dilemma bildet den Ausgangspunkt
und die Grundlage nicht nur dieses, sondern im Prinzip aller Texte
Agrippa d’Aubignés (1552-1630). Für den Calvinisten und „homme
de guerre“, der jahrelang an der Seite von Henri de Navarre
gekämpft hatte, bedeutete dessen Konversion zum Katholizismus
im Jahr 1593 nichts anderes als eine Katastrophe apokalyptischen
Ausmaßes. Während sich mit dem Ende der Religionskriege die
Konzeption der Politiques durchgesetzt hatte, denkt Aubigné die
Figur des Königs weiterhin in einer unauflösbaren Einheit von
sacerdotium und regnum. Auf die als ‚existentiell‘ und ‚substanziell‘
wahrgenommenen, gesellschaftlichen Auflösungstendenzen reagiert Agrippa d’Aubigné auf eine ähnliche Weise wie der moderne
politische Theologe Carl Schmitt: Er knüpft an eine dissoziierte
Wirklichkeit an, indem er diese überzieht mit einer umfassenden
„Begriffsbestimmung“ von Freund und Feind. Das ist die für
Aubignés Texte so charakteristische apokalyptische Zuspitzung der
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weltgeschichtlichen Lage auf den Kampf zwischen rechtgläubigen
Reformierten und widerchristlichen ‚Papisten‘.
Anhand seines wichtigsten poetischen Werkes, der Tragiques, sollen die Strategien aufgezeigt werden, mit denen die unbesetzbar
gewordene Position des Souveräns überschrieben wird. Ein prophetischer Ich-Erzähler, der an die Stelle des königlichen Helden
tritt, verwandelt die Geschichte der Religionskriege in ein apokalyptisches Szenario, das am Ende des Textes die eigene, poetische
Selbstauslöschung mit einschließt. Der epische Triumph wird ermöglicht über die Figur des Märtyrers, der in seiner Weigerung,
sich die Macht über den eigenen Tod nehmen zu lassen, eine prinzipielle Gefährdung der politischen Souveränität darstellt. Das
Bürgerkriegsepos wird zur Selbstschreibung eines gewissermaßen
unfreiwillig souveränen Dichters.
Jean-Christophe Delmeule (Lille)
Pour une théologie paradoxale : Les Provinciales de Pascal
« Ce n’est pas d’aujourd’hui que la politique de Pascal déplait aux
conservateurs pour ce qu’il met l’usurpation à l’origine de l’autorité,
et aux révolutionnaires pour ce qu’il prêche la soumission. »
( G Ferreyrolles)
A propos de Blaise Pascal, Paul Claudel déclarait « il ne suffit pas
d’être géomètre pour être logique ». Pour celui qui croyait et qui
était sûr de sa foi, les propositions pessimistes du philosophe ne
pouvaient que déplaire. Mais elles traduisent surtout le paradoxe
de la pensée de Pascal, de ses prises de position et de la réception
de ses écrits. Comme l’a écrit Vincent Carraud, dans un article sur
le Jansénisme : « Le paradoxe est que finalement les Provinciales
représentent en même temps un succès et un échec. Un échec
dogmatique […] à cause d’une série de condamnations qui faisaient
cette fois définitivement échouer le clan janséniste. Mais les parties
morales des Provinciales furent extrêmement bien reçues à Rome ».
Etrange résultat pour celui qui à l’époque des cardinaux-ministres
360
remet en cause l’autorité de Rome tout en insistant sur la Révélation,
le fondement divin et le rôle de la force dans la justification du
pouvoir politique.
De quel ordre est donc la théologie politique développée dans les
Provinciales ?
Florent Gabaude (Limoges)
Das Martyrium der beiden Katharinen. Die (Teil-) Säkularisierung
der romanischen tragoedia sacra im politischen Trauerspiel des Andreas
Gryphius
In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und nicht zuletzt in den
40er Jahren florierte in Frankreich die sog. „christliche Tragödie“.
In Anlehnung an die Tragoediae sacrae von Nicolas Caussin
(1620) und an Corneilles Polyeucte entwickelte Gryphius das Gegenmodell des deutschen und lutherischen Märtyrerdramas. Seine Catharina von Georgien kann etwa als Gegenstück zur heiligen Katharina von Alexandria gesehen werden, deren Martyrium
drei zeitgenössische französische Autoren inspirierte : Boissin
de Gallardon (1618), Jean Puget de la Serre (1643) und l’Abbé
d’Aubignac (1649). Gryphius greift auf die dramatische Hohlform
des hagiographischen Theaters romanischen Ursprungs zurück
und verwandelt die tragoedia sacra in eine tragoedia politica, deren profaner Stoff der unmittelbaren historischen Aktualität entnommen wird. Dabei geht die Säkularisierung der Intrige und der
königlichen Märtyrerfigur mit der Sakralisierung des Politischen
einher, die am mittelalterlichen Typologiedenken festhält und an
der lutherischen Konfessionalisierung des Deutschen Reiches
teilhat (cf. Wolfgang Reinhard und Heinz Schilling). Die Königin
bzw. der König (Carolus Stuardus) als Abbild Gottes stirbt den
demonstrativen, spektakulären Märtyrertod als imitatio christi.
Die politische Theologie des Gottesgnadentums und die Verwerfung des Königsmordes werden somit einer heilsgeschichtlichen
Perspektive untergeordnet (cf. Habersetzer, Politische Typologie
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und dramatisches Exemplum, Stuttgart, 1985). Darüber hinaus
entspricht die Zurschaustellung des Königs in der Märtyrer-Pose
dem Repräsentationsdenken des höfischen Absolutismus und dessen Vorstellung von lebendiger Geschichte als Spektakel. Unter
Verwendung aller plastischen Mittel der epideiktischen Rhetorik
wird das Märtyrerdrama als „absolute Lobpreisung“ (Ricoeur, La
mémoire, l’histoire, l’oubli, Paris, 2000) des Königs konzipiert.
Alfred Strasser (Lille)
Das Konzept des „Souveräns“ im Theater von Daniel Casper von
Lohenstein
Das gesamte literarische Werk Daniel Casper von Lohensteins
(1635-1683) steht unter dem Aspekt des Politischen. Seine zentrale Fragestellung lautet, inwieweit sich das politische Handeln von
den Normen der Moral und der Religion loslösen darf, ja loslösen
muss, um das Wohl des Staates zu wahren, das für ihn das oberste
Wesensgesetz des Staates ist.
Nach Lohenstein könne das nicht durch Volkssouveränität erreicht
werden, die er uneingeschränkt ablehnt, sondern nur durch den
absolutistisch herrschenden Fürsten, den Souverän, der deswegen
nicht den von ihm gemachten Gesetzen unterworfen sein darf.
Dieses Konzept des Souveräns, das Lohenstein in der Person von
Kaiser Leopold I. realisiert sieht, soll am Beispiel der Stücke Cleopatra und Sophonisbe analysiert werden.
Marion Duvauchel (Valenciennes)
Arrière plan métaphysique, philosophie de l’histoire et conflits de souveraineté
Quel est l’objet formel de la philosophie de l’histoire ? C’est le sens
intelligible, pour autant qu’il peut être perçu, du déroulement ou
de l’évolution. La notion d’évolution illustre de manière frappante
une notion fondamentale : que la philosophie de la nature est la
philosophie de l’être en devenir et du mouvant. Or, on peut dé362
gager deux structures ou deux perspectives d’intelligibilité : celle
de la tradition classique (grecque) qui fournit la pensée du monde
accompli en soi, et celle de la tradition biblique. La tradition biblique de l’histoire postule deux choses : d’une part qu’en dépit de
la contingence, du mouvement, de l’impermanence des choses, de
la part de risque, de hasard, d’aventure, et d’irréversibilité, le monde
a une histoire et un sens dans le temps, et d’autre part l’attente eschatologique qui génère la conscience historique moderne, dirigée
vers le futur, qu’elle soit motivée par des intentions chrétiennes,
non chrétiennes voire anti-chrétiennes.
C’est ce que Michel Foucault a perçu quand il suggérait qu’on pouvait „reconnaître deux grandes morphologies, deux grands foyers
principaux, deux fonctions politiques du discours historique. D’un
côté l’histoire romaine de la souveraineté, de l’autre l’histoire biblique de la servitude et des exils” (Michel Foucault, « Il faut défendre la société », cours au collège de France, 1976, Hautes études,
Gallimard, Seuil, 1997, p. 68). Il fait des tragédies historiques de
Racine, des « tragédies du droit et du roi, essentiellement centrées
sur le problème de l’usurpateur et de la déchéance, de l’assassinat
du roi, et de cette naissance d’un être nouveau que constitue le
couronnement d’un roi ». Et il pose la question : „Comment un
individu peut-il recevoir par la violence, l’intrigue, le meurtre et la
guerre une puissance publique qui doit faire régner la paix, la justice, l’ordre et le bonheur ? Comment l’illégitimité peut-elle produire
la loi ? La tragédie de Shakespeare s’acharne au contraire, sur cette
plaie, sur cette espèce de blessure répétée que porte au corps la
royauté, dès lors qu’il y a mort violente des rois et avènement des
souverains illégitimes”. C’est ainsi qu’il fait de la tragédie racinienne
„par un de ses axes au moins, une sorte de cérémonie, de rituel de
re-mémorisation des problèmes du droit public”. Il y a selon lui
une sorte d’appartenance essentielle entre la tragédie et le droit.
On dit que le théâtre du classicisme français a mis en scène
l’ „analogie des concepts théologiques et politiques”. La question
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que je vais soulever est la suivante : quelle forme prend la transposition scénique d’arrière plans métaphysiques aussi différents que
celui de la tradition classique et celui de la tradition biblique ? (Le
corpus sera sans doute Bérénice, Athalie, Esther, Cinna, Horace et
Polyeucte.) Et quelle est la nature de cette appartenance essentielle
entre la tragédie et le droit ?
Christoph Oliver Mayer (Dresden)
Zum Herrscherbild in der Querelle des Anciens et des Modernes. Zwischen
akademischer Objektivierung und dramatischer Subjektivierung am Beispiel
Oroondate (1645)
In der Parallèle des Anciens et des Modernes preist Perrault nur relativ wenige französische Theaterstücke des eigenen Jahrhunderts,
sondern geht eher auf kritische Distanz zu den Theaterautoren
wie Racine – man vergleiche die Querelle d’Alceste – und sogar
zum Theater selbst. Während Narrativik und Lyrik als Exemplum
dienen, preist er für heutige Leser völlig unerwartet ein heute bereits vergessenes Stück, Oroondate ou les Amans discrets, eine
Tragikomödie von Guérin de Bouscal, die inhaltlich den Tragödien
des Racine, formal den Corneilleschen Tragikomödien ähnelt, aber
aufgrund ihrer vermeintlichen Zweitklassigkeit nicht einmal mehr
in den Literaturgeschichten auftaucht. Ein Werk, dessen Kanonisierung sozusagen auch Perrault nicht geglückt ist.
Das sujet des inneren Konflikts des Prinzen von Marokko ist gerade zu Zeiten der Fronde sehr beliebt und erlebt dort gleich drei
Umsetzungen als Tragikomödie. Dabei wird ein Herrscherbild ersichtlich, dass sich so gar nicht mit dem zu decken scheint, das
Perrault in seinen poetologischen Überlegungen im Kontext der
Querelle vertritt. Der Kontrast zwischen der dramatischen Subjektivierung des Herrschers, der als Liebender als Person im Drama
eingeführt wird, und dem Souverän, von dem im akademischen
Kontext die Rede ist, erinnert nicht nur an die zwei Körper des
Königs, sondern, und das wird zu zeigen sein, weist das unbedingt
364
notwendige Miteinander von Subjektivität und Objektivität auf,
was wiederum zu einer unverzichtbaren Integration auch der Anciens in das Denken der Modernen führt. Das Beispiel Oroondate soll die Verbindung von Provokation und Integration im
Denken Perraults aufzeigen und die Wichtigkeit des Konstrukts
eines Herrschers demonstrieren, der beide Stränge verkörpert. Die
Konstruktion monarchischer Souveränität wiederum trägt deshalb nachhaltig zur Selbstaufwertung von Literatur bei, wobei bei
Perrault demzufolge von literarischer Souveränität in diesem Sinne
zu sprechen wäre.
Saskia Wiedner (Augsburg)
Der gebrochene Herrscher – Racines La Thébaïde ou Les Frères ennemis
„L´Etat, c´est moi.“ Mit diesem programmatischen Ausruf manifestiert sich der Sonnenkönig als absoluter Souverän. Indes bedeutet diese Identifikation mit dem Staat, dass der mit absoluter Macht
ausgestattete König das Sinnzentrum einer Ordnung bildet, deren
Imperative er zu befolgen hat: Das über allem stehende staatsmännische Gebot der raison d’état gehört ebenso dazu wie der an honneur, honnêteté und bienséance ausgerichteten Kodex des höfischabsolutistischen monde. In der klassischen Tragödie erfährt der
Monarch seine Versinnbildlichung als Einheit und seine Apotheose
durch die bewusste Überschneidung politischer und theologischer
Begrifflichkeit. Die 1663 entstandene und 1664 von Molière uraufgeführte Tragödie Racines La Thébaïde ou Les Frères ennemis
bricht die Einheit des absolutistischen Herrscherbildes auf und
stellt sie in zwei diametral entgegengesetzten Positionen, in Gestalt der verfeindeten Brüder Eteokles und Polyneikes, gegenüber.
Auch Kreon, der nach dem Tod der Prinzen das Machtvakuum für
seine Thronbesteigung nutzt, scheitert, da sich ihm Antigone, das
letzte Mittel zur Legitimation seiner Macht, durch ihren Tod entzieht. Diese polare Auflösung des absolutistischen Herrscherbildes
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wird insbesondere vor der Folie von Racines Alexandre le Grand
deutlich.
Manfred Hinz (Passau)
Racine und der Tyrannenmord
Viele der Tragödien Racines behandeln explizit (besonders deutlich in Andromaque) oder implizit die Legitimität (absolutistischer)
Herrschaft, mit der umgekehrt die Frage der illegitimen Herrschaft
und des entsprechenden Widerstandsrechts (Tyrannenmord) unlösbar verknüpft ist. Es wäre überhaupt völlig unplausibel anzunehmen, dass die Welle des monarchomachischen Denkens, die
besonders in Frankreich zunächst von hugenottischen Autoren
ausgelöst und dann von katholischer Seite gegen die unter Häresieverdacht stehenden französischen Könige adaptiert wurde (am
prominentesten Juan de Mariana SJ, De rege et regimine principis, das auf keinem Index librorum prohibitorum fehlt), vorbeigegangen wäre. In Andromaque jedenfalls erwägt Oreste explizit
die Frage, ob es sich bei seiner geplanten Ermordung von Pyrrhus nicht um einen Tyrannenmord handle. Die Autorinstanz (so
scheint mir) verwirft diese Hypothese mit dem (guten technischen)
Grund, das Handlungsgeschehen im Tragödienrahmen zu halten,
denn die Ermordung eines illegitimen Herrschers wäre legitim und
nicht tragisch. Damit bestätigt Racine einerseits das monarchomachische Widerstandsrecht, setzt es für die gegebenen Umstände
jedoch außer Kraft.
Soweit ich sehe, ist der Frage der herrschaftsjuristischen Grundlage
von Racines Tragödien und speziell dem Einfluss der monarchomachischen Autoren in der Sekundärliteratur bislang nicht nachgegangen worden, nicht einmal von Louis Marin, der ansonsten
den Ausgangspunkt meiner Überlegungen bildet. Ich möchte bei
meinen Überlegungen, die selbstverständlich in den kommenden
Jahren einer detaillierteren Ausarbeitung bedürfen, von Andromaque ausgehen (und damit natürlich auch die von Lucien Goldmann
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aufgeworfene Frage streifen, ob es sich dabei um eine „echte“ Tragödie handle) und anschließend noch weitere Tragödienkonstruktionen (vor allem Britannicus und Bajazet) heranziehen.
Ethel Matala de Mazza (München)
Antiochus, Bérénice, César oder Das ABC der Souveränität (Racine,
Bérénice)
Wenn Staatsräson im Verständnis der Neuzeit das Recht einer Vernunft monarchischen Handelns meint, das ein Zuwiderhandeln gegen die Gesetze gebietet – weil es dem Gemeinwohl förderlich ist,
die öffentliche Ordnung aufrecht erhält oder das politische Überleben des Fürsten sichert –, so wird der Spielraum dieses Rechts
in Racines Bérénice dramatisch gekappt. Im Zwischenraum des
„cabinet qui est entre l’appartement de Titus et celui de Bérénice“
öffnet er sich nur, um der höheren Vernunft der Gesetze den Vortritt zu lassen und sich in diese Grenzen zu fügen. Neben dem Für
und Wider der politischen Argumente bietet Racines Kammerspiel
ein hochtheatralisches Szenario des mächtigen Schweigens und
ohnmächtigen Redens, des Augenöffnens und Augenschließens
auf, um dem rite de passage Kontur zu geben, in dem natürliche
und begehrliche Körper des Königs sich in das Ebenbild seines
symbolischen Körpers transfiguriert. Die eucharistische Ratio dieser Selbstverwandlung – das Selbstopfer, das der König erbringt,
um als Metapher seiner selbst aufzuerstehen – hat Jean-Marie Apostolidès in seiner einschlägigen Studie Le prince sacrifié eingehend
beschrieben.
Dagegen wird der Vortrag stärker an Louis Marins Studie über das
portrait du roi anknüpfen und nach den Bildern, Mittlerfiguren
und Diskursen fragen, die in Racines Lehrstück vom königlichen
Einverständnis die Metamorphose vom einen Körper zum anderen bewerkstelligen. Dabei geht es auch um die Position, die das
Theater zum Gegenstand seiner Darstellung bezieht. Immerhin
bezahlt es das Einverständnis mit der Spaltung der akklamierenden
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Öffentlichkeit in ein „Volk“ hinter der Bühne, von dessen Beifall
die Tragödie nur spricht, und in ein Publikum vor der Bühne, das
den Sieg der politischen Vernunft betrauert, weil es von dem portrait du roi allein die Kehrseite zugewandt bekommt – das Theater
der Grausamkeit, aus dem es hervorgegangen ist.
Till R. Kuhnle (Augsburg)
Die “Tragödie” des Thésée in Racines Phèdre
Der Beitrag versucht die Tragödie um Phèdre (et Hyppolite) von
Jean Racine (1677) aus der Sicht einer „politischen Theologie“
(Carl Schmitt) zu interpretieren. Dabei gilt das Hauptaugenmerk
der Gestalt des Königs Thésée, den das tragische Schicksal seiner
zweiten Gattin Phèdre und seines Sohnes Hipppolyte aus der ersten Ehe mit der Amazonenkönigin Antiope von der Last einer
die staatliche Ordnung gefährdenden Vergangenheit befreit – und
dadurch erst zu einem souveränen Herrscher macht. Durch seinen
acte de générosité gegenüber seiner Gefangenen Aricie aus dem attischen Geschlecht der Pallantiden, die er nunmehr als seine Tochter betrachtet, affirmiert Thésée am Ende seine fürstliche gloire
und erhebt sich definitiv zum Sinnzentrum einer absolutistischen
Ordnung.
Die eigentliche Tragödie der beiden Protagonisten des Stücks erweist sich auf diesem Hintergrund als Teil einer komplexen Strategie zur Legitimierung fürstlicher Macht, deren Träger ihr Handeln
an den unerschütterlichen Prämissen einer zynischen Staatsraison
(raison d’état) auszurichten haben und dennoch – so das Paradox –
gegen die Anforderungen eines auf honneur, honnêteté und bienséance aufbauenden Wertesystems nicht verstoßen dürfen. Phèdre
steht somit in der Kontinuität des Themas von der „tragischen
Menschwerdung“, an deren Ausgang sich der Fürst als Souverän
bewährt. Geradezu exemplarisch hat Racine eine solche „tragische
Menschwerdung“ in seiner Tragödie Bérénice (1670) an der Gestalt des römischen Kaisers Titus vorgeführt.
368
Nicht weniger scheint an Racines Bearbeitung des Tragödienstoffes
aus der antiken Mythologie der ideologische Anspruch des Absolutismus im Frankreich des 17. Jahrhunderts auf: Das Konstrukt
des „Gottesgnadentums” verleiht dem von unhintergehbaren Imperativen diktierten politischen Handeln – das sich allein schon
über diese Imperative als „immanent“ hinreichend legitimiert
erweist – den letztgültigen Legitimationsgrund durch eine „politische Theologie“. Dabei spielt die Thematik des Opfers durch den
als ministre de Dieu (vgl. Apostolidès) begriffenen Königs eine
herausragende Rolle – die sich an Phèdre nicht zuletzt über die
dort erfolgte Bearbeitung der antiken Vorlagen von Euripedes und
Seneca exemplifizieren lässt.
Im Begriffssystem des Klassizismus haben juristische, ethische und
rhetorische bzw. ästhetische Vorstellungen Eingang gefunden, die
für die gesellschaftliche Ordnung eine unerschütterliche Autorität
beanspruchen, die dem Rang der theologischen traditio und ihren
Begriffen in der Kirche entspricht. Die arcana imperii, auf denen
die monarchische Herrschaft beruht, lassen etwa für Scudéry das
Handeln des Königs in demselben Licht erscheinen wie das Wirken eines in seinem Ratschluss unergründlichen und unhinterfragbaren deus absconditus (Scudéry: „dieu caché“).
369
Romanistik
michael einfalt
ottmar ette
ursula erzgräber
Franziska sick (Hg.)
Intellektuelle Redlichkeit/
Intégrité intellectuelle
Literatur – Geschichte – Kultur
2005. 738 Seiten, 1 Frontispiz,
14 Abbildungen.
(Studia Romanica, Band 125)
Geb. € 68,–. isbn 3-8253-5030-4
Croisements
d’anthropologies
Pascals Pensées im Geflecht
der Anthropologien
2005. xiv, 407 Seiten. (Neues
Forum der Allgemeinen und
Vergleichenden Literaturwissenschaft, Band 26)
Geb. € 65,–. isbn 3-8253-5035-5
christiane maaß
annett volmer (Hg.)
Mehrsprachigkeit in
der Renaissance
2005. ii, 283 Seiten.
(Germanisch-Romanische
Monatsschrift, Beihefte, Band 21)
Geb. € 39,–. isbn 3-8253-1625-4
dirk neumeister
Die französische
Theaterparodie im
frühen 19. Jahrhundert
2004. 489 Seiten.
(Studia Romanica, Band 122)
Kart. € 58,–. isbn 3-8253-1643-2
jan söffner
Das Decameron und
seine Rahmen
des Unlesbaren
2005. 287 Seiten. (Neues Forum
für Allgemeine und Vergleichende
Literaturwissenschaft, Band 23)
Geb. € 45,–. isbn 3-8253-1632-7
jan henrik witthaus
Fernrohr und Rhetorik
Strategien der Evidenz von
Fontenelle bis La Bruyère
2005. 273 Seiten, 5 Abbildungen.
(Neues Forum für Allgemeine
und Vergleichende Literaturwissenschaft, Band 28)
Geb. € 45,–. isbn 3-8253-5053-3
jing xuan
Der König im Kontext:
Subversion, Dialogizität und
Ambivalenz im weltlichen
Theater Calderón de la Barcas
2004. 278 Seiten.
(Studia Romanica, Band 124)
Kart. € 45,–. isbn 3-8253-1664-5
jutta weiser
Vertextungsstrategien
im Zeichen des désordre
Rhetorik, Topik und Aphoristik
in der französischen Klassik
am Beispiel der Maximes von
La Rochefoucauld
2004. 318 Seiten, 3 Abbildungen.
(Neues Forum für Allgemeine
und Vergleichende Literaturwissenschaft, Band 25)
Geb. € 48,–
isbn 3-8253-1639-4
D-69051 Heidelberg · Postfach 10 61 40 · Tel. (49) 62 21 / 77 02 60 · Fax (49) 62 21 / 77 02 69
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rudolf behrens
andreas gipper
viviane mellinghoffbourgerie (Hg.)
Universitätsverlag
winter
Heidelberg
Sektion 20
Literatur und Bürgerkrieg in der Romania
Leitung: Anja Bandau (Berlin) / Albrecht Buschmann
(Potsdam) / Isabella v. Treskow (Potsdam)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
10.30 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Martin von Koppenfels (Berlin)
Bürgerkrieg und bürgerlicher Roman. Flauberts Education sentimentale und der Juniaufstand 1848
Cornelia Sieber (Leipzig)
Am Rande der portugiesischen Geschichte: Miguel Sousa Tavares’ Equador (2003)
Anja Bandau (Berlin)
Die haitianische Revolution als Bürgerkonflikt
Catherine Milkovitch-Rioux (ClermontFerrand)
La guerre d’Algérie au miroir de la littérature: les ambiguïtés d’un conflit
Virginie Brager (Bamberg)
Paris - Algier: die ewige Suche nach dem anderen
Monika Neuhofer (Salzburg)
Versäumte Geschichte. Jorge Semprún und der Spanische Bürgerkrieg
Marga Graf (Aachen)
Spanien im Herzen - der spanische Bürgerkrieg
1936-1939 als Selbsterfahrung lateinamerikanischer Dichter: Pablo Neruda (Chile) und Nicolás
Guillén (Kuba)
371
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
10.30 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Alexandra Ortiz Wallner (Costa Rica/
Potsdam)
Percepciones de la (pos)guerra en El Salvador y la estetización de la violencia
Valeria Grinberg Pla (Frankfurt/M)
(Un-)möglichkeiten der Erinnerung: der Genozid an den Maya in Horacio Castellanos Moyas
Roman Insensatez
Gesine Müller (Halle)
Gustavo Álvarez Gardeazábal: Varianten literarischer Inszenierung des kolumbianischen Bürgerkriegs
Marlene Kuch (Würzburg)
Antiheroischer Widerstand. Testimonios von Frauen aus frankistischen Gefängnissen
Albrecht Buschmann (Potsdam)
Der Bürger, der Krieg und der Held: André Malraux’ L’Espoir zwischen Erfahrung und Repräsentation
Christian v. Tschilschke (Regensburg)
Konkurrenz und Zusammenwirken der Medien in
der Erinnerung an den Spanischen Bürgerkrieg:
Soldados de Salamina als Roman und Film
Elisabeth Suntrup (Passau)
Das kulturelle Erinnern des Bürgerkrieges und
die Überwindung gesellschaftlicher Dichotomien
in zwei Romanen der Enkelgeneration: La larga
marcha (1996) und El hijo del acordeonista (2004)
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr 372
Sabine Zangenfeind (Potsdam)
Widerstand oder Bürgerkrieg? Positionen zum 9.45 Uhr
10.30 Uhr
11.15 Uhr
italienischen Resistenza-Diskurs in Medien und
Geschichtsschreibung
Isabella v. Treskow (Potsdam)
Transformation der Erinnerung. Fiktionale Texte zum italienischen Bürgerkrieg (1943-1945)
Marie-Aude Charret (Limoges)
Guerre, sexualité, langage et identité. De L’Assaut
de Reinaldo Arenas à Etat de siège de Juan
Goytisolo
Timo Obergöker (Potsdam)
Bukarest 1989 – Die Darstellung der Rumänischen „Revolution“ in der rumänischen Gegenwartsliteratur
Abstracts
Martin von Koppenfels (Berlin)
Bürgerkrieg und bürgerlicher Roman. Flauberts Éducation sentimentale
und der Juniaufstand 1848
Der Pariser Arbeiteraufstand vom Juni 1848 und die auf ihn folgende blutige Repression können in mehr als einer Hinsicht als
historisches Paradigma für die internen Kämpfe der europäischen
Nationalstaaten des 20. Jahrhunderts angesehen werden. Als exemplarisch darf andererseits auch die Behandlung der Juniereignisse
in Flauberts Éducation sentimentale (1869) gelten, die für den Umgang
avancierter Erzählliteratur mit den ”großen Momenten” der kollektiven Geschichte Maßstäbe setzte. Flauberts bis dato unerhörte
Technik indirekter Darstellung, die die historisch entscheidenden
Ereignisse in den toten Winkel der Erzählperspektive verlegt, seine
Verweigerung der Chronistenrolle, ja der Zeugenschaft selbst, wirken auch heute noch als Provokationen, die die integrative Kraft
kollektiver Gedächtnisbildung in Frage stellen. Die berühmten
Passagen aus Flauberts Roman eignen sich daher als Ausgangs373
punkt für grundsätzliche Überlegungen zur narrativen Verarbeitung kollektiver Katastrophen.
Dabei geht es einerseits um die Frage, wie der Ausnahmezustand
des Zivilkrieges in die Privatexistenz, das bürgerliche Interieur
und den zivilen Stadtraum eingreift (die alle drei konstitutiv für
den modernen Roman sind). Andererseits steht zur Debatte, wie
”Geschichte” und Einzelschicksal, wie historische und romanhafte
Erinnerung aufeinandertreffen oder einander durchkreuzen. Vor
allem aber stellt sich die – für Flaubert entscheidende – Frage, wie
sich die Zerstörung des Phantasmas kollektiver Identität (peuple,
patrie, drapeau) auf die Sprache auswirkt. Den Zusammenbruch der
Kategorie des Politischen im Juni 1848, so meine These, reflektiert Flaubert als Entwertung des Politischen schlechthin: der gemeinsamen Sprache. Der locus communis wird zum unhaltbaren Ort.
Die Geschichte entpuppt sich als Ansammlung ungleichzeitiger
Privatgeschichten. Flauberts Poetik des absoluten Gemeinplatzes
registriert die politische Desintegration als Zerfall des identifikatorischen Bandes, das durch die Sprache verläuft.
Cornelia Sieber (Leipzig)
Am Rande der portugiesischen Geschichte: Miguel Sousa Tavares’
Equador (2003)
In dem Beitrag möchte ich die Strategie des 2003 erschienenen
Romanes Equador untersuchen, der den großen innenpolitischen
Konflikt in Portugal zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus einer
Randperspektive zeigt. Der aus Porto (einem Zentrum der Aufstände) stammende Autor Miguel Sousa Tavares hat in seiner historischen Erzählung gerade nicht die Präsentation der Konfliktlinien
zwischen regierenden Verteidigern der Monarchie und den neuen
städtischen Schichten, die für die Durchsetzung einer Republik
stritten, fokussiert. Statt dessen kontrastiert und rekontextualisiert
er den Konflikt im “Mutterland” mit Blick auf Portugals Kolonialpolitik jener Zeit, indem er die Inselkolonie São Tomé als Haupt374
handlungsort und den dortigen Gouverneur als Prota­gonisten
wählt. Durch diese Randperspektive, so möchte ich zeigen, zerfällt
die Narrationsmöglichkeit, die portugiesische Situation eindeutig
und umfassend als einen antagonistischen Kampf zwischen klar
abgrenzbaren Konfliktgruppen darzustellen und mittels typischer
Gruppenvertreter zu verdeutlichen. Aus Tavares’ erweiterter historischer Perspektive stellt sich neben das Bild des internen Konflikts
das weiterhin nach außen wirkende hegemonische Bild der Nation gegenüber den Kolonien, da Monarchisten und Republika­ner
letztendlich die gleiche Kolonialpolitik befürworteten. Anhand der
Perspektivierung des Romans durch den Inselgouverneur andererseits stellt der Autor neben die Vorstellung des typischen Gruppenvertreters die Darstellung einer komplexen Figur im Konflikt
mit politischer, rassischer und geschlechtlicher Andersheit.
Anja Bandau (Berlin)
Die haitianische Revolution als Bürgerkonflikt
In der haitianischen Revolution (1792-1804) überlagern und verschränken sich verschiedene historische Prozesse, die im Ergebnis der ersten erfolgreichen Sklavenrevolution zur Unabhängigkeit Haitis führten. Zwischen der Kolonie Sainte Domingue und
der Kolonialmacht Frankreich, den unterschiedlichen Parteien
der “Grands Blancs” (weiße Plantagenbesitzer) und der “Petits
Blancs” (Handwerker, Lohnarbeiter, Händler), der Mulatten und
freigelassenen Sklaven sowie der Sklaven bilden sich verschiedene
Konfliktlinien heraus, entlang derer Bürgerrechte und nationale
Gemeinschaft ausgehandelt werden.
Anhand ausgewählter literarischer Texte diskutiert dieser Beitrag
die Inszenierung der Revolution als Kampf um die Konstituierung
einer civitas und als Bürgerkonflikt. Er geht der Repräsentation
von Phänomenen wie Asymmetrie im Kräfteverhältnis und Nähe
der Konfliktparteien nach, die für Bürgerkriegskonfliktkonstellationen relevant sind.
375
Catherine Milkovitch-Rioux (Clermont-Ferrand)
La guerre d’Algérie au miroir de la littérature: les ambiguïtés d’un conflit
La définition et la dénomination de la « guerre d’Algérie » ont toujours posé problème: apparentée en France, durant le conflit, à des
« troubles de l’ordre public », évoquée par périphrase ou par litote
sous l’appellation « les événements », la guerre d’Algérie s’appelle
encore, sur l’autre rive de la Méditerranée, guerre d’indépendance
ou guerre de libération. Les instances internationales s’accordent
désormais à réfuter l’inscription des conflits liés à la décolonisation dans le champ juridique des « guerres civiles », et quand on
évoque la « guerre civile » à propos de l’Algérie, il est question
sans ambiguïté du conflit né dans les années 1990, de la « seconde guerre d’Algérie ». Mais au-delà des jugements de l’histoire, la
littérature permet de sonder dans les profondeurs de l’imaginaire,
l’inconscient d’un conflit qui s’apparente à de multiples égards aux
déchirements des guerres civiles. J’aimerais donc aborder, dans les
représentations littéraires de la guerre, de Kateb Yacine à Assia
Djebar, de Jean Pélegri à Alain Vircondelet, la représentation historique de la citoyenneté française, aux racines du conflit ; l’évocation
d’une « guerre contre les civils » (Maïssa Bey), les figurations du territoire algérien comme terre-mère ; l’arrachement de communautés
(pied-noire, harkie) dont l’histoire était inscrite, à des titres divers,
sur le territoire algérien, et la préfiguration, enfin, d’une guerre civile ultérieure qui s’y dessine en creux.
Virginie Brager (Bamberg)
Paris-Algier: Die ewige Suche nach dem Anderen
Seit dem 1. Mai 2004 gewinnt das Thema der Grenze innerhalb Europas eine besondere Bedeutung. Die Grenzen des europäischen
Kontinents öffnen sich und lösen sich sogar auf. De Gaulles’ Satz
”Europa vom Atlantik bis zum Ural” zeigt den immerwechselnden
Charakter des territorialen Europas und sein besonderes Schicksal.
376
Die Topographie Europas hatte sich auch in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts erheblich verändert. In den 60er Jahren, die
die Unabhängigkeit Nordafrikas ankündigten, änderten sich die
Grenzen der verschiedenen Kolonialmächte. Das Beispiel Algeriens zeigt, dass sich das Territorium der Kolonialmacht Frankreich
auf die Grenzen der Metropole reduzierte und sich endgültig von
Afrika trennte. Frankreich zog sich zurück, dies war aber kein endgültiger Abschied. Die ”besonderen” Verhältnisse, die die Beziehungen beider Länder seit dem Algerienkrieg, oder anders formuliert, seit ”den Operationen zur Wiederherstellung der Ordnung”
charakterisieren, erinnern jedoch an die ”gemeinsamen” guten und
schlechten Zeiten von ”früher” und beweisen, dass alles doch sehr
rasch ging und dass der Unabhängigkeitsprozess weder an Frankreich noch an Algerien spurlos vorbeiging.
Um das damit einhergehende Unbehagen, das seit mehr als vierzig
Jahren die Beziehungen beider Länder belastet, genauer darzustellen, möchte ich zwei Filme vorstellen: Là-bas, mon pays (1999) von
Alexandre Arcady und Viva l’Aldgérie (2003) von Nadir Moknèche.
Beide Filme spielen sich jenseits des Mittelmeers ab, das jetzt die
offizielle Grenze zwischen zwei Ländern verkörpert, aber von den
Protagonisten ununterbrochen mental oder physisch übersprungen
wird. Einmal von Algerien aus träumen die Bewohner von Algier
von einer besseren Welt, in einem demokratischen Land und von
Frankreich aus wollen die entwurzelten Franzosen partout in das
Land der Brüder zurück, ”là-bas”, in deren Heimat. Die Verleihung des César-Filmpreises des besten französischen Films an den
Film L’esquive des tunesischstämmigen Filmregisseurs Abdellatif
Kechiche am 27. Februar 2005 ist ein weiterer Beweis für die Verhältnisse besonderer Art, die zwischen ”La Grande Nation” und
dem Maghreb weiterexistieren.
377
Monika Neuhofer (Salzburg)
Versäumte Geschichte. Jorge Semprún und der Spanische Bürgerkrieg
Bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs ist Jorge Semprún
noch keine dreizehn Jahre alt und gezwungen, mit seiner Familie ins Exil zu gehen. 1953 kehrt er erstmals, nunmehr als Untergrundkämpfer gegen Franco im Dienste der Kommunistischen
Partei, nach Spanien zurück. Der Bürgerkrieg aber wird für immer
eine Lücke in seiner Biographie bilden. Trotzdem (oder vielleicht
gerade deshalb) stellt diese versäumte Geschichte einen zentralen
persönlichen Mythos im Leben und Schreiben Semprúns dar, der
als Hintergrundfolie in fast allen Texten präsent ist, von Le grand
voyage (1963) bis zum jüngsten Roman Veinte años y un día (2003).
”Semprun n’a pas vécu la guerre civile de l’intérieur de l’Espagne,
ni même à l’extérieur, mais au-dedans de lui-même. Il a gardé avec
lui la guerre d’Espagne”, schreibt Gérard de Cortanze.
Parallel zur Entwicklung des Autors vom kommunistisch-militanten Aktivisten zum mehrsprachigen europäischen Schriftsteller
verändert sich auch die Perspektive, die er in den literarischen (und
filmischen) Bearbeitungen des eigenen Lebens auf den Spanischen
Bürgerkrieg wirft. Dennoch bleibt das historische Ereignis – sei es
als kommunistischer, sei es als spanischer Mythos – ein Angel- und
Fluchtpunkt, an dem sich Semprún bis heute abarbeitet.
Im Vortrag soll die gewissermaßen doppelte Rolle des Spanischen
Bürgerkriegs im Werk Sempruns untersucht werden – insbesondere an zwei Texten, die in dieser Hinsicht jeweils eine Art Schwellenfunktion einnehmen: an La guerre est finie (1965), das als literarische
Vorlage für Alain Resnais’ Film konzipiert wurde und sich mit dem
Ende der politischen Tätigkeit im Untergrund auseinandersetzt,
sowie an Adieu, vive clarté (1998), in dem die Anfangszeit im französischen Exil thematisiert wird und gleichzeitig eine Rückbesinnung
auf die spanische Herkunft erfolgt.
378
Marga Graf (Aachen)
Spanien im Herzen – der Spanische Bürgerkrieg 1936-1939 als
Selbsterfahrung lateinamerikanischer Dichter: Pablo Neruda (Chile) und
Nicolás Guillén (Kuba)
Der literarische Niederschlag aus Anlass der Ereignisse der Jahre
1936-1939 in Spanien in Poesie und Prosa des Chilenen Pablo Neruda (1904-1973) und des Kubaners Nicolás Guillén (1902-1989)
ist unzweifelhaft vorwiegend autobiographisch zu werten. Der enge
persönliche Kontakt mit spanischen Intellektuellen, Dichtern und
Schriftstellern dieser Epoche - Valle Inclán, Antonio Machado und
den Vertretern der jüngeren Generation, García Lorca, Rafael Alberti – hat das Bild und die Eindrücke aus der Zeit des Spanischen
Bürgerkrieges, den Wandel von der Republik zur Diktatur bei beiden Lateinamerikanern, die in ihrem eigenen politischen Umfeld
ihre Erfahrungen mit Machtwechseln und zivilen Unruhen hatten,
in besonderem Maße geprägt.
Es geht in diesem Vortrag nicht um eine wertende Analyse von
Poesie und Prosa unter dem Blickwinkel ihrer ästhetischen und
strukturellen Merkmale, sondern um engagierte Literatur, die auf
einen ganz bestimmten Anlass, hier auf das politische und kulturelle Umfeld der dreißiger Jahre in Spanien fokussiert ist. Pablo
Neruda und Nicolas Guillén lassen sich dabei in ihren Werken von
den Ereignissen in Spanien nicht aus der Perspektive des passiven
Beobachters inspirieren. Sie sind Zeitzeugen vor Ort. In Spanien
ebenso wie in ihren Heimatländern in Lateinamerika. Das gilt für
Neruda in diplomatischer Mission als chilenischer Konsul in Barcelona und Madrid (1934). Als aktive Veranstalter und Teilnehmer
an Kongressen – u. a. am II Congreso Internacional de Escritores
para la Defensa de la Cultura in Valencia, Barcelona und Madrid
– machen sie sich in ihren Werken zum Sprachrohr der freien Entfaltung literarischen Schaffens ihrer spanischen Kollegen gegen
Unterdrückung, Zensur, und Freiheitsberaubung durch das Regime Franco: Neruda in seinem Buch España en mi corazón, einem
379
Gedichtzyklus, der während des Bürgerkrieges auf dem Montserrat gedruckt wurde, Nicolás Guillén in seinem Gedichtband Espa­
ña, poema en cuatro angustias y una esperanza, geschrieben und veröffentlicht 1937 in Mexiko während seiner Teilnahme am Congreso
de la Liga de Escritores y Artistas Revolucionarios.
Alexandra Ortiz Wallner (Costa Rica/Potsdam)
Percepciones de la (pos)guerra en El Salvador y la estetización de la violencia
La ponencia quiere mostrar a través del análisis de las novelas La
diabla en el espejo (2000) y Donde no estén ustedes (2003) del escritor salvadoreño Horacio Castellanos Moya, diversas formas que asumen
las representaciones de la violencia en una sociedad latinoamericana como la salvadoreña, la cual fue azotada durante doce años
por una guerra civil que dejó cerca de un millón de víctimas. En el
momento de la posguerra surgen en el ámbito literario centroamericano nuevas formas de expresión que se distancian de la literatura
testimonial, forma dominante durante los conflictos armados de
la región, y revelan apropiaciones de la violencia desde otras perspectivas. En este sentido, la producción literaria del salvadoreño
Horacio Castellanos Moya resulta representativa de los procesos
de estetización de la violencia en las literaturas centroamericanas
que se escriben durante el periodo de las posguerras en el istmo.
Valeria Grinberg Pla (Frankfurt/M)
(Un-)möglichkeiten der Erinnerung: der Genozid an den Maya in Horacio
Castellanos Moyas Roman Insensatez
Insensatez (Mexiko: Tusquets 2004), der bislang letzte Roman des
salvadorianischen Schriftstellers Horacio Castellanos Moya (1957),
beschäftigt sich explizit mit der Problematik der Erinnerung an die
Gräueltaten, die das Militär in Guatemala während der siebziger
und achtziger Jahre verübte und denen ein großer Teil der MayaBevölkerung des Landes zum Opfer fiel. Dabei wirft der Roman
380
die Frage auf, inwiefern eine ästhetische Wahrnehmung bzw. Verarbeitung der Berichte der Überlebenden zu einer empathischen
oder einer distanzierten, die Geschehnisse verfremdenden Teilhabe an den Ereignissen von Seiten der Ladino-Bevölkerung führt:
Der Protagonist, ein ausländischer Journalist, hat den Auftrag, den
Informe de la verdad, in dem die Aussagen der überlebenden Maya
schriftlich festgehalten wurden, Korrektur zu lesen. Diese Lektüre
löst bei ihm eine intensive und spannungsreiche Auseinandersetzung mit den Folgen aus, die die schriftliche Fixierung der Bürgerkriegserlebnisse sowohl für die Opfer als auch für die Täter hat
und führt zu der Frage nach Schuld und Verantwortung für die
Vernichtung der Maya-Bevölkerung. Der Roman gibt darauf keine explizite Antwort - wie eine implizite, in den erzähltechnischen
bzw. intertextuellen Strukturen des Romans enthaltene Antwort
aussehen könnte, möchte ich in meinem Vortrag ebenso diskutieren wie die Frage, ob die Ladino-Bevölkerung eine Art kollektiver
Schuld an der Vernichtung der Maya-Bevölkerung trägt. Ferner
lädt der Roman dazu ein, die Genrespezifik von Schreiben und
Erinnerung zu untersuchen und die Unterschiede zwischen einer
fiktionalen (am Beispiel des Romans selbst), einer testimonialen
(am Beispiel von Rigoberta Menchús Testimonio Me llamo Rigo­
berta Menchú y así me nació la conciencia) und einer nicht-literarischen
(am Beispiel des Informe Para la Recuperación de la Memoria Histórica:
„Guatemala, Nunca Más“) Fortschreibung der Erinnerung an die
Bürgerskriegstraumata in den Blick zu nehmen.
Gesine Müller (Halle)
Gustavo Álvarez Gardeazábal: Varianten literarischer Inszenierung des
kolumbianischen Bürgerkriegs
Am 9. April 1948 wurde Jorge Elicier Gaitán, der Präsidentschaftskandidat der Liberalen Partei, mitten im Zentrum Bogotás ermordet. Diese Gewalteruption, die als El Bogotazo in die Geschichte
einging, war der Beginn einer Kette von Gewalthandlungen, die bis
381
in die 50er Jahre hinein auf ländliche Regionen ausgriffen und sich
im kollektiven Gedächtnis als La Violencia einprägten. 200.000300.000 Menschen mussten in diesem Konflikt, dessen Hintergrund sowohl die soziale Frage als auch Kämpfe zwischen den
parteipolitischen Eliten waren, ihr Leben lassen. Bereits diese erste
Phase weist wichtige Parallelen mit der heutigen Konfliktsituation
auf, vor allem was die Schwäche des Staates und die Rolle paramilitärischer Organisation betrifft.
Aufgrund der ununterbrochenen Bürgerkriegssituation nimmt
es nicht wunder, dass es kaum literarische Ausdrucksformen aus
Kolumbien gibt, die nicht in irgendeiner Weise das Phänomen
Violencia tangieren. Während sich viele Autoren indirekt mit der
permanenten Gewaltpräsenz im Land beschäftigen, hat der aus
Tuluá stammende Gustavo Álvarez Gardeazábal (*1945) sich selbst
und sein Gesamtœuvre über die Jahrzehnte hinweg sehr konkret der
Aufarbeitung des Bürgerkrieges verschrieben. Dementsprechend
können seine literarischen Texte auch als Dokumentation einzelner
Etappen des kolumbianischen Bürgerkriegs gelesen werden.
Der Sektionsbeitrag will mit der Gegenüberstellung von Cóndores
no entierran todos los días (1971) und Comandante Paraíso (2002) die
Anfangsphase der Violencia (1948-1957) mit den jüngsten Entwicklungen der 90er Jahre vergleichen. Wie hat sich die Bürgerkriegssituation und vor allem ihre literarische Inszenierung entwickelt?
Aus welcher Perspektive und für welchen impliziten Leser wird
erzählt? Álvarez Gardeazábal war zunächst Gobernador von Valle
del Cauca und hat ab 1999 zwei Jahre aufgrund falscher Anschuldigungen im Gefängnis gesessen. Inwiefern positioniert er sich in
dem Konflikt literarisch und über welche Ausdrucksmöglichkeiten
verfügt er?
382
Marlene Kuch (Würzburg)
Antiheroischer Widerstand: Testimonios von Frauen aus frankistischen
Gefängnissen
Der Beitrag setzt sich mit den Erzählungen von Frauen (Juana
Doña, Soledad Real u.a.) auseinander, die nach der Niederlage der
spanischen Republik viele Jahre ihres Lebens in politischer Gefangenschaft verbrachten und dort ihren eigenen stillen Krieg
führten. Diese Zeitzeuginnen legen Wert darauf, dass ihre Leiden
und Entbehrungen ebenso wie der männliche Kampf als Beitrag zum antifrankistischen Widerstand anerkannt werden. Damit
knüpfen sie sowohl an die soziale Revolution von 1936 an, als auch
an ihren Anspruch auf (staats)bürgerliche Gleichstellung, die erst
wenige Jahre zuvor von der Republik gesetzlich festgeschrieben
worden war. Sie stellen sich bzw. die Gruppe, für die sie sprechen,
als Heldinnen dar, müssen jedoch erkennen, dass die Heroisierung
zur Selbstentmündigung führt, solange sie sich an vorgegebenen
(männlichen) Modellen orientiert. Sie sind, um eine paradoxe Formel zu verwenden, antiheroische Heldinnen.
Die Autorinnen berichten von Torturen, die den Vergleich mit
Märtyrerinnen nahelegen. Der Status der Opferheldin erweist sich
jedoch als durchaus zwiespältig. Die Texte zeigen Frauen, die sich
dagegen wehren, zu Opfern gemacht zu werden, und die um ihr
physisches und moralisches Überleben kämpfen. Dies ist indes nur
durch eine heroische Selbstdisziplin möglich, die zunächst zwar als
Widerstand erscheint, schließlich aber als (erzwungene) Kollaboration mit einem Herrschafts- und Unterdrückungssystem durchschaut wird, die sich gegen sie selbst richtet. Ein wesentliches Element dieses Herrschaftssystems ist das Schweigegebot, das nicht
erst seit dem verlorenen Bürgerkrieg auf den Frauen lastet, und
das Juana Doña, Soledad Real und andere (darunter, als ‚Vermächtnisverwalterin‘, Dulce Chacón mit dem Roman La voz dormida,
2002), gestärkt durch das Bewusstsein, eine Bewährungsprobe
bestanden zu haben, mit ihren testimonios durchbrechen. So wird
383
die extreme äußere Bedrängnis der politischen Gefangenschaft in
dialektischer Umkehrung zum Ort der inneren Emanzipation: Die
frankistischen Gefängnisse sind Keimzellen des modernen spanischen Feminismus.
Albrecht Buschmann (Potsdam)
Der Bürger, der Krieg und der Held: André Malraux’ L’Espoir zwischen
Erfahrung und Repräsentation
L’Espoir entstand 1936/1937 unter dem unmittelbaren Eindruck
der ersten Monate des Spanischen Bürgerkrieges, in dem der Autor
als Organisator einer Fliegerstaffel selbst dezidiert Stellung bezog.
Darum wurde das Buch, ungeachtet seiner propagandistischen
Absicht, immer wieder als ”Dokument” oder ”témoignage” bezeichnet. Der Text bildet also Prozesse ab, die sich seinerzeit an
der Schnittstelle zwischen individueller Erfahrung und literarischer
Gestaltung vollzogen. Deren Dynamik soll exemplarisch rekonstruiert werden, wobei auf die methodischen Vorarbeiten in dem
Sammelband Bürgerkrieg. Erfahrung und Repräsentation (hgg. von I. v.
Treskow, A. Buschmann, A. Bandau, Berlin 2005) zurückgegriffen
wird.
Im Mittelpunkt des Vortrages wird die Relektüre des Textes stehen,
wobei bald 70 Jahre nach seinem Erscheinen die literarhistorische
Analyse der Techniken der Bürgerkriegsdarstellung auf die Frage
zugespitzt werden soll, welche Elemente aus heutiger Perspektive
fruchtbar zu machen sind. Hilfreich wird dabei der Seitenblick auf
die Verfilmung Sierra de Teruel sein, die unter der Regie Malraux’
noch während des Krieges entstand.
384
Christian von Tschilschke (Regensburg)
Konkurrenz und Zusammenwirken der Medien in der Erinnerung an den
Spanischen Bürgerkrieg: Soldados de Salamina als Roman und Film
Mit dem Aussterben der letzten Zeitzeugen des Bürgerkiegs und
einem wachsenden Bevölkerungsanteil, der nicht einmal mehr die
Franco-Diktatur bewusst erlebt hat, steht Spanien, ähnlich wie
Deutschland, an der Schwelle eines erinnerungskulturellen ,Gezeitenwechsels‘. Gleichzeitig erlangt eine neue ‘Deutungskohorte‘
Diskursmacht, die die Erinnerung an den Bürgerkrieg zwar weiterhin als moralische Verpflichtung betrachtet, seinen kommerziellunterhaltenden Aspekten als Ware aber entspannt gegenübersteht.
Diese Generation zeigt sich versöhnungsbereit, scheut sich aber
auch nicht, offen Defizite der Vergangenheitsbewältigung einzuklagen. Auch besitzt sie ein scharfes Bewusstsein für die Fiktionalität und mediale Konstruiertheit der Geschichte, dem auf der
anderen Seite ein gesteigertes Informations-, Dokumentationsund Authentizitätsbedürfnis entspricht. Javier Cercas außerordentlich erfolgreicher Roman Soldados de Salamina (2001) und David
Truebas gleichnamige Verfilmung (2003) stehen exemplarisch für
diese Entwicklung. Als rezentes Beispiel einer medialen Verschränkung, wie sie für die Geschichte der ästhetischen Repräsentation
des Spanischen Bürgerkriegs insgesamt typisch ist, lassen sich Roman und Film daher zunächst einmal als unterschiedliche mediale
Ausprägungen eines aktuellen, beiden gemeinsamen Diskurszusammenhangs interpretieren. Gerade der Vergleich der Aufbereitung desselben Stoffes in verschiedenen Medien erlaubt es jedoch
auch, Spuren einer mediengeschichtlichen, erinnerungspolitischen
und marktstrategischen Konkurrenz aufzudecken, die einen interessanten Einblick in die Ambivalenzen der gegenwärtigen Hinwendung zur Bürgerkriegsvergangenheit gewähren. So drängt sich
etwa die Frage auf, ob der vergleichsweise geringere Erfolg des
Films auch darauf zurückzuführen ist, dass er die Ambivalenzen
385
des Romans im Namen eines politisch und pädagogisch korrekten
Umgangs mit der Geschichte einzuebnen versucht.
Elisabeth Suntrup (Passau)
Das kulturelle Erinnern des Bürgerkrieges und die Überwin-dung
gesellschaftlicher Dichotomien in zwei Romanen der Enkelgeneration: La
larga marcha (1996) und El hijo del acordeonista (2004)
In den letzten Jahren haben sich zahlreiche spanische Schriftsteller der Enkelgeneration verstärkt der Thematik des Spanischen
Bürgerkrieges angenommen. Anders als in manchen Roma­nen
auch jüngerer Autoren, in denen die gesellschaftlichen Traumatisie­
rungen und eindeutigen politischen Antagonismen fortge­schrie­
ben werden, inszenieren und reflektieren Rafael Chirbes in La larga
marcha (1996) und Bernardo Atxaga in El hijo de acordeonista (2004)
von einem rückblickenden Standpunkt aus die heterogenen politischen, sozialen und genera­tio­nellen Bruchlinien, die durch den
Bürgerkrieg verursacht oder verstärkt wurden und lange fortwirkten. Dabei setzen sich die beiden Autoren zugleich kritisch mit der
eigenen, von den Folgen des Bürgerkrieges in hohem Maße ge­präg­
ten Gene­ration auseinander: mit der 68er Generation in La lar­
ga marcha sowie mit der ETA-Generation im Baskenland der 70er
Jahre in El Hijo del acordeo­nista. Der Vortrag will die Komplexität
der in den Romanen dar­ge­stellten erinnerungskulturellen Grenzen
und Bruchlinien herausarbeiten und zeigen, mit welchen narrativen Strategien gängige Dichotomien überwunden werden. Durch
die vergleichende Analyse sollen dabei auch Parallelen wie Unterschiede zwischen den beiden Romanen deutlich gemacht werden.
386
Sabine Zangenfeind (Potsdam)
Widerstand oder Bürgerkrieg? Positionen zum italienischen ResistenzaDiskurs in Medien und Geschichtsschreibung
”Che scandalo, fu guerra di popolo” betitelt das Magazin L’Espresso
ein umfangreiches Dossier anlässlich des 50. Jahrestages des
Kriegsendes im April 1995 und beschreibt damit das problematische Verhältnis der italienischen Öffentlichkeit und der offiziellen
Historiographie zur eigenen Geschichte der Jahre 1943 bis 1945
unter deutscher Besatzung. Teil des Dossiers ist ein ”zehn unbequeme Fragen” umfassendes Interview mit dem Historiker Claudio Pavone, dessen Publikation Una guerra civile. Saggio storico sulla
moralità nella Resistenza (Torino, Bollati Boringhieri 1991) eine breite
kontroverse Debatte über die Bewertung der italienischen Widerstandsbewegung auslöste. In diesem Interview verteidigt Pavone
seine Interpretation der Resistenza als Bürgerkrieg sowohl gegen die
Kritik von linker als auch von rechter Seite. Der Vortrag nimmt
die Thesen Pavones und ihre Rezeption zum Anlass, die grundlegenden Entwicklungslinien des Resistenza-Diskurses in den italienischen Medien und der italienischen Geschichtsschreibung (u.a.
Romolo Gobbi: Il mito della Resistenza, 1992; Gian Enrico Rusconi:
Resistenza e postfascismo, 1995) nachzuzeichnen. Dabei soll auf die
Interdependenz zwischen der Debatte über die Resistenza und des
jeweiligen politischen Tages- und Weltgeschehens ebenso eingegangen werden wie auf die Frage nach der Bedeutung der Resisten­
za für die Konstituierung eines italienischen Identitätsbewusstseins
in der Nachkriegszeit.
Isabella von Treskow (Potsdam)
Transformation der Erinnerung. Fiktionale Texte zum italienischen
Bürgerkrieg (1943-1945)
Die Kämpfe zwischen Faschisten und Mitgliedern der Widerstandsgruppen in der deutschen Besatzungszeit (1943-1945) als
387
Bürgerkrieg zu bezeichnen, war in Italien lange ein Tabu. Die Linke verstand ihren Einsatz als Befreiungskampf Italiens von den
Deutschen, als deren “Marionetten” die Vertreter des Mussolinischen Regimes betrachtet wurden. Die neofaschistische Rechte
versuchte, den Kampf der Resistenza gerade mit dem Terminus
“Bürgerkrieg” als mörderischen Gewaltakt gegen den eigenen
“Bruder” zu verunglimpfen. Erst mit C. Pavones Studie Una guerra
civile (1991) wurde der Versuch unternommen, den Begriff als neutrale Bezeichnung für den innergesellschaftlichen Gewaltkonflikt
nutzbar zu machen. Dass realitär italienische faschistische gegen
italienische antifaschistische Bürger stritten und Zivilisten in die
Kämpfe einbezogen, umgeht die Erinnerungsliteratur der vierziger
Jahre von Resistenza-Mitgliedern aus psychologisch-traumatischen
und gesellschaftspolitischen Gründen. Die fiktionale Literatur ist
offensiver. Dennoch präsentiert auch sie in der Phase des Wiederaufbaus und im allgemeinen Versöhnungsklima den faschistischen
Gegner entweder dämonisierend oder nur am Rande. Im Vordergrund der Analyse wird die Frage stehen, mit welchen Mitteln und
welcher Wirkung die Literatur in zwei Etappen der Erinnerung
Bürgerkrieg und Bürgerkriegs-Situationen evoziert. Prosatexte von
E. Vittorini, I. Calvino und B. Fenoglio der Jahre 1945 bis 1949 stehen für die Nachkriegszeit. Carta bianca (1990) des Erfolgsautors C.
Lucarelli markiert den Sprung in die Gegenwart, in der Faschisten
locker geschildert werden und ihr Treiben das dramatisch-bunte
Material einer Kriminal-story bildet, ohne dass diese “menschliche”
Darstellung als verletzend oder blasphemisch empfunden zu werden scheint.
Marie-Aude Charret (Limoges)
Guerre, sexualité, langage et identité. De L’Assaut de Reinaldo Arenas à
l’Etat de siège de Juan Goytisolo
Les deux œuvres présentent les thématiques de la guerre et de la
sexualité. Mais, ces deux thématiques, qui sont presque un lieu
388
commun de la littérature fictionnelle de guerre, sortent de leur relation bilatérale et s’articulent sur la problématique du langage, qui
œuvre, en creux, dans cette écriture de la guerre.
Puisque, chez Arenas, les mécanismes présentés dans cette genèse
de la guerre civile montrent tout un processus de déterritorialisation de la parole dans les gestes, secondé par une écriture qui se fait
à même les corps – car toute réponse à un acte de langage d’un
seul individu s’inscrit dans sa torture et sa mort – on justifie alors
la place de ce roman dans la catégorie des romans sur la guerre
civile. La place qui est réservée à une espèce de non-voix – mélange de silence imposé et de psalmodie autorisée par le pouvoir
– rappelle le mécanisme répétitif du personnage-narrateur, labourant le corps des hommes, inscrivant ainsi dans leur chair la dette de
sa naissance; dette elle-même fortement connotée par la terreur
de devenir sa mère, de « devenir elle ». Puisque, en creux, tout le
mouvement de l’œuvre est régenté par ce désir de meurtre, on est
en droit de se poser la question de l’identité, non seulement individuelle mais également collective: Deleuze et Guattari ont montré
dans l’Anti-Œdipe comment le codage des flux de désir étaient une
condition du socius et que la domination – et les luttes qui y affèrent
– s’exerçait « à travers et dans la transcendance du signifiant ». Or,
celle-ci renvoie au mystère de l’écriture de l’œuvre elle-même, et
notamment à celui du titre des chapitres.
Par ailleurs, la prolixité des intellectuels dans l’œuvre de Goytisolo,
qui relate la guerre civile de Bosnie dans les années 1990 et, plus
particulièrement, le siège de Sarajevo, pose le problème du langage
en tant que lieu de mémoire. Le rapport entre la liberté prise avec
les codes narratifs traditionnels par l’auteur et la liberté avec laquelle agissent les intellectuels met en question le rapport d’un peuple à
son passé. Mais, les métaphores et les métonymies qui constituent
une jouissance de la glose du passé pour ces intellectuels doivent
être mises en rapport avec la véritable origine du signifiant, que
Lacan définit comme une « représentation refoulante ». La guerre
389
devient donc un théâtre où l’œil extrait et mesure simultanément,
d’une part, la visibilité du mot qui désigne la chose et, d’autre part,
la douleur d’un graphisme (exprimé sur et par le corps) qui forme
un signe avec la chose désignée. - Les guerres civiles, telles qu’elles
sont représentées dans ces deux œuvres, replieraient-elles ainsi la
question de l’identité sur celle du signifiant?
Timo Obergöker (Potsdam)
Bukarest 1989 – Die Darstellung der Rumänischen ”Revolution” in der
rumänischen Gegenwartsliteratur
Das Ende des Ceauçescu-Regimes hebt sich in vielerlei Hinsicht
von den Revolutionen in den Transformationsländern Mittel- und
Ostmitteleuropas ab. Einerseits, weil die Brutalität des Spitzelregimes selbst in den anderen kommunistischen Ländern ihresgleichen suchte, andererseits, weil sich die Rumänische Revolution
durch einen hohen Grad an Inszenierung auszeichnete und letztlich mehr einem Staatsstreich glich als einer wahrhaftigen Revolution. Weiterhin gilt es zu berücksichtigen, dass, anders als in den
meisten ehemaligen kommunistischen Diktaturen, der Wandel zur
Zivilgesellschaft relativ spät einsetzte. Noch 1990 wurde eine regierungsfeindliche Demonstration durch ”zu Hilfe” geholte Bergarbeiter niedergeschlagen. Die Bilder dieses Aufstandes, wie sie
beispielsweise in dem Dokumentarfilm Piata Universitatea gezeigt
werden, evozieren ”Bürgerkriegs”-Szenarien. Mit Ausnahme des
bürgerlichen Intermezzos von 1996-2000 unter Constatinescu,
pflegte Präsident Illescu (1990-1996, 2000-2004) einen autoritären
Führungsstil, verbunden mit Wahlfälschungen und Wahlgeschenken, und scheute sich nicht vor einer Zusammenarbeit mit der antisemitischen PRM (Partidul România Mare, Partei Großrumänien)
Tudors.
Bis heute konkurrieren zahlreiche, hochideologisierte Ansätze
– mit denen sich immer Ansprüche und Deutungsmonopole verbinden – miteinander. War die Revolution ein Bürgerkrieg, ein in390
szenierter Bürgerkrieg oder doch eine “richtige” Revolution? Wer
hat wen verraten? Wer was inszeniert?
Der Vortrag versucht, anhand ausgewählter Texte vornehmlich aus
den 90er Jahren, die Darstellung des Umbruchs in seiner Komplexität nachzuvollziehen. Dabei soll dem Begriff der Inszenierung eine besondere Rolle zukommen. Durch welche literarischen
Strategien wird versucht, die Spezifik des Umsturzes, die Rolle der
Massenmedien (man denke nur an die Bilder von Ceauçescus Hinrichtung) und die Allgegenwart des Fernsehens zu erfassen und die
unmittelbare Aneignung (den Verrat?) durch die ”Reformkommunisten” zu erfassen?
391
Sektion 21
Montréal und Toronto: Mediale und literarische Spiegelungen von
Migration im urbanen Raum
Leitung: Verena Berger, Fritz Peter Kirsch, Daniel Winkler
(Wien)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Fritz Peter Kirsch (Wien)
Eröffnung der Sektion
Peter Klaus (Berlin)
Montréal, c’est le Canada (déconstruit): Montréal
ein unvollendetes literarisches Kunstwerk?
Lutz Schowalter (Trier)
Multikulturell, transkulturell, kanadisch? Zur
Position des urbanen Subjekts in der anglokanadischen Literatur
Klaus-Dieter Ertler (Graz)
Lateinamerika in der „écriture“ der kanadischen
Metropolen
Paul Morris (Saarbrücken)
Ankunft in Toronto: Zeitgenössische kanadische
Literatur und die Repräsentation der Immigrantenidentität
Ursula Moser (Innsbruck)
Montréal „in a nutshell“: Metrotexte der Quebecker Literatur
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
392
Christine Wesselhöft (Bielefeld)
„Ville d’exils juxtaposés“? Montréal als urbaner
und literarischer Raum im Werk Régine Robins
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
Ludwig Deringer (Aachen)
Migration, Multilingualismus und Moderne:
Montréal in der Lyrik A. M. Kleins
Robin Curtis (Berlin)
Erinnerung und Immigration: das Vergessen jenseits der Grenze
Jürgen Müller (Bayreuth)
Zur Repräsentation und Imagination der
‘Quebekizität’ der Metropole Montréal im
quebekischen Film
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Magdalena Schweiger (Nantes)
„Le Rap montréalais“ - Jugendkultur und Immigration in Montréal
Jürgen Erfurt (Frankfurt/M.)
„Alpha-francisation“ haitianischer Migranten in Montréal
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Verena Berger (Wien)
Inseln in der Stadt: Jugendliche ImmigrantInnen in Montréal
Martin Küster (Marburg)
Fronteras Americanas in der multikulturellen Metropole: Migrationserfahrung und ihre Spiegelung
im zeitgenössischen kanadischen Drama
393
Abstracts
Peter Klaus (Berlin)
Montréal, c’est le Canada (déconstruit): Montréal ein unvollendetes
literarisches Kunstwerk?
Es ist ein weiter Weg vom proletarischen Saint-Henri in ‚Bonheur
d’occasion’ bis zu Moniques Proulx’ Novellensammlung ‚Les Aurores montréales’. Montréal war ja nie eigentlich Heimat des Flaneurs à la Benjamin oder Franz Hessel. Man denke nur an den oder
die ausgeflippten marginalisierten Helden in Jacques Renauds ‚Le
Cassé’ oder an die neuen „coureurs des villes“ à la Christian Mistral und Michel Michaud. In Régine Robins ‚La Québécoite’ erleben wir ein vielschichtiges Montréal, ein dekonstruiertes Montréal,
dessen chronotopische Basis durch die Erzähler immer wieder unterminiert wird. Gérard Étienne erwählt in einigen seiner Romane Montréal als Schauplatz postkolonialistischer Auseinandersetzungen. Eine versöhnliche Note klingt durch in Monique Proulx’
Titelgeschichte ‚Les Aurores montréales’. Ähnlich wie in Michael
Ondaatje ‚In the Skin of a Lion’ wird auch hier der vereinsamte
kanadische Held durch die Einwanderer in seiner neuen Heimat,
eben Montréal, integriert.
Lutz Schowalter (Trier)
Multikulturell, transkulturell, kanadisch? Zur Position des urbanen
Subjekts in der anglokanadischen Literatur
Sowohl in theoretischen Konzepten der Kanadistik als auch in der
Alltagswelt der Kanadier werden Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Differenz seit Jahren kontrovers und produktiv immer
wieder neu verhandelt. Zu den Schlagworten Multikulturalismus,
‚distinct society‘ und Mosaik gesellt sich in theoretischen Diskussionen der letzten Zeit immer häufiger das Konzept des Transkulturalismus. Im regelmäßig durchgeführten Zensus können die
394
Einwohner Kanadas als ethnische Zugehörigkeit inzwischen auch
‚kanadisch‘ angeben. Auf den verschiedensten Ebenen – in persönlichen Begegnungen, in Freundschaften, in Geschäftsbeziehungen und zunehmend auch in partnerschaftlichen Verbindungen
– (er)leben besonders die Bewohner der Metropolen Montréal und
Toronto täglich ihre kulturellen Unterschiede und neue Gemeinsamkeiten.
Ob und wie sich dies in der anglokanadischen Literatur widerspiegelt, soll stichprobenartig u.a. anhand von Brian Moores ‚The Luck
of Ginger Coffey’ (1960), Austin Clarkes ‚Toronto-Trilogie’, M.G.
Vassanjis ‚No New Land’ (1991), Clark Blaises ‚Montréal Stories’,
Nino Riccis ‚Where She Has Gone’ (1997), Gabriella Goligers
‚Song of Ascent’ (2001) und Russell Smiths ‚Muriella Pent’ (2004)
aufgezeigt werden. Leben die literarisch gestalteten urbanen Subjekte multikulturell, transkulturell oder ‚einfach‘ nur kanadisch?
Lassen sich trotz der Vielzahl der Perspektiven Trends feststellen?
Klaus-Dieter Ertler (Graz)
Lateinamerika in der „écriture“ der kanadischen Metropolen
Im Panorama der „littératures migrantes“ der frankophonen Metropole Montréal nimmt Lateinamerika einen prominenten Platz
ein. Das hat zum einen vorrangig mit der Immigration aus dem
karibischen Raum zu tun, andererseits aber auch mit den Folgen
der lateinamerikanischen Diktaturen, die viele Zeitgenossen ins
Exil trieben. Zu dieser Gruppe zählt der aus Brasilien stammende Autor und Maler Sergio Kokis, dessen Werke die Migration im
urbanen Raum auf eine ganz eigentümliche Weise zum Ausdruck
bringen. Der Schriftsteller fiktionalisiert in seinen Texten die Erfahrungen des Fremden in der kanadischen Metropole, was formal
wie auch thematisch überaus innovativ wirkt. In der vorliegenden
Analyse soll die lateinamerikanische Dimension dieses Werkes genauer untersucht und beschrieben werden.
395
Paul Morris (Saarbrücken)
Ankunft in Toronto: Zeitgenössische kanadische Literatur und die
Repräsentation der Immigrantenidentität
In der englisch-kanadischen Literatur des späten zwanzigsten Jahrhunderts fungiert die Stadt Toronto häufig als urbaner Ankunftsort, an dem sich die menschlichen Schicksale der Einwanderung
abspielen. Vielleicht mehr als jede andere kanadische Stadt verkörpert Toronto die Herausforderungen, die Immigration sowohl
an die Einwanderer selbst als auch an die dominante Kultur stellt:
Immigration erfordert eine Identitätsänderung für Einwanderer
und das Land. Der Vortrag bietet einen Überblick über die Darstellung von Toronto als Ankunftsort für Immigranten in ausgewählten Romanen von Michael Ondaatje bis Dionne Brand. Ich
will zeigen, dass diese zeitgenössischen Romane ein sehr differenziertes Bild der Identität der Immigranten liefern, welches über
eine bloße Identifizierung mit der jeweils eigenen ethnischen Vergangenheit hinausgeht. Diese Einwanderungsromane zeigen, dass
die kanadische Literatur derzeit ein Verständnis von nationaler und
persönlicher Identität entwickelt, welches die offizielle Politik des
Multikulturalismus mit seiner Fokussierung auf ethnische Zugehörigkeit in Frage stellt.
Ursula Moser (Innsbruck)
Montréal „in a nutshell“: Metrotexte der Quebecker Literatur
Montréal und Toronto sind - wie „die andere“ nordamerikanische
Metropole New York auch - nicht erst Topoi der zeitgenössischen
Literatur. Frühe literarische Bearbeitungen gehen bis in die erste
(!) Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück; die 30er Jahre des 20 Jahrhunderts und später die 1970er Jahre schenken Toronto und Montréal verstärkt Aufmerksamkeit, bevor sie weitere 20 Jahre später
wie andere Großstädte auch zu „kulturellen Interferenzräumen im
postkolonialen Kontext“ werden (Heinz Gorr, ‚Paris als interkultu396
reller Raum’, 2000). Den Blick auf das Transportmittel der Metropole, auf die Metro, zu richten, bedeutet, sich dieser letzten Phase
der literarischen Gestaltung der Großstadtthematik zuzuwenden.
In der „Übermoderne“ (Marc Augé, ‚Orte und Nicht-Orte’, 1994),
deren wichtigstes Merkmal das Übermaß ist, bringt die „Überfülle
des Raums“ sogenannte Nicht-Orte hervor, denen die Merkmale
Identität, Relation und Geschichte fehlen. Wie Flugzeug und Auto,
wie Bahnhof und Einkaufszentrum zählt auch das Phänomen der
Metro dazu, ja der „Raum des Reisenden“ ist als „Archetypus des
‚Nicht-Orts’“ einzuschätzen. Auf der Erlebnisebene ist er mit dem
Gefühl der Einsamkeit verbunden, zugleich macht er aber auch
„die passiven Freuden der Anonymität und die aktiven Freuden
des Rollenspiels“ erfahrbar. Auf der Basis dieser Grundüberlegungen und Marc Augés ‚Un ethnologue dans le métro’ (1986)
sollen die 2002 in Montréal erschienene Textsammlung ‚Lignes de
métro’, aber auch einschlägige Passagen aus Francine Noël (‚Miriam première’), Dany Laferrière (‚Chronique de la dérive douce’)
u.a. analysiert werden. Die zentralen Fragen betreffen den Raum,
den die Metro umschreibt, die Beziehung, die das Individuum zu
diesen Räumen eingeht, und die literarische Repräsentation.
Christine Wesselhöft (Bielefeld)
„Ville d’exils juxtaposés“? Montréal als urbaner und literarischer Raum
im Werk Régine Robins
Migration bzw. Immigration als literarisches Thema wird von in
Quebec lebenden Migranten-Autoren sowohl in inhaltlicher als
auch formaler Hinsicht auf vielfältige Weise ausgestaltet. Räumliche Bezugspunkte und Darstellungsformen sind damit ebenfalls
– je nach inhaltlichem Fokus der Texte – von unterschiedlicher Relevanz. Gemeinsam ist ihnen indes, dass sie sich – geht es um die
konkrete Verortung von Migrationserfahrungen innerhalb Québecs – fast ausschließlich auf Montréal beziehen. Dies gilt auch
für die Schriftstellerin und Historikerin Régine Robin, die zunächst
397
in Paris und seit Anfang der 1980er Jahre in Montréal am Fachbereich Soziologie der Université du Québec lehrt: In ihren literarisch-fiktionalen Texten fungiert der urbane Raum als zentraler
Bezugsrahmen der geschilderten Migrationsprozesse, die sie, vor
einem autobiographischen Hintergrund, als transnationale Bewegung sowohl innerhalb als auch zwischen Montréal und Paris sowie
anderen Großstädten beschreibt.
Der Vortrag nimmt Robins Roman ‚La Québécoite’ (1983) – der
Montréal als Handlungsort in den Vordergrund stellt – als Ausgangspunkt der Überlegungen: Es wird zu zeigen sein, wie Robin,
u.a. im Rückgriff auf Begriffe wie „errance“, „nomade“ und „exil“,
das Thema Migration zum einen mit anderen (auto)biographischen
Elementen verknüpft und diese, zum anderen, in Bezug auf Montréal als literarischem Raum als fragmentarisch und unabgeschlossen konturiert. Gleichzeitig gilt es, die anderen urbanen Bezugspunkte des Romans sowie von anderen Werken Robins – d.h. vor
allem Paris – nicht aus den Augen zu verlieren und auf ihre Funktion für den Migrationsprozess der Figuren hin zu befragen.
Ludwig Deringer (Aachen)
Migration, Multilingualismus und Moderne: Montréal in der Lyrik A. M.
Kleins
Das Schaffen des anglophonen Montréaler Dichters Abraham
Moses Klein (1909-1972) kann als Modellfall gelten, in dem sich
eine Reihe grundlegender Aspekte kanadischer Großstadtliteratur
überlagern: Kleins Œuvre entsteht aus der Erfahrung der Migration seiner ukrainisch-jüdischen Familie in die kosmopolitische frankokanadische Metropole; sein Werk spiegelt Transforma- tionen
sprachlicher, literarischer, ethnischer und religiöser Einwanderertraditionen zu eigenständiger Dichtung wider und lebt nicht zuletzt
aus dem Multilingualismus des Dichters; es stellt aus den genannten Gründen ein Paradigma eines sich anbahnenden Epochenwandels dar. Die kosmopolitische „Montréal Group of Poets“, zu der
398
Klein gehörte, markiert in den 1920er Jahren die Anfänge der literarischen Moderne Kanadas in der Gattung ‘Lyrik’.
Der Vortrag verfolgt das Ziel, Darstellung und Funktionen der
Weltstadt Montréal bei Klein anhand repräsentativer Gedichte zu
erkunden und die Texte in ihren kulturellen Kontexten zu interpretieren. (Wechsel-)Beziehungen zwischen den Montréal Poets
und der internationalen Strömung des Imagismus werden kurz beleuchtet, insbesondere solche zwischen Klein und Ezra Pound, in
dessen Cantos der archetypische ‘Wanderer’ eine Grunderfahrung
der Kultur der Moderne schlechthin repräsentiert.
Robin Curtis (Berlin)
Erinnerung und Immigration: das Vergessen jenseits der Grenze
Anfang der 90er Jahre gab es eine kleine Welle von kanadischen
Filmproduktionen, die sich mit dem Vorgang des Erinnerns – und
noch auffälliger – mit der Bedeutung des Vergessens befassten.
Ziel dieser Filme war es, die Vergangenheit in bestimmter Weise
zu verarbeiten. Im Zentrum standen dabei sowohl die schwierigen
Erfahrungen des Lebens in einer ethnischen Minderheit, wie auch
der Umgang mit den oft nur fragmentarisch überlieferten Erinnerungen an ein historisches Trauma. In meinem Vortrag sollen zwei dieser Filme behandelt werden: Gariné Torossians ‚Girl
from Moush’ (Canada, 1994) und Atom Egoyans ‚Calendar’ (Canada, 1993). Diese Filme, die sich beide auf der Oberfläche mit
den späten Auswirkungen des armenischen Genozids am Anfang
des 20. Jahrhunderts befassen und damit die nachhallenden Erfahrungen des Verlusts einer ganzen Kultur nachspüren, setzen
sich darüber hinaus mit der Problematik des Informationsverfalls
auseinander. Beide Filme beharren auf der Signifikanz von Lakunae, der konturierten Lücken, die in ihrer besonderen Gestalt selbst
wiederum identitätsstiftend sind.
399
Jürgen E. Müller (Bayreuth)
Zur Repräsentation und Imagination der ‘Quebekizität’ der Metropole
Montréal im quebekischen Film
(Bei Redaktionsschluss lag noch kein Abstract vor.)
Magdalena Schweiger (Nantes)
„Le rap montréalais“ - Jugendkultur und Immigration in Montréal
(Bei Redaktionsschluss lag noch kein Abstract vor.)
Jürgen Erfurt (Frankfurt/M)
„Alpha-francisation“ haitianischer Migranten in Montréal
In Fortführung früherer Untersuchungen zu Diskursen, Konzepten und Methoden der Erwachsenen-Alphabetisierung von Frankophonen und von Migranten in Toronto und Montréal und der
Praxis der bilingualen Sprachaneignung widmet sich der Beitrag
den aktuellen Wandelprozessen in einem haitianischen Alphabetisierungszentrum in Montréal. Der Beitrag geht der Frage nach,
welcher Handlungsraum für die Fortführung eines kommunitären
Projekts vom Typ der alpabétisation populaire im Kontext der aktuellen
Reformen der Québecer Sprach- und Immigrationspolitik (überhaupt noch) besteht. Auszuloten sind dabei die Konsequenzen für
die Alphabetisierungs- und Sprachpraxis im Migrationsmilieu, die
aus einer Ökonomisierung und Bürokratisierung des Bildungsdiskurses resultieren. Wenn in den neunziger Jahren die Orientierung
dieses Alphabetisierungszentrums noch zuvorderst auf einem Erwerb literaler Fähigkeiten zunächst in Kreolisch und nachfolgend in
Französisch bei gleichzeitiger Vermittlung sozialer Kompetenzen
lag, so gerät die gegenwärtige Alphabetisierungspraxis zunehmend
unter das Diktat eines arbeitsmarktpolitischen Rechtfertigungsdiskurses. Zu Ungunsten des Kreolischen und der Konzeption einer
alphabétisation populaire tritt nun die alpha-francisation in den Vordergrund.
400
Verena Berger (Wien)
Inseln in der Stadt: Jugendliche ImmigrantInnen in Montréal
In seinem ersten Roman ‚Côte-des-Nègres’ (Éd. Boréal, 1998)
zeichnet Mauricio Segura ein realistisches Bild der soziokulturellen
Situation jugendlicher ImmigrantInnen in Côte-des-Neiges, einem
der bedeutendsten multiethnischen Stadtviertel von Montréal. Die
kanadische Literaturkritik feierte den Erstling des kanadischen
Schriftstellers chilenischer Herkunft als ein Werk, das in der Literatur Quebecs dem 20 Jahre zuvor erschienenen Roman ‚La grosse
femme d’ à côté est enceinte’ von Michel Tremblay über das frankophone Arbeitermilieu in Plateau-Mont-Royal um nichts nachsteht.
Die Integration jugendlicher ImmigrantInnen in Montréal stellt
sich in diesem überwiegend autobiographischen Roman ‚Côte-desNègres’ als konfliktiv dar: Der Alltag der Figuren Seguras ist zwar
von Mehrsprachigkeit, Pluriethnizität und Transnationalismus im
urbanen Umfeld gekennzeichnet. Die Helden sind Jugendliche, die
mit dem physischen und psychischen Überschreiten von Grenzen,
dem Kreuzen von Kulturen, und der Koexistenz von Sprachen
und Identitäten vertraut sein sollten. Dennoch spielen Identität,
Ethnizität und Nationalität eine übergeordnete Rolle: „Les Latino
Power“ und die „Bad Boys“, lateinamerikanische und haitianische
Jugendbanden, stehen nicht nur im Konflikt mit der frankokanadischen Kultur. Seguras Buch handelt vielmehr von einem heftigen
interethnischen Streit um ein Revier in Côte-des-Neiges und damit um die Aneignung sozialer und urbaner Räume. Mit Hilfe des
Dokumentarfilms ‚Zéro Tolérance’ (2004) von Michka Saäl soll
der Frage nachgegangen werden, welche Position Angehörige der
zweiten und dritten ImmigrantInnen-Generation gegenüber alter,
neuer und anderer Kultur sowie gegenüber der Kulturenvielfalt
und kulturellen Identität im urbanen Umfeld Montréals einnehmen.
401
Martin Küster (Marburg)
Fronteras Americanas in der multikulturellen Metropole:
Migrationserfahrung und ihre Spiegelung im zeitgenössischen kanadischen
Drama
Der Vortrag wird sich am Beispiel von Dramen wie Guillermo
Verdecchias ‚Fronteras Americanas’ (‚American Borders’), Robert
Lepages ‚Polygraphe’ und Steve Galluccios ‚Mambo Italiano’ mit
Aspekten des Multikulturalismus und der Integration von Immigranten in das multikulturelle Mosaik der kanadischen Metropolen
Toronto und Montréal beschäftigen. Dabei rücken neben der sozialen und politischen Problematik der Integration von Migranten
auch und vor allem Fragen einer übergreifenden kanadischen
und/oder nord- bzw. panamerikanischen Identität sowie der ihr
Ausdruck gebenden sprachlichen Hybridität (französisch-englisch,
spanisch-englisch, italienisch-französisch, italienisch-englisch) in
den Mittelpunkt.
402
Sektion 22
Die Konstituierung eines europäischen Kommunikationsraumes
im Wandel der Medienlandschaft des 18. Jahrhunderts
Leitung: Siegfried Jüttner (Duisburg), Volker Steinkamp
(Duisburg)
Programm
Montag, 26.09.05
Europäische Diskurslandschaften I: Zentrum und Peripherie
Diskussionsleitung: Helmut Jacobs
9.00 Uhr
Christian von Tschilschke (Regensburg)
Spanien als Afrika Europas. Zur Konjunktur einer Denkfigur im 18. Jahrhundert
9.45 Uhr
Manfred Tietz (Bochum)
Die Entstehung eines europäischen Kommunikationsraums und die apologetische Reaktion
peripherer Nationen“
Diskussionsleitung: Manfred Tietz
14.00 Uhr
Christoph Müller (Aachen)
Portugals Öffnung nach Europa: Die Rolle
der estangeirados im 18. Jahrhundert
14.45 Uhr Volker Steinkamp (Duisburg-Essen)
Europa im fiktiven Briefroman des 18. Jahrhunderts – zu Roche­brunes Espion de Thamas Kouli-Kan
dans les Cours de l’Europe
Europäische Diskurslandschaften II: Nation und Universalismus
Diskussionsleitung: Siegfried Jüttner
16.00 Uhr
Wilhelm Graeber (Göttingen)
Zwischen Komparatistik und nationalkultureller
Identitätsbildung: Desfontaines, La Porte und
Fréron als Kritiker der englischen Literatur
16.45 Uhr
Hans-Jürgen Lüsebrink (Saarbrücken)
404
Enzyklopädismus und transkulturelle Erfahrung
– euro­päische Dimensionen von Werk und Biographie des Bruzen de la Martinière (1662-1746)
Dienstag, 27.09.05
Kommunikationsräume des 18. Jahrhunderts I
Diskussionsleitung: Klaus-Dieter Ertler
9.00 Uhr
Alf Monjour (Duisburg-Essen)
Fachsprache und neue Medien im 18. Jahrhundert. Theorie und Praxis des Terminologieimports
im französisch-spanischen Kommunikationsraum
9.45 Uhr
Helmut C. Jacobs (Duisburg-Essen)
Die Rolle der Phantasie in den Medien der spanischen Aufklärung
Kommunikationsräume des 18. Jahrhunderts II: Überleitung zur
Presse
Diskussionsleitung: Christian von Tschilschke
14.00 Uhr
Klaus-Dieter Ertler (Graz)
Entwürfe von Kommunikation in ‚La Pensadora gaditana‘ von Doña Beatriz Cienfuegos
14.45 Uhr
Claudia Gronemann (Leipzig)
La(s) Pensadora(s) – die moralische Wochenschriften als europäisches Genre?
Umbrüche und Konstanten in der Presselandschaft der franz.
Aufklärung
Diskussionsleitung: Volker Steinkamp
16.00 Uhr
Jens Häseler (Potsdam)
Zwischen Gelehrsamkeit und Aufklärung. Umbrüche der französi­schen Zeitschriftenlandschaft
in der Mitte des 18. Jahrhunderts
16.45 Uhr
Georgette Stefani-Meyer (Saarbrücken)
Die Auswirkung der Periodizität und der Materialität der Publikation auf die Form des Artikels in
der gelehrten Presse zur Zeit des Journal des savants
405
Mittwoch, 28.09.05
Umbrüche und Konstanten in der Presselandschaft der span.
Aufklärung
Diskussionsleitung: Alf Monjour
9.00 Uhr
Alberto Romero Ferrer (Cádiz)
Publicística, prensa y sátira: Bartolomé José
Gallardo
9.45 Uhr
Jan-Henrik Witthaus (Duisburg-Essen)
Zur Europäisierung der Kritik in der spanischen
Presse des 18. Jahrhunderts
Donnerstag, 29.09.05
‚Europa‘, ‚Nation‘ und die Medienlandschaft der Aufklärung
– Bilanzen
Diskussionsleitung: Hans-Jürgen Lüsebrink
9.00 Uhr
Siegfried Jüttner (Duisburg-Essen)
Die Nationalisierung der Kultur und europäisches
Bewusstsein im Medium der aufgeklärten Presse
in Spanien
9.45 Uhr
Abschlussdiskussion
Abstracts
Christian von Tschilschke (Regensburg)
Spanien als Afrika Europas. Zur Konjunktur einer Denkfigur im 18.
Jahrhundert
Die Frage nach dem Verhältnis Spaniens zu Europa stand lange
Zeit im Mittelpunkt des Identitätsdiskurses, der für die spanische
Kultur insgesamt charakteristisch ist. Im 18. Jahrhun­dert kristallisierte sich diese Frage in einem ganz speziellen Topos: der Gleichsetzung Spa­niens mit Afrika. Diese Variante des ‘mental mapping’,
in der die Diskrepanz zwischen Europa als geographischem Raum
406
und mentalem Konstrukt markant zum Ausdruck kommt, durchzieht den spanischen Europadiskurs ebenso wie den europäischen
Spaniendiskurs der Epoche. Zwei Dinge vor allem machen diesen
Topos zu einem interessanten Untersuchungsgegenstand: Zum
einen die Aussicht, an ihm exemplarisch die Konstitutionsbedingungen und Auschließungsmechanismen studieren zu können,
die den Europadiskurs der europäischen, insbesondere der französischen Aufklärung kennzeichnen, und zum anderen die Möglichkeit, Aufschluss über die spezifischen semiotischen Potenziale
zu gewinnen, die sich aus spani­scher Sicht aus einer randständigen
Selbstpositionierung ergeben.
Die spanischen Texte, in denen sich die Denkfigur ‘Spanien als
Afrika Europas’ nachweisen lässt, sind vielfältig: von Feijoos
Teatro crítico universal (1726-1740) über Cadalsos Cartas marruecas
(1773/74) und Cañuelos „Oración apologética por el África y su
mérito literario“ (1787) bis zu Capmanys Centinela contra franceses
(1808). Nicht weniger vielfältig sind die Funktionen, die sich mit
dem Topos in unterschiedlichen historischen Kontexten verbinden: selbstkritisches Insistieren auf der eigenen Rückständigkeit,
(ironische) Positivierung kultureller Alterität, antiimperialisti­sche
Anklage usw. Ein besonderes Augenmerk soll in diesem Zusammenhang der bereits ver­schiedentlich aufgeworfenen Frage gelten,
inwiefern sich aktuellere Theorien des (Post-) Kolo­nialismus auf
die Situation Spaniens und seine Beziehung zu Europa im 18. Jahrhundert anwenden lassen.
Manfred Tietz (Bochum)
Die Entstehung eines europäischen Kommunikationsraums und die
apologetische Reak­tion peripherer Nationen: der Fall Spanien
Die großen Zeitschriften des 18. Jahrhunderts, deren Anfänge wie
die des Journal des Savans (1665 ff.), der Acta Eruditorum (1682 ff.)
oder des Journal de Trévoux (1701 ff.) z.T. ins 17. Jahrhundert zurückreichen und die in einer der damaligen internationalen Spra407
chen (Latein oder Französisch) geschrieben wurden, haben zweifelsohne unmittelbar zur Schaffung eines nationenübergreifenden,
europäischen Wis­sens- und Kommunikationsraums beigetragen.
Peripher verortete Nationen und Wissensgesellschaften wie Spanien mussten jedoch schon bald feststellen, dass sie de facto aus
diesen europäischen Räumen zwar nicht als Rezipienten, wohl aber
als Produzenten ausgeschlossen waren. Dies geschah, weil ihre
Beiträge zum europäischen Wissen von den meinungsbildenden
Nationen als inexistent oder irrelevant angesehen wurden. Daraus ergibt sich im konkreten Fall Spaniens, dass bereits die erste
gelehrte spani­sche Zeitschrift, der Diario de los literatos de España
(1737) stark apologetische Elemente enthält. Der vorliegende Beitrag will prüfen, inwiefern diese apologetischen Ansätze der Entstehung eines gemeinsa­men europäischen Kommunikationsraums
als Informationsbeitrag eher förderlich oder aber als Propagie­rung
eines falschen Selbstbildes eher kontraproduktiv gewesen ist.
Christoph Müller (Aachen)
Portugals Öffnung nach Europa: Die Rolle der estrangeirados im 18.
Jahrhundert
Nach der 1640 wiedererlangten Unabhängigkeit von Spanien und
dessen Niedergang im weiteren Verlauf des 17. Jahrhunderts, fand
in Portugal schon im ausgehenden 17. Jahrhundert, aber besonders
im 18. Jahrhundert auf kulturellem, politischem und wissenschaftlichem Gebiet eine bewusste Abkehr vom iberi­schen Nachbarn
und eine Hinwendung zum übrigen europäischen Ausland statt.
Im unter João V erstarkten und stabilisierten Portugal strebte man
danach, möglichst in allen Bereichen auf der Höhe der Zeit zu
sein.
Eine wichtige Rolle spielten dabei die sogenannten estrangeirados,
Intellektuelle, die entweder im staatli­chen Auftrag oder aus persönlichen Gründen ins europäische Ausland (besonders Frankreich, Italien, England, Deutschland) reisten und in Briefen oder
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Traktaten von den dortigen Entwicklungen und Erkenntnissen in
Wissenschaft, Kultur und Politik berichteten (z.B. Luís António
Verney, Luís da Cunha oder Gomes Freire).
In diesem Zusammenhang soll die Frage erörtert werden, inwieweit durch diese Tätigkeit Europa in das Bewusstsein der Portugiesen gelangte bzw. die Portugiesen ihre traditionelle Ausrichtung
nach Übersee modifizierten und sich Europa annäherten.
Volker Steinkamp (Duisburg-Essen)
Europa im fiktiven Briefroman des 18. Jahrhunderts - zum Espion de
Thamas Kouli-Kan dans les Cours de l´Europe (1746) des Abbé de
Rochebrune
Die von Giovanni Paolo Marana mit seinem Esploratore turco Ende
des 17. Jahrhunderts begründete Gattung des fiktiven Briefromans,
in dem zumeist orientalische Reisende in satirisch-kritischer Form
von ihren Eindrücken und Erfahrungen während ihrer Reisen
auf dem europäischen Kontinent berichten, findet bereits 1721 in
Montesquieus Lettres persanes ihr unbestrittenes Meisterwerk. In unmittelbarer Nachfolge der Lettres persanes erscheint im Frankreich
des 18. Jahrhunderts eine Reihe von Werken, die zwar nicht die
literarische Qualität und Originalität des Vorbilds erreichen, wohl
aber von der anhalten­den Popularität der Gattung zeugen.
Wie Montesquieu machen auch die zumeist weniger bekannten
Autoren dieser Schriften sich die spezifische Struktur und Form
des fiktiven Briefromans zunutze, um ein nicht unbedingt systematisches, dafür aber überaus vielfältiges und facettenreiches
sowie immer auch kritisches Bild vom zeitgenössischen Europa
mit seinen politischen und zivili­satorischen Lebensformen zu entwerfen. Am Beispiel des Espion de Thamas Kouli-Kan dans les Cours
de l´Europe ou Lettres et memoires de Pagi-Nassir-Bek contenant diver­ses
Anecdotes Politiques pour servir à l´histoire du Tem présent des Abbé de
Roche­brune (1746) soll gezeigt werden, wie der fiktive Briefroman
im 18. Jahrhundert zum idealen Medium wird, in dem das sich im
409
Zeitalter der Aufklärung konstituierende Bewusstsein von Europa
als zivilisatorischer Einheit in der Vielfalt seinen adäquaten Aus­
druck finden kann.
Wilhelm Graeber (Göttingen)
Zwischen „Komparatistik“ und nationalkultureller Identitätsbildung:
Desfontaines, La Porte und Fréron als Kritiker der englischen Literatur
Die Zeitschriftenkritik englischer Literatur gestattet aufschlussreiche Einblicke in Frankreichs Verständnis der eigenen Literatur
sowie eines künftigen europäischen Kulturraums. Das seit Voltaires Lettres philosophiques zunehmende Englandinteresse findet
seinen Niederschlag in Besprechungen englischer Werke, zu denen
französische Kritiker ein zwiespältiges Verhältnis zeigen: Der Bewunderung der als freiheitlich empfundenen englischen Vorstellungskraft stehen klassizistische Vorstellungen gegenüber, denen
zufolge Frankreichs kulturelle Hegemonie ungebrochen bleibt:
„l’Europe nous jugera la palme des Belles-Lettres“, erklärt Fréron
noch 1751 und sieht im beginnenden geistigen Austausch einen
(bereits vorentschiedenen) Wett­streit der Nationen.
Die für den Zeitraum von 1740 bis 1760 repräsentativen Zeitschriften von Desfontaines, La Porte und Fréron reflektieren die
Spannung zwischen tief wurzelnden anti-englischen Stereo­typen
und der aufkommenden Anglomanie, zwischen nationalkultureller Identitätsbildung und einem erwachenden „komparatistischen“
Interesse am Fremden. Die Wahrnehmung der engli­schen Alterität trägt insofern zur kollektiven Identität bei, als die Kritiker nun
Werke der eige­nen Literatur als typisch „französisch“ kennzeichnen und in Beziehung zu einem „Nationalcha­rakter“ setzen.
Untersuchte Zeitschriften:
Abbé Desfontaines, Observations sur les écrits modernes (1735-1743)
und Jugements sur quel­ques ouvrages nouveaux (1744-1746)
Abbé de La Porte, Observations sur la littérature moderne (1749-1752)
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Fréron, Lettres sur quelques écrits de ce temps (1749-1754) und die
frühen Jahre der Année littéraire (ab 1749)
Hans-Jürgen Lüsebrink (Saarbrücken)
Enzyklopädismus und transkulturelle Erfahrung – europäische
Dimensionen von Werk und Biographie Bruzen de la Martinières (16621746)
Der Beitrag beschäftigt sich mit Lebenslauf, Werk und europaweiter Wirkung eines in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehr
einflussreichen Polygraphen und Geschichtsschreibers, der jedoch
in der Forschung bisher kaum berücksichtigt worden ist: AntoineAugustin Bruzen de la Martinière (Dieppe 1662 – La Haye 1746),
der unter anderem durch seinen großen, in zahlreichen Auflagen
vorliegendes Dictionnaire géographique, historique et critique (1726-39),
aber auch durch eine ganze Reihe von anderen Werken wie der
Introduction générale à l’étude des sciences et des lettres (1731) bekannt
geworden ist, die in erster Linie im Kontext seiner langjährigen
Holland- und Deutschland-Aufenthalte entstanden sind. Werk und
Karriere von Bruzen de la Martinière, der u.a. offizielle Funktionen
wie die des „Géographe de sa Majesté Catholique“ bekleidete, sollen vor allem unter zwei Gesichtspunkten untersucht werden:
Zum einen bezüglich seines europaweiten Kommunikationsnetzes,
das seiner Tätigkeit als Wörterbuchschreiber und –kompilator,
Journalist, historiographischer Polygraph und Übersetzer zugrundelag, und zum anderen mit Hinblick auf die hiermit verknüpften
Formen der Wissensrezeption und Wissensverarbeitung, vor allem
in Übersetzungen, Kommentaren, Fortschreibungen („Continuations“) und Anthologien („Bibliothèque Raisonnée“), zeittypischen
Formen der Wissenskultur des Aufklärungszeitalters, die ihrerseits
eng mit der Kommunikationskultur der Epoche (Korrespondentennetze, Salons, mündliche Kommunikationsformen) verbunden
sind.
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Alf Monjour (Duisburg-Essen)
Fachsprache und neue Medien im 18. Jahrhundert. Theorie und Praxis des
Terminologieimports im französisch-spanischen Kommunika­tionsraum
Im Jahre 1792 erscheint in Madrid der Diario de los nuevos descubri­
mientos de todas las ciencias físicas, que tienen alguna relacion con las diferentes
partes del arte de curar, publicado en París por M. de Fourcroy. Es handelt
sich dabei um die spanische Übersetzung des nur wenige Monate
zuvor von Antoine François de Fourcroy (1755-1809), dem großen Naturwissenschaftler, Revolutionär und Hochschulpolitiker,
herausgegebenen vierbändigen naturwissenschaftlichen Rezensions- und Berichtsorgans, der Médecine éclairée par les sciences physiques,
ou Journal des découvertes relatives aux différentes parties de l’art de guérir (4
vols., 1791-1792). In dem Sektionsbeitrag soll der in Bibliotheken
nur selten anzu­treffende spanische Diario Fourcroys vorgestellt und
in fachsprachenlinguistischer Perspektive analysiert werden. Dabei
sind die typischen “fachsprachlichen Vertextungsstrategien” (Kalverkämper) in der Übersetzung wie im Original gleichermaßen zu
diagnostizieren. Als aufschlussreicher noch unter dem Aspekt des
Wissenstransfers erweisen sich dagegen die Techniken des Terminologieimports, der den in kürzester Zeit stattfindenden Anschluss
Spa­niens an die europäischen Wissenschaftszentren widerspiegelt.
“Todavía nos falta mucho para llegar al grado de perfeccion de
otras Naciones”, heißt es im programmatischen Vorwort (IV) der
anonymen Übersetzer des Diario, die sich gegen eine “Medicina
à la Española” (XIV) und den “patriotismo hipócrita” (XV) ihrer Zeit wenden; ihre Übersetzerarbeit sei demgegenüber Teil des
wirklichen Engagements “por el bien de la Nacion” (XVIII), und
in diesem Kampf dürfte die Schaffung eines muttersprachlichen
Fachvokabulars eines der wirksamsten Instrumente dar­stellen.
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Helmut C. Jacobs (Duisburg-Essen)
Die Rolle der Phantasie in den Medien der spanischen Aufklärung
Die Phantasie war in der ästhetischen Diskussion des achtzehnten
Jahrhunderts eine zentrale Kategorie, an der sich die Geister schieden. Die Skala der Bewertungen der Phantasie bewegt sich zwischen entschiedener Ablehnung und vorbehaltloser Befürwortung.
Einerseits bietet sie die Möglichkeit, sich von vertrauten Dingen
zu lösen und in Unbekanntes, Unvertrautes vorzu­dringen und
Neuland zu erschließen. Andererseits geht es dabei aber immer
auch um die Frage nach den Grenzen dieser Freiheit sowie, in
praktischer Hinsicht, um die Suche nach Strategien, die Phantasie
einzugrenzen, zu zügeln und zu reglementieren. In den im achtzehnten Jahrhun­dert neuen Printmedien wie den moralischen Wochenschriften oder der Druckgraphik Goyas wird diese Diskussion
nicht nur aufgenommen, die Phantasie spielt vielmehr auch in der
Pro­grammatik dieser im Sinne der Ideen der Aufklärung und der
didaktischen Belehrung einge­setzten Medien eine zentrale Rolle,
um Heterogenes zusammenzubringen und Ordnung zu stiften.
Vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Diskussionen über die
Phantasie in der Epo­che der spanischen Aufklärung soll diesem
Phänomen der Aufwertung und Autonomisierung der Phantasie
anhand der Untersuchung einiger moralischer Wochenschriften
wie der Druck­graphik Goyas nachgegangen werden.
Klaus-Dieter Ertler (Graz)
Entwürfe von Kommunikation in La Pensadora gaditana von Doña
Beatriz Cienfuegos
La Pensadora gaditana (1763/64) gehört zu den prominentesten
Wochenschriften der spani­schen Aufklärung. Die Zeitschrift folgt
in ihrer Anlage und ihrem Idearium dem Modell des eng­lischen
Spectator, dessen Autoren Joseph Addison und Richard Steele die
erfolgreiche Gattung der „Moralischen Wochenschriften“ zu Be413
ginn des 18. Jahrhunderts begründeten. In unserem Beitrag sollen
die im spanischen Text angelegten Mikroerzählungen untersucht
werden, wobei es vorrangig um die Beschreibung und Analyse der
spezifischen Kommunikationsentwürfe der Zeitschrift geht.
Claudia Gronemann (Leipzig)
Catones sin barbas y Licurgos con basquiñas. Zur Konstruktion
eines europäischen Kommunikationszusammenhangs in den morali­schen
Wochenschriften mit weiblicher Herausgeberfigur
Die Konstitution der moralischen Wochenschriften als Gattung im europäischen Maßstab möchte ich in meinem Beitrag als
Manifestation eines modernen Kommunikations- und Diskurs­
zusammenhangs “Europa” beschreiben.
Die spanischen Wochenschriften entfalten sich vor der Folie eines
europaweit verbreiteten Gattungsmusters, dessen diskursive Charakteristik adaptiert und für den eigenen kulturellen Kontext transformiert wird. So vollzieht sich die Konstitution einer breiten,
explizit auch das weibliche Publikum inkluierenden Öffentlichkeit
in Spanien mit Bezug auf eine übergreifende europäische Diskursgemeinschaft.
Dies soll am Beispiel der semanales mit weiblicher Herausgeberfigur
aufgezeigt werden, wobei im Vergleich mit anderen europäischen
“Frauenzeitschriften” wie The female Spectator oder Gottscheds Ver­
nünftigen Tadlerinnen einerseits Gattungskonstanten (Architextualität) und andererseits die Spezifika der spanischen Texte herausgearbeitet werden. Nicht auf die kon­krete textuelle Manifestation der
europäischen Idee als ideologisches Konstrukt bezieht sich demzufolge mein Beitrag, sondern auf die Erweiterung der nationalen
República literaria unter Bezug auf europäische Diskurse.
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Jens Häseler (Potsdam)
Europaberichterstattung in französischen allgemein-wissenschaftlichen
Periodika
Die Bibliothèque angloise (1717-1728) hat zweifellos zur wachsenden
Anglomanie in Frank­reich beigetragen. Wegen der geringen Frankreichkorrespondenzen der englischen Buchhändler übernahm
sie die Information des französischen Publikums über englische
(und lateinische) Neuerscheinungen sowie über Arbeiten de Royal
Society. Sie ergänzte damit das international offenbar lückenhafte
Spektrum der großen Gelehrtenzeitschriften und erreichte durch
den Verlag und Vertrieb in den Niederlanden eine gute europäische Verbreitung. Seit diesem Modell erscheinen immer wieder
französische Zeitschriften regionaler Spezialisierung, deren Ziel es
ist, das französischsprachige Publikum über fremdsprachige Neuerscheinungen zu unterrichten. Sie setzen eine Tradition des Wissensaustauschs der Gelehrtenrepublik in der lingua franca des 18.
Jahrhunderts, der französischen Sprache, fort. Gleichzeitig haben
sie, im Unterschied zu den Acta Eruditorum oder dem Journal des
savants, bereits das wachsende gebildete Publikum, das nicht selbst
wissenschaftlich bzw. „literarisch“ tätig ist, als Adressaten im Auge.
Einige Charakeristika der Entwicklung dieses für den Markt der
Europaberichterstat­tung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts
wesentlichen Zeitschriften sollen anhand der von Berliner Hugenotten herausgegebenen und in den Niederlanden publizierten Bi­
bliothèque germanique (1720-1740), dem darauf folgenden Journal lit­
téraire d’Allemagne (1741-42) und der Nouvelle Bibliothèque germanique
(1746-1760) diskutiert werden. Die fachliche Struktur der Berichterstattung entwickelt sich mit einem Schwerpunkt auf historischen
Werken ähnlich wie in anderen zeitgenössischen, allgemeinwissenschaftlichen Periodika. Bemerkenswert ist die überproportionale
Zunahme von besprochenen Werken und Originalbeiträgen aus
dem Bereich Naturwissenschaften und Künste ab den 1740er Jahren. Eine Besonderheit stellt die umfangrei­che Rubrik der geogra415
phisch geordneten Nouvelles littéraires dar, die, deutlicher als die
Rezensionen und Artikel, die geographische Repräsentativität der
Berichterstattung deutlich machen.
Während in der Zeitschrift seit den 1720er Jahren immer wieder
Reaktionen auf andere Gelehrtenzeitschriften, Journal des savants,
Mémoires de Trévoux oder die Bibliothèque raisonnée (1728-1753) zu
finden sind, denen gegenüber sie als Ergänzung oder Konkurrenz
verstanden wird, verändert sich in den 1750er Jahren die Lage
grundlegend. Mit dem Journal étranger (1754-62) und auch dem Jour­
nal encyclopédique (1756-1794) treten zwei neue Typen von Periodika mit dem Ziel europaweiter Berichterstattung auf den Plan, die
das Erbe der regionalorientierten und der universal berichtenden
Journale antreten wollen. Die Gegenüberstellung der Berichterstattungsprinzipien zwischen den traditionellen und den neuen Periodika wird den Horizont auf den Umbruch der Presselandschaft
und der République des lettres in der Mitte des 18. Jahrhunderts
öffnen.
Georgette Stefani-Meyer (Saarbrücken)
Die Auswirkung der Periodizität und der Materialität der Publikation
auf die Form des Artikels in der gelehrten Presse zur Zeit des Journal des
savants.
Avec le Journal des savants on assiste á l’émergence d’une identité
médiatique sous la pression conjuguée des contraintes matérielles
et des contraintes rédactionnelles qui découlent elle-mêmes de la
périodicité de la publication. Malgré leur extériorité par rapport à
la nature des contenus véhiculés par le Journal, ces facteurs provoquent une évolution lente, mais non moins décisive, de la structuration de ces derniers.
Les publications du type Journal des savants s’opposent aux publications des académies de la même époque en ceci qu’ils sélectionnent en fonction du point de vue de leurs rédacteurs des informations qu’ils communiquent périodiquement à des publics non
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captifs. Ils doivent faire face à la nécessité de créer une identité
stable, celle du titre face au caractère hétéroclyte de ses contenus et
celle de la publication par de là la diversité de ses numéros.
Notre intervention poursuit trois objectifs :
–
Retracer les effets induits de la périodicité et avec elle des
contraintes commerciales et matérielles d’une diffusion hebdomadaire sur les modalités d’exploitation du support papier et de structuration de l’aire scripturale.
–
Envisager cette évolution en fonction du pragmatisme
d’une telle publication, dont la survie dépend de la sollicitation et
de l’obtention renouvelée de l’agrément du public.
–
Enfin esquisser l’hypothèse d’une relation entre l’optimisation des modes de structuration visuelle et de classification des
savoirs communiqués, la cooptation de l’intérêt d’un public
exigeant et donc les standards de qualité visés par la publication,
et les contraintes intrin­sèques des systèmes de savoirs représentés.
Nous retiendrons comme manifestations caractéristiques de cette
équation complexe le passage progressif des tables annuelles à des
formes nouvelles telles que l’index rerum, suivi de l’index nominum
et de l’index à entrées mixtes, la rubrification des ouvrages présentés,
l’introduction de la bibliographie et l’apparition de l’article de
synthèse.
Alberto Romero Ferrer (Cádiz)
Publicística, prensa y sátira: Bartolomé José Gallardo
La recuperación plena de Bartolomé José Gallardo  frente al
olvido y el silencio donde se encuentra recluido  necesita de un
acercamiento que contemple no sólo su imagen cervantina como
loco erudito y bibliófilo apartado de la realidad, como tampoco
había que deformarlo viendo sólo su otra imagen más crítica, dura
y satírica que tanto molestaría a don Marcelino Menéndez Pelayo
y que tanta fuerza y vigencia puede tener incluso para el intelectual
de hoy, como origen de la sátira moderna y de una nueva forma
417
de entender la comunicación periodística. Había, pues, que fundir
ambas proyecciones con otras imágenes más modernas en las que
aparece Gallardo como un intelectual de primera, un político claro
y un hombre de letras de amplias miras y extraordinaria proyección en los estudios filológicos, historiográficos y bibliográficos.
Tal vez esta fuerza pudieron intuirla sus enemigos y detractores y,
de ahí, ese insistente empeño en su descrédito y olvido. En cualquier caso, este trabajo se centra en sus aspectos más controvertidos e innovadores, pues se pretende establecer el papel del bibliófilo extremeño en el establecimiento de los nuevos medios y
estrategias de la comunicación literaria y política en el tránsito de la
Ilustración al Romanticismo, mediante sus aportaciones al mundo
de la publicística, la prensa y la sátira, haciendo especial hincapié en
su papel como inventor de la sátira moderna.
Jan-Henrik Witthaus (Duisburg-Essen)
Zur Europäisierung der Kritik in der spanischen Presse des 18.
Jahrhunderts
Die in den Jahren 1737-1742 erfolgende Veröffentlichung
des Diario de los literatos de España bezeich­net nicht allein ein
zentrales Datum der spanischen Pressegeschichte, sie markiert
in vielfacher Hinsicht einen bemerkenswerten Einschnitt in der
Entwicklung der spanischen Literaturkritik. Mit dem Diario wird
erstmals das Projekt angestrebt, die Kritik als Instrument der
spanischen Reformbewegung in einem periodisch erscheinenden
Rezensionsorgan zu etablieren. Gleichsam erfolgt hierbei erklärtermaßen der Versuch, die Kriterien für die Kritik des zeitgenös­
sischen Schrifttums an die europäischen Standards anzupassen.
Das heißt, dass die Autoreflexion der Kritik vor dem Hintergrund
einer imaginierten europäischen Außenperspektive stattfindet und
diese Blickkonstellation mitführt.
Obwohl sich in der Folge der konkrete Gegenstandsbereich der Kritik
erweitert und nicht allein auf die Besprechung zeitgenössischen
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Schrifttums beschränkt – so haben begriffsgeschichtliche Studien
gezeigt – bleibt doch die Imagination einer von außen auf die
Iberische Halbinsel gerichteten Per­spektive ein beschreibbares
Charakteristikum, welches Konstanz markiert. Aufzeigen lässt
sich eine solche Linie anhand zentraler Pressetexte der spanischen
Aufklärung: etwa anhand der Discursos Mercuriales von Juan-Henrique
Graef, des Censors von Luis Cañuelo oder auch der Cartas marruecas
von José de Cadalso, welche bekanntlich im Correo de Madrid
erschienen. Die Arbeits­hypothese des geplanten Bei­trages besagt,
dass der Heterogenität der erwähnten Texte und der Pressegattungen
zum Trotz die Auto­reflexion der Kritik, insbesondere innerhalb des
reformorien­tierten Flügels der spanischen Aufklärung, stets auch
vor einem imaginierten europäischen Außen­publikum erfolgt.
Siegfried Jüttner (Duisburg-Essen)
Die Nationalisierung der Kultur und europäisches Bewusstsein im Medium
der aufgeklärten Presse
Die für die Epochenschwelle zur Moderne oft verzeichnete
Nationalisierung der Kulturen erweist sich bei detaillierter
Betrachtung der einzelnen Fälle oftmals als dialektische
Kehrseite eines ausge­prägten europäischen Bewusstseins, das
in erheblichem Maße von einer neuen, länderübergreifen­den
Kommunikationsstruktur geprägt wird. In diesem Wandel der
Medien­landschaft, der das Thema unserer Sektion darstellt,
hat insbesondere die Presse im Hinblick auf die Doublette
‚Europäi­sierung/Nationalisierung‘ eine Schlüsselrolle inne
– dies lässt sich zumindest anhand vorliegender Textkorpora
für die spanische Aufklärungsbewegung nachwei­sen.
Zentrale Beispiele der spanischen Pressegeschichte belegen
die Etablierung einer Europa-Ideologie im Reformdiskurs.
Diese setzt auf einen Ausbau des Wissenstransfers, um Anschluss zu finden an die wissenschaftlichen und technischen
Innovationen der anderen europäischen Nationen, sie imple­
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mentiert gleichsam das Bewusstsein von Europa als einem
weltweit superioren Zivilisationsraum, der seinen Führungsanspruch untermauert und den menschlichen Fortschritt befördert. Diese Tendenz einer Öffnung hin auf Europa und
die zugehörige Ideologie lassen sich verzeichnen seit dem
frühen Diario de los literatos de España, sie zeigen sich etwa in
den vielbeachteten Discursos Mercuriales, sie werden schließlich tonangebend im zentralen Espíritu de los mejores diarios
literarios que se publican en Europa. Als gegenläufige Tendenz
wird jedoch auch bei allen erwähnten Beispielen erkennbar,
dass mit der kulturellen Öffnung ebenfalls die eigene nationale Profilierung zum gleichwertigen Anliegen gerät.
In der geplanten Vorlage sollen anhand von paradigmatischen
Pressetexten zunächst die Dis­kurselemente aufgezeigt werden, die Europa-Ideologie und kulturelle Nationalisierung
konsti­tuieren. Sodann werden die presseeigenen Strategien
thematisiert, mit denen das Medium durch seine Organisation einer Durchsetzung dieser Diskursivik Vorschub leistet.
Die auf periodische Publikation angelegten Kommunikationsweisen des Mediums: journalistische Schreibstrategien,
Rezension, Formen der Anordnung und Rubrizierung lassen
sich beschrei­ben als eine ‚Rhetorik der Presse‘, die an der
Schwelle zur Moderne erheblichen Anteil an der Neumodellierung der Kultur hat.
420
Sektion 23
Europas neue Liebe - Theorie und Repräsentation des Affekts um
1700
Leitung: Dietmar Rieger (Gießen), Kirsten Dickhaut
(Gießen)
Programm
Montag, 26.09.05
8.45 Uhr
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Eröffnung der Sektion
Renate Schlüter (Rostock)
Affektkontrolle und Kontrollverlust: amour sage vs.
douce volupté. Der Wandel des Petrarcabildes in der
französischen Literatur zwischen 1650 und 1750
Wolfgang Matzat (Tübingen)
Liebe und Natur im französischen Roman
zwischen Klassik und Aufklärung
Rotraud von Kulessa (Freiburg)
Von der carte du tendre zur sensibilité: Dramen von
französischen Autorinnen zwischen 1650 und
1750
Bernd Blaschke (Berlin)
Code und Komik. Molières Liebessemantiken
zwischen Partizipation und Parodie
Roland Galle (Essen)
Die Medialisierung der Liebe im Porträt
Jörn Steigerwald (Bochum)
’Galante Liebes-Ethik’ – Jean-François Sarasins
Dialogue sur la question s’il faut qu’un jeune homme soit
amoureux
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
Cerstin Bauer-Funke (Saarbrücken)
421
9.45 Uhr
14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Der Liebesdiskurs in den Lettres amoureuses von
Cyrano de Bergerac
Michael Bernsen (Bochum)
Liebe in Zeiten der Repräsentation: Jean de La Fontaine
Anne Amend-Söchting (Gießen)
„Qui veut faire l’ange fait la bête“ - Pascals anthropologisch-dynamische Affekttheorie der „Pensées“
Martin Neumann (Hamburg)
Die Aporie(n) leidenschaftlicher Liebe. Überlegungen zu den Lettres portugaises
Rainer Zaiser (Köln)
Gefährliche Leidenschaften: Vom Wandel der
‚amour galant’ zur ‚amour passion’ im Roman der
französischen Klassik: La Princesse de Clèves und
Les Lettres portugaises
Kirsten Dickhaut (Gießen)
Selbstbewußte Liebesbriefe: Treize lettres amoureuses
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Jutta Weiser (Duisburg)
Literarische Inszenierungen einer science du cœur bei Marivaux
Birgit Wagner (Wien)
Haremskonstellationen. Liebe und Exotismus
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
422
Carolin Fischer (Berlin)
Physiologie und Imagination als Achsen des Liebesdiskurses
Michel Delon (Paris)
Réhabilitation des passions et métaphore des 10.30 Uhr
vents marins
Abschluss der Sektion
Abstracts
Renate Schlüter (Rostock)
Affektkontrolle und Kontrollverlust: amour sage vs. douce volupté. Der
Wandel des Petrarcabildes in der französischen Literatur zwischen 1650 und
1750
In der französischen Literatur des 17. Jahrhunderts spielt die Rezeption Petrarcas eine untergeordnete Rolle. Erst von der Mitte
des 18. Jahrhunderts an setzen sich Gelehrte und Künstler wieder verstärkt mit dem italienischen Dichter und seinem Werk auseinander. Dennoch repräsentieren die Jahre zwischen 1650 und
1750 keineswegs eine tabula rasa der Petrarca-Rezeption. Sowohl
die 1669 erschienene Übersetzung des Canzoniere von Catanusi als
auch die Werke der Scudéry (bes. Mathilde d’Aguilar, 1667) oder
die Vaucluse-Sonette ihres Bruders Georges de Scudéry belegen,
dass das Leben und das Werk Petrarcas auch in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts rezipiert wurden. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung der fran­zösischen Autoren mit dem Werk Petrarcas steht dabei auch und vor allem die im Canzoniere modellierte
Liebeskon­zeption, welche bereits in den letzten Dezennien des 17.
Jahrhunderts eine Neudeutung erfährt.
In seiner 1765 erschienenen Lettre de Pétrarque à Laure gestattet
Nicolas Romet dem italienischen Dichter, der in diesem aus
paarweise gereimten Alexandrinern bestehenden Gedicht als
lyrisches Ich spricht, eine Liebesnacht mit der schönen Laura.
Die leidenschaftliche Begegnung entpuppt sich zwar als eine
Vision des schlafenden Petrarca, den die Übernachtung in einer
an den Dido-Mythos gemahnenden Höhle zweifelsohne zu einem
derartigen Traum anregte, die vom lyrischen Ich ersehnte „douce
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volupté“ wird da­mit aber immerhin in der Phantasie durch die
„tendres caresses“ der Laura und ihre „pre­mières faveurs“ gestillt.
Dem Autor ist dabei durchaus bewusst, dass er mit seinen Versen
von der traditionellen Lesart abweicht. Im Vorwort zu seiner Lettre
nämlich stellt er fest, dass der zum Topos der Petrarca-Rezeption
gewordene amour pur im 18. Jahrhundert seine Gültigkeit verloren
hat. Hatte Catanusi im Vorwort seiner Übersetzung des Canzoniere
in Be­zug auf die Liebe Petrarcas von einem „amour tou­siours sa­ge
& tou­siours dis­cret“ gesprochen, so konstatiert Romet: „depuis
long-temps on ne croit plus à tant de sagesse, j’ai mieux aimé me
plier au goût de ce Siècle, que de rappeller [ !] celui d’un autre.“
Die Modifikation der Liebeskonzepte beginnt bereits in Mlle de
Scudérys „nouvelle galante“ Mathilde d’Aguilar, sie wird im Kontext
der preziösen Lyrik von Madame Deshoulières weiterentwickelt,
um in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts z.B. von Le­
franc de Pompignan, dessen Voyage de Languedoc et de Provence (1745)
auch Romet vorlag, in einem dem amour pur gegenläufigen Konzept
zu münden: Die Moral nämlich, so erfahren die Vaucluse-Besucher
in Lefranc de Pompignans Reisebereicht, sei „toujours bonne pour
la théorie“.
Wie die Neuformulierung der quasi mythischen Lauraliebe in Richtung einer die Sexualität nicht ausschließenden Sinnenliebe in den
französischen Texten des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts
im einzelnen motiviert ist, soll am Beispiel einzelner Texte und
Text­sor­ten auch vor dem Hintergrund der von Luhmann beschriebenen Entwicklungsprozesse analysiert werden.
Wolfgang Matzat (Tübingen)
Liebe und Natur im französischen Roman zwischen Klassik und
Aufklärung
Der Beitrag will die Transformation der Liebessemantik zu Beginn
der Aufklärung am Beispiel narrativer Texte in Frankreich untersuchen. Das diskursive und soziale Spannungsfeld, das hierbei in den
424
Blick zu nehmen ist, reicht vom Paradigma einer - zunehmend mit
der Konnotation der Libertinage befrachteten - gesellschaftlichen
Galanterie zu einer im Zeichen von Natur und Tugend stehenden
ehelichen bzw. den Ehestand begründenden Liebe, von der moralistischen Psychologie mit ihrer Zentrierung auf das Konzept des
amour-propre zur aufklärerischen sensibilité, vom sozialen Kontext
der adligen Salongesellschaft zum Bürgertum. Das Textcorpus, das
für diese Analyse in Betracht zu ziehen ist, umfasst narrative Texte
von Mme de Lafayettes Princesse de Clèves bis zu den Romanen von
Marivaux, Prévost und Rousseau. Ein besonderer Schwerpunkt
wird voraussichtlich auf Les Illustres Françaises von Robert Challes
gelegt werden.
Rotraud von Kulessa (Freiburg)
Von der carte du tendre zur sensibilité: Dramen von französischen
Autorinnen zwischen 1650 und 1750
Nicht nur in ihren Romanen setzen sich Frauen, ausgehend von
den Überlegungen der Précieuses und der carte du tendre einer Mlle de
Scudéry, mit der Liebes- und Ehethematik auseinander (vgl. hierzu:
Joan DeJean, Tender Geographics. Women and the Origins of the Novel in
France, New York, Columbia University Press, 1991). Die kritische
Auseinandersetzung mit der klassischen Dichotomie der passionraison durch die femme de lettres, die am Ende der Klassik langsam
abgelöst wird von dem Diskurs der sensibilité, kann genauso an der
Gattung der contes de fées sowie an den Dramen abgelesen werden.
Dieser Beitrag soll diesen Paradigmenwechsel exemplarisch an einigen wichtigen von Autorinnen verfassten Dramen nachzeichnen,
wie z.B. an der Tragödie Genséric (1680) von Mme Deshoulières,
den Dramen Mme de Villedieus wie Le Favori (1665), Marie-Anne
Barbiers Arrrie et Pétus (1702), an Mme de Gomez‘ Cléarque (1717),
Mme du Boccages Les Amazones (1749), Mme de Graffignys, Cénie
(1750).
425
Bernd Blaschke (Berlin)
Code und Komik. Molières Liebessemantiken zwischen Partizipation und
Parodie
Laut Niklas Luhmanns Rekonstruktion historischer Liebeskommunikation etabliert sich um 1650 eine neue ‚gepflegte Semantik’ der
Liebe als Passion. Nicht mehr die Schönheit der Geliebten werde
nun als Grund der Liebe ausgegeben, sondern Liebe selbst und
Imagination des Liebenden. Anstelle idealisierender Konzepte etabliere sich nun eine paradoxe Kodierung: Liebe als widerstreitende
Einheit von plaisir und passion. Statt Vernunft amtiert nun Gefühl
als höchste Instanz der Liebe. Durch die neue Freiheit als prekären
Grund der Liebe entstehen neue Probleme des Zeichenlesens, des
Vertrauens und des Kredits zwischen Liebenden.
Molières Komödienschaffen deckt sich mit Luhmanns Zeitraum
des Diskurswandels und Molières Komödien haben regelmäßig
vertrackt komische Liebeskommunikationen zu ihrem Thema.
Wie aber beobachtet ein Produzent von Komik die Spannungen
im neuen paradoxen Liebeskonzept? Molière verspottet die Preziösen (1658 und neuerlich in den Femmes Savantes 1672). Freilich
partizipiert er auch an preziöser Kommunikation, etwa im Jupiter
des Amphitryon und in galanten Stücken wie Les Amants magnifiques
oder Psyché. Das normative Verhältnis von Körper und Geist, also
Molières raffinierter Antiplatonismus, ist mein einer thematischer
Fokus bei der Verortung Molières zwischen Parodie und Partizipation des preziösen Codes, der Nexus von Semantiken des Krieges,
der Gewalt und Verletzung der andere.
Neben den genannten Stücken offenbaren besonders die École des
Maris und Ecole des Femmes eine Auseinandersetzung Molières mit
widerstreitenden Codes des Liebens und ihrer Lehrbarkeit. Aber
auch jenseits pädagogischer Initiationen ist das Wissenwollen und
Zeichenlesen die ebenso verzweifelte wie für komische Missverständnisse anfällige Hauptbeschäftigung der Liebenden. Inwieweit
Molières Liebesmodelle tatsächlich der neuen antiökonomischen
426
Passionslogik des Exzesses folgen oder nicht weit eher eine Logik
des Tauschs von Vertrauen, Kredit und Liebe propagieren, ist mein
letztes Thema. Dabei kommt die sozialstratifikatorische Differenz
von Molières Liebescodes in den Blick: pragmatische Diener und
Bürger lieben (kommunizieren) anders, als Dom Juan oder die
Prinzen der höfisch galanten Liebesspiele.
Roland Galle (Essen)
Die Medialisierung der Liebe im Porträt
Ausgangspunkt der Untersuchung sind die unterschiedlichen Liebeskonzepte, die in den Romanen der Mlle de Scudéry einerseits,
bei Mme de Lafayette andererseits sich sedimentieren bzw. Gestalt
gewinnen.
Untersucht werden soll, ob und gegebenenfalls wie diese Differenz sich in der (wechselweisen) bildhaften Wahrnehmung der Liebenden niederschlägt. Dabei soll der Funktion von Porträts – ihrer
Struktur, ihrer Wirkung, ihrer Aufgabe für den Erzählaufbau – eine
Schlüsselrolle eingeräumt werden.
Jörn Steigerwald (Bochum)
’Galante Liebes-Ethik’ – Jean-François Sarasins Dialogue sur la
question s’il faut qu’un jeune homme soit amoureux
In der neueren Forschung wird Paul Pellisons Einleitungsaufsatz
der Werkausgabe Sarasins, der Discours sur les oeuvres de M. Sarasin
als Grundlegung der ‚esthétique galante’ (Alain Viala) angesehen.
Pellison selbst hebt an Sarasins Werken besonders den Dialogue sur
la question s’il faut qu’un jeune homme soit amoureux hervor, da dieser
damit auf zweifache Weise Neuland betreten habe. Zum einen
dadurch, dass er den bis dato wenig geschätzten und auch wenig
verwendeten Dialog als Diskursform nobilitiert habe und zum anderen dadurch, dass er dem Dialog die ihm eigene Thematik, die
‚questions de morale’ eingeschrieben habe, die aus diesem Dialog
427
eine vollkommen neue Dialogform werden ließ, die als ‚dialogue
galant’ bezeichnet werden kann.
Bemerkenswerter Weise führte Pellisons Hochachtung von Sarasins Dialog nicht dazu, dass er in der Forschung Berücksichtung
fand, obwohl er, so die These, als Dialog und als Gespräch über
die Liebe Ausdruck jener neuen Liebe ist, die sich im Namen der
Galanterie um die Mitte des 17. Jahrhunderts konsolidiert und um
1700 ihre Peripetie erlebt. Das Referat wird sich daher der Analyse
dieses Gesprächs von Männern über Männer unter Männern widmen – das dadurch im klaren Gegensatz zu Gesprächsszenerien
in den Texten Madeleine de Scudérys steht –, die sich der Frage
nach der Notwendigkeit der Liebe in der eigenen Gesellschaft widmen, mithin die Liebe des Mannes in der höfischen Gesellschaft
‚problematisieren’. Dabei soll sowohl dem Dialog selbst als dem
Diskurssystem Beachtung geschenkt werden, das zur Repräsentation der Liebesdiskussion dient, als auch der Problematisierung der
männlichen Liebe, mithin der zugrunde liegenden Liebes-Ethik,
die im Gespräch zum Vorschein kommt.
Cerstin Bauer-Funke (Saarbrücken)
Der Liebesdiskurs in den Lettres amoureuses von Cyrano de Bergerac
Im Zentrum des Vortrages stehen die Liebesbriefe Cyrano de Bergeracs, die zwischen Mitte der 1640er und 1650er Jahre entstanden
sind und im Jahre 1654 veröffentlicht wurden. Die Briefe belegen
Cyranos Versuche, sich als galanter Briefschreiber in den mondänen Salons von Paris bekannt zu machen. Gegenstand der Untersuchung wird daher sein, an welche Modelle galanter Konversation
Cyrano anknüpft und wie er die Verwendungsmöglichkeiten der
Gattung Brief für sein Spiel mit literarischen Traditonen auslotet. Zu untersuchen ist ebenfalls, inwiefern die Liebesbriefe in der
Tradition des Petrarkismus stehen und wie der Briefschreiber sich
selbst und die angebetete Frau in den Briefen in Szene setzt.
428
Michael Bernsen (Bochum)
Liebe in Zeiten der Repräsentation: Jean de La Fontaine
Das 17. Jahrhundert ist das Zeitalter der Repräsentation. Die Wahrnehmung der Dinge wird nach Wichtigem und Unwichtigem unterschieden, das Wirkliche auf Klassen und Typen reduziert. Die
Zeichen verweisen nicht länger auf einen Schöpfungs- bzw. Heilszusammenhang, da Gott sich aus der Welt zurückgezogen hat.
Diese funktioniert nach allgemeinen Gesetzen, die der menschliche Verstand erkennen kann. Die Sprache erhält die Funktion,
die Dinge zu benennen. Sie repräsentiert für die erkennende Vernunft das von ihr getrennte Sichtbare. Auch der Diskurs über die
Liebe wird diesen Regeln unterworfen. An den Bemühungen, die
Erscheinungen der Liebe in Form einer ‹carte du tendre› zu kartographieren, lässt sich dies beispielhaft ablesen.
Auch La Fontaines Fabeln über die Liebe unterwerfen sich in gewisser Weise diesen Spielregeln. Kaum eine literarische Gattung ist
so gut geeignet, die Anforderungen an die Ordnung des Wissens
und Erkennens im Zeitalter der Repräsentation zu erfüllen, wie die
Fabel. Fabeln und Fabelsammlungen haben einen geradezu taxonomischen Charakter. Der Diskurs der Fabel ist linear. Mögliche
Verweisungen und simultane Eindrücke, die sich aus der Erzählung
ergeben, werden durch die Moral auf ein transparentes Bezeichnetes reduziert. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass La Fontaine
einen doppelten Diskurs praktiziert. Nur an der Oberfläche hält er
sich an die Regeln der Repräsentation. In den geordneten Diskurs
der Fabel ist ein zweiter, unsystematischer Diskurs eingewebt, der
die logische Ordnung des Erzählten durch hieroglyphische, mit
vielfältigen Sinnverweisungen aufgeladene Zeichen konterkarriert.
Sinn und Zweck dieses Diskurses ist es, die Ordnung der Liebe
sowie Geste ihrer Beherrschung in Frage zu stellen und damit zugleich die Episteme der Repräsentation zu hinterfragen.
429
Anne Amend-Söchting (Gießen)
„Qui veut faire l’ange fait la bête“ - Pascals anthropologisch-dynamische
Affekttheorie der „Pensées“
Blaise Pascal (1623-1662), eigentlich Mathematiker und Physiker,
gilt auf der Basis seiner jansenistischen Ideologie und gleichzeitig unabhängig von ihr als Meister der geschliffenen Rhetorik, vor
allem des Paradoxons. In den nicht zuletzt manuskriptgeschichtlich hochkomplizierten, unvollendeten und nach wie vor unendlich
faszinierenden, erstmals 1670 postum veröffentlichten Pensées gilt
es, an einigen signifikanten Textstellen die Essenz der rhetorischen
Würze aufzubrechen und die eigentliche inhaltliche Tragweite der
sentenzhaften Ausführungen zu verdeutlichen. So zeigt sich, dass
sich Pascal gerade mit den Pensées im Abseits strenger traditioneller
Oppositionen bewegt und damit eine Affekttheorie entwirft, die in
mindestens fünffacher Hinsicht gewürdigt werden muss: als rhetorisches Kabinettstück und somit eigenständiger und eigentümlicher
Diskurs (1), in der christlich-eschatologischen Grundorientierung
(2), aus der sich eine religionenintegrierende und mit alleinigem
Bezug auf die Affekte gar religionentranszendierende Ethik abstrahieren ließe (3) und als dynamische Anthropologie der menschlichen Gefühlswelt (4), die sich nur mit der steten Bezugnahme auf
die gesellschaftliche Welt entfalten kann (5). Herausgestellt werden
soll auch, dass Blaise Pascal, einer der wesentlichen Theoretiker
des Affekts und der Affektmodellierung, nicht nur an der Entwicklung eines neuen Diskurses der Liebe beteiligt ist, sondern auch
und sogar neuere hirnphysiologische Erkenntnisse antizipiert.
Martin Neumann (Hamburg)
Die Aporie(n) leidenschaftlicher Liebe. Überlegungen zu den Lettres
portugaises
Die fünf kleinen Briefe einer portugiesischen Nonne wurden bei
ihrem Erscheinen 1669 gelesen als Ausdruck leidenschaftlicher
430
Liebe par excellence, und das war zu dem Zeitpunkt in mehrfacher
Hinsicht neu, denn anders als die ‘klassischen’ Romanheldinnen à
la Gomberville oder Scudéry übte Mariane keine strenge Selbstkontrolle und war auch nicht tugendhaft. Trotzdem übten ihre
Leidenschaftlichkeit und ihre dadurch scheinbar größere Realitätsnähe eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die zeitgenössischen Leser aus, was die zahlreichen Neuauflagen, Antworten,
Weiterschreibungen usw. dokumentieren. Ihre Briefe positionieren
sich auf verschiedenen Ebenen jenseits anerkannter moralischer,
ethischer und auch literarischer Standards, verstoßen ohne mit der
Wimper zu zucken gegen die meisten der nicht gerade wenigen
Regeln des siècle classique.
Der Beitrag will den Gründen nachgehen, weshalb die Konzeption
einer leidenschaftlich ausgelebten Liebe, die in Marianes Briefen
zum Ausdruck kommt, trotz des immensen Erfolgs des Buchs im
17. Jahrhundert zum Scheitern verurteilt ist, wobei ein besonderes
Augenmerk auf den Nexus zwischen Normbruch und Gattung
sowie Weiblichkeit gerichtet wird.
Rainer Zaiser (Köln)
Gefährliche Leidenschaften: Vom Wandel der ‚amour galant’ zur ‚amour
passion’ im Roman der französischen Klassik: La Princesse de Clèves
und Les Lettres portugaises
Der Beitrag geht von der These aus, dass die ritualisierte Liebeskasuistik, wie sie im höfisch-galanten Roman des 17. Jahrhunderts
entworfen wird und in Mademoiselle de Scudérys Carte de Tendre
paradigmatisch zur Anschauung gelangt, im letzten Drittel des 17.
Jahrhunderts durch das Auftauchen der amour passion im Liebesdiskurs des Romans eine Unterminierung erfährt, die mehr als nur ein
überkommenes höfisches Liebeskonzept in Frage stellt. Die Liebe
verliert ihre bloße Bedeutung als gesell­schaftlicher Verhaltenskodex und wird zu einer individuellen Leidenschaft, die nur noch mit
Mühe unter Kontrolle zu halten ist und das moralische Ordnungs431
gefüge der Gesellschaft zu gefährden beginnt bzw. dessen scheinhafte Fassade zu entlarven droht. In der Princesse de Clèves zeigt sich
allerdings, dass die Autoritätsdiskurse von Gesell­schaft und Kirche
noch zu übermächtig sind, um dem Individuum einen Freiraum
zur Verwirklichung seines Begehrens einzuräumen. Individualität
wird erkauft durch den Verzicht auf Liebe und den Rückzug aus
der Gesellschaft. Noch stärker gefährden die Leidenschaften die
institutionalisierten Schranken der Moral in den Lettres portugaises,
wo sie im Zentrum der Affektkontrolle, in der klösterlichen Abgeschiedenheit, ihre Macht entfalten. Die Briefe der portugiesischen
Nonne stellen im Endeffekt das Sinnbild für die Existenz eines
Individualismus dar, der sich gegen die gesell­schaftlichen Moralvorstellungen des 17. Jahrhunderts zu regen beginnt. Die Kraft
dieses Individualismus wird dabei in den Lettres portugaises um so
deutlicher, als sie mit einem entscheidenden Tabu brechen. Eine
liebende Nonne, die ihre verbotene Liebesleidenschaft in Briefen
offenbart, gehört im 17. Jahrhundert zu den extremsten Formen
der Selbstenthüllung, die den Individualismus über jede Art von
institutionalisierter Moral stellt. Die amour passion signalisiert dabei die Präsenz einer Stimme, die wesenhaft zum Menschen gehört und die sich immer wieder kontraproduktiv zum Norm- und
Ordnungsdenken einer Gesellschaft verhält. Im Roman des 18.
Jahr­hunderts wird gerade diese Stimme, die sich als Leidenschaft,
Empfindsamkeit oder Irrationalität äußert, noch mehr Spielraum
gewinnen.
Kirsten Dickhaut (Gießen)
Selbstbewußte Liebesbriefe: Treize lettres amoureuses
Die Briefliteratur erscheint als besonders adäquates Medium, um
das für die Liebessemantik konstitutive Begehren nach dem Abwesenden darzustellen. Die französische Epistolographie – von
Guilleragues bis Rousseau – zeigt eine hohe Affinität zur Liebesgeschichte, die von galant über erotisch zurück zu preziös verschie432
dene Qualitäten auch zeitgleich ausbildet. Edme Boursault, Verfasser der Lettres de Babet von 1669, publiziert 1700 den Briefroman
Treize lettres amoureuses, deren doppeldeutiges Epitheton für meine
Überlegungen eine zentrale Rolle besitzt.
In meinem Beitrag möchte ich die Rolle der verbrieften Liebe
durch eine medienanthropologische Analyse konturieren. Boursaults monologische Briefe besetzen überkommene Liebestopoi
neu, indem sie diese als Wissensordnung gleichsam markieren und
darüber hinaus die Darstellung von Liebe durch einen Selbstbezug
ergänzt wird, der – auf der kommunikativen Ebene von Schrift
und Liebe – dazu gereicht, eine Umcodierung der Liebessemantik zu modellieren und die Individualisierung der bürgerlichen
Schreibweise über Liebe vorzubereiten. Im Blick auf die Selbstvergegenständlichung von Liebe in den Briefen zeigen sich diese als
selbstbewusst, und die Inszenierung der Genese der Liebesbriefe
weist diese als selbstreflexiv aus. Das Bedeutungskontinuum sowie
semantische Verschiebungen der Liebeskommunikation in Richtung des ‚Selbst’ auszuweisen, soll Ziel meines Beitrags sein.
Jutta Weiser (Duisburg)
Literarische Inszenierungen einer science du cœur bei Marivaux
Die Dramen Marivaux’ sind thematisch durchzogen von den effets
surprenants der Liebe, von unbewussten affektiven Neigungen, die
in einem Augenblick unverhoffter Evidenz ins Bewusstsein der
Bühnenfiguren gelangen. Der Fokus des Beitrags richtet sich zum
einen auf die epistemologische Verortung der Liebeskonzeption
Marivaux’ zwischen dem überkommenen Modell einer negativen
Anthropologie und den Idealen der Empfindsamkeit, zum anderen
aber auch auf die besondere Funktion von Dialog und Sprache für
den Erkenntnisprozess.
Es soll gezeigt werden, dass der psychische Mechanismus einer
wechselseitigen Liebeserkenntnis und dessen theatrale Inszenierung einer science du cœur geschuldet sind, die um 1700 eine wichtige
433
Scharnierstelle darstellt im Übergang von der Salon-Galanterie als
einem diskursiv generierten Liebescode zu einem Liebesideal, das
auf Innerlichkeit und Gefühlskonstanz ausgerichtet ist. Ausgehend
von dem anonym erschienenen Discours sur les passions de l’amour, der
als Kompendium des moralistischen und psychophysiologischen
Wissens betrachtet werden kann, sollen die verschiedenen um
die Jahrhundertwende entwickelten Möglichkeiten der Verknüpfung von emotionaler Erkenntnis und Poetologie (François Lamy,
Fontenelle, Du Bos) im Hinblick auf eine literarische Umsetzung
bei Marivaux ausgelotet werden.
Birgit Wagner (Wien)
Haremskonstellationen. Liebe und Exotismus
Weder die Verbindung von Exotismus und Orientalismus noch die
Aufladung dieser Imaginationsprogramme mit sexuellen Phantasmen und gender-Hierarchien sind Erfindungen des europäischen
19. Jahrhunderts. (West-) Europa um 1700 ist ein Europa der Kolonialmächte. Welche Effekte diese conditio in den Liebesdiskursen
produziert hat, gilt es in diesem Beitrag zu diskutieren. Besonderes
Aufmerksamkeit wird dabei zwei literarischen Ereignissen zu widmen sein, die die französischen Begegnungen mit dem „Orient“
nachhaltig modelliert haben: die Publikation der Mille et une nuits
in der Fassung von Antoine Galland (1704) und die der Lettres
persanes von Montesquieu (Erstfassung 1721). Wie artikuliert sich
die klassische Dichotomie von amour und raison, wenn die Liebeskonstellation in einer nicht-europäischen Kultur angesiedelt ist/
wird? Welche Relation von Liebe und Sexualität äußert sich, wenn
es auf Grund der exotischen Distanzierung erlaubt, ja nachgerade
geboten scheint, die Liebe mit Dominanz- und Unterwerfungsrelationen zu versöhnen? Die Antworten scheinen hinter den verriegelten Türen des (fiktiven) Harems zu liegen und verweisen doch
zurück auf Europa.
434
Carolin Fischer (Berlin)
Physiologie und Imagination als Achsen des Liebesdiskurses
Genau in der Epoche, die den zeitlichen Rahmen der in dieser Sektion analysierten Werke und Phänomene vorgibt, entwickelt sich
primär in Frankreich eine Gattung, deren Zentrum die künstlerische Darstellung eines bestimmten Affektes bildet: der erregende
Roman. Die frühen Texte, L’Ecole des Filles (1655) und L’Académie
des Dames (lateinisch 1660/französisch 1680), bleiben bis zur Revolution Bestseller der verbotenen Literatur, was ebenfalls für Thérèse
philosophe (1748) gilt, die selbst der Marquis de Sade als Klassiker
des Genres anerkannte. Gerade die beiden frühen Dialoge sind in
Bezug auf die gängigen Liebesdiskurse der Zeit in verschiedener
Hinsicht aufschlussreich: Zum einen – und dies ist zweifellos der
Gattung geschuldet – reduzieren sie die verschiedenen Dimensionen der Liebesthematik und ihrer Repräsentation weitgehend
auf die Körperlichkeit. Zum anderen greifen sie aber zeitgenössische Erklärungsmodelle wie Descartes’ Passions de l’âme auf, die
sie entsprechend der eigenen Bedürfnisse modifizieren. Drittens
schließlich illustrieren sie mit ungewöhnlicher Prägnanz, wie sehr
das Sprechen über die Liebe diese entzünden kann.
Michel Delon (Paris)
Réhabilitation des passions et métaphore des vents marins
Hans Blumenberg a depuis longtemps montré la fécondité d’une
étude des métaphores et, en particulier, de celles du voyage en mer
et du naufrage. L’idéal antique du retrait et d’une sagesse au-dessus
des passions s’exprime dans les vers lucrétiens Suave mari magno. La
réhabilitation de la nature humaine vers 1700 passe par l’acceptation
des passions, dangereuses mais indispensables, comme les vents
qui permettent et menacent la navigation et le commerce. Dans un
des Dialogues des morts, Fontenelle ouvre la voie à une justification des passions comme vents nécessaires, qui va progressivement
435
s’amplifier jusqu’à l’éloge voltairien du commerce et à la fascination pour la tempête et le naufrage.
436
hispanistentag
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IBEROAMERICANA VERVUERT
MADRID, FRANKFURT AM MAIN, SEPTEMBER 2005
Guido Rings:
Eroberte Eroberer
Darstellungen der Konquista im neueren spanischen
und lateinamerikanischen Roman
(Editionen der Iberoamericana, A 35)
296 S., EUR 44 ISBN 3865272215
Mit der Ausrichtung auf „eroberte Eroberer“ konzentriert sich diese Studie auf paradoxe Denkfiguren einer
gebrochenen Perspektive im Kontext der Konquista
Lateinamerikas, die anhand neuer und neuster spanischer und lateinamerikanischer Romane erarbeitet
wird. Innovativ ist vor allem die Erschließung einer bisher weitgehend marginalisierten spanischen Sicht als
dialogische Spiegelung, bei der sich ein „Sonderweg“ in
der Kolonialthematik abzuzeichnen scheint. Kompetent,
kenntnisreich und verständlich verfasst, eignet sich dieses Werk für eine Vielzahl interessierter Leser.
Mechthild Albert (ed.):
Vanguardia española e intermedialidad
Artes escénicas, cine y radio
(La casa de la riqueza. Estudios de cultura de España, 7)
616 S., EUR 36 ISBN 848489200X / 386527210X
El volumen recoge contribuciones de autores de alto
prestigio internacional como Hans Ulrich Gumbrecht,
José-Carlos Mainer, Román Gubern o Volker Roloff,
entre otros. Se centra en la actitud de la literatura de
vanguardia frente a los recursos expresivos y comunicativos que ofrecen tanto los diversos géneros musicales como los nuevos medios técnicos del cine y de la
radio; este planteamiento permite, entre otros objetivos
de índole más bien estética, considerar la vanguardia
española en relación con la cultura de las masas.
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Sektion 24
Unausweichlichkeit des Mythos – Mythopoiesis in der
europäischen Romania nach 1945
Leitung: Claudia Jünke (Bonn), Michael Schwarze
(Eichstätt)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr 14.00 Uhr
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Christoph Jamme (Lüneburg)
Mythos zwischen Sprache und Schrift
Wolfgang Asholt (Osnabrück)
Von der (vorläufigen?) Notwendigkeit des Avantgardemythos
Michael Schwarze (Eichstätt)
Klassische Mythologie im secondo dopoguerra: Cesare
Paveses Dialoghi con Leucò
Silke Segler-Messner (Stuttgart)
Die Résistance als Mythos im französischen Zeugendiskurs der Nachkriegszeit
Paul Geyer (Bonn)
Romanistik und Europäische Gründungsmythen
Odile Bombarde (Paris)
La psychanalyse comme mythe au XXe siècle
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Beatrice Baldarelli (Eichstätt)
Pasolini und die Atriden
Werner Helmich (Graz)
Mythosdenunziation bei Barthes und Torrente Ballester
14.00 Uhr
Mechthild Albert (Saarbrücken)
438
14.45 Uhr
16.00 Uhr
16.45 Uhr
Mittelalter-Mythen in der postmodernen Narrativik
Stephanie Wodianka (Giessen)
Der Artushof als (Re-)Import. Zum Aufstieg
eines Untergangsmythos in Literatur und Film der
Jahrtausendwende
Ulrich Winter (Marburg)
Erzählung des Mythos und Mythos der Erzählung: Bürgerkrieg und Diktatur im spanischen
Roman nach Franco
Sonja Kral (Wien)
Nationale Mythen der Spanier – Textuelle Inszenierung in Geschichte und Gegenwart
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Laetitia Rimpau (Frankfurt/M)
Robinson im Meer der Erkenntnis. Michel
Tournier, J.M.G. Le Clézio und Umberto Eco
Susanne Kleinert (Saarbrücken)
Mythencollage im italienischen postmodernen
Roman: Carmen Covitos Del perché i porcospini attra­
versano la strada (1995)
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Susanne Hartwig (Potsdam)
Sisyphe.com − Frédéric Beigbeders Mythos der Mythenbildung
Claudia Jünke (Bonn)
’La hora de los valientes’? - Mythos und Geschichte in aktuellen filmischen Rekonstruktionen
des spanischen Bürgerkriegs
439
Abstracts
Christoph Jamme (Lüneburg)
Mythos zwischen Sprache und Schrift
Im Anschluss an meine Studie Gott an hat ein Gewand geht es mir
in dem Beitrag darum, den Mythos-Begriff in der Spannung von
Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu erörtern. Außerdem geht es
mir um das Aufbrechen einer „klassizistischen Blickverengung“ (E.
Torra). Beide Zentralthesen hängen aber auf das Engste zusammen und sind ihrerseits abhängig von einem symboltheoretischen
Mythenverständnis, das ich im Anschluss an Cassirer und Langer
entwickelt habe und noch einmal zur Diskussion stellen möchte.
Es geht um die These, dass der Mythos ein komplexes Repräsentationssystem ist, das die frühe Welterfahrung symbolisch darstellt.
Nicht nur ist die mythische Denkweise eine der für das gesamte
primitive Denken charakteristischen Grundzüge, nicht nur verkörpert der symbolbildende Mensch – wie die Warburg-Schule uns
gelehrt hat – die elementare Stufe der Rationalität, sondern die
Kultur insgesamt wird hier verstanden als ein Symbolsystem zur
Ordnung der erfahrenen Wirklichkeit (in Worten, Ritualen, Bildern, Mythen). Aus diesem symboltheoretischen Mythenverständnis ergeben sich dann die beiden eben erwähnten Konsequenzen:
1.)
Die grundlegende Erweiterung der Materialbasis für die
Mythendiskussion, eine „klassizistische“ Verengung ist vornherein
ausgeschlossen;
2.)
die Entwicklung eines eigenen geschichtsphilosophischen
Mythosmodells: Wir gehen nicht mehr von einem festen archaischen Mythos aus, sondern wir versuchen, den Mythos-Begriff
historisch zu differenzieren, genauer: zwischen Mythischem,
Mythos und Mythologie zu differenzieren und diese drei Gestalten
jeweils verschiedenen Menschheitsepochen zuzuordnen.
440
Die üblicherweise im Mittelpunkt der Mythos-Forschung stehenden
Göttergeschichten von Homer und Hesiod erscheinen vor diesem
Hintergrund bereits als eine erst um 800 v. Chr. einsetzende
Spätform mythischen Denkens, in der das Symbolsystem – durch
seine ästhetische Komponente aus dem engeren religiös-kultischen
Zusammenhang gelöst – sich emanzipiert und zur Mythologie wird.
Die „Mythologie“ ist bereits Teil einer Aufklärungsbewegung und
steht nicht im Gegensatz zur gleichzeitig entstehenden griechischen
Philosophie. Die griechische Mythologie ist mithin nicht archaisch,
sondern markiert den Beginn der modernen Mythos-Rezeption.
Wolfgang Asholt (Osnabrück)
Von der (vorläufigen?) Notwendigkeit des Avantgardemythos
(Abstract lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.)
Michael Schwarze (Eichstätt)
Klassische Mythologie im secondo dopoguerra: Cesare Paveses Dialoghi
con Leucò
Im Werk von Cesare Pavese (1908-1950) ist der Mythos allgegenwärtig. So inszenieren seine Romane des „realismo mitico“ wiederholt die Notwendigkeit des Unmöglichen, indem sie den überzivilisierten Großstädter die heilsversprechende Rückkehr in das rurale
Ambiente der Kindheit als verlorenes Paradies erleben lassen. Es
herrscht dort eine archaische Grausamkeit, die dem modernen
Kulturmenschen unerträglich ist und ihm jegliche (Wieder-) Beheimatung unmöglich macht – was ihm bleibt, ist ein Dasein im
Zustand endgültiger ‚Differenz’ (von der Stadt wie vom Land, von
der Kindheit wie der Erwachsenenwelt).
Diese Zusammenhänge sind bekannt. Sie bilden den Hintergrund,
vor dem hier ein weniger prominentes Beispiel Pavesescher Mythosarbeit analysiert werden soll: Es handelt sich um eine von Hesiods
Theogonia ausgehende re-écriture klassischer Mythologie, welche
441
der Autor 1947 veröffentlichte – zu einem Zeitpunkt also, da die
politisch-ideologische Instrumentalisierung unterschiedlichster
Mythen durch das faschistische Regime in der italienischen Gesellschaft noch allgegenwärtig war und Pavese selbst sich im Geiste
der „resistenza culturale“ engagierte.
Der Vortrag will der Frage nachgehen, wie diese pointierte Wende zur Mythologie zu begreifen ist. Die mythopoietische Praxis
unseres Autors – so die Hypothese – steht hier für ein Konzept,
das der griechischen Mythenerzählung aufgrund ihres Symbolcharakters ein generatives Potential zumisst. Die neuen Mythenerzählungen aber, die den symbolischen Gehalt des klassischen Mythos
aktualisieren, besitzen im historisch-diskursiven Rahmen ihrer Entstehung einen spezifischen Erkenntniswert. Worin er für Pavese
grundsätzlich bestand und wie er mit Blick auf den literarischen
Umgang mit dem Ventennio nach 1945 gedeutet werden kann, wird
u.a. Gegenstand der Erörterungen sein.
Silke Segler-Messner (Stuttgart)
Die Résistance als Mythos im französischen Zeugendiskurs der
Nachkriegszeit
Erst fünfzig Jahre nach Ende des zweiten Weltkriegs erscheint
in Frankreich ein Text, der sich mit den Folgen der Occupation
für die Konstitution nationaler Identität auseinandersetzt. Henry
Roussos Studie Le syndrome de Vichy: de 1944 à nos jours zeichnet
in einer umfassenden Perspektive die Entwicklung des nationalen
Gedächtnisses unter dem Aspekt der Rückkehr des Verdrängten
nach. Ausgehend von der Hypothese, das Vichy-Regime bezeichne
das kollektive Trauma Frankreichs nach 1945, beschreibt Rousso
drei Phasen der Vergangenheitsbewältigung. Im Anschluss an den
Wiederaufbau (1944-1954) dominiert zwischen 1954 und 1971 die
Etablierung und Glorifizierung des Résistance-Mythos, der die Erinnerung an Vichy verdrängt und die französische Beteiligung an
den Verfolgungen und Deportationen minimiert. Zwischen 1971
442
und 1974 lässt sich dann ein Bewusstseinswandel konstatieren, der
zu einer Revision der Geschichte führte, die bis in die Gegenwart
andauert.
Den Ausgangspunkt meiner Analyse des Résistance-Mythos als
Legitimationsstrategie nationaler Identitätsbildung konstituiert die
Relektüre der Texte der zurückgekehrten Deportierten. Parallel zu
den Diskussionen um den Begriff des literarischen Engagements
erfährt der Augenzeugenbericht nach 1945 eine unverkennbar
ideologische Aufladung. Er avanciert zum Medium einer politischen Stellungnahme gegen den Nationalsozialismus und tritt
für die Rehabilitierung humanistischer Ideale ein. Der Zeuge, der
aufgrund seiner politischen Tätigkeit verhaftet, gefoltert und in
die Konzentrationslager transportiert worden ist, wird in diesem
Zusammenhang zum Exemplum nationalen Widerstands. Die
Beobachtung, dass die so genannten Vernichtungslager mit ihren
Gaskammern und Krematorien in erster Linie für die Ermordung
der europäischen Juden erbaut worden sind, wird zugunsten der
Begründung eines kollektiven Gedächtnisses des französischen
Widerstands unterdrückt. Die Dekonstruktion des RésistanceMythos beginnt erst in dem Augenblick, in dem der trügerischer
Eindruck der Homogenität der Opfer der Wahrnehmung ihrer
Diversität weicht und bald von dem Diskurs über die Einzigartigkeit der Shoah überdeckt wird. Anhand exemplarischer Beispiele
möchte ich die unterschiedlichen Strategien untersuchen, die
dem Zeugentext bei der Bewältigung nationaler Geschichte zur
Verfügung stehen.
Paul Geyer (Bonn)
Romanistik und Europäische Gründungsmythen
Den Begriff des Gründungsmythos prägt immer schon eine paradoxe Als-Ob-Struktur. Er ist gezeichnet vom Scheitern der Alten
und Neuen Mythologien im 18. und 19. Jahrhundert und trägt geradezu ostentativ die Konnotation fiktiver Projektion vor sich her.
443
Dennoch gibt er seinen Anspruch, Verbindlichkeiten zu schaffen,
nicht auf. Gerade dadurch aber eignet sich der Begriff des Gründungsmythos besonders gut, um den Prozess pro- und retrospektiver Sinnprojektion in der Konstruktion post- und supranationaler ‚Identitäten’ zu fassen. Zu fragen wäre, welche vergangenen
Verbindlichkeiten die Romanistik als Literatur- und Kulturwissenschaft der Europa-Idee noch anbieten kann und will.
Odile Bombarde (Paris)
La psachanalyse comme mythe au XXe siècle
(Abstract lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.)
Beatrice Baldarelli (Eichstätt)
Pasolini und die Atriden
Kaum ein anderer italienischer Autor der Nachkriegszeit kann die
Formel „Unausweichlichkeit des Mythos“ für sich so sehr beanspruchen wie Pasolini, dessen Vorliebe für die mythischen Sagen
der griechischen Antike in der klassisch-humanistischen Bildung,
aber auch in einer tiefen emotionalen Verwandtschaft mit seinen
Hauptfiguren wurzelt. Vor allem der Mythos um Agamemnon,
Orestes und Elektra scheint ihn zu reizen, wie die Übersetzung der
äschyleischen Oresteia für Gassman, die Tragödie „Pilade“, und
der Dokumentarfilm „Appunti per und Orestiade africana“ zeigen.
Pasolini bemüht sich, den Atridenstoff gezielt rein politisch zu
interpretieren und darzustellen, und begreift den Mythos, ausgehend von der von Äschylos geprägten Tradition, in erster Linie als
lebendiges Instrument der politischen und sozialen Deutung der
jüngsten italienischen Geschichte sowie des Schicksals des ‚Entwicklungskontinents’ Afrika. Doch ungeachtet der Intentionen des
Autors übernimmt der Atridenmythos in seinen Inszenierungen
weitergehende und signifikantere Funktionen. Der Beitrag wird
den Versuch unternehmen, weniger erforschte Aspekte seiner
444
Verwendung zu beleuchten: Dabei wird es insbesondere um den
Mythos als existentialistischen Schlüssel zum Menschsein und als
Instrument der Reflexion über Mythopoiesis und Mythendeutung
gehen.
Werner Helmich (Graz)
Mythosdenunziation bei Barthes und Torrente Ballester
Es geht darum, an zwei literarisch gewichtigen und historisch hinlänglich überblickbaren Beispielen zu zeigen, wie breit auch unter
der einengenden Voraussetzung eines negativen und weiten, d.h. nicht
auf die tradierten Mythen beschränkten Mythosbegriffs — der
Mythos als das Alte Falsche, da Repressive, gerade auch in neuem
Gewand — die Skala literarischer Realisierungsformen einer écri­
ture ist, die sich als aufklärerische Mythoskritik versteht.
Die Namen Roland Barthes (1915–1980) und Gonzalo Torrente
Ballester (1910–1999), die der Literarhistoriker ansonsten trotz
ihrer Zugehörigkeit zu einer Generation und ihrer gemeinsamen
Affinität zu metaliterarischen Fragen — Torrente hat lange Jahre
in den USA gelehrt und zahlreiche literaturgeschichtliche und literaturtheoretische Werke publiziert — kaum in einem Atemzug
zu nennen gewohnt ist, stehen hier metonymisch für zwei in mehr
als einer Hinsicht gegensätzliche Varianten der literarischen Mythosdenunziation in der europäischen Romania der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts.
Die beiden Autoren schreiben 1. aus einer nach herkömmlichem
Verständnis diametral entgegengesetzten ideologischen Position
(marxistisch und materialistisch vs. bürgerlich-konservativ und
katholisch), 2. mit unterschiedlichem terminologisch-methodologischem Hintergrund (strukturelle Mythenforschung und Semiotik
vs. anthropologische und fiktionstheoretische Überlegungen) und
3. in verschiedenen literarischen Ausdrucksformen (kulturkritische
Essayistik vs. avantgardistische Erzählfiktion). Die zentralen Texte
im Falle Barthes sind die Essays Mythologies und Le Mythe, aujourd’hui,
445
beide 1957 erschienen, bei Torrente vor allem die Romane Don Juan
(1963) sowie die der sogenannten „trilogía fantástica“ La saga/fuga de
J. B. (1972), Fragmentos de Apocalipsis (1977) und La isla de los jacintos
cortados (1980).
Der historische Abstand bezieht sich gerade bei diesem Thema
nicht allein auf den schieren Zeitverlauf seit dem Erscheinen, sondern mehr noch darauf, dass die weltanschaulichen Prämissen der
Autoren durch die inzwischen eingetretenen Veränderungen eher
aus einer neutral-wissenschaftlichen Außenperspektive betrachtet
werden können als zur Abfassungszeit ihrer Texte.
Natürlich gibt es nicht nur diese beiden Realisierungsformen; um
aber bei grundsätzlich als erkenntnisfördernd erwünschter kontrastiver Darstellung doch ein Minimum an Einzeltextzuwendung
zu ermöglichen, scheint es günstig, den Vergleich auf zwei Textkorpora zu beschränken und andere Autoren, die im Rahmen der
gleichen Prämissen im einzelnen abweichende Positionen vertreten, nur gelegentlich ergänzend anzuführen. Gerade für den neueren spanischen Roman liegt hier durch die Arbeiten von Mariano
López López, El mito en cinco escritores de posguerra (1992) und anderen Kritikern viel nützliches Material vor.
Als Erkenntnisziel ergibt sich aus der Analyse der unterschiedlichen
schreibpraktischen Folgerungen aus der eingangs skizzierten Mythoskonzeption die Konstituierung zweier relativ eigenständiger
und verallgemeinerungsfähiger Poetiken der Mythosdenunziation
— kritische Mythosanalyse vs. kritische Mythopoiesis — nach
Maßgabe der Verfahren, nach denen man gemeinhin Sekundärund Primärliteratur voneinander trennt.
Mechthild Albert (Saarbrücken)
Mittelalter-Mythen in der postmodernen Narrativik
Der Beitrag beschäftigt sich mit Motiven der Grals- und Artusepik
im spanischsprachigen Roman der 1980er und 1990er Jahre.
446
Stephanie Wodianka (Giessen)
Der Artushof als (Re-)Import. Zum Aufstieg eines Untergangs-mythos in
Literatur und Film der Jahrtausendwende
Das Mittelalter hat – inszeniert zwischen Mythos und Geschichte
– auch in französischen Romanen und Filmen der Jahrtausendwende Konjunktur. Inwiefern Artus und die Ritter der Tafelrunde
dabei im Vergleich mit anderen Mittelalter-Mythen eine besondere Rolle spielen, möchte der Beitrag zeigen. Die Sonderstellung
der Matière de Bretagne ergibt sich zum einen daraus, dass es sich
hierbei um einen Mythen-Reimport aus dem angloamerikanischen
Raum handelt, der sich durch eine neuerdings starke Tendenz zur
Historisierung auszeichnet. Zu fragen ist deshalb zunächst nach
den möglichen mythopoietischen Verfahren einer französischen
‚Renationalisierung’. Zum anderen resultiert die Sonderstellung
des Artushofes aus der Tatsache, dass dieser einen Untergangsmythos repräsentiert: Er impliziert eine (Mytho-)Poetik des Endes,
deren literatur- bzw. filmästhetische, aber auch erinnerungskulturelle Konsequenzen im Referat untersucht werden sollen. Eine der
zentralen Thesen wird dabei sein, dass der mythopoietischen Inszenierung von Untergang und Ende in den Jahrzehnten um die
Jahrtausendwende ein spezifisches Deutungspotential zukommt,
das in besonderer Weise die erinnerungskulturellen Bedürfnisse der
Jahrtausendwende zu erfüllen vermag und an deren spezifischen
Gestaltungsweisen sich auch eine französische (Wieder)Aneignung
des Artushofes aufzeigen lässt.
Ulrich Winter (Marburg)
Erzählung des Mythos und Mythos der Erzählung: Bürgerkrieg und
Diktatur im spanischen Roman nach Franco
Historische Romane in Spanien entfalten in den 80er und 90er Jahren das Bürgerkriegsthema immer wieder entlang zweier Narrative.
Zum einen die Erzählung von Unterdrückung und Befreiung: der
447
Krieg wird zur Urszene des franco-faschistischen Traumas, er mündet in ein vier Jahrzehnte währendes nationales Drama mit glücklichem Ausgang. Zum anderen der tragische Bruderzwist, dem das
Versprechen der Versöhnung eingeschrieben ist. Das weitgehend
invariante narrative Substrat und die Funktion gesellschaftlicher
Selbstverständigung lassen Bürgerkrieg und Frankismus in literarischen Darstellungen die Züge eines Mythos annehmen.
Wenn es zutrifft, dass sich die literarische Verhandlung des Frankismus an diesen Narrativen abarbeitet, dann stellt sich – jenseits
eines mythenkritischen oder erinnerungspolitischen Interesses
an dem Verhältnis von Darstellung und historischer Wirklichkeit
– vor allem die Frage nach dem literarischen Bild dieses Mythos.
Dieses Bild selbst erklärt sich zunächst aus dem gesellschaftlichen
Verständigungsbedarf über Vergangenheit, der gerade an Literatur
als einer Kulturtechnik unter anderen (Film, Fernsehen, Presse)
herangetragen wird. Näher zu befragen sind dann jedoch die spezifisch narratologischen Möglichkeiten und Grenzen literarischer
Mytho-Logie, die diese Funktionalität umsetzen, z.B. das filmische
Schreiben bei Antonio Muñoz Molina als Chiffre irrealer Vergangenheit oder der Einsatz einer kollektiven Erzählstimme als Abbild
versöhnter Geschichte bei Manuel Rivas. Ausgehend von der Unterscheidung dreier Diskurstypen fiktionalen Schreibens – Erzählen, Beschreiben und Argumentieren – lässt sich zeigen, dass die
literarische „Arbeit am Mythos“ von Bürgerkrieg und Frankismus
in einer je nach Autor bzw. Werk unterschiedlichen Gewichtung
und gegenseitigen (De-)Stabilisierung der Dimensionen (a) Handlung / Narrativität (dem ursprünglich ‚mythischen’ Verfahren des
Erzählens mithin), (b) nicht-narratives Bild und (c) Wertehorizont
zu Tage tritt.
448
Sonja Kral (Wien)
Nationale Mythen der Spanier – Textuelle Inszenierung in Geschichte und
Gegenwart
Das griechische Wort Mythos bedeutet ursprünglich ‘Erzählung’.
Wenn wir heute über Mythen sprechen, so meinen wir damit häufig
die Götter- und Heldengeschichten der klassischen Antike, noch
häufiger aber vermutlich Mythen als ätiologische Erzählungen, die
die Entstehung einer bestimmten Lebenswelt konstruieren, ohne
für uns als moderne Menschen noch begründbar zu sein.
Nach der Herausbildung der europäischen Nationalstaaten im 19.
und 20. Jahrhundert hat sich eine symbolische Bedeutungskomponente der Mythen als besonders wirksam erwiesen: Der sogenannte nationale Mythos als historisch mehr oder weniger belegbare Geschichte mit häufig verklärenden Elementen kann spätestens seit
dieser Zeit als ein Identitätsmerkmal par excellence von Nationen
gelten, wie rezente einschlägige Publikationen zeigen.
Der vorliegende Beitrag möchte am Beispiel Spaniens rekonstruieren, auf welche Weise nationale Mythen als willkürlich aus den
Fakten einer Nationalgeschichte gefilterte Erzählungen von Episoden im kulturellen Gedächtnis der Völker gespeichert, tradiert
und nach 1945 medialisiert werden. Dabei liegt der Schwerpunkt
der Darstellung auf den narrativen Strategien und Strukturen der
Mythen und ihrer Umsetzung in Texten. Als Materialien fungieren
dabei spanische historiographische Texte und Kulturgeschichten
sowie Berichte aus der aktuellen Presse. Ziel des Beitrags ist es
letztendlich, die historisch konstante Wirkung und damit zeitgenössische Aktualität von nationalen Mythen im Rahmen einer globalisierten europäischen Gesellschaft herauszustellen.
Literatur:
Abbott, Porter: Introduction to Narrative. Cambridge: CUP 2002.
Flacke, Monika (Hrsg.): Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. München:
Koehler & Amelang 22001 (11998).
449
Flacke, Monika (Hrsg.): Mythen der Nationen. 1945 - Arena der Erinnerungen. Mainz:
Zabern 2004 (2 Bände).
Metzeltin, Michael / Thir Margit: Erzählgenese. Ein Essai über Ursprung und Entwic­
klung der Tex-tualität. Wien: Drei Eidechsen 21998 (11996).
Metzeltin, Michael: Kognitive, gesamtmediale, politische Anthropologie. Ein neuer Ansatz
zur Kulturanthropologie. Wien: Drei Eidechsen 2001.
Metzeltin, Michael: Nationalstaatlichkeit und Identität. Ein Essay über die Erfindung
von National-staaten. Wien: Drei Eidechsen 2000.
Nöth, Winfried: Handbuch der Semiotik. Stuttgart: Metzler 22000 (11985).
Smith, Douglas Anthony: National Identity. London: Penguin 1991.
Laetitia Rimpau (Frankfurt/M)
Robinson im Meer der Erkenntnis. Michel Tournier, J.M.G. Le Clézio und
Umberto Eco
„Der Schiffbruch, als überstandener betrachtet“, schreibt Hans
Blumenberg, „ist die Figur einer philosophischen Ausgangserfahrung“. In ihr stellen sich die Totalität des Lebens und die „Selbsterfahrung des Dichters“ dar. Diese Grundgedanken, die Blumenberg
in Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher (1979)
formuliert, bilden den Ausgangspunkt, über einen literarischen
Mythos nachzudenken, der Anfang des 18. Jahrhunderts entstand:
den Robinson-Mythos.
Am Beispiel von drei Romanen (der französischen und italienischen
Gegenwartsliteratur) – Vendredi ou les Limbes du Pacifique (1969) von
Michel Tournier, Le chercheur d’or (1985) von Jean-Marie Gustave Le
Clézio und L’isola del giorno prima (1994) von Umberto Eco - sollen
Formen und Funktionen der modernen und postmodernen „Arbeit am Mythos“ vorgestellt werden. Vor dem Hintergrund einer
Infragestellung des aufklärerischen Vernunftbegriffs (Tournier, Le
Clézio) und dem Spiel mit kulturellen Konventionen (Eco) wird
die mythische Struktur der Texte zum neuen Sinnträger.
Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang das Inselparadigma,
d.h. das Meer als Denkraum, und die Gattungsfrage. Denn in allen hier behandelten Texten werden die Grenzen zwischen Rei450
sebericht und Roman, zwischen Wahrheit und Fiktion fließend.
„Robinson“ verkörpert die von Blumenberg angesprochene „Daseinsmetapher“: Indem er gezwungen ist, sich Schritt für Schritt
die Welt zu erschaffen, erfindet er auch sich selbst - Selbstverlust
und Selbstsuche bedingen einander. Dieser Prozess vollzieht sich
vor allem im Medium der écriture. Alle drei Gestrandeten sind auch
Schreibende, sie verfassen Texte, finden sie vor oder überschreiben
sie: Das Palimpsest der (wieder)gefundenen Schrift wird zum Zeichen einer „poetologischen Daseinsmetapher“ - für die Figur, aber
auch für das Autor-Ich.
Susanne Kleinert (Saarbrücken)
Mythencollage im italienischen postmodernen Roman: Carmen Covitos Del
perché i porcospini attraversano la strada (1995)
In ihrem Roman Del perché i porcospini attraversano la strada kombiniert
Carmen Covito den in der Ich-Erzählerin verkörperten AriadneMythos mit dem Don-Juan-Mythos. Der Protagonist, ein spanischer
Tänzer, erarbeitet mit seiner Truppe ein experimentelles DonGiovanni-Ballett, dessen Aufführung die Rahmenebene für einen
Rückblick auf die Beziehungsgeschichten der Figuren bildet. Der
Mythenbezug steht bei Covito einerseits im Zeichen einer Reflexion
über Veränderungen der Geschlechterrollen und über das Thema
Liebe versus Verführung, andererseits einer metafiktionalen Erkundung der Faszination von Theater und Kunst. Darüber hinaus
wird der Vortrag auf Variationen des mythischen Substrats, Überschneidungen mit anderen intermedialen Referenzen – z. B. auf
den Carmen-Film von Carlos Saura – und auf den ironischen
Gestus der Mythencollage eingehen.
451
Susanne Hartwig (Potsdam)
Sisyphe.com – Frédéric Beigbe­ders Mythos der Mythenbildung
Die Entstehungsgeschichte des Bestsellers 99 Francs (Grasset 2000)
des französischen Shoo­ting-Stars Frédéric Beigbeder ist ein beeindruckendes Beispiel für erfolgreiche Selbst­stilisie­rung eines Autors
im 21. Jahrhundert. Der Roman denunziert Werbung als erstickende
My­then­produk­tions­maschine, die lediglich Manipulation zum Ziel
habe, legt sie doch den Akzent nicht etwa auf den sinnstiftenden,
sondern eher auf den ‚ökonomi­schen‘ Aspekt von Mythen: Diese können und sollen als sym­bolische Verdichtungen aufgrund
der Prägnanz ihrer Aus­sagen und dank ihres hohen Wieder­erken­
nungs­wertes sowie ihrer gesell­schaftsüber­greifenden Ver­bindlich­
keit gezielt verkaufsfördernde Bot­schaften in kom­primierter Weise
trans­portieren. Das Pamph­let gegen die Gesell­schaft der totalen
Ver­marktung – das in einer selbstreferentiell-ironischen Schleife seine eigene Ver­mark­tung gleich mit­beschreibt – beruht indes
auf eher altmodi­schen Grundwerten und Binär­oppositio­nen wie
gut/böse, natür­lich/künst­lich, gesund/schäd­lich. Ist Beigbeders Erfolgs­
roman letztlich die Fort­schreibung eines (Meta-)Mythos über Mythen? Wie funk­tio­niert Mythenbildung im Zeitalter der Globalisierung? Welche Funktion über­nimmt sie als Ausdruck ‚kultureller
Kompetenz‘ in der Gesellschaft? Und inwie­fern ist ein ‚Mythos
zweiter Ordnung‘ als Selbstwiderspruch ein Mittel uneigentlichen
Erzäh­lens? Diese Fragen sollen anhand von 99 Francs und unter
Rückgriff auf weitere Texte des Autors (Vacan­ces dans le coma, Grasset 1994; Windows on the World, Gallimard 2003) erörtert wer­den.
Claudia Jünke (Bonn)
‚La hora de los valientes’? – Mythos und Geschichte in aktuellen filmischen
Rekonstruktionen des spanischen Bürgerkriegs
Betrachtet man die aktuelle Kinolandschaft in Spanien, so wird
einer der Schwerpunkte von der Gattung des historischen Films
452
gebildet, wobei insbesondere die Zeit des Bürgerkriegs und der
Francodiktatur im Zentrum des Interesses steht. Die filmische Beschäftigung mit der jüngeren Vergangenheit ist im Kontext einer
erinnerungskulturellen Umbruchsituation zu verorten: Während in
den ersten postfranquistischen Jahren tendenziell ein kollektives
Vergessen den Weg zur Demokratie ebnete, ist inzwischen das Bedürfnis nach Erinnerungsarbeit in den Vordergrund gerückt.
Anhand von ausgewählten Beispielen ­­– zu denken wäre etwa an
Libertarias (V. Aranda 1996), La hora de los valientes (A. Mercero
1998), Silencio roto (M. Armendáriz 2001), Soldados de Salamina (D.
Trueba 2003), El lápiz del carpintero (A. Reixa, 2003) – wird der Vortrag zeigen, inwiefern sich im historischen Film im Gegenwartsspanien die Geschichtsdarstellung mythopoietischer Praktiken bedient. ‚Mythos’, verstanden als sinnproduzierendes Verfahren der
Komplexitätsreduktion, Dekontextualisierung, Universalisierung
und Enthistorisierung, fungiert hier – etwa unter Rückgriff auf
Deutungsmuster wie die Opposition ‚gut’/‚böse’ oder die Schaffung von Heldenfiguren – als Strategie kollektiver retrospektiver
Sinnstiftung. Drei Aspekte scheinen in einer solchermaßen fokussierten Untersuchung des aktuellen historischen Films in Spanien
besonders interessant und sollen im Vortrag erörtert werden: (1)
die Dialektik von Mythos und Geschichte, (2) die Funktion des
Mythos als Erinnerungsträger, (3) die Funktion dieser spezifischen
Geschichtsaneignung innerhalb der spanischen Gegenwartskultur, einer Geschichtsaneignung, die sich unter anderem dadurch
auszeichnet, dass sie auf mythokritische Kommentare weitgehend
verzichtet.
453
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Sektion 25
Bilderwelten - Textwelten - Comicwelten:
romanistische Begegnungen mit der „neunten Kunst“
Leitung: Frank Leinen (Düsseldorf), Guido Rings
(Cambridge)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
9.30 Uhr
10.10 Uhr
14.00 Uhr
14.40 Uhr
15.20 Uhr
16.00 Uhr
16.40 Uhr
Einführung
Véronique Otto (Passau)
Les lecteurs de bandes dessinées en Europe
Guido Rings (Cambridge)
Bilder eines quijotesken Verliebten. Toepffers
Les amours de M. Vieux-Boix als Karikatur romantischer Tendenzen
Albert Barrera-Vidal (Liège)
La bande dessinée et le Moyen Age
Anne Begenat-Neuschäfer (Aachen)
Hergé: ‘Tintin au Tibet’
Joachim Sistig (Düsseldorf)
La BD submergée par les Teutons: Die Inszenierung stereotyper Identitätsmuster zwischen Mainstream und Autonomie während der Occupation
Ian Horton (Cambridge)
The Persistence of Colonialist Attitudes in Innovative Comic Book Writing
Ann Miller (Leicester)
L’Oubapo: la bande dessinée se soumet à la contrainte
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
Thomas Amos (Heidelberg)
455
9.40 Uhr
14.00 Uhr
14.40 Uhr
15.40 Uhr
16.20 Uhr
17.00 Uhr
La BD à venir. Tendenzen des gegenwärtigen französischen Comics
Frank Leinen (Düsseldorf)
Spurensuche im Labyrinth. Marc Antoine Mathieus Bandes dessinées zu Julius Corentin Acquefacques als experimentelle Metafiktion
Mechtild Bierbach (Düsseldorf)
Sprachwelten – Zur Semiose von Onomatopoetika in französischsprachigen Comics
Hartmut Nonnenmacher (Freiburg)
Autoreferentialität des Mediums und narrative
Metalepsen im französischen und spanischen
Comic
Jessamy Harvey (London)
La mística de la feminidad franquista en los cuentos de hadas de los tebeos femeninos
Monica Boria (Cambridge)
Il Movimento del Settantasette e il fumetto
Marina Hertrampf (Regensburg)
COMIC-PHOTO-ROMAN: Intermediale Wechselbeziehungen zwischen BD und Photographie
im Kontext der Postmoderne
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.40 Uhr
Oliver Emanuel (Trier)
Das ‚Deutsche‘ und die Deutschen in den Comicwelten von Francisco Ibáñez
Susanne Schütz (Halle)
Inodoro Pereyra, el renegau ‑ Anmerkungen zu einem
argentinischen Anti-Helden
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
456
Liliana Ruth Feierstein (Mannheim/Buenos Aires)
9.40 Uhr
El proceso: De Kafka a Oesterheld
Ricardo Feierstein (Buenos Aires)
Estereotipos y racismo en la historieta argentina
Abstracts
Véronique Otto (Passau)
Les lecteurs de bandes dessinées en Europe
A l’heure actuelle, qui lit la bande dessinée en Europe ? Quel impact a le neuvième art dans le paysage culturel et dans la vie sociale
des Européens ? Dépassant les concepts de réception littéraire et
d’intermédialité, on tentera de cerner la réception « humaine »,
de tracer le lectorat de la bande dessinée dans trois régions linguistiques : française, italienne et allemande. Deux sources complémentaires s’offrent à l’étude : les chiffres officiels de librairie
et la présence dans les médias (et particulièrement sur internet)
du médium B.D./Fumetto/Comic. Là où l’étude interculturelle
peut se heurter aux différences méthodologiques entre différentes
statistiques nationales, la médiatisation web de la BD, quantifiée
empiriquement mais aussi étudiée qualitativement, donnera lieu
à des conclusions fructueuses. Sciemment, et partant du principe
que la bande dessinée est un medium moderne dont le lectorat n’a
point crainte de s’exprimer sur la Toile, on se penchera ainsi sur
les forums électroniques, blogs et e-zines consacrés à la BD pour
essayer d’identifier partiellement le lecteur de BD en Europe.
Guido Rings (Cambridge)
Bilder eines quijotesken Verliebten. Toepffers Les amours de M. VieuxBoix als Karikatur romantischer Tendenzen
Die akademische Debatte um den Wert der Bilderromane des
Schweizer Autors Rodolphe Töpffer kulminierte unlängst noch
457
einmal im Kontext zweier Jubiläumsfeiern, als 1996 im französischen Angoulême mit Bezug auf das Todesjahr des Schweizers
150 Jahre und in New York unter Verweis auf Richard Fenton Outcaults The Yellow Kid 100 Jahre Comicgeschichte gefeiert wurden.
„Töpfferiens“ und „Centenaristes“ lieferten sich hier ausführliche
Wortgefechte, die nichts an ihrer Aktualität verloren haben. Mittlerweile hat Töpffer auch seinen Weg in viele Literaturgeschichten
gefunden (vgl. Francillon 1997, Junod 1993, Kindler 1988), aber
es mangelt an neueren rezeptions- und produktionsästhetischen
sowie historisch-soziologischen Arbeiten, die den Bilderroman
als literarischen Zerrspiegel soziokultureller Tendenzen erarbeiten
könnten (Wegbereiter bleibt Kunzle 1990).
Unser Beitrag analysiert die Verzerrungen romantischer Affektmodellierungen in Töpffers erstem Bilderroman, Les amours de M.
Vieux-Boix, und versucht damit, etwas zur Füllung der literarästhetischen Forschungslücke beizutragen. Es geht also im Wesentlichen um die Frage: Mit welchen romantischen Leitmotiven bricht
der Autor, mit welchen Mitteln, und warum? Dabei sind folgende
Arbeitsthesen formulierbar:
1.
Für Rodolphe Töpffers Werk ist eine Parodisierung klassischer und romantischer Affektmodellierung charakteristisch.
Von daher kann er also kaum als „classique attardé” bezeichnet
werden; vielmehr scheint es sich um einen pragmatisch-realistischen Künstler zu handeln, der im Genf der 1830er Jahre eine
verbreitete „révolte contre le goût dominant” und „la contestation
des frontières des genres” mitmacht (Bridel 1997: 74).
2.
Töpffers Vieux-Bois bricht insbesondere mit den Vorstellungen einer idealisierten höfisch-ritterlichen Liebeskonzeption,
mit dem tradierten Konzept von Melancholie und Dolorismus als
Freiraum des Genies und mit einem romantischen Verständnis, in
dem Natur als Ort zur Entwicklung menschlicher Tiefendimension betrachtet wird. Das Recht zur Schwärmerei wird dem Prota-
458
gonisten aber durchaus gewährt, denn seine Geschichtserfahrung
ist alles andere als human.
Albert Barrera-Vidal (Liège)
La bande dessinée et le Moyen Age
1.
En guise d’introduction
La bande dessinée (ou BD) est une forme de littérature populaire
combinant images (dessins) et textes et dont la fonction première
est de divertir, de distraire, de faire oublier les soucis du quotidien :
c’est avant tout une littérature d’évasion.
Mais elle n’a rien de monolithique : c’est au contraire un phénomène
complexe et diversifié, dans lequel l’exhaustivité est quasiment exclue. On s’est donc basé sur un corpus qui, au-delà des préférences
personnelles, tendra à une certaine exemplarité.
On distinguera ici les BD comiques, basées sur l’humour, et les BD
dites « réalistes » ainsi que les BD mixtes.
En outre, la BD est un « lieu de mémoire » (Pierre Nora) qui, de
par son origine populaire, se différencie également en fonction du
contexte culturel de la communauté à laquelle elle s’adresse. Trois
zones culturelles seront privilégiées : les USA, le monde francobelge, l’Espagne.
2.
Le Moyen Age dans la bande dessinée
Le Moyen Age (MA) désigne traditionnellement une période de
l’histoire occidentale d’un millier d’années (476 - 1453 ou 1492).
De toute évidence, le nombre impressionnant de séries à thématique médiévale manifeste une évidente fascination pour le MA.
Il existe une certaine affinité entre BD et MA, mais ici, il s’agira
de présenter le MA dans la BD. Différents cas de figure seront
analysés dans l’usage qui est fait du MA :
Simple ingrédient décoratif ou élément constitutif de l’intrigue,
située chronologiquement dans cette période lointaine,
L’attitude de l’auteur, qui peut osciller entre description rigoureuse
et imagination débridée.
459
3.
Les principaux culturèmes médiévaux
Cette présence du MA se manifeste par la présence de divers signes
culturels ou culturèmes :
- les personnages représentatifs de la société médiévale (chevalier,
dame, seigneur, page, etc.),
- les personnages d’un monde merveilleux (mages, fées, ogres,
etc.),
- les animaux du quotidien (chevaux, destriers, etc.),
- les animaux merveilleux (dragons, licornes, etc.),
- les objets caractéristiques (armes, armures, etc.),
- les lieux typiques (châteaux forts, donjons, etc.),
- les signes nobiliaires (armoiries),
- les noms évocateurs (roi Arthur, Lancelot, Merlin, Mélusine,
etc.),
- un langage archaïsant (mais transparent) évoquant l’ancien français.
Ces différents objets d’un monde révolu ont valeur de signes.
4.
En conclusion : certaines idées du MA
Mais de quel MA s’agit-il ? Quelques tendances ressortent du corpus analysé :
- La description distanciée d’un MA « historique », avec un certain
souci de réalisme et se voulant relativement conforme à l’image
qu’en donne l’historiographie (séries historiques publiées dans le
magazine Vécu, de Glénat),
- La vision d’un MA idéalisé, voire mythifié, servant parfois des
objectifs idéologiques (Prince Vaillant, de Harold Foster),
- La présentation d’un MA engagé, militant, mis explicitement au
service d’une cause (Les cathares, dans Mémoires de cendres de Philippe Jarbinet),
- L’invention d’un MA imaginaire sans grand rapport avec l’Histoire
réelle, mais exprimant une ambiance médiévale fantastique ou poétique (Thorgal, de Van Hamme),
460
- Un monde fantasmé ou diffusant une esthétique morbide, dite
« gothique »,
La présence d’un MA fantaisiste, déjanté, mais ludique ou parodique, jouant parfois sur les anachronismes (Robin Dubois, de Turk
et de Groot), ce qui implique auprès du public une certaine idée
diffuse du MA.
Anne Begenat-Neuschäfer (Aachen)
Hergé: «Tintin au Tibet»
Après la lecture de Pierre-Yves Bourdil, proposée en 1985 sous le
titre Hergé : Un livre : Titin au Tibet, parue aux Éditions Labor à Bruxelles, et l’ample analyse de Jean Marie Floch, Une lecture de Tintin
au Tibet, aux PUF en 1997, tout semble dit sur un album, publié
en 1960 - soit trente ans après la genèse du protagoniste – dont
l’auteur confessa qu’il le sauverait parmi les premiers.
Tintin au Tibet relate l’histoire étonnante d’une amitié qui a son fondement dans la relation réelle entre Hergé et Chang Chongren et
décrit bien un voyage au-delà des frontières géographiqes d’abord,
rendues infranchissables à cause de la guerre, philosophiques ensuite, puisque le traitement du temps et de l’espace y est tout différent par rapport aux autres albums d’Hergé.
Si nous nous décidons à rouvrir néanmoins le dossier de Tintin au
Tibet, c’est dans une double perspective, à savoir si, premièrement,
cet album peut être considéré comme un accessus à l’œuvre d’Hergé
et, deuxièment, dans quelle mesure il contribue à sa literacité.
Jochen Sistig (Düsseldorf)
La BD submergée par les Teutons: Die Inszenierung stereotyper
Identitätsmuster zwischen Mainstream und Autonomie während der
Occupation
In den verschiedenen Äußerungsformen der massenkulturellen
Medien reflektieren sich ideale Wunschformeln, reine Helden und
461
kollektive Psychosen unter der Oberfläche des populären Diskurses. Gattungstypisch fehlen dem Comic zwischen dem absolut
Bösen und dem absolut Guten zunächst die Zwischentöne der gebrochenen Charaktere. Die Popularität des Massenmediums basiert auf der Trennschärfe der moralischen Positionen, die dem
Leser ein simples Identifikationsmodell antragen und ohne „dialektischen“ Zweifel das unhinterfragbar Gute - an der Seite des
solidarisierten Lesers - am Ende (meist) zum Sieg führen.
Aus der Zeit der politischen Instrumentalisierung des Comics
während des 2. Weltkrieges stammt die vielfach verbreitete Kategorisierung des Comics als Teil der systemkonformen literarischen
Subfeldes. Comics sind das Sprachrohr des Mainstreams, tragen
aber zum Teil auch zu dessen Entwicklung bei und können dabei einen eigenen autonomen Standpunkt gegenüber dem herrschenden
Diskurs entwickeln. Tatsächlich finden sich aber besonders unter
den frankophonen Bandes Dessinées und in den illustrés zahlreiche
Beispiele für dissidierende ästhetische und ideologische Ansätze,
gerade auch aus der Zeit der deutschen Besatzung nach 1940.
Die deutsch-französischen Beziehungen sind von einer gegenseitigen Wahrnehmung in Stereotyp-Mustern zwischen den Aggregatzuständen Krieg (der deutsche Landser) und Frieden (der
melomane, romantische deutsche Dichter) geprägt. Aus französischer Perspektive besitzt das Deutschlandbild vielfach eine klar
definierte Funktion im Rahmen der eigenen Nationalmythologie.
Der „Deutsche“ ist auch nach dem Krieg ein Standard-Motiv im
Repertoire französischer und belgischer BD-Autoren geblieben. In
vielen bekannten Serien widmet sich ihm mindestens eine Episode
(Astérix, Spirou, Tintin, Yoko Tsuno, Blueberry, Michel Vaillant,
La patrouille des Castors etc.).
462
Ian Horton (Cambridge)
The Persistence of Colonialist Attitudes in Innovative Comic Book Writing
The presence of colonialist attitudes in some comic books, Tintin
and Asterix for example, have been noted. Other European examples from the middle decades of the twentieth century also promoted such a viewpoint. In a British context a range of characters that
appeared in comics such as The Eagle, Victor, Valiant and Hotspur
displayed colonialist attitudes and many stories were set in historical colonialist scenarios. This can, in part, be explained by the
general focus on issues of national identity after the Second World
War but it is perhaps more difficult to account for the persistence
of these attitudes in contemporary comic book writing.
This paper explores this continuity in values by examining a range
of European comic books from the middle of the 20th century
and comparing these with later works by the English writer Alan
Moore and the French artist-writer Jean ‘Moebius’ Giraud.
An examination of the comic books turned graphic novels Watch­
men (1986, artist Dave Gibbons) and The League of Extraordinary
Gentlemen (1999-2003, artist Kevin O’Neill) by Moore shows that
the narrative structure and visual languages employed are innovative and playfully engage with comic book genre stereotypes. In
addition they reference many other sources of popular literature
ranging from Victorian posters and novels to contemporaneous
advertising campaigns. Giraud’s comic books Lieutenant Blueberry
(1963, co-creator Jean-Michel Charlier) and Upon a Star (1983) similarly subvert genre stereotypes and employ innovative narrative
structures. However, despite their radical nature these comic books
also contain colonialist features and this paper will explore this
tension and its underlying causes.
463
Ann Miller (Leicester)
L’Oubapo : la bande dessinée se soumet à la contrainte
Depuis la fondation de l’Oulipo à Cerisy en 1960, de nombreux
Ou-X-po basés sur des arts autres que la littérature ont vu le jour.
Ce fut également à Cerisy, en 1987, qu’un groupe d’artistes et de
chercheurs conçurent l’idée d’étendre cette initiative à la bande
dessinée. La constitution officielle de l’Ouvroir de Bande Dessinée
potentielle eut lieu en 1992, lors d’une réunion du comité de
rédaction de l’Association, la plus influente des maisons d’édition
indépendantes qui s’établirent au début des années 1990, dans le
but d’encourager l’épanouissement d’une bande dessinée d’auteur.
Parmi d’autres types d’expérimentation artistique, les auteurs de
l’Association entreprirent des explorations selon le modèle oulipien
d’une littérature à contraintes. Le cadre théorique dans lequel les
oubapiens poursuivirent leurs recherches fut élaboré par Thierry
Groensteen dans un article qui parut dans le premier recueil de
travaux oubapiens publié en 1997. Groensteen dresse une liste
de contraintes génératrices et de contraintes transformatrices qui
ont déjà servi ou qui pourraient servir de point de départ à des
exercices oubapiens.
Dans mon exposé seront examinés des exemples de bandes
dessinées créees depuis 1997 à partir de deux types de contrainte.
Je soutiendrai que les contraintes génératrices, en exacerbant ou
en limitant les mécanismes signifiants du média, permettent une
mise en valeur de ceux-ci et contribuent donc à une stratégie de
légitimation. Cette stratégie transparaît de façon plus paradoxale au
travers des contraintes transformatrices, par moyen desquelles des
albums classiques de l’âge d’or franco-belge sont impitoyablement
soumis à des opérations qui les obligent à dévoiler des significations
latentes, dans un double geste de répudiation et de réappropriation. En tout cas, la lumière jetée sur les ressources formelles de la
bande dessinée par l’application de ces deux types de contraintes
464
ne devrait plus laisser de doute quant à son potentiel expressif et
artistique.
Thomas Amos (Heidelberg)
La BD à venir. Tendenzen des gegenwärtigen französischen Comics
Bestrebt, den Comic aus einer seit Jahren andauernden Krise herauszuführen, ihn zu erneuern und ihm neue Leserschichten zu
erschließen, unterziehen seit einigen Jahren französische ComicKünstler das totgesagte Medium radikalen Veränderungen. Für
den textuell-inhaltlichen Teils sind das u. a. die Vermischung der
Genres, die Verbindung von „hohen“ und para-literarischen Formen und Inhalten sowie Selbstreferentialität und Intertextualität.
In noch größerem Maße jedoch hat sich die graphische Gestaltung
des Comics gewandelt, das reicht von kunsthistorischen Zitaten
und Verweisen, intermedialen Bezügen und Kombinationen verschiedener Stile und Techniken bis zum Bild als para-textuellem
Element. Insgesamt findet eine Entwicklung zu einer anspruchsvollen und eigenständigen Kunstform, zum Art-Comic statt.
Anhand mehrer Fallbeispiele der gegenwärtigen französischen Comic-Szene wird gezeigt, wie Text und Bild innovativ zusammenwirken und somit die Möglichkeiten des grundsätzlich intermedial
angelegten Medium Comic demonstrieren.
Frank Leinen (Düsseldorf)
Spurensuche im Labyrinth. Marc Antoine Mathieus Bandes dessinées zu
Julius Corentin Acquefacques als experimentelle Metafiktion
Seit 1991 machte Marc Antoine Mathieu die erträumten, traumhaften, aber auch traumatischen Erlebnisse seines Protagonisten
Julius Corentin Acquefacques zum Thema seiner bislang fünf
Bände über den „prisonnier des rêves“. Da in Traumwelten die
Grenze zwischen Möglichem und Unmöglichem aufgehoben wird,
experimentiert Mathieu in diesen Büchern mit den Normen und
465
Codes des Genres. Durch das Paradox einer Aufhebung und analogen Bestätigung von Oppositionen, Spiegelungen, durch durchbrochene Bildfelder, spiralförmige Strukturen, Mischungen von
Bild und Photo sowie unerwartete optische Effekte tut sich ein
beunruhigendes, zugleich aber durch die Poesie des Undenkbaren
reizvolles Universum ohne Fluchtpunkte auf. In ihm werden die
graphischen ebenso wie die narrativen Codes des Mediums Bande
dessinée permanent relativiert und konterkariert. Zugleich offenbart sich durch zahlreiche Anspielungen der bibliothekhafte und
labyrinthische Charakter des imaginierten Universums, das sich aus
unendlich ineinander verschachtelten Texten und Bildern zusammensetzt.
Wie der systematisch desorientierte Leser, so entdeckt auch dessen
alter ego Acquefacques – das phonetische Palindrom ist für sich
genommen bereits sehr aussagekräftig – die totalisierenden Zwänge, denen seine Existenz unterliegt. Diese werden aber zugleich
träumend aufgelöst, um im Sinne einer „mise en abyme“ sogleich
neuen Unwägbarkeiten Raum zu geben. Mathieus „Bandes dessinées“ erscheinen aufgrund dieses Arrangements als Sinnbilder der
postmodernen Befindlichkeit des Menschen.
Detailanalysen sollen zu erkennen geben, wie jedes Album der
Serie auf seine Weise Spezifika der „Bande dessinée“ metafiktional
umspielt und hierbei neue Perspektiven schafft. Mathieus Bände
„L’origine“, „La Qu...“, „Le Processus“, „Le Début de la fin“ sowie
„La 2,333e dimension“ erweisen sich hierbei als „livres-objets“,
welche die von ihnen vermittelte Weltsicht nicht nur narrativ und
graphisch, sondern auch im Raum materialisiert widerspiegeln.
Ein weiteres Anliegen des Vortrags besteht darin zu illustrieren,
von welch großer philosophischer Aktualität die von Mathieu
inszenierten Denkanstöße sind.
466
Mechtild Bierbach (Düsseldorf)
Sprachwelten – Zur Semiose von Onomatopoetika in französischsprachigen
Comics
„Ein extrem einfacher Code erscheint beispielsweise in Comics:
‚gluck gluck’, ‚grrrr’, ‚ächz’ – keine Flexion, eingeschränkter Wortschatz, keine syntaktische Subordination“, dieses Zitat aus der
FAZ vom 11.03.04 belegt eine weit verbreitete Meinung über die
verarmte und defizitäre Sprache in Comics. Nicht ganz zufällig
wird dies mit sprachlichen Elementen belegt, die sich in der Tat
herkömmlichen Kategorien grammatischer Beschreibung weitgehend entziehen: nämlich die Onomatopoetika, die ganz ähnlich
wie die Interjektionen jede systematische Sprachbeschreibung vor
schwierige Aufgaben stellen und daher gerne als „Restkategorie“
ausgesondert werden. Die Verwendung von Sprachzeichen „minderer“ Qualität diskreditiert dann leicht auch gleichzeitig die Texte
und Textgattungen selbst, die mit sprachlichen Zeichen des Typs
pouf, vlan, toc-toc so intensiv arbeiten, wie Comics es tun.
Ziel des Beitrags ist es, auf zeichen- und kommunikationstheoretischer Grundlage 1. eine Charakteristik von Onomatopoetika zu
geben und 2. ihre spezifische Leistung, auch und gerade in Comics
zu untersuchen. Es wird sich zeigen, dass dank ihrer Verwendung
eine medial ganz einzigartige Kommunikationsstruktur zustande
kommt. Abschließend werden wir 3. versuchen, einen Einblick in
die unterschiedlichen Intensitätsgrade zu geben, mit denen im Verlauf der Entwicklung französischsprachiger Comics von diesem
Mittel Gebrauch gemacht wurde. Möglicherweise bietet sich damit
ein Kriterium, das es erlaubt, typologische Unterscheidungen innerhalb der Comics zu treffen, je nachdem, ob sie mit Hilfe der
Onomatopoetika ganz bestimmte Kommunikationsstrukturen
aufbauen oder darauf verzichten.
467
Hartmut Nonnenmacher (Freiburg)
Autoreferentialität des Mediums und narrative Metalepsen im französischen
und spanischen Comic
Es fällt auf, dass Schriftsteller (z.B. in Quelques mois à l’Amélie von
Denis oder in Roco Vargas von Torres) und Maler (z.B. in Cité
Lumière von Benoit oder in Cahiers d’Orient von Ferrandez) sehr viel
häufiger als Figuren in Comics auftreten als Comiczeichner selbst.
Letzteres ist jedoch zumindest der Fall in Le réseau Madou von Goffin/Rivière, wo ein Comic-Zeichner und ein Comic-begeisterter
Junge als Figuren auftreten, sowie v.a. in L’affaire belge des Belgiers
Sokal und in den autobiographischen Alben des spanischen Zeichners Carlos Giménez (v.a. Los profesionales), wo sogar explizit die
Beschreibung der Lebens- und Arbeitsweise von Comiczeichnern
und der Mechanismen des Comic-Betriebs in Brüssel bzw. in Barcelona im Mittelpunkt steht.
Fast zwangsläufig mündet die Darstellung von Comiczeichnern
als Figuren auch in eine direkte oder indirekte Thematisierung des
Aktes der Comic-Produktion selbst. Beispiele für eine solche sozusagen formale Autoreferentialität des Mediums finden sich nicht
nur in den oben genannten drei Werken, sondern punktuell auch
bei anderen Comic-Autoren. Fast alle diese Beispiele lassen sich
mit Genette auf den Begriff der Metalepse bringen, d.h. es liegen
Vermischungen verschiedener Erzählebenen oder Erzählerstimmen vor. So können extradiegetische und diegetische Erzählebene überlappen, was zum bildlichen Nebeneinander von Autor und
Figur führt (z.B. in El manantial de la noche von Prado oder an verschiedenen Stellen bei Gotlib sowie in Spiegelmans Maus), auch
der Zusammenfall von diegetischem und metadiegetischem Niveau (z.B. in À la recherche de Sir Malcolm von Fl’och/Rivière) sowie
die Verschmelzung der extradiegetischen Erzählstimme mit dem
diegetischen Ich-Erzähler als Figur (in Capitán Patapalo von Abulí /
Rossi) kommen vor.
Es soll ein Überblick über die genannten Formen inhaltlicher und
468
formaler Autoreferentialität des Mediums Comic gegeben und
dabei auch untersucht werden, inwiefern v.a. die narrativen Metalepsen auf Techniken beruhen, die spezifisch für das Comic und
deshalb in Erzählliteratur und Film nicht anwendbar sind.
Jessamy Harvey (London)
La mística de la feminidad franquista en los cuentos de hadas de los tebeos
femeninos
Durante el régimen franquista, distintas editoriales crearon revistas y tebeos dirigidos especialmente a niñas y adolescentes. Estas
publicaciones reflejaban el discurso ideológico del régimen en relación a la mujer, que consistia en mantenerla recluida en la esfera
privada. Esta ponencia discute como el tebeo femenino proyecta
la mística de la feminidad franquista en su narrativa y en su iconografía. Me centraré en particular en el análisis de los cuentos de hadas y encantamientos; un genero que ha sido criticado por plasmar
actitudes profundamente tradicionales hacia el género. Propongo,
sin embargo, que en estas historietas se pueden encontrar dimensiones ideológicas que expresan las contradicciones de los discursos de género de la epoca.
Monica Boria (Cambridge)
Il Movimento del Settantasette e il fumetto
In Italia gli anni della contestazione studentesca del ’68 prima e
del ’77 poi hanno visto un utilizzo ironico e parodico di forme
grafiche quali la vignetta, la striscia e il fumetto ai fini della controinformazione e della protesta. Ma gli anni Sessanta e Settanta sono
stati anche anni cruciali di rinnovamento stesso del fumetto, con
l’arrivo dei fumetti per adulti e di quelli cosiddetti ‘d’autore’.
Nel mio intervento, dopo aver fornito un breve quadro storicosociologico, mi concentrerò sul Movimento del Settantasette, di
cui poi approfondirò la cosiddetta ‘ala creativa’. Gli slogan e i testi
469
del movimento facevano uso di materiali vari, dai jingles delle pubblicità alla musica pop, dalle riminescenze letterarie classiche ai
personaggi dei fumetti. Prenderò in esame la specifica interazione
tra il medium del fumetto e il progetto del movimento studentesco, interazione che si caratterizza principalmente come distorsione
parodica di testi e autori classici, a fini di satira e di protesta. Ne è
un esempio il rifacimento di Stefano Tamburini, sulla rivista Zut,
del fumetto per ragazzi Il Signor Bonaventura (creato da Sergio Tofano nel 1917 per Il Corriere dei Piccoli). Il duplice intento di Tamburini
era quello di dar voce alla protesta degli studenti e di farsi beffe al
contempo di un classico della cultura popolare benpensante.
Ma il Movimento è stato a sua volta rappresentato in modo del tutto inedito e originale nelle tavole di Andrea Pazienza, che attraverso
il personaggio autobiografico di Pentothal, apparso su Linus nella
primavera del 1977, ha dato forma e voce al protagonista di quel
movimento, un antieroe ironico che vive tra cortei universitari, viaggi e sogni. Nella seconda parte del mio intervento mi soffermerò
dunque sulla prima opera di Pazienza, analizzandone il linguaggio
innovativo, sia dal punto di vista del disegno e della scansione delle
vignette, che dell’uso della lingua (italiano e dialetto).
A conclusione del mio intervento fornirò una breve valutazione
sull’eredità che la ricca stagione di sperimentazione e innovazione
avviatasi negli anni Settanta ha lasciato dietro di sé.
Marina Hertrampf (Regensburg)
COMIC-PHOTO-ROMAN: Intermediale Wechselbeziehungen zwischen
BD und Photographie im Kontext der Postmoderne
Die Ästhetik der Postmoderne kennzeichnet sich durch Heterogenität, Stilpluralismus und die mannigfaltige Suche nach neuen
Gestaltungs- und Erzählverfahren. Folge sind verschiedenartigste
innovative z.T. experimentelle Hybridformen mediendurchdrungenen Erzählens. In einer von (multi)medial vermittelten visuellen
Reizen geprägten Welt muss es quasi zwangsläufig zu Wechselbe470
ziehungen zwischen den einzelnen (Bild)medien kommen. Die
statischen Bildgattungen Comic und Photo-Roman weisen starke
strukturelle Gemeinsamkeiten auf: So basieren beide etwa auf dem
Funktionsprinzip der Ellipse und der aktiven Leserbeteiligung am
Rezeptionsprozess. Damit ist die Grundlage für den intermedialen Austausch gegeben. Die an für sich bereits hybride Gattung
Comic findet in photographischen Bildern und Motiven diverse
neue Ausdrucksmöglichkeiten. Mit dem Siegeszug des Internets
als neuem Massenmedium findet auch die BD zu weiteren intermedialen Gestaltungsformen, bei denen es zu einem kompletten
Medienwechsel kommt. Aus der Auseinandersetzung des Comics
mit der Photographie entstehen neue Genres und Subgattungen,
was sich allein an der Bezeichnungsvielfalt ablesen lässt: bande pho­
tographiée, photo-BD, BD-photo, roman-photo, photo-roman. Ausgehend
einschägiger theoretischer Arbeiten zu Intermedialität (Nünning,
Rajewsky) und Comic samt seiner Hybride (Baetens, Grivel,
Groensteen, Masson, Peeters), werden anhand einzelner Beispiele
verschiedene struktuelle Spielarten intermedialer Durchdringung
von Comic und Photographie dargestellt. Die Untersuchungen
wollen einerseits deren konkrete Funktionen innerhalb des Einzelwerks analysieren, beabsichtigen darüber hinaus jedoch auch
eine Kontextualisierung hinsichtlich ihres Bezugs zur Ästhetik der
Postmoderne. Näher eingegangen wird dabei auf Arbeiten von
J.C-Claeys, E. Guibert, Léandri, M-F. Plissart und B. Peeters, Teulé
sowie auf den virtuellen Photo-Roman Toute l’histoire incroyable de
Bonin Ouaib le personnage virtuel. Die abschließende Betrachtung von
Romanen der minimalistischen Autoren P. Deville und J. Echenoz
wird darüber hinaus zeigen, inwieweit auch eine Reihe rein literarische Texte der Postmoderne thematisch und strukturell von Comic und Photographie durchdrungen sind.
471
Oliver Emanuel (Trier)
Das „Deutsche“ und die Deutschen in den Bilderwelten von Francisco
Ibáñez
Die Untersuchung der Entstehung, Verfestigung und Abbildung
von nationalen, ethnischen und rassischen Stereotypen ist mittlerweile ein relativ gut erschlossener Bereich innerhalb der Diskurse
über Rassismus, Nationalismus, Ethnozentrismus und Kolonialismus im Comic. Die sogenannte ‚neunte Kunst‘ bildet diese Stereotypen mit ihren charakteristischen ästhetischen Mitteln, also Text,
Bild und Bildfolge ab. Auf diesen drei Ebenen entwickelt sich im
jeweiligen Comic-Diskurs ein ganz spezifisches Stereotypeninventar heraus, dessen Elemente nicht selbstreferentiell sind, sondern
auf das nationale, rassische oder ethnische Andere verweisen.
Das Stereotyp des „Deutschen“ ist nur eines von vielen, die im
internationalen Comic zu finden sind. Es basiert, wie alle Stereotypen, auf einer Kombination von als typisch für eine bestimmte
Gruppe angesehenen Eigenschaften, in diesem Fall zumeist Militarismus, Organisationswahn, Kadavergehorsam usw. Diese stereotype Darstellungsweise existiert nicht nur intertextuell im Comic,
sondern liegt vielmehr intermedial, so z. B. auch im Film oder im
Computerspiel, vor. Allerdings ist sie nicht unbedingt interkulturell homogen, sondern das, was im europäischen oder US-amerikanischen Comic-Diskurs als typisch „deutsch“ gilt, kann im lateinamerikanischen oder im chinesischen als typisch „europäisch“
angesehen werden.
Mit Blick auf die Bilderwelten von Francisco Ibáñez, einer der
herausragenden Comic-Macher der Postmoderne, ist die stereotype Darstellung des „Deutschen“ und der Deutschen deswegen
besonders interessant, weil Ende der 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem Wegfall der franquistischen Zensur in Bilderwelten,
die bereits seit den 50er-Jahren existierten, erstmals offene Kritik
am ehemaligen franquistischen Regime und seinem Verbündeten
Deutschland möglich geworden war.
472
Das ursprüngliche Bild vom „Deutschen“ und den Deutschen
hat sich in den Comics von Ibáñez seit den 80er-Jahren deutlich
gewandelt. Aus dem faschistischen Staat der ideologischen Landkarte, dem Inbegriff des Bösen, wird ein geographisch, kulturell,
politisch und auch sprachlich erfahrbarer Raum. Die dadurch hinterlassene semantische Lücke im Diskurs wird zunehmend von
anderen stereotypen Figuren, wie z. B. dem lateinamerikanischen
Diktator oder dem Generalissimus selbst, besetzt.
Bemerkenswert erscheint die Rezeption des Stereotyps des Deutschen durch das deutsche Publikum über die Bilderwelten des
Spaniers Ibáñez, wobei offensichtlich die dunkle Seite der eigenen
nationalen Identität in Form einer Comic-Katharsis verarbeitet
wird.
Susanne Schütz (Halle)
Inodoro Pereyra, el renegau ‑ Anmerkungen zu einem argentinischen
Anti-Helden
Inodoro Pereyra, der gaucho macho y cabrío des argentinischen Comic-Zeichners und Schriftstellers Roberto Fontanarrosa, kommentiert seit mehr als 25 Jahren Geschichte, Kultur und Gesellschaft
Argentiniens. Während am Beginn seiner Veröffentlichungen die
Parodie anderer Diskurse im Zentrum der Comic-Produktion
Fontanarosas stand, erfolgte im Laufe der Jahre eine Hinwendung
zu zeitgenössischen Persönlichkeiten und Situationen des argentinischen Alltags sowie eine zunehmende Konzentration auf Situationskomik und Wortwitz.
Der Beitrag untersucht die erzählerische und zeichnerische Entwicklung der Comic-Serie nachzeichnen, intertextuelle Bezüge und
literarische Parodien (z.B. „Martin Fierro“ und J.L. Borges), Reflexionen sozialer Konflikte und Elemente der nationalen Identitätskonstruktion.
473
Liliana Ruth Feierstein (Buenos Aires/ Düsseldorf)
El Proceso: de Kafka a Oesterheld
Pero el hecho clave respecto de Kafka es el de que poseía una
terrible premonición, que veía – hasta el punto del detalle exacto
– acumularse el horror. „El proceso“ presenta el modelo clásico de
Estado de terror. (Georg Steiner)
Si El Proceso da nombre a una de las últimas e inconclusas obras de
Kafka, fue también la autodefinición de los militares argentinos
de su dictadura genocida: proceso de reorganización nacional. Los militares, quienes probablemente no leyeron al escritor judeocheco,
intuyeron el carácter inacabable de aquella palabra : pesadilla interminable.
En 1917, cuando Kafka se mudaba a la calle de los alquimistas de
Praga y se declaraba la tuberculosis en su cuerpo, nacía en Buenos Aires el que luego sería denominado « padre de la historieta
argentina » : Hector G. Oesterheld. Ambos autores, que escribieron obras muy diversas en muchos sentidos, compartieron el oído
aguzado para intuir el horror que se avecinaba en sus respectivas
sociedades, y sus dispositivos de poder. « Conrad, Beckett, Kafka,
no son sino algunos autores que se percatan de este momento de
transición que se ha iniciado desde el siglo pasado, y que conciben la deshumanización y el anonimato modernos como el desenlace de un proceso de vaciamiento del nombre propio », recuerda
Esther Cohen. Décadas después Oesterheld (d)escribirá el proceso
que se avecinaba sobre la sociedad argentina, e intentará – en una
última fase- combatirlo desde la historieta.
Mi ponencia se centrará en el análisis de El Eternauta, una obra
– como El Proceso – reescrita varias veces y que quedó inconclusa. Una historieta que, como el relato de El Castillo, describe con
precisión su escenario – no la Praga principios del siglo XX sino
las calles de Buenos Aires, instalando la narración y el horror en el
mundo cotidiano de los lectores.
« No había visto nunca mirada semejante. La mirada del hombre
474
que había visto tanto que había llegado a comprenderlo todo», dice
el narrador de El Eternauta al ver por primera vez a este viajero
del tiempo. Kafka y Oesterheld comprendieron antes que muchos
otros los tiempos por venir y fueron víctimas de estos totalitarismos.
Re-leerlos hoy es, para decirlo con Walter Benjamin, asistir a la cita
secreta que tenemos con las generaciones pasadas, es decir, ejercer
la justicia.
Ricardo Feierstein (Buenos Aires)
Estereotipos y racismo en la historieta argentina
En las últimas décadas existe un proceso de revalorización y de con­
sumo del género cómic. Ello ha dado lugar al nacimiento de una
estética de la historieta, como masivo lenguaje comunicativo y camino
para recuperar la imaginación que le falta a la novela actual. Y, por
otro lado, a su consideración como una concepción subliminal del mun­
do (como en los casos de Tarzán de los Monos o el Pato Donald).
Desde este ángulo, puede estudiarse la influencia del cómic en la
formación de estereotipos y corrientes de opinión, sobre todo entre las capas populares, que constituyen la mayoría de los consumidores. Los héroes de papel son figuras mentales que se inscriben en
el inconsciente colectivo. Guionistas y dibujantes tienen necesidad
de usar estereotipos para facilitar la lectura y el seguimiento de los
personajes, que deben ser esquemáticos y de fácil identificación.
También se sirven de convencionalismos y elipsis de tiempo y espacio, así como argumentos maniqueos, para la transmisión de este
género de lectura rápida, que admite pocas sutilezas expresivas.
Hemos rastreado el prejuicio en los contenidos latentes y manifiestos de algunos cómics contemporáneos latinoamericanos: la figura
del indio, el gaucho, el negro colonizado o sirviente, el gallego, el
militante político, el judío y el gitano, a través de diversos ejemplos.
Es una forma de construir la imagen del Otro, como mensaje encubierto de una trama de aventuras.
La contracara “existencial y humanista” de esta tendencia fue la
475
nueva historieta argentina de los años 50 y 60 del siglo pasado. Posibilitó nuevas maneras – humanistas, existenciales- de acercamiento al personaje y a sus conflictos, en especial, en los protagonistas
de guionistas y dibujantes como el germano-argentino Héctor G.
Oesterheld, el ítaloargentino Hugo Pratt, el maestro Alberto Breccia y el paraguayo-argentino Francisco Solano López. Algunos de
los personajes y situaciones analizados son Ernie Pike y la Segunda
Guerra Mundial, Sargento Kirk y la conquista del Oeste norteamericano, Ticonderoga y las tribus indígenas en la guerra de independencia de Estados Unidos, El Eternauta y las invasiones extraterrestres, Mort Cinder o Sherlock Time y los viajes en el tiempo, Bull
Rocket y los avances de la técnica y otros.
476
Sektion 26
Recherches récentes sur Gustave Flaubert en Allemagne
Leitung: Jeanne Bem / Uwe Dethloff (Saarbrücken)
Programm
Dienstag, 27.09.05
Présidence: Jeanne Bem
9.00 Uhr
Jacques Neefs (Paris)
Flaubert, le comique des idées
9.20 Uhr
Andrea Landvogt (Wurzbourg)
Caricature et citation
9.40 Uhr
Dorothea Kullmann (Toronto)
Narratologie et histoire littéraire (à propos de «Madame Bovary»)
10.00 Uhr
Discussion
Présidence: Jacques Neefs
14.00 Uhr
Sabine Narr (Sarrebruck)
Transgressions médiatiques: la relation entre texte et image chez Flaubert
14.20 Uhr
Monika Bosse (Bielefeld)
L’esthétique cinématographique à l’épreuve des romans de Flaubert
14.40 Uhr
André Stoll (Bielefeld)
Le parcours de l’icône: «Salammbô» revisitée
15.00 Uhr
Discussion
Présidence: Joseph Jurt
16.00 Uhr
Christine Ott (Marbourg)
La poétique alimentaire de Flaubert
16.20 Uhr
Jörg Dünne (Munich)
Pour un Flaubert ‚allemand‘: Poétique et pratique
de l’ascèse à partir de la «Correspondance»
477
16.40 Uhr
17.00 Uhr
Annette Clamor (Osnabruck)
À la recherche de l’autre: l’œuvre de jeunesse
comme mise en abyme d’une genèse artistique
Discussion
Mittwoch, 28.09.05
Présidence: Uwe Dethloff
9.00 Uhr
Gisela Haehnel (Cologne)
Charles Bovary - un personnage ‚dévalorisé‘
9.20 Uhr
Harald Nehr (Giessen)
«L’Éducation sentimentale» comme ‚livre sur
rien‘? La critique du romantisme par le ‚style‘
flaubertien
9.40 Uhr
Aurélie Barjonet (Sarrebruck / Paris)
Flaubert dans la presse, l’édition et la recherche allemandes (1985-2005)
10.00 Uhr
Discussion et conclusion
Abstracts
Jacques Neefs (Paris / Baltimore)
Flaubert, le comique des idées
Flaubert se proposait, avec Bouvard et Pécuchet, d’inventer un
«comique d’idées». Bouvard et Pécuchet, roman érudit, roman
philosophique, roman comique: dans le déroulement des épisodes
et dans le rythme des phrases se croisent volonté de savoir, désir
de certitude, contradictions et doute. Flaubert construit ainsi une
figure complexe de la catastrophe des idées en gestes, en postures et
en phrases. Faire de la prose narrative une dramaturgie comique, au
cœur même des théories et des pensées, pour déjouer les prétentions
d’autorité, est ce qu’accomplit Bouvard et Pécuchet… Mais cela éclaire
également de manière singulière les œuvres antérieures.
478
Andrea Landvogt (Würzburg)
Caricature et citation
Dans le roman Madame Bovary de Gustave Flaubert, la situation
énonciative est hétérogène : il existe une grande variété de procédés citationnels – dont la forme la plus fameuse est le « style
indirect libre ». Le paradigme du discours autre va des formes marquées (« discours direct » ou le « discours indirect »), en passant
par les formes polyphoniques dont l’énonciateur reste incertain,
jusqu’aux formes à peine marquées qui laissent seulement entrevoir un dédoublement des voix. Néanmoins, cette multitude de
techniques servant à rapporter les paroles d’autrui se distingue
par une structure commune: tous ces modes de citation sont à la
fois « reprise » et « modification ». Or, au XIXe siècle, nous avons
une autre forme d’art – non-verbale – dans laquelle nous trouvons cette structure de « reprise-modification »: c’est la caricature.
La communication cherchera à analyser de façon exemplaire dans
quelle mesure le procédé qui se trouve à l’origine de la caricature
graphique peut être comparé aux formes de citation dans Madame
Bovary. L’emploi libre et varié que Flaubert fait des formes du discours rapporté, tout en les accompagnant par d’autres stratégies
stylistiques (comme l’exagération ou le contraste), semble être une
réalisation très proche de la caricature graphique – sauf que Flaubert ne dessine pas avec des lignes tranchantes, mais avec des mots
tranchants.
Dorothea Kullmann (Avignon)
Narratologie et histoire littéraire (à propos de Madame Bovary)
On constate aujourd’hui, dans l’étude des littératures narratives
romanes, et surtout dans l’étude des romans du XIXe siècle, une
curieuse bipartition. Tout ce qui a trait à la structure narrative ou
aux procédés techniques n’est plus guère étudié que dans le cadre
de théories structuralistes, autrement dit, de systèmes terminolo479
giques et catégoriels anachroniques, et auxquels on attribue une
valeur plus ou moins absolue. En revanche, en ce qui concerne le
contenu ou l’idéologie, on observe, certes, une grande méfiance
à l’égard des notions de source et d’influence, mais pas de rejet
de la perspective historique en tant que telle. Or cette différence
n’a pas de raison d’être. Tout comme les éléments idéologiques,
les phénomènes communément étudiés par les narratologues
s’insèrent dans un contexte historique, que ce soit sur l’axe diachronique de l’histoire littéraire ou sur l’axe synchronique des idées
littéraires de chaque époque.
Flaubert apparaît comme le sujet d’expérience par excellence de
l’étude structuraliste. Pas une nouvelle théorie, ou variante de théorie, qui ne se sente comme obligée de s’essayer sur les textes flaubertiens.
On se propose donc de réinsérer la technique narrative de Flaubert
dans un contexte historique et de montrer, à partir de quelques
exemples, à quel point on risque de fausser l’interprétation, en négligeant ce contexte. On se concentrera sur l’exemple de Madame
Bovary et sur l’aspect diachronique. Seront traitées, entre autres, la
description, la subjectivité et la focalisation, la chaîne de motivation.
Sabine Narr (Saarbrücken)
Transgressions médiatiques: La relation entre texte et image chez Flaubert
L’œuvre de Gustave Flaubert est traversée par une relation fondamentale entre le médium textuel et le médium visuel. Cette
communication s’intéressera à l’œuvre de jeunesse de Flaubert
dans laquelle se manifeste la recherche d’un langage original et
authentique, au-delà des clichés. Jetant un regard sceptique sur la
langue et sur le médium textuel, Flaubert nourrit un vif intérêt
pour les beaux-arts qui exerceront une influence plus grande
encore sur ses œuvres ultérieures. Quels sont les enjeux de cette
nouvelle conscience de la médialité ? Qu’est-ce que cela implique
480
pour son esthétique ? La relation entre le texte flaubertien et
l’influence du médium visuel sera examinée dans les différentes
versions de La Tentation de saint Antoine : c’est surtout dans cette
« œuvre de toute [s]a vie » – d’après les mots de Flaubert – que
la question des médias prend une nouvelle dimension et devient
plus complexe. L’analyse des procédés et des techniques essayera
de montrer comment Flaubert réussit à transgresser les limites du
médium textuel et comment La Tentation contribue à la naissance
de la littérature moderne, ainsi que Michel Foucault le formule
dans son article « Un ‘fantastique’ de bibliothèque ».
Monika Bosse (Bielefeld)
L’esthétique cinématographique à l’épreuve des romans de Flaubert
A en juger d’après bon nombre de critiques flaubertiens, l’une des
qualités distinctives de cet inventeur d’une écriture de la modernité
consisterait à avoir laissé pressentir dans son écriture romanesque,
les procédés de représentation (ou de mise-en-scène) propres à la
technologie médiatique de l’avenir. En particulier, bien sûr, les procédés du cinéma, qu’il aurait anticipés, leur confiant l’articulation
consciente et réfléchie des pulsions de son imaginaire.
Partant de ce constat, mon propos sera, inversement, de m’interroger sur l’attitude adoptée par certains auteurs des versions cinématographiques des romans flaubertiens, face aux ressorts de cette
technique de visualisation jugée anticiper la leur. S’agirait-il là d’une
mise en pratique de l’esthétique de Flaubert, ou au contraire de
la substitution d’une autre, plus appropriée aux besoins de leurs
«images mouvantes»? Aurait-on donc à faire ici à une «école de
voir» nouvelle, capable de contester les acquis flaubertiens?
481
André Stoll (Bielefeld)
Le parcours de l’icône: «Salammbô» revisitée
Dressée en icône d’un pouvoir théocratique, Salammbô est exposée à tous les avatars que subit celui-ci au cours de l’histoire cernée
par le récit flaubertien. Évoluant dans l’interstice des collectivités
en conflit, son itinéraire lui fait traverser des lieux de rencontre,
qui s’avèrent être des carrefours de discours mythologiques et politiques tant occidentaux qu’orientaux. En nous arrêtant un instant
à l’un ou l’autre de ces points de croisement, nous essayerons donc
de dégager le rôle que l’auteur a réservé à l’agencement de son sujet
au niveau du conflit des civilisations (modernes, bien sûr).
Christine Ott (Marburg)
La poétique alimentaire de Flaubert
Cette contribution a pour but d’élucider les fonctions des métaphores alimentaires que Flaubert emploie pour décrire son œuvre,
sa manière de travailler ou encore un certain style d’écriture. Une
analyse de sa correspondance relève la présence de métaphores alimentaires pour presque chacun des aspects du processus de création littéraire. Le thème de la nourriture, au sens propre comme au
sens figuré, y occupe d’ailleurs une place centrale. Et très souvent,
on constate un glissement imperceptible du sens propre au sens
figuré, de l’aliment matériel à l’aliment spirituel – ou inversement.
Ainsi, il n’est pas toujours aisé de distinguer entre un usage con-scient, calculé, de la métaphore alimentaire, et un processus involontaire, par lequel l’„obsession alimentaire“ (Jean-Pierre Richard) de
Flaubert paraît envahir, comme une excroissance parasitaire, son
écriture épistolaire. Je suis toutefois d’avis que le thème alimentaire, chez Flaubert, relève surtout du désir calculé de créer un nouvel imaginaire du travail poétique. Cette conception affirme le côté
physique, aliénant, incontrôlable de l’écriture. La création littéraire
est perçue comme un processus mêlant inextricablement facteurs
482
physiques et intellectuels, volontaires et involontaires. Si Flaubert
choisit l’imaginaire de l’alimentation pour illustrer sa conception
du travail poétique, c’est parce que, instinctivement, il le trouve
apte à exprimer un processus de production des signes qui se réalise comme entre-dévoration du propre et de l’impropre.
Jörg Dünne (Munich)
Pour un Flaubert «allemand»: Poétique et pratique de l’ascèse à partir de la
Correspondance
Ma communication essaie de montrer comment la poétique
flaubertienne est profondément marquée par la notion d’ascèse
qui puise ses codes dans une longue tradition chrétienne et qui
est reprise au 19e siècle par des philosophes allemands comme
Schopenhauer et (dans un esprit critique) Nietzsche. Cette double
perspective «allemande» sur sa poétique risque de faire découvrir
un autre Flaubert, chez lequel la pratique ascétique sous-tend la
fameuse impersonnalité de l’écriture, pour faire apparaître un mode
moderne et indirect d’«écriture de soi» (Michel Foucault). Peutêtre la meilleure approche de cette poétique flaubertienne seraitelle la Correspondance, et notamment l’échange avec Mlle Leroyer
de Chantepie où Flaubert joue patiemment le rôle de directeur de
conscience vis-à-vis d’une vieille fille en mal de spiritualité. Loin
de se dresser face à Mlle Leroyer de Chantepie dans une position
de supériorité masculine (comme il le fait dans les lettres à Louise
Colet), Flaubert manifeste plutôt dans ces lettres une tendance à
l’auto-affection scripturaire, telle qu’elle apparaît dans les figures du
discours religieux. Selon mon hypothèse, la tendance “sentimentale”
ou bien “mystique” est essentielle dans la poétique de Flaubert,
conçue comme un programme ascétique d’auto-immunisation.
Quelques exemples de La Tentation de saint-Antoine et de Bouvard et
Pécuchet serviront à illustrer cette démarche.
483
Annette Clamor (Osnabrück)
À la recherche de l’autre: l’œuvre de jeunesse flaubertienne comme mise en
abyme d’une genèse artistique
Jusqu’à présent, l’œuvre de jeunesse de Gustave Flaubert se situe
surtout à l’ombre de ce qu’on appelle « les œuvres de la maturité »,
comme p.ex. Madame Bovary ou L’Éducation sentimentale. C’est pourquoi cette communication voudrait essayer d’y repérer quelques
implications esthétiques et montrer que la plupart de ces écrits de
jeunesse ne sont ni de « simples essais d’écriture » ni des copies de
modèles littéraires (trop) bien connus, mais qu’ils reflètent bien au
contraire les différentes phases de l’auto-constitution artistique de
leur auteur. Elles représentent une ,puberté littéraire’ qui l’a mené,
dès le début, à inventer une ,nouvelle’ esthétique de l’imaginaire
– celle-ci étant, en même temps, en dialogue permanent avec la
mémoire culturelle collective.
Gisela Haehnel (Cologne)
Charles Bovary - un personnage dévalorisé
Charles Bovary est considéré comme un des personnages les plus
irritants de Flaubert. Et les critiques ont toujours posé la fameuse
question du nous. Cette question contient en effet tout ce qui rend
énigmatique et incompréhensible ce personnage flaubertien. La clé
de déchiffrement se trouve dans le processus de dévalorisation.
La notion de dévalorisation - Entwertung en allemand - fait partie
de la théorie de la communication, telle qu’elle a été énoncée par
des scientifiques comme Paul Watzlawick, Janet H. Beavin, Don
D. Jackson. Ces théoriciens de la communication n’entreprennent
pas l’analyse du caractère de l’homme isolé, mais des interactions
interpersonnelles par lesquelles il est, pour ainsi dire, créé. S’il y a
dévalorisation, elle n’est donc pas le résultat d’un défaut de caractère
de la personne en question, mais l’effet d’un processus interactif qui a comme résultat la dévalorisation de cette personne. Cet484
te notion est donc une catégorie purement formelle, qui se comprend par analogie à la logique formelle. La dévalorisation n’est pas
un acte de non-confirmation ou de réprobation, elle représente
l’indécidabilité fondamentale de la valeur de cette personne. Par
conséquent, la personne dévalorisée pourra toujours être soumise à
des actes arbitraires définissant et redéfinissant ce qui serait «son»
existence, «sa» personnalité, «sa» vie. Ce qu’elle «est», la personne
dévalorisée ne le sera donc que dans la mesure où ceux qui ont le
pouvoir de le définir le lui concèdent.
En créant le personnage de Charles, Flaubert a introduit cette disponibilité pour toute sorte de jugements attributifs. C’est dans la
scène initiale que Flaubert établit le paradigme puissant qui va dominer tout le roman.
Harald Nehr (Gießen)
L’Éducation sentimentale comme « livre sur rien » ? La critique du
romantisme par le « style » flaubertien
Flaubert a-t-il jamais tenté de réaliser le projet du « livre sur rien » ?
Le roman qui va le plus loin dans cette direction, c’est L’Éducation
sentimentale. Ici, sa critique du romantisme est conçue de façon
complètement différente que dans Madame Bovary : après le roman
de l’adultère et de la désillusion, celui de la « passion inactive » – qui
est d’après Flaubert le trait caractéristique de sa génération postromantique, qualifié par lui-même de « sentimentalisme ». Voilà le
mot-clé du roman qui lie ses deux thèmes: la politique et la passion amoureuse. Le roman (dit « réaliste ») est en fait une analyse
et une critique du sentimentalisme. Cette analyse, comment fonctionne-t-elle ? Surtout par le « style », la « manière absolue de voir
les choses ». Il faut prendre Flaubert au mot: le style, c’est une écriture qui réalise – et donc qui fait voir – la conception de l’univers
romanesque. Dans les épisodes centraux, par des ambiguïtés au
niveau des références ou par le manque de référence, cet univers
romanesque s’avère comme créé avant tout par l’état d’esprit des
485
personnages. C’est le style même qui révèle finalement que la vision sentimentale des héros, comme celle de l’époque – et donc le
sujet du roman entier –, se fonde sur un vide. Le désir, la passion
et leurs discours sont littéralement sans objet.
Aurélie Barjonet (Sarrebruck / Paris)
Flaubert dans la presse, l’édition et la recherche allemandes (1985-2005)
Quel est l’état actuel de la réception critique allemande de l’œuvre
de Flaubert ? Si la première réception critique fut timide voire réticente dans une Allemagne encore idéaliste, l’évolution de la littérature, la diversification des goûts des lecteurs au XXe siècle ainsi
que les propos des grands romanciers allemands du début du XXe
siècle ont fait entrer Flaubert dans le « canon étranger des grands
romanciers français du XIXe siècle ».
L’établissement de trois bibliographies devrait nous permettre
d’esquisser l’image de Flaubert dans l’espace germanophone de ces
vingt dernières années. Le connaît-on surtout comme l’auteur de
Madame Bovary ou comme celui de L’Éducation sentimentale ? Quelles
œuvres sont mises en avant et lesquelles sont négligées ? La liste
des œuvres les plus reçues change-t-elle en fonction du type de récepteur (journaliste, éditeur/traducteur, universitaire) ? Quel sort
est réservé aux titres de ses œuvres ? Que peut-on en déduire sur le
plan de la réception ? La communication tentera de répondre à ces
questions et plus généralement de dégager les tendances principales de la réception de Flaubert en Allemagne (personnes, œuvres,
moments, événements). Le corpus constituera un outil précieux
pour les chercheurs.
486
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07.04.2005
14:32 Uhr
Seite 1
Deutsch-französischer
Wissenstransfer
Dokumente
Zeitschrift für den deutschfranzösischen Dialog
Hrsg.: Gesellschaft
für übernationale
Zusammenarbeit e. V.
Redaktion:
Prof. Dr. Johannes Thomas
(Chefredakteur)
Silke Stammer, Dipl. GDFS
6 Ausgaben pro Jahr
Jahresabonnement 18,90 €
zzgl. Versandkosten
issn 0012-5172
Die Fachzeitschrift, in der Kernfragen der deutsch-französischen Zusammenarbeit
von Sachkennern analysiert und diskutiert werden.
Dokumente informiert über die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen
Strömungen in Frankreich sowie über zentrale Fragen der deutsch-französischen
Zusammenarbeit.
Ausführliche Infos finden Sie unter www.zeitschrift-dokumente.de.
Ihre Bestellmöglichkeiten: W. Bertelsmann Verlag, Postfach 10 06 33, 33506 Bielefeld
Tel.: (05 21) 9 11 01-12, Fax: (05 21) 9 11 01-19, E-Mail: [email protected], Internet: www.wbv.de
W. Bertelsmann Verlag
Fachverlag für Bildung und Beruf
Sektion 27
Deutschland - Frankreich in Europa. Dynamik eines
‚transnationalen’ kulturellen Feldes um 1945
Leitung: Patricia Oster-Stierle / Hans-Jürgen Lüsebrink
(Saarbrücken)
Programm
Montag, 26.09.05
9.00 Uhr
Frank-Rutger Hausmann (Freiburg)
Die deutsch-französische Kulturpolitik im Zweiten Weltkrieg: Das Deutsche Institut Paris, der
Kriegseinsatz der deutschen Geisteswissenschaften und die Europäische Schriftstellervereinigung
(ESV)
9.45 Uhr
Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford)
Wem gehört die Kultur der Jahre nach 1945? Am
Beginn eines Buchprojekts
14.00 Uhr
Rainer Hudemann (Saarbrücken)
Interkulturelle Felder unter Besatzungsbedingungen? Zu französisch-deutschen Kommunikationsund Konzeptionsstrukturen nach 1918 und 1945
14.45 Uhr Hans T. Siepe (Düsseldorf)
Besetztes Paris, besetztes Deutschland – ein doppelter Blick von Albert Camus
16.00 Uhr Michel Espagne (Paris)
Les germanistes de l’ENS-Ulm de 1935 à 1955
16.45 Uhr Martin Strickmann (München)
Französische Intellektuelle als deutsch-französische Mittlerfiguren 1944-1950
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr Karlheinz Stierle (Konstanz)
488
Deutsch-französische Dialoge
Dorothee Röseberg (Halle-Wittenberg)
“Ici la France„ – eine Stimme Frankreichs in den
Gründerjahren der DDR 14.00 Uhr Fritz Nies (Düsseldorf)
La France et l’Allemagne dans l’Europe. Romane
und anderes (1942-54)
14.45 Uhr
Michel Grunewald (Metz)
Un témoin engagé de la renaissance de
l’Allemagne, Robert d’Harcourt et les Allemands’
16.45 Uhr Herbert Schneider (Saarbrücken)
Französische Musiker und Intellektuelle bei den
Darmstädter „Internationalen Ferienkursen für
neue Musik“
9.45 Uhr Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr 9.45 Uhr Jacques Walter (Metz)
Le camp de la Neue Bremmm.: mémoire et médiation
Christoph Vatter (Saarbrücken)
Berührungspunkte nationaler Erinnerungskulturen: Der Oradour-Prozess im Spiegel der Medien
in Deutschland und Frankreich
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr Filippo Ranieri (Saarbrücken)
Juristische Kultur und der Dialog zweier Rechtssysteme. Kommunikation und Nichtkommunikation
zwischen deutschen und französischen Juristen
nach dem 2. Weltkrieg.
9.45 Uhr
Patricia Oster-Stierle (Saarbrücken)
Die Zeitschrift als Ort der Konstitution eines
‚transnationalen’ kulturellen Feldes: Lancelot, der
Bote aus Frankreich und Die Wandlung
489
Abstracts
Frank-Rutger Hausmann (Freiburg)
Die deutsch-französische Kulturpolitik im Zweiten Weltkrieg: Das Deutsche
Institut Paris, der Kriegseinsatz der deutschen Geisteswissenschaften und die
Europäische Schriftstellervereinigung (ESV)
Seit mehreren Jahren beschäftige ich mich mit sog. Netzwerkforschung im ,Dritten Reich’. Netzwerke waren von einem oder mehreren NS-Ministerien initiierte, koordinierte, finanzierte und beaufsichtigte Verbünde, die der Verbreitung der damals vom Regime
gewünschten und geförderten Kulturpolitik dienten. Diese schloss
die Pflege der deutschen Sprache, Kunst, Literatur, Wissenschaft
usw. ein und sollte nach Kriegsausbruch der Schaffung eines NeuEuropa genannten Großraums dienen. In meinem Vortrag werden
die Ergebnisse von mehreren Monographien der letzten Jahre resümiert, die unterschiedliche Netzwerke in den Blick nehmen, die
sich vornehmlich mit Frankreich befassten: Das Deutsche (Wissenschaftliche) Institut in Paris unter Leitung von Karl Epting, den
Kriegseinsatz der deutschen Romanisten im Rahmen eines allgemeinen Kriegseinsatzes unter Führung von Fritz Neubert (Breslau) und diverse europäische Schriftstellertreffen in Weimar, die,
was Frankreich angeht, von Gerhard Heller von der Propagandastaffel der Wehrmacht in Paris organisiert wurden. Hinzu kommen
diverse andere Aktivitäten, an denen vor allem deutsche Hochschulromanisten beteiligt waren (Deutsche Akademie in München,
Gastvorträge, Gefangenenuniversitäten usw.). Eingehen möchte
ich auch auf die Rezeption, die meine Arbeiten erfahren haben
und die höchst unterschiedlich ausgefallen ist.
490
Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford)
Wem gehört die Kultur der Jahre nach 1945? Am Beginn eines
Buchprojekts
Lange Zeit, spätestens seit den „kulturrevolutionären“ Jahren um
1968 stand das Nachkriegsjahrzehnt im Abseits unseres intellektuellen Interesses. Es galt - im Vergleich etwa zu den 1920er Jahren
- als zweitrangig, „restaurativ,“ ja es wirkte wie ein schwer erklärbarer „Rückschritt“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Nun scheint
sich die Perspektive zu wandeln - Ansätze zu einer Sartre-Renaissance sind nur ein Symptom in dieser Hinsicht. Unklar bleibt freilich, welche Qualitäten, Interessen und Fragen es sind, die eine
neue Faszination für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst haben. Sind wir einer neuen Genealogie für die intellektuelle
Situation unserer eigenen Gegenwart auf der Spur?
Rainer Hudemann (Saarbrücken)
Interkulturelle Felder unter Besatzungsbedingungen? Zu französischdeutschen Kommunkations- und Konzeptions-strukturen nach 1918 und
1945
Deutsch-französische Kommunikation und Kooperation hat, so
die These, im 20. Jahrhundert stets in einem Spannungsverhältnis
von belastenden und konstruktiv-voranweisenden Faktoren gestanden. Ein solches Spannungsverhältnis konnte auch dann, wenn
es unter besonders konfliktreichen Bedingungen begann, langfristig konstruktive strukturelle Wirkungen zeitigen. Umgekehrt blieben auch scheinbar unproblematische Zeiten nur selten frei von
grundlegenden Konflikten. Ausgehend von den konkreten Situationen der französischen Besatzungen in Deutschland nach den beiden Weltkriegen, soll eine typologisierende Strukturierung dieses
„interkulturellen Feldes“ versucht werden.
491
Hans T. Siepe (Düsseldorf)
Besetztes Paris, besetztes Deutschland – ein doppelter Blick von Albert
Camus
In der Werkausgabe der „Essais“ von Camus (Ed. de la Pléiade) gibt
es einen kleinen Text mit dem Titel „Les Silences de Paris“, in dem
er von seinem gleichnamigen Hörspiel spricht, das am 30. April
1949 erstmals von der Radiodiffusion Française gesendet wurde.
„Il n’existe pas de bande sonore de l’émission elle-même“, ist dort
auch vermerkt; der Text ist bis heute unpubliziert, doch liegen mir
das französische Sendemanuskript in einer Kopie sowie deutsche
Hörspielfassungen aus den Jahren 1963 und 1973 vor. Camus thematisiert hier die deutsche Besatzungszeit und die Reaktionen der
Franzosen, dies alles auch mit Bezug auf den „après-guerre“.
Wenig bekannt war bislang auch ein Text von Camus, den er
unmittelbar nach dem Waffenstillstand im Juni 1945 als Ergebnis
einer Deutschlandreise unter dem Titel „Images de l’Allemagne
occupée“ verfasst hat.
Mein Vortrag widmet sich diesem doppelten Blick aus der Nachkriegszeit auf deutsch-französische Erfahrungen.
Michel Espagne (Paris)
Les germanistes de l’ENS-Ulm de 1935 à 1955
L’Ecole normale supérieure de la rue d’Ulm est un lieu traditionnel
d’ouverture scientifique à l’Allemagne dont la présence est par
exemple sensible dans de nombreux secteurs de la bibliothèque,
de l’histoire à l’archéologie. Il est d’autant plus intéressant de se
concentrer sur le petit groupe de spécialistes de l’Allemagne issus
de ce contexte qui ont été confrontés avec les signes précurseurs,
le déroulement ou les conséquences immédiates de la guerre. Des
contradictions entre les survivants des tranchées de 1914 (Maurice
Boucher) et les jeunes recrues tentées par la résistance (Bertaux),
entre les Alsaciens et les Français de l’intérieur, entre les élèves
492
Juifs, plus directement menacés, et les autres, les souvenirs des
séjours accomplis dans l’Allemagne nazie ou dans l’immédiat
après guerre décrivent un espace d’appropriation académique de
l’Allemagne sur lequel reposeront longtemps les études allemandes
en France. On essaiera de voir également la relation entre les
sujets de recherche choisis par les élèves pour se qualifier et leur
expérience de l’Allemagne dans des temps de crise.
Martin Strickmann (München)
Französische Intellektuelle als deutsch-französische Mittlerfiguren 19441950
Das historisch-politische Umfeld für Initiativen zum Neubeginn
eines deutsch-französischen Dialogs zur Verständigung erscheint
nach 1944/45 auf den ersten Blick ungünstiger denn je, da Frankreich mit der Niederlage vom Juni 1940 und der anschließenden
Okkupation die wohl schwierigste Periode seiner Geschichte zu
durchschreiten hatte. Entsprechend vertrat Frankreich nach traditioneller Auffassung nach 1944/45 zunächst eine Dominanzpolitik
gegenüber dem nun besetzten Deutschland.
Andererseits erkannten zahlreiche französische Intellektuelle frühzeitig die Aporien dieser Neuauflage einer restriktiven Sicherheitspolitik. Während faschistische und kollaborierende Intellektuelle
nach der Libération 1944 weitgehend der Epuration zum Opfer
fielen, finden sich demgegenüber zahlreiche französische Intellektuelle aus attentisme, Résistance littéraire und dem Exil, die, besonders mit dem Topos der Mitverantwortung und générosité des
„Siegers“ argumentierend, für eine durchgreifende Demokratisierung und zum Teil sogar spätere Integration (West-)Deutschlands
als Allemagne nouvelle in ein geeintes Europa plädierten.
Die Haltungen französischer Intellektueller als deutsch-französischer Mittlerfiguren manifestierten sich auf dreierlei Weise:
Erstens in Form von Diskursen in Zeitungen und Zeitschriften
sowie auf Vortragsreisen durch die französische Besatzungszo493
ne. Zweitens als offizielle und private Initiativen u.a. in Zusammenhang mit der Kulturpolitik in der französischen Zone durch
Verständigungs-Organisationen wie „BILD“, das Comité français
d´échanges avec l´Allemagne nouvelle oder die Groupe d´études
allemandes und deren umfangreiche Aktivitäten. Drittens durch
ihre persönlichen Biografien und Netzwerke, so dass in diesem
Beitrag auch sociabilité und itinéraires der Intellektuellen innerhalb
des transnationalen kulturellen Feldes in ihrer Dynamik nachgezeichnet werden sollen.
Karlheinz Stierle (Konstanz)
Deutsch-Französische Dialoge
War der seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts entstandene DeutschFranzösische Dialog ein Mittel, die wachsenden deutsch-französischen Spannungen abzubauen oder zu mildern, oder diente er,
trotz allen guten Willens, der in diesen Dialog investiert wurde,
strukturell eher zur Vertiefung dieser Spannungen? Hat der Diskurs einer transnationalen Verständigung unterschwellig Anteil an
der Befestigung eines gegenläufigen Diskurses der Wesensdifferenz? An relevanten Markierungspunkten soll diese Frage bis zum
Erlöschen des Deutsch-Französischen Dialogs verfolgt werden.
Dorothee Röseberg (Halle-Wittenberg)
„Ici la France“ – eine Stimme Frankreichs in den Gründer-jahren der
DDR
Grundfragen der Sektion, wie die nach einem möglichen Energiepotential für die Konstitution eines transkulturellen Feldes um 1945
und biografische Profile zeittypischer Vermittlerfiguren werden für
die spezifischen Bedingungen in der SBZ und für die Gründerjahre der DDR am Beispiel des Mediums Schule untersucht. Auf der
Grundlage von Archivstudien und Interviews mit Zeitzeugen wird
die Entstehung des ersten Französischlehrwerks „Ici la France“,
deren Verfasser nach dem Krieg unmittelbar aus Frankreich in die
494
DDR wechselten, nachgezeichnet. Zu debattieren ist dabei nicht
nur der Gestaltungsspielraum der Autoren unter der Aufsicht der
sowjetischen Militärkommandantur, sondern auch die Frage nach
den im Verlauf der 1950er Jahre entstehenden neuen Bedingungen,
die diesem Versuch des Aufbaus eines transkulturellen Feldes ein
Ende bereiten.
Fritz Nies (Düsseldorf)
La France et l’Allemagne dans l’Europe. Romane und anderes (1942-54)
In einigen beispielhaft vorgestellten französischen Romanen und
expositorischen Texten aus der unmittelbaren Nachkriegszeit werden Umrisse unterschiedlicher Europa-Konzepte sichtbar. Einerseits bleibt die nationalsozialistische Vision des von Deutschland
dominierten Kontinents noch immer obsessiv präsent. Andererseits zeichnet sich bereits das Bild eines künftigen Nachkriegseuropa ab. Manche aufgeworfenen Fragen (etwa die nationaler und
transnationaler Leitwerte, der geographisch-kulturhistorischen
Kohärenz) blieben bis heute überraschend aktuell.
Michel Grunewald (Metz)
Un témoin engagé de la renaissance de l’Allemagne. Robert d’Harcourt et les
Allemands (1945-1955)
Le germaniste Robert d’Harcourt (1881-1965), titulaire de la chaire
de littérature et de langue allemandes à l’Institut catholique de
Paris, avait été parmi ses pairs l’un des ceux qui mirent en lumière
avec le plus de constance les dangers que faisait courir à l’Europe
et au monde le régime national-socialiste.
Après avoir participé à la Résistance en mettant notamment sa
plume au service du réseau « Témoignage chrétien », il reprit son
activité d’observateur de l’Allemagne à visage découvert dès janvier
1945. Pendant les vingt années qui suivirent, il publia dans Etudes,
La Croix, Dokumente, La Revue de Paris, Le Figaro etc. plus de
495
250 articles qu’il regroupa ensuite dans 8 ouvrages, dont 6, parus
entre 1945 et 1955, font l’objet de la présente étude.
Ces ouvrages destinés au public français constituent le fruit d’observations faites sur le terrain et de la fréquentation d’étudiants,
d’intellectuels, d’hommes politiques et de journalistes souvent
proches des milieux catholiques et de la démocratie chrétienne
naissante.
La méthode qu’utilise Robert d’Harcourt ne varie pas au fil des livres
publiés : à travers la présentation de témoignages et l’exploitation
de publications qu’il cite souvent en abondance, il incite ses lecteurs
à se forger une opinion de leurs voisins. Tout en prenant largement
appui sur des représentations très répandues à l’époque, sa perception des Allemands n’est pas figée et se modifie au fil de l’évolution
de l’Europe et de l’Allemagne.
Les premiers ouvrages dont il est question ici, Comment traiter
l’Allemagne et Le nazisme peint par lui-même (1946), constituent des
tentatives d’explication du phénomène nazi destinées au grand public et à la jeunesse estudiantine; fortement empreints de l’émotion
suscitée par les crimes nazis, ils présentent le phénomène hitlérien
comme l’aboutissement de l’histoire allemande.
L’ouvrage qui leur fait suite, Visage de l’Allemagne actuelle (1948),
propose lui aussi un tableau brossé sans concessions, mais laisse
percevoir une inflexion du discours de l’auteur envers une partie
des Allemands – qu’il estime néanmoins très minoritaire – et marque déjà, à travers le choix des témoignages retenus, le désir de
se projeter dans un avenir commun aux Allemands et aux autres
Européens. En exprimant ces espoirs timides, Robert d’Harcourt
se fait l’interprète auprès des Français des efforts d’un certain nombre d’intellectuels – en majorité catholiques – qu’il côtoie régulièrement depuis 1945.
C’est également le cas dans les trois ouvrages qu’il publie entre la
naissance de la République fédérale et 1955, Visage de l’Allemagne
actuelle (1950), L’Allemagne est-elle inquiétante ? (1954) et Konrad
496
Adenauer (1955). Ici, tout en restant prudent et en continuant à
recourir à une série de stéréotypes connus, d’Harcourt exhorte ses
lecteurs à donner leur chance aux Allemands, surtout après les élections de 1953 qui prouvent à ses yeux que Bonn n’est pas Weimar.
Pour lui, la situation de la nouvelle Allemagne est certes loin d’être
stabilisée et il ne masque pas certaines craintes à long terme ; mais
il estime aussi que la construction de l’Europe doit permettre de ne
pas transformer en obsession la vigilance nécessaire vis-à-vis d’un
peuple qui doit encore confirmer sa conversion à la démocratie.
Herbert Schneider (Saarbrücken)
Französische Musiker und Intellektuelle bei den Darmstädter
„Internationalen Ferienkursen für neue Musik“
René Leibowitz, Olivier Messiaen und Pierre Boulez sind die heute bekanntesten Franzosen, die seit den späten 1940er Jahren in
Darmstadt lehrten. Dort trafen sich bis 1970 in jedem Jahr die wichtigsten Vertreter der internationalen Nachkriegsmoderne der Neuen Musik, um zunächst an die während der Naziherrschaft verbotene Musik anknüpfend neue Konzepte der zeitgenössischen Musik
und des Musiktheaters zu entwickeln. Dort entstand ein internationales Netzwerk der zeitgenössischen Musik, das Komponisten,
Interpreten, Theoretiker und Kritiker einschloss. Die in Darmstadt
geführten Diskussionen und Aufführungen beeinflussten und befruchteten die Musikentwicklung in allen europäischen Ländern,
aber auch in Amerika und Asien. In meinem Referat soll besonders
die Präsenz der französischen Komponisten, Interpreten, Kritiker
und Studierenden, die von ihnen ausgehenden Anstöße zur Entwicklung der Neuen Musik und die aus den Darmstädter Kursen
entstehenden internationalen Beziehungsgeflechte auf dem weiten
Feld der Musik aufgezeigt werden.
497
Jacques Walter (Metz)
Le camp de la Neue Bremm : mémoire et médiatisation
En 2001, à l’initiative du Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA), est publié un recueil bilingue (français/allemand) – „Dans le purin jusqu’aux épaules. Témoignages d’anciens
déportés au camp de concentration de la Nouvelle Brême“ – regroupant des témoignages d’anciens détenus français du camp de
la Neue Bremm. Sachant que ces témoignages n’ont pénétré que
tardivement la sphère publique (années soixante-dix), nous nous
proposons de mettre au jour le contexte et les modalités de leur
émergence, puis de leur mise à disposition. D’abord, nous retracerons les étapes qui, de 1945 à la période contemporaine, caractérisent la transformation d’un fait historique en cause publique,
et ce en tenant compte d’une pratique mémorielle différenciée de
chaque côté de la frontière.
Le rôle des médias ainsi que celui des acteurs privés, associatifs
et/ou institutionnels seront analysés afin de comprendre les enjeux
qui affleurent dans cette production testimoniale et leurs effets sur
celle-ci. Ensuite, nous serons attentifs aux procédés de mise en récit du témoignage – hors texte, hiérarchisation des thèmes abordés,
choix des témoins, type de sollicitation – pour mettre en évidence
les caractéristiques d’une dynamique testimoniale transfrontalière.
Finalement, les témoignages sur le camp de la Neue Bremm sont
non seulement une source d’information sur l’histoire d’un camp,
mais aussi sur l’inscription sociale et politique de la mémoire de ce
dernier, dans un contexte où interviennent tant les relations franco-allemandes que l’idée que ces relations ont un rôle à jouer dans
la construction européenne.
498
Christoph Vatter (Saarbrücken)
Berührungspunkte nationaler Erinnerungskulturen: Der Oradour-Prozess
im Spiegel der Medien in Deutschland und Frankreich
Beim Massaker von Oradour-sur-Glane am 10. Juni 1944 ermordeten Angehörige der SS-Division „Das Reich“ 642 Menschen
– fast die gesamte Bevölkerung des Dorfes, darunter Frauen und
Kinder. Bereits im Kontext der Libération, wenige Wochen nach
dem Massaker, wurden Anstrengungen unternommen, die Ruinen
des zerstörten Dorfes als „village-martyr“ als Sinnbild für die von
den Besatzern begangenen Grausamkeiten zu erhalten und zum
Ort der Erinnerung zu machen. Oradour trug so maßgeblich zur
Formung der nationalen Erinnerung Frankreichs an die deutsche
Besatzungszeit als ein im Widerstand geeintes Land bei, in der die
Kollaboration konsequent ausgeblendet wurde.
Der Prozess gegen die Täter von Oradour im Januar 1953 in
Bordeaux stellte diese Erinnerungskultur jedoch massiv in Frage:
Unter den 21 Angeklagten befanden sich auch 14 Franzosen, die
meisten davon „malgré-nous“, Zwangsrekrutierte aus dem Elsass.
Die Aussicht auf deren Verurteilung führte zu starken Protesten
im Elsass, bis hin zur Drohung mit Abspaltung. So wird acht
Jahre nach Kriegsende die Trennung der kollektiven Gedächtnisse
in französisches Opfer- und deutsches Tätergedächtnis in Frage
gestellt; erstmalig seit der „épuration“ zeichnet sich in Ansätzen ein
transnationaler Erinnerungsraum ab, was anhand der zeitgenössischen Berichterstattung in deutschen und französischen Medien
die Rezeption des Oradour-Prozesses in Hinblick auf seine Bedeutung für die jeweilige nationale Erinnerungskultur analysiert werden
soll. Ein besonderer Schwerpunkt soll dabei auf der Vermittlung
dieses Ereignisses durch die französisch geprägten Medien im
Saarland liegen.
499
Filippo Ranieri (Saarbrücken)
Juristische Kultur und der Dialog zweier Rechtssysteme. Kommunikation
und Nichtkommunikation zwischen deutschen und französischen Juristen
nach dem 2.Weltkrieg
Die kulturelle Kommunikation zwischen deutschen und französischen Juristen war in den letzten zwei Jahrhunderten nicht leicht.
Im Zentrum des Vortrags steht die Präsentation eines Forschungsprojekts, welches sich mit den tieferen historischen und methodologischen Gründen für solche Verständigungsprobleme befassen
will. Das Thema wird insbesondere aus der Perspektive des Privatrechts beleuchtet. Der hier skizzierten Frage liegen also nicht die
Unterschiede des materiellen Rechts zugrunde, welche zwischen
deutschem und französischem Privatrecht durchaus beträchtlich
sind. Im Vordergrund stehen vielmehr die unterschiedlichen Denkund Argumentationsweisen der deutschen und französischen Juristen, ihr Verständnis von Recht und Rechtswissenschaft, was
nicht zuletzt auch bereits in den unterschiedlichen Formen der
Didaktik bei der Juristenausbildung in beiden Ländern sichtbar
wird. Die Entfremdung zwischen französischen und deutschen
Zivilrechtslehrern beginnt bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, als
die Professoren des Römischen Rechts an den deutschen Rechtsfakultäten eine völlig neue Zivilrechtstheorie entwickeln, welche
später prägend für die deutsche Kodifikation des BGB im Jahre
1900 werden wird. Von dieser Entwicklung bleibt, wenigstens z.T.,
das damalige französische Zivilrecht ausgeschlossen. Bis heute
bleibt das französische Zivilrecht deshalb, im Vergleich mit dem
Recht der deutschen Zivilrechtsdogmatik, in Anlage und Methode wesensverschieden. Man kann sich fragen, ob sich diese Entfremdung nach dem 2. Weltkrieg verstärkt hat, oder ob umgekehrt
in den 40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts neue
Formen der kulturellen Kommunikation zwischen deutschen und
französischen Privatrechtlern gefunden wurden. Zu denken wäre
hier an werkbiographische Untersuchungen etwa zu den deutschen
500
Mitgliedern der „Association Henri Capitant pour la diffusion de
la culture juridique française dans le monde“ nach 1945. Erwähnenswert ist, dass deutsche Rechtsprofessoren bereits Anfang der
50er Jahre zu Gastvorträgen in Paris eingeladen wurden. In diesen
Zusammenhang gehört ebenso die Ausstrahlung der deutschen
Rechtstheorie, etwa in der vielbeachteten Thèse von Jan Motulsky,
„Principes d’une réalisation méthodique du droit privé (la théorie
des éléments générateurs des droits subjectifs)“, welche im Jahre
1948 in Paris publiziert wurde. Die Quellen und die Ideen von
Motulsky wurzeln in der deutschen rechtstheoretischen Tradition.
In diesen Zusammenhang gehört es auch, der Frage nachzugehen,
inwieweit das deutsche Zivilrecht und das BGB in Frankreich in
den ersten Nachkriegsjahren zur Kenntnis genommen wurden,
beispielsweise bei den Arbeiten der damaligen Kommission von
Juliot de la Morandière bei der geplanten Reform des Code civil
(1947-1955). Schließlich gehört auch die Gründung einer französischen Faculté de droit in Saarbrücken Anfang der 50er Jahre bei
der damaligen Neugründung einer französischen Universität auf
deutschem Boden dazu. Bei den Diskussionen und den Auseinandersetzungen um die Fortsetzung des französischen Rechtsstudiums an der Universität des Saarlandes nach 1955 wurde das kulturelle Klima zwischen den zwei Juristengenerationen sichtbar. Die
aufgeworfenen Fragestellungen gehören in den größeren Zusammenhang, inwieweit in den Nachkriegsjahren in Kontinentaleuropa auch die Juristen eine transnationale Kommunikation gepflegt
haben, und hier insbesondere, ob und in welchem Umfang auch
eine kulturelle Verständigung zwischen deutschem und französischem Recht stattfand.
501
Patricia Oster-Stierle (Saarbrücken)
Die Zeitschrift als Ort der Konstitution eines ‚transnationalen’ kulturellen
Feldes: Lancelot, der Bote aus Frankreich und Die Wandlung
Welche Rolle spielt die Zeitschrift für die Konstitution eines transnationalen kulturellen Feldes? Jenseits der statischen imagologischen Fragestellung soll die Dynamik des deutsch-französischen
Dialogs in einem zentralen Organ französischer Kulturpolitik, das
in der Zeit von 1946 bis 1951 erschien, in den Mittelpunkt gestellt
werden. Nicht das zum Ausdruck kommende Deutschland- oder
Frankreichbild soll im Zentrum der Untersuchung stehen, sondern
geistige Prozesse, die sich im sprachlichen Handeln der höchst facettenreichen Beiträge realisieren. Gerade die Frage nach der Konstitution eines ‚transnationalen’ kulturellen Feldes lenkt den Blick
auf die Archäologie eines kulturellen Diskurses, der Weichen gestellt hat. Wie behauptet sich eine Zeitschrift in einem kulturellen
Feld? Wie trägt sie zum kulturellen Fundus bei? In welcher Weise
wird ein struktureller Boden für eine neue Form der Verständigung
geschaffen? Lancelot, der Bote aus Frankreich, führt die Deutschen an einen französisch definierten Kulturbegriff heran. In
einem ritterlichen „pacte de générosité“, der zweifellos auch in der
Bezugnahme auf den Ritter der Tafelrunde konnotiert ist, werden
den Deutschen in einer Zeit der Orientierungslosigkeit neue Sinnbezüge vermittelt. Ein ‚transnationales’ kulturelles Feld aus französischer Perspektive konstituiert sich in einem dynamischen Dialog
zwischen den einzelnen Beiträgen. Dabei handelt es sich zugleich
um einen intermedialen Dialog, in dem Texte, Bilder und Filme
in ein Verhältnis treten. Um das sich im Lancelot konstituierende
‚transnationale’ kulturelle Feld auch aus deutscher Perspektive zu
beleuchten, soll der erste, 1946 erschienene Band der Zeitschrift
Lancelot mit dem Jahrgang 1946 der Zeitschrift Die Wandlung konfrontiert werden. Wie reagiert eine deutsche Zeitschrift mit europäischem Horizont auf die Kulturnation Frankreich? Welche neuen
Sinnbezüge werden in Deutschland angesichts der Orientierungs502
losigkeit gesucht? Welche Autoren stehen hier im Vordergrund?
Wie unterscheidet sich eine deutsche europäische Perspektive von
der französischen Kulturpolitik in Deutschland?
Hans Ulrich Gumbrecht
Karlheinz Stierle
Dimensionen und Grenzen
der Begriffsgeschichte
Ästhetische Rationalität
2005. ca. 200 Seiten, Kart.
ca. € 26,90/sFr 47,10
ISBN 3-7705-3694-0
1997. 519 Seiten, 15 Abb., Franz. Broschur
€ 44,-/sFr 74,80
ISBN 37705-3134-5
Reihe: Bild und Text
Entstanden in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts aus der historischen Semantik und als Nebenschauplatz einer programmatisch orientierten
Untersuchungs- und Reflexionskultur hat sich die
Begriffsgeschichte in den epistemologischen Bedingungen der 70er und 80er Jahre beinahe
unbemerkt zum dominanten Paradigma der
Geisteswissenschaften in Deutschland entwickelt. Unter der Dominanz der Hermeneutik und
des neohistorischen Stils liess sich sogar – mindestens im Stil einer provozierenden Geste –
der maximalistische Anspruch vertreten, dass
Begriffsgeschichte deckungsgleich sei mit jener
historischen Arbeit schlechthin, welche nicht unter
den Verdacht philosophischer Naivität fiele.
Im ersten Rückblick lässt sich heute die doppelte
Frage stellen nach einerseits den vergangenheitserschließenden Leistungen der Begriffsgeschichte sowie andererseits jenen Interessen an
der Vergangenheit, denen Begriffsgeschichte
prinzipiell nicht genügen kann.
Kunstwerk und Werkbegriff
Die Moderne hat gelernt, sich die Destruktion
zu ihrer Muse zu machen und sich auf das
Fragmentarische, das Unabgeschlossene oder
Vieldeutige als Medium einer neuen Kunst einzulassen und dafür zugleich neue Zugänge des
Verstehens zu eröffnen.
Am Ende stellt sich aber die Frage, ob damit
nicht auch der Weg in eine ästhetische Partikularität angetreten wurde, die schließlich dem
Ästhetischen selbst den Boden entziehen musste.
So könnte sich die Verabschiedung des Werkbegriffs, die einst mit Umberto Ecos Opera
aperta programmatisch eingeleitet wurde, als
vorschnell erweisen.
Wilhelm Fink Verlag München
Jühenplatz 1- 3 • 33098 Paderborn • www.fink.de
Sektion 28
Eros – Zur Ästhetisierung eines (spät)antiken Philosophems in
Neuzeit und Moderne
Leitung: Maria Moog-Grünewald
Programm
Montag, 26.09.05
9.30 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr 14.45 Uhr
16.00 Uhr
Eröffnung
Oliver Primavesi (München)
Erotik und Maieutik – Zur Metapher der männlichen Geist-Schwangerschaft in Platons „Symposion“ und „Theaitetos“
Manuel Baumbach (Zürich)
Poetische Ausdrucksformen erotischen Begehrens. Das platonische Liebesepigramm und seine
Rezeption in Antike und Renaissance
Joachim Küpper (Berlin)
Eros und Agape
Katharina Münchberg (Tübingen)
Eros im Mittelalter? Begehren und Erfüllung im höfischen Roman
Dienstag, 27.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
14.00 Uhr
504
Steffen Schneider (Tübingen)
Eros als Ermöglichungsgrund einer neuen Poesie
in Ariostos „Orlando Furioso“
Gerhard Regn (München)
Perottinos Taschentuch: ‚affetto‘ und ‚artificiosità‘
in Bembos „Asolani“
Bernhard Huss (München)
Der ‚eros academicus’ des Cinquecento: zwischen
hierarchischer Beladung und burlesker Entlastung
14.45 Uhr
16.00 Uhr
Susanne Gramatzki (Wuppertal)
Von Amor zu Eros – Die ästhetischsoteriologische Funktionalisierung der Liebe bei
Michelangelo Buonarroti
Maria Moog-Grünewald (Tübingen)
Leidenschaft und Überschreitung: Zum Verhältnis
von Ästhetik und Metaphysik in Giordano Brunos
„Eroici furori“
Mittwoch, 28.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Bettina Full (Bamberg)
„une ébauche lente à venir“ – Bildwerdung des
Eros und Formgebung der Lyrik in der französischen Renaissance
Franz Penzenstadler (Tübingen)
Eros und Ästhetik in Balzacs Sarrasine
Donnerstag, 29.09.05
9.00 Uhr
9.45 Uhr
Anke Kramer (Tübingen)
„Der große Zusammenhang der Dinge“ – Zur
Funktion des Eros in Fontanes „Stechlin“
Renate Schlesier (Berlin)
‘D’Éros et de la lutte contre Éros’ – Zur
Poetisierung von Freuds Trieblehre in Bretons
„Amour fou“
505
Abstracts
Oliver Primavesi (München)
Erotik und Maieutik – Zur Metapher der männlichen GeistSchwangerschaft in Platons „Symposion“ und „Theaitetos“
Das Motiv der männlichen Geist-Schwangerschaft schließt die
Rede der Diotima im Symposion mit der Hebammen-Passage des
Theaitetos zusammen. Doch im Symposion ist, wie die Lobrede des
Alkibiades zeigt, der große Liebhaber im spirituellen Sinne Sokrates
selbst: Er ist in fruchtbarer Weise schwanger, während der Schönheit des rezipierenden Knaben die Aufgabe zukommt, die Qual
der Wehen zu mildern. Im Theaitet hingegen übernimmt Sokrates
die Rolle der Geistes-Hebamme, und die wirkliche oder scheinbare Geistesschwangerschaft kommt dem Knaben zu. Zu fragen
ist nach den philosophischen Motiven dieser Neukonfiguration.
Manuel Baumbach (Zürich)
Poetische Ausdrucksformen erotischen Begehrens: Das platonische
Liebesepigramm und seine Rezeption in Antike und Renaissance
Liebesepigramme sind die einzigen dichterischen Zeugnisse Platons
und das nicht von ungefähr: Ungeachtet ihrer umstrittenen (aber
wahrscheinlichen) Authentizität markieren sie den Beginn einer
neuen Form des dichterischen Sprechens von bzw. über Eros. Sie
‚übersetzen‘ nicht nur Aspekte der platonischen Eroskonzeption
in Poesie, sondern sie geben Anstöße zu einer sich immer wieder
neu selbst entdeckenden und schaffenden Dichtung. Als eine Kette von kurzen, flüchtigen Momentaufnahmen der Suche nach
dem sinnlichen Eros werden die Epigramme zur Manifestation
des unerfüllbaren, ständig variierenden erotischen Begehrens
und der poetischen Möglichkeiten, es immer wieder neu und anders zu beschreiben. Die Rezeption der Epigramme in Antike
506
und Renaissance wird unter dem Aspekt der Ästhetisierung und
poetischen Bildwerdung dieses platonischen Eros vorgestellt.
Joachim Küpper (Berlin)
Eros und Agape
In Reaktion auf die im Prospekt/ Programm dieser Sektion beschriebene Leit-Hypothese soll in diesem Beitrag der Frage nachgegangen werden, inwieweit die in der okzidentalen Kunst festzustellende Nobilitierung des Materiellen bzw. seiner Darstellung
außer auf den neoplatonischen Grundlagen auch auf der christlichen Anschauung der Schöpfung und der Inkarnation ruht, d. h.
auf narrativen Figuren, die die Präsenz des Göttlichen in der Materialität postulieren. Letztlich geht es um die Frage, ob es eine christliche Ästhetik gibt (bzw. geben kann) sowie um das daran anschließende Problem des Verhältnisses einer solchen, ggf. existenten
christlichen zu einer platonisch-neoplatonischen Ästhetik.
Katharina Münchberg (Tübingen)
Eros im Mittelalter? Begehren und Erfüllung im höfischen Roman
Wenngleich die neuplatonische Eros-Konzeption als eine nicht unerhebliche Quelle des Amor-Ideals der Trobador-Lyrik gelten darf,
so bleibt doch die Frage offen, warum das Grundmuster des unendlichen (Liebes-)Begehrens im höfischen Roman offenbar irrelevant ist. Am Beispiel von Chrétien de Troyes soll gezeigt werden,
daß die Zusammengehörigkeit von Begehren und Erfüllung eine
prinzipiell neue Erfindung des höfischen Romans ist, die sich auch
über die christlich-religiösen und kulturell-höfischen Diskurse der
Zeit nicht restlos erklären läßt. Der höfische Roman macht den
erotischen Bann durch körperliche Schönheit zum Vorgriff auf
das Glück der erfüllten individuellen Liebe. Dabei werden neuplatonische, durch die christliche Theologie (Augustinus) transpor507
tierte Vorstellungen (Transzendierung des Materiellen) gelöscht,
um verschoben in einem ästhetischen Ideal der erfüllten Liebe zu
erscheinen, dem die auf narrative Einheit zielende Werkstruktur
des höfischen Romans korrespondiert. Diese Konstellation bildet
die Voraussetzung für die Reaktualisierung des Neuplatonismus in
den Romanen der frühen Neuzeit, die auch darum auf ‚Pluralität‘
zielen, weil die Balance von Begehren und Erfüllung selbst zum
unerfüllbaren Ideal geworden ist.
Steffen Schneider (Tübingen)
Eros als Ermöglichungsgrund einer neuen Poesie in Ariostos „Orlando
Furioso“
Wie bereits der Titel des Orlando Furioso andeutet, entfaltet das
Werk die Liebesthematik im Zusammenhang mit der Semantik
und der Symptomatik des Wahnsinns. Durch die Liebe geraten die
Helden „außer sich“, ohne doch in dieser Ekstase die Anwesenheit eines Transzendenten erfahren zu können; sie werden „blind“,
und in dieser Blindheit sind sie ihres Unterscheidungsvermögens
beraubt. In der Entstellung der Ekstasis zum pathologischen
Wahnsinn enthüllt sich aber mehr als nur die fehlende Einsicht
der Protagonisten, vielmehr korrespondiert der Liebesblindheit
die Opazität der Erscheinungswelt: Im Feld der Immanenz verliert sich die Unterscheidbarkeit wahrer und falscher Abbilder, woraus eine ungeheure Dynamisierung der Liebe hinsichtlich ihrer
möglichen Objekte und Äußerungen ebenso hervorgeht wie eine
Pluralisierung ihrer Deutungsmöglichkeiten. Dennoch erscheint
Eros im Orlando Furioso nicht nur als Agent dieser Tendenz zur
Immanentisierung und Pluralisierung, er stellt zugleich das Deutungsmuster dar, mit dessen Hilfe das Geschehen interpretiert und
in eine ästhetische Ordnung überführt wird. Weit davon entfernt,
mit dem Verlust an transzendenter Orientierung nur zu spielen,
erfindet Ariost im Zeichen des Eros eine Poesie, die ihre Verfahren
und ihre Struktur weniger aus der Referenz auf text- bzw. weltex508
terne Strukturen gewinnt als aus einer Reflexion des menschlichen
Geistes selbst, und die gerade dadurch einer neuen Wahrheit fähig
ist. Als ein sicheres Indiz hierfür kann auch das Bekenntnis der
Erzählers zu seinem eigenen Liebeswahnsinn angesehen werden:
Dieser ermöglicht es ihm allererst, in kongenialer Weise das Geschehen, von dem er berichten will, zu gestalten und über die Motive der Handelnden Rechenschaft zu geben.
Gerhard Regn (München)
Perottinos Taschentuch: ‘affetto’ und’artificiosità’ in Bembos ‘Asolani’
Die Asolani sind ein liebestheoretischer Dialog, der die Spannung
zwischen Repräsentierbarkeit der ‚affetti amorosi’ und ‚artificiosità’ der Repräsentation zum Gegenstand literarischer Inszenierung
macht.
Bernhard Huss (München)
Der ‚eros academicus’ des Cinquecento: zwischen hierarchischer Beladung
und burlesker Entlastung
Thema des Beitrags ist der Liebesdiskurs in den italienischen
Akademien des Cinquecento. Das zentral von Marsilio Ficinos
De amore bestimmte Liebeskonzept des Florentiner Renaissanceplatonismus situiert sich zwar unmittelbar vor dem Hintergrund
zeitgenössischer Dichtungspraxis und -theorie, installiert aber originär nicht die Konzeption einer autonomen (Liebes-)Dichtung,
sondern versucht vielmehr, die dichterische Rede von der Liebe
in ein strikt hierarchisch organisiertes, durch den Rekurs auf zentrale Philosopheme der platonischen Tradition autoritativ gefestigtes Weltmodell einzugliedern. Indem dieses Liebeskonzept
schon in der ernsthaften Liebestraktatistik des Cinquecento aus
diesem Autoritätsrahmen gelöst und selektiv reaktualisiert wird,
gerät es – zunächst unmerklich – zur Verfügungsmasse eines literarischen und metaliterarischen Diskurses, der sich (nicht zuletzt
509
angesichts der allmählich aufkommenden Rezeption der Aristotelischen Poetik) einer Ästhetisierung der Ficinianischen Liebeskonzeption verschreibt, die in letzter Instanz dieser Konzeption ihre
transmundane Dynamik abhanden kommen lässt. Verschärft wird
diese Tendenz durch die Konfrontation mit Autoritäten wie Petrarca und Dante, in die die dichtungsexegetischen Bemühungen
des akademischen Liebesdiskurses im 16. Jahrhundert den Ficinianismus bringen. Ihren Höhepunkt erreicht diese Entwicklung in
akademischen Texten, die eine gewagt-erotische Umkehrung von
Ficinos Theoremen vollziehen und hinsichtlich derer bislang völlig
ungeklärt ist, ob es sich hier um eine ‚konterdiskursive’ Zerschreibung oder eine in spielerischer Weise entlastende – und dadurch
letztlich zumindest sektoral wieder affirmierende – Umschreibung
jener einstmals mit dem Gestus umfassender Welterklärungsmacht
auftretenden Liebestheorie handelt.
Susanne Gramatzki (Wuppertal)
Von Amor zu Eros – Die ästhetisch-soteriologische Funktionalisierung der
Liebe bei Michelangelo Buonarroti
Im lyrischen Werk Michelangelo Buonarrotis (1475–1564) lassen
sich verschiedene, miteinander verschmelzende Liebesauffassungen aufweisen. Neben einer vor allem die ‚frühen’ Gedichte
prägenden amormythologischen Auffassung, die sich der Topoi und
Mythologeme des tradierten lyrischen Amordiskurses bedient,
lässt sich eine erosphilosophische Konzeption herausarbeiten, die die
Liebe neuplatonisch als eine die Immanenz transzendierende, den
Menschen zu seinem göttlichen Ursprung zurückführende Kraft
beschreibt. Die für den Neuplatonismus typische ,aisthetisierte‘
Auffassung des Menschen und seiner Verwandlung durch das erotische Begehren hat Michelangelo für die Subjektkonzeption seiner Rime fruchtbar gemacht und in einer Reihe von Gedichten zu
einem spezifisch ästhetischen Selbst-Entwurf konkretisiert. Was
Ficino idea bzw. forma nennt – das zu erreichende Ideal – ist bei
510
Michelangelo in den Begriff des concetto gefaßt, der seiner Verwirklichung harrt: Die neuplatonische Vorstellung von der generischen
Unvollkommenheit des Menschen hat Michelangelo in seinen Rime
zur individuellen Defizienz eines sich als fragmentarisch und erlösungsbedürftig präsentierenden Ich intensiviert, besonders sinnfällig in jenen Texten, in denen sich der Sprecher zum unvollendeten
Kunstwerk metaphorisiert.
In engem Zusammenhang mit diesen neuplatonisch inspirierten
Liebesgedichten stehen jene Texte Michelangelos, die den christlich-religiösen Aspekt stärker in den Vordergrund stellen und sich
als soteriologisch charakterisieren lassen: Im Unterschied zu den
eros-philosophischen Texten, die die Kontemplation insbesondere männlicher Schönheit fokussieren, evozieren sie eine weibliche,
marianisch konnotierte Erlöserfigur. Auch in dieser Werkgruppe
wird das Liebesbegehren als zunächst aisthetischer Prozess beschrieben (Wahrnehmung des Anderen und Affizierung durch
dieses Bild), der in einen ästhetischen Akt übergeht (Umformung
dieses Bildes gemäß dem in der Seele befindlichen Urbild), ohne
jedoch die ersehnte Synthesis tatsächlich verwirklichen zu können:
Diese ist in der Immanenz nur in statu nascendi darstellbar. Es lässt
sich schlussfolgern, dass die zahlreichen unvollendet gebliebenen
Gedichte und Kunstwerke Michelangelos einer modern anmutenden ‚negativen’ Ästhetik entspringen, die keine Einheit prätendiert, sondern versucht, Totalität im Fragment anschaulich werden
zu lassen.
Maria Moog-Grünewald (Tübingen)
Leidenschaft und Überschreitung: Zum Verhältnis von Ästhetik und
Metaphysik in Giordano Brunos „Eroici furori“
Giordano Brunos Degli Eroici furori sind Summa seiner ‚Dialoghi
italiani’. In äußerster ‚Verdichtung’ thematisieren sie (neu)platonische Philosopheme, die als immanent invertierte eine Textur
generieren, die den ‚furore eroico’ sprachlich-strukturell
511
‚nachzubilden’ intendiert, zugleich in der Figur des ‚eroe’ ein
Modell moderner Anthropologie konstituiert.
Bettina Full (Bamberg)
„une ébauche lente à venir“. Bildwerdung des Eros und Formgebung der
Lyrik in der französischen Renaissance
Charles Baudelaire hat sein Gedicht Une charogne, das zumeist als
signifikantes Beispiel für eine moderne Ästhetik des Hässlichen
gelesen wird, in den Kontext der Renaissancelyrik ge­stellt. Das
Gedicht reflektiert die Erarbeitung einer Form und Essenz, die
ihre Grundlage in sinnlicher Erotik und Vergänglichkeit, im amor
carnalis, und zugleich in der „décomposition“ der spiritualisierten,
neuplatonischen Liebe und ihrer Gestaltung in den rinascimentalen Amours-Zyklen hat. Im Zentrum des Gedichts, als dessen
mise en abyme, steht ein dem Vergessen unterworfenes Bild, das in
der frühneuzeitlichen lyrischen Tradition von Amor ausgefüllt ist.
Was dem Leser von Une charogne als nurmehr abstrakte Skizze, als
„ébauche“, bzw. als eine der transzendenten Verweisung entzogene
Anamnesisfigur in Erinnerung gerufen wird, sind jene sprachlichen
Verfahren, die es ermöglichen, Eros, verstanden als inneres Vorstellungsbild, als Potenz oder Denkform, im Text darzustellen. Die
Rückwirkung, die die jewei­lige Gestaltung dieser Figur auf die ontologische Valenz der sie gestaltenden Form, das Gedicht, gewinnt,
hat Baudelaire prägnant fokussiert: Der entworfene Inhalt blendet
zurück auf seinen Ursprung, das Entwerfen selbst. Dieses gründet – so der neuplatonische Diskurs – in einem transzendenten
Bereich, Idee oder furor, oder entkräftet diese Referenz des Sprechens im Gegenzug über das Bild, wie es im Text zur Erscheinung
kommt. Eine solche Selbstbestimmung der lyrischen Form über
die Bildwerdung des Eros möchte der Vortrag anhand ausgewählter Texte der französischen Renaissance diskutieren. Zu betrachten
ist dabei nicht nur das einzelne Gedicht, sondern auch der Bildentwurf, der sich über die Anlage ganzer Zyklen, so z.B. Pierre de
512
Ronsards Sonnets pour Hélène, erstreckt. Gefragt werden soll, wie
sich die Dichtung durch eine facettenreiche Figur der Anschauung
von den auf Transzendenz und fortschreitende Erkenntnis gerichteten Eros-Modellen des Neuplatonismus abgrenzt und dadurch
die ihr eigene Form und Essenz bestimmt.
Franz Penzenstadler (Tübingen)
Eros und Ästhetik in Balzacs Sarrasine
Dass Sarrasine heute zu den bekanntesten Erzählungen Balzacs
zählt, verdankt sie nicht zuletzt ihrer eingehenden Lektüre durch
Roland Barthes. Abgesehen davon, dass es Barthes dabei in erster
Linie um eine allgemeine Theorie typischer Sinnkonstitutionsverfahren des klassischen texte lisible und damit auch um ein kritisches
Hinterfragen realistischer Erzählverfahren geht, deutet er den Text
jedoch primär als Modellierung einer sexuellen Frustrationserfahrung und marginalisiert damit die von Balzac ins Zentrum autoreferentieller Reflexion gerückten ästhetischen Fragen nach dem
Verhältnis von erotischem Begehren und künstlerischer Produktion, produktiver Leidenschaft und autonomem Werk, Realität und
Idealität, Natur und Kunst.
Anke Kramer (Tübingen)
„Der große Zusammenhang der Dinge“ - Zur Funktion des Eros in
Fontanes „Stechlin“
(Abstract lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.)
Renate Schlesier (Berlin)
‘D’Éros et de la lutte contre Éros’ – Zur Poetisierung von Freuds Trieblehre
in Bretons „Amour fou“
Breton bekennt 1937 in L’Amour fou, dass eine Zeile aus Freuds
Aufsatz Das Ich und das Es von 1923 – „D’Éros et de la lutte contre Éros“ – ihn an manchen Tagen wie ein Gedichtvers „obsessiv
513
verfolgt“. Doch dies ist nicht die einzige Poetisierung von Freuds
Trieblehre, die Breton in seinem Manifest des Liebesfuror unternimmt. Zu den Modi von Bretons Poetisierung gehören möglicherweise weniger Verfahren der Dramatisierung und der Pathologisierung im Zeichen konvulsivischer Schönheit als vielmehr
Versuche programmatischer Mystifizierung, die in den Dienst
eines Ideals absoluter, einziger Liebe gestellt werden. Der Poesie
fällt dabei die Rolle einer „divinisation“ zu, die im Leben auf mysteriöse Weise durch den unbewusst, aber spirituell im konkreten
Detail antizipierten Zufall einer Liebesbegegnung real erfüllbar ist.
Im sich dabei ereignenden Liebesfuror, so die Botschaft, werden
Poesie und Leben „rekreiert“. Nach den neuplatonischen Implikationen dieser Lesart des psychoanalytischen Libidokonzepts wird
zu fragen sein.
514
Personenverzeichnis
A
Ackermann, Kathrin 323
Aichinger, Wolfram 328
Albers, Lina 182
Albert, Mechthild 446
Albrecht, Jörn 21
Amend-Söchting, Anne 430
Amian, Henrike 76
Amos, Thomas 465
Anselmi, Roberta 357
Arenas Olleta, Julio 228
Arnscheidt, Gero 329
Arntz, Reiner 31
Asholt, Wolfgang 441
Atayan, Vahram 22
B
Bachmann, Iris 234
Bagola, Beatrice 91
Bahmer, Claudia 297
Baldarelli, Beatrice 444
Bandau, Anja 375
Barbato, Marcello 113
Barjonet, Aurélie 486
Barrera-Vidal, Albert 459
Bauer, Elisabeth 272
Bauer-Funke, Cerstin 428
Baumbach, Manuel 506
Becker, Christina 75
Begenat-Neuschäfer, Anne 461
Behrens, Rudolf 238
Behrent, Sigrid 167
Benazzo, Sandra 159
Bender-Berland, Geneviève 83
Benincà, Paola 102
Berger, Günter 245
Berger, Verena 401
516
Bernini, Giuliano 157
Bernsen, Michael 429
Berressem, Hanjo 349
Betrán, Josep Maria 69
Bierbach, Mechtild 467
Bisanti, Tatiana 241
Blaikner-Hohenwart, Gabriele 26
Blaschke, Bernd 426
Böhmer, Heiner 84
Bombarde, Odile 444
Bonnesen, Matthias 175
Boria, Monica 469
Bosse, Monika 481
Brager, Virginie 376
Brandão de Carvalho, Joaquim 48
Buck, Anna-Sophia 337
Budach, Gabriele 169
Burdy, Philipp 115
Burkard, Thorsten 263
Buschmann, Albrecht 384
Bustos Tovar, José Jesus de 218
C
Caetano Popoff, Marcela 310
Calderón, Marietta 65, 185
Calinon, Anne-Sophie 139
Carrillo Zeiter, Katja 310
Charret, Marie-Aude 388
Chasle, Nathalie 47
Chico Rico, Francisco 23
Clamor, Annette 484
Costadura, Edoardo 337
Curtis, Robin 399
Czapla, Beate 255
D
D‘Alessandro, Roberta 203
Dalla Valle, Daniela 244
Danese, Francesca 81
517
Dauster, Judith 162
Delmeule, Jean-Christophe 360
Delon, Michel 435
Denzel de Tirado, Heidi 294
Deringer, Ludwig 398
Desmaret, Marie-Christine 358
Dickhaut, Kirsten 432
Dietrich, Wolf 153
Dietzel, Uwe 64, 85
Difour, Patrick 343
Dolle, Verena 306
Döring, Martin 70
Dufter, Andreas 122
Dünne, Jörg 483
Duvauchel, Marion 362
E
Eckardt, Regine 120
Edwards, Celina 160
Eigler, Ulrich 254
Einfalt, Michael 339
Emanuel, Oliver 472
Endruschat, Annette 231
Erdmann, Eva 240
Erfurt, Jürgen 400
Ertler, Klaus-Dieter 395, 413
Espagne, Michel 492
Eufe, Rembert 100
Extepare, Ricardo 193
F
Fajen, Robert 278
Falkert, Anika 141
Fazio, Debora de 80
Febel, Gisela 284
Feierstein, Liliana Ruth 474
Feierstein, Ricardo 475
Feig, Éva 72
Feldman, Lada Cale 246
518
Fendler, Ute 313
Fernández Alcaide, Marta 230
Fill, Alwin 321
Fischer, Carolin 435
Fischer, Susann 121
Fischer, Tanja 184
Föcking, Marc 260
Folliero-Metz, Grazia Dolores 323
Ford, Aníbal 182
Fortin, Jutta 326
Frank Kersch, Dorotea 151
Frings, Michael 87
Fuchs, Andreas 322
Full, Bettina 512
G
Gabaude, Florent 361
Gabriel, Christoph 196
Gaglia, Sascha 50
Galle, Roland 427
Gardani, Francesco 51
Gargiulo, Marco 243
Gaudino Fallegger, Livia 57
Gauger, Hans-Martin 225
Gerstenberg, Annette 72
Gévaudan, Paul 121
Geyer, Paul 443
Gil, Alberto 28
Gilzmer, Mechtild 317
Gimeno Ugalde, Esther 291
Goebl, Hans 98
Goldbach, Maria 119
Gomez Rendón, Jorge 147
González Vilbazo, Kay 209
Graeber, Wilhelm 410
Graf, Marga 355, 379
Gramatzki, Susanne 510
Greilich, Susanne 316
Greiner, Thorsten 275
Grewe, Andrea 248
519
Grimaldi, Lucia 205
Grinberg Pla, Valeria 380
Grohmann, Kleanthes 193
Grunewald, Michel 495
Gumbrecht, Hans Ulrich 181, 491
Guzmán, Martha 149
H
Haase, Martin 107
Haehnel, Gisela 484
Hafner, Jochen 225
Hagen, Robert 208
Hahn, Kurt 268
Halen, Pierre 314
Haller, Johann 26
Hartwig, Susanne 452
Harvey, Jessamy 469
Häseler, Jens 415
Haßler, Gerda 226
Hausmann, Frank-Rutger 490
Heinz, Matthias 114
Held, Gudrun 330
Helfrich, Uta 71
Helmich, Werner 445
Hempel, Karl Gerhard 27
Henschel, Christine 90
Herr, Peter 287
Hertrampf, Marina 470
Herzfeld, Anita 148
Hilal, André 110
Hinz, Manfred 366
Hinzelin, Marc-Olivier 101
Hörner, Fernand 347
Horton, Ian 463
Hudemann, Rainer 491
Huss, Bernhard 509
I
Iliescu, Maria 101
520
J
Jacobs, Helmut C. 413
Jacó Krug, Marcelo 152
Jamme, Christoph 440
Jost, François 287
Jungbluth, Konstanze 232
Jünke, Claudia 452
Jüttner, Siegfried 419
K
Kabatek, Johannes 227
Kailuweit, Rolf 58
Kaiser, Georg A. 56
Kalulli, Dalina 202
Karimi, Kian-Harald 346
Kerleroux, Françoise 44
Klaus, Peter 394
Kleber, Hermann 82
Kleinert, Susanne 451
Kleinhans, Martha 277
Klemm, Thomas 185
Klump, Andre 79
Koch, Peter 95
Koppenfels, Martin von 373
Kovashazy, Cécile 298
Kral, Pia 89
Kral, Sonja 449
Kramer, Anke 513
Kramer, Johannes 82
Kramer, Olaf 29
Krefeld, Thomas 221
Krüger, Reinhard 263
Kuch, Marlene 383
Kuhn, Julia 126
Kuhnle, Till R. 368
Kulessa, Rotraud von 425
Kullmann, Dorothea 479
Kunz, Marco 282
Kupisch, Tanja 173
521
Küster, Martin 402
L
Laferl, Christopher F. 324
Landvogt, Andrea 479
Lautenschlager, Erik 162
Lavric, Eva 166
Leinen, Frank 465
Leopold, Stephan 344
Leuker, Tobias 261
Lie, Nadia 307
Lieber, Maria 180
Lohse, Rolf 250
López, Luis 195
López Guil, Itzíar 281
Loporcaro, Michele 110
Lubello, Sergio 224
Lüdtke, Jens 39, 145
Lund, Cornelia 291
Lüsebrink, Hans-Jürgen 411
Lustig, Wolf 308
M
Malatrait, Solveig 258
Marri, Fabio 186
Matzat, Wolfgang 424
Mayer, Christoph Oliver 364
Mehltretter, Florian 260
Meisenburg, Trudel 45
Meter, Helmut 338
Michael, Joachim 312
Michaelis, Susanne 132
Milkovitch-Rioux, Catherine 376
Miller, Ann 464
Mongi, Mario 311
Monjour, Alf 412
Moog-Grünewald, Maria 511
Moritz, Rainer 181
Morris, Paul 396
522
Moser, Ursula 396
Moser-Kroiss, Judith 325
Müller, Christoph 408
Müller, Gernot Michael 255
Müller, Gesine 381
Müller, Jochen 183
Müller, Jürgen E. 400
Müller, Natascha 171
Müller, Olaf 340
Münch, Christian 150
N
Naba, Jean-Claude 316
Naglo, Kristian 86
Namer, Fiametta 41
Narr, Sabine 480
Necker, Heike 40
Neefs, Jacques 478
Neff, Birgit 249
Nehr, Harald 485
Neuhofer, Monika 378
Neumann, Florian 259
Neumann, Martin 430
Neumann-Holzschuh, Ingrid 99
Nies, Fritz 495
Nilsson, Gunnar 296
Nitsch, Wolfram 270
Nonnenmacher, Hartmut 468
O
Obergöker, Timo 390
Oesterreicher, Wulf 219
Ortiz Wallner, Alexandra 380
Ossenkop, Christina 66
Oster, Angela Leona 345
Oster-Stierle, Patricia 502
Ott, Christine 482
Otto, Véronique 457
523
P
Partzsch, Henriette 283
Paschen, Hans 280
Pavesio, Monica 247
Penello, Nicoletta 102
Penzenstadler, Franz 513
Penzkofer, Gerhard 269
Perdue, Clive 158
Personne, Cornelia 83
Petersilka, Corina 80
Petters, Enrico 180
Pfefferle, Stefan 163
Pillunat, Antje 171
Pinheiro, Teresa 296
Ploog, Katja 143
Pöckl, Wolfgang 32
Pohl, Burkhard 293
Poletto, Cecilia 197
Pomino, Natascha 212
Primavesi, Oliver 506
Proft, Sebastian 73
Pusch, Claus D. 131
R
Radatz, Hans-Ingo 130
Rainer, Franz 40
Ranieri, Filippo 500
Regn, Gerhard 509
Reinke, Kristin 138, 187
Remberger, Eva-Maria 191
Rescia, Laura 244
Ricca, Davide 105
Rimpau, Laetitia 450
Rings, Guido 457
Rinke, Esther 192
Rivoletti, Christian 264
Robert, Jörg 262
Romero Ferrer, Alberto 417
Rose, Dirk 336
524
Röseberg, Dorothee 494
Roßbach, Sabine 309
Rubenis, Stefanie 280
Russo, Michela 48, 85
S
Sacchelli, Oreste 290
Salvi, Giampaolo 118
Sautter, Daniela 247
Schaeffauer, Markus Klaus 308
Schäfer-Prieß, Barbara 33
Scharold, Irmgard 271
Scherer, Ludger 243
Schiwy, Freya 307
Schlesier, Renate 513
Schlüter, Renate 423
Schmelzer, Dagmar 354
Schmidt, Uwe 53
Schmidt-Riese, Roland 229
Schmitt, Christian 24
Schmitz, Katrin 169
Schneider, Herbert 497
Schneider, Ulrike 257
Scholler, Dietrich 350
Schomacher, Esther 238
Schowalter, Lutz 394
Schrader, Sabine 295
Schrader-Kniffki, Martina 152
Schreiber, Michael 34
Schütz, Susanne 473
Schwartz, Helmut 315
Schwarze, Christoph 38
Schwarze, Michael 441
Schweiger, Magdalena 400
Segler-Messner, Silke 442
Selig, Maria 97, 231
Sergo, Laura 24
Sieber, Cornelia 374
Siepe, Hans T. 492
Sinner, Carsten 63
525
Sistig, Jochen 461
Sobotta, Elissa 142
Sokol, Monika 127, 274
Solte-Gresser, Christiane 300
Stark, Elisabeth 133
Stefani-Meyer, Georgette 416
Stehl, Thomas 108
Steigerwald, Jörn 427
Steinkamp, Volker 409
Stierle, Karlheinz 494
Stockhorst, Stefanie 257
Stoefele, Dagmar 359
Stoll, André 482
Strasser, Alfred 362
Strickmann, Martin 493
Struckmeier, Volker 209
Struve, Karen 288
Suntrup, Elisabeth 386
Szlezak, Edit 141
T
Teschke, Henning 349
Thielemann, Werner 35
Thies, Sebastian 292
Thome, Gisela 24
Tietz, Manfred 407
Timm, Christian 221
Treskow, Isabella von 387
Trifone, Piero 242
Tröster-Mutz, Stefan 68
Trotter, David 96
Tschilschke, Christian von 385, 406
Türschmann, Jörg 286, 329
U
Ueckmann, Natascha 284
V
Vatter, Christoph 499
526
Veenstra, Tonjes 211
Veldre, Georgia 55
Vetter, Eva 69, 88
Villoing, Florence 41
Visser, Judith 67
Vogt-Spira, Gregor 256
Völker, Heidrun 213
W
Wagner, Birgit 434
Wagner,Christoph 30
Walter, Jacques 498
Wehr, Barbara 123
Wehrheim, Monika 305
Weiser, Jutta 433
Weißhaar, Angela 168
Weitzer, Karin 301
Wesselhöft, Christine 397
Wiedner, Saskia 365
Wienen, Ursula 33
Wieser, Doris 327
Wilhelm, Raymund 222
Windisch, Rudolf 233
Winter, Esme 128
Winter, Ulrich 447
Wirth, Christiane 68
Wisniewski, Katrin 186
Witthaus, Jan-Henrik 418
Wochele, Holger 89
Wodianka, Stephanie 447
Wortmann, Anke 299
Wurm, Andrea 22
Z
Zaiser, Rainer 431
Zangenfeind, Sabine 387
Zimmer, Tanja 147
527
Danksagung
Wir danken folgenden Institutionen für die Förderung und die
finanzielle Unterstützung der Tagung:
Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft des Saarlandes
Universität des Saarlandes
Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG
Italienisches Generalkonsulat München
ProSpanien (Programm für kulturelle Zusammenarbeit zwischen
dem spanischen Kulturministerium und deutschen Hochschulen)
Saarland Sporttoto GmbH
528
529

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